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Full text of "Die volksmedizinische Organotherapie und ihr Verhältnis zum Kultopfer"

MEMCAL ^€lnI©©L 




VON HOFFMANN 
ACCESSION 



Digitized by the Internet Archive 
in 2012 



http://archive.org/details/dievolksmediziniOOhfle 



DIE VOLKSMEDIZINISCHE 

ORGANOTHERAPIE 



UND 



IHR VERHÄLTNIS 
ZUM KULTOPFER 



VON 

M. [HÖFLER 

(BAD TÖLZ) 







STUTTGART, BERLIN, LEIPZIG 
UNION DEUTSCHE VERLAGSGESELLSCHAFT 



Nachdruck verboten. 

Alle Rechte, insbesondere das der Uebersetzung, 

vorbehalten. 



Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart. 



Inhaltsübersicht. 



Seite 

Einleitung 1 — 49 

I. Das Gehirn 49—153 

II. Die Leber 153—193 

III. Die Galle 193—229 

IV. Das Herz 230—262 

V. Die Milz 262-269 

VI. Die Lungen 269-277 

VII. Die Nieren . . . .' 277—279 

Zusammenstellung der mit Tierorganen behandelten Krank- 
heiten 279-291 

Literatur 291—294 

Register 295-305 



<M4# 




>ie moderne Organotherapie hat unter den Freunden der 
Medizingeschichte das Interesse an der volksmedizinischen 
Organotherapie wieder wachgerufen, d. h. an der Behandlung 
menschlicher Krankheiten durch einzelne Organteile der ver- 
schiedenen Tierkörper, wie sie in der Volksmedizin und zum Teil auch 
in der wissenschaftlichen Medizin früherer Zeiten ühlich war. Manche 
Forscher haben diese Behandlungsart als eine Art Yorausahnung der 
modernen Organotherapie angesehen; das ist aber sicher nicht der Fall, 
wie unsere Abhandlung lehren wird; letztere hat mit der volks- 
medizinischen Organotherapie nur die Korrelation der Organe gemein- 
sam, und diese auch nicht jedesmal in gleicher Analogie. 

Um diese Frage einigermaßen richtig beurteilen zu können, müssen 
die einzelnen Verwendungsarten tierischer Organe möglichst zahlreich 
gesammelt und auch die Organteile nach Krankheitsgruppen, bei wel- 
chen dieselben verwendet werden, gesichtet werden. Wir werden diese 
Gruppierung am Schlüsse unserer Abhandlung zahlenmäßig geben und 
damit den Beweis liefern, daß von einer gleichmäßigen Analogie, 
z. B. Lungenkrankheiten durch Tierlungen, Herzkrankheiten durch 
Tierherzen etc. zu behandeln, nicht die Rede sein kann. 

Diese Tatsache muß festgestellt und vorausgeschickt werden. 

Wie anders aber erklärt sich nun die Verwendung der tierischen 
Organe in der volksmedizinischen Behandlung von Menschenkrank- 
heiten ? 

Um dieser Frage nähertreten zu können, müssen wir ebenfalls 
vorausschicken, daß die Volksmedizin Deutschlands, und um diese han- 
delt es sich bei unserer Fragestellung hauptsächlich, von allen Kultur- 
perioden des deutschen Volkes in fort- oder rückschrittlicher Weise 
beeinflußt war. „Jede Kulturperiode hatte ihre Spuren hinterlassen, 
jedes ärztliche Schulsystem spukt in der Volksmedizin da und dort 
jetzt noch" (siehe Höfler, Volksmedizin, S. 5); auf alle diese Einflüsse 
muß Bücksicht genommen werden. Daß der Altmeister der wissen- 
schaftlichen Medizin, Hippokrates (geboren um 460 — 450 a. Chr. auf 
der Insel Kos, gestorben 877 oder 370 zu Larissa in Thessalien) zum 
Teil selbst auf altägyptischem Boden stand, und daß derselbe in der 
Therapie der inneren Krankheiten zum Teil volksmedizinischen Ver- 
ordnungen nicht entsagte, ist sichergestellt. Die Priestermedizin der 
Aegypter aber beruhte nicht mehr auf bloßem vagen Dämonen- oder 
Fetischglauben, sondern auf dem Glauben an wohlcharakterisierte 
Gottheiten von tierisch- menschlicher Bildung und an deren Hilfe in 
Krankheiten, welche letztere nach feststehendem überlieferten Kultus 
von gebildeten Priestern vermittelt wurde (Baas 29); wie weit die 
ägyptische Medizin von Babylon und von Indien aus beeinflußt war, 
werden spätere Generationen lehren. Die antike Medizin war ursprüng- 
lich auch Volksmedizin, und dieser kam gewiß ein hohes Alter zu. 

Höfler, Die volksmedizinisclie Organotherapie. 1 



2 Einleitung. 

Trotz dem regsten Interesse an der reinen Erfiihrung (jusipa) und trotz 
allen Anstrengungen in diesen Beziehungen war es selbst einem Hippo- 
krates und seiner Schule nicht gelungen, die Volksmedizin ganz von 
sich abzustreifen (Röscher 60, 219)- die Volksmedizin aber hing aufs 
engste mit der Religion und dem Kultverfahren zusammen. Die Auf- 
fassungen, welche Pythagoras und Plato als Philosophen in die ärzt- 
lichen Schulen hineintrugen, hatten ebenfalls auch auf die Volksmedizin 
ihren Einfluß; neben der wissenschafthchen, von diesen Philosophen 
beeinflußten Medizin floß andauernd ein Strom von uralter Volks- 
medizin einher, dem die große Masse des griechischen und römischen 
Volkes anhing. Daß Cato (234—149 a. Chr.), Plinius (1. Jahrh. 
p. Chr.) und Dioskurides (1. Jahrh. p. Chr.) aus ägyptischen Quellen 
schöpften, ist sicher; aus diesen drei Hauptwerken aber stammt ein 
guter Teil der deutschen Volksmedizin, der durch die Geistlichkeit 
diese römischen Quellen zugeleitet wurden. Daneben erhielt sich aber 
immer noch ein Rest von griechisch-ägyptischer Magie, deren Spuren 
man noch heute im sogen. Aberglauben nachweisen kann. 

Was die alt germanische Heilkunde anlangt, so hat diese 
in Bezug auf Organotherapie ebenfalls ihren Beitrag gegeben, aber 
nur in der primitiven AVeise, wie es eben dieser Zeitperiode ent- 
spricht. Daß die Alchimisten und Paracelsisten sich auch an der 
Verwertung von Tierorganen als Heilmittel beteiligten, namentlich 
durch Herstellung verschiedener Ehxire und Essenzen , ist selbst- 
verständlich. 

So bezog also die deutsche Volksmedizin aus ägyptischen, 
griechischen, römischen, jüdischen, arabischen Quellen ein großes Ma- 
terial, daneben aber bestand auch ein guter Teil einheimischer ür- 
medizin, die, wie bei allen primitiven Völkern, eine hauptsächlich anti- 
dämonische Therapie war. Zur Zeit, als Hippokrates die Bande, welche 
das ärztliche Handeln noch mit dem Kulte verbanden, abzustreifen be- 
müht war, war das germanische Volk noch fest am vorwiegend anti- 
dämonischen Heilverfahren haftend (Handbuch f. Geschichte der Medizin, 
V. Buschmann I, 459 ff".). Die dämonistische Nosologie verlangte aber 
stets vor jedem Heilverfahren die Versöhnung der die Ueberleben- 
den mit Krankheiten heimsuchenden, plagenden und quälenden Seelen - 
geister durch leckere und verlockende Opferspeisen, weiterhin die Aus- 
treibung dieser Dämonen durch noch mächtigeren Gegenzauber, durch 
die Gewalt der die Dämonen beherrschenden Gottheiten, durch Räuche- 
rungen etc. 

Diese im Rahmen des Seelen-, Geister-, Heroen-, Ahnen-, Götter- 
kultes vorgenommenen entsühnenden Handlungen hängen auch von der 
Zeit (Kultzeit), vom Kultorte, von dem Ritus ab in ihrem Erfolge. Das 
durch Versöhnung der übelgesinnten Seelengeister gesühnt-, gesund- 
machende Opfer (und seine Stellvertretungen) war auch eines der am 
längsten bewahrten Heilmittel. Je ausgebildeter nun das Opferkult- 
verfahren war, je zahlreicher die Opfer vermittler an die Gottheit und 
die Dämonen, d. h. die Priester und Magier waren, umso größer mußte 
auch bei den Wissenden und nach Wissen ringenden Aerztepriestern 
der Erfahrungsschatz werden. Da sich aber ursprünglich die Wünsche 
der Menschen, mittels der Gewalt der Seelengeister in den Besitz 
außergewöhnlicher übernatürlicher Kräfte zu gelangen, auch auf andere 



Einleitung. 3 

Ziele, nicht bloß auf Gesundheit und Fruchtbarkeit bezogen, so trennton 
sich Magier und Priester immer mehr; jene machten sich die Kräfte 
der Seelengeister (Toten, Verstorbenen, Ahnen, Heroen, Tiergötter, 
Totem, chthonische Götter, Leichen der ruhelosen oder unnatürlich 
verstorbenen Menschen, die Leichentiere, Aasvögel etc.) ^) botmäßig, 
diese mehr die Gewalt der himmlischen Gottheiten. 

So oft aber auch die Erfahrung der nach Wissen strebenden Heil- 
künstler die Nutzlosigkeit gewisser Heilmethoden kennen gelehrt hatte, 
so oft auch damit das denkende Volk in der Lage gewesen wäre, sich 
von den Banden des Dämonismus, mit denen das Kultverfahren stets 
verbunden war und ist, zu befreien, immer wieder griff der Volks- 
heilkünstler der früheren Kulturperioden zu den auf der Furcht vor 
der Strafe der rächenden Seelengeister beruhenden und übernommenen 
Opfermitteln zurück; da- und dorthin tastend, das Opfer wechselnd 
und die Laune der Geister versuchend, strebte er stets nach wirkhch 
helfenden Mitteln, ein Bestreben, das als roheste Empirie schon im 
Tierreiche zur Anlage gelangt ist (vergl. Dr. A. Bouchinet, Des etats 
primitifs de la medecine), immer aber überwog der Hang zum Wunder 
und Zauber den sich entAvickelnden Empirismus. Je dichter eine Sippe, 
ein Stamm, ein Volk wohnte, umso günstiger gestaltete sich die Summe 
der aus der Tcsipa, h^-nBipia, Einsicht gesammelten Beobachtungen, 
Vergleiche, Rückschlüsse und Erfahrungen. 

„Als eine Macht ging der Dämonenglaube durch Natur und Re- 
ligion. Die Natur war belebt von unendlich vielen geisterhaften Wesen, 
von Dämonen mit zauberkräftigen Mitteln, so daß der Mensch sich 
immer umlauert und belauscht glaubte, wie ein Kind, das die schweig- 
same Waldnacht umgibt" (Strunz). 

Die Dämonen aber, die Seelengeister lechzten nach neuem Leben, 
nach Milch und Blut. Dieser Blutdurst ist den chthonischen Wesen 
eigen-, rohes warmes Blut mit den Seelengeistern mitzugenießen, diese 
Communio oder kommuniale Omophagie war eines der ältesten Mittel, 
um die übernatürhchen Seelengeisterkräfte zu gewinnen •, blutige Opfer 
an die die Dämonen beherrschenden Gottheiten und an die Dämonen 
selbst verschafften die Möglichkeit, auch die von Dämonen gebrachten 
Krankheiten zu heilen. Die Versöhnung der dämonischen Wesen mit .Ver- 
richtigen, durch den Ritus ausgebildeten Opfergaben war eine der ^^ d™^ 
Vorbedingungen bei den ersten Heilversuchen*, weiterhin trat hinzu 
das Bestreben, durch Einverleibung der Gottheit selbst (Theophagie) 
sich in den Besitz der Gottheitskräfte zu setzen; die tiergestaltigen 
Gottheiten, die Gestalten der verstorbenen Ahnen und Seelengeister, 
wurden zum Heilmittel durch den Genuß des heißen Blutes, des rohen 
Fleisches und der Organe dieser Tiere; letzterer Genuß wurde aber 
auch zum Mittel, um des Menschen Wesen in das Wesen solcher 
Tiere zu verwandeln (Kynanthropie, Lykanthropie, Tigroanthropie etc.). 

So ist das lebende Menschen- und Tieropfer , der Genuß von 
Menschen- und Tierblut, von Seelensitzorganen, der Genuß von Tier- 



Dämoneu. 



^) Alles, was mit dem Tode zusammenhing, war gleichsam tabu; beim Opfer an 
die Gottheit mußte man sich vorher von dieser Berührung gereinigt haben, ,,xal uä? 
oc. lav a']/YjTai lnl TrpoaojTioo xoö tzboIoo xpaDjjtaxioo y] vsxpoö r; oaxsoD äv^poiKivoo yj 
IxvYiiJLaxot; eizxa Y]}ji£pa<; avcdö-ocpxo? ?axü)" nach dem attischen Gresetze (Arch. f. R. W. 
X, 1907, 411). 



4 Einleitung. 

teilen, von Seelenspeisen, Kultbroten ein Heilmittel des Menschen ge- 
worden. 

Wir wollen gleich bei letzterem Materiale , den sogen. Heil- 
broten, bleiben, um einen der Wege kennen zu lernen, auf welchen 
der ehemalige Heilkünstler die vom Grolle der Seelen vergangener 
Geschlechter, der unterirdischen (chthonischen) Geister veranlaßten 
Krankheiten oder gar die in den Körper des Lebenden wurmartig 
eingedrungenen Dämonen selbst zu vertreiben suchte (Rohde ^ H, 76). 
Diese Reinigung von dem Grolle und Zorne der Geister war eine mit 
Reinigungs- und Entsühnungsopfern verbundene priesterärztliche Hand- 
lung. Die chthonischen Wesen waren es ausschließlich, welche Sühne- 
opfer zur Versöhnung ihres Grolles erhielten (Rohde 1. c. I, 273); die 
einfachsten und ältesten Sühneopfer ^) aber sind die vegetabilischen 
Speisen, aus denen sich die Heilbrote entwickelten. Die Griechen be- 
zeichneten solche Opferbrote als 7ü£[i[iaTa = „panes quibus animi mor- 
tuorum eliciuntur; mortuorum cibus, quo commeso vires vitamque re- 
cipiunt" (Heliodorus) (Fahz 115, 167); durch die Seelenspeise der nach 
neuem Leben, frischem Blute dürstenden Geister sollten diese versöhnt, 
der Kranke entsühnt werden; namentlich in gewissen Seelenschwärm- 
zeiten (Neujahr, Sonnenwende etc.) oder Kultzeiten war der Mitgenuß 
an den den Seelen vorgesetzten Seelenspeisen eine prophylaktische, 
Fruchtbarkeit und Gesundheit in der Zukunft erhaltende Kulthandlung, 
eine Communio mit der Geisterwelt, die dann dem Menschen geboten 
war, wenn die letztere ihm am nächsten war in gewissen Zeiten des 
Jahres, oder wenn die Geister „berufen" worden waren '^). Das Volk 
dachte sich beim Seelenkulte die Geister der verstorbenen Sippen- 
genossen, Ahnen, Heroen und auch die chthonischen Gottheiten ^) am 
Mahle der Sippen anteilnehmend (Communio) und damit die Seelen- 
speisen als Vermittler übernatürlicher Heilkräfte. 

Am lehrreichsten ist diesbezüghch der von R. Wünsch (Arch. f. 
R. W. VII, 115) beschriebene Opferritus in den Asklepiadeien der 
Griechen, woselbst die Kranken von den dem schlangengestaltigen 
Heilgotte geopferten Heilbroten einen Teil zum Mitgenusse erhielten, 
von dem sich dieselben besondere Segenswirkungen versprachen. Die 
von den gläubigen Kranken dem Heilgotte geweihten Brote brachten 
die Priesterärzte wieder als Heilbrote zur Verteilung. Wie die Heil- 
brote sich allmählich wieder vom Tempel oder dem Kultorte trennten 
und nur durch Kultzeit und Gebildart mit dem Kulte in Verbindung 
blieben, so wurden auch die animalischen Opferspeisen vom Volks- 
mediziner als Heilmittel, deren Mitgenuß mit der Gottheit ehemals 
zum Segen gereichte, weiter benützt in stiller Heimlichkeit; nur hat 
sich gerade bei der Krankenheilung das mit dem ursprünglichen Seelen- 



^) Daß die feuerlos vermittelten Speiseoi^fer (Brei, Grütze, Brot, Früchte etc.) 
als die ältesten in der antiken üeberlieferung galten, nimmt auch Furtwängler 
an. Die Zugabe von Gerstenmehl und sonstigen Vegetabilien erhöhte auch den 
"Wert der Tieropfer bei den Juden (Movers, Opferwesen 69). 

2) Vergl. Gebildbrote der Allerseelenzeit, Z. f. Oe. V. K. XIII, 1907, H. 3. 
Gebildbrote bei Sterbefällen, A. f. Anthropol. 1907, VI, S. 91. Neujahrsgebäcke 
in Z. f. Oe. V. K. 1903, S. 85. 

^) Vergl. den Jupiter Dapalis, der bei den Dapes von den Römern mit den 
"Worten zum Mahle geladen wurde : „Jupiter dapalis, macte istace dape pollucenda 
esto! Macte vino inferio esto!" (Cato, De re rustica c. 132.) 



Eiüleitung. 5 

kulte in Verbindung stehende Verfahren des Ritus länger erhalten, 
während beim Gottheitsopfer das Rituale eine weitere Ausbildung in 
anderer Richtung erfuhr. Die Communio mit den chthonischen Mächten 
scheute die Mehrzahl der Menschen, die mit den himmlischen Mächten 
aber ersehnte sich dieselbe; mittels jener suchte vor allem der Magier 
zu wirken, der sich durch die Gunst der Seelengeister zauberhafte Heil- 
kräfte erwerben wollte, wie der koptische Mönch und der Wildschütz 
in den bayerischen Bergen mit der Abendmahlhostie. Dieses Bündnis 
mit den unterirdischen Mächten galt aber auch als gefährlich. 

Die Seelengeister waren nicht nur verderbenbringend, durch Krank- 
heiten, namentHch durch Alpqual, belästigend und plagend, sondern 
auch glückliche, gute Geister, welche auch vor allem Segen und Frucht- 
barkeit, Liebesglück und Gesundheit, Sicherheit vor Seuchen und fieber- 
haften Krankheiten gewährten als Gegenleistung für ihre Speisung, 
die mit der Zeit auch eine animalische wurde, d. h. eine mit dem 
blutigen Opfer eines Tieres verbundene Seelenfütterung ^). 

Die nach neuem Leben, frischem Blute lechzenden Seelengeister Communio 
(x'^psc; = (|jo)(at) erhielten auch das Blut des Menschen , des Haus- ^eeien^ 
tieres, die Seelensitzorgane dieser-, Teile derselben konnten durch den geistern. 
Mit gen uß des Menschen diesem zum Heilmittel werden; später 
getrennt vom Kultboden, fristeten solche Mittel dann in der Volks- 
medizin ihre Existenz fort: ja, einzelne Mittel leiten sich durch den 
Analogieschluß von dieser Seelenfütterung ab; so das Balneum 
an i male, durch welches sogen. Wampenbad im lebenswarmen Leibe 
des eben geschlachteten Tieres die leblosen, gelähmten Glieder neue 
Lebenswärme erhalten sollten; oder man suchte den Krankheitsdämon, 
der in einem bestimmten Körperteile saß, durch vorgesetzte Lieblings- 
speisen (Honig, Früchte, Gebäck, Eier, Huhn etc.) aus diesem heraus- 
zulocken und ihn zur Rückkehr an seinen Ort zu veranlassen (vergl. 
Arch. f. R. W. IX, 273). 

Das Sippenmahl zu Ehren der Toten wurde mit der Zeit zu einer 
symbolischen Spende der Seelenspeise auf dem Glückstische. Das 
„schlachtige Stuck" Fleisch, das der Tiroler Bauer seinem Nachbarn 
auf Neujahr zuschickt, ist der glückbringende Anteil der Sippe am 
Seelenmahle in der Zeit der Jahreswende, in der für kurze Zeit die 
Seelen der Verstorbenen ihre lebenden Genossen heimsuchen; das ab- 
geschlagene Stück des ganzen Opfertieres (la z6\Liy. seil, tspa), der Teil 
entspricht dem ganzen Sippenmahle; als vegetabilische Speise wird 
diese Anteilnahme durch das in Teile (Zeilen, Schichten, Reihen) ab- 
geteilte Seelenbrot ^) symbolisiert; anderseits wurde durch die Vereini- 
gung des vegetabilischen Opfermateriales mit den Teilen des anima- 
lischen Opfers eine andere Art von Opferkuchen entwickelt, welche 
als Heilgerichte (Blutkuchen, Leberkuchen, Milzkuchen, Hirnkuchen etc.) 
noch heute sich erhalten haben ^). 

Jeder Anteilnehmer am Seelenmahle sicherte sich für das kommende 



^) Die clithonische Göttin Hekate wird direkt als aiiioKÖx'.q (bluttrinkend) an- 
geredet, ebenso als v.apS'.oSa'.xs (herz fressend), oapxo'f (/•(■£ (= fleischverzehrend), 
acopoßops (= Unzeitiges, ungeborene Früchte s. u. S. 7 fressend). 

2) Siehe Gebäcke des Allerseelentages in Z. f. Oe. V. K. XIII, 1907, S. 65. 

^) Ueber die Verwendung von Heilkräutern zu den Opferspeisen werden wir 
noch unten näher sprechen. 



(3 Einleitung. 

Jahr auch das Glück seiner Sippe in leibKcher Gesundheit, deren 
Seuchensicherheit und Fruchtbarkeit; vorher aber mußten die Seelen- 
geister ihren Anteil erhalten haben; nur dann, wenn diese mitzehrten, 
war das übrigbleibende Gericht (Opfer) ein Heilmittel, das Erfolg ver- 
sprach; unberührt lagen diese Glücksschaubrote während einer ge- 
wissen Zeit (Nacht) auf dem Glückstische; dann erst, also nüchtern 
(nocturnus) konnte der lebende Sippengenosse des Segens durch den 
Genuß sich sicher wissen. Dieses feste Sichbinden an die Enthaltung 
von der zuerst den Seelengeistern vorgesetzten Opferspeise an fest- 
gesetzten (Fasten-) Tagen (hohe Zeiten, Dies fasti) war eine Bedin- 
gung für die Opferhandlung auch zu Heilzwecken. Wenn der Küster 
im Asklepieion auf Kos, dem Geburtsorte des Hippokrates, den opfernden 
kranken Frauen einen Teil des Opferkuchens [tzbXolvöq), der mit Mohn 
bestreut \) und mit Honig begossen war, zurückgab, so war dieses ab- 
gebrochene Stück ebenfalls eine symbolische Communio an der Gott- 
heitsspeise; denn mit solchen Honigkuchen besänftigte man die Schlangen- 
gottheit im Asklepiostempel; allmählich wurde der Opferkuchen eine 
durch die Alltäglichkeit erklärbare Nebensache, die ablösende Geld- 
spende aber die Hauptsache (Arch. f. R. W. X, 205). 

Bei den Totenopfern der Griechen wurde das Blut der geschlach- 
teten Tiere, die Seele derselben , den begrabenen Toten zum Genüsse 
in das Grab hineingegossen, der Tierleib meist zum Teil -(als Holo- 
kauston -) aber ganz) verbrannt, zum Teil von den Ueberlebenden ver- 
zehrt (Stengel 374). Mit der Zeit traten an Stelle dieser blutig ge- 
opferten Tiere auch substituierende Gebildbrote „jueixiiaia bIq Ctpwv 
•xoryfac; TSTUTTioixsva" (Stengel 371), die im griechischen Opferritus ebenso 
zu Heilbroten werden konnten , wie die kümmerhchen Substitute der 
Seelensitzorgane auch zu Heilmitteln wurden. Die Yerzehrung der 
in Teig hergestellten Gottheitsbilder (Vitzliputzli z. B. s. Frazer, The 
golden bough H, 337 — 340), diese Theophagie war eine Inkorporation 
der Gottheit selbst ; die Kranken in Mexiko verzehrten die Organteile 
aus Teig mit so großer Ehrfurcht und Verehrung, als ob sie wirkhch 
Fleisch und Blut des Gottes äßen. Ein altertümhcher Zug ist es 
sicher auch, wenn beim Staatskulte des Heilgottes Apollo Menschen 
geopfert wurden, während im häuslichen Privatkulte bloß Opferkuchen 
dargebracht wurden (Nilsson 106). 
Liebes- Ueberhaupt dürfen wir annehmen, daß in dem häuslichen privaten 

Opferkulte die Keime zur Aus- und Entartung des ursprüngHchen, 
auch beim Heilzauber üblichen Ritus lagen. Der Ritus in griechischer 
Magie, welche zu Heilzwecken geübt wurde, hatte ebenso seinen Ur- 
sprung in dem Opfer an die unterirdischen Seelengeister wie die 
griechische Magia amatoria, über welche wir durch die Arbeiten von 
Dieterich (Abraxas) und Fahz neue Aufschlüsse erhielten. Vegetative 
Fruchtbarkeit und menschliche Fruchtbarkeit stehen als gleiche Volks- 
vorstellungen in Sympathie zueinander; Liebes- und Schönheitsmittel 
sind auch der Fruchtbarkeit dienende, vom weiblichen Geschlechte be- 



zauber. 



^) Vergl. die gr. Enthalamia , kleine Mohnbrötchen , welche in den Toten- 
kammern als Seelenbrötchen zu magischen Zwecken aufgelegt wurden. 

2) Auch die Verbrennung des ganzen Opfertieres geschah nur an vorher 
geschlachteten Tieren; das Blutvergießen mußte voraufgegangen sein; d. h. das 
Blutopfer ist älter als das ßrandopfer (Stengel 366). 



Einleitung-, 7 

vorzugte und gesuchte Mittel. AVenn beim griechischen Lieheszauber 
die Verwendung von Tieren und tierischen (3rganen als Seelenspeise 
sehr zurücktritt gegenüber dem lläucherungsritus und wenn nament- 
lich die billigeren pflanzlichen Mittel (Giftkräuter, tierische Gifte) in 
den Vordergrund treten, so ist dies ein Beweis der allmählichen Aus- 
artung und der späteren Empirie^ aber auch hierbei ist die Verwendung 
solcher Mittel aus der Sphäre der tierischen Organe, die zu erreichen 
allerdings dem einzelnen schwerer fiel als jene aus der Pflanzenwelt, 
nicht ausgeschlossen. Es stimmen überhaupt gerade die magischen 
Riten beim Liebes-, Fruchtbarkeits- und Heilzauber so vielfach über- 
ein, daß beide nur aus einer Quelle, aus der Versöhnung der Seelen- 
geister durch Opfer gaben — magice sacrificiorum usus, Plinius h. n. 
XXVIII, 50 — stammen können. Die durch Opfergaben versöhnten 
Geister vermittelten Liebesglück und Fruchtbarkeitssegen; sie hatten, 
wie schon erwähnt, nicht bloß eine schreckenerregende und verderben- 
bringende Seite, sondern auch eine wohltätige, belebende und segen- 
bringende Wunderkraft. Wenn nun solche unterirdische Mächte ihre 
Verehrung durch die Hausgenossen erfuhren, so war auch der Aus- 
artung des Opferritus bei Heil- und Liebeszauberzwecken Tür und Tor 
geöffnet. Wir sehen aber beim Heilzauber wie beim Liebeszauber 
die Berufung der Geister, die Besprechung mit raunenden Formeln, 
Bannworten, die Verbrennung der Opfertiere und Tierorgane mit Weih- 
rauch und anderem Räucherwerke (Räucherkräuter, Berufskräuter, 
Hexenkräuter, Altarblumen) die Stellvertretung des Menschen- und 
Tieropfers durch Gebilde aus Teig, die Verwendung von Menschen- 
und Tierblut, männlicher, schwarzer Tiere, der Knochenasche, des 
Knabenhirns, der Kinderleber, des Menschenherzens, der Hühnereier, 
der Leichen ungeborener, d. h. ausgeschnittener Kinder oder Kälber, 
die Speiseopfer, die Brotbrechung (fractio panis^), afjiozXaaia), die 
Brotbesegnung ^) , die Fenchel- und Lorbeerbrote , die Milch- und 
Honigmischung etc. , man verwendete die Dämonenbedrohung beim 
Heilzauber wie beim Liebeszauber, man berief die Geister wie die 
Götter zum Liebesmahle (communio) beim Liebes- und Heilzauber — 
„elici deos et conloqui" (Plinius h. n. XXVIII, 27) — , man band 
den Dämon im Körper des Kranken wie den, der Gegenliebe erzeugen 
sollte. Die Geister der Verstorbenen, namentlich die ruhelosen Geister 
der durch gewaltsame Todesart aus dem Leben Geschiedenen, wurden 
durch verlockende Speisen zum gemeinsamen Sippschaftsmahle (durch 
7 [!] Brotbrocken symbolisiert) „berufen". Die „Agoge" des Liebe- 
zauberers und die Agoge des Heilkünstlers war dieselbe bei den 
griechischen Magiern; Manes, Hekate mit ihren Seelenhunden, Mer- 
kurios chthonios, Chaos, Styx, Cerberus etc. wurden herbeigerufen, um 
durch Versöhnung mit den von der Sippe (oder dem einzelnen) dar- 
gebrachten Speisen günstig gestimmt, versöhnt zu werden. Die Praxis 
sympathike spielt die gleiche Rolle beim Liebeszauber und beim Heil- 
zauber (s. Abraxas 160) ; es findet sich die gleiche Ausartung des Ritus beim 
persönlichen Zwecke, während bei den Volksseuchen und bei Völkerver- 



^) Vergl. Wilpert, Fractio panis. Fahz 167. Binterim II, 2. 
^) Nach Lucian (dialog. mer. IV, 5) war panis oder Seelenbrot der [itsO-o; 
TYj; |j.aY£ia<;, der Lohn für die Ueberlassung magischer Kräfte (Fahz 115, 167). 



8 Einleitung'. 

brüderungen blutige Menschenopfer, Königsopfer, Blutvergießen tat- 
sächlich oder nur symbohsch sich forterhielten. Als im Christentum 
der Teufel alle die unterirdischen Mächte des hellenisch-jüdischen 
Heidentums verdrängt hatte, erhielt sich doch der Yerbrüderungsbund 
auch mit diesem Höllenfürsten im abergläubischen Heil- und Liebes- 
Communio zauber. Die Anteilnahme am Seelenmahle, die Kommunion mit der 
'^phagie!^ Gottheit durch den Mitgenuß an der Gottheitspeise machte auch die 
Teile derselben, selbst die Asche, zum Liebes- und Heilmittel, wobei 
die Wünsche des Betreffenden durch Sympathie oder Symbolismus zum 
Ausdrucke gelangten, bis nur mehr übertriebenster Symbolismus zurück- 
blieb; die Sympathie übernahm besonders beim Liebeszauber die ge- 
heimnisvolle Rolle, während beim Heilzauber oft genug noch die Be- 
ziehungen zum Opferkultritus aufgenommen wurden (Kultzeit, Kult- 
ort etc.), wenn auch in einer den betreffenden Zeitperioden angepaßten 
Weise. So sehen wir also zwei Wege, die das tierische Organ als 
Heilmittel mit dem Seelen- oder Gottheitskulte verbinden, die Kom- 
munion mit den Seelen oder chthonischen Gottheiten durch die Anteil- 
nahme am Tieropfergenusse; anderseits die Theophagie oder das Ver- 
zehren der Tiergottheit selbst oder der Organteile einer Gottheit in 
Tiergestalt oder eines der Gottheit oder den Seelen gleichgesetzten 
chthonischen Tieres. Beide AVege vereinigten mit der Gottheit und 
mit den Seelengeistern. Der Unterschied nun zwischen der theur- 
gischen Therapie der Priesterärzte und der Behandlung durch den 
Magier oder Zauberer bestand nur in der Oeffenthchkeit des Ver- 
fahrens; während die Priester öffentlich ex officio die Gottheiten mit 
Opferspeisen versöhnten, deren Mitgenuß den übrigen Menschen zur 
höchsten Ehre und zum hilfereichen Segen gereichte — Gottheiten, 
die sich entweder aus chthonischen Wesen zu olympischen entwickelt 
hatten oder die aus olympischen Gestalten zu chthonischen Göttern 
degradiert wurden — suchten die Magier im geheimen mit Hilfe der 
chthonischen Gottheiten, der Seelengeister, der Seelen tiere, der Leichen- 
teile von unruhigen Seelen, der Tierorgane, welche als Seelensitze 
galten, oder welche mit menschlichen Leichenteilen in Verbindung ge- 
bracht worden waren — „carnes caprinae in rogo hominis tostae, ut 
volunt Magi", Plinius (h. n. XXVIII, 63) — oder die sich von mensch- 
lichen Leichen ernährten, der nekromantischen Tiere, und der Toten- 
speisen ihre Zwecke zu erreichen; alles aber, was mit dem Toten, 
mit der menschlichen Leiche Beziehung hatte, war gefürchtet und mit 
Schrecken aufgenommen, verabscheut; die Magie hatte etwas Geheim- 
nisvolles und Schreckliches, aber auch den Reiz des übernatürlichen 
Wunders; die Magie wurde nur heimlich von gewissen Leuten aus- 
geübt, während der Arztpriester oder Heilpriester eine öffentliche 
Ehrenstellung einnahm und nur mit den offiziellen Gottheiten verkehrte. 
Diese aus der griechisch-römischen Kulturgeschichte entnommenen 
Grundzüge des Seelenkultes, soweit sie sich auf Volksmedizin beziehen, 
mußten voraufgeschickt werden, um die im germanischen Volksbrauche 
sich findenden folkloristischen Beziehungen der Volksmedizin Deutsch- 
lands zum Opferkulte richtig einschätzen zu können. Wir kennen ja 
das Detail des germanischen Opferkultus nicht so genau, wie das der 
klassischen Völker; aber aus den spärlichen Literaturquellen und noch 
mehr aus den volkskundlichen Beiträgen läßt sich ein nahezu immer 



Einleitung. 9 i 

wertvolles und brauchbares Material zur Rekonstruktion desselben ent- 
nehmen, wobei wir immer wieder betonen müssen, daß auch die griechi- 
sche Heilkunde sehr vieles aus der ägyptischen Priestermedizin ent- 
nommen hatte. 

Die Reste des germanischen Opferkultes hat U. Jahn (Die Germani- 
deutschen Opfergebräuche, 1884) aus verschiedenen Quellen zusammen- q^)^^, 
gestellt. Golther (Handbuch der germanischen Mythologie, 509) hat wesen. 
das Resultat dieser Arbeit größtenteils als richtig verwertbares lite- 
rarisches Material in sein Handbuch aufgenommen. Wenn wir diesen 
beiden Forschern folgen und die neueren Fundquellen noch hinzu- 
fügen, so kommen wir in Bezug auf den germanischen Opferkult zu 
folgenden Hauptmomenten. 

Mit der Einführung des regelmäßigen Ackerbaus und der Vieh- 
zucht trat an Stelle der ursprünglichen Menschenopfer immer häufiger 
das unschuldigere Tieropfer, dessen Gebrauch bis auf unsere Tage an- 
dauerte; wenn es auch nicht mehr blutig dargebracht wurde, so mußte 
es doch immer noch ein „lebendes" Opfertier sein. Die Teile dieses 
Opfertieres galten als Heilmittel, wenn dasselbe zur richtigen Kultzeit 
geopfert worden war. Die Reste der festlichen Sippschaftsmahle 
(Knochen, Eierschalen etc.) werden noch heute als Fruchtbarkeits- 
mittel verwendet und dienen, auf die Felder ausgestreut oder sonst 
aufbewahrt, als Yorbeugungsmittel gegen Saatenfraß, Menschen- und 
Viehseuchen (Fieber) noch unter unseren eigenen Augen. 

Solche Volksmittel allgemeiner Natur sind nun viel häufiger in 
der älteren Literatur bezeugt als die Verwendung privater Heilmittel 
aus der Tiersphäre. Die deutsche bezw. germanische Volksmedizin, 
die neben der Kloster- und ärztlichen Schulmedizin ihre eigenen Wege 
ging, wenn sie auch von letzteren Quellen, wie wir sehen werden, im 
Laufe der Zeit vieles in sich aufgenommen hatte, blieb doch in den 
an die heidnisch-germanischen Kulturzustände sich anschließenden 
Perioden der Geschichte ein geheimes, vor dem Einblicke der schrift- 
kundigen Klostermönche behütetes, vom Zaubernimbus umgebenes 
Spezialgebiet einzelner Volksheilkünstler, in dessen Sonderexistenz sich 
von dem Felsen der Kulttherapie immer mehr Trümmer ablösten; aus 
diesen auf dem weiten Felde der heutigen Volksmedizin zerstreuten 
Findlingen muß erst wieder der ältere Block zusammengefügt werden, 
wobei uns die Erfahrungen und Lehren der Mythologie, Altertums- 
und Volkskunde als Leit- und Richtschnur dienen müssen. Das 
einzelne Steinchen für sich genommen hätte — ganz wenige Fälle 
ausgenommen — sehr geringen Wert, wohl aber ist der aus der 
Gesamtheit der gesammelten und zusammengefügten Findlinge ausge- 
führte schließliche Aufbau doch so analog den übrigen nachweisbaren 
Objekten der Kulturgeschichte und Mythologie, daß wir auf die Ge- 
meinsamkeit ihres Ursprungs mit einer relativen Sicherheit schließen 
können, lieber den einzelnen Fundstücken wuchert allerdings oft die 
üppig gewachsene Rasendecke von römisch-griechischer Klostergelehr- 
samkeit, die auch aus Judentum, Aegypten und Babylonien ihre Be- 
zugsquellen hatte ; auch mittelalterliche Chemie und Schulmedizin fügten 
ihre Beiträge hinzu; groß genug aber ist immerhin trotz aller Sorg- 
falt beim Zusammenlesen der einzelnen Bruchstücke der zurückbleibende 
Trümmerhaufen unentwirrbaren sogen. Aberglaubens, welcher umso 



10 



Einleitung. 



schwerer zu deuten ist, als ganz verschiedene, vielleicht auch bis jetzt 
ganz mißverstandene Fragmente des Orients darunter sich befinden. 
„Von den Zeiten an, da die ägyptische Organ therapie von den griechi- 
schen Aerzten übernommen wurde, hat es keine Periode in der Ge- 
schichte der Medizin gegeben, in welcher die Organtherapie gänzlich 
erloschen wäre" (Hopf). Es wäre aber Irrtum, wollte man annehmen, 
die ganze Organtherapie wäre nur aus orientalischer Quelle geflossen; 
sie findet sich bei ganz verschiedenen Völkern, die mit ägyptischer 
Kultur niemals in Berührung gekommen waren; auch in der deut- 

Fig. 1. Fig. 2. 




lAus Fiirtwäuglevs Antike Gemmen 

II, 6. 

Sklavenopfer am Grabe des Herren. 

Der Opfernde berührt mit der rechten 

Hand das Haupt des Opfers, während 

I die Linke ein Schwert hält. 




Aus Furtwänglers Antike Gemmen 
XXV, 7. 
Kindesopfer. Der mit dem Gewände 
eines üpferdieners (Hose, Schurz, 
Schuhe) bekleidete Mann erhebt mit 
der Rechten das Opferschwert und hält 
mit der Linken ein Kindlein, das über 
einem Gefäße hängend gehalten wird. 



Fig. 3. 



Fic 





Aus Furtwänglers Antike Gemmen XXIV, 2 u. 3. 

Jungfrauenopfer. 

Ein gepanzerter Mann sticht Ein weiblich bekleidetes Opfer 

sitzt vor dem Schlächter und 
vor dem Altare , auf dem ein 
Gefäß steht, und von dem Opfer- 
zweige herabhängen. 



mit einem Messer in den Hai 

des knieenden Mädchens (Iphi 

genie?). 



Menschen- 
opfer. 



sehen Volksmedizin finden wir Verwendungen von Tieren und Tier- 
teilen als organotherapeutische Maßnahmen, die nur auf einheimischem 
Boden sich entwickelt hatten. 

Was lehren uns nun die neueren Forschungen der Volks- und 
Altertumskunde, der germanischen und antiken Mythologie? 

Das wertvollste Heilmittel namentlich bei großen Volksseuchen 
war von jeher nach dem Glauben der verschiedensten Völker das 
Menschenopfer (Kinder, Sklaven, Verbrecher, Kriegsgefangene, 
aber auch Könige, Jungfrauen). 

Antike Gemmen (Furtwängler I, Tafel II, Fig. 6) stellen nicht 
nur Sklavenopfer dar, sondern auch Jungfrauenopfer (Furtwängler IIT, 
229, I, Tafel XXIV, 2—4, Tafel XXI, 50—53). 

Jünghngsopfer (Furtwängler III, 229, I, Tafel XXI, 47, 48, 49, I, 
Tafel XXIV, 2, 3, 8) und Kindesopfer (Furtwängler I, Tafel XXV, 7, 
III, 229: Dictionnaire d'antiquites g. et r. III, 2, 1515, 1520, 
Fig. 4784). 



Einleitunof. 



11 



Fiff. 5. 




„Bei solchen Opfeiszenen auf Gemmen ist die j^a^iechische Sage 
gleichsam nur eine recht dünne und durchsichtige Einkleidung heimischer 
Gedanken und Gebräuche-, für die Tragik 
dieser Siegelbilder muß das Menschen- 
opfer als solches seine besondere, von der 
griechischen Sage unabhängige Bedeutung 
gehabt haben; und eine besondere Wichtigkeit 
muß man dem abgeschnittenen Kopfe (s. u. Ge- 
hirn) des Opfers beigemessen haben. Es hat 
oft den Anschein, als ob der abgeschlagene 
Kopf etwa wahrsagend gedacht ist oder daß 
man aus seiner Betrachtung den Willen der 
Götter zu erforschen bestrebt gewesen ist; 
eine solche besondere Geltung des abge- 
schnittenen Menschenkopfes ist in der Tat 

bei manchen Völkern zu beobachten und finden sich Spuren davon 
selbst in Griechenland" (Furtwängler III, 230). Die Zerstückelung 
des menschlichen Leichnams in einzelne Glieder, den {lac/aXLaiiöc, 
gibt eine Gemme (Fig. 50—53 auf Tafel XXI des erwähnten Furt- 
wänglerschen Werkes I, III, 229) wieder. Die Darbringung des 
Hauptes des Opfers an die Gottheit, der Brust, der Schulter, der 



Aus Furtwänglers Antike 
Gemmen XXIV, 8. 
Jünglingsopfer. Ein nackter 
Jüngling sitzt vor einer Tempel- 
säule auf einem niederen Ge- 
stell, das Haupt neigend. Der 
Opfernde erhebt das Messer 
mit der Rechten. 



Fig. 6. 



Fiff. 7. 





Aus Furtwänglers Antike 
Menschenopfer, juaoxahofiög. Zwei 
nackte Fleischhauer bei der Zer- 
stückelung des Leichnams beschäf- 
tigt, wovon der eine das Schlacht- 
messer von hinten aus erhebt. Die 
beiden Arme des Opfers hängen in 
einer geraden Linie; der andere 
Fleischergeselle hält den Brust- 
kasten ; unten steht ein topfartiges 
Gefäß , um das Blut aufzufangen. 



Gemmen XXI, 50 u. 5i. 

Opfer eines Mädchens. Von dem 
Rücken des Schlächters hängt eine 
tierfellartige Bekleidung herab; 
die linke Hand liegt auf dem Kopfe 
des Mädchens, die Rechte erhebt 
das Schlachtungsschwert, das Mäd- 
chen kniet vor dem Opfernden. 



Lenden des Opfers, des Sprößlings etc. war im Altertum ebenso ge- 
geben, wie das Opfer von Blut (Seelensitz), und der nach späterer 
philosophischer Auffassung als Seelensitze geltenden inneren Organe 
(Herz, Leber, Milz, Hirn etc.). Das Opfer des Teils für den ganzen 
Menschen mußte einmal zur erlaubten Sitte geworden sein. Den Ab- 
lösungsprozeß des Menschenopfers durch das Bild des Menschen können 
wir hier nicht näher verfolgen; über Nachahmungen des Menschen- 
opfers s. Frazer, The golden bough K, c. 3, § 2. A. f. B. W. VI, 228. 

Neben den symbolischen Menschenopfern und neben den Substi- Tieropfer. 
tuten des Menschenopfers bestand das blutige Tieropfer ebenso als 
Ablösung des ersteren-, auch das Opfer eines Verbrechers neben dem 
Tier Opfer kann man finden ^). 



^) Vergl. den Bestiarius beim Opfer für Jupiter Latiaris (Lippert, Relig, 290). 



12 Einleitung. 

Die ursprünglichsten Opfertiere waren die mit dem Menschen 
symbiotisch lebenden Haustiere; sie spielen im Kulte der Seelen- 
geister und chthonischen Gottheiten eine große Rolle; mit der Zeit 
dehnte sich der Kreis der Opfertiere auch auf die jagdbaren Tiere 
(Hirsch, Reh, Hase, Sumpfvögel etc.) aus; einesteils als Substitute der 
animalischen Nahrung, anderseits aber auch, um dem Toten im Jen- 
seits die Jagdtiere durch das Brandopfer zu vermitteln. Die Termini 
technici der Opferanatomie haben sich in der deutschen Jägersprache 
besonders lange erhalten und aus diesen ist der sakrale Ritus bei der 
Schlachtung des Opfertieres manchmal noch zu ahnen. Am deutlichsten 
war das Jagdtier ein griechisches Opfer zu Heilzwecken bei den 
Festen des Dionysos Bakcheios, wo die Ekstasis, das {xatveaO-ai, auch 
für Geisteskrankheiten Abhilfe schaffen sollte und die ekstatisch 
tanzenden Mänaden lebende Ziegen, Rehe, Hirsche und Hasen als 
genießbare Opfergabe emporschwangen (siehe Abbildung auf dem Titel- 
blatte). Plato, Phaedra 244, D. F. beschreibt einen solchen katharti- 
schen Heilakt beim bacchischen und korybantischen Enthusiasmus: 

„aXXä jjLTjV voacüv y» '^'^^ :r6vtuv xüiv ixt'^iozixiv^ a ov] TCCtXaicöv exjj.VY]vt[i.ax(jüv tcoO'SV 
ev TW. TÄv 'pvojv , T, jjLavioc h^^zyo\Lhr[ v.al TCpo'f Yjxslaa^a oic, t^zi aTC7iaXaY"»^v eopexo, 
xütxczcp'jYOÜaa npöt; Oc(I)v tb-/ö.c, xs v.al Xctxpslccc, oösv 8y] v.aO'apjjLOiV xs xczl xsXsxcJüv XD)(o5aa 
\%rt.^X'<\ iTtoirjGS xöv ectoTTj^ iyo^xu Tipo? xs xov Ttapövxä xal xov sTistxa ^povov, Xöatv xü) 
opO-üx; jjiavlvx'. xctl y.czx<z3)^o}X£V(j) Tüiv Ttapovtouv xay.(Jüv eopofJievY). " 

Also namentlich bei den schwersten Krankheiten, die infolge alten 
Seelengeistergrolles in irgend einem Geschlechte sich ereigneten (heredi- 
täre Geisteskrankheit mit Wutanfällen), fanden solche Wütende Heilung 
durch Gelübde und Gottesdienst sowohl für die Gegenwart wie für die 
Zukunft, wenn sie nur wirklich mitrasten und sich mitbegeisterten. 
Rohde ^ n, 51 nimmt hierbei mit Recht eine Nachahmung von reini- 
genden Vorgängen aus mythischer Vorzeit an (Dämonenvertreibung 
durch Omophagie und durch den Kultreigen). 

Lehrreich ist nun, wie auch die Jagdtiere als Opfergabe zur Ab- 
lösung kamen. 

Arrianos (180 p. Chr ) schreibt in seinem Liber de venatione c. XXXIV: 
„Quibusdam Gallis (= römische Keltogallier) mos est, quotannis Dianae sacra 
facere , alii stipem collatitiam (= Sammelspende) deae ofFerunt et pro lepore 
quidem 2 obolos inferunt thesauro; pro vulpe drachmam, quia animal est in- 
sidiosum et leporum pernicies •, idcirco eo ut hoste capto plus conferunt. Pro 
capreolo drachmas quatuor, quia et animal majus est et captum plus laudis habet. 
Inde cum absoluto anni cursu Dianae natalis venerit, thesauro aperto de collata 
pecunia victimam (Opfertier) emunt; alii quidem ovem, alii capram nonnuUi etiam 
vitulum , si ad eam summam pecunia adscendat (also nur Haustiere werden um 
den Jag-derlös gekauft) ; tum sacris peractis et victimarum primitiis Dianae vene- 
trici oblatis, ipsi una cum canibus genio indulgent. Canes autem illo die sertis 
coronant, ut satis superque constet illorum causa featum celebrari." 

Die Jagdhunde wurden wie Opfertiere bekränzt. Sonst durfte das 
Opfertier oder dessen Organ nicht gekauft, sondern es mußte freiwillig 
gegeben sein, oder es durfte wenigstens der selbst größte dafür ver- 
langte Geldpreis nicht abgehandelt werden: 

„nulla pretii cunctione, quoniam hoc quoque religione pertineat" (Plinius, 
h. n. XXVIII, 57). 

Daß im 9. Jahrhundert von den großen Herren des Ardennen- 
waldes die Jagdtiere dem Jagdpatrone St. Hubertus als Erstlinge der 



p]inleitung'. 13 

Jagdbeute dargebracht wurden, lehrt die Legende dieses Heihgen 
(Gaidoz 41 ; Wolfs Beiträge II, 122). Solche Ablösungen des vollen 
blutigen Opfers bis zum kümmerlichsten Rudimente dauerten bei allen 
deutschen bezw. germanischen Volksstämmen bis auf die neueste Zeit 
an. (Vergl. E. Krause, Die Ablösung der Menschenopfer im Kosmos II 
1878, S. 719). Diese Tendenz zur Verkümmerung des ursprüng- 
lich l3lutigen Opfers geht durch alle geschichtlichen Phasen der an- 
tiken, mittelalterlichen und neuzeitlichen Geschichte. Namentlich macht 
sich diese Tendenz in der Auswahl der kleinsten lebenden Vögel be- 
merkbar, die schon bei den alten Aegyptern und Phöniziern bevorzugt 
wurden als Substitute der größeren Opfertiere. „Plutarch gedenkt bei 
Gelegenheit der Kinderopfer der Karthaginenser auch der Opfer junger 
Vögel, mit deren Opferweise er die Kinderopfer parallelisiert : :raiSLa 
xaisa^aCov ^aO-dTusp apva? t) vsoaaoöc;" (Movers, Opferwesen 56; s. auch 
Vogelherz, Schwall3enherz). Auch an das symbolische Tieropfer knüpfte 
sich der Volksglaube, daß es heilsam und fruchtbarmachend sei, wenn 
es nur zur rechten Zeit und am rechten Orte dargebracht wurde. Oft 
verwandelte sich das Opfertier in ein Z in stier (Hase, Huhn, Schwein, 
Kalb etc.), d. h. in einen Tribut an den den Fruchtbarkeitssegen ver- 
mittelnden Priester oder an die Obrigkeit (Richter, der bei den Ger- 
manen auch Priester war; Müllenhoff IV, 238). Die verhältnismäßig 
geringsten Lücken in dem Ablösungsprozesse weisen die beim Bau- 
opfer verwendeten lebenden Opfer für die Hausgeister auf, welche ge- 
schlachtet, verbrannt, lebendig begraben und eingemauert wurden: 
Menschenopfer, Menschenkopf, Kindesopfer, Kindesblut, Huhnopfer, 
Eiopfer, Münzen im Topf, Topf (ohne Münzen). An diesem Beispiele 
sieht man aber deutlich die Verkümmerung mit abnehmendem Werte 
des Opfers, ein Vorgang, der auch in der Volksmedizin zum verständ- 
nislosen krassesten Symbolismus ausartete. Im jüdisch- hellenischen 
Zauberritus (4. Jahrh. p. Chr.) wurden Opfertiere aus feinem AVeizen- 
mehle gebildet und verbrannt: „;roLYjaov kv. OajiLoaXsox; Ct|)Sia 3, Tidvia 
Itci^Oc" (Abraxas 172). Beim häuslichen privaten Gesundheitsopfer 
waren die Opfergaben ebenso vom Kultorte, von der Kultzeit etc. be- 
einflußt; namentlich unter der Herrschaft der Astrologie und Mond- 
jahrberechnung verlieh die Kultzeit dem Opfer den geheimnisvollen 
Reiz einer übernatürlichen Kraft in erhöhterem Grade, wozu auch noch 
der vom Besitzstande abhängige Wechsel der Tierart kam; der 
Glaubensnimbus übertrug sich von einem Opfertiere auf 
das andere, auch wenn dieses ursprünglich un-ze-bar war ^) , und 
auch auf deren Symbole aus Teig oder als Bild. Plinius, der den 
ganzen Spott seiner Ironie über die pfuschenden „Magier" seiner Zeit 
ergoß, erzählt mit scheinbarem Ernste (h. n. XXIX, 34), Fliegenasche 
sei gegen Alopecia zu verwenden. Nun wurde dem Heros Myiagros ein 
Opfer dargebracht, damit die Opfernden nicht durch Fliegen belästigt 
würden. Beim Feste des Apollo auf Leukas wurde den Fliegen ein 
Voropfer dargebracht. „Es kann nicht bezweifelt werden, daß man 
zuerst den (seelischen) Fliegen selbst opferte, um sie zum Ver- 
schwinden zu veranlassen" (Nilsson 441). Es entstand ein Sondergott 
Myiagros, der die Fliegen wegjagte, zuletzt ging dieser sogar in 

^) ahd. cepar, zepar = sacrificium, Steinmayer ahd. Gl. I, 241. 



Sacra. 



14 Einleitung, 

Olympia in Zeus selbst auf. Dieser Myiagros ist identisch mit dem 
Myiodes des Plinius, XXIX, 34, bei dessen Stieropfer ganze Schwärme 
von FHegen wegflogen. Da die Fliegen die Gottheit selbst waren, so 
konnte auch die Fliegenasche (s. u. Asche) als Gottheitsteil zum Heil- 
mittel werden; allerdings ist damit noch nicht gleich die Verwendung 
derselben gerade bei der Alopecia erklärt. Wie weit aber der Kreis 
der Opfergaben bei den Juden ausgedehnt wurde, geht daraus hervor, 
daß diese sogar menschlichen Kot und Urin den Götzen als Opfer 
darbrachten (Blau 161). 
Botanica Die zum Opfer verwendeten Tiere und Menschen wurden mit 

Blättern und Laub der betreffenden Jahreszeit bekränzt und 
geschmückt und mit den Opfern verbrannt; dazu kam auch eigenes 
w^ohlriechendes Bäucherwerk, das ebenso, wie die Blumen und Tier- 
organe, zum Heilmittel wurde, w^ie deren Ruß und Asche. 

Als sogen. Kathartika (Reinigungs- und Sühnemittel) spielten 
solche Blumen, Kräuter, Gewürze, Früchte bei den Griechen dieselbe 
häufige Rolle wde als Heilmittel in der Volksmedizin; namentlich war 
die Asche dieser Kräuter ein häufiges Hautreinigungsmittel (s. u.). 
Der Lorbeer z. B. war nicht nur ein Totenkranzlaub, ein Heroen - 
schmuck, sondern auch ein häufiges Gewürzblatt beim Festbraten, ein 
Apotropäon zur Dämonenabwehr (Rohde ^ I, 219) und ein häufiges 
Heilmittel in Verbindung mit den verschiedensten Tierteilen. Hin- 
sichtlich des Lorbeers hat namentlich Bötticher (Baumkult 358 ff.) nach- 
gewiesen , daß die symbolischen Beziehungen der Pflanzen in der Regel 
auf ihren medizinischen Eigenschaften beruhen, welche beim Verzehren 
der Heilopfer und Heilbrote gewonnen wurden (Röscher, Selene 57). 

Der Majoran (Origanum Majorana L. orzjx'l^u/ov), den die ägyptischen 
Priester „Esel des Priesters", auch „süßes Kind der Isis" nannten, und der nach 
Plinius XXI, 61, der sich auf Diokles (bald nach Hippokrates) beruft, eine aus 
Aegypten stammende Pflanze ist, die nach Dioskurides III, 41 zu Kränzen ge- 
flochten wurde, ist heute noch ein Fleischgewürz (bei Leberspeisen z. B.), das 
schon Celsus (1. Jahrh. a. Chr.) als Heilmittel benützte (V, 11), und das der 
Abraxas 171 (4. Jahrh. p. Chr.) benennt mit c;a|X'!;o6yivov, ein Räucherwerk beim 
magischen Brandopfer. 

Feldkräuter verwendeten schon die alten Aegypter neben Honig und 
süßem Bier als Beigabe zu Vogelherzen und als Heilmittel gegen Wurmdämonen 
(Janus 1899, S. 124); die Kranzlkräuter des Feldes sind noch heute ein volks- 
medizinisches Mittel, das oft noch verbrannt wird. 

Die Feige, unter deren Baumblätterschatten so oft das Tieropfer auf 
Gemmen abgebildet ist, namentlich die schwarze Feige [„inferum deorum et 
avertentium in tutela sunt"] wurde iv y.av)-ap|j.oc(; (bei Sühneopfern) verwendet, bei 
dämonistisch verursachten Augenkrankheiten in die Augen eingerieben (TrEptjj.dtTsiv) 
(so auch der Neugeborenen Augen mit Milch und Honig) •, die Feige war das 
beste Gegenmittel gegen Gift (aXs^'.'fdpp-civ.ov), um Gift und Unreines (Krankheits- 
stofFe) wegzuwischen oder zu vertreiben (Rohde ^ II, 406 ff). Zahllos ist die Ver- 
wendung der Feige in der Volksmedizin ; Celsus führt sie sehr oft auf (Frieboes 607), 
ebenso Dioskurides (Berendes 147) ; es wird wie beim Oelbaum auch von dem 
Feigenbaum alles zur Medizin verwendet vom Volke. „Die ältesten Ueberliefe- 
rungen über den Feigenbaum und seine Früchte finden sich auf den ägyptischen 
Tempelbildern bis 2000 a. Chr. Die zahlreichen Stellen der alttestamentlichen 
Literatur, sowie die Schriften des griechischen und römischen Altertums sprechen 
hinreichend für die hohe Bedeutung, welche die Feige als Nahrungs- und Arznei- 
mittel '), wie auch als (Reinigungs-) Symbol beanspruchte" (Berendes 148). Nach 



^) „Ficu recente puerorum oculos fricare veterum superstitio" (Athenäus 
Casaub. 157, 15) -, s. auch Schwalbenhirn. 



Einleitung. 15 

Dioskurides I, 180 wurde sogar aus der Asche des (beim Brandopfer) verbrannten 
Zweiges des Feigenbaumes eine heilsame reinigende Aschenlauge gemacht 
(Lixivium causticum) , die man namentlich bei Ruhrseuchen benützte und auch 
beim Pseudo-Dioskurides (6. Jahrh. p. Chr.) zur Empfehlung gelangte (Janus 1907, 
XII, 204, 208, 215). 

Der Salbei^), Rainfarn, Thymian, Saturej a etc. sind volksmedizinische 
Mittel, aber auch Gewürze, die heute in der Anatomia culinaris, namentlich bei 
Leberspeisen verwendet werden ; kurzum man findet noch heute in solchen all- 
täglichen Dingen den Zusammenhang mit altem Opferritus. 

Der Kranewittbaum (Juniperiis) ; mittelalterl.-nord. enebär, 
der nur als Oxycedrus von der südlichen Cedros getrennt war, sonst 
aber von den alten Griechen und Römern mit letzterer oft genug ver- 
wechselt worden war (Berendes 99), ist heute noch ein Opfer brand- 
holz (siehe Höfler, Baum- und Waldkult, 109 ff.), eine Heilpflanze 
und ein Fleischgewürz (Kranwittbeeren), in der nordischen Volks- 
medizin eine Wunden- und Geschwürereinigung (Fonahn 27). 

Die südliche Ceder als Harzlieferant hatte vielfache Beziehungen Brand 
zum Totenkult und zur Medizin; der Ruß vom Cedernöl, der bei der ^^ ^^' 
Verbrennung des Holzes beobachtet wurde, war, wie der Weih- 
rauchruß, ein volksmedizinisches Mittel der Alten. Im jüdisch-helleni- 
schen Zauberritus (300 — 350 p. Chr.) ist die y.zd[jia ein Material zur 
Zauberbeleuchtung (Opferkerze) (Dieterich 801)*, bei den Aegyptern 
war das Cedernharz schon in den frühesten Zeiten ein Leichenkonser- 
vierungsmittel (Frieboes 705), das Würmer vertreiben sollte; darum 
vertreibt auch xsSpog (Cedria) Würmer aus den Ohren (Dioskurides 
und Fonahn 25). Der Abraxas (4. Jahrh. p. Chr.) führt (169, 157) 
solche Opferbrandhölzer (ioXa xoTuapiaoiva, s. 6:roßaXaduLcva) an: 

„oiav ok Ivzx'Q Tj TjjjLspcz, TCCcpa9'c(; sie '^''jv {^oGtav ^6Xa x'jrcap'laj'.va t] oTCoßaXoajxiva, 
Iva y.ai ycopl? GtpoßiXo'j? Oci'.ou(; okv.a, oXiv-zopaq ^6o Ks'jv.obq etc."; der Abraxas führt 
also das Zypressenholz und die Balsamstaude als sTcuS-jjjxaxa auf (p. 169, 170). 

Auch der Brandopferaltar aus Erde (Feldsteinen und Ziegel- 
steinen) wird beim griechisch-römischen und griechisch-jüdischen Zauber- 
opfer erwähnt und in der Volksmedizin bei der Verwendung der tieri- 
schen Leber (s. Hase, Fuchs, Chamäleon, Wolf, Kalb etc.) noch 
in Erinnerung gebracht. 

Der Abraxas 157, 169, 170 führt denselben an: „v.al aw-A^qa- [xs^ov xoü oiv.oo 

Der Brandopfergeruch, der durch balsamische Hölzer, die beige- 
geben wurden, sich feiner bemerkbar machte, sollte auch bei der 
Verbrennung von Blut und blutigen Tierorganen durch keine andere 
Feuerunterlage beeinträchtigt werden ; manchmal ist auch die Vorschrift 
beigefügt, daß zwei Opferkerzen beim Opfer brennen sollen. Im Laufe 
der Zeit verwandelte sich der Opferaltar aus Ziegelsteinen in einen 
irdenen Hafen (olla fictilis) und dieser mit der Zeit in den Destillier- 
helm 2) des mittelalterhchen Chemikers, der seinen Vorläufer haben 
dürfte in dem Weihrauchruß liefernden Ziegelerdetiegel mit Deckel, 
wie ihn Dioskurides I, 84 schilderte, wobei der den Weihrauchruß auf- 
fangende kupferne Deckel immer abgekühlt wurde. Das gleichzeitig 
abtropfende Destillat (Alkohol) hatte seinen Namen vom arabischen 

^) Zu: salvus, heil, gesund. 
2) S. u. Kalbherz. 



16 Einleitung-. 

al-koh'l, was feinster schwarzer Ruß bedeutet-, es wäre also dann der 
Alkohol auch ein aus der Empirie des Opferritus sich ableitendes 
chemisches Produkt und die „schwarze Kunst", die Chemie, in Ver- 
bindung mit demselben stehend (s. u. Mummie). 

Das, was die Gottheit früher oder vorher allein bezw. der Priester 
für die Gottheit erhielt, wurde durch die Communio mit der Gottheit 
als Speiseopfer auch zum heilbringenden Segen für den Opfernden; 
alles, was mit der Gottheitspeise zusammenhing, wurde zum apo- 
tropäischen, reinigenden Heilmittel; so auch der Opferschmuck, die 
Altarblumen, die Gewürzkräuter und Räucherungen; alle diese Opfer- 
objekte, Tierorgane und Opferkräuter linden wir als volksmedizinische 
Mittel; die Heilkräuter nicht selten sogar in direkter Verbindung mit 
den tierischen Organen, die in der Volksmedizin verwendet werden; 
größtenteils stammen diese Kräuter aus dem ägyptischen Kulturkreise 
und ägyptischen Opferkulte; die Priesterärzte und Magier (Propheten) 
vermittelten die Kenntnisse derselben und auch die dabei gewonnenen, 
vermeintlichen und tatsächlichen Wirkungserfahrungen; sie bildeten 
nicht nur eine Anatomia sacra, sondern auch eine heilige Botanik aus, 
die zur Pharmacopoea sacra führte (Mitteilungen f. d. Gesch. d. Natur- 
wissensch, 190G, S. 346). Die Babylonier vergötterten nicht nur die 
Tiere als Ahnengeister, sondern auch ihre dämonen vertreibenden Mittel; 
sie hatten einen Honiggott, Gipsgott, Asphaltgott, „um jegliches Böse 
zu vertreiben" (Weber 28, 19). Die Zypresse (als Opferholz), die 
Spezerei (als Raucher werk), das Räucherbecken, der Holzteer, Asphalt 
und Gips, das lebende Schaf wurden als götthche Kräfte zur Ent- 
sühnung personifiziert und sogar direkt als Gottheiten angerufen, um 
die von ihnen vertretenen Kräfte den Zwecken des die Gottheit be- 
schwörenden, die Seelengeister berufenden Priesters magisch dienstbar 
zu machen (1. eod. 20). Bei den Aegyptern finden wir eine Art Theo- 
phagie, eine andere Art der Einverleibung der Gottheit (communio), 
indem die Priester (Propheten) gewisse Heilkräuter, die zum blutigen 
Opferkulte Beziehung hatten , mit Organteilen von Gottheiten oder 
göttlichen Tieren bezeichneten und so „Fleisch und Blut" der Gott- 
heit durch die vegetabilische Speise (Heilkraut) einverleiben ließen, 
ein Symbolism^us, der dazu diente, den Reiz der geheimnisvollen Ver- 
einigung mit der Gottheit auch auf dem oft billigeren botanischen 
Her- Gebiete auszubilden, und der anderseits zu einer priesterlichen Her- 
für Blut meneutik, einer geheimen Verständigung unter den Priesterärzten und 
der Gotter. jy;g^g-gj.j^ der verschiedenen Distrikte untereinander führte; bedeutungs- 
voll ist es, daß diese dazu hauptsächlich das Blut^), den Kopf, das 
Herz, den Samen, die Geschlechtsteile der Gottheiten und göttlich ver- 
ehrten Tiere wählten, um ihre magischen, den verschiedenen Zwecken 
(Heilung, Abortus, Konzeption etc.) dienenden Kräuter und Drogen zu 
benennen und die Kenntnisse der Wirkung der „nichtwissenden" Menge 
vorzuenthalten. So finden sich bei Dioskurides, der die Magier auch 
Propheten nennt, im jüdisch-hellenisch-ägyptischen Zauberpapyrus 



^) 27 solche Namen beziehen sich auf Blut, 14 auf Samen, 3 auf Greschlechts- 
teile, 2 auf Knochen, 3 auf Herz, 1 auf Galle, 4 auf Bart und Haare, 3 auf Auge. 
Nach Galenus XII, 966 sind die Arzneimittel selbst die Hände der Götter ^^olo-j 
TCsp -ö-stöv x^^P^? ^^-v«' "^^ cpapjj-axa", nach christlicher Auffassung eine Engelsgabe 
(Engelapotheken !). 



Einleitung. 17 

(Dietericli 747 ff.) (300—350 p. Chr.) und im gleichwertigen Abraxas 
(4. Jahrh. p. Chr.) folgende Namen für das Götterblut: 

alfjLa 'H^patoTOü (Dieterich 816) Blut des (hinkenden) Vulkan oder 
Hephästos = Artemisia (über diese werden wir unten noch näher sprechen), 
ein noch immer gebrauchtes Mittel der Volksmedizin (s. a. Habichtherz). 

alfxa ^HpaxXeoö? (Berendes 53) Blut des Herkules (mit dem Füllhorn), ein 
ithyphallischer Hochzeitgott, mit der Wieselgottheit verbunden (Nilsson 445 ff.) ; 
= a) Safran (wegen seiner Farbe) der Göttin 'Hoj? heilig, ein Stimulans, im hohen 
Liede Salomons eines der kostbarsten Gewürze, noch heute volksmedizinisch, in 
der Zeit des Osterfestes gebräuchlich; b) = Erythraea Centaurium, das rotblütige 
Tausendgüldenkraut (Berendes 267) , über das wir unten (s. Rebhuhnleber) noch 
sprechen werden. 

aliJ.a ^EoTta? (Dieterich 816) = Blut der Hestia (Vesta?) Göttin des häus- 
lichen Herdes (eaxia), welche auch Opferkuchen erhielt als Schaffnerin des Hauses 
{'laxiat xaixiai TcXaxoövxa) (Nilsson 429) = Chamille (avvJ-ljjLiov, sldvO-sfj.ov Hippokratis} 
Matricaria Chamomilla (Berendes 352), die heute noch ein alltägliches Frauenmittel 
ist gegen Unterleibskrämpfe. 

aljj.a KpovoD (Dieterich 816) = Blut des Kronos (Zeus), der Menschenopfer 
erhielt auf Rhodos und Cypern (Nilsson 38) , ein Fruchtbarkeitsgott (kaum = Sa- 
turnus) = rx) yxXa loip'.oioo (Ferkelmilch)-, ß) v.eSpia(; {^Xöjaoa) Cederharz , mit dem 
man die Opferleuchter füllte (Dieterich 801), die Leichen einbalsamierte (Frie- 
boes 705), und das auch in der mittelalterlichen Medizin bei Tierorganen mitver- 
wendet wurde, wie der gleichwertige antiseptische Kranewitt (juniperus = juveni- 
perus) (Berendes 99) s. o. S. 15; y) nach Plinius XXIX, 4 = sanguis Saturni, 
Schlangenblut, magisches Gegengift. 

al[xa "Apecu(; = Blut des Mars (Berendes 32, 832) Gott der Seuchen, dem 
die Frauen in Tegea allein opferten, wobei diese ihren Männern nicht einmal 
etwas von dem Opferfleische zu teil werden ließen, also nur für ihr Geschlecht den 
Gottheitssegen erhofften; der Gott hieß daher: rüva'.xod-otva(; {= Frauenschmaus) 
(Nilsson 407); = a) Asarum (wegen seiner roten Wurzelblätter?) (Panis fauni), 
als wohlriechendes Kranzkraut von Dioskurides erwähnt (in einigen Handschriften, 
während Plinius [XII , 45 , XXI , 29] sie nicht als solches gelten lassen wollte) 
(Berendes 32 ff.); b) = die rote Lilienblüte xpivo? (Berendes 332), die nach Dios- 
kurides III, 106 zu Kränzen gebraucht wurde ; über die Herstellung roter Lilien 
durch Rauch s. Plinius XXI, 26. Die Lilie war der Hera Eileithyia (Geburts- 
göttin) heilig, ebenso der italischen Juno (Röscher, Selene 56) „liliae radices 
ruptis vulvis (Dammriß) prosunt et mensibus feminarum" (Dioskurides III, 106. 
Galenos XII, 45). 

alixa 'laiujvo? = Isionsblut (Berendes 333) = Ballota nigra, Andorn, Gotts- 
vergessen. Wall achpflanze (canther, cantherinum). 

acp.« 'Aö-Yivä;; = Blut der Minerva (Berendes 363), Ajuga Iva, Ajuga 
chamaepitys, Hünschkraut. 'Ax^Yivä ocTCOtpoTtata (Rohde ^ I, 273) war auch eine 
Uebel abwehrende Gottheit (vielleicht wie Apollo auch eine von Krankheiten be- 
freiende). Ajuga chamaepitys, Schlagkräutlein, ist eine gegen Gicht, Schlagfluß 
verwendete volksmedizinische Pflanze. 

Blut des Podos? (Berendes 337), zu deuten als aijxa octco tzoZöq (Diete- 
rich 817) s. u. Blut vom Fuß = Teucrium Scordium, Knoblauch-Gamander, Lachen- 
knoblauch (Lachener = Arzt). 

acjxa äizb xixävo? = Titanusblut (Dieterich 817 ; Berendes 227, 384), unter- 
irdische Gottheit (Tetanus?). Die Titanen zerreißen den Zagreus bis auf das Herz, 
das Athene dem Zeus gibt, der es verschlingt, worauf ein neuer Zagreus, Dio- 
nysos wieder auflebt , eine Sage , die sicher im altthrakischen rohen Opferkulte 
wurzelte (Rohde ^ II, 117) (s. Fischherz). Als dieses Blut der unterirdischen 
Wesen galt: a) Stachys recta oder Sideritis scordioides? (Berendes 383) als Beruf- 
kraut, Beschreikraut, Abnehmkraut noch volksmedizinisch in Deutschland ver- 
wendet, b) = d-piorxi (ScYpia (Dieterich 817, Berendes 227), wilder Lattich, Lactuca 
virosa, in Frankreich heißt Lactuca sativa noch Thridax. Der Milchsaft wird 
heute noch offizineil gebraucht; sie gilt auch im Volke als Schlafwurz. c) = Brom- 
beere, die auch als uliioloq (blutähnlich, vom Saft der Beere) bezeichnet wurde 
von den griechischen Aegyptern (Dioskurides IV, 37) , von den Dakiern Manteia 
(Zauberpflanze). Rubus tomentosus Willd. vertritt in Griechenland unseren Rubus 
Höfler, Die volksmedizinische Organotherapie. 2 



lg Einleitung. 

fructicosus L., letzterer ist ein volksmedizinisches Mittel gegen den Soor der Kinder 
und gegen Brustaffektionen. 

al[j-a 'EpfjLoü = Blut des Hermes (Berendes 395), des Seelenfiihrers, Hiera- 
botane = heilige Pflanze, die bei Opfern und Abschluß von Bündnissen gebraucht 
wurde, sowie bei Liebesopfern an die Venus- Aphrodite •, Blutkraut, Taubenkraut,^ 
Turteltaubenkraut ; wir werden sie noch öfters in der volksmedizinischen Organo- 
therapie finden als Verbena officinalis. 

Auch das Blut von Gotttieren hat als Name für Pflanzen 
gedient. 

aliKU V. !)vox£cpaXoD = Blut des Hundsaffen (Dieterich 816, Abraxas 192). 
Der Hundskopfaffe war dem Gotte Thoth als Mondgott von den Aegyptern ge- 
weiht und ein Symbol des ägyptischen Arztgottes (Berendes 802) •, er wurde gott- 
gleich verehrt; er erscheint auch als Affe auf Gemmen (Neue Jahrb. f. Philol. 
1888, Suppl.-Bd. 16, S. 784); ebenso fanden sich Tonidole mit Affengestalt in 
Gräbern. In dem hellenisch-jüdisch-ägyptischen Zauberpapyrus erscheint das 
Hundskopf(Affen)blut auch als Tinte für den Traumzauberzettel (Abraxas 192), 
worunter aber nach (Dieterich 816) Eidechsenblut zu verstehen ist (ac|xa vjjvoxecpaXoo 
=: ai|i.a xaXaßu)Too = asxaXaßtotou = Eidechsenblut). Die Herba cynocei^halica des 
Plinius =: xuvoxs^aXov ßoxavYjv soll in Aegypten Osiritis divina benannt und als 
Gegengift verwendet worden sein ; wer sie mit den Wurzeln ausriß , sollte sofort 
sterben (Dieterich 783, s. außerdem Fahz 188, Pharmazeutische Post 1899, S. 22). 
Dioskurides erwähnt das Blut des Hundsaffen nicht. Das Affenherz s. u. Herz. 

aijxcc X'^'.ooc, (ify.ot;) = Ibisblut (Berendes 119). Der Ibis wurde von den 
Aegyptern göttlich verehrt, a) = der Keuschlammstrauch (Vitex agnus castus L.); 
er hieß bei den ägyptischen Propheten (Magiern) der Verehrungswürdige (Dios- 
kurides I, 134); ein den Samen hervorlockendes Mittel (Berendes 120), auch den 
Geschlechtstrieb herabsetzend (Nilsson 48) (Klosterpfeffer, Mönchspfeffer); daher 
von den griechischen AVeibern bei den Thesmophorien als Lagerstätte benützt (über 
aYvo? und a-^voc, s. Nilsson 49) ; er bildet bei der Hochzeit der Hera das Brautbett, 
als Beförderer der Geschlechtstätigkeit ; auch der Artemis war Keuschlamm heilig 
(Röscher, Selene 56). b) Ibisblut war bei den ägyptischen Propheten auch die 
Bezeichnung für die Brombeere (Berendes 384) , über die wir soeben gesprochen 
hatten, vermutlich war der rote Beerensaft als Blut gedeutet. 

atfxa xp ov. o£ iX u. Dieser Saurier war in Aegypten als heilig gedacht 
und verehrt (Herodot II, 69, 148). = Leontopodium bei Dioskurides IV, 129, deren 
Wurzel zu Liebeszwecken als Amulett gebraucht wurde; welche Pflanze darunter 
zu verstehen ist, bleibt unsicher; jedenfalls nicht Gnaphalium Leontopodium. 

ai fxa ovou = Eselsblut. Der Esel stammt aus Aegypten. Eine eselsköpfige 
Dämonengestalt auf einem Skarabäus erwähnt Furtwängler III, 100. Das Esels- 
fell hatte besondere Zauberkraft; auch die Ringe und Amulette (Gemmen) mit 
den tiergestaltigen Dämonen sollten wohl wie die zauberkräftigen Dämonen selbst 
als Apotropäon wirken. Die Aegypter verstanden unter dem Eselsblute = Aspi- 
dium filix mas L., den Wurmfarn, der im Mittelalter auch ein Zauberkraut war 
(Hexenkraut); als Bandwurmmittel war er schon dem Dioskurides (IV, 183) be- 
kannt. 

aijj.a o'f £(0(; = ötvopa/vT] (Dieterich 816) = Portulak, Dioskur. (Berendes 219), 
Portulaca oleracea L. , Schlangenblut ; wird heute volksmedizinisch kaum mehr 
verwendet. „Närrischkraut" und „Benedeitkraut" (bei Toxites) deuten vielleicht 
die vermeintliche Zauberkraft der Pflanze an . die man derselben im Mittelalter 
beilegte. Ueber die Zauberkraft der als göttlich verehrten Schlange ist hier kein 
Wort zu verlieren. Ueber Drachenblut s, u. Drache. 

a^jj-a aVkoüpoo = Katzenblut (Berendes 424). Daß die Katze von den 
Aegyptern göttlich verehrt wurde , ist bekannt. Die ägyptischen Propheten ver- 
standen unter Katzenblut nach Dioskurides (IV, 100) Stratiotes (Pistia Stratiotes L., 
Wassersäge, Hexenkraut). 

at|j.a ^Y]vaXo>Ti exo ? = Blut der Fuchsgans, einer in Löchern lebenden 
ägyptischen Gans = -(aXa ouxap.ivY]<; (Dieterich 816) , oder Saft der Ficus Syco- 
morus L., Ficus aegyptia Plinii, deren Früchte schon in den Rezepten des Papyrus 
Ebers und im Alten Testamente wiederholt erwähnt werden; Dioskurides I, 181 
erwähnt den Saft als reinigendes Gegengift (Berendes 146). Aus der Füllung der 



Einleitung. 10 

Opfergänse mit Feigen entwickelte sich später die Mästung" der Opfergänsc durch 
Feigen (ficatum, le foie s. Leber); auch der Leib des ägyptischen Opferstieres 
wurde mit Rosinen, Feigen, Weihrauch etc. gefüllt (Herodot II, 4). 

rxl\}.a YaXv]? = Blut des Wiesels (ßerendes 351, 395), bei den ägyptischen 
Propheten nach Dioskurides III, 141 = a) Asplenium Ceterach L. , Milzfarn, den 
man in einer mondfinsteren (s. Mond S. 29) Nacht ausreißen muß, um Unfrucht- 
barkeit zu veranlassen , wenn man ihn mit Mauleselsmilz umbindet (1. c.) , daher 
auch Milzkraut genannt (D. I, 116) (s. Hirschzunge und Eselsmilz). Es sollte 
auch Liebeszauber verleihen ; daher hieß es Philtrodates (1. eod.). b) = Ver- 
bena officinalis (ßerendes 395), beim Dioskurides IV, GO, die wir oben schon als 
„Blut des Hermes" kennen gelernt haben und noch später besprechen werden, da 
sie sehr häufig in der volksmedizinischen Organotherapie verwendet wurde; sie war 
eine so häufige Opferblume, daß man mit ihrem Namen allein schon viele andere 
Opferkräuter bezeichnete. Noch im deutschen Mittelalter heißt sie „Opferblume", 
„Altarkraut" (D. I, 612). 

arjJLa y^oipo'^poWoo = aXr^d-ihq ■/o:^o-(p6Xko(; (Dieterich 816) = wirkliches 
Stachelschweinblut (?). 

Nicht bloß das Blut der Götter und Gotttiere und göttlich ver- Her- 
ehrten Tiere, sondern auch das des Menschen wurde als Bezeichnung "^®^?J*^ 
für Heilkräuter von den ägyptischen Magiern und Priestern gewählt, ^^Jf^J^®"' 
und zwar dabei bezeichnenderweise das Blut des Menschen je 
nach seiner körperlichen Entnahme auch verschieden bezeichnet; das- 
selbe hatte also nach dem dortigen Glauben auch verschiedene Be- 
deutung und Wirksamkeit, je nachdem es vom Kopfe, von der Hüfte 
oder Schulter, vom Fuße, vom Bauche, vom Auge oder vom men- 
struierenden Weibe stammte; in dem Herzen und im Blute suchten 
sie die Seelentätigkeit; Leber, Milz, Nieren treten als solche Pflanzen- 
namen der ägyptischen Propheten (Priester) nicht auf; die Lehre vom 
Sitze der Seele in diesen inneren Organen war eben eine jüngere ; der 
Kopf (Bart, Tränen, Auge, Augenbrauen) galt noch nicht als Gehirn; 
die äußere Seele (the external soul, Frazer) dagegen spielte schon als 
Finger, Fuß, Haare, Klauen, Schwanz, Kot, Kleidung von Gottheiten 
und göttlich verehrten Tieren eine Rolle ; doch wollen wir wieder zum 
eigentlichen Seelensitze, dem Blute, zurückkehren. 

aijj.« ctv^püiKoo = Menschenblut, bei den ägyptischen Propheten = Artemisia, 
die wir oben als Blut des Hephiistos schon besprochen haben (s. u. auch Geier- 
herz) (Dioskurides III, 117). 

ßpoxtov = Menschenblut, Sempervivum arboreum L. , Zeuspenis; ■ö-soßpoxiov 
= Grottmenschenblut (Dioskurides IV, 89). 

a'.fjL« öcTCo xccpaX -?]<;, Blut vom Kopfe (des Menschen) = i)£pjj,0(; (Diete- 
rich 817) = Lupine bei Dioskurides II, 1S2; Lupinus angustifolius, deren Heimat 
der Orient ist (ßerendes 212); über ihre Verwendung in der Volksmedizin gibt 
nur ihr Name Feigbohne (Feigwarzen) etwas Aufschluß. Bei D. I, 339 ist Lu- 
pina = infirmitas, wolfF, Afterintertrigo. 

a'.|j.cc ocpO-aXfioö = Blut vom Auge = av.axalXioa (Dieterich 816) (= aqua 
calida? Dieterich 1. c), nach Dioskurides II, 209 " öcva^a^^k Anagallis, Gauch- 
heil, die früher gegen Epilepsie verwendet wurde , Heil aller Welt (gäch heilend 
= Gauchheil), Wutkraut, Vernunftkraut, „Augenblüte" etc., diese Namen deuten 
schon ihre Verwendung in der deutschen Volksmedizin an. Dioskurides (1. Jahrh. 
n. Chr.) benützte jedenfalls bessere ägyptische Vorlagen ; der Schreiber des Pa- 
pyrus magicus musei Lugdunensis Bataui (300 — 350 p. Chr.) aber hat das griechische 
AVort ä'm^akXifiot. in aif.rxy.rx\\ioa verschrielDen ; man muß aber staunen, wie hart- 
näckig sich die ägyptisch-griechischen Namen bis ins Mittelalter erhielten. 

aijxa octc' ujjjlod = Blut von der Schulter = axavd-o? (Dieterich 816) = Ono- 
pordon Acanthium L. , Eselsdistel (Herba spinae albae) bei Opisthotonie heilsam 
nach Dioskurides III, 16 ; Krampfdistel (Schlesien). 



20 Einleitung. 

(acfxa) an' oocpüoc; = Blut von der Hüfte = öcv^ejjl'.ov (Dieterich 816) = 
süavö-siJLOv Hippokratis, Matricaria Chamomilla (nach Berendes 852), über die wir 
schon oben gesprochen haben. 

(acjxa) öLKo v.oikiac, = Blut von den Eingeweiden (Bauch) = )(afjLac}j.7]Xov 
(Dieterich 817) also Chamille ()(aij.al}j.T^Xov = apfelähnlich riechend); ob dieses 
Xajj.aijjL7)Xov identisch ist mit dem &vi)ijj.iov, ist fraglich, s. auch o. S. 17. 

{rj.lp.rx) aizb uXsujjLovo? = Blut von der Lunge (Dioskurides IV, 168) — 
Convolvulus Scammonia L., Purgierwinde. 

(at|xa) «Ttö Tzo^oc, — Blut vom Fuße, a) = •xpüaoaTrepjj.ov (Dieterich 817) = 
)(ptjaoYovov ; Chrysospermon Dioskurides IV, 56 = Leontice Chrysogonum L. (Beren- 
des 393), die man gegen den Biß der Spitzmaus auflegte, in der deutschen Volks- 
medizin ist diese orientalische Pflanze nicht benützt, b) „Podosblut" Teucrium 
Scordium (Berendes 337) s. o. S. 17. 

atfxa azö v. et 0- Yj [x s v yj ? = Blut der menstruierenden Frau (Berendes 331), 
nach den Propheten (Dioskurides III, 104) = Agrostemma coronaria L. (Ad)(vi? 
atecpav(ujj.at'.y.7j Dioskurides), mit dem wahrscheinlich die Opfertiere bekränzt 
wurden („Taurion"), die „unsterbliche" (Blume) (Dioskurides 1. c.) oder „Kranz- 
nelke". Hippokrates (De morbis mulier. c. VI) vergleicht das weibliche Menstrual- 
blut direkt mit dem eines Opfertieres, und Aristoteles h. a. VII, 1, 3 sagt: „Der 
Monatsfluß ist Blut, ähnlich dem eines frisch geschlachteten Tieres." Beim Pseudo- 
Dioskurides (4. Jahrh. p. Chr.) ist das trockene Menstrualblut des Weibes, in eine 
Mauleselshaut (s. u. Maulesel) gegeben, ein Amulett zur Verhinderung der 
Konzeption (Janus XII, 341). Der Glaube an die Schädlichkeit des Menstrual- 
flusses ist übrigens uralt und besteht heute noch; vergl. dazu Plinius h. n. VIII, 13 ; 
Janus XII, 1907, 458. 

a'|j.a Tr'jpetoö = Fieberblut (Berendes 457), Ricinus communis L., Kiki des 
Dioskurides IV, 161. 

Diese 27 angeführten Blutarten bezeugen durch ihre fast aus- 
schließlichen Beziehungen zu Gottheiten, Gotttieren und zum Menschen- 
blute deutlich genug das Bestreben der ägyptischen Priester und Magier, 
auch die Opferblumen als Heilkräuter in sinnfällige Beziehung zum 
blutigen Opfer zu bringen. Die Kommunion mit der Gottheit, das 
Genießen und Verwenden der Pflanzen unter diesen blutsymbolischen 
Namen, die auf das Blut, den Seelensitz, sich beziehen, war dabei auch 
eine Begründung ihrer volksüblichen Benützung beim Heilzauber; solchen 
ägyptischen Beziehungen der Tierorgane (Herz, Milz etc.) zu den Heil- 
kräutern werden wir weiter unten noch begegnen. 

Die Tötung des Opfertieres erfolgte bei den Griechen, 
Aegyptern, Römern und Germanen meistens durch den Stich mit dem 
Opfermesser in den Hals oder ins Herz, symbolisch auch durch Sturz 
von der Höhe, Enthauptung, Ersticken. 

Das langsame Sterbenlassen des Opfertieres, oft nach grausamer 
Quälung, hatte vielleicht sein Vorbild in den Gladiatorenkämpfen, 
Stierkämpfen, Kriegen; manche Völker betrachten den Schlachtentod 
als einen Opfertod. Movers (Phöniker I, 405) meinte, man wollte 
sich an den betreffenden Gotttieren rächen vor ihrem Opfertode (?). 
Langsames Zutodequälen findet sich namentlich bei giftig geltenden 
Tieren, denen man durch den Reiz der Quälung das Gift noch mehr 
herauslocken wollte. lieber das Verstümmeln des Opfers s. Rohde ^I, 324. 
Schlachten In früheren Zeiten war die Hinrichtung eines Verbrechers und 
= Opfern. ^-^ Schlachtung eines Haustieres überhaupt schon eine Opfer- 
handlung, die nur zu gewissen Zeiten stattfand. 

Daß bei den Griechen und Römern der älteren Zeit der Eleisch- 
genuß ein Kultessen war, bezeugt uns Athenäus (Casaub. I, 35): 



Einleitung. 21 

„Satis constat tarn ex sacris quam ex aliis literis primis temporibus ignota 
hominibus carnium manducatione , taritum in honorem numinis mactari solitas 
hostias . . . itaque cepere etiam ipsi carnibus vesci sed parce initio et fere non 
nisi salitis". „Nunquam autem ullum animal in proprios usus mactabant, quin 
ejus aliquam partem Deo consecrarent adolendam. Factum hinc , ut quodcunque 
animal in cibum mactarent, bpscov ') vocarent. Sic Galenus (geb. 130 p. Chr.) 
carnem definit : xluj bk: tcüv Isp^icuv £39-:o|jL£vtov : His in locis et in aliis sexcentis 
apud historicos ac medicos Uprxla: sunt animantas , quarum vescimur carnibus 
pecudes et quaecumque esui solent esse mortalibus etc." (1. eod. I, 36). 

Der Arzt Galenus nimmt ohne Unterschied 'QO^ov und ispsiov für 
ein und dasselbe, und bei Homer ist isp'/jtov = Schlachtvieh und lepsostv 
= schlachten ; also so vulgär war die Vorstellung, daß von Homer bis 
Galen Opfern und Schlachten begrifflich nicht getrennt wurden. 
Nachdem die Griechen und Römer der Gottheit ihren Tribut oder 
Zoll ^) von dem Opfertiere gegeben hatten , nahmen sie das übrige 
Fleisch mit nach Hause und verzehrten es daselbst (Klemm 231). Bei 
den semitischen Phönikern kam das fetteste Stück (Nierengegend) als 
abgeschnittenes Ehrenstück auf den Opferaltar für die Götter; was 
nach diesem priesterlichen Deputate, das die Communio mit der Gott- 
heit vermittelt hatte, noch übrig geblieben war, fiel dann den Opfern- 
den zur Mahlzeit zu (Movers 127, 99). 

Bei den höher geschätzten Vollopfern (Chalil) der Phöniker wurde 
das Magerfleisch, weil für die Gottheit nicht fett genug, nicht ganz 
verbrannt, sondern zum größten Teil an die Opfernden zurückgegeben 
(1. eod. 71). Bei den Babyloniern verkauften sogar die Priester (ver- 
mutlich zu magischen Zwecken) die der Gottheit zuerst dargebrachten 
Ehrenportionen, die auf sie übergingen (1. eod. 127), was bei den Juden 
und Phönikern strenge untersagt war (1. eod. 118), da das jedem käuf- 
liche Gericht keine freiwillige Opfergabe war. Die Hochschätzung der 
Holokausten bei Griechen und Römern erklärt auch den Wert der 
übriggebliebenen Opferasche beim Heilzauber derselben, über die wir 
noch sprechen werden. Daß die Germanen ebenfalls ursprünglich 
von Vegetabilien sich ernährten, beweist allein schon das Wort 
Mahlzeit = Mahl, Essen (Kluge ^ 256), mahlbare, vegetabiHsche 
Kost, ferner der indogermanische Hirsebrei als Seelenspeise*, Plinius 
(1. Jahrh. n. Chr.) h. n. XVIII, 149 sagt: „neque aha pulte (avennae) 
vivunt Germaniae populi." Müllenhoff 347 und 150 läßt sowohl die 
puls, d. h. den Haferbrei, als das Fleisch das Hauptnahrungsgericht 
der Germanen sein, ist also im Widerspruche mit sich selbst; der 
Haferbrei war sicher die Hauptnahrung und das Fleisch eine Fest- 
speise, wie heute noch bei vielen Bauern Deutschlands; die große Masse 
des germanischen Volkes lebte für gewöhnlich nur von Cerealien, 
nur die Chauken sollen nach Plinius h. n. XII, 3 angeblich reine 
Ichthyophagen gewesen sein (?). 

Nach der altgriechischen Volkssage waren die Menschen zur 
Kronoszeit Vegetarianer; ebenso war auch in dem goldenen Zeitalter 
das unblutige Opfer der ältere Ritus, d. h. die Volkssage setzte eben- 
falls die vegetabilische Kost als die ältere Ernährungsweise fest 
(Rohde II, 179). Das Brandopfer als Vermittlung der Seelen- 



^) Vergl. Os sacrum. 

^) Ueber die unverzollten Fleischgerichte s. u. 



22 Einleitung. 

speise durch das Feuer an die Totengeister kannten sicher die Ger- 
manen auch, aber nicht als Götteropfer (s. Golther 568); sie opferten 
die nach dem Yolksbrauche zugelassenen Tiere — concessa animalia, 
Tacitus ^) — , die eßbar sein mußten; diese galten allein nur als Götter- 
speise und diese wurden beim Opferschmause auch unter die Anteil- 
nehmer am Opfer ausgeteilt (Communio). Die Vereinigung mit der 
Gottheit machte auch hier die Ueberbleibsel vom Kultmahle zum 
segenbringenden Zaubermittel, wie uns die Kultbrote der Neujahrszeit 
und die Seelenbrote lehren, welche als Heilbrote Verwendung fanden. 
Eine andere Art von A^ereinigung mit den Wesen der Seelen- 
geister (Communio) war das Verzehren, Einverleiben jener Tiere, welche 
nach dem Glauben der verschiedenen hier in Betracht kommenden 
Völker Menschenfresser, Menschenblutsauger, Leichenfresser etc. waren 
(Geier, Taucher, Hyäne, Krokodil, Blutegel, Schlange, Fledermaus etc.), 
oder welche als Ahnenseelengestalten (Totem) galten. Die Verstor- 
benen leben als Kröte, Maus, Wiesel, Wiedehopf, Bär, Wolf, Schwein, 
Krokodil, Affe etc. fort; als solche tiergestaltige Gottheiten empfingen 
sie Tieropfer; anderseits wurden ihnen gerade solche Tiere geopfert, 
deren Gestalt die Seele oder Gottheit angenommen hatte. Durch den 
Genuß solcher Gotttiere (Theophagie) bezw. deren Seelensitzorgane 
wurde die Kommunion mit der Gottheit erstrebt; das dämonische Wesen, 
die göttliche Kraft konnte so in der leichtesten Weise auch durch das 
Tragen der äußeren Seelenhülle (Tiermaske) einverleibt werden und 
der Fruchtbarkeitssegen, die Gesundheit, die tiergöttliche Eigenschaft 
auf den Menschen übergehen. Wir wählen als Beispiel einer solchen 
Theophagie und Communio mit einer Tiergottheit das Schwein der 
Demeter (nach Frazers: The golden Bough H , 3, § 10, S. 299—311) 
aus; die Verkörperung des Korngeistes war dieses Schwein, das bei 
den Mysterien der Demeter geopfert wurde. Schweinferkel, Kuchen 
und Zweige von Pinien wurden bei den Thesmophorien in die unter- 
irdische Höhle geworfen, wo die Schlangengeister diese Opfergaben 
auffraßen, deren Ueberreste dann die Frauen im nächsten Jahre herauf- 
holten und auf den Altar legten. Diese von den Gottheitsschlangen 
übrig gelassenen Speisereste machten die Frauen fruchtbar und auch 
die Felder; denn wer ein Stück von diesem Opferschweine und 
Opferkuchen erhielt, pflanzte es mit dem Saatkorne in sein Feld. 
Die Communio mit der Gottheitsspeise machte den Kom- 
munizierenden des göttlichen Segens teilhaftig; die Frauen aßen 
Schweinefleisch als ein Sakrament, nachdem sie vorher geschlecht- 
lichen Umgangs sich enthalten, gleichsam gefastet hatten, also zur 
Erhöhung ihrer Schönheit und Fruchtbarkeit; auch Schlangen aus 
Teig wurden für die Demeter y.cfXki^B'^Bia bei den Thesmophorien 
in die Megarahöhle geworfen (Nilsson 320), aber auch die Symbole 
männlicher Potenz (a/r^ixata avSpwv) und weiblicher Fruchtbarkeit 
(zTslc) aus Teig wurden neben den Ferkeln als Opferzweck- Demon- 
stratio oder als aov^vjfJLa zf^(; Ysvsaewc in den Schlund geworfen 



^) Die concessa animalia des Tacitus (Germania 9) waren animalia permissa, 
quibus libare fas est (MüllenhofF IV, 217) im Gegensatze zu den privaten freir 
gewählten Opfertieren, welche beim häuslichen Opfer mit der Zeit immer mehr 
wechselten. 



Kinleitung-. 23 

(Nilsson 322). Kindererzeugung und Bestellung der Felder wurde 
immer zusammengestellt; die menschliche Fruchtbarkeit und 
der Ackersegen waren von der Gunst der Gottheit (Seelengeister) 
gleich abhängig. Die menschliche Fruchtbarkeit und Gesundheit zu 
steigern gehörte ebenso zum Liebeszauber wie die Erreichung des 
Kindersegens durch Gesundheitszauber und Geisterversöhnung erzielt 
wurde. 

Vegetative Fruchtbarkeit, geschlechtliche animalische Fruchtbar- 
keit, Liebe und Gesundheit erstrebte man durch die gleiche Communio 
mit den versöhnten Seelengeistern (chthonischen Gottheiten) dadurch, 
daß man die Gottheitsspeise mitverzehrte oder den Gott selbst in Ge- 
stalt eines Tieres oder auch als Teigfigur verzehrte. Die Theophagie 
erstreckte sich nicht bloß auf Haustiere, sondern auch auf sonst ge- 
fürchtete größere wilde Tiere, welche des Menschen Blut und Seele 
in sich aufnahmen, selbst auf kleinere Wesen, Mäuse und Wiesel, unter 
deren Gestalt die Menschenseelen Verstorbener fortlebten. Durch die 
Einverleibung solcher chthonischer Tiere (Tiergötter) konnte die gleiche 
übernatürliche Kraft gegen Krankheiten erworben werden, wie durch 
den Mitgenuß der der Gottheit geopferten Speisen, eine feuerlose 
Communio, die vielleicht die ältere Form darstellt, weil sie dem primi- 
tiven Seelenkulte am nächsten steht und sich am längsten erhalten hat. 
Bei den Kommunionen (Seelenspeise und Theophagie), die zum Aus- 
gangspunkte der volksmedizinischen Organotherapie wurden, liegt der 
allen Menschen gemeinsame Trieb zu Grunde, durch die Vereinigung 
mit der Gottheit sich übernatürliche Segenskräfte zu verschaffen, Frucht- 
barkeit und Gesundheit zu erlangen; der weitere Entwicklungsgang, 
namentlich im privaten Toten(Seelen)kulte mußte später zu allerlei 
Ausartungen dieser therapeutischen man tischen Handlungen führen; 
während die philosophisch-ärztlichen Anschauungen sich vom religiösen 
Boden immer mehr entfernten, blieben die breiten Volksschichten mit 
mehr weniger starken Fäden im sog. Aberglauben (Zauber) an dem- 
selben haften; die Verwendung der chthonischen Tiere (Schwein, 
Hund, Wiesel, Maus, Schlange, Maulwurf etc.) in der Volksmedizin 
erklärt sich mit dem Ueberlebsel aus der Communio mit den Seelen- 
geistern; als solche chthonische Tiere sind dieselben nach der Volks- 
sage Schatzhüter unter der Erde, sie sind voraussagende Angangstiere, 
Weissager, sie helfen sich selbst in Krankheitsfällen und haben Kennt- 
nisse von Heilpflanzen (A. f. R.W. X, 227). 

Wie die elbischen Wesen heilkundig sind und Krankheiten er- 
zeugen können, so ist auch der Genuß der chthonischen oder elbischen 
Tiere manchmal Krankheiten erzeugend (s. Bär, Fische etc.) und 
anderseits können gerade solche Tiere oft sich selbst heilen (Adler, 
Eidechsen, Schlangen, Hirsch etc.). Des römischen Naturforschers 
Plinius Historia naturae bringt dafür reiche Belege. Wie sehr ander- 
seits auch im germanischen Opferkult das Auguriumund das Heil- 
verfahren aus einer Quelle flössen, lehrt die Etymologie von heil: 
germ. hailiz , ahd. heil; ags. hsel, an. heill = omen, augurium, auspi- 
cium; air. cel = augurium; ahd. heilison; ags. hälsian = augurari; indog. 
kai (MüUenhoff IV, 229, Kluge « 168)., Die Prognose für des ein- 
zelnen oder der Sippe Heil, das Heilsame und Heilbringende erkannte 
man im Opferkulte, im Opfertiere. 



24 Einleitung. 

Die Vermittlung der heilsamen Hilfe geschah auch durch die 
Versöhnung, indem den Seelengeistern (chthonischen Gottheiten) die 
Seelensitzorgane durch das Feuer vermittelt wurden oder durch die 
Seelenfütterung mit dem Seelenbrei ihre Gunst erworben wurde. 
Ruß und Beim Brandopfer, das die Gottheitsspeise durch Feuer ver- 
Asche. i)i'annte unter Bildung von Ruß und Asche, waren selbst die über- 
bleibenden Knochenteile, die Brandasche, der Opferrauch, der aus- 
fließende Organsaft aus Brandholz und Tierorgan und der Ruß des 
Räucherharzes die Vermittler des göttlichen Segens und als solche 
wurden sie zu zauberhaften Heilmitteln. — Auch beim germanischen 
Volke haben sich Spuren davon erhalten; denn solche Opferreste waren 
heilsam bei Sippen- und Landesseuchen, bei Vieh und Mensch (U. Jahn 
25, 40, 41, 47) und bei Privatkrankheiten. Im zweiten Gudrun- 
liede der Edda (Jordan, 415) ist einem Vergessenheitstranke neben 
Schweineleber (s. d.) und Eingeweiden von Opfertieren auch der 
schwarze Herdruß (umbdoggs arins) beigemischt, eine Zusammen- 
stellung, die wohl aus dem Totenmahle stammt, wobei der Minnetrank die 
Erinnerung an den Schmerz betäubte. Auch beim Pseudo-Dioskurides 
(4. Jahrb. p. Chr.) ist Kaminruß mit Wein ein Mittel gegen Skor- 
pionenstich (Janus XII, 1907, S. 402). Im Ardennenwalde galt noch 
zur Zeit vom h. Hubertus (f 727) die Asche der verbrannten sym- 
bolischen Kultobjekte als verehrungswürdig und heiHg: 

„Idola plurima et sculptilia (Opfersubstitute aus Holz oder Wachs), quae 
colentes erant in Ardoinna, igne cremanda destruxit, favillam vel cineres ejus, 
quod postea fanatici homines more sacrilego venerabant, triennia poenitentia illos 
dijudicans" (Gaidoz 55). 

Wie lebhaft die Vorstellung, daß auch in der Asche des Körper- 
teils ein Teil der wirksamen Kräfte des ganzen Körpers enthalten 
seien, auch noch später im christHchen Volke andauerte, lehrt folgendes: 
Die Asche eines 1554 von den Portugiesen aus der Pagode von Pic 
d'Adam auf Ceylon geraubten, als heilig verehrten Affenzahnes mußte 
auf Rat des christlichen Erzbischofs ins Meer gestreut werden (Keller), 
da aus der Asche sonst wieder ein neues Wesen entstehen konnte. 

Die Asche hatte als Aschenlauge etwas Reinigendes, die 
Haut von Schmutz Befreiendes. Die Asche einer ganz verbrannten 
roten Opferkuh galt schon bei den Aegyptern gemischt mit reinem 
Flußwasser als ein Heilmittel, das alle Verunreinigungen wegnahm, 
als Kathartikum katexochen (Movers, Phon. I, 367). Die verschie- 
densten Aschenverwendungen gingen als Heilmittel in die Medizin 
der Römer über; so gebraucht Celsus (1. Jahrb. a. Chr.) Reisigasche 
(VII, 1), Gewürzasche (VI, 56, Nr. 22), Dioskurides Weinrebenasche 
(V, 134), die Feigenasche (Aschenlauge des Feigenbaumes I, 186). 
Die ätzende und hautreinigende Wirkung der Kali- und Natronsalze 
erhielt die Lauge und die Organasche als volksmedizinische empirische 
Mittel. Berendes 149 fügt hinzu, daß die Aschenlauge schon in der 
indischen Arzneimittellehre des Susruta eine bedeutende Rolle spielte 
und aus besonders vornehmen Pflanzen unter großer Feierlichkeit dar- 
gestellt wurde, also auch dieses anscheinend ganz empirische Reini- 
gungsmittel entstammt aus dem Opferkulte bezw. aus der Verwendung 
des beim Brandopfer erübrigenden Aschenrestes-, so auch die Asche 
des Fliegengottes aus der Verbrennung der FHegen beim Opferbrande^. 



Einleitung. 25 

Wie der Sohn aus der Asche des Scheiterhaufens sich sorgfältig 
die Gebeine des Vaters als häuslichen Segen zur Bestattung in der 
Nähe des Hauses suchte, so holte sich als Mittel zur Gesundheit und 
Fruchtbarkeit auch der Kranke aus dem Tieropfer die Asche der 
Tierknochen (Hirschhorn etc.); diese übernahm ebenso volksmedi- 
zinische Wertschätzung wie die Räucherung mit dem Rauche ver- 
brannter Tierknochen (Ziege, Hirschhorn etc.), (Fuchs, Hippokrates HI, 
339, 353, 355, 387, 388, 390, 521, 572 etc.) oder verbrannter Tier- 
genitalien, Hirsch z. B. (Fuchs, Hippok. HI, 605 etc.). 

Die älteste Opferstätte war der Herd (lo'/dpa); dies war auch 
die älteste Begräbnisstätte (Rohde ^ I, 228, 230), die Stelle der 
Ahnengeisterverehrung ; diesen Platz nimmt manchmal auch der Rauch- 
fang oder Kamin im Volksbrauche ein (s. Ziegengehirn, Ziegenmilz, 
Lerchenherz, Kalbsherz); die Hausgeister erhalten hier ihre Seelen - 
fütterung in Gestalt von Tierherzen oder Tierköpfen (Gehirn). Stier- 
und Widderköpfe schmücken auch meist die antiken Opferaltäre aus 
Stein gehauen. Wir werden noch öfter diesem „hermetischen Ver- 
schlusse" von Opferteilen in der Mauer des Hauses oder an der Ofen- 
wand begegnen, die mit goldenem Ringe versiegelt wurden (s. Lerchen- 
herz, Sigillum Hermetis). Hermes und Hekate, die Seelenführer, haben 
ihre Wohnung ohne Licht und Luft in der Tiefe des Herdes (Rohde ^ 
n, 82); am gefürchtetsten war der als zpiQ [ls^iqzoq (dreimal erhabenster) 
angerufene Hermes. Dort hatten die Lares, Renates, an. skurdgod, 
Wichtel am Wichtelstein (s. Krankheitsnamenb. S. 803) ihre Stätte; 
dort erhielten sie auch ihr versöhnendes Seelenfutter und dort fanden 
auch die Totenbeschwörungen statt; s. o. S. 15. 

In Rußland bringen noch heute die Bauern dem Rauchfange und 
Hausherde ihre Libationen; sie stellen Opfergaben vor ihn und feiern 
eine Art Vermählung mit ihm (Communio mit den Ahnengeistern) 
beim Anbruche des Winters (Globus LXXVII, 1900, 250). 

Die (am Herdrauche geräucherte) Tierzunge (Teil des Kopfes) 
ist ein Opfer an den Hermes und ein häufiges volksmedizinisches Heil- 
mittel. 

Die römische Doctrina magica gebrauchte die Opferasche häufig. 

Fahz, der die Stellen unter den römischen Poeten gesammelt, führt (1, c. 149) 
an aus Horaz, Epod. XVII, 47, 48: „in sepulcris pauperum prudens anus novem- 
diales^) dissipare pulveres"; aus Tacit. Ann. II, 69: „semiusti cineres aliaque 
maleficia, quis creditur animas numinibus infernis sacrari"; aus Lucanus VI, 533: 
„fumantis juvenum cineres ardentiaque ossa e mediis rapit illa rogis"; aus Ovid. 
her. VI, 90: „certa de tepidis colligit ossa rogis." 

Aus diesen Belegstellen allein schon ergibt sich deutlich die Ver- 
wendung der Opferasche zu magischen Liebeszwecken: auch beiden 
Juden ist dieselbe bei Krankheiten, welche unrein machten, bezeugt. 

„Ein Heide sagte zu einem Juden: Ihr nehmt eine rote Kuh, schlachtet, 
verbrennet, zerstoßet sie und nehmet ihre Asche; wenn dann jemand von euch 
von einem Toten unrein wird (d. h. durch den Totengeist besessen wird), sprenget 
ihr zwei bis drei Tropfen und sprechet zu ihm: Nun bist du rein. Der Jude 
erwidert dem Heiden, daß der böse Geist, den die Heiden mit Kräuterräuche- 



^) Das römische Novemdial fiel auf den 9. Tag nach der Bestattung-, die 
Totenasche = pulvis novemdialis. 



2ß Einleitung-. 

rungen etc. zum Vertreiben bringen, auch bei ihnen, den Juden, ein Geist der 
Unreinheit sei, den sie mit der Asche der roten Kuh vertreiben" (Blau, Das alt- 
jüdische Zauberwesen S. 55). 

Also auch hier haben wir die deutliche Beziehung der tierischen 
Organaschenverwendung zu dem antidämonischen Opfer, wobei die 
Opferasche zur Katharsis, d. h. zur körperhchen Reinigung von dem 
Krankheitsflecke, diente, welche Katharsis in Krankheitsfällen neben 
der eigentlichen ärztlichen Behandlung bei den Griechen fortbestand 
(Nilsson 98). Solche Aschen Verwendung werden wir im Laufe der 
Abhandlung öfters finden, nicht bloß bei opferbaren Tieren, z. B. des 
Wiesels (gegen Drüsen am Ohre, Janus XII, 1907, S. 146, 210), 
sondern auch bei Fröschen (gegen Haarschwund, s. Janus 1907, 93, 
und gegen Blutungen bei Galenus, Neue Jahrb. f. Philol. 149, S. 142), 
bei Bienen (gegen Haarschwund, Janus 1907, 94) und FHegen (Plinius 
XXIX, 34), bei Schwalben (gegen Schwachsichtigkeit, Janus 1907, 27, 
und gegen Bräune bei Galenus, Neue Jahrb. f. Philol. 149, S. 142 und 
Janus 1907, S. 91, 92), bei Lerchen gegen Kolik (Galenus, Neue 
Jahrb. f. Philol. 149, S. 142), wie das Lerchenherz (s. u.). lieber die 
Asche der Fordicidienkälber bei den Römern werden wir noch unten 
sprechen. 

Besonders bemerkenswert ist, daß (nach Herodot IV, 35) die 
Asche der auf dem Altar der Artemis auf Delos verbrannten Schenkel- 
stücke, die in einer Kiste hinter dem Altare aufbewahrt wurde, den 
drei Hören oder hyperboreischen Jungfrauen gehörte, mit der allein 
sich diese abfinden mußten (Nilsson 207, 163). Die eigenthche Speise 
gehörte nur der Gottheit, der Aschenrest den niederen Geistern. In 
der Asche der Tiere ist nach dem Glauben primitiver Völker auch 
noch deren Kraft und Eigenschaft enthalten (vergl. Frazer, The golden 
Bough, C. II, c. III, S llj, die man durch Einverleiben, Einreiben, Ein- 
impfen etc. sich aneignen kann, daher auch Plinius, h. n. XVIII, 17, 45, 
die Wieselasche zum Vertreiben der Mäuse empfiehlt, wie das ganze 
lebende Wiesel. Delphinenas che mit Honig vermischt wurde als Salbe 
bei den Römern zu allerhand Quacksalbereien verwandt (Keller 234). 

Die alkalische Tier- und Pflanzenasche war ein sehr häufiges 
Reinigungsmittel, eine Katharsis. „Die Identität von (pdpjxaxov = Heil- 
mittelkraut, Arznei, und (pap[JLaxöc, dem persönlichen Sühnemittel, ist 
längst bemerkt worden. Wie die Achäer den Krankheitsstoff be- 
seitigen, wie das Miasma durch die Prozesse von juspLxa^aipsLV, :r£pt- 
[laTTsiv aufgesogen und dann durch das Hinauswerfen ins Meer, Be- 
graben in der Erde u. s. w. unschädlich gemacht wird , ebenso wird 
der Pharmakos in der Stadt herumgeführt, um den Unglücksstoff 
aufzusaugen und dann außerhalb der Stadt vernichtet" (Nilsson 99). 
Der Pharmakos gleicht dann gewissermaßen einem ausgetriebenen 
Krankheitsdämon, eine solche Rolle spielen auch manche Tiere, Tier- 
organe (s. Milz) und Pflanzen; ebenso aber auch die Asche dieser die 
Rolle eines Pharmakons und Pharmakos. Die Reinigung war eine 
Entsühnung von Schuld, die den Menschen durch Krankheit befleckte; 
die Krankheit aber war eine Folge der Ungunst der unholden Seelen- 
geister (Dämonen) ^), von der man sich durch versöhnende Speisen etc. 



^) Vergl. Hippokrates, Morbus sacer. 



Einleitung. 27 

t-einigen mußte. Der Schwärm der Hekate brachte Krankheiten, die 
man durch entsühnende Reinigungsakte abzuwenden suchte (Rohde 
II, 411). 

Solche Opfer an die Seelengeister (Heroen) und chthonischen Gott- Nächtliche 
halten fanden besonders häufig Nachts statt, d.h. im Morgengrauen, ^^ e^^eit. 
vor Sonnenaufgang, also in nüchterner (nocturnus) Zeit, dies 
nicht nur bei den Germanen, sondern auch bei jenen Völkern, deren 
Heilkunst das germanische Volk durch das Mönchstum veimittelt er- 
hielt. Daß namenthch die Ahnengeister, Heroen und chthonischen 
Sühnegottheiten der Griechen und Römer herbeigerufen, beschworen 
und mit nächtlichen Opfern versöhnt wurden, lehren Rohde ^ I, 273, 
Nilsson 449, 454 etc. Die Juden fanden schon bei den Babyloniern, 
daß die (hauptsächlich zu Reinigungs- und Heilzwecken im Kulte ver- 
wendeten) Hunde dort Nachts geopfert wurden; ebenso wurden die 
Hunde des spartanischen Enyalius (=Ares) und der chthonischen Hekate 
Nachts dargebracht (Pausanias IH, 14, X, 38, 8). Die griechischen 
Holokaustien , welche unter Enthaltung vom Genüsse der den ^sol 
iLBikiyiot (holden Gottheiten) bestimmten Speisen hauptsächlich den 
chthonischen Wesen dargebracht wurden, fanden ebenfalls meist nur 
Nachts statt (Stengel 371, Rohde ^ I, 273); zu solchen chthonischen 
Gottheiten gehörte die mit Seelenhunden (TrovTjpol 07.t{xov£^, Rohde ^ 
II, 83) herumschwärmende Hekate; Hekatemahlzeiten sind geradezu 
apotropäische Seelenfütterung (1. eod. I, 79, 81, 235, 273); ferner 
der Hermes chthonios, der Gott aller Totenbeschwörungen, die '"llpa, 
der weibliche Heros, die uralte chthonische Göttin (A. f. R.W. X, 
263), die „ziegenfressende" Göttin der weibhchen Menstruation, die 
geburtshilfliche Gottheit, die göttliche Heilkraft bei Frauenleiden 
(Röscher, Selene 56, 61, 95), der man weiße Kühe etc. opferte und 
die man in den Neumondnächten verehrte. Auch der jüdisch-ägyptisch- 
hellenische Heilzauber des 4. Jahrh. p. Chr. kennt die Vorschrift, das 
Opfer in dem Morgengrauen vor Sonnenaufgang vorzunehmen (Abra- 
xas 159) und in einer Defixio aus Megara wird die Hekate direkt als 
^EzdTT] axpoopoßöpYj = bei Tagesanbruch gefräßige angerufen (Rohde 
n, 81); solche bei Sonnenaufgang „berufene" Geister werden beim 
Abraxas zu bestimmten Zwecken beschworen^): „Aaf[j.ov£c; xal To^^at 
^al Moipai, i^ wv didozai ttXoötoc;, soxspsaia, sdtsxvicx, Toy//], Tpo^p-?] 
ava^Tj" (Abraxas 160, 196), zur Erlangung von Reichtum, gutem Tem- 
perament, leichter Entbindung etc.; wir werden dieser Vorschrift 
auch bei der Verwendung der tierischen Organe in der Volksmedizin 
öfters begegnen. 

Die Versöhnung der Gottheit war sicherer, wenn der Gottheit Fasten und 
oder den Seelengeistern das Speiseopfer allein und nur ihr, als Ganzes heit. 
dargebracht wurde, während welcher Zeit die Opfernden sich des Opfer- 
genusses enthalten mußten ; solches Fasten als religiöses Gebot hatten 
auch die Germanen, es war immer die Vorbereitung zu einer religiösen 
Handlung, die man mit Scheu und Ehrfurcht vor dem Grolle der 
chthonischen Wesen vornahm. Fasten bis zum Abend kam bei den 



*) Mit dieser Geisterbeschwörung hängen auch die verschiedenen Berufs- 
kräuter zusammen , die auch Hippokrates in traditioneller Weise" bei hysterischeu 
Krankheiten verwendete. 



28 Einleitung. 

Griechen hauptsächlich im Kulte der fruchtbar machenden Göttin 
Demeter vor (Nilsson 469, 317, 351); gerade diese mit dem Seelen- 
kulte verbundenen Abstinenz Vorschriften führten mit der Zeit zu einem 
volksmedizinischen Regimen sanitatis, diätetischen Regehi, die ihren 
Zusammenhang mit dem Reinigungs- und Sühnekulte nicht verleugnen 
können (Eohde II, 76). Hippokrates (De morb. mul. I, c. 43 u. 75) 
empfahl als Unterstützungsmittel bei der Behandlung weiblicher Un- 
fruchtbarkeit (neben dem Genüsse von Milch einer schwarzen Kuh) 
das Fasten: auch Plinius (h. n. XXIX, 36, XXX, 23) kennt dasselbe 
als volksmedizinische Therapie. Nüchternheit und Fasten sind 
gleichwertige Opferriten, die wir auch in der Verwendung der tierischen 
Organe oft finden werden. Die xa^apiaL [idYOi xal a^bpicui, die Sühne- 
priester, welche die durch den Groll der Seelengeister veranlaßten 
Krankheiten durch Entsühnung und Reinigung behandelten, operierten 
vielfach mit solchen Abstinenzvorschriften, die die Katharten selbst 
auf t6 ^clov zal t6 Sa'.jxöviov zurückführten (Rohde ^ II, 76), d. h. auf 
die Versöhnung der. Dämonen und der Gottheit; was den Unter- 
irdischen gehört, ist gleichsam „tabu" = sacer; es durfte nicht von Un- 
Geschiecht- befugten berührt werden, wurde auch „hermetisch" verschlossen ^). Auch 
Reinheit, geschlechtliche Abstinenz war in manchen Kulten eine rituelle 
kathartische Vorschrift, so auch im Abraxas 158 das Schlafen auf einem 
Binsenlager 7 Tage lang (aTiö azopScov y.al yoipicüv %ai Yovatxöc;), ebenso 
das Schlafen der Frauen auf dem Keuschlammstroh ''^) bei den Thesmo- 
phorien der Hera (Nilsson 49, 190, Berendes 120), wo sie ihre Keusch- 
heit besser bewahrten (vergl. auch A. f. R.W. 1907, S. 414 u. o. S. 18). 
Ein medizinischer 02)ferkalender, der auf Kos als Inscriptio sich erhalten 
hat, verlangt: „aYvsoc^O-at Yovaixöc zal apasvoc avul voxtö?". 

Die ältesten Opfer sind die Totenopfer und die Opfer an die 
chthonischen Gottheiten (= unterirdischen Wesen), jene fanden statt 
in den Hebdomaden nach dem Todesfalle und in den Seelenschwärm- 
zeiten (Jahresabschnitten, Neujahr, Sonnenwende, nach der Ernte, vor 
der Saat). Dies waren die ursprünglichsten Kultzeiten. Die Fest- 
stellung des Sonnen- und Mondjahres hatte weiterhin auch einen Ein- 
fluß auf die Neujahrsbestimmung. Der Mond wird allgemein als die 
Ursache des Wachstums und Quelle der Feuchtigkeit nament- 
lich von den ackerbautreibenden Völkern angesehen (Frazer, Th. g. B. 
C. II, c. 3, § 6). Nach dem Glauben des gesamten Altertums bedingte 
der Mond das Wachsen und Gedeihen aller Lebewesen, namentlich 
der Wassertiere; er beeinflußte ganz mächtig das Verschwinden der- 
selben und das Entstehen von Krankheiten. 

Röscher hat in seiner oft erwähnten Arbeit „Ueber Selene und 

Namentlich in den eleusinischen Mysterien war es Vorschrift sich zu ent- 
halten des Hausgeflügels, der Fische, der Bohnen, Granaten, Schafe, vermutlich 
weil dieses die üblichen Totenopfer waren (Arch. f. Relig. W. 1907, X, 408)-, alles, 
was von totem Vieh stammte (morticinium) , sogar die Lederschuhe waren ver- 
pönt, gleichsam „tabu". Gegen die Ausdehnung solcher Reinigungsvorschriften im 
Ritus des Heilopfers werden sich sicher die Priesterärzte am wenigsten ge- 
sträubt haben. 

2) „xvstupov = (poTov Tt xolc, Sto\i.Offo^io',z UTTOOTopvuTczi v.al CO de, v.dd-a^oiM xpwvxat 
xal Y'Jva'.xeiov jxoptov" (Nilsson 318) = Coccum gnidium (Frieboes 678) ist natürlich 
eine andere Pflanze. Milch einer keuschen Frau war ein Augenmittel der christ- 
lichen Aerzte Cosmas und Damian (5. Jahrh.) (Deubner 165). 



Einleitung. 29 

Verwandtes" diese Beziehungen eingehend dargelegt. Der tauspendende 
Mond galt als Ursache des Erscheinens der weiblichen Periode ((J//)v'r] Mondzeit. 
= Mond, xatafAT^via ; Dea Mena = M'/jv/], „quae menstruis fluoribus 
praeest"). Die befruchtende Zauberkraft des Mondes erhöhte alle 
Handlungen der animalischen Vegetation und Generation in ihren 
Wirkungen. Krankheiten entstanden und wurden geheilt in den ver- 
schiedenen Phasen des Mondlichtes, namentlich stand die Entbindung 
der Frauen unter diesem Einflüsse; der abnehmende Mond erschwerte, 
der zunehmende und volle Mond erleichterte dieselbe; der Mond war 
eine dämonische Macht der Nachtzeit, ihr brachte man Tier- und 
Kuchenopfer dar, wie den Seelengeistern: ja das Toten- und Seelen- 
reich wurde geradezu in den Mond verlegt von den Orphikern und 
Pythagoräern. Wie sehr der Glaube an den Einfluß des Mondes auf 
Gesundheit und Krankheit des Menschen und Tieres selbst bis auf 
unsere Tage andauerte, lehren uns die in Verf. Krankheitsnamen - 
buche angeführten Krankheiten, s. v. Mond, Mondauge, Mondblind- 
heit, Mondblut etc. S. 420 ff. 

Die Phasen des zu- und abnehmenden Mondes zu beobachten (die 
Kalendermacherei) war eine ärztlich-priesterliche Beschäftigung; die 
Giftkräuter erhielten nach diesem Glauben durch das Mondlicht und 
den Mondtau eine erhöhte Wirkungskraft (Fahz 153), manche Tiere 
des Meeres sollten, durch das Mondlicht beeinflußt, im Wachstum zu- 
und abnehmen, auch in ihren inneren Organen. Ebenso wichtig war 
der Beginn eines neuen Jahres (Silvesternacht), das natürlich Kultzeit. 
je nach der Kulturperiode verschieden fixiert war ^) ; in der deutschen 
Volksmedizin bemerkt man sehr häufig den 1. März, den Beginn des 
römischen Neujahrs, als Kultzeit (und damit den Beweis, daß römische 
Volksmedizin die Quelle der betreffenden Verordnung sein mußte). 

Der Ackerbau yor allem schuf die Kultzeiten zur Versöhnung 
der Fruchtbarkeitssegen vermittelnden Seelengeister, weil nur der 
Ackerbau streng an die Jahresphasen gebunden ist; erst mit dem 
Ackerbaue gab es jahreszeitliche Feste mit Fruchtbarkeitsopfern und 
Heilbroten. Nach dem Aufkommen des Mondjahres oder Mondkalenders 
wurden allerdings alle Feste nach diesem geregelt. Die christlichen Feste, 
welche sonst das heutige volksmedizinische Handeln bestimmen, sind fast 
nur der Frauendreißiger und der Freitag, bei welch letzterem Tage 
der römische Dies Veneris durch Gelehrteneinfluß mitbestimmend ge- 
wesen sein kann; der Freitag war „des Jägers Sonntag" im Volks- 
munde, d. h. er lieferte die besten Fruchtbarkeitsmittel aus der Sphäre 
der Jagdtiere in spätmittelalterlicher Zeit. Der Frauendreißiger 
war eine kirchliche Kultzeit zwischen den 2 Frauentagen im Sommer; 
die Zahl der 30 Tage aber stammte aus dem Totenkulte 2). 

Eine wichtige Kultzeitrolle spielten auch volksmedizinisch die 



') S. die Neujahrsgebäcke in Z. f. Oe. V. K. 1903, S. 185. 

^) Vergl. unten „Dreißigstkraut" unter Wegerich. Dreißig Tage schwärmen 
die Geister der Verstorbenen um ihre Heimstätten, bis sie in das Reich der Hella 
(Proserpina) eintreten; am „Dreißigsten" war die tpiciv.dc, der Tag für das Opfer- 
mahl der Toten. Auch in Indien und Persien wurde das am dreißigsten Monats- 
tage dargebrachte Totenopfer mehrmals v/iederholt (vergl. Rohde ^ I, 233; Ho- 
meyer, Der Dreißigste). 



30 Einleitung. 

Bacchanalien oder Dionysien (Fastnacht). Dionysos trägt lauter 
Beinamen des Hades, ist also auch Herr der Seelen und hält sich im 
Seelenreiche der Unterwelt auf, von der er hervorkommt, um seine 
Epiphanie zu feiern, wobei die anwesenden, in Tanzwut befindlichen 
und in Tiermasken gekleideten Menschen (s. Titelblatt) sich auf das 
Opfertier stürzen, um dessen Fleisch roh zu verschlingen (s. Hecht- 
herz) (Rohde ^11, 13), eine 'O^ioicooi«; uj) d-u^ oder eine Theophagie, 
welche übernatürliche, namenthch aber antidämonische Kräfte verleiht 
(s. 0. S. 8), namentlich gegen fieberhafte Seuchen der Völker und 
gegen das Fieber des einzelnen. Auch das Tragen der äußeren Tier- 
hülle (Tiermaske), „the external soul", schützte vor dem Einflüsse böser 
Dämonen, wie die Einverleibung der Tierseelenorgane als Amulett 
oder Talisman. 
Schwarze Schwarze oder einfarbige (rote, weiße) Tiere wurden 

Opfertiere hauptsächlich den Totengeistern und den chthonischen Gottheiten ge- 
opfert; farbenrein, unbefleckt, vollkommen, unverletzt, nicht kastriert, 
jungfräulich, geschlechtlich rein, alle diese Eigenschaften spielten eine 
Rolle bei der Auswahl der Opfertiere und der zu Heilungen oder Süh- 
nungen benützten Tiere; je kleiner der Vogel, desto unschuldiger und 
reiner war er. Zur Entsühnung des mit Krankheit befleckten Kranken 
konnten nur ganz reine Tiere gewählt werden; daher auch die Aus- 
wahl junger Tauben und kleinster Vögel im Neste als Heilmittel in 
der deutschen Volksmedizin. Nicht der mittelalterliche Teufel oder 
die altgermanische Hexe haben die schwarze Kuh, das schwarze 
Schwein, den schwarzen Esel, das schwarze Kalb, das schwarze Huhn 
oder die schwarze Katze, den schwarzen Hund etc. zu Heilmitteln ge- 
stempelt, sondern die ganz naheliegende uralte Beziehung der schwarzen 
Farbe zum schwarzen Totenreiche, dem Heimatlande der Krankheits- 
dämonen, die namentlich in den dunkelsten Nächten am gefährlich- 
sten waren; selbst im deutschen Volksglauben sehen wir dies bezeugt. 
Im Mecklenburgischen wurde dem sterbenden Menschen eine reich - 
geschmückte Kuh zugeführt, damit diese den Sterbenden in die andere 
Welt hinübergeleite, gleichsam als Lur-Od (Laistner) an die Seelen- 
geister; darum heißt es dort auch: die schwarze Kuh hat ihn getreten, 
d.h. er stirbt bald (Meyer, Mythol. d. Germ. 113, Laistner, Rätsel 
d. Sphinx II, 80 ff.). Wenn sich in Oberbayern Bekannte nach längerer 
Zeit wieder sehen und sie sich bereits gleichsam tot glaubten, so sagen 
sie: „Es tat' not, ich gelobte eine schwarze Henne" (zu deinem 
vermeintlichen Tode) (Andree, Votivgaben 149; Höfler, Volksmed. 154). 
Schwarze Hühner wurden in Süddeutschland besonders in den Sonnen- 
wendzeiten (Seelenschwärmzeiten) geopfert. Marco Polo (13. Jahrh.) 
schildert schon in seinen Reisen durch China ein Opfer von schwarzen 
Schafen. Dem beleidigten, grollenden Götzen, welcher die Krankheit 
eines Reichen verursacht hatte, brachten die Volksmediziner in Wan- 
tschang ein Opfer von Schafen mit schwarzen Köpfen dar; die Schafe 
wurden geschlachtet, das Blut derselben zum Himmel gespritzt, wo 
sich der Geist eben aufhielt; Aloeholz ^) wurde angezündet und das 
ganze Haus durchräuchert, die Brühe, in der das Schaffleisch mit Ge- 



^) Aloe kannten die alten Tndier bereits ; es war ein Abführmittel zur Reini- 
gung, kathartisch ist auch die Verwendung des Aloeholzes als Räucherung. 



Einleitung. 31 

würzen gesotten wurde, dem Krankheitsdämon in die Lüfte gespritzt 
und das Fleisch verzehrt und die Brühe getrunken. Wenn diese Opfer- 
zeremonie die Heilung nicht erzielte, so erklärten dies die Heilkünstler 
damit, daß jemand von den Speisen vorher schon verkostet hatte, ehe 
dem Götzen sein Ehrenanteil dargebracht worden. Die Vorwegnahme 
der Gottheitsspeise rächte sich durch die Andauer des Gottheitszornes 
und damit auch der Krankheit (Dr. H. Lemke H, 41, p. 331). Schwarze 
Kühe gehörten bei den Griechen der Unterweltsbeherrscherin Perse- 
phone (Proserpina) (Nilsson 359). Die Milch einer schwarzen Kuh 
empfahl (neben Fasten s. o. S. 6) schon Hippokrates (De morb. mul. 
XLIII-, Fuchs ni, 433) als Frauenmittel, und die Zauberbücher der 
jüdisch-hellenisch-ägyptischen Orphiker (4. Jahrb. p. Chr.) führen eben- 
falls [isXaiVYjc ßoöc; ^aXa als Zaubermittel an (Abraxas 172, 148), und 
so bekannt war dieses Mittel, daß es auch in der magischen Herme- 
neutik der damaligen Zeit eine Quecksilbermischung mit Schwefel als 
solche „Milch (Schwefelmilch?) von der schwarzen Kuh" (schwarzes 
Schwefelquecksilber) bezeichnete: „yaXa ^ooq pLsXaivTjc: iariv 6SpdpYDpo<; 
»7:0 -ö-eioü" (Dieterich 783). Schwarze Hunde als antidämonisches 
Magiermittel erwähnte schon Plinius (s. Hundegalle). Ganz schwarze 
Katzen (Kater) kommen schon im hellenisch-jüdisch-ägyptischen Traum- 
zauber vor (Dieterich 785, 800). 

Das Membrum virile eines schwarzen Schweines führt schon 
der Abraxas p. 80 (4. Jahrb. p. Chr.) als Opfer an den Unterweltgott 
Kronos an: „s^tco §£ tj ad^y] aTuö aoöc [xsXavoc XsTrpoö sxTOixLaioo." 
Schwarze Widder erhielt der Pelops zu Olympia in einer Grube 
(Nilsson 462). Schwarze Schafe waren beim griechischen Totenopfer 
die Regel (Rohde ^ I, 56, 243); das Substitut desselben ist das unge- 
schorene schwarze Schaffell oder auch nur der Faden aus schwarzer 
Schafwolle (siehe unten Chamäleonherz, Krokodilherz). Aus dem 
Schulterblatte eines zweijährigen schwarzen Schafes, das zum Weih- 
nachts- (oder Neujahrs)braten bestimmt ist, wird in der Herzegowina 
geweissagt (Wissenschaftl. Mitteilungen aus Bosnien und Herzegowina 
IV, 462, 464). 

Schwarze Hühner wurden nach Plinius X, 56, 77 (Lenz 337) 
nur zu geheimen Opfern bei den Römern verwendet, d. h. wohl bei 
den Opfern an die chthonischen Gottheiten und Seelengeister, dem- 
entsprechend finden wir auch die schwarzen Hühner am häufigsten 
volksmedizinisch verwendet (1685). „Die schwartze Henne soll die 
beste seyn" (Schröder 1344); „die schwartzen Hühner, die noch nicht 
gelegt haben, sind die besten" (1. eod.). Ueber schwarze Hühner im 
Volksbrauche und in der Volksmedizin siehe A. f. R.W. VH, 102; 
Liebrecht 348; Vernaleken 292, 304; Scheible IX, 200, 379; Volks- 
kunde II, 230; De Cock 105, 109; Birlinger H, 504, 305; Peters I, 
204; Wuttke 37, 299, 300; Jühling an zahlreichen Stellen etc. Gegen 
Epilepsie wird in Rossshire ein schwarzer Hahn lebendig begraben 
(Hess. Bl. f. V.K. HI, 138). 

Das Blut schwarzer Tauben wurde bei den Römern zu Zauber- 
zwecken verwendet (A. f. R.W. VII, 442). 

Bilder von schwarzen Tauben als Opfersymbole fand man im 
Tempel einer weiblichen Gottheit auf Kreta (A. f. R.W. VH, 269; 
Nilsson 361; Abraxas 158). In dem Asklepieion auf Kos bestanden 



Opfertjere. 



32 Einleitung. 

genaue Vorschriften über die Eigenschaften der Opfertiere (vergl. 
Arch. f. R.W. X, 1907, S. 414). Das Opfer mußte der Gottheit 
ähnlich, angehörig sein, deshalb auch ihre Farbe tragen, weiß der 
Mondgottheit, rot dem Mars, schwarz den unterirdischen Mächten. 

Durch die Beigabe von Blut oder Fell eines schwarzen Opfer- 
tieres zu den Organteilen eines nicht opferbaren Tieres oder zu mensch- 
lichen Leichenteilen scheint eine Katharsis oder Reinigung bezweckt 
worden zu sein; alles Schwarze war den ^^ovioi geweiht und darum 
kathartisch (Rohde ^ I, 226, 56; II, 76); so erklärt sich auch der 
gegen Epilepsie 1685 empfohlene Menschengeistspiritus, aus Leichen 
präpariert, mit dem Blute eines schwarzen Hirsches und Maiblümchen 
(Feldkräuter) auch als Mittel gegen den (Däraonen-)Schlag (Schröder 
1299); nicht der mittelalterliche Hexenglaube erklärt die Verwendung 
schwarzer Tiere in der volksmedizinischen Organotherapie, sondern 
das Toten- oder Seelenopfer. Schwarze Gegenstände und Heilmittel 
haben nur mit dem Totenreiche Beziehung, deren Geister durch 
schwarze Opfer versöhnt werden sollten, wodurch der gequälte Kranke 
entsühnt und gereinigt erschien. Einzelne schwarze Tiere, gelten dann 
weiterhin auch als Verkörperungen bösartiger Toten- oder Höllen- 
geister. 
Weiße Weiße Opfertiere erhielten namentlich die semitische Sonnen- 

und Mondgottheiten; Hera und Juno weihte man Herden weißer 
Kühe; die Aphrodite Urania erhielt ein weißes Kalb (Röscher, 
Selene 33); auch die der Selene geweihten Rinder waren weiß; weiße 
Gazellen ein Opfer an die Mondgottheit (Nielsen 104). 

Fleckenlose rote Kühe verwendeten nur die Semiten, Juden und 
Aegypter als Opfertiere, vermuthch auch nur im Notfalle an Stelle 
anderer Opfertiere (Wiedemann 181; Maurer 108). Rötliche Hunde 
an Stelle der Füchse opferten die Römer (Festus) (Keller 192). 
Rote Schweine und Schafe werden in der Volksmedizin öfter eigens 
angegeben. Auch ganz weiße (oXoX-rr/.oi) Opfertiere wurden, aber 
sicher sehr viel seltener, bei den späteren Griechen verwendet 
(Abraxas 159) als Symbole der Reinheit. Ganz weiße Hähne waren 
im alten Aegypten ein Opfer an Hermes- Anubis, den äffen- oder 
schakalköpfigen Hüter der Totenstätten (Keller 189, 325; Movers 
Opferw. 57), den Geleiter der Totenseelen. Auch im ägyptisch-grie- 
chisch-jüdischen Zauberpapyrus (4. Jahrh. p. Chr.), der zum Liebes- 
zauber die Vorschrift gibt, wird verlangt, daß man einen „aXsxiopa 
§iXo^ov, Xsuxöv T] lav^öv aTcsyoo ok fieXavo?" (A. Dieterich 812), d. h. 
einen weißen Hahn ohne alles Schwarz mit zwei Kämmen nehme. 
Ein Hahn mit weißen Flügeln wurde als Pharmakos in den grie- 
chischen Weinpflanzungen herumgetragen und als ^a^dpjxa in die Erde 
vergraben (Pausanias II, 34, 2). Der weiße, fleckenlose Hahn (aXsxrcop 
aoTTiXoc) kommt auch als Opfertier des Sonnengottes Helios und der 
Mondgöttin Selene vor (Röscher, Selene 107, 112). Bei den Batak 
auf Sumatra werden für Heilungsopfer mit Vorliebe weiße Hühner 
oder sonstige weiße Vögel gewählt, welche der Zauberarzt ausliest; 
das Fleisch des getöteten Tieres wird dann gegessen und für den 
„begu" (= Opfer) ein Stückchen des Opfertieres beiseite gelegt; die 
Communio findet sich also auch bei diesem Volke als Ritus des Heil- 
zaubers (Janus 1907, XII, 516). 



Einleitung. 33 

Die Erstgeburt war namentlich im semitischen Opferritus eine Erst- 
Vorschrift des Kultes, mit ihm wurde die Entsühnung vollzogen und " 
das Tabu aufgehoben (Nilsson 12, 112), Die menschliche Erstgeburt 
und die Erstgeburt des Esels (Haustier) waren bei den Juden zeit- 
weise gleichwertig (Exodos XIII, 12 — 13; Movers I, 36(3)*, jedes männ- 
liche erstgeborene Stück unter ihren Rindern und Schafen mußten die 
Israeliten Jahwe weihen; dasselbe mußte aber fleckenlos sein (Eb- 
stein 160). Bei den Griechen war das Erstlingsopfer namentlich im 
Kulte des Heilgottes Apollon üblich (Nilsson 110). Eine solche 
cLTza.^Xh waren auch das Stirnhaar bei Mensch und Haustier, ferner 
das erste Gebäck aus dem ersten neuen Korne (^aXooLov) oder alle 
ersten Früchte (Panspermie). „Die Erstlinge werden immer rituell 
behandelt, wobei die Beziehung auf die noch einmal werdende Frucht- 
fülle unverkennbar ist" (Nilsson 285). Bei Plinius h. n. XXVIII, 29 
vertritt die Wolle eines Schafes von der ersten Schafschur das Erst- 
lingsopfer. 

Verschnittene Tiere gehörten den Toten, nicht den Göttern; Zuchttiere, 
weibliche Zuchttiere oder säugende Tiere aber wurden im Altertum 
selten geopfert (Rohde ^ I, 56; Nilsson 238; Schneider I, 523; s. v. 
£VTO{xa) , umso häufiger aber in der Volksmedizin Deutschlands ver- 
wendet (s. Kalb, Lamm). 

Das Herzabstechen wurde später in der Volksmedizin auch Opfer- 
symbolisiert durch die Blutentnahme auf der linken (Herz-) Seite; ^"^""^ 
namentlich war dies der Fall bei den Kümmerformen des Opfers, wie 
sie die kleinen Vögel darstellen; oder hinter dem linken Ohre 
(vergl. Wuttke ^ § 530, p. 354: „Man schneidet einer ganz schwarzen 
Katze ein Loch ins Ohr, läßt drei Tropfen Blut auf Brot fallen und 
ißt sie"). Diese symbolische Form des Genusses eines Dämonenblutes 
aus dessen Seelensitzorgan als fiebervertreibendes Mittel findet sich 
auch im 17. Jahrb. im Schwedischen: 

„När ett kreatur blir modstulet eller annarssjukt, skall det klippas i vänstra 
örat och derut drypas 3:e droppar ^blod pä en brödbit och gifvas kreaturet att 
äta." (J. P. Wallensteen, Vidskepelser Vantro och Huskurer i Danderyd och 
Lidingoe S. 16), als Mittel gegen Mutlosigkeit (Geisteskrankheit). 

Schon Plinius (XXIX, 38) sagt: ^^vena autem suh ala (columbae) 
ad hunc usum inciditur q^iwniam suo calore iitilior est^'' ; das Blut der 
linken Herzseite sollte wie auch das unterm Flügel lebensfrischer, 
hellrot und wärmer sein als das auf der rechten (Leber-) Seite. 

Ein besonders altertümlicher Zug ist das Abstechen der Tiere 
mit Steinmessern, d. h. ohne Anwendung von Eisen ^). Das Er- 
sticken der Opfertiere im Blute war besonders ein bei den Semiten 
üblicher Ritus (A. f. B.W. 1907, X, S. 409). 

Die Anteilnehmer am Opfer verzehrten die genießbaren Teile, 
nachdem der den Seelengeistern (Dämonen, chthonischen Gottheiten) 
bestimmte Opferteil unberührt (fastend, s. o. S. 27) zur Seite ge- 
stellt, hermetisch verschlossen oder bei manchen Völkern auch ganz 
verbrannt worden war. Die Opfernden verkosteten auch bloß 



^) Für die Verwendung von eisernen Geräten im Opferkulte waren bei den 
Griechen und Römern entsühnende piacula (y.a^apfxoQ, ob ferrum inlatum et ela- 
tum, vorgeschrieben (A. f. R.W. X, 1907, S. 410; VIII. Beiheft S. 29). 
Hofler, Die volksmedizinische Organotherapie. 3 



rauch. 



34 Einleitung-. 

das Blut und die Eingeweide (Rest der Comnumio); auch die 
Römer und Griechen taten dieses (vergl. llias I, 459, II, 426 und das 
römische augurium = aviguriiim, das Blut der Vögel verkosten, gustare) ; 
Opfer- auch der Opferdunst wurde zur Weissagung und Heilung verwendet : 
^.nec paucl apud Graecos singuloruni viscerorun) menihrorumque efiani 
sapores dixere omnia persecuta^ (Plinhis h. n. XXVIII, 2); vergl. 
auch unten S. 37. 

Die äußeren ungenießbaren Teile des Opfertieres — die axpoxcaXia 
der Griechen — wurden als pars pro toto manchmal verbrannt, ver- 
kohlt und so durch den Opferbrand und Rauch eine duftende geistige 
Verbindung zwischen dem Opfernden und den himmlischen Mächten 
vermittelt (vergl. IHas VIII, 547, 551) (s. Schafsgehirn). 

Hippokrates verwendete als Heilmittel die Rauch er ung mit dem 
Ziegenhorn und Eselskot, Hirchgenitahen, Kuhfladen etc. (Fuchs III, 
384, 359, 605). Die Hirschhorn Verwendung entstammt sicher auch 
dem Hirschtierbrandopfer (s. Bocksblut) (Fuchs III, 521, 572). Hippo- 
krates verwendete außerdem als therapeutische Maßnahme die 
Räucherung mit Gerstenspreu (Fuchs III, 358, 361, 376 etc.) mit 
Berufskräutern etc. : alles nach dem Vorbilde der griechischen und 
ägyptischen Priesterärzte, die neben den fetten Tierteilen auch Opfer- 
kräuter, Gewürze, Harz etc. als Katharsis mitverbrannten. 

Der animalische W e i h r a u c b solcher Brandopfer galt als 
Heilmittel; wie auch der vegetabilische Weihrauch. Schon 
Pythagoras (f 574 a. Chr.) gab das Vorbild zur Ablösung des blutigen 
Brandopfers, indem er Tiergebilde aus duftigem Harz an Stelle des 
fettigen Opferfleisches verbrennen ließ; den vermittelnden Duft gab 
auch dieser Philosoph nicht auf. 
Opfer- In der offiziellen Pharmazie des Mittelalters spielte der Aethiops 

vegetabihs, die schwarze Pflanzenasche, und der Aethiops ani- 
mahs, die schwarze Tierasche, noch andauernd eine Rolle-, auch 
in dem deutschen Volksbrauche war die Opferasche ein heilkräftiges, 
von Seuchen reinigendes Mittel ^Qgf^'i^ Infektionskrankheiten (Golther 568; 
U. Jahn 25, 40, 41, 47). 

Wir wollen hier eine Analogie aus der römischen Kulturgeschichte 
einfügen. Bei den römischen Hirtenfesten der sogen. Palilien zu Ehren 
der Weidegöttin Pales im April war das Palilienfeuer ein Mittel, um 
die Krankheitsdämonen von der Herde fernzuhalten. In dieses Feuer 
warfen die Hirten die Asche der sogen. Fordizidienkälber 
und das Blut der sogen. Oktoberrosse. Diese aus dem Leibe der 
trächtigen Kühe (= fordae) ausgeschnittenen, also nicht natürlich ge- 
borenen Kälber wurden zu Ehren der Erdgöttin Tellus von der ältesten 
der vestalischen Jungfrauen beim Opfer zu Asche gebrannt und die 
Asche davon aufbewahrt; auch das mit Ringbroten bekränzte Oktober- 
roß (s. u. Esel und Pferd) wurde beim Erntedankfeste im Oktober als 
Korngeist geopfert, dessen aufgefangenes Blut von den Vestalinnen 
präpariert und bis zum nächsten Palilienfeste als Quintessenz oder 
Wachstumszauber der Vegetationskraft für das kommende Jahr auf- 
bewahrt, um dann mit der Asche der aus dem Mutterleibe wie durch 
einen Kaiserschnitt herausgenommenen, noch keimenden Kälber ver- 
mengt im April in das lodernde PaliHenfeuer geworfen zu werden 
(Mannhardt, Wald u. F. K. II. 316). Dieses Herausschneiden der 



asche. 



Einleitung-. 35 

Leibesfrucht aus der Gebärmutter ist eine Nachahmung der Kaiser- 
schnittgeburt; solche auf unnatürliche Weise geborenen Früchte ^) 
waren orphische aoofvoi ßtaioO-avaroi : 

„ab ubere rapti" (Virgil). ^^aiurjoi ItUioyto, primo in limine vitae" (A. f. 
R.W. IX, 312). Diese ruhelosen Seelen dienten zum Wahrsagen und zum Liebes- 
zauber wie Fahz 151, 111 nachweist: „Volnere sie ventris, non qua natura vo- 
cabat, extrahitur partus, calidis ponendus in aris"; „exsecto vivae mulieris ventre 
atque intempestivo partu extracto , infernis manibus excitis de permutatione im- 
perii consulere Maxentius ausus est" (Ammianus Marc, XXIX, 2, 17). 

Hier ist die für den Kaiser gemachte Schnittgeburt das Mittel 
zur Weissagung; vielleicht vertrat das Palilienkalb das Opfer der 
menschlichen Frucht; der Vorgang beim Liebeszauber und bei der 
Wahrsagung deckt sich mit dem Fordicidium des Palilienfestes. Pli- 
nius h. n. XXVIII, 7 führt auch Körperteile solcher ruhelosen 
Menschen an, deren Seelen als Vermittler von Zauberkräften dienen 
sollten: „ex calvaria suspendio exempti catapotia fecit contra canis 
rabiosi morsus Antaeus". — 

Die Verwendung der Asche des verbrannten Fordizidien- 
kalbes zu Fruchtbarkeitszwecken und zur Seuchensicherheit in Ver- 
bindung mit dem Lebenssafte des Korngeistes, dem Blute des Oktober- 
rosses, wirft auch ein Streiflicht auf jene volksmedizinischen Verord- 
nungen, in welchen Asche, Blut, Tierorgane und Pflanzen sich vorfinden, 
da jedes solche Mittel einen bestimmten Zweck hatte auch in seinen 
Komponenten; solche Zusätze zu dem ursprünglich weit einfacheren 
Verfahren verdecken oft den älteren Kern des Kultopfers bis zur Un- 
kenntlichkeit; solche sind z. B. bei folgendem Mittel gegen Blasen- 
schwäche (Enuresis nocturna) anzunehmen: Am St. Veitstage (Sommer- 
sonnenwende) wurden früher schwarze Hühner (stellvertretend auch 
schwarze Pfenninge) geopfert gegen das Kindervergicht (= Eklamp- 
sie); darum erscheint auch St. Veit mit einem Hahne auf Bildern. 
Nun ist der Hahnenschrei der Morgenverkünder und Vertreiber 
der nächtlichen Quälgeister und St. Veit auch ein Patron der Bett- 
pisser; um dieses Leiden zu verhüten, gibt das Volk die Kehle 
oder Gurgel des (schreienden) Hahns geröstet dem betreffenden Bett- 
pisser ein, weil dieser so sympathisch zum freiwilligen Urinieren durch 
den Hahnenschrei aufgeweckt werden soll (Schröder, 1345, Kräuterm. 
209); schon in der schwedischen Bronzezeit findet sich die Kehle eines 
Vogels als Totenbeigabe (S.Müller H, 471; Montelius 141). 

Beim Verbrennen oder Rösten der Opferteile, die durch das Feuer Opfei- 
den Geistern in den Lüften vermittelt werden sollen, wurden nun, wie 
schon oben erwähnt, gewisse wohlriechende Blumen, Kräuter, 
Laubwerk, Hölzer, Räucherharze, Gewürze etc. mitverbrannt, 
welche, wie die Opferorganteile selbst, auch fast ausschließlich noch 
bis auf unsere Tage in der Volksmedizin ihre Verwendung finden. 

Hierher gehören: a) das Zedernharz und Zedernöl, von Pinus Cedrus L. 
oder Juniperus Oxycedrus, die bei Celsus, Dioskurides, Plinius und Galenus, aber 
auch im jüdisch-hellenisch-ägyptischen Zauberpapyrus (Dieterich 801) erwähnt 



räuche- 
rung. 



') Im dänischen Volksmunde werden sie als „u-fedte" ungeborene, d. h. auf 
nicht natürlichem Wege geborene, bezeichnet; sie haben wie die Kinder von Jung- 
frauen übernatürliche Kräfte (Feilberg, Danske Bondelw II, 150)-, über die Kräfte, 
die die Herzen solcher Kaisergeburtskinder haben, s. u. Herz. 



3(5 Einleitung. 

sind und in der Volksmedizin des Mittelalters angegeben werden; wir werden ihr 
ebenfalls öfters begegnen; sie ist das orientalische Gegenstück zu unserem ein- 
heimischen Wacholder, Juniperus communis, über den der Verf., Baum- und 
Waldkult 109 ff., näheren Aufschluß gibt. Lauge von Wacholderasche gibt man 
auch in Bosnien zum Getränke, um vor Seuchen zu schützen (Z. f. Oe. V.K. 
1902, 116). Das KranewittÖl als Fiebermittel und Epilepsiemittel erwähnt auch 
C. V. Megenberg. Ueber die Verwendung von Kranewittholz und -beeren beim 
Verbrennen der germanischen Leichen s. Löher, Sitz.-ßer. d. Cl. der bayer. Akad. 
3. März 1888, S. 242; Grimm D. M. I, 50. Daß Wacholderbeeren auch ein 
Eleischgewürz sind, ist bekannt '), ebenso, daß sie in Krankenstuben ein Miasmen 
vertreibendes Räucherungsmaterial sind bezw. waren (Lorenz Fries , Spigel d. 
Arzeney) ; namentlich als Räucherung beim chronischen Bindehautkatarrh wurde 
der Wacholder (Oiibanum silvaticum) vielfach benützt; als Oleum cadini s. juni- 
peri wird der Strauch noch heute verwendet. Der Wacholderrauch, das alte 
Opferbrandholz, vertrieb im Mittelalter Hexen und Teufelsspuk, und reinigte in 
der mittelalterlichen nordischen Volksmedizin alte, faule Wunden (Fonahn 27). 
b) Verbena, unter welchem Worte die Römer verschiedenste „heilige Kräuter" 
und Zweige verstanden ; sie wurde von den Alten zu verschiedenen Heilzwecken 
und zu Zaubereien benützt; sie ist die '.spa ßotdvYj der Griechen = Verbena 
officinalis L. = Eisenkraut des Mittelalters ; sie hieß auch Opferkraut, Altarkraut, 
bei den Griechen auch Persephouion , Pflanze der Proserpina, Göttin der Unter- 
welt. Plinius XXV, 105 nennt die Hierabotane oder Verbanaca die vornehmste 
Pflanze der römischen Flora, „Nulla tamen romanae no))ilitatis plus habet quam 
hierabotane", und Dioskurides IV, 61 sagt, man nenne diese Pflanze (Peristereon) 
„die heilige", weil sie bei den Sühneoi)fern als Amulett sehr im Gebrauche sei. 
E. Schedius, De diis German. 617 ff. gibt eine Reihe von Belegstellen der Verbena 
als Opfer , Kranz- und Altarblume der Alten. Terent. Andr. acta IV, sc. 4. Die 
fruchtbar machende und versöhnende Verbena trug der sogen. Fetialis (Priester) 
zum Opferaltar; beim Liebeszauber erwähnt Virgil (ecl. VIII, 64) die Verbena als 
Brandopfer: „verbenas(]ue adole pingues et mascula tura." Die heute in Griechen- 
land als Glückskraut geschätzte Verbena (Treoi^Tsf^sojv) wandte auch Hippokrates 
bei der Sterilität der Frauen an (Fuchs III, p. 6U5). Plinius (1. c.) gibt an, „sed 
magi utique circa has insaniunt. Hac perunctos impetrare, quae velint, felDres 
abigere , amicitias conciliare . nuUique non morbo medevi. Colligi circa Canis 
ortum debere, ita ut ne Luna aut Sol conspiciat; favis ante et melle terrae ad 
piamenta datis. Circumscriptam ferro effodi sinistra manu et in sublime tolli. 
Siccari in umbra, separatum folia, caulem, radicem. Ajuntque, si aqua spargatur 
triclinium, qua maduerit, laetiores convictus fieri. Adversus serpentes conteritur 
ex vino." Verbena „die gnädige Würz" sollte nur am Dienstag oder am St. Peters- 
tag ausgegraben werden, als Mittel zur Hexensalbe, sie galt wie ein beseeltes 
Wesen , so daß sein Ausgraben durch ein Schweineopfer gesühnt wurde (Z. d. 
V. f. V.K XVII, 471); sie wurde auch ins Sonnenwendfeuer geworfen (Seb. 
Frank, Weltbuch 51b; Panzer, Bayer. Sag. V, 212); im Niederdeutschen half 
das Beräuchern mit Verbena gegen Alpdruck (Schiller-Lübben VI, 13) und 
im Oberdeutschen gegen den (elbischen) Herzritt (Schmeller II, 195), lauter 
Verwendungen, die den Import des Glaubens mit der Pflanze nahelegen; nach 
Albertus Magnus gehörte die Verbena, Hierobotane Veneris, zu den 7 Pflanzen, 
„quae a planetarum influentiis virtutem habeant" (Fonahn 40). Dies be- 
weist ebenfalls den orientalischen Einfluß, der auch bei den gallischen Drui- 
den sich bemerkbar machte (vergl. Janus 1907, XII, S. 444); in Nordfrank- 
reich heißt die Verbena ,,herbe ä la double vue" als Mittel gegen das sogen, zweite 
Gesicht^) (Doppelgänger etc.). c) Der arabische Weihrauch, Xfßavoc, war nach 
der Meinung der Pythagoräer als Substitut des ganzen Brandopfers das den 
Göttern angenehmste Opfer (Baltzer 355). Celsus (1. Jahrh. p. Chr.) und Dios- 
kurides I, 88 erwähnen denselben sowie den Weihrauchruß oft als medizinisches 
Mittel (Frieboes 695; Berendes 83, 86). Nach der Bibel (IL Moses 30, 34; 
Jesaias 60, 6; Jeremias 6, 20) fehlte der Weihrauch bei keinem Rauchopfer; die 
Volksmediziner der Alten benützten ihn ebenso häufig wie die des Mittelalters; 
auch wir werden ihn öfters antreffen als geistervertreibendes Mittel (1475): „Du 



^) S. Höf ler, Baum- und Waldkult 111, und Illustr. Flora von Mitteleuropa 
von Hegi und Dunzinger 1907, S. 90. 

2) S. Höfler, Krankh.N.B. 645; A. f. R.W. 1901, S. 307; Lütolf 127. 



Einleitung. 37 

scholt auch wizzen, daz all die maister, die in der Zauberkunst lernet, daz 
sprechent, daz die Grötter und die g-aist, die man anruofet, mit gilden schrift, die 
karakteres haizent und mit insigel graben oder daz graben, daz man in ringlein 
tuot, die zaubraer dester e erhoeret, wenn sie ihnen Weihrauch opfernt; daz 
ist ain irrung in der haidenschaft, aber die ganz Wahrheit, daz die poesen gaist 
des weihrachs rauch fliehent und daz man Gott besunder damit ert" (Conrad 
V. Megenberg; Peters I, 224). d) Die Myrrhe, ajiupva der Griechen, hatte das 
magische Zeichen Z = CjJ-'Jp'^'n *, das Myrrhenharz diente früher und auch bei Celsus 
(1. Jahrh. p.Chr.) als antiseptisches wunden- und schleimbeseitigendes Mittel etc., 
schon in den altägyptischen Tempelrezepten und aus vielen Stellen der Bibel geht 
hervor, daß es zu Salbölen und Gewürzen verwendet wurde; daß es auch zu 
Räucherungen benützt worden war, ergibt sich aus Dioskurides I, 77, wo ein 
Myrrhenruß mit den gleichen Wirkungen des Weihrauchrußes erwähnt wird. Die 
Myrrhe trägt auch den Namen Theusur, angeblich vom Sonnengott Usar 
(Schedius 157). Herodot II, 40 schildert, daß der Opferstier bei den Aegyptern 
mit Honig, Rosinen, Feigen (s. u.), Weihrauch (s. o. S. 19, 34), Myrrhe und anderem 
Räucherwerk gefüllt ward ; hatten sie ihn angefüllt , dann verbrannten sie ihn ; 
von dem, was sie übrig gelassen hatten, setzten sie dann ein Mahl auf (Theophagie), 
(s. u. Hühnerleber, Gänseleber^. 

Es verlohnt sich, hier aus Hippokrates ^) (de sterilitate c. XVTII; 
Fuchs III, 608) ein Beispiel von medizinischer Räiicherung gegen 
Frauenleiden, die sich ganz an die rituelle Kultopferräucherung an- 
lehnt, anzuführen: „Was aber die letzte Räucherung (der sterilen Frau) 
betrifft zu dem Zeitpunkte, wo man sie (die Frau) aus seiner (des 
Arztes) Behandlung entlassen will, so schlitze man einem möglichst 
jungen Hunde (s. u.) den Bauch auf, zerstoße alle möglichen Arten 
sehr wohlriechender, ganz trockener, würziger Stoffe, nehme dem Hünd- 
chen die Eingeweide heraus und fülle und stopfe so viel von den 
würzigen Stoffen hinein, als nur irgend hineingeht. Man lege kleine 
Stücke (brennenden) Holzes unter, tue das Hündchen in ein (irdenes?) 
Gefäß, gieße möglichst wohlriechenden Wein darüber und räuchere 
nun mit Hilfe des (Mutter-) Rohres, und zwar räuchere man sie, je 
nachdem, ob es in ihren Kräften liegt, den ganzen Tag über auf diesem 
Räucherungsgeräte zu bleiben, so lange und frage sie dabei, ob es ihr 
so vorkomme, als wenn der Geruch der würzigen Stoffe ihr durch 
den Mund nach außen durchdringe. Denn dieses ist ein nicht zu unter- 
schätzendes Anzeichen dafür, daß die in Behandlung Genommene 
schwanger werden wird"; diese Reinigung durch das Hundeopfer ver- 
treibt den bösen Dämon, der die Konzeption verhinderte und durch 
die unterstützende Räucherung (Katharsis) ganz ausgetrieben wurde, 
wie der elbische Dämon beim Herzritt durch Verbenaräucherung. 

Bei Dioskurides I, 80 ist auch als Räucherungsmittel und wohl- 
riechende Spezerei angeführt das Bdellion (Balsamodendron Com- 
miphora, Rosenb.), die ßSsXXa des ägyptisch-hellenisch-jüdischen Zauber- 
papyrus, welches Harz auch die Bezeichnung war für Natterkopf (TcscpaX'/j 
öf£(oc), s. u. (Dieterich 816). Dioskurides wollte damit hauptsächlich 
Krankheiten und den toten Fötus aus dem Frauenleibe austreiben 
(Berendes 82). 

Alle die wohlriechenden Harze und Spezereien aber, welchen man 

') Unzähligemal führt Hippokrates Weihrauch, Myrrhe und Lorbeer als 
Frauenmittel an, teils zu Räucherungen, teils zu Scheidenspülungen. Auch die 
Hebräer und Aegypter verwendeten Myrrhe zu religiösen und ärztlichen Zwecken 
und bei den altrömischen Okulisten war Myrrhe ein häufiges Collyrium gegen 
Bindehautkatarrhe. 



3g Einleitung. 

bei der medizinischen Räucherung und Tierorganverwendung begegnet, 
Wein, Weihrauch, Zedernharz, Aloe, Myrrhen, Thymian, Storax etc., 
sind auch im 6. Jahrh. p. Chr. Beigaben zum christlichen 
Totenopfer und vorher im heidnischen Totenopfer (Lucius 476; 
Klemm 230, 481). 

Bei der Reinigung von den Krankheitsdämonen und Seelengeistern 
ist der gleiche Opferritus gegeben; die Versöhnung, Entsühnung ge- 
schah später nur mehr durch wohlriechendes Räucherwerk 
allein, das früher bloß eine der Gottheit wohlgefällige Beigabe zum 
Opfertierbrande gewesen war. Das jüdisch- hellenisch- ägyptische Zauber- 
buch Abraxas (4. Jahrh. p. Chr.) schrieb (170ff.) folgende „sTCLO-oiiara" vor: 

IJLaXotßai^pov (= Zimtblätter, s. Frieboes 706), meist als Gegengift mediziniscli 
verwendet, axupoc^ (storax), Harz von Stj'rax officinalis L., ßerendes 82; nach 
Dioskurides 1 , 79 wie Weihrauch benützt und Totenschlaf verursachend , vapSo«; 
'\[v8ixoc (= Spica nardi, die ,.das feinste und vornehmste Aroma des Altertums 
war" (Berendes 30), in Indien ein geschätztes Arzneimittel und seit den ältesten 
Zeiten ein hervorragendes Parfüm (Frieboes 588); wir werden es auch bei den 
volksmedizinischen Tierorganen finden ; xöcxoi; (arabische Kostwurz), die im Alter- 
tum vielfach verwendet wurde (Frieboes 628; Dioskurides I, 15); v.aGta, geringere 
Zimtsorten; die Kassia erwähnen VirgiP), Celsus und Dioskurides; letzterer 
auch als Mittel zur Räucherung und Erweiterung des Muttermundes (1, 12), wie 
oben beim Hippokratischen Mittel. X-ßavov (= Weihrauch s. o. S. 36), Cu-üpva 
(= Myrrhe s. o. S. 37), cafX'Lou/cov (= Majoran s. S. 14) ; auch verschiedene wohl- 
riechende Opferblumen führt der Abraxas auf: pooivov {= Rosenblüten), Xo'jxtvov 
(= Lotosblumen), vapv.i^o'.vov ^) (= Narzissenblüte), v.p:vivov (= Lilienblüte), epscpuXXtvov 
(= Quendel- oder Thymianblüte, Herpyllon), Xsuxoivov (= Levkoje, Viola alba, 
Maienblume). 

Die meisten dieser Blumen finden wir als Beigaben zu tieri- 
schen Organheilmitteln wieder. Nachdem der im 4. Jahrh. p. 
Chr. geschriebene Abraxas nach dem Muster der im 2. Jahrh. p. Chr. 
geschriebenen magischen Bücher gehalten ist, und zwar inhaltlich im 
Anschlüsse an die mystischen Schriften der Orphiker, Essener und ähn- 
licher Leute, zuweilen auch der Aegypter (Abraxas 154 ff.), so sieht 
man deutlich, daß ein großer Teil der volksmedizinischen Organotherapie 
ihren Urquell in der griechischen und orientalischen Magie hat. 

Räucherwerk aus Asphalt und Schwefel (sulfur, 'O'siov) 
steckte man auch (nach dem Abraxas 168) dem von Dämonen Be- 
sessenen unter Beschwörungsworten in den Weg zu dem Gehirne, 
d. h. in die Nase , zur Vertreibung des Dämons (4. Jahrh. p. Chr.) : 
„Iv SaLfJLOVcCo'isvcj) eiTTTjC TÖ ovojxa 7rpoad7(ov z-^ pLvl aütoö -ö-siov vtal aa'f aX- 
Tov, suO-sco? XcflrpBi 7.7.1 aTuoXsDaexai." (S. auch Hyänenhirn.) Asphalt und 
Schwefel wurden namentlich zu Reinigungszwecken mit chthonischer 
Bedeutung verwendet (Abraxas 36, 188); Melampus, der Zauberarzt, 
heilte Epilepsie und Wahnsinn mit an^aXzoc, (Röscher, Selene 71). Eine 
häufige Räucherung scheint auch mittels der Weinranken und des 
Weinre benholzes vorgenommen worden zu sein, dessen Asche bei 
Hippokrates und Dioskurides (VI, 134) ein ebenso häufiges Reinigungs- 
mittel war, wie die Asche des Flöhe vertreibenden Pulegium vulg. 



^) Dazu führt Fahz 124 noch die Verse aus der Ciris an: 
„At nutrix, patula componens sulfura testa 
narcissum casiamque herbas incendit olentes." 

^) Narzissenöl verwendete auch Hippokrates (Fuchs III, 552, 584 etc.). 



Einleitung. 39 

(III, 33); ferner die Räucherung mit dem Diptam (Origanum Dic- 
tamnus L.) , der vom toten Fötus reinigen (III, 34) und Pfeile aus 
Wunden ausziehen sollte (Aristoteles; Fonahn 27). 

e) Eine Räucherpflanze war auch der Majoran (-ajx'lor/'.vov des Abraxas 171). 
„Alle Autoren sind in der Deutung dieser Pflanze (sampsuchus) auf Origanum 
Majorana L. — Majoran einig" (Frieboes 214, 635; Berendes 21j)0); die ägyptischen 
Propheten (Magier) benannten ihn „Esel des Priesters", auch „süßes Kind der 
Isis"; er ist nach Plinius XXI, 86 ägyptischen Ursprungs und war auch ein Kranz- 
kraut ; er ist heute noch ein beliebtes Fleischgewürz, namentlich bei der 
Verwendung der tierischen Leber und der Butter, aber heute auch noch 
ein Hexenkraut. Hippokrates, Celsus und Dioskurides verwendeten ihn als Heil- 
pflanze (Salbe bei Frauenleiden), im deutschen Norden heißt er „Wurstkraut", 
f) Die Talmudisten übersetzen das Sampsuchun mit Hysop (Berendes 281), der 
auch bei Dioskurides (111,27) als Räucherungsmittel benützt wurde; er tritt zuerst 
in der Bibel als Esob auf (Moses II, 12, 22 ; Psalm 50, 9), und zwar zur Reinigung 
der Häuser und der Aussätzigen, die mittels des in Blut getauchten Hysopzweiges 
besprengt und gereinigt wurden. Brot, Salz und Esob wurden im jüdischen Tempel- 
vorhofe auf Tischen zum Reinigungsgebrauche ') aufgetragen (Binterim II, 2, 5 ; 
Fonahn 42). g) Als solches Räucherkraut ist wohl auch der Dosten, Origanum, 
weißer Thymian , anzunehmen ; die Alten wußten von der Kraft dieser Pflanze 
Schlangen, Ameisen und anderes dämonisches Ungeziefer zu verscheuchen; neuerer 
Aberglaube verwendet sie, um Wichtel und Nixen, Hexen und Oespenster fernzu- 
halten. Legt man Doste und Dorant (Tarant) den Wöchnerinnen bei, so können 
ihnen die Volande und Gespenster nichts tun, weil solche Kräuter ihnen zuwider 
sind; der Dosten vertreibt als Lagerstreu die nocentes Spiritus, monstra noxia in 
Grestalt von Schlangen und Insekten ; es war bei den Griechen und Römern ein 
die unterirdischen Geister vertreibendes, apotropäisches Mittel zur Reinigung 
(Rhode ^I, 219; Dioskurides III, 29). Hippokrates verwendet den Dosten und 
Thymian innerlich als gynäkologisches Mittel (Fuchs III, 564), in der deutschen 
Volksmedizin ist es ein Eiter- (= giftvertreibendes) Kraut, ein Badkraut (1685); 
„wenn mans aber auf Fisch und Fleisch streuet, so treibet es die Mucken hinweg" 
(Schroeder 1002); die Rebhühner, Störche und Waldtauben (chthonische Tiere) 
sollen nach derselben Quelle Dosten auf ihre Wunden legen, also heilkundig sein. 
Der Geruch der Pflanze machte es zum Räucherkraut (Thymiatitis). 

Dioskurides führt als solche Räucherkräuter noch an: Ga- Opfei- 
mander, Betonika, Lysimachia, Fünffingerkraut etc. Mit diesen Raucher- biumen. 
pflanzen hängen auch zusammen die Kranzblumen ^), von denen 
wir schon einige im Verlaufe des Vorangegangenen erwähnten. Dazu 
gehört vor allem: der 

Lorbeer, der heute noch ein Fleischgewürz und ein Helden- 
und Heroenkranz ist, also im Opfer wesen seine ursprüngliche Ver- 
wendung hatte. Wie sehr Opferkult und Heilverfahren bei den Griechen 
zusammenhängen, lehren besonders die Daphnephorien im Kulte des 
Heilgottes Apollon, bei dem der Geister abwehrende, reinigende Lor- 
beer (Sa(pv'/]) als Stangenkranzschmuck herumgetragen wurde (Nilsson 
157, 165). Apollon war der Heilgott der Griechen in nachhomerischer 
Zeit (Stengel 370, Anm.); die Orakeljungfrau Pythia kaute an dem 
Geister vertreibenden Lorbeerkraute nach altem Ritus, um dadurch 



^) In der mittelalterlichen nordischen Volksmedizin ist Ysopus ein Mittel 
gegen den Spulwurm, ebenso bei Macer; im Regimen Salernit. ein „purgans a 
pectore flegma". 

^) Solche Kranzblumen und Blätter wurden ins hochzeitliche Opferfeuer für 
die Hausgeister (Lares) geworfen (Cato, De re rustica). „Has Coronas floreas, haec 
imponentur in foco nostro Lari, ut fortunatas faciat gnatae nuptias" (Plautus; 
Mader 28); die Kranzblumen, welche in das Opferfeuer geworfen wurden, ver- 
traten die mit ihnen geschmückten Opfertiere und wohl auch die Feldfrüchte. 



40 Einleitung. 

„begeistert" zu werden; Sa^vTj'faYoc war ein Beiwort der Seher und 
Seherinnen, welche sich durch den Lorbeergenuß begeisternde Kraft 
beimaßen. Auch im jüdisch- griechisch- ägyptischen Zauberritus des 
Abraxas 179, 204 (4. Jahrh. p. Chr.) spielte der Lorbeer Apollons 
noch eine Rolle. Der Zauberer gebrauchte aus Analogiesympathie 
(Synergie) bei seinem Ritus ein Bild des Heilgottes und des pythischen 
Drachens, das aus Lorbeerholz gemacht sein mußte (Abraxas 159, 
179): „l'x^ Ss %al ix (AC^ric, SacpVY]«; zbv aovcpYOövra ''ATuöXXwva Y£yXü[X[1£vov, 
tp TrapsaTTjZsv zpiKOva; xal 1160".o? Spdxwv"; auch der Griffel zum Schreiben 
der Beschwörungsformel mußte aus Lorbeerholz — vis divina — ge- 
schnitten sein (1. eod. 204); unter die Hochzeitskuchen (mustaceum) 
kamen bei den Römern reinigende kathartisch wirkende Lorbeerblätter. 
Von dem heiligen Lorbeerbaume zu Troizen glaubte man, daß er aus 
dem begrabenen Körper der zur Sühnung des Orestes dargebrachten 
Opfer erwachsen sei ^) (Pausanias II, 31, 8). 

In der Hippokratischen Medizin spielt der Lorbeer eine große 
Rolle. Dioskurides I, 106 führt seine Gegengiftwirkung an; Plinius 
und Celsus aber nur das Lorbeeröl, das in der heutigen Volksmedizin 
noch als Nervenöl gilt. 

Virgils Verse (Fahz 124) geben den geheimnisvollen Reiz der Verbren- 
nung dieser Zauberkräuter wieder: 

„ Quid prodest, (juod me pagani mater Amyntae 
ter vittis, ter fronde sacra, ter ture vaporo 
incendens vivo crepitantes sulfure lauros 
lustravit." 

Osterblumen, Maienblumen, Sonnenwendblumen sind ebenfalls solche 
Kranzkräuter, mit denen im deutschen Volksbrauch die Frühlings- 
opfersymbole bekränzt erscheinen. 

Im griechischen Liebeszauber erscheinen auch Fenchel- (^jidpctO-pov) und 
Lorbeerkränze als funerale Beigaben, die einem Brote in Mannesgestalt opfern- 
den Weibe beigegeben werden: „TiejX[jLa aisdtivov elg 6tvop6^ jj.i|i.Y]jj.a TceKXaafxevov 
oacfvYj xat [xapdO'pw xaia-il'^ccaa sla tov '^o^^ov sveßaXsv Y| upsaßörii;" (Fahz 115). 
Der Blütenstengel galt als Apotropäon. Anethum foeniculum L. erwähnt Plinius 
nicht, wohl aber ist der Fenchel bei Celsus und Dioskurides III, 74 angeführt; 
in der deutschen und nordischen Volksmedizin treffen wir ihn ebenfalls (Fonahn 27 ; 
Höfler, V.Med. 95). 

Botanica Zu den apotropäischcn Mitteln aus der Pflanzenwelt gehörte auch 

der Wegerich (Plantago, afjvÖYXcoaaov) , welchen auch die deutsche 
Volksmedizin bei der Organtherapie Öfters verwendet. 

Nach seinem deutschen Namen ist er die Pflanze des Hell wegbeherrsch ers. 
11. Jahrh. herbula proserpinacia, horci regis filia (Wiener Akad. Sitz.-Ber., Bd. 71, 
S. 528). 13. Jahrh. proserpinata D. I, 467. „Dreißigst Kraut 2) (Chr. v. Schmidt, 
Wörterb. 138; Wiener Sitz.-Ber., Bd. 71, S. 528). Einreibungen mit Wegerich 
gegen Elefantiasis empfiehlt Celsus III, 25 und als Amulett gegen Drüsen ist es 
beim Pseudo-Dioskurides erwähnt (Janus XII, 149). Der echte Dioskurides hat die- 
selben apotropäischen Verwendungen; außerdem führt der letztere (II, 152) an, 



^) Vergl. den heutigen Volksglauben, der sich an die Freithofsblumen knüpft 
(Globus Bd. LXXXVIII, Nr. 20, S. 320), und den auch bei Gregor. Turens. yitae 
patr. VIII, 6 bezeugten Brauch „herbulae , quas devotio populi sacrum jecit in 
tumulum". Die auf Leichenhügeln entsproßten Blumen und Bäume werden zu 
Ahnensitzen, Geisterstätten. 

2) Ueber Frauendreißiger s. o. S. 29. 



Einleitung. 41 

daß die Pflanze auch bei den ägyi)tisclien Propheten „Schwanz des Ichneumons" 
hieß; ein unechter Zusatz eines syrischen Christen läßt die Entkräfteten durch ein 
Gericht des Wegerichs und der Minze mit Honig heilen, wenn es am 2., 4. oder 
Karfreitage in der Osterwoche gegeben werde. Vergl. auch den Wegedorn, der 
ebenfalls bei Totenopfern gebraucht wurde (Berendes 107, 368). Als Wurmmittel 
wird der Wegerich (Plantago) auch in der mittelalterlichen nordischen Volks- 
medizin erwähnt; er heißt daselbst „heknis-gra" (= Lachnergras, Heilkraut; 
Fonahn 5, 19, 30). In der assyrischen Medizin wurde er gegen Magenkolik be- 
nützt (1. eod.). 

Als Kranzkräuter werden von Dioskurides angeführt: 

Saturei (O-ojj-o?), oxj'favYj der griechischen Aegypter = Satureja capitata L. 
(Berendes 288) oder Thymian (Frieboes 691) „Wurstkraut", das durch seinen 
deutschen Namen auch seine Verbindung mit der Anatomia culinaris bekundet, 
wie das Fleischgewürz Majoran oder Maigram (s. o. S. 14 u. 39) und der Lorbeer. 

Myrte (Myrtus communis) (Berendes 138); sie war namentlich den ^id-öyioi 
heilig, ein Toten- und Gräberschmuck, den auch die Pythagoreer beibehielten 
Rohde ^ I, 151,220, 227); aber auch ein Aphrodisiacum (Nilsson 94) und gynäko- 
logisches Mittel (Plinius XXIII; Dioskurides I, 155, IV, 144). 

Quendel, Herpyllos, Thymus Zygis L. (Berendes 289), Thymus Serpyllum L. 
(Frieboes 660, s. o. S. 38) , unser Frauen- oder Marien-Bettestroh (Indic. superst. 
CXIX, Saupe 24, Tabernaemontanus). Im Capit. de vill. des Kaisers Karl (812) 
ist Satureja hortensis = Quenel (Kehrer 806). 

Lilie (Berendes 332), a[jj.oc 'Hcp&taToy, sanquis Martis; oo^u (aopa?) v.^ov.o^jBi\oOy 
xpivov etc. Bei den Griechen hatte sie (namentlich ihr Oel) auch Beziehung zur 
gynäkologischen Therapie. 

Majoran, oap-'j^ox^ov s. o. S. 39 (Berendes 290), Wurstkraut (s. o.). 

Asarum, Haselwurz, Bauernnarde, Baccar bei Ovid Eclog. IV, 19, viel- , 
leicht auch identisch mit dem nachfolgenden (Berendes 33). 

Bakcharis = Gnaphalium sanguineum L. (Berendes 292; Fuchs III, 330), das 
blutrote Ruhrkraut, das auch Hippokrates schon bei Frauenleiden benützte und 
Dioskurides III, 44 bei Tränensackabzeß empfahl; eine vermutlich zu den Bac- 
chanalien in Verbindung stehende Blume, deren wohlriechende Wurzel ein Oel 
gibt, herba fascinum pellens 1502, laerkruyt D. I, 64; II, 45. 

Kranznelke, ai£cpavü>}jLatcxT| Xd/v-Ic, s. o. Blut der menstruierenden Frau S, 20, 
mit dem die Opferstiere bekränzt worden zu sein scheinen (Berendes 331) = Agro- 
stemma coronaria L., Lychnis coronaria L., Lichtnelke, Gartenrade, Kronenblume, 
die zu Kranzkronen verwendet wurde. 

Ambrosia = Botrys Artemisia L. (Berendes 34u), die nach ihrem Namen 
schon als Göttei'speise bezeichnet wird. 

Elichryson, Chrysanthemon , Gnaphalium Stoechas L. (Berendes 393), 
Immortelle, Goldranke „Helichrysos ciet menses, folia ejus sistunt profluvia" 
(Plinius h. n. XXI). 

Peristereon, Turteltaubenkraut, Verbena officinalis (Berendes 395) s. o. 
S. 18, vermutlich der Blumenschmuck zum Vogelopfer. 

Strychnos Halikakabos = Physalis Alkekengi, Judenkirsche (Beren- 
des 405), Teufelskirsche. 

Daphne Alexandreia, Stephane, auch bei Plinius eine Kranzpflanze 
(Berendes 443) (ähnlich unseren Pfingstgranten Daphne cneorum). 

Chrysanthemum coronarium L. = Kranzgoldblume, deren Stengel als 
Gemüse gegessen wurden und die von Gelbsüchtigen benützt wurde (Beren- 
des 354, 394). 

Kathartika. Das Hauptreinigungsmittel war außer dem blutigen Reini- 
Opfer (siehe auch Galle) reines Fluß wasser, Salz und die mit Opferbrand- laäufer 
asche daraus gewonnene Lauge, und auch die Räucherung mit Opferrauch. 
Besonderes Reinigungsmittel aus der pflanzlichen Sphäre war im 
Opferkulte der Griechen und Römer: die Nieswurz. 

IXXsßopo^ |j.sXv.<; hieß im populären Ausdruck [xsXafXTCo^'.ov, weil Melampus 
zuerst sie geschnitten und verwendet haben sollte, nämlich als er die Upoizoo 
{J-OYaxspa? \i.a\/tioac, heilte und reinigte" (Rohde ^11, 51), er gebrauchte auch 
Asphalt (s. 0. S. 16, 38) hierzu (Röscher, Selene 71). Galenus, De atra bile 7, V, 132, 



42 Einleitung. 

nennt wohl nur aus Versehen die weiße Nieswurz (s. Frieboes 049). Man reinigte 
olv.[rxc^ y.al Trpoßata mit schwarzem Elleborus , dem man zauberkräftiffe Kräfte zu- 
traute, daher die abergläubischen Vorkehrungen bei seiner Ausgrabung, ürund 
zur Reinigung gibt Berührung des Hauses durch unheimliche Dämonen (Rohde ^11,73). 
„Epoden bei der Reinigung von Häusern und Herden angewendet mit Besprengungen 
durch Nieswurz" (1. eod. II, 77). Nieswurz war also vor allem ein antidämonisches, 
schelmische Geister (durch Niesen ') z. B.) und Würmer austreibendes, reinigendes 
Mittel^) ; im jüdisch-griechisch-ägyptischen Zauberpapyrus (Dieterich 816) ist 
Helleborus = y°^^? ajxoö, Adlersamen, Adlerkind und sXXeßopo? Xsdv.o; = y°^°s 
'HXioD (Sonnenkind) (Dieterich 817); gewiß ein Zeichen der besonderen Wert- 
schätzung, die man dieser Heilpflanze (Veratrum album ?) schenkte, so daß sie so- 
gar unter die Kultreinigungsmittel aufgenommen wurde (s. auch u. Wolfsherz). 
Hippokrates verwendete die Nieswurz zur Reinigung der Frauen von Scheidenschleim 
(Fuchsin, 440; II, 412, 440, 470, 531, 533, 541). 

Aehnliches gilt wohl auch von der Scilla, Meerzwiebel, deren 
urintreibende AVirkung sie ebenfalls im Kulte zum Reinigungsmittel 
— za^apTiZY] TiäoTiQ xa/ci7.c; — machte; sie hieß auch Gyl'joc; und war 
auf Kreta der chthonischen Diktynna (Artemis, Hekate) heilig als 
Mittel bei Gebärmutterleiden (Eclampsia parturientium?) (Röscher, 
Selene 117; Rhode II, 96, 181, 406). 

Auch die schwarzen Feigen, welche „inferum deorum et aver- 
tentium in tutela" waren, galten als ein abwehrendes Reinigungsmittel 
im Seelenkulte (Rhode ^ II, 406 '^). 

Die frischen wie die getrockneten Feigen wirken abführend, und von Celsus 
w^urden sie als reinigende und zerteilende Mittel verwendet (Frieboes 606), auch 
die Opferlebern sollten durch Feigenzusatz von Schädlichkeiten freigemacht und 
so als Götterspeise gottgerälliger gemacht werden. Hippokrates ließ zur Reinigung 
der Scheide Feigen gebrauchen als Räucherung, Spülung, Einlage oder Umschlag 
(Fuchs III, 355, 475, 501, 505, 506, 512, 630 etc.) und der Pseudo-Dioskurides 
(4. Jahrh. p. Chr.) bei Geschwüren zur Reinigung die aus dem angezündeten 
frischen Feigenholze tropfenweise austretende Lauge oder Flüssigkeit (die auch 
beim Braten der Opfertiere als sanies etc. benützt wurde) als Mittel benützen 
(Janus Xir, 227), vergl. auch o. S. 14 f. 

Katharsis. Die Gabe der Weissagung, die Heilung der Krankheiten und die 

Reinigung des mit dem Grolle der Seelengeister (Götter) Befleckten 
stammt aus einer Quelle. „AVie ein Geisterbanner wirkt der Reini- 
gungspriester, der von der Macht der umschweifenden Unholde den 
Leidenden befreit. Ganz deutlich wirkt er als solcher, wo er Krank- 
heiten, d. h. die Krankheit sendenden Geister durch seine Handhabung 
abwendet, wo er zu seinen Reinigungsvornahmen Epoden, Beschwörungs- 
formeln (s. o. S. 44) singt, die stets ein angeredetes und hörendes unsicht- 
bares Wesen voraussetzen. Wo vergossenes Menschenblut eine Reinigung 
nötig macht, vollzieht diese der Reinigungspriester, indem er das Blut 
eines Tieres den Befleckten über die Hände rinnen läßt. Hier ist 
der Reinigung deutlich der Charakter eines stellvertretenden 
Opfers (des Tieres statt des menschlichen Täters) erhalten" (Rhode II, 



*) Ein englischer Arzt des 17. Jahrh. pflegte zu sagen, daß der Kranke, der 
zweimal hintereinander niese, aus dem Hospitale entlassen werden könne (Knortz) ; 
er war von den Krankheitsdämonen gereinigt. 

2) Helleborus ist im Deutschen die „Schelmrose", die gegen schelmische 
Drüsenschwellungen benützt wird. Bei den gallischen Völkern war der Helleborus 
ein Jagdgift, das Wild, welches damit getötet worden, sollte ein besonders zartes 
und schmackhaftes Fleisch haben (Janus XII, 1907, S. 445). 

^) Vergl. auch Fuchs, Hippokrates II, 515. 



Einleitung. 43 

76 ff.)- I^as Opfer sollte den Groll der Dämonen ablösen und so von 
der Befleckung reinigen. Eeinigungsmittel und Seelenopfer 
sind geradezu identisch; man reinigte sich nicht etwa von einem 
im Herzen sich regenden moralischen Schuldbewußtsein , sondern von 
dem Grolle der unheimhch den Menschen umschweifenden, in ihm 
sitzenden, ihn besessen machenden, ihn mit stechenden und anderen 
Schmerzen oder mit fieberhaftem Alptraum quälenden Geisterwelt. Die 
Eingriffe der „Unholden" in das menschliche Leben wollte der hell- 
sichtige Priesterarzt durch seine Reinigungsopfer abwehren (Rohde II, 
79 ff.), er war der offizielle vcaO-apr/jc (s. A. f. R.W. 1907, X, 
S. 406). 

Ein ritueller Opferakt war ferner auch das Aufstreuen von Körner- 
Gerstenmehl oder Gerstenkörnern auf das Opfertier oder die Ver- ^"^ ^^' 
bindung des animalischen Opfers mit Gerstenbroten (Movers, Opfer- 
wesen 96). Auf dem Altare des Zeus zu Athene war das Gersten - 
Opfer üblich (Nilsson 15); beim Zeus Polieus auf Kos wurden Gersten- 
schrot, zwei Brote und die kleinen Eingeweide (svSopa) auf den Altar 
gelegt; namentlich aber wurden die Todesgottheiten Hermes, Hekate etc. 
mit Gerstenschrotkuchen geehrt (Nilsson 20, 391); an Stelle der Opfer- 
gerste verwandte der Magier auch die die Gerste schrotenden Kiesel- 
körner als Ersatzopfer (Nilsson 462). Gerste, weißer Mohn, Räucher- 
werk und ungewaschene Schafwolle (Schafopfer s. o. S. 3-S) waren ein 
Opfer an Demeter (Nilsson 344, 345). Bei den alten Griechen der 
homerischen Zeit diente die Opfergerste, die man zu Beginn des Opfers 
in die Hand nahm, dazu, die Gottheit darauf aufmerksam zu machen, 
daß ein Opfer vorgenommen werde; die Gerste selbst vertrat dabei wohl 
das ältere vegetabilische Opfer ^) (Hermes XXXVIII, 38); Gersten- 
kömer wurden auf das Opfertier zwischen dessen Hörner und auch 
auf das zerschnittene Opferfleisch gestreut. Die Verbindung der Gerste 
mit den Teilen der Tiere finden wir öfters in der volksmedi?inischen 
Organtherapie (z. B. vergl. Kalbsleber). Aus Gerstenmehl herge- 
stellte AVidderpaare warfen die alten Israeliten als Substitut für das 
volle Opfer in das Brandfeuer (A. f. R.W. III, 216). Gerstenschrot, 
Gerstenbrot (Kuchen), Gerstenspreu und Gerstenmehl sind eine häufige 
Verbindung mit den tierischen, volksmedizinisch verwendeten Organen 
und mit Pflanzen; auch schon beim Hippokrates und Dioskurides findet 
sich dessen Gebrauch, z. B. III, 34. 64, 165; IV, 149. Fuchs IH, 
358, 361, 370; Frieboes 776, im Talmud und in der mittelalterlichen 
nordischen Volksmedizin (Fonahn 23). 

Auch im germanischen Opferkulte kam das Verbrennen von 
Fruchtkörnern als Ritus vor beim Heilzauber: 

„qui ardere facit grana, ubi mortuus est homo, pro sanitate viventium et 
domus V annos poeniteat," Liber poenitent. C68, 0. B. V. A. Bd. 52, 157, Z. d. 
V. f. V.K. 1905, 11. 

Der Zusatz von Honig zu den volksmedizinischen Organmitteln Opfer von 
ist nicht immer bloße Geschmacksverbesserung (s. Galle), sondern auch ^'^Mifch.'^'^ 
Opferbeigabe (vergl. Honigkuchen^). Milch und Honig, die Lecker- 

1) S. o. S. 21. 

^) Lebkuchen ; leb zu mtlat. liba = panis immolaticus ; ags. lif = medica- 
mentum, pharmakon; got. lubja = Grift ; an. lubbi = Grift; ahd. lippon = medicari; 



44 



Einleitung. 



Exorzis- 
mus. 



Communio. 



speise für die Toten, erhielten namentlich die chthonischen AYesen 
({jLsXixpaiov.ad cultum inferum, ad mortuorum cultum pertinens, Fahz 115); 
oft genug ward der Honig durch die süße Feigenfrucht (s. o. S. 14, 42) 
oder auch symbolisch in der Volksmedizin durch die honigliefernde 
Biene, die Bienenwabe, oder durch das blaue Zuckerpapier ersetzt. 
Die Krankheitsdämonen, die als elbische Seelengeister oft mit dem 
Namen der Krankheit in Beschwörungsformeln auftreten, erhalten als 
YaaiTJp und Y^^'^^spac (d. h. als Ursachen für Leibschmerz oder Gebär- 
mutterkolik) Milch und Honig mit menschlichen Eingeweiden (siehe 
Milz) als versöhnendes Seelenfutter; bei den Neugriechen, damit sie von 
den Eingeweiden des Menschen ablassen : 

^^^'(a-xr^p ^^a-JXBprx xpojxsoe 

xpopLSps v.al cpoßepe ! 

y.dxcu '<; xö '■(irxkö xaxco 'c, xö Trep'Y^^^^ 

eivs xpta oxoüxeXdv.ia, 

x' (uva [xeXc, x' aWo Y^Xa, 

x' aXXo x' dvxepa x' dvO-pcunou 

cpds jxsXt, 'fUB Y^Xa xi' 

dcpe^ x' avxspa x' dvO-pcuTioo" 

= „Leibschmerz entsetzlicher, entsetzlicher und furchtbarer, unten am Ufer, am 
Gestade sind drei Schüsselchen, das eine mit Honig, das andere mit Milch, das 
andere mit Mensch eneingeweiden. Iß Honig-, iß Milch, und lasse die Ein- 
geweide des Menschen'' (Liebrecht 348 ff.). In dem Liede von Atli der Edda 
(Jordan 431) heißt es: ..Du hast deiner Söhne zersäbelte Glieder und blutige 
Herzen mit Honig gegessen", als Beschwichtiguugsmittel. Milch und Honig 
mit dem Blute einer schwarzen Henne erhalten die elbischen Zwerge (Scheible IX, 
200; Grimm, Deutsche Sagen Nr. 38). 

Der Zweck beim Heilopfer war vor allem die Sicherung der 
Sippe und der Schutz der Ueberlebenden vor der Rache der 
nach neuem Leben dürstenden Seeleng eiste r durch Versöhnung dieser 
mittels blutiger Opfer und sonstiger Speiseopfer, wozu der Familien- 
vater (Gode) oder der Priester (Magier) die Geister berief, beschwor. 
Der Beschwörungsakt blieb bei der allgemeineren Verbreitung der 
Organverwendung im Laufe der Zeit weg oder trennte sich selbständig 
ab. Das Beschwörungs wort, Exorzismus, gehörte aber zum Ge- 
sundheitsopfer ehemals ebenso wie zum Liebeszauber (vergl. Cato, De 
agricultura 70, 78, 83, 103, 122, 123, 125, 156—159, 160). Mit der 
Versöhnung der Seelengeister erhoffte man nicht nur Seuchensicher- 
heit und Fruchtbarkeit (Liebe, Schönheit), sondern überhaupt über- 
natürliche Kräfte, die Gabe, in die Zukunft zu schauen, hellzusehen, 
wahrzusagen (Weissagung), vergessen zu können etc. 

Die '0\Loi(üGiQ TCO d'sG), die Sehnsucht, sich mit der Gottheit zu 
vereinigen durch den Mitgenuß an der Gottheitsspeise, communio, 
war der Beweggrund dazu, von dem Genüsse der tierischen Opfer- 
organe auch Heilwirkungen zu erwarten. Die Seelensitzorgane Blut, 
Herz, Milz, Leber, Hirn (Kopf), auch Lunge, Genitalien, die als 
Lebensglieder sich gegenseitig und das ganze Opfertier vertreten 
konnten, wurden so auch die Stellvertreter des zu Heilzwecken ver- 



sskr. lubh = perturbare. Lebkuchen ist der mit Heilkräutern versetzte Honig- 
kuchen ([j.sX'.ToöiTa), welchen auch die unterirdischen Schlangen und die Toten als 
Opfer erhielten (Rohdel, 305; Röscher, Selene 65). In der mittelalterlichen 
Volksmedizin der Nordgermanen ist der Honigkuchen (honagx kakw) ein Mittel 
gegen den Spulwurm (Fonahn 29). 



Einleitung. 45 

wendeten, von den angerufenen Heilmächten verzehrten ganzen Tieres; 
vermutlich gehörten einstmals die einzehien Organe ^) auch nur be- 
stimmten Gottheiten; denn die Differenzierung der Opfer ging parallel 
zur Differenzierung der Gottheiten, d. h. der Opferzwecke, die man 
in der Art der Opfergabe möglichst deutlich „ad oculos" demonstrieren 
wollte; man gab die Teile des ganzen Tieres hin als Ersatz für das 
Ganze und für den Teil des Opfertieres. Die persischen Magier gaben 
den Göttern nur diejenigen tierischen Organe, welche als Seelensitze 
bei ihnen galten, zur Opferspeise, für sich aber benutzten sie das 
Fleisch dieser geopferten Tiere; nur des Seelenfleisches bedurften die 
Götter, keines anderen Fleisches, „r^c vap ^v^yriQ cpaai xoö leosioo Ssia- 
-Ö-ai TÖv ^sov, aXXoD Ss ouSsvöq" (Strabo, A. f. R.W. VI, 222). Der Mit- 
genuß an der Gottheitsspeise erst erwirkte dann die übernatürlichen 
Heilkräfte. Die inneren, edleren, blutreicheren Teile gehörten der Gott- 
heit oder dem Vermittler zwischen Gottheit und Menschen, dem Priester. 

Namentlich im Kulte der griechischen chthonischen Götter, die Omo- 
im Pariser Zauberbuche direkt als wjiorpdYOi jß-6vioi angeredet werden p^^s^®- 
(Rohde ^ II, 81) finden wir die Omophagie, d. h. das Verzehren des 
rohen , noch zuckenden , lebenden Fleisches eben geschlachteter oder 
zerrissener Tiere; dieser Ritus hat allen Anspruch auf hohes Alter, 
und gerade im Kulte der Toten, der Seelen und der chthoni- 
schen Gottheiten haben sich die ältesten Opferzüge am 
längsten bewahrt (Furtwängler III, 46); bei den griechischen Dio- 
nysien und römischen Bacchanalien hatte sich die Omophagie ^) bis in 
die christliche Zeit ebenso erhalten, wie das Tragen der äußeren Seelen - 
hülle (Tiermaske), mit der man sich dem Tiergotte ähnlich, gleich- 
machen und auch schützen wollte. Wir begegnen auch in der volks- 
medizinischen Organtherapie diesen Mitteln oft genug. 

Pomponius Mela 3. 3. 28 berichtet, daß auch die Germanen rohes, 
frisches Fleisch der Tiere verzehrten oder altes trockenes Fleisch in 
frischen Tierhäuten wieder aufwärmten. 

Wir wissen auch, daß die Griechen und Römer wohl unterschieden 
zwischen denjenigen Organen, die als Götterspeise dem Priester als 
Tribut oder Zoll an die Gottheit zufielen, und den übrigen, nichtedlen 
Teilen, wie Gekröse, Magen, Uterus (gaster, venter). Athenäus (Ca- 
saubon. III, 179) schreibt: „Solitos edi veteribus mactatorum animalium 
ventres probat Dipnosophista Aristophanis testimonio." Die xoiXtai 
(= venter) galten als „aSexaTOTsoiac twv ^scöv ispag xo^Xiac;", d.h. als 
unverzolltes Götteropfer, das nicht zum eigentlichen Gottheitstribute 
gehörte, sondern den Seelengeistern vorgesetzt wurde ^); nur Hermes, 
der Totenführer, erhielt häufig die Zunge des Opfertieres. 

Die Opferanatomie führte zur Küchenanatomie. Die Anatomia 
germanische Anatomia culinaris kennt außer den schon erwähnten cuiinaris. 

^) Die Zunge z. B. dem Hermes, das Herz und die Leber der Hauptgott- 
heit, die Reinigungsopfer den chthonischen Wesen, 

^) Die damit verbundene Uebertragung von Parasiten wurde wieder als 
•Strafe einer nicht genügend versöhnten Gottheit oder als nicht genügende Be- 
folgung der Reinigungsvorschriften angesehen. 

^) Auch der Kot, als Sekret des menschlichen Körpers, konnte zum Opfer 
-an die Hausgeister werden •, vergl. den grumus merdae der Diebe, die sich dadurch 
vor Entdeckung sichern wollen. Ueber ägyptische, assyrische, jüdische und römische 
Kotgötter s. Krauß, Anthropophyteia IV, 329, 346 und oben S. 14. 



4(3 Einleitung. 

Seelensitzorgaiien auch noch die Milz, das Kronfleisch (zu sskr. ghra, 
germ. kraw = Zwerchfell, (pf^svsc der Griechen), Innader, Inngeräusch 
(Exta, praecordia), Gebütt, Geschmeis, Gereb ^), Geschling, Gekröse, 
Innenbrust, Herzbrust, Nachbrust, Unterbrust, Yorbrust, das Brat 
(Herz-, Brust-, Diech-, Fleisch-, Garb-, Kehl-, Ruck-, Wadbrat), das 
Pfaffen- oder Herrenschnitzel. „Die Sitte, Schnitzel Fleisch, und zwar 
von den inneren, edleren Eingeweiden, dann von der Hüfte, dem Kreuz- 
beine, dem Schwänze und dem Euter der Opfertiere, abzusondern und 
diese bald auf dem Altare zu verbrennen, bald sie als dapes für die 
Gottheit zuzurichten, findet sich auch in dem römischen Kulte wieder" 
(Movers, Opfer w. 95); solche Schnitzel hießen praecisias, prosiciae, able- 
gomina; solche „dapes" führt auch Seneca (Oed. 557) als Teile des 
Brandopfers beim Zauberritus an: „flamma praedatur dapes" (Fahz 115). 
Von Interesse ist es, daß die alten Aegypter nach der 17. und 
bis zur 26. Dynastie die verschiedenen Eingeweide des Menschen in 
vier kanopischen Gefäßen beisetzten, deren Deckel die vier verschie- 
denen Totengenienköpfe (^Mensch = Amset, Hund = Hapi, Schakal 
= Tuamautef, Geier = Khebsenuf) und damit auch die vier Himmels- 
richtungen vorstellten : die Süden vase enthielt den Magen und die 
weiten Gedärme, die Norden vase das dünne Gedärm, der Osten 
Lungen und Herz, der Westen die Leber mit Gallenblase 
(Concise Dictionary of Egyptian, Archaeology by Brodrick and Morton 
1902, S. 38). Solche kanopische Vasen mit den getrockneten Fin- 
ge weiden von heiligen Tieren hat man an verschiedenen Orten 
gefunden. Der Inhalt der Gefäße gehörte also den vier Totengeistern, 
die in den vier Himmelsrichtungen hausten. Bei der Konservierung 
der ägyptischen Toten mittels der Binden wickelung kam zwischen die 
die einzelnen Eingeweide umhüllenden Leinenbinden oft eine wächserne 
Nachbildung des einen der vier Genien, gewöhnhch Khebsenuf, zu liegen. 
Vor der 21. Dynastie pflegte man sie außerhalb des Körpers in den 
erwähnten vier Kanopen beizusetzen. Man sieht also, daß der Aegypter 
die Eingeweide der Tiere und des Menschen, die den Toten- 
geistern gehörten, genauer kennen lernen mußte als die anderen Völker, 
die im Bausch und Bogen alles Baucheingeweide zugleich ausvveideten. 
Der [deutsche Volksmediziner kennt auch die arteriosklerotische 
Aorta bei Hirsch, Pferd, Rind, das Gallenröhrlein, die Gallenblase, die 
Innenhaut des Hühnermagens, die weiße Fettleber, das Freudenkörnlein 
(Ovarium) in der Henne, die beiden Gehirnhemisphären, die beiden 
Herzventrikel, das Netz, die Hoden, Nieren, Gebärmutter der Tiere, 
sogar die Froschmilz, also in ziemlich grobsinnlicher Weise ; besonderer 
Prüfung unterzieht er den Hechtkopf bei Fastengerichten. 
Opfertieie. Unter den germanisch en Opfertieren spielen die größte Rolle 

Rind, K^lb, Bock, Pferd, Schwein, Huhn, Widder, Hund (Hase und 
Katze?), Hirsch. 

^) Ueber die Bedeutung von Reb, Gereb, das aus dem Opferwesen stammt, 
s. Höfler, Krankheitsnamenbuch S. 499 und Grimm, Wörterb. VIII, 491. Es sind 
die Baucheingeweide in erster Linie, welche das Gereb darstellen; der Schädel- 
inhalt, das Gehirn, wird speziell als „Hirngerebe" besonders bezeichnet, was dafür 
spricht, daß man dieses Organ erst später einer besonderen Beachtung unterzog 
und vom „Gerebe" sprachlich als Hirngerebe abtrennte, wie ja auch bei den 
Griechen das Schädelmark (Gehirn) erst später von dem Mark der Knochen über- 
haupt getrennt wurde. 



Einleitung. 47 

Wir müssen aber von diesen den Gottheiten geopferten Tieren 
jene Tiere ausschließen, welche verzehrt wurden bei der Theophagie 
(s. 0. S. 8); die Auswahl dieser als göttlich verehrten Tiere 
geschah umso peinhcher, in je höheren religiösen Vorstellungen dabei 
das Volk oder der einzelne sich bewegte; namentlich aber scheinen in 
dem Kulturkreise, der unser Gebiet betrifft, die Auswahl der als be- 
sonders verehrt und gefürchtet geltenden Tiere sich auf jene Tiere zu 
beziehen, welche Menschenfresser und Leichenräuber sind, wobei mit 
Milderung der Sitten sich ähnlich gefärbte oder gefleckte Tiere in den 
Heilglauben solcher theophagisch verzehrten Tiere einschoben (z. B. 
das schwarze Huhn für Adler etc.). 

Das gleiche gilt von Römern und Griechen, deren Opfertiere 
genauer bekannt sind, in Bezug auf die den Gottheiten und Seelen- 
geistern geopferten Tiere. 

Schon die alten Aegypter verfuhren so, daß sie beim Totenopfer- 
kulte nicht bei einer bestimmten zoologischen Art beharrten, sobald 
ein Wechsel des Opfertieres nötig war. Schon die schwarze Farbe 
eines Tieres genügte, um es als stellvertretendes Opfertier für ein 
anderes auszuwählen; auch kannten die semitischen Phönikier das 
Opfer des Wildes, namentlich des Hirsches, als Stellvertretung des 
gezüchteten Herdentieres (Movers, Opferw. 53); ja später galten sogar 
die Organe der wilden Tiere als besonders „kräftige" Heilmittel, 
dies jedoch erst in relativ jüngsten Zeitperioden der deutschen Volks- 
medizin. Die Homerischen Gesänge kennen das Wildopfer noch nicht, 
weil das Volk damals Wild und Fische nur im Notfalle aß und solches 
auch seinen Göttern nicht als Speise anbieten durfte (Stengel 365, 
Anm.); wilde Tiere aber erhielt später namentlich die Artemis, die 
Jagdgöttin, als Tröxvia ^'/jpwv (Nilsson 224, 225, 180). Die einzelnen 
Tierarten werden wir später besprechen. Daß mit der Zeit eine fast 
regellose Auswahl von Opfertieren stattfand, ist ja erklärlich; doch 
wurden immer gewisse Tiere, schwarze und männliche, auch in der 
Substitution bevorzugt: „hostiae ut quisque vovit, sed mares diliguntur" 
(Movers, Opferw. 57); die Verkümmerung zum Rudimente machte sich 
in der Auswahl der kleinsten Vögel (s. u.) bemerkbar. 

Auch die Speiseverbote der verschiedenen Religionssysteme 
und Philosophenschulen gingen darauf hinaus, das Eingehen tieri- 
scher Eigenschaften in den menschlichen Körper durch den Genuß 
bestimmter Tierarten zu umgehen oder zu vermeiden; denn wie die 
Menschenseele durch den Genuß menschlicher Leichen auch auf den 
Tierleib überwandern konnte, so konnten auch die Eigenschaften 
nicht bloß der götthch verehrten, sondern auch aller anderen genieß- 
baren und genossenen Tiere in den menschlichen Körper gelangen. 
Alles, was mit chthonischen Tieren zusammenhing, vermieden z. B. die 
Pythagoreer. Das Christentum wurde diesbezüglich am meisten von 
den jüdischen Vorschriften beeinflußt. 

Einige Jahrhunderte vor und ebensolange nach Christi Geburt 
opferten die Alemannen auf dem Lohensteine bei Bolingen in 
Württemberg noch 91 ^/o Haustiere (Rind, Schaf, Ziege, Schwein, 
Pferd, Hund); aber auch schon damals wurden von ihnen Jagdtiere 
(Hirsch, Auerochs, Elch, Biber, Reh) und selbst der Singschwan ge- 
opfert (s. Korrespond.-Bl. f. Anthrop. XIII, 1882, S. 19). 



48 Einleitung. 

Der Ablösungsprozeß in dem blutigen und nichtblutigen Opfer 
führte zur Bildung von Rudimenten oder Ueberlebseln, ohne die das 
volle Opfer nicht verschwindet. Diese Tendenz zum Rudimentären 
macht sich in der Volksmedizin dadurch bemerkbar, daß die kleinsten 
Tiere, soweit sie eben belebte Wesen mit heißem Blute waren, mit 
der Zeit die häufigsten Herzlieferanten wurden in der volksmedizinischen 
Organotherapie (s. Sperling, Zaunkönig, Schwalbe, Taube). 

War einmal der Schritt gemacht, der über den Bann der strengen 
Kulttradition hinausführte, so waren der AVillkür scheinbar alle Tore 
geöffnet; aber durch gewisse Fäden hing auch das verkümmertste Rudi- 
ment noch mit dem alten, weit wirksamer geltenden, vollen Kultopfer 
zusammen. Schon das allmählich immer mehr sichtbare Bevorzugen 
der kleineren, billigeren und leichter erreichbaren Tiere als Vermittler 
des Heilzaubers kennzeichnet den starken, weiteren Verfall der ur- 
sprünglichen Form. Der Heilzweck wurde vom Magier der späteren 
Zeit nicht mehr durch die bloße Tierart angezeigt, sondern auch durch 
die sympathische Auswahl der Organe, welche mit dem kranken Or- 
gane in Korrelation gebracht wurden; dabei wurde es oft ganz gleich- 
gültig, welches Tier z. B. seine Milz (Eingeweide) hergab oder sein 
Herz zur volksmedizinischen Schlachtbank lieferte, wenn es nur über- 
haupt ein lebendes Tier war, so konnte ein Fischherz, eine Froschmilz, 
eine Hühnerleber stellvertretend für irgend ein anderes solches Herz-, 
Milz- oder Leberorgan zur Verwendung gelangen; daß solche Organe 
als Heilmittel für gleiche kranke Organe erst sehr viel später zur 
Verwendung gelangt sein konnten, ergibt sich schon mit Notwendig- 
keit aus der einfachen Tatsache, daß die Erkenntnis von Krankheiten 
(Herz, Leber, Milz) innerer Organe erst einer relativ späten Kultur- 
periode eigen war; vorher beherrschte fast ausschließlich die subjektive 
Schmerzbezeichnung die Diagnose und damit den Krankheitsnamen; 
und dieser, der Krankheitsname, war maßgebend für das volksmedi- 
zinische Handeln während langer Zeiten. Eine exakte Terminologie 
der Krankheiten kam erst mit den Anfangen einer wissenschaftlichen 
Medizin, d. h. für Europa mit dem Aufblühen ägyptisch- griechischer 
Heilkunde auf (Schrader 476). 

Allerdings zuzeiten großer persönlicher Not und Hilflosigkeit, 
bei Landesseuchen etc. griff man einstmals sicher zum kräftigeren, 
vollen Opfer wieder zurück, wie man ja auch in solchen Fällen mit 
Vorliebe zum altgewohnten Kultorte zurückkehrte (Müllenhoff IV, 216), 
und so sehr war der Magier oder Heilkünstler sich dieses Zusammen- 
hanges seiner Therapie mit dem älteren vollen, blutigen Opfer bewußt, 
daß noch später die Vorschrift (Franken) gegeben war, bei sympathi- 
schen Kuren wenigstens zw^ischen je 13 ein Opfertier zu schlachten, 
sonst wirkten sie nicht (Wuttke ^ § 439); mit solchen Fäden griff 
der Volksheilkünstler zum alten, die Seelengeister (Krankheitsdämonen) 
beeinflussenden Kultopfer zurück, auch wenn die sogen. Sympathiekur 
für ihn die Hauptsache geworden war. Nicht bloß der Glaube an die 
Macht des Zaubers, die Menschen und Tiere verwandelt und von der 
selbst Tiergottheiten überwunden werden können, machte die tierischen 
Organe zu Heilmitteln des Volkes, sondern vor allem der Glaube 
an die übernatürlichen Kräfte der menschlichen Seelengestalten und 
chthonischen Wesen, die mit solchen Tieren und Tierteilen versöhnt 



Gehirn. 49 

wurden. In dem Seelenkulte mit seiner an Symbolen so reichen und 
damit den alten Opferritus ganz zerbröckelnden Mannigfaltigkeit liegen 
auch die Hauptquellen der Verwendung der verschiedenen Tierorgane 
als Heilmittel. Die magischen, übernatürlichen Kräfte der Seelen- 
geister oder Seelentiere sich dienstbar zu machen durch Opfer und 
Gegenzauber, durch die Gottheitsversöhnung und Gottgemeinschaft sich 
die Macht über die Geisterwelt zu erwerben, das waren die Ziele aller 
jener Magier, von denen unsere Volksmedizin beeinflußt sich zeigt, 
namentlich der Chaldäer, Perser, Babylonier, Aegypter, Griechen, 
Juden und Römer. Nach dem Abwelken der Antike kam ein guter 
Teil des sogen. Aberglaubens aller dieser Völker ins Abendland, durch 
schriftkundige Leute und durch Tradition in die geheimen Zirkel und 
alchimistischen Genossenschaften, in verschiedene Orden, Sozietäten 
und Kultgesellschaften (Strunz 50). 

Unter Voraussetzung dieser allgemeinen Erläuterungen über die 
Beziehungen vom Tieropfer zur Volksmedizin wollen wir zu dem spe- 
ziellen Teile unserer Aufgabe, zu den einzelnen Tierorganen, die in 
der deutschen (und antiken) Volksmedizin Verwendung erfuhren, über- 
gehen, wobei wir uns auf die diesbezüghch wichtigsten inneren Organe 
bezw. Organsekrete beschränken, nämlich auf: 
I. Gehirn, 
n. Leber, 

in. Galle, 

IV. Herz, 
V. Milz, 

VI. Lungen, 
VII. Nieren. 

I. Das Gehirn. 

Das Gehirn oder Hirn (alul. liirni , agerni. hirsn — , Jat. 
ceresrum, cerebrum, gr. zdprjvov, y.spvov, geiu- indog. ker, kers — Kopf\ 
Kluge ^ 176) hat sich begrifflich aus der Bedeutung des Kopfes 
als Inhalt dieses Gefäßes (Schädel oder Kopf) entwickelt. Nach der 
Anschauung der meisten Völker, nicht bloß der indogermanischen, ist 
das Gehirn ([j.t3£Xöv, SY/wScpaXLTiov, sYxscpdXiov, lueduUa) das innere 
Mark innerhalb des knöchernen Schädels, das Knochenmark Geiüm ab 
des Kopfes, meduUa capitahs; bei den Deutschen war es ehemals das ^maiaf.^' 
Gerebe (s. des Verf. Krankheitsnamenbuch 499) oder Eingeweide im 
Schädel, spezialisiert das Hirn gerebe. Haupt, Schädel und Kopf 
vertreten das Gehirn. Die Wegnahme des Lebens, die Tötung, er- 
folgte unter anderem durch Enthauptung- im Kopfe, im Haupte lag 
dann das Leben i), die Seele; die Vorstellung einer im Knochenmarke 
sitzenden Seele ist bei manchen Völkern anzutreffen (Andree, Anthropo- 
phagie 4, 102); viel häufiger beschränkt sich diese Vorstellung nur 
auf das Schädelmark (Gehirn); während aber von den frühesten bis 
zu den spätesten Zeiten bei den verschiedensten Völkern das Herz 
mit beinahe jeder Seelentätigkeit in Beziehung gesetzt wird, gilt das 
Gehirn oft als minderwertiges, sogar als unnötiges Körpergebilde. 
Tydeus, ein ätolischer Fürst, einer der sieben Helden des ersten 



^) Das „tanoana" der Bureestämme von Celebes (J. Hart 36). 
Höfler, Die volksmeclizinisclie Organotherapie. 



50 Gehirn. 

thebanischen Krieges, schlürfte nach der thebanischen Volkssage aus 
des Melanippos Schädel das Gehirn wie das Mark aus dem Knochen 
aus, jedenfalls eine ganz uralte Sitte, an die noch das germanische 
Trinken aus dem Schädel des erlegten Feindes erinnert. Melanippus 
hatte ihn tödlich verwundet; durch das barbarische Verzehren des Ge- 
hirns seines Feindes aber verscherzte sich Tydeus die ihm auf Bitten 
seiner Beschützerin Athene von Zeus zugedachte Unsterblichkeit. — Daß 
die alten Germanen die abgeschnittenen Schädel ihrer Feinde mit wohl- 
riechenden Kräutern zur Konservierung würzten, berichtet Strabo 4, 
und der römische Historiker Rufus Festus (369 p. Chr.) schreibt in 
seinem Breviarium rer. gest. pop. rom., daß die Scordisci (an der 
unteren Donau) ihre Gefangenen den Göttern opferten und deren Blut 
aus ihren Schädeln zu trinken pflegten (E. Schedius 508 ff.). Der 
Schädel des geopferten Feindes gelangte bei den Bojern (200 a. Chr.) 
in das Kultgeräte dieses keltischen Volkes; Alboin, der Longobarden- 
könig, trank ebenfalls aus dem Schädel seines Feindes; daß diese Sitte 
des Trinkens aus Menschenschädeln nicht so selten war, wie MüUenhoff 
IV, 348 annimmt, ergibt sich aus der Volkstümlichkeit dieses vom 
Christentum aufgenommenen Brauches ^). Der Heiligen antidämonische 
Kräfte sollten so auf den gläubigen Menschen übergehen; so gibt man 
auch kropfigen Menschen aus der Hirnschale eines toten Menschen zu 
trinken, und in der Christnacht gibt man Tauben ihr Futterwasser 
aus der Hirnschale von ihnen feindlichen Tieren (Wuttke, § 678^). 
Die Germanen tranken ebenfalls ihre Minne (= Liebestrunk zur Erinne- 
rung an die Verstorbenen) aus Bechern, welche die Scliädel der er- 
legten Feinde waren. „Eine besondere Wichtigkeit muß man (bei den 
Küpfun^. Griechen) dem abgeschnittenen Kopfe des Opfers beigemessen 
haben; es hat oft den Anschein, als ob der abgeschlagene Kopf 
etwa wahrsagend^) gedacht wäre, oder daß man aus seiner Betrach- 
tung den Willen der Götter zu erforschen bestrebt gewesen wäre. 
Eine solche besondere Geltung des abgeschnittenen menschlichen Kopfes 
ist in der Tat bei manchen Völkern zu beobachten, und finden sich 
Spuren davon selbst in Griechenland" (Furtwängler HI, 230). „Auf 
unseren römischen Gemmen haben wir bereits ein merkwürdiges Zeug- 
nis kennen gelernt für die besondere Bedeutung des abgeschnittenen 
(menschlichen) Kopfes in den Darstellungen von Menschenopfern, wo 
der Kopf zu m antischen Zwecken benützt zu werden scheint. 
Weit verbreitet in primitiven Kulturkreisen ist das Zerstückeln des 
Leichnams bei der Bestattung, insbesondere das Trennen des Kopfes ^). 



') S. darüber Korresp.-Bl. f. Anthrop. 1875, Nr. 7, 1882, S. 47; des Verf. 
Baum- u. Waldkult 13, 70; Volkskunde X, 121; Rocliholz I, 230 ff.; Andree, 
Parallelen I, 134; Jordan 266, 440, 457. 

2) Hierbei spielt aucb Leichenaberglaube mit. Alles, was mit dem Tode 
zusammenhängt, hat magische Kräfte. „Non pereunt columbae et neque locum 
deserunt, si per omnes fenestras aliquid de strangulati hominis loro aut vinculo 
aut fune suspendas" (Fahz 150), eine magische Fesselung an das Haus. 

^) Vergl. die Wahrsagung aus dem Schulterknochen (Scapulimantia von 
R. Andree). 

'*) Vergl. die Sage von kopflosen Gespenstern (Wuttke). Lieber redende 
Häupter, singende Köpfe und weissagende Totenschädel Liebrecht 290; Furt- 
wängler, Antike Gemmen III, 274, 250 und Z. d. V. f. V.K. 1906, 415; dazu ge- 
hört die Ynglasaga 7, wonach Odinn mit Mimirs abgeschnittenem Haupte, das 



Gehirn. 51 

In den Grübern der Urzeit in Aegypten fand man den Kopf häutig 
abgeschnitten. Proklos berichtet einmal von einer hochmythischen 
Weihe, bei welcher die 'O-soopYoi befahlen, den Leib mit abgetrenntem 
Kopfe zu bestatten (in Plat. Theol. IV, 9, p. 193). Und wenn die 
Aegypter nach Herodot II, 38, 39 keinen Kopf eines Tieres aßen und 
das Uebel durch Fluch auf den Kopf des Opfertieres abzuwälzen 
suchten, so erhellt hieraus die Anschauung von der besonderen, selb- 
ständigen Bedeutung des abgeschnittenen Kopfes i), selbst des der Tiere" 
(Furtwängler III, 252). Der Kopf als Träger des Lebens galt so viel 
als das Opfer des ganzen lebenden Tieres. 



Fioc. 8. 



Fig. 9. 






Aus Furtwäll glers Antike Gemmen L Taf. XXL Nr. 46-49, III, 229. 



Ein nackter Mann trägt einen ab- 
geschnittenen (weissagenden) Kopf 
in der Linken, das Opfennesser in 
der Rechten. 



Der Opfernde trägt ein herabwallen- 
des Fellgewand am Rücken , ein 
Schlachtmesser in der Rechten, den 
abgeschnittenen Kopf in derLinken; 
vor ihm steht ein Altaraufbau, auf 
dem die Reste der Leiche liegen. 



Fio-. 10. 







Ein mit herabfallendem Tierfell am 
Rücken bekleideter Mann erfaßt mit 
der Linken den Kopf des Opfers, 
das auf einem niederen Brustgestell 
steht, während die Rechte das 
Opferschwert erhebt. 



Ein am Rücken mit einem herab- 
wallenden Tierfelle bekleideter 
nackter Mann erhebt das Opfer- 
messer über dem Haupt des vor 
dem Schlächter knieenden Men- 
schen. 



In Bulgarien (Bei 
wie in Süddeutschland 
Stallseuchen und bösen 

Vermutlich sollten 
oder Amulette an den 
geschlagenen Menschen- 
Kraft besitzen, wie das 



läge z. Allg. Ztg. 1903, Xr. 34, 35) werden 

Schädel von Haustieren zum Schutze vor 

Geistern auf den Hofzaun gesteckt. 

auch die antiken Gemmen, die man als Ringe 

Finger steckte, und welche die Bilder von ab- 

• und Tierköpfen aufweisen, die gleiche magische 

Opfer selbst (s. Ziegenkopf z. B.). Den Haupt- 



er durch seinen Zauber unverweslich gemacht hatte, Gespräche abhielt, so oft 
er des Rats bedurfte ; auch hier weissagte der Totenschädel nach nordgermani- 
scher Volkssage. 

^) Es kann sich dabei vermutlich um eine nur zeitweise Fluchhandlung 
handeln , wenn nämlich das betreffende Tier als eine Verkörperung von Set oder 
Typhon, dem ägyptischen Teufel und Gegner von Osiris g:alt und als solcher dann 
getötet wurde, wobei der Kopf den größten Teil des Fluches auf sich nehmen 
mußte; solchen verfluchten Kopf zu essen war dann ein Verstoß gegen die religiöse 
Anschauung. 




52 Gehirn. 

gottheiten, z. B. dem griechischen Zeus gehörte der Kopf (anderen 
Gottheiten die Zunge, anderen die Niere); in dem Haine der taurischen 
Artemis hingen die Köpfe ihrer Opfer an einem Baume, wie in den 
Hainen der griechischen Heiltempel die Gliedmaßenbilder (Nilsson 
235). Das Vergraben der Köpfe als Bauopfer geht wohl in vorge- 
schichtliche Zeiten zurück ^) und das Darbringen von Tierköpfen als 

Götzenopfer verbot Gregor I. den Franken; 
Fig. 12. es waren dies die „exuviae" des Opfers, 

die die Germanen ihren Göttern darbrach- 
ten, während sie das übrige, meist gekocht, 
selbst verzehrten (MüUenhoff lY, 218). Da- 
bei ist auch nicht zu übersehen, daß primi- 
tive Völker in dem Körper von Menschen 
^"' T^arx^Nil^yf Yii^'S^^ und Tieren eine Art von Seele oder Flui- 

Darbriiisunj; eines Menschenkopfes dum annehmen, das zumcist im Kopfc 

als Opfer, Avobei der tötende Held • o-iii iin i ii 

seineA Fuß auf den Schiffschnabel senien bitz habe, und daß man durch den 
setzt und so iiber die günstige Bcsitz des Schädels aucli in den Besitz 

Schiffahrt von dem weissagenden . • i i o ^/. 

Kopfe Auskunft erforscht. diescs zauberartig Wirkenden fetories oder 

AVesens gelange; bei den Bureestämmen 
auf Celebes heißt dieser „tanoana'"; es ist bei ihnen höchst nütz- 
lich, durch Kopfabschneiden sich des ,,tanoana^' zu benkächtigen 
(J. Hart). 

Die Tatsache, daß mit der Enthauptung, „Köpfen", das Leben 
entflieht, ist sehr wahrscheinlich die Veranlassung gewesen zu der 
späteren Annahme, daß im Haupte (Schädel, Gehirn) der Sitz der 
denkenden Seele sei; der Verblutungstod war die gewiß häufigere Be- 
obachtung der Blut- und Wärme- und Lebensentweichung, und diese 
Todesart war auch die ältere Beobachtung und damit die Veranlassung, 
in dem lebenswarmen Blute, namentlich im heißen Herzblute, weiter- 
hin im Herzen selbst den Sitz der Seele zu suchen. Das Bluttrinken 
als Quelle der Lebenskraft, eigentlich ein Seelentrinken, ist auf der 
Erde weit verbreiteter als das Enthaupten oder das Verzehren des 
Gehirns zum Zwecke der Kraftvermehrung. AVir können darum 
Windisch 180 nur zustimmen, wenn er sagt: „Es ist unmöghch, daß 
die (philosophische) Lehre vom Gehirn (als Seelensitz) von Anfang an 
in derselben Weise volkstümlich gewesen wäre, wie die vorwiegend 
auf dem (subjektiven?) Gefühle beruhende alte Lehre vom Herzen als 
Sitz der Seele überhaupt." Der Kopf (Schädel, Haupt, Gehirn) tritt 
als der Sitz des geistigen Lebens erst in relativ später Zeit auf, und 
zwar, wie anzunehmen ist, erst durch den Einfluß der gelehrten Priester, 
Philosophen und Aerzte des Altertums, die die Lehre vom Sitze der 
Seele, des geistigen Lebens, des Gemütes, des Mutes, des Wollens, 
des Denkens und Gedächtnisses im Gehirn (custos memoriae) den 
mittelalterlichen Gelehrten überlieferten. Ursprünglich galt nur 
das Herzblut und das Herz als Seelensitz (receptaculum vitae). 
Die Verteilung der Seelenkräfte auf verschiedene innere Organe war 
erst einer weit späteren Zeit vorbehalten, nachdem noch andere Er- 



^) Vergl. „capitolium (mons) dictus, quod hie, cum fundamenta foderentur 
aedis Jovis, caput humanum dicitur inventum" (Varro, De lingua latina V, 41 ; 
Furtwängler III, 247, 249). 



Gehirn. 53 

faliriingen über Todesursachen und Bliitmiscluingen (Temperamente, 
Humores ^) gewonnen worden waren. 

Den alten Indiern war das Gehirn ohne besondere Bedeutung Gehirn. 
für die geistige Tätigkeit des gesunden Mensclien, wenngleich der 
Schädel, wie auch jeder andere (kranke) Körperteil als Sitz einer per- 
sönhch gedachten, durch beschwörende Bannworte vertreibbaren Krank- 
heit angenommen wurde, welche durch Aufsteigen der bösen Säfte ver- 
anlaßt sein sollte (Windisch 169, 185). 

Die Aegypter sahen in der Nase den Weg zum Dämonensitze 
im Gehirn, um durch scharfriechende Mittel diesen Krankheitsdämon 
daraus zu vertreiben (s. o. S. 38). 

Selbst Hippokrates (f um 370 a. Chr.) hatte noch keine richtige 
Vorstellung vom Bau des Gehirns; Aristoteles (f 322 a. Chr.), der 
von den inneren Organen des Menschen noch offenherzig bekannte, 
daß man diese am wenigsten kenne, „aYvcoata -fap kozi \iÄ\iGirj. ta 
Twv av{>pco7ücbv" (n. a. I, 16), maß dem Kopfe oder dem Gehirne keine 
höhere Bedeutung für die geistige Tätigkeit des Menschen bei (Win- 
disch 172), selbst Herophilos (300 a. Chr.), der Begründer der ale- 
xandrinischen, also von Aegypten beeinflußten Aerzteschule kannte die 
Anatomie des Gehirns^) nur von Schlachttieren (Simon *XXXIX). 
Nach Galenos' Ansicht war Erasistratos (f 280 a. Chr.) der erste ge- 
wesen, der ein menschliches Gehirn zergliedert hatte. Erst durch 
den Arzt Galenos (f 201 p. Chr.) kam die Lehre vom Sitze der 
denkenden Seele im Gehirne unter die Kulturvölker des Mittelalters, 
und zwar erst durch die realen, objektiven Kenntnisse der Aerzte, die 
aus der Küchen- und Opferanatomie und aus sonstigen auf Wunden 
von Soldaten und Gladiatoren und auf ärztliche Experimente bezüg- 
lichen Beobachtungen und Erfahrungen stammten. Als Sitz einer 
Geisteskrankheit nahm erst die nachhippokratische Aerzteschule das 
Gehirnorgan an. Noch Plato (429—337 a. Chr.) sah nicht bloß das 
Herz, sondern auch den Kopf und die Leber als Seelensitz an, nach 
ihm sollte die unsterbliche Seele im Kopfe (s. o. Tydeus S. 49), die 
sterbliche aber in der Brust wohnen; er definierte im Timäus das 
Gehirn und das Rückenmark als Teile einer großen Markmasse ({j.osXgv), 
nannte aber das Gehirn sYxs^paXov seil, [xosagv, d. h. für Plato war das 
Gehirn noch das im Schädel liegende Knochenmark oder Kopfmark 
(Simon 347), und Galenus XV fügte diesbezüglich besonders an: „Und 
was Plato betrifft, so ist offenbar, daß er mit diesem Namen, ich meine 
Mark («xosXöv), jede weiche, zarte Substanz benennt, welche Knochen 
umgeben." Celsus (1. Jahrb. p. Chr.) nennt das Gehirn cerebellum, 
und Dioskurides (1. Jahrh. p. Chr.) trennt bereits das Gehirn vom 
Knochenmark, das er als [j.osXög bezeichnet und dieses mit dem übrigen 
Körperfette vergleicht (11, 95). Alexander von Tralles (525 — 605 p. 
Chr.) meinte, daß das Gehirn als Sitz der Epilepsie oder des Morbus 
sacer Hippokratis etwas Heiliges und Ehrfurchtsvolles sei, „Sia tö 
ispöv zal TLfXLOv SIV7.1 TG sYZscpaXov" (Frieboes 524). Nach der Vorschrift 

^) Humor zu sskr. hu = Opferguß-, vorgerm. ghud (dazu alid. gund = flüssiges 
Körpergift), xöjjLa, chymus ; adän. humsk^e = humores, got. huiisl ; anord. hüsl ; 
ags, hüsel = Opfer. 

^) Näheres über die geschichtliche Entwicklung der Anatomie des Gehirns 
bei den Griechen s. Weyermann 8 ff. 



54 Gehirn. 

ihrer Philosophen aßen die feineren Griechen das Gehirn des Schweines 
nicht (Athenäus, Casaiib. II, 65), in der Versicherung, daß, wer es 
nur verkoste, das gleiche Vergehen begehe, als wenn er eine Bohne 
gegessen hätte: „vetahantque non capita solum parentum, verum etiam 
animalium quantum vis immunda et prophana sint, comesse, narrantes, 
priscos homines ab iis religiöse abstinuisse, quod collocata sint in capite 
sensuum propemodum omnium sedes" ; ein Hysteron-Proteron des 
Athenäus; erst nach Galenus' Lehre war das Gehirn „o'j'XTraarj:; 

aTüdaa^ ayzohv sv aüTto sivai", aber nicht bei den frühesten Menschen, 
die von dem Ursprünge der Gefühlsnerven in den Zentralorganen so 
wenig W'ußten als unsere breiten Volksschichten; das Geliirn als In- 
halt des Knochenscliädels war eine Götterspeise, deren Genuß nur mit 
einer heiligen Scheu oder Furcht erfolgte 5 Plutarch (4(3 — 120 p. Chr.) 
erwähnt zwar (nach Athen., Casaub. III, 163; 11, 186), daß man zu 
seiner Zeit auch die Vulva (= Uterus) und das Cerebruni gegessen 
habe (auch Celsus [1. Jahrb. p. Chr.] erwähnt das Gehirn als mildes 
Nahrungsmittel); aber zu Euripides' Zeit (480 a. Chr.) sei der Genuß 
von Gehirn etwas Verruchtes und Frevelhaftes gewesen: „nam vesci 
cerebris antiquitus pessimi hominis erat argumentum"; nur ein „homo 
sceleratissimus aut certe voracissimus" hätte damals das tierische Ge- 
hirn als Speise oder Nahrung verzehrt. Zur Zeit von Galenus (2, Jahrb. 
p. Chr.) war der Genuß von Rindshirn bereits so volksüblich, daß der 
iletzger dasselbe innerhalb des Ilinderschädels öffentlich verkaufte, 
d. h. man kaufte sich damals wie heute einen Kalbskopf oder Schweins- 
kopf, w^obei das Gehirn mit eingeschlossen w'ar (Simon LVI); gewiß 
war es nur religiöse Scheu, welche früher vom Genüsse des Gehirns 
abgehalten hatte ^), der mit dem Nimbus einer zauberhaften Handlung 
verbunden angesehen wurde. Daß sicli die Magier dieser Gottheits- 
speise bemächtigten zum Zwecke ihrer Zauberhandlungen, liegt ganz 
nahe; denn das Opfergehirn galt noch im 15. Jahrhundert als ein 
medullatum sacrificium = ein getodt opffer des marcks, dz aller best- 
opffer D, I, 353. Auch das Gehirn der Tiere, welches später all- 
gemein genossen wurde, stand wie andere Früchte der Erde nach dem 
Mond- Glauben im 12. Jahrhundert unter dem Einflüsse des Mondes. 
Zur Zeit vom Kaiser Porphyrogennetos Manuel Comnenos (f 1180 
p. Chr.) waren o\ (iosag: t~ tojv C^i^wv y.al 01 h^yA'^c/Xoi vom Wechsel 
des Mondlichtes abhängig (Röscher 221), Dieser uralten Lehre vom 
Einflüsse des großen Zeitmessers und Tauspenders am Himmelsgewölbe 
auf Fruchtbarkeit und Feuchtigkeit aller Lebewesen auf der Erde 
(Röscher 32, 100, 108 etc.) entstammt auch der heutige Volksglaube 
bei den Köchen und Köchinnen, daß während des Neumondes die 
Krebse ihre Scheren und den Schweif hohl und leer hätten; das Volk 
sieht nämlich das Krebsfleisch für Knochenmark an; „in novilunio 
medullam quaerere" war nach dem Sprich worte etwas Lächerliches 
(16. Jahrb.). Die Naturalisten folgten also darin dem älteren Byzan- 



ehifluß 
auf das 
Geliirn. 



^) Bei den galizischen Juden soll man das Hirn irgend eines Tieres nicht 
essen, weil man sonst ein schlechtes Gedächtnis bekomme (Urquell 274). Alter 
Abscheu vor dem Hirngenusse begegnet sich hier mit neueren Anschauungen über 
die Hirnfunktionen. 



Geliirn. 55 

tinerglauben. „La Lune pleine eiifle les sources, Et les moölles des 
OS creux, La femme desenfle nos bourses. Et vide nos os moesleux" 
(1644) (Brissaud 68). 

Obwohl die germanischen Normannen (vermutUch nach fremdem 
Vorbilde) das menschliche Gehirn auch als Weissageorgan beim Tor- 
kulte wählten („collisoque unicuique homini singulari ictu sorte electo 
cerebro", Golther 253) also ebenfalls im geopferten Gehirn und Kopfe 
nach einer Gottheitswahrsagung forschten (wie auch im Herzen s. d.), 
so war und ist das Gehirnorgan innerhalb der Schädelkaspel im 
deutschen Yolksmunde sprachlich wenig differenziert. Kein Metzger, 
keine Köchin, nicht einmal der Klosterkoch weiß etwas mehr nur über 
das grobsinnliche Aussehen desselben, kein volksüblicher Name knüpft 
sich an die einzelnen Teile desselben. Das mnd. Brägen, ags. brgegen 
bezeichnet nur den Yorderkopf (ßps/jxoc;, Kluge ^55), und das ndl. 
Hersen (m. engl, hernes) gehört ebenfalls zu altgerm. hersn; anord. 
hjoerse = Kopfwirbel, gem. indog. kers = Kopf; der Lihalt, das Ge- 
hirn, wurde eben erst später (in vorahd. Zeit) aus der allgemeineren 
Bezeichnung „Kopf" differenziert. Das Gehirn als Schädelteil vertritt 
das ganze Tier, als Seelensitz die Seele des ganzen Tieres. Kopf Him als 
und Gehirn müssen als Volksmedizin! sehe Heilmittel ^®^^^^^^^*^" 
gleichgestellt werden; das Gehirn ist in den Augen der von der 
Schule unbeeinflußten Yolksmediziner nicht der Sitz der Epilepsie, 
Eklampsie, Apoplexie, Geisteskrankheit, Schlaflosigkeit, Gedächtnis- 
schwäche etc.; dies sind Dämonenwerke, die irgendwo im Körper sitzen 
(auch vielleicht im Kopfe manchmal); das Gehirn oder das Haupt ist 
der Lebenssitz. In einer alten irischen Yolkserzählung (15. Jahrb.) 
wird berichtet, daß bei einer Totenfeier zu Ehren des gefallenen Königs 
Fergal dessen Haupt (= Seele) bei der Feier anwesend war und sich 
über die erwiesene Ehre freute (Hess. Bl. f. Y.K. IH, 55). 

Der auf der Synode zu Liftinae 743 erlassene Indiculus super- 
stitionum et paganariarum spricht mit seinem 14. Kapitel „De cerebro 
animalium" aus, daß damals das deutsche Yolk mit dem tierischen 
Gehirne abergläubische Yorstellungen und Handlungen vornahm. Nach- 
dem wir oben bei den Normannen die Wahrsagung aus dem Gehirne 
und bei den alten Griechen die aus dem Kopfe kennen gelernt haben, 
ist eine solche Wahrsagung aus dem tierischen Gehirne durch das 
deutsche Yolk nicht unwahrscheinlich (vergl. A. Saupe 21); es könnte 
sich aber auch in jenem Kapitel um Liebeszauber handeln. Der Drang 
nach Schicksalbestimmung (Weissagung) war mindestens ebenso groß, 
wie der nach Liebesglück, Gesundheit, Fruchtbarkeit und Genesung, 
Ziele, die durch übernatürliche Zauberkräfte erstrebt wurden, und 
solche lagen nach unseren bisherigen Darlegungen in dem Mitgenusse 
der Gottheitsspeise oder in der Theophagie, wobei der Genuß des Ge- 
hirns (Kopfes) das ganze der Gottheit geopferte Tier substituierte. 

Wenn nach Windisch 186 in den altirischen Sagen mehrfach er- 
wähnt wird, daß das Gehirn der erschlagenen (unbeerdigten?) Feinde 
mit Kalk gebunden zu Schleuderkugeln verwendet wurde, so erinnert 
dieses an die Kugeln des Freischützen aus Fledermausherzen, Raben- 
herzen etc., welche als Seelensitz von solchen magisch-mantischen 
Nachttieren elbische Zauberkräfte dem Geschosse mitteilten; solche 
Tiere als Seelengestalten vertreten die ruhelosen Seelen geister der ge- 



= Hirn. 



56 Gehirn. 

waltsam Getöteten; alles, was mit den Q^ten geistern zusammenhängt, 
Hirnschale hat magische Kraft; sogar (1685) .,Das Gemüs^) auf Hirnschalen 
von einem der gewaltsam getötet worden und (unbeerdigt) in der Luft 
gelegen" (Schröder 1808). Die awpoi ßLatoO-avaroi sind dabei im alten 
Griechenlande die Zaubervermittler. Die mittelalterlichen Chemiker 
suchten in dem Totenschädelmoos einen besonderen Balsamus insitus, 
eine Art Tanoana (s. o.) — sie stellten einen Spiritus antiepilepticus, 
den Spiritus calvariae humanae und den Spiritus ossium humanorum her. 

(1663) Die Hirnschal präparirt ein Slo'iipel am Gewicht, 
Vertreibt die schwere Noth oder das Kinderaicht. 

(Peters I, 91). 

(1663) So ans dem 3Ienschenhirn ein Wasser wird bereit, 
Ein Scrupel dessen hilft und stillt das böse Leid. 

(1. eod.). 

(1685) Menschenr/ehirn 3 Pfund, Wasser von Meyenblümichen, von 
LavendeL Schlüsselblümiehen^) , Malvasier ää 3 Pfand, infundiers 
5 Tage, dann destiUirs im Mariae Balneo (Sehröder 1309); aber die 
Menschenhirnschale war nur wirksam von Hingerichteten, von Selbst- 
mördern oder im Kriege Getöteten. Valentini 1704 erwähnt, daß nach 
dem letzten Tiirkenkriege Säcke voll Türkenschädel auf die Messe in 
Leipzig kamen (Seibold in Apothekerzeitung 1896, Nr. 5 u. G). Diese 
A>.rwendung von Knoclienteilen unbeerdigter Leichen deckt sich im 
Volksbrauche mit dem Rezepte von Phnius (h, n. XXV HI, 2), der 
angibt: „sanguinem quo(]ue gladiatorum bibunt ut viventibus poculis 
comitiales . . . humanas alii medullas crurum quaerunt et cerebrum 
infantium"; ferner (XXVIH, 7): „ex calvaria suspendio interempti 
catapotia facit contra canis rabiosi morsus Antaeus". Hirnschale, 
Knochenmark und Gehirn sind also Vermittler übernatürlicher 
Geisterkräfte. So hilft auch in Rossshire das Trinken aus der Hirn- 
schale des Selbstmörders gegen Epilepsie (Hess. Bl. f. V.K. III, 138). 
Der Teil ging fürs Ganze. Im Wielandsliede der Edda (Jordan 266) heißt 
es: „Von den Schädeln (der Kinder) schabt ich die Haare und schuf 
sie zu silbernen Schalen, dir selbst zum Geschenke"; in der Atlisage 
(Jordan 457): „Ihre (deiner Lieben) Schädel schaust du als Schalen 
zum Trinken" (vergl. Jordan 430, 440); es klingt die alte Totenminne 
hierbei mit. Die Hirnschale wurde zum Zaubergeräte; auch das Ge- 
hirn eines gewaltsam getöteten Knaben wird bei den Batak auf 
Sumatra als Seelensitz das Füllsel eines Zauberstabes, mit dem der 
Zauberarzt dort seine Beschwörungen der Krankheitsgeister unter- 
stützt (Janus 1907, XII, 513). Man sieht, wie der Ritus des Heil- 
opfers ausarten kann. Noch 1732 galt in Deutschland das Gehirn 
eines gesunden, frischen, aber gewaltsam getöteten, aufgehängten, noch 
nicht verscharrten (also ruhelos geisternden) Menschen als ein 
Mittel gegen Epilepsie (Janus 1900, 576). Die Canidia (bei Horaz, 
Epod. V.) verfertigte einen Liebestrank aus dem Gehirne und der 
getrockneten Leber eines gewaltsam getöteten Knaben „medulla et 



Menschen 
gehirn. 



^) Moos , Usnea cranii liumani = Parmaha saxatilis s. ompliolodes. Peters 
I, 218. 

^) Gicht(= Vergicht)blume der Frühlingszeit, Märzblume, Osterblume, Teufels- 
abbiß im deutschen Volksmunde. 



Gehirn. 57 

aridum jecur" (Faliz 132). Die Seelen solcher ruhelos spukender, 
frühzeitig und unnatürlich vorzeitig gestorbener Menschen, namentlich 
der durch Kaiserschnitt (s. o. S. 35) auf gewaltsame Weise aus dem 
Mutterleibe ausgeschnittenen Kinder, waren Schatten, die nach neuem 
Leben, frischem Blute dürsteten; durch die Versöhnung mit Blut und 
blutigen Opfern (communio) oder durch das Verzehren ihrer Organe 
(eine Art Theophagie) suchte man ihre übernatürlichen Kräfte sich 
anzueignen oder sonst einzuverleiben. Die unbegrabenen, ruhelosen 
Seelen, welche um die Gräber herumschwärmen, bis sie erlöst zum 
Totenreiche eingehen, sind ein Mittelding zwischen den Lebenden und 
Verstorbenen , mit ihrer Hilfe konnte man am leichtesten magische 
Kräfte erhalten; darum opferten auch die Normannen das Blut von 
Menschen, weil sie dies für das wirksamste aller Opfer hielten, „holo- 
caustorum omnium putantes praestantissimum" (Golther 253). 

Wir haben öfters die Gelegenheit gehabt, die orientalische Magie 
als eine häufige Quelle der volksmedizinischen Organotherapie anzu- 
führen. Die Dämonenbeschwörung bei den Babyloniern (AVeber 28), 
welche in der letzten Zeit zum Gegenstand eingehender Untersuchungen 
gemacht worden war, lehrt diesbezüglich, daß es zweifellos ist, daß 
die babylonische Vergeltungstheorie das blutige stellvertretende Opfer 
in Form der Substituierung eines Opfertieres an Stelle des Menschen 
kannte, und daß die babylonischen Opferpriester bereits den Kopf des 
Lammes für den Kopf des Menschen, die Brust des Lammes für die 
Brust des Menschen, den Nacken des Lammes für den Nacken des 
Menschen (also lauter abteilbare äußere Glieder des ganzen Opfer- 
tieres) den Gottheiten opferten, so auch das Blut des jungen Schweines, 
als ob es des (kranken) Menschen ., Fleisch und Blut" wäre; die Opfer- 
teile des Tieres entsprechen den kranken äußeren Teilen des Menschen, 
wo der Krankheitsdämon saß ^). Der Opferkult, der die Opfergaben 
gewiß schon früh in sinnfälHge Beziehung zur Gottheit durch eine 
Demonstratio ad oculos zu bringen suchte (Weber 19), mußte mit 
der Zeit bei Heilungszwecken auch zu einer ebenso sinnfälligen Opferung 
bestimmter äußerer Körperteile führen, welche dann im Verlaufe der 
Kulturentwicklung, d. h. mit zunehmender Erkenntnis des Krankheits- 
sitzes, manchmal zur Verwendung entsprechender innerer Organteile 
(Nieren, Milz etc.) hinüberleiten konnte; dies aber sicher erst nach langen 
Epochen rohester Empirie. Unsere Abhandlung, welche die Verwen- 
dung der einzelnen Tierorgane nach Krankheiten getrennt aufführen 
wird, wird uns später zeigen, wie oft diese Korrelation von Krank- 
heitssitz mit betr. Organverwendung sich in der volksmedizinischen 
Organtherapie ergibt; daß eine Demonstratio ad oculos schon in der 
Wahl des Tieres und auch manchmal in der des betr. Tierorgans beim 
Heilzauberopfer öfters gegeben sein konnte , läßt sich nicht ab- 
leugnen, aber eine Begel war diese Korrelation sicher nicht, wie nach- 
folgendes beweisen Avird, noch weniger ein „uraltes pharmakodynami- 
sches Grundgesetz". Die rohen, tastenden, empirischen Versuche gingen 
dabei sicher in Unzahl und unabhängig vom Opferkulte ruhig weiter, 
wie wir schon aus der Unsumme von Pflanzenmitteln entnehmen können; 



^) Vergl. o. S. 44. Die angerufenen Mächte und nicht die Kranken erhielten 
dabei den Opferteil. 



58 Gehirn. 

der Faden, der solche Mittel mit dem Oi^ferkulte verband; war auch 
oft ihr Lebensfadeii, der Glaube allein erhielt sie im Gebrauche. 

So konnte auch das menschliche und tierische Gehirn zurreinen 
empirischen Fettsalbe werden; als solches ist z. B. das im Papyrus 
Ebers angegebene Mittel gegen Augenentzündungen: M en seh en- 
ge hirn halb mit Honig, halb getrocknet (Janus 1899, S. 123). 

1. Hase. 

Haseuliirn. Lepns (= hellg-elbes Tier), Xcy.Ywc (= hüpfendes Tier), hj.'(ö)Z yspaalo?' (Dios- 

kurides II, 21); er findet sich als Totenbeigabe schon in der älteren Bronzezeit 
Schwedens (Beilage z. Allg. Ztg. 24. V. 1906, Nr. 120, S. 859) und in der 
Merowingerzeit der Alemannen (Harlauer im Dillinger Mus. Katalog 1900, S. 57) -, 
als Bauopfer im 16. Jalirh. in Berlin (Andrec, Parallelen I, 237). Der Diction- 
naire d'antiq. gr. et r. III, 2, 1483 bildet zwei tanzende Mänaden, auf deren 
Bassaragewande der Kopf eines Fuchses (s. d. S. 63) sich befindet, ab ; eine dieser 
Mänaden tragt einen Hirsch, die andere hebt an den Ohren einen Hasen als 
Opfer an Dionysos-Bakcheus empor, während der bekränzte Opferpriester ein Ge- 
fäß in der Rechten trägt. Demnach war der Hase, wie andere Jagdtierc, ein 
Opfer der Dionysieu , die von Thrakien nach (Triechenland kamen , als ein mit 
bacchischen Orgiasmen verbundener, geschlechtliche Fruchtbarkeit erzielender 
und auch Krankheiten heilender Frühlingskult mit Weiberfesten. Der Hase 
war das billigste Opfertier für weibliche Fruchtbarkeit und von den altgriechischen 
Aerzten ein den sterilen Frauen empfohlenes Fleiscli ') ; da es (schon nach 
8. Moses XI, 6) geil machen sollte, verbot es Papst Zacharias 755 (Friedreich, 
Symbolik 435). Auch Plinius hebt die weiblicherseits bevorzugte Verwendung des 
Hasen hervor, ,.magnus et leporis usus mulieribus'' (h. n. XXVIII, 77), auch Aul. 
Corn. Gels. (1. Jahrh. p. Chr.) führt das Hasenfleisch als Krankenkost mit 
mittelmäßig starkem Nahrungswerte auf; es sollte (II, 31, 34) urintreibend und 
Durchfülle stopfend wirken, gegen Frauenleiden und Ruhr helfen; der Hase wird 
namentlich in der Zeit des römischen Neujahrs (1. März) und auf Fastnacht am 
häufigsten verwendet, d. h. in der Zeit der südlichen Vegetations- und Fruchtbar- 
keitsentwicklung; als ein solches Fruchtbarkeitssegen vermittelndes ehemaliges 
Opfertier macht sich der Hase auch in den Bacchanalien der heutigen Fastnaeht- 
zeit (Hasenohrgebäck, Hasenteigfigur und Hasenbraten) noch bemerkbar. 

Nicht weil der Hase selbst sehr fruchtbar ist, sondern weil er 
ein alltägliches Opfer an die Fruchtbarkeitsgottheiten war, wurde er zum 
Symbol der Fruchtbarkeit (wie auch andere solche Tiere: Sperling, 
Taube, Esel, Schwein); er tcar auch simtcr ein Angangsticr mit sclilechtem 
Ausinziiim (Wüstmann 211, Z. f. Oe. V.K. XIII, 1907, S. 135) im 
Gegensatz zum mutigen Banbtier, ein Hexencharakter , hei den deutschen 
Jägern ein verachtetes Kiinter; ein billiges Substitut für größere Opfer- 
tiere, iveshcdb auch die Studenten von Jena mit Hasenblut und Blut 
vom Finger der rechten Hand Blutsverbrüderung schlössen (Sloet 109). 
Hasenfleisch, Hasenblut, Hasengalle, Hasenleber, Hasenkopf und Hasen- 
hirn werden für dieselben Krankheiten empfohlen, sind also nur Teile 
des ganzen Opfertieres-, ebenso sind Hasenkiefer, Hasenzahn und Hasen- 
hirn für die gleiche Krankheit wirksam. Hasen hirn war noch im 
18. Jahrh. offizineil; es ist nur der Inhalt des Hasenkopfes und dieser 
der Opferteil des ganzen Hasentieres. Als Mittel gegen das Glieder- 
zittern (Tremor, Convulsiones etc.) empfiehlt es zuerst Dioskurides 
n, 21: „Das gebratene Hirn des Landhasen genossen hilft bei 
Zittern als einer Folge von Leiden" (Berendes 159); dementsprechend 
auch (1685): „Ha seng eh im nimmet auch das Zittern der Glie- 



S. Hippokrates (Fuchs III, 513, 515; II, 509), 



(Jeliirn. 59 

der himveg, ivann mans hratet und issci" f Schröder ISll), und (1563): 
^Das Hirne von dem Hasen Je 0]7ff f/clratcn genossen, ist gut für 
das zitteren^' (Jiüiling 48). (1780) „iß Hasenhirni^ dann ivirst 
du an Händen und Füßen nicht mehr wittern" (Schtv. A. f. V.K. 
1003, 49). 

Als Mittel gegen Mundkranklieiten (Zähne, Zahnfraisen etc.) ist 
schon von Hippokrates (Fuchs III, 5G9) der Hasenkopf empfohlen, 
und zwar im sogen. „Indischen Mittel^', das aus einem verbrannten 
Hasenkopf (mit Mäusegehirn s. u.) bestand und bei Frauen mit 
kariösen Zähnen und üblem Gerüche aus dem Munde helfen sollte. 

Der Hasen köpf ist, wie der gegen Zahnbesch^verden der Kinder 
(Zahnfraisen) verwendete Hasenkieferknochen, der Teil des ganzen 
Hasentieres; als eine Demonstratio ad oculos wählte man dann später 
auch die Kieferzähne des Hasen, die als Anhängsel oder mit einer 
getrockneten Nabelschnur (Ersatz für das Kind) unter das Kopfkissen 
(gegen den nächtlichen Alpdämon) gelegt wurden und die dämonisch 
veranlaßten Zahnkrämpfe der Kinder verhindern sollten (Jühling 57; 
Wuttke § 602). Die Verwendung des Hasengehirns (und der 
Hasenkopfasche) finden wir schon bei Plinius (h. n. XXVIII, 78) 
„lade caprino aut cerehro J eporum perunctae gingivae faciles dcnti- 
tiones faeiimt" als Mittel zum leichteren Zahnen, und zwar auch 
als reinigende Einreibung mit der Hasenkopfasche (XXYHJ, 49): 
„e/ capitis (leporum) cinis dentifricium est'% wobei der Em- 
piriker Plinius zugleich betonte, daß man auch die (alkalische, also 
ganz rationelle) Asche fast sämtlicher vierlußigen Haustiere zur Zahn- 
reinigung verwenden könne; man sieht also, wie sich dabei die Ab- 
lösung vom früheren Brandopfervorbilde zum rein empirischen Mittel 
vollzieht. Nicht das Symbol des Zahnschmerzes, d. h. die durch den 
Hasenzahn betätigte Demonstratio ad oculos war das Primäre, sondern 
das Verbrennen des ganzen Hasen, ganzen Kopfes, ganzen Kiefers, 
dann erst kam der Hasenzahn, das Rudiment des ganzen Tieres. 
Vergl. auch Schweinszahn (s. u.) und Schweinsgehör (Gehörbein). 
Hasenzähne, die bei sehr alten Hasen zusammengewachsen vorkommen 
sollen, sind ein in Steiermark als Amulett übliches Zahnfraisenmittel 
(Z. f. Oe. V.K. XHI, 1907, S. 113). Der Pedanios Dioskurides aus 
Anazarbos (Mitte des 1. Jahrb. p. Chr.) schreibt: „Auch heim Zahnen 
der Kinder h ilft das gebratene G e h i rn des L a n d h ase n ein- 
gerieben oder gegessen'' (Bcrendcs löO). Der Sextus Platonicus (330 
p. Chr.) sagt : „ Ad dentes infantiiiin : Ex cerehro l ep oris de- 
cocto si gingivas infantibus defrices snbinde sanabiintur, ut dentes sine 
dolore crescant et encdi confini/cntur" (Sext. PL 397). Die Dämonen- 
abwehr von dem Kinde sollte durch die Einverleibung des Hasen- und 
Rehgehirns geschehen, welche beide Tiere beim Dionysosfeste geopfert 
wurden (s. auch Rehgehirn). Der sogen. Pseudo-Dioskurides (4. Jahrb. 
p. Chr.) empfahl ebenfalls das Hasen gehirn, aber auch gebraten, 
eingerieben und gegessen, als Mittel gegen die Schmerzen zahnender 
Kinder (Janus 1907, S. 80); auch Albertus Magnus (f 1280) hat die- 
selbe Verordnung (De Cock 76); diesem folgte Gesner in seinem Tier- 
buche (1563): „So den jungen länderen jre bilderen mit gelochtem 
oder gehaltenen Hasenhirne bestrichen iverden, so sollend jnen jre 
zä7ie one allen schmerts herfür schlieffend'' (Jühling 48); (1685): 



(50 Gehirn. 

j^Wann man mit dem (Ha sc n-) Geh im der Kinder Zahnfleisch reihet, 
so mahnen sie viel leichter; es nimmt auch das Zittern der 

Glieder (^= ZahiJc rümpfe) himveg , wann mans bratet und isset''^ 
(Schröder 1311); (16. Jahrh.) : .^Wann die Zeit latmpt, das die zehen 
(= Zähne) aufgchenn, sol die ann (= Amme) dieselben oft mit hasen- 
hirn scdbenn ann die pilernn^^ (JiÜding öO); (16. Jahrh.): ^^Bas den 
landen die zen tvagscn an schmerzen, bestreich den iongen liniein ire 
bedien (= ZahnhUler), aber (=oder) zan fleisch mitt hassen geh im, 
es hilft sie sere''^ (Jidding 54). 

Daß es sich dabei nicht um eine spezifische Hasenorgan Verwen- 
dung handeln kann, erhellt jedenfalls daraus, daß zu gleichem Zwecke 
auch das Gehirn von Hühnern, Eichkätzchen, Schafen und Widdern 
verwendet wird (s. u.); im Erzgebirge bestreicht man die sogen. Zalm- 
biller mit „frischem Kalbsblute" (Wuttke § 602), gleichsam als Nah- 
rungsmittel, wie man auch Milch und Honig, das Leben und Blut 
gebende mellicratum (»xsXr/.paToc ^) , ..ad cnltnm infcrnm pertinens^^ 
Fahz 114, 115) als eine Art Seelennahrung dem Kinde an die Lippen 
streicht [Hess. JBl. f. V.K. II, cS5*, (S6'*), um das Kind an dieser 
teilnehmen zu lassen; die Einreibung des Zahnfleisches mit dem Hasen- 
hirne ist nur ein Versuch der Amme, dem zahnenden Kinde den 
weichsten Teil des Opfertierkopfes einzuverleiben als Nahrung, welche 
als Seelenspeise die Schmerzen und Krämpfe abhalten sollte. Daß es 
sich bei dieser Verwendung des Hasen gehirns als Zahnpasta nur 
um die Benützung eines fett- weichen Teiles eines opferbaren Tieres 
handelte, nicht aber um eine spezielle Verwendung des Hirnorgans 
(Nervensitz, Nervengewebe, Nervenplasma, Organsaft etc.), ergibt sich 
auch aus nachfolgendem Gebrauche desselben als Mittel gegen Blfiseii- 
schwjiche^ das sich ebenfalls zuerst bei Plinius h. n. XXVHI, GO 
findet: .^urinae incontinentiam cohibet cerebrum leporis in vino". 
Die angeblich urintreibende Wirkung des Hasenfleisches bei Celsus 
H, 31, 34 haben wir oben schon erwähnt; Sextus Platonicus (330 
p. Chr.) sagt: .^Ad sithmejulos» leporis cerebrum potum cum 
vino mox summejidos enfcndat" (vide Marccllus Empiricus c. 26), also 
ganz in der Weise wie Plinius; auch der Pseudo-Dioskurides (4. Jahrh. 
p. Chr.) erwähnt das Hasenhirn (erbsengroß, mit gleichviel Gänse- 
fett und Gummi gegessen oder mit Graupen gemischt und gegessen) 
als Mittel gegen das Bettnässen (Janus XH, 1907, S. 343). Das- 
selbe entstammt, wie die übrigen empfohlenen Mittel, aus der Ver- 
wendung des Opferfleisches zu Zwecken der weiblichen und männlichen 
Fruchtbarkeit- Vermehrung; das Mittelalter setzte diese antike Ver- 
ordnung getreulich fort (1563): ..^Welche den harn nit verhalten 
möf/end oder sunst in das bett seichend, denen soll das Hasenhirne 
in tveyn zetrincken gäben iverden^^ (Jähling 48). ,, Wer nit den 
harin halten kami. Der soll Hasen gehirn in ivein trinclcen, das 
behalt den brtm bei ihm. Oder mann soll ihn brcdenn vnnd cdso ge- 
brcäcn (das Gehirn) nüchtern (s. o. S. 27) esscn^^ (Jidding 49). j^Wer 
den Harn nicht halten kann, soll Hasenhirn in Wein trinken''^ 



') Odyssee X, 519; XI, 27 ixsXiv.parr/. -(akrxv.zoc, Euripid. s. o. S. 44. Die 
Milch einer schwarzen Kuh, überhaupt die Milch spielte im ägyptisch-griechischen 
Zauberritual des Abraxas 172, 181 eine Rolle. 



Gcliirii. Gl 

(JüJiUng CA')). Albertus Magnus gil)t ebenfalls diese Verordnung 
(De Cock 214); diesem folgt der IVIittelniederländer (Do Vreese 98j: 
„Die mit pinen orine tnact . . . occ es goet die herscne van 
(Jen liasc ende tvrljfse te stielten ende dem drinc met ivine''^ ; also auch 
hier ist des Plinius Vorbild gegeben. Bei Wuttke § 540 ist an Stelle 
des Hasengeliirns bei dem gleichen Leiden (Blaseiischwäche) der ge- 
kochte Kopf eines nach Sonnenuntergang geschossenen (s. o. S. 27) 
Hasen empfohlen. Das Gehirn ist der Teil des ganzen Kopfes und 
nach der Lehre der Philosophenärzte, die später auch ins Volk über- 
ging, der Sitz der Seele des betreffenden Tieres. 

Die Fruchtl)arkeits(Genital)mittel, wozu auch die Blasenmittel 
gehören, wurden aber auch beim Verschönern der Haut und Haare 
benützt; daher auch die Verwendung des Hasenkopfes gegen Haar- 
ausfall, die wir schon beim Dioskurides H, 21 finden: ^.^Sein (des 
Landhasen) Kopf, gehrannt und mit Bärenfett oder Essig einge- 
sclimiert, heilt die AJopeeicr (Haarausfall) (Bereudes L eod.) (die 
reinigende alkalische Aschensalbe gab eine empirische spätere Beob- 
achtung); auch Galenos (f 201 p. Chr.) empfahl den gebrannten 
Hasen köpf als Mittel gegen Alopecia (Neue Jahrb. f. Phil. 149, 
p. 142). 

Ueberhaupt spielt das biUige Hasentier eine große Bolle im Hasenblut. 
Fruchtbarkeits- und Schönheitszauber, ebenso bei Entbindungen. 
Hasenblut warm eingerieben heilte nach Dioskurides H, 97 u. 21 
Sonnenbrand- und Leberflecken. Sextus Platonicus (330 p. Chr.) emp- 
fahl das Hasenblut gegen Nierensteine und zur Erleichterung der 
Empfängnis (namentlich das Blut aus der weiblichen Hasenfut) [p. 398]. 
Apollonius von Tyana, der angebliche Ueberarzt und Philosoph 
(1. Jahrh. p. Chr.), welcher einmal zu einer kreißenden Frau gerufen 
wurde, riet, einen Hasen dreimal um die Kreißstatt zur Erleichterung 
der Entbindung herumzutragen (wie einen Sündenbock um die Stadt- 
mauer) (Baltzer III, 39), wie auch die Mänaden einen Hasen als Rei- 
nigungsopfer in der Frühjahrszeit herumtrugen (s. Titelbild). Das 
Hasenopfer in der Frühjahrszeit half reinigend von Krankheiten, 
entsühnte, machte fruchtbar und gesund. Wenn der zu weißer Asche 
verbrannte (s. o. S. 26) Hasen köpf als Streupulver gegen Blut- 
iiüsse empfohlen wurde (Jühling 60), so leitet sich auch diese Ver- 
wendung ab vom Brandopfer des ganzen Hasen gegen die mit Blut- 
fluß verbundene epidemische Ruhr (s. Leber und Galle des Hasen), 
gegen die auch der Pseudo-Dioskurides das Hasenblut empfahl 
(Janus XII, 275). 

Der Liebeszauber und Traumzauber verraten oft die gleichen 
magischen, durch die elbische Kraft wirkenden Mittel; es kann uns 
also nicht wundern, wenn wir die Hasen organe als Schönheits- und Hcasen- 
Schlaf mittel finden, sowohl im aktiven wie im passiven Sinne ^). Schon 
Cato (f 149 a. Chr.) lehrte nach Plinius (h. n. XXVIII, 19, 79), 
daß der Genuß von Hasenfleisch Schlaf mache, und daß das Volk 
meinte, diese Speise mache innerhalb 7 Tagen schön: „somnos fieri 
lepore siimpto in eibis Cedo arhitratur , vttlgus et grcUiam corporis 



^) Der Zahn eines lebenden Fuchses sollte bei den Armoritern und Juden 
gegen Schlafsucht, der eines toten gegen Schlaflosigkeit helfen (Blau ICO). 



62 Gehirn. 

in VII diehus'' ; Pliiiius erklärte aber diesen Volksglauben für einen 
^frh'olus jociis''^. Körperliche Schönheit, Liebreiz und angenehmen 
Schlaf spendeten die mit Opfergaben versöhnten Mächte. Kaiser Ale- 
xander Severus (146 — 211 p. Chr.) pflegte täglich Hasenbraten zu 
essen; daher machte ein Poet, mit Bezug auf den eben erwähnten 
Volksglauben, ein Gedicht, worin er sagte: 

„Ewig schön der Kaiser ist. 

Der ewig Hasenbraten ißt" (Lenz 159). 

Im 14. Jahrb. waren Hasenohren^), in die Wiege des Kindes 
gelegt, ein Einschläferungsmittel (Hess. Bl. f. V.K. V, 160); solche 
Beruhigungsmittel werden häutig unters Kopfkissen gelegt, vermutlich 
sollte das einschläfernde Mittel durch das .Riechorgan einverleibt werden; 
beschwörende AVorte (s. S. 44) sind dabei eine häutige Beigabe zum 
Traum- oder Schlafzauber (16. Jahrb.): „T^(?m^ der Schlaff nicht 
JiOmmcn iciJl. Aliud. Nim das geh im von gesottenem Hasen- 
kopf, pfirschcnstcin^) vnnd durcheinander gemischt^'' (Jnhling 53). 

Demnach sehen wir, daß das Hasengehirn das ganze Hasen- 
tier vertritt und seine VerwendungS(iuelle aus der römischen Antike 
stammt, die selbst wieder aus Griechenland ihr Material bezogen hatte 
(vergl. auch Hasenleber und Hasengalle). 

2. Fuchs. 

Fuclishini. Das geschweifte Tier, vulpes, aUoK-r^t, {= Aasfresser), ßa-sc/pa, Xa[j.Tioup'.c. 

Er ist und war ein gemeines Jagdtier, das aber auch unbestattete menschliche 
Leichen, nicht bloß Mäuse und Hühner verzehrt; er wird oft der roten Katze 
angeglichen oder durch rote Hunde vertreten: als Vegetationsgeist der Deutschen 
wird er gejagt, herumgetragen wie ein Opfertier und als solches verbrannt (Mann- 
hardt I, 51ö, Liebrecht 261) und auch begraben; er findet sich bereits in der 
schwedischen Bronzezeit als Totenbeigabe (s. Beil. z. Allg. Ztg. 24. V. 1906, Nr. 120, 
S. 359), bei den neuesten Ausgrabungen im östlichen Kreta wurden auch kleine 
Tierbilder von Füchsen, Wieseln, Igeln etc. unter den Opfergaben gefunden (A. f. 
R. W. VIII, 149). Bei dem Opfer, der thrakischen Mänaden kleideten sich diese 
Frauen mit Fuchspelzen oder trugen Fuchsköpfe (s. Fig. 13) und benannten sich 
auch ßa^Gaoa-. — Füchse (Rohde ^11, 10; A. f. R.AV. X, 66), sie opferten auch 
den Fuchs. „Dans ces religions primitives, il parait certain, que les fideles, mus 
par le desir de s'assimiler ä l'animal divin (Theophagie s. o. S. 8), qu'ils sacrifient 
et qu'ils mangent, s'affublent prealablement de sa depouille et se designent par 
son nom'' (Salomon Reinach, A. f. R.W. X, 56; Revue archeologique III, vol. XLI, 
242 — 279). Auch die ägyptischen Priester kleideten sich zeitweilig in den Fellen 
des Fuchses (Keller), um sich gottähnlich zu machen. Als einen Zug seines 
elbisch-chthonischen Wesens möchte man deuten, daß er sich selbst mit dem Harze 
der Föhre heilt (Keller 181), daß er in Geschlechternamen und auch in Krank- 
heitsnamen (Alopecia) auftritt (s. Höfler, Kr. N. B. 171)^); einen griechischen 
Lokaldämon Alopekos weist Keller 407 nach. 

Die mitteleuropäischen Pfahlbauern aßen schon Fuchsfleisch, 
und auch die gebildeten Hellenen waren keine Verächter desselben. 



^) Hasenohren sind auch ein Fastnachtsgebäck der Neuzeit, das das ganze 
Hasentier als Festspeise vertritt, üeber die Heilbrote in Tiergestalt s. o. S. 6. 

^) Malum persicum , [XTjXoy Tispa-.xov , Amygdalus persica L. , die amygdalin- 
haltigen Pfirsichkerne verwendete auch Celsus als Tropfmittel ins Ohr bei Ohr- 
schmerzen (Mandelöl!) (Frieboes 658). 1685 waren Pfersichkörner beim sogen. 
Hauptweh ein Beruhigungsmittel (Schröder). 

^) Schon ahd. „Fuchs: est grint uulpecula, quam greci alopiciam voh (vohs) 
dicunt" (Steinmaier, Ahd. Gl. IV, 31); dazu auch der „Fuchshusten" etc. 



Gehirn. 



63 



Fuchsfleisch zu Pulver gebrannt gab man nach Konrad von Megen- 
berg (1475) den herzschlächtigen Leuten (Asthmatikern). Fuchs- 
mark (fox's marrow) als Mittel gegen den Kingwurm erwähnt Fonahn 
27, 11 in der mittelalterlichen nordischen Volksmedizin. Den Fuchs- 
balg als Podagrafußbekleidung empfahl 330 p. Chr. der Sextus Pla- 
tonicus p. 399; er sollte vor neuen Anfällen sichern. Der leuchtend- 
rote Fuchsschwanz ^) war bei den Juden sogar ein Apotropäon vor 
dem bösen Bhcke (Blau 89, 155, 166). Sein Kopf wird, wie ein 
Kalbskopf und wie ein Widderkopf, volksmedizinisch verwendet-, Pli- 
nius, Celsus, Dioskurides erwähnen das Fuchsgehirn nicht. Erst 
der eben erwähnte Sextus Platonicus (Placitus) Papyrensis (um 330 
p. Chr.), ein unbedeutender Arzt, empfahl das Fuchshirn gegen 
Fallsucht mit den Worten: „AZ caducos: C er eh mm viilpis in- 
fantibus saepe datum, facit iit mmfpiam sint cadiici.^^ 

Fig. 13. 




Aus „Dictionnaire des aiitiquites grecques et roraaines". 

Zwei tanzende Mänaden bringen dem Dionysos einen Hasen und einen Hirsch zum Opfer. 

Das Bassaragewand zeigt einen Fuoliskopf. 

In Bosnien wird der Kopf eines Fuchses zerstoßen, und da- 
von gibt man dreimal am Morgen dem Vieh zu lecken; dann soll 
das Bluten bei demselben aufhören (Wissenschaftl. Mitteilgn. aus Bos- 
nien II, 388). 

„Für das Gicht, Nim einen fiixhopff rund send ihn ^wie 
einen Kalheshopff vnnd thue ihn darnach anff vnnd nim das Hirn 
herauß vnnd streich es aiiff einen schnitten hroth vnnd nim ein galgant 
tviirtz vnnd schabs aber vnnd stoß sie Idein vnnd sehe es darauff vnnd 
(jieb es dem Krancken zu essen vnnd hilffts einmal nit, so thiis noch 
einmal, so hilffts" (17. Jahrh.) (Jülüing 43). Die Gicht ist ebenfalls 
wie das Vergicht eine elbisch verursachte Krankheit (Gichtsegen etc. 



Ver^l. auch Eichhörnchen, das den Fuchs oft im Volksbrauche vertritt 
(Liebrecht 262). 



64 Gehirn. 

s. Hofier, Kranklieitsnamenbuch S. 190). Die Galgant wurzel (Cyperus 
longus) ist hierbei nur gesclimackverbesserndes Mittel und Zusatz. 
Aus dem Jahre 1549 schreibt ein anderes Jägermittel gegen Epi- 
lepsie vor: Kimm von einem Fnclis, der im Ziinchmcn des Mondes'^ 
im Zeichen der Jungfrau Vormittags von einem Hunde gefangen wurde, 
das Gehirn gcins miteinander, hacke es und gilrs dem Menschen 
nüchtern^) zu essen; über drei Tage darauf soll tvieder ein Fuchs 
gefangen tverden, wenn es sein Jiann tvieder Vormittags; dessen Gehirn 
ivird gesotten in hcdb Wasser, halb Essig, dazu ein wenig Safran ^), 
1 Lot Gcdgant Wurzel ; alles durcheinander sieden lassen, bis das Gehirn 
ivohl gesotten ist; darnach soll es der Epileptische morgens früh (nüch- 
tern)^) essen und darauf nngeessen (nüchtern)-) bleiben; nun soll 
man den dritten Fuchs fangen; dessen Hirn soll gebraten und dem 
Kranken zu essen gegeben tverden; der letztere soll Tag und Nacht 
auch Korallen und Elens-Klauen am Halse bei sich tragen (Exzerpt 
aus einem Manuskripte). Dieses deutsche Rezept gibt also das Fuchs- 
gehirn gebacken, gesotten und gebraten, um einen Ekel nicht auf- 
kommen zu lassen. Die astrologische Vorschrift der Tötungszeit spricht 
für teilweisen Import des Rezeptes oder Zusatz durch Schriftgelehrte; 
jedenfalls ist das Rezept der Verwendung des Widderhirns (s. u.) nach- 
geahmt; der Fuchs übernahm dabei die Opfertierrolle des Widders. 

3. Bär. 

Bärenhini. Ursus, apv.To? (= reißendes Tier), das wilde braune Tier, der König der Tiere 

im deutschen Urwald; Tatzbär; bei den Schweden als eine Art liebevoll ver- 
ehrter Ahne mit „Großväterchen" benannt (Keller 110), ein Schutzgeist der Nord- 
germanen. 

Auch bei den Völkern der zentralasiatischen Steppen, in Tibet, bei den 
antiken Skythen wurde er verehrt (Keller 110; Pfannenschmid, (lerm. Ernte- 
feste 9(i). Katze und Bär haben im Altnordischen die gleiche Bezeichnung fres, 
d. h. diese Völker bezeichneten die ihnen ehemals fremde Katze mit dem 
Bärennamen. 

Auch bei verschiedenen tatarischen und türkischen Völkern hat der Bär Be- 
zeichnungen (Vater, Mutter, Großvater), welche auf Totem.ismus hinweisen; auch 
in germanischen Geschlechternamen und -wappen ist der Bär oft als Begriff einer 
mutvollen Persönlichkeit i^ewählt. 

Die alten Spanier verbrannten (nach Plinius VIII, 130) den Kopf des Bären, 
als eine Art Gift oder wie ein dämonisches Wesen , wie auch die Aegypter den 
Schweinskopf verfluchten und aus Furcht abschlugen (Keller 109, 367). Bei den 
griechischen Kentauren war das Bärenherz die Nahrung des Arztes Cheiron (Mann- 
hardt II, 71). Bei den nordischen Völkern war sehr wahrscheinlich der Bär die 
Gestalt eines Ahnengeistes mit übernatürlichen Kräften, den man aus Furcht auch 
verehrte. Während des Bärenfestes der Giljaken, an dem der getötete Bär sogar 
wie ein Gott Hundeopfer erhält, ist es den Schamanen verboten, sich im Traum 
mit seinen mithelfenden Seelen in Betreff der Behandlung eines durch Krankheits- 
dämonen besessenen Kranken zu beraten, weil der Bär dieses sonst übel aufnehmen 
würde ; der Bär selbst aber wird, obwohl er ein gottähnliches Wesen ist, verzehrt 
(Theophagie s. o. S. 8), nicht weil er ein Opfertier ist, sondern weil man durch 
den Genuß seines Gottwesens (communio) die übernatürlichen Eigenschaften sich 
einverleiben will, eine Theophagie, die, wenn auch nicht gerade beim Bären, so 
doch bei anderen Tieren auch in den römisch-griechischen Mysterien wiederkehrt 



^) Ueber den Einfluß des Mondes auf das tierische Gehirn s. o. S. 54. 
2) Ueber „nüchtern" s. S. 27. 

^) Der Safran war schon Homer bekannt und der Göttin Eos heilig 
(Frieboes G67); er galt als Antispasmodikon, vermutlich wegen der Farbe. 



Gehirn. 05 

und hier nur als Parallele der Neuzeit aufgeführt wird (A. f. Ti.W. VIII, 274). 
Auch die Indianer sehen in dem Büren eine Verkörperung eines Ahnen; er wird 
„alte Mutter" geheißen, bei seiner Tötung um Verzeihung gebeten und mit einer 
gottesdienstlichen Verehrung verzehrt (Brehm ^11, 176). Als weitere Parallele 
sei hier der Bärengott der Ainos angeführt ; an ihrem Hauptfesttage töten sie 
den jungen Bären, der von einer Ainofrau aufgesäugt wurde (s. u. Reh) unter 
feierlichen Lobpreisungen und verspeisen ihn gemeinsam. Der Schädel aber wird 
als Heiligtum (pars j)ro toto) aufbewahrt (J. Hart). 

Auch die alten Griechen verehrten in dem Bären einen Ahnen 
(apxYjYSTT^c) , da sie der i^rtemisia Brauronia oder Archegetes eine 
zehnjährige Ehrenjungfrau widmeten, die ihr an den Brauronien im 
Safrange wände opferte und rj afjzioc (== Bärin) hieß (Keller 110). 
Die Artemis Kallisto hatte Bärengestalt. Nach Röscher (Selene 29) 
ist diese brauronische Artemis identisch mit der lemnischen Mond- 
göttin Chryse und der thrakischen Bendis. In Arkadien und Brauron 
(Attika) Avurde wohl der Mond als ar>y.TO(; vorgestellt, ähnlich wie von 
Homer (Ilias ^ 483) die Artemis einer Löwin vergHchen wurde; jeden- 
falls hatten diese Mondgottheiten Beziehungen zur Behandlung von 
Frauenkrankheiten und zur Geburtshilfe, und der Bärenahne erhielt 
vermutlich früher Menschen(Jungfrauen)opfer; dann war der Genuß 
von Bärenfleisch eine Theoi^hagie. 

Plinius und Celsus erwähnen das Bären gehirn nicht; jedenfalls 
war auch der Genuß des Bärenfleisches in Italien etwas Außer- 
gewöhnliches^). Bärenfett erwähnt der Sextus Platonicus (um 330 
p. Chr.) als Haarwuchsmittel (p. 402); im Mittelalter ist es eine Wund- 
und AVaffensalbe (Scheible IX, 1042). 

Wie alle elbisch-chthonischen Wesen heilt auch der Bär sich 
selbst (Plinius VIII, 129, 35); wenn er verstopft ist, beseitigt er dieses 
Leiden durch den Genuß der Aaronswurzel; er versteht sich auf an- 
dere Heilkräuter (Aristoteles h. a. VIII, 19, 1; Plinius VIII, 101; 
Keller 122, 374); er ist unter die Sterne versetzt''^); er tritt in Ge- 
schlechternamen und Krankheitsnamen auf (Bärenschlaf); er soll auch 
ein Leichenräuber sein (Brehm ^ II, 162); die Verwandlung des 
Menschen in Bären ist echt volkstümlich (Bärenkinder, Bärensohn, 
bärengesichtige ^) Dämonen; Jordan 101, auch der Name Bärwein 
= Bärenfreund deutet auf solchen Totemismus). 

Die Verwendung des Bärengehirns in der Volksmedizin stammt 
demnach nicht leicht aus klassischen Quellen; wenn sie auch ver- 
hältnismäßig spät erst bezeugt ist, so ist sie doch aus alten Vor- 
stellungen über Theophagie (S. 8, 30, 47) entsprungen. (1743) „ Wenn 
ein Mensch JBähren-Gehirn isset, so geräth er dariiher in eine 
solche Phantasey und starJce imagincdion, daß er sieh dünchen lasset, 
cds sey er m einem Bähren tvorden, tvie solches Wierus'^) de prae- 
stigiis Baemonum lih. 3, c. 18 meldet und es mit einer Historie eines 



^) Auf altgriechischen Tonlampen ist ein Bär mit der Beischrift <E>ößo(; zu 
sehen (Schreckgespenst?) (Hess. Bl. f. V.K. II, 83*). 

^) Gerade in der Astronomie, dieser uralten ^heiligen Wissenschaft, haben 
sich die rudimentären Anschauungen aus der Naturkindheit der Menschheit be- 
sonders jung und frisch erhalten (Bart). 

^) An. biarnleitr (Jordan IIB). 

^) Johann Weyer, ein rheinischer Arzt war (1550) der erste Bekämpfer des 
Hexenwahns. 

Höfler, Die volksmedizinische Organotherapie. 5 



Qß Gehirn. 

Spanischen von Adel beJiräfftiget, welchem er Bahr en- Geh im zu 
essen gegeben habe, der sofort im Gehöltze, Bergen und Wäldern herum 
gelcmffen^' (Krüntermann 71^ Schiv. A. f. V.K. 1902 — S) (analog zu 
Lykanthropie, Wolfsmensch). Hier verwandelt der Genuß des Bären- 
hirns als Seelensitzorgan das Menschenwesen in einen Bcären (vergl. 
Bärenherz, Katzenhirn). '0\}.o'nü^iz to) i>s(p -j- Totemismus. Die Ein- 
verleibung der Bäreneigenschaft vermitteln die Polareskimos durch 
Einnähen der Haut einer Bärenkehle in die Haube des Kindes, das 
damit besonders gegen alle Gefahren gestärkt Averden soll (vergl. u. 
Wolfsverwandlung). 

Ueber den Eisbären s. u. Bärenleber. 

4. Wolf. 

Wult'shivn. Lupus, hirpus, Xuxoc, an. vargr (= Würger) ; in südsemitischen Ländern ging 

seine Bezeichnung auf die des Schakals und der Hyäne über. 

Das gefürchtete und auch gehaßte, an Walstätten und Gerichtsplätzen unbe- 
grabene Menschen verzehrende, menschenfleischfressende Raubtier, das bei den 
Germanen dem Wodan, bei den Römern dem Mars (Lupus Martius), bei den 
Griechen dem Apollon heilige Tier. Der Wolf hatte auch Beziehungen zum Toten- 
gotte Soranus der Römer und bei den Griechen namentlich zum Orakel-, Seuchen- 
und Heiljrotte Apollon, der Wolfsopfer erhielt (Stengel 366 ; Keller 171 , 172). 
Wolf und Rabe begleiten Wodan und A])ollon. Der AVolf ist eben das Totem 
im Apollokulte (Nilsson 102); bei den Aegyptern war der Wolf die Gestalt des 
Osiris und daher göttlich verehrt (Lenz 109), bei den Griechen, Römern und 
Germanen die Gestalt eines Totengeistes. Plato erwähnt den Glauben, daß, wer 
das mit dem übrigen Oi)ferHeische gemischte Menschenfleisch koste, in einen 
menschenfressenden Wolf verwandelt werde. Pausanias fügt hinzu, daß, wenn der 
in einen AVolf Verwandelte sich 10 Jahre des Menschenfleisches .enthielt, er die 
menschliche Gestalt wieder erlangte (Nilsson 8 ff.). Auch zu Plinius Zeiten war 
der Volksglaube lebendig, „homines interdum lupos fieri; et contra" (VIII, 22), 
daß Menschen zeitweise sich in Wölfe verwandeln und auch aus Wölfen sicli 
wieder zu Menschen zurückverwandeln können. Solche Tierverwandlungen sind 
die Grundlage zur Vorstellung von den Tiergottheiten, die sich durch ihre Zauber- 
kräfte ebenso auch in Menschen umwandeln können. Die Tierverkleidungen bei 
den Mysterienspielen haben in diesen i^rimitiven Vorstellungen ihre Quelle. Nach 
germanischer Volksanschauung wird, wer aus einer Rechtsgemeinschaft ausge- 
stoßen wird, zum Wolfsmenschen; einem verurteilten Mörder wurde auch in Rom 
die Wolfsfellkappe aufs Haupt gesetzt (Hess. Bl. f. V.K. III, 14). Die ganze 
Lykanthropie behandelte Röscher in den Abhandig. d. ph.-hist. Klass. d. K sächs. 
Gesellsch. d. Wiss. XVII, 3. Mars ist auf etrurischen Vasen wolfsköpfig (Scheible 
IX, 371). 

Im deutschen Volksglauben ist der Wolf „der wilde Hund" (14. Jahrb.), in 
dessen Tiergestalt der Wolfgänger umgeht (waregang, AVerwolf). Der Wolf heilt 
sich selbst (Aristoteles VIII, 7). Als chthonisch-elbisches Wesen hat er vielfache 
Beziehungen zu Geschlechternamen und Krankheiten (s. Höfler, Krankheitsnamen- 
buch S. 812). Viele Züge der Lykanthropie haben die Deutschen von den Römern 
und Griechen übernommen; doch ist der Werwolfglaube echt germanisch. 

Der Zahn des Wolfes ist wie der Rachen desselben ein Apotropäon 
(Keller 402), ersterer als tannfe (Edda, Jordan 77) gegen Zahnfraisen bei den 
Nordgermanen ; letzterer als Wolfsrachen , der bei den Griechen an der Haustüre 
hing (Keller 163); Zähne und Rachen (Tipoxop-Yj) sind Teile des ganzen Tierkopfes, 
das Wolfsauge desgleichen; letzteres ist aber auch Seelensitz. Der Wolf als 
Opfertier ist bei den Arkadiern bezeugt (Plinius h. n. VIII, 22, 34), ebenso bei 
den Griechen für den Heilgott Apollon (Stengel 366); ein angeblicher Opferaltar 
aus Stein auf der Hornkuppe heißt „Wolfstisch" (vermutlich ein Geisterplatz). 
Als Vegetationsgeist (Roggen- oder „Kornwolf, Kornmuhme" etc.) wird der Wolf 
gejagt, getötet und vergraben. Wolf und Katze sind auch wie Hunde Sünden- 
böcke ('f apji.ay.0'') ; der Wolf wurde auch neben Hingerichteten aufgehängt (Grimm, 
D. R. A, 641, 734). Wolf ist auch manchmal die Gestalt eines ausgetriebenen 



Cid] im. 67 

Kranldieitsdiunons (Frazer, Th. .1?. IJougli Jll, '], § 15', Nilsson 113; Keller 164, 
403, 404) imd auch ein Augangstier. 

Der Wolf ist eben ursprünglich die Gestalt eines todbringenden Geistes der 
Unterwelt, wofür Röscher (Kynanthropie 60, 61) genügende Beweise lieferte; schon 
sein Blick gilt für gefährlich and der Mensch soll, wenn er von ihm zuerst gesehen 
wird, für kurze Zeit die Stimme verlieren (Plinius VIIF, 22, 34) (mal St. Loup). 

Plinius und Celsius erwähnen das AVolfsgehirn nicht, ersterer 
aber die Asche des Wolfskopfes (h. n. XXVIIF, 49): ^^niagnum 
rcmcdium est et in luporitm, capitis cinere''^ als Mittel gegen 
Zahnschmerzen; es verscheucht wie der ganze Kopf des Wolfes 
die elbischen Nachtgeister und verschafft guten Schlaf nach Sextus 
Platonicus (um 330 p. Chr.): ^^Ad somnum. Caput lupi siqypositum 
suh pulvino, aegrum äormire facit''^ (p. 402); ebenso abwehrend, von 
elbischen Würmern reinigend sollte das Mittel von Ortolf aus Beyern 
helfen: (1477) ^^Wan einem ein (irin oder hein oder tvaß anders 
inivendig ^iibvochen, istf So nehme ehr einen ivolff, der eine nacht 
(dt ist, vnnd nehme sein gehirn vnnd liautt vnd lege es vber die 
schmertzen, so fcdlet es zusammen vnnd heilet schnelle''^ (JüMing 252). 
Der junge Wolf ist eine Parallele zum jungen Hunde, bei dem das 
Hundegehirn (s. d.) in gleicher Weise verwendet wurde; Hunde und 
Wölfe waren dieselben dämonischen Wesen (vozispoi vcovsc) (Keller), 
welche andere Dämonen wesen (Würmer etc.) vertreiben konnten wie 
ein Exorzismus. Daher sagt Sextus Platonicus (um 330 p. Chr.), daß 
der Genuß von Wolf fleisch auch vor Dämonen und Greistern sichert: 
y)Lu2')i carnes conditas et decoctas qui ederit, a daemonibus seu ah um- 
bris, quae per phantasmata apparent, vel apparere creduntur, non 
potest inquietari''^ (p. 402). 

5. Hund. 

Canis (chien), v.ooiv, catulus. Der Mensch der älteren Steinzeit in Schweden Ilinulshiin. 
hatte einzig und allein den Hund als Haustier (Montelius 10); mit dem Menschen 
verbreitete sich der Haushund über die ganze Erde, er war der ständige Begleiter 
des Menschen der alten Welt. 

Die alten Aegypter haben Hund und Wolf gleichwertig als böse Todes- 
geister aufgefaßt. Hundeköpfig ist der Gott Anubis. Die Phönikier opferten Hunde 
dem Herakles-Moloch (Movers, Phon. I, 404). Eine attische Inschrift (4. Jahrh. 
a. Chr.), die sich auf den Kultus von Heilgottheiten bezieht, ordnet an: „Tipo- 
^üsaöa'. v.üaiv TiOTiava xpia, xüvrjYSX'xi': Tcö-otva xp-'a," d. h. den hundegestaltigen 
Heilheroen drei Kuchen zu opfern (A. f. R.W. VIH, 211), denn auch bei den 
Griechen war der Hund die Gestalt eines bösen Totengeistes, wie der menschen- 
fressende Wolf (s. 0.) und die leichenverzehrende Hyäne; allen diesen bösen Seelen- 
geistern (atopoi, (/.'[o.'^o'.^ at^y.vot, ß:ato9'avccTO!.) „voll Groll und Zorn", sind genau 
dieselben Beziehungen zum Hunde eigen, wie den einfachen, noch nicht zu gött- 
licher Verehrung gelangten Dämonen. Die chthonische Hekate wurde zuweilen 
geradezu als xucuv iJieXa'.va angerufen, d. h. als schwarze Hündin; 'Ev.axY) v.ovoacpa- 
■{ihc, %-krj., die als Seelenbeherrscherin Hundeojofer erhielt; das Hundeopfer wurde 
dabei geradezu zum typischen Reinigungs- und Sühneoi3fer (Nileson 395 — 397, 
405, 447; Stengel 371), mit dem man sich von dem Grolle und Zorne der unholden 
Dämonen, der Kraukheitsdämonen reinigen und so auch heilen wollte (vergl. auch 
Hundemilz). Die eines heilenden Reinigungsmittel Bedürftigen wurden mit den 
Leichen der der Hekate geopferten und geschlachteten jungen Hunde abgerieben, 
wobei die Abreibestoffe das Schädliche und Krankhafte, Unreine in sich aufnehmen 
sollten (Rohde ^ II, 407). Auch die Hekate Enodios erhielt Hundeopfer (Lenz 104). 
Mit dem Opfer eines jungen Hundes, Eiern, Zwiebeln wurde jeden 30. Tag') des 
Monats bei den Athenern das Haus gereinigt und entsühnt und dieses Opfer dann 



S. o. S. 29. 



53 Gehirn. 

der Hekate auf die Dreiwege gesetzt, \vo die trivialen Kyniker sie verzehrten 
(Plutarch, Quaest. rom. 111; Nilsson 396—397). „Wenn man an den Luperealien 
Hunde opferte, so galt dieses Opfer in seinem Ursprünge eigentlich den Laren 
und wurde wahrscheinlich in ältester Zeit auch verzehrt, wie auch das Volk der 
Arkansas, das die Hunde göttlich verehrte, an einem seiner Feste Hundefleisch 
zu essen pflegte, und in Huanca (Peru) wurde in dem Tempel ein Hund verehrt, 
um ihn nach dem Mästen zu essen" (Liebrecht 22) (eine Parallele zur Theophagie 
der Griechen). — Hundeopfer bei den Griechen sind auch bezeugt, besonders 
für die Heilgötter und geburtshilflichen Geister. „Die Eileithyia, der in 
Argos Hunde geopfert wurden, ist doch gewiß eine Hekate'' (Rohde If, 81), die 
hauptsächlich von schwangeren Frauen angerufen wurde (Nilsson 405, 423). Wie 
die Hekate, so erhielt auch die Geburtsgöttin Genetyllis Opfer von schwarzen 
Hunden. I^'evsxuXX'.c , die Geburtsgöttin, aber war zow.ola x-q 'Iv/.a-c-/;, mit der 
Hekate gleich im Wesen (Rohde II, 81). Daraus leitet sich auch die häufige Ver- 
wendung des Hundefleisches (s. u.) bei Geburten und gynäkologischen Fällen ab 
(vergl. auch Röscher, Selene Gl, 119). Hunde sind auch die Begleiter des Arzt- 
gottes Asklepios (Nilsson 395, 399, 405, 409,447; Welcker, Kleinere Schriften III, 
206); Hundeopfer wurden dargebracht der thrakischen Venus und dem spartani- 
schen Enyalius (= Ares) (Pausanias III, 14; Movers, Phon. I, 405). Das Hunde- 
opfer war nicht an die Hundestage gebunden (Nilsson 437), obwohl gerade die 
Griechen beim Aufgange des Hundegestirns in dem Aussehen desselben ein Vor- 
zeichen für die Gesundheitszustände im kommenden Jahre erblickten (Nilsson 7) 
und man in dieser Zeit (v.'jv&y.au}j.a, canicula) die mei.stc Neigung zur Tollwut, 
Hundswut annahm; man opferte dann Hunde hauptsächlich der .Tagdgöttin Diana 
(Plinius XVIII, 30, 69; Athenäus, Casaub. III, 197), s. o. S. 11. 

Schwarze Hundeopfer an den Sohn des AjjoIIo, den Sänger Linos, als Sühne- und 
Reinigungszeremonie bezeugt Nilsson 435 ff., Hündinopfer an Stelle des Jungfrauen- 
opfers sind bei den Griechen bezeugt, Stengel 366 ; auch die von den Buhldirnen 
angerufene Aj^hrodite Kolias erhielt von diesen, vermutlich um Kolik fernzuhalten, 
Hundeopfer (Röscher, Selene 42). Die Römer opferten Hunde für den Faunus- 
Lupercus (Lippert, Relig. 459; Liebrecht 22; Sloet 31); an den Rubigalien für 
den Frühlingsgott Mars wurden nach Festus 285 „rufae canes immolabuntur ut 
fruges flavescentes ad maturitatem perducerentur,'' wobei die roten Hunde aber 
wohl Füchse vorstellen (Keller 192) und kaum den Wunsch nach dem Rotwerden 
der Früchte symbolisieren sollten, s. o. S. 32. Nach Arrianos (Kynegeticos s. libei- 
de venatione c. XXXIV) opferten am Geburtstage der Diana venatrix die Gallier 
dieser Jagdgottheit verschiedene Tiere und schmückten ihre Hunde mit Kränzen 
auf dem Haupte „ut satis superque constet illorum causa festum celebrari", ein 
Brauch, der nach Huberti de Dalberg (Heil. z. Allg. Ztg. Nr. 255, S. 226) an 
manchen Orten (von Belgien?) noch heute am St. Hubertustag üblich sein soll, 
indem die die St. Hubertusmesse anhörenden Jäger auch ihre geschmückten 
Hunde mit in die Kirche nehmen ; aller Wahrscheinlichkeit nach geschah dieses 
symbolische Hundeopfer als Vorbeugung und Reinigung vor der Hundswut. 

Fahz 128 führt aus einem griechischen Papyrus Par. aus dem 4. Jahrh. p. Chr. 
eine Agoge agrypnetike an , in welcher ein Hundebild aus Mehl oder Wachs 
(catelli iraago farinacea vel cerea , aTa'.xcov ojjj-Öv yj v.Y]pov a.K'jpoy riXdoov y.ovap-.ov) 
Ibeim Ritus des Exorzismus verwendet wird, wobei dieses Hundesymbol vielleicht 
die Figur eines Unterweltgeistes vorstellen sollte, mit dessen Hilfe man den Schlaf 
erzwingen wollte; der Abraxas 191 erwähnt zu gleichem Zwecke (Traumzauber) 
das rote Wachsbild eines Nil])ferdes (Gottheit). „ovJtoo-ojj.-ov -oit|-ov iTt-oi^oTajj-ov 
E7. xYjpoü Tioppoö y.ol'i.rrj ctc. '' Die enge Beziehung des Hundes zum Beherrscher 
des Totenreiches selber spricht sich in der Hundsfell(Tarn)kappe des Hades, sowie 
in seiner Begleitung durch den Höllenhund aus (Röscher)'); damit konnte auch 
die Theophagie zum Vermittler der Heilung werden. 

Auch die germanische Todesgöttin Nehalennia (indog. neqos, viv.o;, germ. 
nehal, suffix-innjo oder haleni = Totenbergerin) hat den Totenhund sowie einen 
Korb voll Brote neben sich (Herrmann, D. M. 377) ; s. Fig. 14. 

Das Verzehren des Hundefleisches ist uralt, und sehr auf- 
fällig ist, daß gerade das älteste Haustier und der treueste Begleiter 

^) In Schleswig sagt man von nächtlich heulenden Hunden: „Die Hei ist 
bei den Hunden" (Rochholz); auch die griechische Totengöttin Hekate war hunde- 
köpfig (v.üvov.EtpaXoc) und erhielt Hundeopfer. 



Goliini. 



C9 



des Menschen so vielfache Beziehungen zu dem Seelenkulte und zu 
den rituellen Heilmethoden aufweist. Den Karthagern wurde von 
Darius verboten, Hunde- und Menschenopfer darzubringen (Movers 
I, 405); solche Opferhunde (juälte man wie elbische Tiere vor ihrer 
Schlachtung, man brach ihnen das Genick, wie einem verfluchten Ver- 
brecher beim ncächthchen Opfer der Babylonier (1. eod.). Aus den 
Schauspielen des Plautus geht hervor, daß junges Hundefleisch bei 
den zu Ehren eines neuen Amtsantrittes veranstalteten Gastmählern 
von den Römern verzehrt worden ist: „aditiaUhus rptidcm cpulls celehres 



Fio-. 14. 




NEHALENNIAE 

'dacinv^liffionis^ 
filivs v-s-l-m 




Aus P. Herrmann, Deutsche Mytliolosie S. 377. 
Bild eines Altares für die germanische Göttin Nehalennia auf der batavischen Insel Walcheren 

au der Scheide. 



fuisse Plaiiti fahidae indicio sunt^^ (Plinius h. n, XXIX, 14; Äthenäus, 
Casaiih. VIT, 504); y^Catulos lactantes adeo puros existimahant (prisci 
Honmni) ad cihum, ut etiam placandis numinlhus liostiarum vice ute- 
runtur. Genitae Maniae catuU res divina fit et in cenis dcorum etiam- 
nunc ponitur caiilina^^ (l. eod.), Junge Hunde waren ein die Weiber 
fruchtbar machendes Fleischgericht, das Hippokrates unzähhgeraal 
als Krankenkost derselben empfiehlt; Hippokrates benützte sogar den 
mit aromatischen Stoffen ausgefüllten, ausgeweideten Leib junger Hunde 
als eine Art von Brandopfer und Räucherung bei Frauenkrankheiten 



70 Gehirn. 

(Fuchs II, 52, 50, 373, 448, 509, 512, 517, 520; III, 608). Sextus 
Placitus (Platonicus) unter Kaiser Theoclosius (34(3 — 395 p. Chr.) ließ 
das Fleisch neugeborener Hunde gegen Leibschmerzen (der Frauen?) 
verzehren: .^Ad intcsünonim dolorem. CateUus ijrimtmi ncdus (s. Erst- 
geburt S. 33) antcquam ocidos ajxnat, occisus, condifus et comestus, 
facict id in foto tcmiwre dolorem intestinorum tum i)(dkdur, (jul ederit^ 
(p. 405). .ficininns sanqins torndnosis. eiun Inbcntihiis, remedlo est et 
wflcdioncs tolUt^' (l. eod.). Gegen Brustleiden wird in Nordböhmen 
Hundefleisch und Hundeschmalz genossen (Z. f. Oe. V.K. XIII, 
1907, S. 130). Der Pseudo-Dioskurides ließ das Blut junger Hunde 
auch gegen Gelbsucht und Wassersucht verwenden (Janus 1907, XIl, 
278, 284). Auf dem alemannischen Opferaltare am Lohenstoin lieferte 
der Hund 3 ^'/o aller Opfergebeine (Korresp. -Blatt f. Anthrop. XIII, 
1882, p. 18); auch bei den Deutschen finden ^Yir den Hund als Grab- 
beigabe, Bau-, Heil- und Seuchenopfer (Korresp. -Blatt f. Anthrop. 
XVL 1905. 36; XV, 185; Grimm. D.M. ' I, 43; Montehus 243; 
U. Jahn 17, 18: Scheible IX, 361; Wuttke ^ 439, 440, 78, 322, 172; 
E. H.Meyer, M. d. Germ. 1 LI), lieber das Totem des Hundes bei den Ger- 
manen s. Liebrecht 20 ff. Das besonders leicht schmelzende Hundefett 
^vird heute noch als besonderes Schwindsuchtmittel verwendet. Auch beim 
Hunde gilt der Kopf ^) als Teil des ganzen Tieres, wie der Inhalt des 
Kopfes, das Gehirn, oder wie die Milz. Die Asche des Hundeschädels 
spielte schon bei Plinius eine volksmedizinische Reinigungsrolle gegen 
verschiedene Hautleideii, Xagehvurzen, Frostbeulen (h. n. XXX, 37): 
^^reduvieis et quae in digitis nasemntur pteryfiiei tolhint canini 
capitis ceinis aid . . ." XXX, 23: ,.pernio)Nlnis qiioque im- 
p)onitiir canini capitis ci n i s" ; gegen Haiitverbreniuiiig:, XXX, 35 : 
,^amhiistis canini capitis cinis mcdetur''' ; gegen Gesäßleiden (After), 
XXX, 22: ,ySedes ritiis efficacissima sunt . . . canini capitis cinis^^; 
Hodensackreibung, XXX, 22: ..tcstilms vcro farina ex ossilms ca- 
pitis (canisj sine carne tusis^^ und Genitalgescliwüre, XXX, 22: 
j^taetris ihi (genitcdia) tdcerihus et manantihus auxiliantur canini 
capitis recentes cineres^' ; gegen Hautauswüchse, XXX, 39: j^stmima 
vero in canini c ap itis eine r e : excrescentia omnia spodi ^) vice 
crodit et persancd''^ ; gegen Seitenstechen, XXX, 18: ,^canis ra- 
hiosi calvariae cinis potioni inspergetur dolorihus lateris''^ (anti- 
dämonisch durch den Geist, der im wütenden Hunde steckt, behandelt); 
bei der Hundswut, XXIX, 32: ,,in canis redjidi morsu tuetur a pa- 
rore aquae canini capitis cinis inlitus vulneri''' ; bei Augenleiden, 
XXIX, 38: jfilancomata dicunt Magi cerebro catuli Septem diermn 
emendari specillo elcmisso in elexteram partem, si dextcr ocuhis curetur, 
in sinistram si sinister^', also lokale Hirnfettverwendung; endlich gegen 
Gelbsucht, XXX, 39, 28: ^^morho regio resistunt canini capitis 
cinis in vino^''. Celsus erwähnt das Hundegehirn nicht, weicht 
also von der Polypragmasia seines sonst oft benützten Vorbildes Plinius 
ab, während die mittelalterlichen ärztlichen Handlanger ganz ad verba 
Plinii schworen. Sextus Placitus (Platonicus) Papyrensis verwendete 



^) Nicht zu verwechseln mit dem „Hundskopf" (Kynokephalus) = Pavian 
(s. u. Affenherz). 

^) Spodos, spodium, aTrooiov = Hüttenrauch, unreines Zinkoxyd (Frieboes 618 ff.)- 



Gehirn. . 71 

den Hundekopf, sowohl den vom wütenden als den vom wutfreien 
Hunde, als Mittel gegen den Hundebiß überhaupt. ,^Äd canis morstim. 
Canis Caput comhushdif et in pulvcrem rcdactum, in morsu canis non 
rahidi iDtposltiuu optinmni (iff'crt rcmedluni''^'^ hier ist die Hundekopf- 
asche wohl ein Kathartikum; gegen den tollen Hundebiß aber wird 
diese Äsche auf Getränke einverleibt: ^^Ad rahidi canis morsum. De 
capite canis ptdvis in potioncm mittitur dahirque ut hihat et lihe- 
rahitiir. Idem quoque pulvis vulneri inspergetiir praeterea et jecur'''' (canis 
rahidi s. Hundeleber); ferner gegen kankröse Geschwüre: ,^Ad 
vulnera cancrosa. Non rahidi canis capnt condmstum et idem cinis 
vuJnerihus inspersiis vtünera et carcinomata sanat^^ (p, 405); gegen 
FeigWcarzen: „J.f? ficos qui in ano nascuntur et rhagades. Idem 
Canis capitis cinis aspersiis summe prodest, sanat enim et rhagades 
et omnem spurcitiam''^ ; gegen Nietnägel (Nagel würzen) : j^Äd pterygia 
in digitis. Idem^ cinis (canis capitis) appositus, pterygia, quae nas- 
cuntur in digitis, curcd et asperitudines emendat cdque cicatrices tollit''^ ; 
zum Hfiarwaclistum : ^^Ad capiUos. Canis capitis cinis seti pidvis 
capiti aspersus capiUos radiantes reddif"^ ; gegen Gelbsucht: ^^Ad 
morhiim rcgium: Bahidi canis caput contusiini et commixtmn cum 
vino potatum mire sanat^^ ; gegen Hodengeschwulst: „J.^ tumores 
testicidorum. Calvaria canis trita et imposita mire sanaV^ ; gegen 
Augenleiden: ^Ad glaucomcda octdorum. Calvaria canis findit. 
Et si dexter ocidus glaucomate lahorat^ in dexteriorem partem spicella ^) 
demittitur, sin sinister, in sinistrcmi"' ; bei Beinbrüchen: ,^Ad frac- 
turam. Cerehrum canis illitum et in lana impositam (s. Wolfsgehirn) 
et suhindc suffundatur fracturis: diehus XIV solidcd. Fractura autem 
dehet solida alligatione idi^^ (p. 405). (156.')) „Die äsclien von- dem ge- 
brannten Hunclsl'opff eist vnnd erheyßt edle mißgeivächs vnnd 
Jieilts; ist auch gut zu dem brand vnnd auff den wütenden hiß 
gesprengt; verhütet vor gefahr des tvassers ( Wasserscheu ^ Hunds- 
lüut) gleycherwcyß getrunchen; für die geschwär der f/mächten 
vnnd prusten des sit^es ist solche äschen vast JcöstUch ; in mäett 
getrunclrn vertreyht (sie) die gälsueht^^ (Jühling 71), (1685) „Der 
(Hunds-) hopff oder Hirn schal trocknet, ivo sie .zur Aschen ge- 
macM ivorden, die Geschwär , heilet die Fehler des Hinter en^ 
die Schrunden und Geschwulst der Testictil, Innerlich heilet sie 
die Gelbsucht' (Schröder 1:260); (1685) „Das (Hunde-) Gehirn 
soll innerlich die Tobsüchtigen wider zu recht hringen, doch soll 
es von einem einfärhigen Hund (s. o. S. 30) genommen seyn; dahero 
ein Hirt dem Herren D. Joh. Michaelis erzehlet, daß in seinem Dorf 
in 3 Tagen ein Tobsüchtiger tväre geheilet tvorden, indem man ihm 
ein gel'ochtes Hund es- Hirn gegehen hätte; er sagte cmch, es wären 
noch 3 andere durch dieses Mittel von ermeldeter Kranclheit hefreyet 
worden'-^ (Sehröder 1260); vergl. o. S. 11. Piatos Schilderung der 
Heilung der Geisteskrankheit durch reinigende bacchantische Mysterien, 
bei denen auch die Theophagie und Omophagie eine Hauptrolle spielte 
(s. u, Hundeleber). 

Daß sich Hund und Wolf vertreten können, lehrt auch die Stelle 



') Specilla, Spatel, Abbildung s. Neubiirger, Die Augenheilkunde in der 
Kömerzeit, S. 60. 



72 Gehirn. 

aus Plinius XXX, 40, wo gegen Knoclienbnicli das Hundegehirn 
ebenso empfohlen wird, wie oben S. 67 das Wolfsgehirn: ^.ossihus 
fractis caninum cerehrum Unteolo inJito snppositis lanis fcrrc XIIII 
dichus solidct^'', welche Verordnung 1730 Kräutermann 193 wieder- 
holt: j^Him des -Gehini mit ein wcniii Wollen eiuf den ßriich (des 
Knochens) [/rJef/ef, licilrt denselben in ivcniejen Taycn^^. Die Wolle 
sollte das Krankhafte aufsaugen. 

Auch in Schottland gibt man den Kopf von einem wütenden 
Hunde (oder dessen Herz) gekocht gegen Hundswiit zu essen (Gai- 
doz 10) (s. u. Hundeleber, Hundegalle). Den Sitz einer dämonischen 
Seelenkraft in den Seelenorganen erklärt die Verwendung dieser Hunde - 
teile; auch im 15. Jahrh. verwendete man zu Heilzwecken den Kopf 
eines toten Hundes (Z. d. V. f. V.K. 1901, XI, 279). 

Früher wurde auch in vielen Stallungen in Baden ein schwarzer 
Hundekopf als prophylaktisches Mittel gegen Stfillseucheii, die man 
von Dämonen verursacht annahm (Z. f. rh. V.K. 1905, II, 293, 292, 
283, 297; Wuttke § 439). verwendet. Diese Eigenschaft teilt der 
Hundekopf mit den Köpfen verschiedener anderer Haustiere (Kalb, 
Pferd, Widder, Kamel etc.). Im Schweizer Simmentale findet (nach 
Zahler 76) sich eine alte Verordnung, wonach ein verbrannter Hunde- 
kopf helfen sollte gegen das sogen. Gliedwasser (s. Krankh.N.B. 784 =\ 
707 '\), die sogen. Fohlen- oder Kälberlähme, pyämischer Gelenk- 
rheumatismus als Stiillseuehe, die als solche auch mit Bannworten 
(s. 0. S. 44) behandelt wird (s. Schw. A. f. V.K. III, 137); das Ganze 
erscheint deutlich als eine vom Hundebrandopfer abzuleitende Behand- 
lungsart. Vergl. das Rezept bei /lühling 71, 74, wonach ein junger 
Brackelhund ausgeweidet, mit Kranewittbeeren (s. o. S. 14) gefüllt 
und am Spieß gebraten werden soll; das dabei abtropfende Hunde- 
fett ist dann mit anderen Schmalzsorten eine gegen Schwinden emp- 
fohlene Heilsalbe; so kann man sich die Verwendung der aus dem 
Kultopfer stammenden Heilmittel erklären; die Einverleibung geschieht 
hierbei durch Einreibung, sonst durch Verzehren der (geopferten) Tier- 
organe. Daß man das Hundehirn als giftig ansah, kann man aus 
obigen Quellen nicht entnehmen; doch ist dasselbe als Sitz eines 
wilden verderblichen Dämons anzusehen beim tobsüchtigen Hunde 
(vergl. u. Katzenhirn). Die beim Beinigungsopfer durch Verbrennung 
des Hundes (und seines Kopfes) übrig bleibende Asche wurde, 
wie auch die kathartische Feigenasche (s. o. S. 42), zum empirischen 
Hautreinigungsmittel, wie wir es oben gesehen haben. So reinigte 
sich auch die Stadt Ephesus von einer Pestseuche durch Steinigung 
eines zerlumpten Bettlers, in welchem ApoUonius von Tyana den 
Pestdämon erkannt hatte; dieser Dämon verwandelte sich nach der 
Steinigung in einen großen Hund, der alle Spuren der Tollwut an 
sich trug und mit dieser verschwand (Baltzer IV, 12) (vergl. auch 
Hundeleber). 

6. Dachs. 

Dachsliini. Meles taxus, Ma^is, Melos, Graevling, Gräfsvin (schwed.), ahd. däha (xsx-Ttüv), 

Tpo)(°? i— Dreher?). Das von antikem Einflüsse, wie es scheint, fast ganz unbe- 
rührte Tier, das in der germanischen Volkszoologie ein Mittelding zwischen Hund 
und Schwein ist wie der Igel, das unterirdisch grabende, übelriechende Höhlen- 



Gehirn. 73 

tier verhütet durch sein Fell am Kummet der Zugpferde das Hexenwerk (Insekten- 
und Fliegenstiche) ; der an ihm haftende Wirksamkeitsglaube hat sich auch auf 
das Murmeltier (s. u.) übertragen. Der Dachs, das unterirdische Schwein der Frau 
Harke, einer weiblichen Person in der wilden Jagd, ist ein elbisches Seeleniier 
und die Gestalt eines Windgeistes (E. H. Meyer, Mythol. d. Germ. 181). 

Pliniiis, Celsiis und Dioskurides erwähnen nicht einmal das Dachs- 
fett, Plinius aber doch die Dachsleber (s. o.), überhaupt sprechen 
die Alten sehr wenig von diesem Tiere (Lenz 91). JDcr Jägerliut 
sollte nach Gratius Faliscus (vor Äugtistus) ans grauem Bachsfell 
gemacht sein, ebenso das Halshand des Jagdhundes. Der Arzt Serenus 
Sammonicus (f 212 p.Chr.) Erwähnt zuerst das Dachsfett, vielleicht 
aus germanischer Ueberlieferung (Lenz 92). Gesner in seinem Tier- 
buche führt 15G3 als medizinisches Mittel auch sein Gehirn (als fette 
Einreibung) an: „Beß Bachß hirn in oel hochet, lindet alle iveetagen'' 
(Jühling 10.) Der adelige Hausvater Florinus (1702) schrieb: „Bachs- 
hirn lindert edle Schmerlen und Wehtagen" ; Schmerz wurde früher 
öfter als Dämonenwerk angenommen , das durch das elbische Tier 
überwunden werden sollte. 

Ein Zusammenhang mit antikem Opferkulte läßt sich bei diesem 
Jägermittel nicht finden. 

7. Eichhörnchen, Eichkätzlein. 

Bei den Neugriechen ßsp^cpiT-Tv. (= rauhbartiger Schwanz) benannt (Lieb- Eich- 
recht 261); bei den alten Griechen cy.ioüpoc; (-v-tä-oupd = Schattenschwanz) sciurus, hörnchen- 
escuireul, ecureuil, daraus mlat. espiriolus, aspriolus. Plinius führt es VIII, 38, XI, 43 ^^^^^' 
an, ohne dessen Verwendung zu berühren ; es heißt auch Zigeunerkatze oder Baum- 
katze und wird von den bäuerlichen Kreisen Süddeutschlands zur Gattung der 
Katzen, Füchse und Wiesel gerechnet ; es wird von Zigeunern als ein glückbringen- 
des Tier betrachtet, von ihnen und auch von oberbayerischen Bauern verzehrt; 
sein zahnbesetzter Unterkiefer wurde schon in der schwedischen Bronzezeit (als 
Talisman gegen Zahnfraisen?) bei Leichen gefunden (Sophus Müller I, 47; Beil. 
z. Allg. Z. Nr. 120, 2^. V. 1906, S. 359); es war offenbar auch ein Jagdtier und 
konnte als solches wie ein Opfertier verwendet werden ; am Harz wurde es als 
Vegetationsgeist ins Osterfeuer geworfen, nachdem es gehetzt und gejagt worden 
war; beim Kölner Frühlingsumzuge wurde es ebenfalls als Verkörperung des 
Vegetationsgeistes wie ein Opfertier herumgetragen (Böhme , Kinderlieder 343 ; 
Wolf, Beitr. I, 74). 

Sein Fleisch wird in Oberbayern geräuchert und nüchtern 
(s. o. S. 27 ff.) als Heilmittel gegen Diphtherie in ^N'achahmung des 
Wiesel- und Katzenfleisches und Katzenhirns (s. u.) gegessen. Schon 
durch seinen die Katzenart andeutenden Namen konnte das „Eich- 
katzl" auch die Hauskatze und damit das Wiesel vertreten. Das zu 
Pulver verbrannte männliche Eichhorn soll das beste Heilmittel für 
kranke Hengste, ein weibliches für kranke Stuten geben (Brehm - 
II, 278), es ist also wohl der Glaube an geschlechtliche Fruchtbarkeit 
(wie bei der Katze), der ihm anhaftet; aber auch andere Verwen- 
dungen finden wir: 

„Bas ivarme Hirn des roten oder braunen Eichhatsl tvird in 
Oherhagern nüchtern (s. o. S. 27) gegessen, um ein scharfes Gedächt- 
nis SU helommen" (Höfler, V. M. 164). 

„Manche GaiiMer und Seiltänzer sollen in dem Wahne leben, 
durch den Genuß des geptdverten Eichhörnchen gehirns vor Schwindel 
sicher su sein, und deshcdb dem Hörnchen oft nachstellen, um sich bei 



74 Gehirn. 

ihren gcfährUchcn Sprüngen zu sichern" (Breh)n \IJ, 278). In Steier- 
mark wird das Eichkatzlhirn gegen Sclnvindel und Kopfweh 
(Fossel 88) benützt: (1714) „Ein Seiltänzer Tiurirte allen Schivindel 
mit dem Gehirn rother Eichhörnchen, auf waserlei Weise es auch ge- 
nommen wird. Ja die Jäger in den Alpen geben eben dämm den 
schivangeren Weibern Eichhörnchenfleisch zu essen, damit, wenn sie 
Knaben zur Welt bringen, solche desto hurtiger ohne alle Gefcdir des 
Schivindels auf den Klippen und Gebirgen die Gemsen fahen hönnten" 
(Janus 1899, 234), ivas Schröder 1685 schon von den Jägern am 
St. Bernhardsberge in der Schiveiz angab (Schröder 1321). Zur Mr- 
leichterunfii des Zahnens, d. h. zur Verhütung der sogen. Zahn- 
fraisen soll das noch ua nur Gehirn eines frisch geschossenen Eich- 
hörnchens (wie das eines Hasen s. o. S. 59) auf das Zahnfleisch ge- 
legt tverden (Franhemcald) (Jühling 13); d. h. das Gehirn sollte 
ivie das des Hasen dem Kinde einverleibt tverden, eine sichtliche Nach- 
ahmung des ebenfalls gejagten Hasen. Der Grundsatz similia simili- 
bus kann bei diesem in seiner heutigen Verwendung von der Antike 
ganz unbeeinHußten Tiere vielleicht zur Geltung gekommen sein, aber 
erst in spätester Zeit; maßgebend war in erster Linie dabei wohl das 
Vorbild der Katze bezw. des Wiesels, in mancher Beziehung auch das 
des rotschwänzigen Fuchses, den das Eichhörnchen namentlich als Vege- 
tationsgeist im Volksbrauche vertritt (s. Liebrecht 2(31, 2G2). 

8. Katze. 

Felis (Plinius), aUXoupo;; (= Jammerschwanz) (Aristoteles), yAkf^, yjXr^ (auch 
= Marder, Wiesel), mlat. cattus, catta, neugr. Yc'ta, ahd. chataro. Vor der Katze 
war das ebenfalls yjXr^ benannte AViescl (s. u.) neben Marder und Eule die Mäuse- 
vertilgerin. Die Katze stammt aus Aegypten und kam erst, wie ihr Name cattus') 
bezeugt, um 450 p. Chr. zu den Keltogermanen (Schrader 413) und noch viel später 
zu den Xordgermanen ; damit zerfällt das Hirngespinst, daß die schwarze Katze 
„eine Begleiterin der Freyja'" gewesen, in nichts^). 

Mit dem Gegenstande wandern auch die mit letzterem verbundenen An- 
schauungen und Volksmcinungen. In Aegypten , woher die Katzen stammen, 
wurden diese für heilig gehalten und dementsprechend auch gepflegt und be- 
handelt; wer eine Katze umbrachte, mußte sterben-, auch bei Hungersnot durfte 
keine Katze verzehrt werden-, um eine tote Katze trauerten sie wie um ein ge- 
liebtes Kind, brachten sie in ein heiliges Gemach, wo sie einbalsamiert wurde, 
und setzten sie in der Stadt Bubastis bei; sie brockten ihuen Brot in die Milch 
oder in Honig getauchte Kuchen vor oder gaben ihnen Gänsefleisch zu essen 
(Lenz 145 — 147), w4e einem göttlich verehrten AVesen. Katzenköpfig war die 
ägyptische Göttin ßastet. Auf diese äg^^ptische Katze beziehen sich auch die 
bei Plinius zu findenden Angaben über die felis oder feles, vielleicht auch auf 
die Wildkatze, den Marder oder Iltis. 

Katzenfett erwähnt Celsus (1. Jahrh. p. Chr.) als er- 
wärmendes Mittel (III, 33, N. 3j. Katzenkot als Heilmittel führt 



^) AD.oüpo? Y|V vAxzrj,'. -rj Gov-rjö-sia Asy^^'" Euagrius (6. Jahrh. p. Chr. in An- 
tiochia). 

^) Dieses Katzengespann der Freyja ist nur eine vom Oriente stammende und 
durch christlichen Gelehrteneinfluß ins Nordgermanische eingedrungene Aus- 
schmückung der Sage, die keinen spezifisch-germanischen Volksgedanken zum 
mythogenen Hintergrund hatte. Wenn Freyja als „eigandi fressa" bezeichnet 
wujde, so kann dieses auch „Eignerin des Bären" (s. o. S. 64) bedeuten 
(GoUher 453). 



Geliini. 75 

der Sextus Platonicus Papyreiisis (um 3-30 p. Chr.) an (p. 414). Im 
Traumzauber des Papyrus magicus der lielleniscli-jüdisch-ägyptischen 
Magie (4. JalirL. p. Chr.) erscheint auch schon der ganz schwarze 
kräftige Kater als Zaubertier, dem man magische Zettel in das Maul 
steckte, damit er als heulender Bote diene an die Schlaf und Träume 
spendenden Seelengeister, „Xaßwv c.iXoopov 6Ao;ji/ava (ßio\>dX{xiov)" 
(Dieterich 800). Ueber die Hermeneutik des Katze nblutes s. o. S. 18. 

Gerade die schwarze Katze überbrachte den südeuropäischen und 
weiterhin den übrigen Völkern eine Reihe von fremden Yerwendungs- 
arten und Yolksmeinungen, die sieb in der Volksmedizin und im sogen. 
Aberglauben der Völker heute noch bemerkbar machen. Die schwarze 
Katze wurde im Mittelalter zum häufigsten Sündenbock ('f ap'iazög) für 
Sippenfehler und Seuchen ; als solches Mittel gegen Choleraseuchen 
diente bei den heutigen Russen das Vergraben von acht lebendigen 
Katzen- beim Pflügen werden daselbst auch scliwarze Katzen ein- 
gegraben (Löwenstimm 25, 11). An vielen Orten Deutschlands warf 
man Katzen als Vegetationsgeist oder als Sündenbock zur Verhütung 
von Seuchen in das Hagelfeuer, St. Johannes- oder Sonnenwendfeuer 
(Sloet 5 ff.; Mannhardt, F. K. 174, 515; Z. d. V. f. V.K. 1893, 353), 
als Bauopfer sind die Katzen erwähnt bei Liebrecht 293 ; AVuttke 
§ 444, S. 295; Andree, Parallelen I, 22, 23. Die Verwendung der 
Katze geschieht hauptsächlich in der Volksmedizin gegen die dämo- 
nistisch aufgefaßten sogen. Nervenkrankheiten, so daß Schröder in 
seiner 1685 erschienenen Medizinisch- chymischen Apotheke 1340 noch 
schreibt: „ivcnn man die Gans mit Katzcnfleisch und anderen Xerven- 
Jiräidcrn füttert'' (vergl. den Antagonismus der Fütterung zu dem 
eben erwähnten altägyptischen Brauche, die heiligen Katzen mit Gänse- 
fleisch zu füttern ; auf dem Wege der Wanderung mag diese Um- 
stellung der Ueberlieferung erfolgt sein). 

Es ist höchst wahrscheinlich, daß die schwarze, dämonenartige Katze Katzon- 
die Rolle anderer schwarzer Opfer- und Heiltiere übernahm; so ver- 
tritt auch der Katzenkopf das Katzengehirn und die ganze 
Katze. 

(13. Jahrlt.) ..An dem seihen huoeJie (agrimonia) ^) so schreip 
Ipocras, swein daz vel si für* ügt^ oiige (jefjangen^ der sol nemen 
einer sivarsen ch atzen hoiihet unde brenne daz ze hidver unde hlclse 
daz in die oufjen; er tvil daz vil getvisUchen , si er ein jär getvesen, 
daz er nie stieh gesacJi, er iverde gesehent^^ (Pfeiffer 3'^). 

(15. Jahrh.J „TFe«i die fei vber die auf/en gegangen sein, der 
neme einer schivartzen Kattzen haupt vnnd brenne das zu pidver 
vnnd eblaß im das Fidiier in die äugen. Ist ehr ein jähr vnsehendt 
gewesen, so ivirdt ehr gesehendt'^ (Jühling 101). 

(15. Jcdirh.J j,Ffur die vele der auffen ^ so nijm einer 
schwär czen haezen heiipt und prenn das zu pidver vnd plaes das 
puluer in die äugen, so frist es das maylle (= x'\ugenmal, Augenfell) 
sUer abe}' (Z. d. V. f V.K. 1891, S. 323). 

(1588) ^^Für flaecken vnd fül der aufßen sol das ein be- 
ivärte artzney seyn. Ein gantz brandsehivartzer Katzenhopf one 
alle andere menhel (= einfarbig, s. o. S. 30) sol in ein neuiven ver- 



liini. 



^) Eine solche Hippokratische Schrift existiert nicht. 



76 Gehirn. 

glasten Irdinen gcsclür in einem Hafner für ze piilver gehrannt iverden 
(s. 0. S. 15)-, solches piilver sol mit einem fäder l'engel des tags d reg- 
mal in das aug gehlasen iverden''^ (Zahler 75, 76). 

(1770) .,Vor die Felle der Amjen. Xiinh den Kopff von 
einer schtvartzen Katzen und rerhrewie ihn, vermacht in einen 
neiven Top ff zu Pulver, hiase hernach dem Menschen, so nicht sehen 
hann, das Pulver in die Augen, so gehen die Falle weg nnd wird 
lüider sehend" (Zahler 76). 

(17. Jcdirh.) ^Wämh die fäll Über die Auf/en f/ewaehsen 
Ist. Der Xäme ein Schtvartzen Katzenhopff. Mach in dürr 
Vnd zu pulffer Ynd Thus in die äugen, du gesielt st Wunder"' (Zahler 
76). (15^8) ;,Der Kopff von einer schtvartzen Katzen tauget, 
lüo mann ihn zu Aschen verbrennet, zun Fehlern der Atif/eiif dem 
Stnhren etc. Wann sie nemlichcn edle Tag 3mal hinein hläsct: 
MizaUr 1) (Schröder 1,273). 

Das Hineinblasen der Asche (auch der Ochsenleberasche s. u.) in 
die Augen sollte reinigend, abUisend wirken* es stammt diese Behand- 
lungsart sehr wahrscheinlich aus dem Eitus des Brandopfers. Der ganz 
verbrannte K atzen ko])f wird wie (ätzende) Galle gegen kranke 
Augen verwendet, in Mecklenburg (Bartsch, Sagen II, 372), in Pom- 
mern (Knopp, Jühling 104, 105) und Frankenwald (Flügel 65). 

Die Verwendung des K atz en köpf es ging auch in Italien dem 
volksmedizinischen Gebrauche des Katzenhirns voraus; denn Uffen- 
hach (Von den Kranckheiten und Gehrechen der Pferde 1603, II, 44) 
sagt: .,Katzen-hirnig, tvirt in Welscher Sprache der Kcdzenlwpff ge- 
nennet; ivenn die Pferde in jhren Kilpffen so toll vnd närriseh 
iverden, cds oh sie Katzen-Hirn fressen hätten.'' 

(1544) ..die . . . froiv die sölte in (= ihm) hatzenhirng Itan 
zu essen gehen" (Schtvciz. Arch. f. Vollisk. III, 216) (und ihn liebes- 
toll gemacht haben). 

(1563) ,,Das Hirne der Katzen ist g!fft, ntachet t(.iuh vnnd 
vnslnnUj, die so es gefrässen hcdyend'' (Jühling 99). 

(1609) KatzenhUrn (Schweizer Id. II, 1614); dasselhe spielte 
einst im schiveizerischen Volke eine große Bolle im volksmedizinischcn 
Aherglauhcn. 

(1685) „Das Gifft, das man denen Katzen zueignet ist allein im 
Kopf und Gehirn, nicht fd)er im andern Leih, dann ihrer viel selbe 
essen" {Schröder 1273). „Aus dem (Katzen-) Gehirn bereiten die Mää- 
gen ihre Liebest ränck" (1. eodem 1273). 

(1699) „Also hat eine Dirne zu Breslau in Schlesien sich ein- 
gebildet, sie seg eine Kcdze ivorden, weil sie von einem Katzenhirn 
gegessen'' (Jühling 106) (Geisteskrankheit) . 

(1730) , gefährlich ist es auch, ivenn man das Gehirn von einer 
vielfarbigen, besonders aber von einer schwarzen Katzen zu essen 
kriegt; denn es macht die Leute tvnsinniij . . . Petrus Apponensis 
(Piedro von Abano 1250—1315) schreibt, daß dadurch die 3Iensclien 
ansinnig werden, daß man megnet , sie segen besessen" (Kräuter- 
mann 72). 

(1737) „Vom Katzenhirne saget man, daß es ggfftig sey , und 



Unbekannte Literaturquelle. 



(ioliirn. 77 

mögen J eicht fcrtif/r Dirne gewisse lAehesiränlkC davon niaehen, 
solche denenjenigen Mannspersonen heiznhringen, die sie auf sehlüpfrige 
Wege zu ihrer Liebe bringen wollen'' (Birlinger, Aus Seinvaben I, 417). 

Dieser Glaube an die Wirkung des als giftig angesehenen 
Katzen gehirns ist wohl nur als weitere Folge der klassischen oder 
antiken Vorstellungen über Geisteskrankheiten aufzufassen, d. h. als 
ein Nachklang des Glaubens an die Besessenheit durch einen tierischen 
Dämon. Röscher (I.e.) wies aus einer Reihe von medizinischen Schriften, 
die sich dabei mehrfach auf das Fragment des Marcellus von Side, 
eines unter den Antoninen lebenden römischen Arztes, berufen, nach, 
daß es im Altertum eine furchtbare Art melancholischen Irrsinns gab, 
die als y.ovavö-pwTro? oder Xov.av'O-pwTuo;; vöao^;, auch kürzer als y.üwv 
oder A'jzdwv (/tov-avO'pwTria oder AüZ-avö-pojTria) bezeichnet wurde, und 
die auch den Indern als „Besessensein vom Hundedämon" bekannt 
war. Wir haben oben schon die Wahnvorstellungen der Mänaden, 
welche sich in Fuchspelzen kleideten und den Tiergott an ihren Milch- 
brüsten trinken ließen, angeführt; die Theophagie, der Genuß des Tier- 
gottes in der Weise, daß das ganze Tier oder dessen Kopf, oder seine 
Seelensitzorgane einverleibt wurden, vermittelte tierähnhches Wesen 
und göttergleiche Kräfte (Verwandlungsmöglichkeit); die Wahnvorstel- 
lungen der Mänaden, die sich in die Panther (Katzen, Füchse, Rehe) 
des Dionysos verwandelt glaubten, der Hahn- und Hundewalm, von 
dem Vincentius von Beauvais und Sprengel nach einem arabischen 
Arzte Ali ben Abbas (10. Jahrb., Leibarzt am Hofe des Emirs von 
Bagdad) berichteten, die Tigroanthropie in Bengalen, der eben beschrie- 
bene Katzenwahn etc. , sie alle beruhen auf dem Untergrunde der 
Geisteskrankheit, daß die Seele des Menschen verändert sei und daß 
durch die Theophagie, die Homoiosis itj) ^sw, wie bei dem Genüsse 
des paradiesischen Apfels der Schlange eine neue Veränderung voll- 
zogen werden könne, eine Transsubstantiation. 

Daß der ganze Glaube an die AVirkung des Katzengehirns 
nur auf fremdem Importe beruht, liegt sehr nahe; jedenfalls hat er 
mit dem Hexenglauben und dem Katzengespann der Freia keine Be- 
ziehung. 

Mit der Annahme, daß durch den Genuß des K atzen hirns 
(s. Wieselhirn) auch das liebestolle AVesen der Katze vermittelt werde, 
eine Annahme, die vermutlich erst später sich entwickelt haben dürfte, 
erklären sich natürlich auch die diesbezüglichen Verwendungen des- 
selben, und diese sind es wohl auch gewesen, welche im Konzil von 
Liftinä durch den oben S. 55 erwähnten Indiculus pagan. „de cerebro 
animalium'' getroffen werden sollten; das Verzehren von Menschenherz, 
Spatzenhirn, Eselhirn sollte ebenso ein Aphrodisiakum sein wie der 
Genuß des Katzenhirns; die Vorstellung, daß speziell im Gehirne 
der Katze ein Gift sitze, das solche Wirkungen hervorrufe, kann dann 
noch später sich hinzugesellt haben; denn das Ursprünglichere war, 
daß die Seele, das Wesen als solches, durch den Genuß vermittelt 
werde, nicht aber durch ein vermeintliches Gift in dem Gehirne der 
Katze; die Vorstellung aber, daß gerade im Gehirne auch der Seelen- 
sitz sei, ist eine relativ junge (s. o. S. 52). Katzenleber und Katzen- 
herz, die übrigen Seelensitzorgane, werden aber so viel wie nicht ver- 
wendet in der Volksmedizin; daraus ist zu folgern, daß die Verwendung 



78 Gehirn. 

des Katzeiihirns als Aplirodisiakum eine sekundäre ist und in erster 
Linie nicht vom Grundsatze similia similibus veranlaßt sein kann. 

Hatte sich aber einmal der Volksglaube über die Giftigkeit des 
Katzengehirns ausgebildet, dann fiel diesem auch die Wertschätzung 
als „Gegengift" in den Schoß, wobei auch der Einfluß des Katzen- 
vorläufers, des Wiesels, sich sicher so geltend machte, daß der Wiesel- 
glaube auf die Katze übertragen wurde. Nach Albertus Magnus 
(f 1280) sollte Katzenhirn, wenn man damit die Kehle einreibt, 
innerhalb 2 Stunden die Entzündungen (der Kehle), die nach hef- 
tigen Fiebern sich eingestellt haben, heilen (De Cock 149); Albertus 
Magnus, der auch einen Ziegenkopf (als Pharmakos) bei Halsdrüsen- 
anschwellungen um den Hals tragen ließ (vergl. die apotropäischen 
Bockköpfe auf Amuletten und Gemmen), stand dabei noch auf einer 
aus der Antike übernommenen Vorstellung. In Franken heilt man 
noch die Bräune des Kindes, wenn man dem Kinde das Hirn einer 
schwarzen Katze um den Hals hängt (Wuttke i^ 537; Bavaria 
IV, 1; Lammert 141) (Gift mit Gegengift). Kopf und Gehirn sind 
auch hierbei ersichtlich gleichwertig. In Steiermark wird das warme 
Gehirn einer Katze morgens nüchtern (s. o. S. 27 ff.) gegen Schwindel 
und Kopfweh genossen (Fossel 88; antidämonisch) (vergl. o. Eicli- 
kätzchen). 

9. Wiesel. 

IMustela, Viverra, Gala, Foetorius vulgaris, Piitorius vulgaris, Takri v.atoiv.ioco?, 
ly.xic , otiKoüpo; (= Katze), ahd. harmo, wisala; Vorläuferin der Hauskatze-, das 
übelriechende (virus, vis, verwesen), mäusefangende Haustier (in früheren Zeiten 
vor der Katze) gilt heute noch als ein guter Hausgeist (Liebrecht 329 ; Brehm - II, 87); 
es heißt auch „Fräulein" bei einigen süddeutschen Stämmen; bei den alten Griechen 
vDjj,cf.Y| = junge Frau; bei den Meugriechen yop-'^-xCa (Keller 149, 338). 

In Kreta, der Hauptstätte des chthonischen Zeuskultes, von wo aus sich die 
verschiedenen Sühnegebräuche über das alte Griechenland verbreiteten (Rohde ^ I, 
272), wurden in den ältesten Schichten deutliche Anzeichen dafür gefunden, daß 
dort auch das Wiesel auf Brandopferaltären geopfert wurde; auch wurden Wiesel- 
bilder (als Opfersubstitute ?) gefunden (A. f. R.W. VIII, 149). „Ist denn das 
Wiesel eine Prophetin?" fragt der Talmud, der damit das Weissagen aus dem 
Wiesel ^) zur Zeit der babylonischen Amoräer andeuten wollte (Blau 45). Bei den 
Schweden der Völkerwanderungszeit finden sich auch Teile eines Wieselskeletts 
als Grabbeigabe, bezw. Talisman des Beerdigten (Montelius 141). Ein Leichen- 
gespenst in Wieselgestalt führt Rohde ^ I, 219 an. Eine Dienerin der griechischen 
chthonischen Göttin Hekate war die wie sei gestaltige und in Wieselgestalt auch 
verehrte Galinthias i'[<y.)Sr^ = Wiesel), diese auch die Amme des Herakles und zu- 
gleich eine geburtshilfliche Gottheit, deren Kult sehr altertümlich war (Nilsson 447). 
Als solche Tiergestalt eines chthonischen Wesens ist das Wiesel auch heilkundig 
und frißt, wenn es im Kampfe mit den Schlangen gebissen wurde, die Raute 
(Aristoteles n. a. IX, 7, 4, 5; Lenz 438, Kon. v. Megenberg). 

Der Genuß des ganzen Wiesels war dann eine Theophagie (s. 
Wieselherz), das als Wieselhirn dann auch wie das Katzenhirn zum 
Gegenzauber und Gift werden konnte (Zauber — Gegengift). Die 



^) Vielleicht war aber auch die Stellung des Wiesels als Angangstier (Grimm, 
Mythol. 3, p. 1081, 3, 324; Rolland, Faune populaire de la France I, 53, VII, 123) 
damit gemeint; bei den alten Griechen war dasselbe ein ^'jjxßoXov evooiov; ahd. 
agenggun = lamia D. I, 316; mhd. aneganc = auspicium (Z. d. V. f. V.K. 1893, 135) 
(s. u. Wieselherz). Auch Hermes ivöoioi; und Hekate evo5ia als chthonische Gott- 
heiten hatten Beziehungen zu den Wegezeichen (Nilsson 391). 



Gehirn. 79 

Gelbsucht (iZTspoc;) hat vielleicht Beziehungen zum gelben Frettchen 
(=zv/.zIq); die Pflanze Buphthalmon hieß auch aiXoopov = Wiesel und 
half den Gelbsüchtigen (Dioskurides III, 140) ; vergl. Rebhuhn, Emmer- 
ling und Regenpfeifer. Celsus erwähnt das Wiesel gar nicht. 

Die Römer streuten die Asche des AViesels auf die Scheuern 
als Apotropäon gegen Mäuse (Plinius XVIII); die Oberbayern hängen 
das Wiesel feil (auch Dachsfell) gegen elbisches Rächwerden i) den 
Zugtieren an das Kummet. Die antidämonische Verwendung des 
Wiesels äußert sich auch in der antiken Volksmedizin. Sextus Pla- 
tonicus (um 330 p. Chr.) empfahl gegen die Elefantiasis, die Wiesel- 
asche mit AVieselblut zu mischen und den Kranken damit einzu- 
reiben (c. XX, p. 415); das ganze Tier war eine Art Gegengift oder 
ein den Krankheitsstoff überwindender zaubermächtiger Gegengeist, 
der selbst den Epilepsiedämon beherrschen konnte. 

Plinius (XXX, 27) verwendete daher ebenfalls die Asche des ganzen 
Waldwiesels in der Speise gegen Epilepsie: „iit diximus item cinis silvestris 
mustelae vero tota in cibo sumpta"; auch Dioskurides II, 27 führt das Wiesel- 
bliit als solches Mittel an; ebenso das ohne Füße und ohne Kopf gekochte und 
gegessene Wiesel der Pseudo-Dioskurides (4. Jahrb.). Gegen Halsdrüsen und 
Schlundleiden (Diphtherie?) empfahlen Dioskurides II, 27 und Sextus Platoni- 
cus c. XX die Einreibung derselben mit Wieselblut; der Pseudo-Dioskurides 
(4. Jahrb.) ebenfalls (Janus XII, 1907, 19) oder einen mit Koriander^) gefüllten 
Wieselmagen mit Wasser oder Essig genommen (1. eod. 20), alles nur Teile des 
ganzen Angangstieres des elbischen Wesens. 

(12. Jahrh ). Brenne die wisulun ze pulvere unde salbe die drüse „ad 
glandulas" (Pfeiffer 14); diese Verwendungsart scheint dem Glauben an ein Gegen- 
gift oder Gegenzauber entsprungen zu sein. Gegen Schlangengift empfahl Dios- 
kurides II, 27 das ringsum angebrannte und ohne die Eingeweide eingepökelte, 
im Schatten getrocknete Hauswiesel, also die konservierte Wieseldroge. Daß 
auch Plinius in dem Wiesel ein Gift annahm, erhellt aus dessen Worten XXIX, 33, 
wonach eine große Portion Hühnerbrühe („jus gallinacei veteris large haustum" 
ein „contrarium" sei gegen die „veneficia ex mustela silvestri facta"). 

Gegen Gicht sollte nach dem Dioskurides II, 27 die Asche des im Topfe 
ganz verbrannten Wiesels mit Essig (= Kaliumacetat) eingesalbt helfen, was 
auch der Pseudo-Dioskurides (6. Jahrh.) ihm nachschreibt (Janus 1907, S. 210), 
wie der Sextus Platonicus (um 330 p. Chr.) die Wieselasche mit Wieselblut 
gegen Aussatz empfiehlt (S, 415). 

Aus diesen Arten der Verwendung des Wiesels ist zu entnehmen, wiesei- 
daß das ganze Tier als ein Gegenmittel gegen Epilepsie, Gicht und 
Schlangengift galt; seine häufige Verbrennung zu Asche dürfte dem 
Brandopfer entstammen; außerdem muß es als unreines^), übelriechen- 
des Tier zum xApotropäon geworden sein-, Würmer und Mäuse vertrieb 
auch das Wieselgehirn dem Käse beigemengt nach PHnius XXX, 
50, 27: ^^caseos, si cerehrum mustelae coagido addatur, ncgant eor- 
rumpi vetttstate mit a muribus attingi^^ ; auch gegen Epilepsie empfahl 
Plinius (XXX, 27) das Wieselgehirn: ^^prodest (in comitiaUhiis 
morhis) et cerehriini mustelae inveteratum p)otumqiie^'' . 



^) S. Höfler, Krankheitsnamenbuch 490. 

^j Celsus und Dioskurides verwendeten dieses aus der altägyptischen Medizin 
stammende Gewürz Coriandrum sativum L. , letzteres III, 64 auch als wurmver- 
treibendes Mittel. Würmer oder elbische Wesen nahm die alte Volksmedizin auch 
in Drüsen sitzend an. 

^) Nach dem Pönitentiale des h. Bonifaz galten 743 Wiesel und Mäuse als 
unreine Tiere (ßinterim 11, 2, S82). 



80 



Gehirn. 



In der deutschen Volksmedizin ist des Wiesels Verwendung an 
den sogen. Prauendreißiger \) gebunden, in welcher Kultzeit besonders 
die geburtshilflichen (Frauen-) Mittel eingetragen werden sollen. Auch 
die Zigeuner glauben an einen Einfluß des Wiesels auf die Ehe; 
eine Braut, die von einem Wiesel angeblasen wurde, muß sich sofort 
im nächsten Wasser reinigen, sonst gibt's für immer eine unglückliche 
Verbindung mit dem Bräutigam (eheliches Unglück) (Urquell VI, 2, 7); 
die Zigeuner töten das AViesel nicht und verzehren es nicht. 

Viele Züge des Wiesels mögen auch auf die Katze und Eich- 
katze übertragen worden sein. 

Die ägyptischen Propheten benannten die Pflanze Bouglosson 
(Anchusa italica'-), Retz) „Samen des Wiesels" (Berendes 435), ein 
Quidproquo, das dafür spricht, daß die ägyptischen Magier das 
Wiesel als ein göttliches Wesen ansahen, dessen Theophagie dann 
seinen weiteren Wirkungsglauben bei Griechen, Römern und Deutschen 
erklären dürfte. 

Einige Züge des Wieselaberglaubens mögen auch bei den Grie- 
chen auf die Spitzmaus (s. u.) übertragen worden sein, welche als 
[j.oo-YaXe'/] ([xOc, 'cyXz'q) oder Mauswiesel bezeichnet w^urde. AVeiße 
Maus, [io? Xs'jv.oc, war die Bezeichnung für einen geilen Lüstling. 



Fio-. 15. 




Aus Keller, Tiere aes Kiassiscnen Altertums y. 75, 3iy, Fig. n. Assyriscnes Relief aus der 

Zeit von Assurnazirpal um 885 a. Chr. 
Ein Damhirsch im Arme einer vierflügeligen Gottheit. In der Unken Hand trägt letztere 

eine (Heil-?) Pflanze. 



1) S. o. S. 29. 

^) Plinius XXV, 81 nennt die Pflanze Euphrosyne 



Wolgemut. 



Gehirn. 81 



10. Hirsch. 



Cervus, v.£p[i'.a, T/.a-f oc, r.fjo'^, Tzrjov.ät;. Um 885 a. Chr. ist der Damhirsch bereits 
ein einer Gottheit geweihtes Opfertier (vergl. Abbildung 15) (Keller 75, 349). Der 
Hirsch fehlt in Afrika (Aegypten). Movers (Opferw. 9) führt aus der phöniki- 
schen Opfertafel in Marseille (4. Jahrh. a. Chr.) den Hirsch als Opfertier auf, 
„sei er ein Reinigungs- oder ein vollkommenes Friedensopfer". 

Bei den Griechen und Persern ist derselbe ein häufiges Opfertier gewesen, 
nicht nur für die Jagdgöttin Artemis, sondern auch als Substitution für das Menschen- 
opfer (vergl. MoverS; Opferw. I, 406, 407; Stengel 366-, Keller 361, 96). 

Zu Fruchtbarkeitszwecken opferten die böotischen Frauen den Hirschgott 
Acteon, kleideten sich als Hirschkühe und benannten sich so (Homoiosis, Theo- 
phagie) (A. f. E,.W. X, 57), also wieder die symbolische Vereinigung mit einem 
Tiergotte wie beim Fuchs (s. o. S. G2). Im Dionysoskulte war der Hirsch ein 
Opfertier (Nilsson 261). Die Abbildungen im Dictionnaire des antiqu. g. et r. III, 2, 
pag. 1483, Fig. 47G4 stellen zwei tanzende Mänaden dar, welche dem Gotte 
Dionysos einen Hasen und einen Hirsch zum Opfer bringen (s. Abbildung auf 
dem Titelblatt). Der Jagdgöttin Artemis, der Tioxvca O'Tjpcüv, warf man auch andere 
wilde Tiere lebendig in den Opferbrand; sie erhielt auch hirschgestaltige 
Opferkuchen (Nilsson 202, 224 ff.) als Ersatz für den Opferhirsch. 

Hirschhörner als Reste des Hirschopfers fanden sich auch im Knosschen 
Palaste auf Kreta (A. f. R.W. VIII, 146); seit Hippokrates schon ist das ver- 
brannte Hirschhorn ein Medikament (siehe auch das ebenso gebrauchte Rinds- 
horn S. 87), und der Pseudo-Dioskurides (4. Jahrh. p. Chr.) verwendet noch zum 
Räuchern bei Mutterkrämpfen das Hirschhorn (Janus XII, 1907, S. 340). Der 
im Anfang des 4. Jahrh. p. Chr. lebende Sextus Platonicus Papyrensis empfahl 
das Hirschhorn zu Pulver verbrannt als Mittel (mit AVein , Honig und Meer- 
zwiebelessig) gegen Kopf- und Milzschmerzen, Bauchwürmer, Gelbsucht und Haut- 
krankheiten, Schlangenbiß, Durchfall, Weiberausflüsse, Muttererstecken etc., also 
gegen alles und jedes Leiden; man versuchte emj^irisch dahin und dorthin tastend 
das alte Kultmittel zur Verwendung zu bringen. Das gleiche gilt aber auch von 
den Genitalien des Hirsches, die allerdings bei Genitalleiden der Frauen bevor- 
zugt w^urden. 

Bei den Römern ist das Hir schöpf er auf Gemmen öfters wiedergegeben 
(Furtwängler I, Taf. XX, XXU, III, 231). Priapische Amulette aus Hirschgeweih- 
hörnern an einer Schnur getragen, werden 

als antiker Fund bei Vindonissa (Schweiz) jT^o-. 16. 

erwälmt (Keller 88; vergl. auch Hess. Bl. f. 

V.K. II, 152) ; als Liebeszaubermittel der Römer ' .^ 

erwähnt Fahz 154 „cervi pastae serpente nie- /%^^'-\ 

dullae", Hirschenmark mit Schlangenfett ]\iV.:f 

zur Paste verrieben (s. auch Keller 89, 356); ' W 7/ 

auch Alexander von Tralles (Puschmann II, 

595) benützte das Hirschmark; Plinius , t^ . ■■ ^ * .•, n 

WT7TTT 1 .1 r 1 1 i. •• I j • T\ r ß T^ Aiis Furt\vanf>lers Aiitike Gemmeii 

XXV lil, 145 lobte es über die Maßen. Der ^af. XXII, Fig. i9. 

Catalogue des antiquites egyptiennes du Musee Ein Hirsch ruht auf einem tiscliartigen 
de Cairo XII, Koptische Kunst 140 bildet Aufbaue Der Opfernde erhebt mit der 
n , j^ 1 TT 1 1 p j Linken das Opfermesser und streckt 

einen Brotstempel aus Holz ab, auf dessen die Rechte zum Ergreifen des Hauptes 
Rückseite ein Salomonssiegel mit einem inner- vor. 

steil Kreuze figuriert, während die Vorderseite 

einen nach rechts hinspringenden Hirsch mit Geweih darstellt, welcher in seinem 
Maule eine Pflanze hält; dieser koptische Brotstempel erinnert sofort an die oben 
erwähnten griechischen Hirschkuchen ('Ayo.'!vYj), ein Gebäck in Hirschform, welches 
die Weiber zu den herbstlichen Thesmophorien mit Bocksfett buken, es war der 
Ersatz für das volle Hirschopfer; auch an den Elaphebolien in Athen begnügte 
man sich mit einem Kuchen in Hirschgestalt (Nilsson 202) ; das Gebäck „ay/y.tvYj'' 
hat seinen Namen (1. c. 326) von o/yj = Nahrung; die Demeter ^kiaXa ist die 
Göttin der Nahrung. In Griechenland beginnt also die Substitution des vollen 
Hirschopfers durch das Gebildbrot; das des Schafes bei den Babyloniern. 

An Stelle des Hirsches, der oft zu teuer war, wurde in Italien auch von 
den Aermeren ein Schaf „cervaria ovis, quae pro cerva immolabatur'' (Keller 97) 
geopfert; einer der vielen Beweise dafür, daß man die Qualität des Opfertieres 
zu wechseln verstand, ohne den Opferzweck aufzugeben. 

Höfler, Die volksmedizinische Organotherapie. G 



82 Gehirn. 

Bei den Römern galt der Hirsch als besonders langlebig und lebenskräftig 
(„alter Hirsch''); seine Leber (s. u.) also als Verjüngungsmittel (Keller 92). 

Bei den Germanen scheint der Hirsch ebenfalls als Jagd- und Opfertier 
der Reicheren eine frühe Substitution für das Opfer des befruchtenden Stieres 
gewesen zu sein; Hirschgeweihe und Hirschknochen fanden sich als Grabbeigaben 
in bajuwarischen Reihengräbern (Beitr. z. Anthrop. XV, 190; XIV, 100); auf dem 
Opferaltare auf dem Lohensteine lieferte der Hirsch 4^0 aller Opfergebeine 
(Korresp.-Bl. f. Anthrop. XIII, 18). 

Hirschbiut. Hirscliblut als Mittel gegen Ruhr empfahl der Pseudo-Diosku- 

rides (Janus XII, 275). 
pfirscii- Das Hirschfleisch erklärte Celsus (1. Jahrh. a. Chr.) als eines 

iieisch ^|g^, kräftigsten Nahrungsmittel; er verwendete sogar das Hirschmark 
als Nährklistier bei der Ruhr (IV, 22), auch als Fettsalbe bei (xebär- 
mutter Verhärtungen nach hippokratischem Yorl)ilde (Fuchs III, 428, 
388). Plinius VIII, 32 erzählt, daß der Hirsch, der im Gegensatze 
zur Ziege niemals an Fieber leide, sogar ein Mittel gegen diese Krank- 
heit gebe; noch vor kurzem haben, sagt Plinius, einige Kaiserinnen 
täglicli zum Frühstück Hirschbraten gegessen, sind dabei alt geworden 
und haben kein Fieber gehabt; doch soll das Fleisch nur dann diese 
gute Wirkung haben, Avenn der Hirsch an einer einzigen (Opfer-, 
Todes-) Wunde gestorben ist (nicht auf der Jagd zerfleischt worden 
war) (Lenz 221); auch der Arzt des Gotenkönigs Teoderichs (5. Jahrh. 
p. Chr.), Anthimus, lobte das Hirschfleisch als leicht verdaulich 
und gesund; Galenus aber hatte es vorher als schlechte Nahrung er- 
klärt (Keller 86). 

Das Rachenge w öl bebein des Damhirsches erwähnt Plinius 
als Hustenmittel (Janus 1900, S. 574) (pars pro toto); auch bei den 
Hiischkopf. Griechen war der Hirsch köpf (ßpsvTOv; dazu ahd. hrint, Grint, Kopf) 
ein prophylaktisches Apotropäon, wie der Hyänen- und Wolfsrachen 
(Keller 356). Bei den Kelten erhielt der tapferste Krieger bei der 
Festmahlzeit den Hirschkopf (Grupp 129), d. h. das Heroenstück, das 
auch bei den Germanen der Gottheit gehörte; auffälligerweise erwähnen 
Celsus, Phnius und Dioskurides das Hirschgehirn nicht; doch ist 
anderseits bemerkbar, wie oft Hippokrates in seinem Buche De morbis 
mulierum (Fuchs III, 322, 553, 585) das Hirschmark (Knochenfett) 
als Befruchtungsmittel der Frauen empfahl. Knochen(Schädel)mark 
und Gehirn hielt noch Plato (f 347 a. Chr.) für gleichwertige Ge- 
bilde, während sein Zeitgenosse Hippokrates (f 370 p. Chr.) das Ge- 
hirn noch als eine besondere Drüse ansah, also mit dem Knochenmarke 
nicht gleichwertig; Gehirn und Knochenmark trennten die kölschen 
Hippokratiker ganz genau; immerhin aber macht es den Eindruck, als 
ob Hippokrates mit seiner Vorliebe für Hirschhorn und Hirsch- 
mark noch in den Schuhen der knidischen Volksmedizin stäke, welche 
Räucherungen als Krankheitsdämonen (Würmer) vertreibende Mittel 
benützte. In der deutschen Volksmedizin spielt der Hirsch haupt- 
sächlich die Rolle eines Tieres, das namentlich fruchtbar machende 
Organe liefert und das man insbesondere im Frauendreißiger i) im An- 
fange des Herbstes einfangen bezw. töten soll. 

(1685) „Alle Stück die vom Hirsch kommen, sein am besten, wann sie um 
das Fest Aegydii gesammelt werden" (Schröder 1281), d. h. wenn der Hirsch in 
die Brunftzeit tritt. 

n S. o. S. 29. 



Gehirn. 83 

Das verbrannte Hirsclihorn hatte bei den Aegy])tern, Griechen 
und Arabern besonders eine Würmer (Dämonengestaltenj vertreibende, 
reinigende Wirkung (Fonahn, Malurtens medic. bist. 9) (s. u. Hirsch- 
herz), daher auch bei AVurmkoHk von den Niederländern verwendet. 

In manchen Beziehungen teilt der Hirsch die Eigenschaften eines chthoni- 
schen Wesens; er ist Toten- oder Seelenführer ') im deutschen Volksglauben (s. A. 
f. R.W. II, 261 ff.); er hat einen ganz besonderen Instinkt für Heilmittel, nament- 
lich für Heilquellen, verspeist Krebse, Schlangen und Pflanzen, um sich zu heilen 
(Keller 93; Lenz 219; Dioskurides III, 73). 

Die Hirschenzunge, die auch als hermeneutischer Ptlanzenname^) 
auftritt, dürfte öfters durch diese Blätter ersetzt worden sein, nament- 
lich bei Eingeweideschmerz oder Milzleiden ^) (s. Milz). 

Der Elch (aKv.Y|, alces, nord. elgr, ags. eich, ahd. elaho), der bei den nord- 
amerikanischen Omakaindianern ein Totem ist^), findet sich auch als Opfertier 
auf dem Opferaltare des Lohensteins (Korresp.-El. f. Anthr. 1882, 19) und ist be- 
kannt durch seine antiepileptische Elenklaue. Der ahd. Namen Alcuin (== Elch- 
freund) deutet wie Bärwein, Eberwein vielleicht auf Totemismus. Nach dem 
12. Jahrh. ist der Elchhirsch loereits aus Deutschland verschwunden; trotzdem lebte 
er daselbst als volksmedizinisches Mittel immer noch fort. 

Das Hirschgehirn tritt nur in der deutschen (mittelalterlichen), Hiischinm. 
nicht aber in der antiken Volksmedizin auf: (Id. Jahrh.) ,^Äus eines 
hirschenn hirnn vnnd aus einem ei toder gar ein gidt salbe wirdt, 
die edle harte f/eschwer tveicli vnnd zeitig macht'''' (JüMing 65); 
hierbei hat das Hirschgehirn nur die empirische Verwendung als fettes 
Knochenmark. (1740) ,^Nimm Hirschmarch und ein Hirn von einem 
Hirschen, zerlaß imter einander, mach Stritzl (= längliche Suppositorien 
in Strützelform) daraus und gihs in vorderen Leih (= Scheide)-, das 
macht die verirrte Mutter fangen''^ (= Lageveränderung des Uterus) 
(Christi. Grancdapfel I, 4G7). (1685) ..Aus dem Elendt (= Elch- 
hirsch) Gehirn Jean man (ivie aus dem Gehirne eines jungen 24 Jahre 
cdten gesunden Menschen) ein Mittel -wieder die schwehre Noth (= Epi- 
lepsie) hereiten^^ (Schröder 1309); Hirschhirn wird auch in anderen 
Büchern als Epilepsie-Mittel empfohlen (ego). fl6S5) ^^Etliche de- 
stilliren aus dem Gehirn (des Elen) ein Wasser und haltens vor 
ein Mittel zur schiveren Noth''' (Epilepsie) (Schröder 1M9). (mndl.) 
..fJeghen dat hloet sehen neemt hersene (Hirnschale und Hirn) van 
eenen hert (Hirsch) ende verherrense ende drinct dcd pulver mct mellce^'' 
(de Vreese 08); das gleiche Mittel, das an das Brandopfer erinnert, 
wird bei Schweineseuchen empfohlen. ^iDer Hirnschädel eines 
Hirsches, in der Zeit geschossen, in ivelcher die Tiere das Getveih 
abgeworfen haben, tvurde Jcalziniert gegen Einf/etveidewürnier ver- 
tvendet^^ (Jühling 71); Hirn und Hirnschädel vertreten das ganze Tier. 



') Alah-hirsi (Aaroau) = Tod (Simrock, H. D. M. 4, 332). 

-) S. Berendes 335, 351. 

^) Bei D. I, 369 und D. II, 85 cetarach ist mula = Mauleselin mit hirtzen- 
zung glossiert (asplenos) = Milzkraut (s. Eselmilz) oder Milzfarnkraut (s. S. 19). 

■*) Nach dem dortigen Glauben würden sie Beulen bekommen, wenn sie Fleisch 
des männlichen Elchs äßen, oder weiße Flecke auf ihrer Haut, weil der Gott, im 
Elchtiere inkarniert, sich dafür rächt, daß er gegessen wurde. Die Communio mit 
der Gottheit kann also auch Nachteil bringen (s. u. Eisbär und Fisch) (Frazer, 
The g. Bough II, c. 3, § 10). 



84 Gehirn. 

(mndl.) ^^Ter swell bufheii van den hovede dat swellet ncm 

tvette van dm hcrtshorcdc (das Fette von dem Hirschliaupte = Hirsch- 
hirn) ende gliersUjii mele'^), crtivcU ende morelle aUegader; ende seert 
thovet van den salen ende lech dif plaester in ene noetscale ende hcmtsc 
wel ant vier, ende leelise alsoe lieef fes dat Jii (jlienesen es''^ (De Vreese 
118), . 

Diese ganze Verwendiingsart des Hirschkopfes und Hirsch- 
gehirns mahnt an germanische bezw. deutsche Volksmedizin, in der 
der Hirsch den Rinderstier vertritt. Der Hirsch erscheint nicht bloß 
auf antiken Gemmen (s. o.) als Apotropäon, sondern auch als Bild 
(1672) in einer sogen. Fraisenkette (Deutschland) (Z. f. Oe. V.K. 1907, 

xm, s. 104). 
11. Kalb. 

(Kuh), Fiirse, Kuse, vituhis, 8aji.aXic, oäii.rx\oz. Die Aesypter und semitischen 
Phonikier opferten keine Kuli (wegen der Nachzucht) -). ,,13ei den Aegyptern und 
Phönikiern/' sagt Porphyrius (f 304 p. Chr.) (De abstinentia II, 11) „hätte einer wohl 
eher Menschentleisch gegessen als das Fleisch einer Kuh'" (Movers. Opferw. 43). 
Auf dem Hauptaltarc des Beistempels in Babylon durften keine säugenden Tiere 
dargebracht werden; ähnliche Meinungen hatten auch die Römer (1. eod. 46). Den 
Unterschied des Kalbes vom Kinde betonten namentlich die jjhönikischen und 
ägyptischen Opfervorschriften: es sollte noch kein Joch getragen haben, nicht über 
.3 Jahre alt und jungfräulich sein (1. c. 46) (also nur Stierkälber konnten geopfert 
werden; die Erhaltung der Nachzucht war die Absicht bei dieser Vorschrift). 

Der ägyptische Cott Apis war ein schwarzes Stierkalb mit allerlei sonstigen 
Abzeichen (Herodot III, '2,1), geboren aus einer jungfräulichen Kuh, die durch einen 
Lichtstrahl befruchtet war; Verkörperung des Gottes Phtha (Osor-haj^i, Serapis, 
Epaphus). 

Bei den Griechen war das Kalb, das mit salzigem Meerwasser gereinigt worden, 
ein Opfer an Athene Machanis (Nilsson 92) und an die Hera auf Kos, wobei die Ein- 
geweide (svoopa Inngeräusch, Gebütt, auch Hirn) gleichzeitig mit einem Weizen- 
kuchen auf der Stelle verzehrt wurden (Nilsson 21, 62). Das Verzehren eines mit 
Kothurnen bekleideten neugeborenen Kalbes bei dem Dionysosfeste auf Tenedos 
war eine Theophagie; die Mutter des Kalbes wurde wie eine AVöchnerin, das 
Kalb wie der Gott Dionysos selbst behandelt und gepflegt; die dabei übliche 
Oraophagie war ein uralter thrakischer Opferbrauch (Nilsson 308), wobei wohl 
das Kalb ein anderes Tier vertrat. Auch der Aphrodite Urania wurde ein 
weißes Kalb geopfert, ..d-bzy.; ir^ Oupav-oc, zr^ ev v.-riiiö:; Xsdxtjv oa|j.aX'.v" (Röscher, 
Selene 33), vermutlich weil sie eine himmlische Gottheit war, deren Gunst von 
Krankheiten der Genitalien reinigte, s. o. S. 28. 

Celsus (1. Jahrh. p. Chr.) erwähnt (II, 22) das leimreiche Fleisch 
der Kälherfüße und des Kalbskopfes als mildes Nahrungsmittel, 
Kalbfleischbrühe als Mittel gegen Schlangenbisse (V, 27, Nr. 3), 
Kalb er mark als Pflastermittel bei Geschwüren (V, 24, Nr. 3), na- 
mentlich bei Steinschnittwunden (VII, 26). Auch in der mittelalter- 
lichen dänischen Volksmedizin ist das Kälbermark (kalve mergh) 
ein Mittel gegen Ohren würmer (Fonahn 13, 30). 

Bei den Germanen muß das Kalb ein häufiges Opfertier der besitzenden 
Klassen gewesen sein ; es wird als Gebildbrot noch heute vielfach im Volksbrauche 
verwendet (Julkuse) ^) und ist dabei auch eine Segen und Gesundheit vermittelnde 
Kultpeise. 



') S. 0. S. 43. 

^) Nach Herodot II, 38 weil sie der Isis heilig waren; die Isis aber stellten 
die Aegypter als ein Weib mit Kuhhörnern (Mondsicheln) dar. 

3) S. Weihnachtsgebäcke in Z. f. Oe. V.K. S. 1905, Suppl.-Bd. III, S. G4. 



Das Kalbshirn als solches wii*d Toiksmedizinisch nicht erwähnt, Kaibskini. 
umso häufiger aber der Kalbskopf, der ja immer das fettreiche 
Schädelmark <Him> mit einschließt. Die Art und Weise, wie auch 
das Gehirn anderer Tiere verwendet wurde (s. Schaf. Fuchs. Hase etc.). 
spricht dafür, daß der ganze Schädel die ursprünglichere und ältere 
Verwendungsform war und daß dessen Inhalt (Gehimi sich erst später 
davon abtrennte. Wir dürfen darum auch Kalbskopf und Kalbshirn 
in volksmedizinischer Beziehung als gleichwertig betrachten. In der 
Zeit der germanischen Frühlingsfeier (Sonntag Lätare) war der Kalbs- 
kopf ein hergebrachtes Kultessen, das sich namentUch in den Spitälern 
als Yolksheilmittel erhielt (Schmeller, Bayer. W.B, ^ I. 1239». Die 
Frühlingszeit, die Zeit der aufwachenden Vegetationskraft, in der die 
^Schön' und Stärk*" am Methta^e Lätare getrunken wird und alle 
Schönheits- und Stärkemittel für Weib und Mann im besten Schwange 
waren, lieferte darum die meisten Hautheilmittel unter den Tierorganen 
der Volksmedizin; alles, was auf die Schönheit und Reinheit der 
Haut Bezug hat, wird in dieser Zeit mit denselben versehen, so z. B. 
die Schöne (= Erysipelas, Schönröte), Blatternarben, Warzen, Hühner- 
augen, Räude, Krätze etc. 

(M. JahrJu ••Vor das Gekretze (s. Höfler, Krankh.X.B. S. 301; 
eine durch die dämonistischen Holzfräulein veranlaßte Hautkrankheit). 
Seide eines halbes l'opff rnnd mache eine lauge hrue daraim, daraws 
icasehe dich, der Branche mag ihn icohl essen^ (Jahling 150); 
man sieht, daß der Kalbskopf als innerlich genommene Speise, die 
Brühe als äußerlich wirkendes Waschwasser verwendet werden sollte. 
(16. JahrhJ -, Vor die narhenden Kimlen, die ffeboffktt hmi (s. Höfler. 
Krankh.X.B. 4751. Xem eimn kalbkop, den seutt; tcan er gar ist, 
so nem die selben brume rnnd trasch das lintt darmitt. So corgen im 
die narben rnnd wirft die hantf weder qlaff^ (Jfdding 150). Wenn 
in Tirol auf einer Alpe eine giftige Seuche ausbricht, dann pflegt 
der Bauer dem ersten krepierten Kalbe den Kopf abzuschneiden 
und ihn auf eine Stange in der Luft (als eine Art Pharmakos oder 
Sfindenbock, der die Seuche aufsaugen soll) aufzustecken, dann hört 
das Hexenmachwerk auf (Bechstein- Alpenburg 265). In Oberbayem 
ist das Aufhängen eines Kalbskopfes im Kamin i= Herdstätte. 
Hausgeisterort) *» heute noch ein Mittel ge^en Tiehseuclieu i z. B. 
ffegen den sogen. Würfel , s. Höf 1er. Krankh.X.B. S. SOS: verü^l. auch 
Z. f. Oe. V.K. 1913, S. 239); s. u. Ziegenmilz und Leivhenherz. 
Zahlreiche solche Fälle von Rinderkopfopfem gegen Staliseoehen 
finden sich bei Jalm, Opfergebräuche 15, 20, 310; Panzer, Beiti'äge 
H, 180, 301; Birlinger, Rochholz, Sloet. Liebrecht, Andree etc. 

Das deutsche Märzenkalb hat sein Analogon im altrömischen 
PaÜhenkalbe. das wir oben S. 34 schon besprochen hatten und auf das 
wir unten bei der Kalbsleber noch einmal zurückkommen werden. Aus 
dem älteren Frühjahrsopfer kam das Märzenkalb vermutlich als Volk 
und Herden von Winter- oder Stallseuchen reinigendes Mittel in die 
deutsche Volksmedizin. Als Kalbshirn ist es heute eine häutig be- 
liebte, als mild angesehene Krankenkost. -Am Lätare- oder letzten 
S«^Dntag in der Fasten, an welchem es noch erlaubt war. Fleischspeisen 



8G Gehirn. 

ZU essen, mußte in wohlhabenden Familien des alten Schlages, von 
Kechts wegen ein wahrer animalischer (nicht ein vegetabilischer, dieser 
als Eohrnudel oder Kuglhupf substituierender) Kalbs köpf oder der 
,Lätare-Kalbslvopf' auf die Tafel kommen" (Schmeller I, 1239). Das 
Kalbskopfessen um diese Frühlingszeit in den oberbayerischen Spi- 
tälern ist sonst öfter bezeugt. 

Man sieht aus der ganzen Verwendung des Kalbskopfes, wie hart- 
näckig gerade in solchen Dingen der Volksglaube ist, und daß die 
volksmedizinische Verwendung des Kalbskopfes aus dem alten Kult- 
opfer sich ableiten läßt. Kalbskopf und Koßhaupt (Pferdeschädel) 
sind im Volksbrauche eben der Teil fürs Ganze. Das Gehirn als In- 
halt dieser Tierschädel brauchte darum nicht weiter erwähnt zu werden; 
für das Volk reichte der Schädel aus, zu dem das Gehirn selbst- 
verständlich schon gehörte. An Stelle des Kalbskoj^fes wurde auch 
das Herz eines schwarzen ]\lärzenkklbes, d. h. ein anderer Teil des 
ganzen Tieres verwendet (s. u. Kalbsherz und Kalbsmilz). 

12. Ochse. 

(Rind, Stier), Kuh; taurus, bos, ßoöc, xo.bpoc,. Bei den meisten Völkern der 
alten AVeit war der Stier oder Ochse das Opfer an die Hauptgottheit. 

Bei den Aegyptern waren die Rinder dem Epaphus (= Apis) heilig; der 
schwarze Ochse Mnevis dem Osiris; den Apis hielten die Aegypter für den sicht- 
barsten Gott; er wurde erzeugt, wenn ein himmlischer Strahl auf eine Kuh fiel 
(Lenz 238 flP.); den schwarzen Ochsen verehrten sie auch als Gott Onuphis (I. c. 249); 
die einfarbig roten Rinder hatten bei den Ae.ofyptern höheren Opferwert (Movers, 
Phon. I, 366); die Asche derselben mit reinem AVasser gemengt war ein von Krank- 
heiten reinio-endes Heilmittel (1. c. 867). Das Stier- und Rindsopfer hatten 
auch die Phöniker in IMarseille (4. .Tahrh. a. Chr.) sowohl zur Sühnung- wie zur 
Reinigung und als Friedenso})fer, wobei die Haut, Lenden, Füße und das übrige 
Fleisch der Herr des Opfers erhielt, nachdem das Ehrenstück für den Gottheits- 
altar abgeschnitten war (Movers, Phon. I, 8, 366 ff.)- „Auswurf oder Samen des 
Horus" und „Ochsenblut" der äg-yptischen Propheten ist der Andorn (Marrubium 
vulgare') L.). In etruskischen Gräbern der Bronzezeit fand man das Rind als 
Totenopfer (Korresp.-Bl. f. Anthr. 1906, 132 ff.). Als Zug eines chthonischen 
Wesens ist aufzufassen, daß die cyprischen Ochsen sich bei Bauchschmerzen selbst 
mit Menschenkot heilten (Keller 71, 348). Bei den Griechen wurde der Stier 
dem Zeus Sosipolis geopfert und communialiter verspeist unter Verteilung des- 
selben an die Opferanteilnehmer (Nilsson 24): auch beim Zeusopfer in Milet wurde 
der ^ibc, fjobc, geweiht und geopfert (Nilsson 27); ein Pflugstier war auch ein 
Opfer an den Apollo Spodios in Theben, an den Zeus Machaneus und Zeus Soter 
(Nilsson 14, 22, 23, 35, 174). Bei den Dionysien wurde der Stiergott roh zer- 
fleischt und verzehrt (Theophagie) (Nilsson 362); ein Stiergott war auch der 
mykenische Minotauros, der Menschenopfer forderte und Menschen verschlang-). 
Tiergestaltige Krankheitsdämonen hatten alle Völker; sie brachten Krankheiten, 
wurden aber auch als vis major dagegen angerufen und mit Oj)feru versöhnt. Im 
jüdisch-griechisch- ägyptischen Abraxas (173) wird ein solcher stierköpfiger Gott 
„xa-jpo-poGWTzoc ^•io<;^' angerufen. Das Opfer von Kühen war bei den Griechen 
nur bei dem Anrufen der chthonischen Gottheiten , bei Geburts- und Krankheits- 
fällen aus alter Tradition und dann in erster Linie üblich; so erhielten die Hera 
Kurotrophos und die Demeter chthonia Kulioj^fer (Nilsson 40, 330); letztere 
sogar vier Kühe; eine schwarze Kuh die Unterweltsbeherrscherin Persephone (Pro- 
serpina) (1. c. 359); die Athene Ilia erhielt eine lebendig am Baume aufgehängte 
Kuh (1. c. 235) (vergl. die als Substitution auf Obstbäumen aufgehängte Nach- 
geburt der Kuh) ; die weibliche Geschlechtsgöttin Hera erhielt hauptsächlich Kuh- 



') Gottsvergessen, Mutterkraut, Lungenkraut, Teufelsbiß etc. 
^) Stierköpfige Dämonen nach Minotaurosart bildet Furtwängler (Antike 
Gemmen I, Taf. VII, 44, 52; III, 100, Fig. 68) ab. 



Gehirn. 87 

opfer (Nilsson 42). Charakteristisch ist, daß die der Hera und Juno geheiligten 
Rinder, wie die dcrMondgöttin Selene, in der Regel weiß waren (Röscher, Selene83). 
An den ältesten Kultstätten der Hera, in Tiryns und Mykenä wurden Kühe (ver- 
mutlich Votivtiere) aus Terrakotta und Metall ausgegraben (1. eod.). 8tier- oder 
Kuliopfer sind für den Kult der Artemis, Chryse, Hera, Juno und Aphrodite 
bezeugt (1. eod. 32), lauter weibliche Gottheiten, die auf das Geschlechtsleben des 
Weibes Einfluß hatten. Wie die griechische Mondgöttin kuhköpfig vorgestellt 
wurde, so wurde auch die syrische Astarte als Mondgöttin nach Analogie der 
ägyptischen Isis kuhköpfig und mit Stierhörnern versehen gedacht (Röscher, 
Selene 31). Aphrodite Tauropolos war stierköpfig wie die brüllende Hekate. Das 
Rind (Kuh, Stier) war in gewissen Zeiten eben die Gottheit selbst (s. o. Theo- 
phagie S. 8). Bei den Germanen war die Kuh der Nerthus heilig, der Stier war 
ein Opfer für Freyr; Rind und Stier waren auch ein Totenopfer im 8. Jahrh. 
(E. H. Meyer, Myth. d. G. 113, 115). 

Hippokrates erwähnt das Hindfleisch nicht; Celsus (II, 18) Rindfleisch. 
rechnet es zu denjenigen Haustierfleischarten, welche den stärksten 
Nahrungsstoff haben. 

Der im Altertum weitverbreitete Glaube an die Giftigkeit des stierbiut. 
Stierblutes hat sicher nicht in der rascheren Gerinnung desselben 
seine Erklärung, sondern, wie AV. Kroll (A. f. R.W. VIII, Beiheft 
S. 41) ganz richtig bemerkt, in dem doppelschneidigen Charakter des 
Opfers und der Kommunion mit den Seelengeistern. „In dem Blute 
des Opfertieres steckt eine Kraft, die ebensowohl schädlich als nütz- 
lich wirken kann und die dem zum Schaden gereicht, der unvorbereitet, 
unrein an diesen (Mit-) Genuß herantritt" (1. eod.). In Aigira in 
Achaia, wo sich ein Orakel der Yy] befand, geriet die Orakeljungfrau 
in Verzückung und wurde hellsehend, alles wissend wie eine Gottheit, 
sobald sie Stierblut genossen, d. h. an dem Gottheitsopfer mit Anteil 
genommen hatte; aber wenn die Priesterin das Gelübde der Keusch- 
heit ^) gebrochen hatte, so starb sie an diesem Tranke (Pausanias VII, 
25, 13; Plinius XXVIII, 147). 

Das verbrannte Rindshorn spielt volksmedizinisch nahezu dieRinasiioiu. 
gleiche Rolle wie das verbrannte Hirschhorn (S. 81, 83); ersteres aber 
erwähnt weder Plinius noch Celsus. Der um 330 p. Chr. lebende 
Sextus Platonicus führt kurz an: .^tauriitum cornu combustiim omnes 
serpentes effugahit; sanguis ejus pohis eos interficict^^ (p. 403); als Mittel 
gegen Würmer erwähnt das Rindshorn in der mittelalterlichen nor- 
dischen Medizin Fonahn 39. Diese Verscheuchung des elbischen Ge- 
würms finden wir auch beim Hirschkopfe und Rinderkopfe. In der 
Volksmedizin Deutschlands werden Stier und Rind häufig durch den 
Hirsch (s. o.) vertreten. Das Ochsengehirn wurde zu Galenus' Zeit odisen- 
schon öffentlich, aber nur innerhalb des Schädels verkauft. Plinius 
(XXX, 47) schreibt: ^^Bovae capiti Japillum inesse tradunt, quem 
ah ea expiii, st neceni timeat, inopineintis xwaeciso capite exemptum 
aUigatumque mirc prodesse dentioni ; item c er ehr um ejusdem ad eim- 
(lum usum adalligare juhent et limacis lapilhwi sive ossicidiim.''^ Diese 
Verwendung des Ochsenhirns als Mittel gegen Zalmungsbeschwer- 
den erinnert an die des Hasengehirns (s. o. S. 59). 

(1599) ^^Ochsen-Hirn in Teig gehciclien und dem Dummen auf 
den Kopf gelegt, das ziehet das Hirn tvieder auf und hringet den 
VerstancP^ (^^prohcdum est^^) (Manuskript aus dem Arsneihuch eines 



liini. 



') S. o. S. 28. 



88 Gehirn. 

Tölzer Patriziers). Solche gebackene Gerichte, eine jüngere Zuberei- 
tungsart, kehren gerade beim tierischen Gehirn häuhger als bei an- 
deren Organen wieder; das Auflegen von Opferkiichen und heißer 
Tierlunge auf das Haupt des Kranken ist eine uralte Behandlungsart 
bei Geisteskranken, worunter man aber früher auch die akut Deli- 
rierenden (z. B. bei Infektionsseuchen, lieberhaften Krankheiten) ver- 
stand. Als Apotropcäon gegen Yiehseucheii wird der Ochsen- 
schädel in den Schweizer Fünforten am Dachstuhl (Rauchfang) an- 
gebracht (Lütolf 331. 332). 

13. Schaf, Widder. Lamm, Hammel, Schöps. 

(Mhd. sehöpez), ovis, oic, v.o:o? (zu v-spaq = Horu). aries (apvoc, epi-cpot; Woll- 
tier), vervex, franz. brebis, agnus (avi-gn-us = vom Schaf geboren). Das indo- 
p:ermanische Haustier und Opfertier. Die Aegypter opferten statt der Schafe 
Ziegen (Herodot II, 42); nur die ägyptischen Thebaner verehrten den Widder als 
heilig und schlachteten dem (griechischen) Zeus einmal im Jahre einen Widder 
(Lenz 235). Widdermumien fanden sich in altägyptischen Gräbern als Totenbeigabe 
(Totennahrung). Der Jupiter Ammon-Rä in Libyen hatte einen AVidderkopf ; nach 
diesem Widdergotte hieß die Pflanze Peucedanum Ammoniacum auch y.p'.6i)-£0^ 
(Dioskurides III, 88). Bei den Phönikern in Marseille (4. Jahrh. a. Chr.) war das 
Lamm oder ein unfruchtbares, nicht zur Zucht geeignetes Schaf ein vollkommenes 
Reinigungs- und Friedensopfer-, das der Gottheit gehörende Ehrenstück wurde 
abgeschnitten und gebraten (verbrannt) ; die Haut aber, die Lenden und die Füße 
gehörten dem Herren des Opfers (]N[overs, Opferw. 9). Ueber das Widderopfer 
bei den Juden s. o. S. 43. Bei den Babyloniern wurde unter anderem auch mit 
einem lebendigen Schafe der Königspalast gereinigt (Weber 17, 20)-, sie opferten 
aber auch bereits ein das Schafopfer vertretendes Brot für die Göttin Istarte (Mitteil. 
f. Gesch. d. Med. 190G, 339). Bei den Griechen war der den chthonischeu 
Wesen zu opfernde Widder stets schwarz (Rohde ^I, 56, 272); ein schwarzer 
AVidder (v.oiöc jjiXac) wurde in Olympia auch dem Pelops von den Jahresbeamten 
an dem Abende vor dem großen Opfer an Zeus in eine Grube geopfert; der Tempel- 
sklave, der das Brennholz dazu besorgte, erhielt das Halsstück (toc/./yjXoc) von dem 
Opferstücke (Nilsson 462); auch die Aphrodite erhielt AVidderopfer. 

Der Widder war ein jährliches Opfer ältester Form an den Zeus Machaneus 
auf Kos (Nilsson 22), dem ein Opfer von Gerstenschrot (s. o. S. 43) voraufging; 
auch der Meergott Poseidon erhielt AAadder (l. c. 83); bei einer Pest wurde ein 
lebendiger AA^idder um die Stadtmauern von Tanagra als Pharmakos herum- 
getragen, der die Schuld der Einwohner auf sich nehmen und so die Pest ab- 
wehren sollte (Xilsson 392). Am 1. April war das Schaf, das mit einem unge- 
schorenen ganzen Vlies versehen w-ar, ein kyprisches Opfer zur Reinigung an 
die Aphrodite, und auch die chthonische Hekate erhielt auf Kos ein unge- 
schorenes Schaf als Holokaust (Xilsson 368); die unterirdischen Eumeniden aber 
erhielten ein trächtiges Schaf mit Honig und Blumenopfern (s. o. S. 14), um den 
Segen der Unterweltsmächte zu erlangen. 

Dem Heilgotte Apollon wurden auf Mykonos 10 Lämmer (und 1 Stier) als 
Hekatombe geopfert und zwar von Kindern, von denen jedes ein Stück von der 
Lammszunge') erhielt (Nilsson 174); vermutlich handelte es sich um eine 
traditionelle Prophylaxis gegen Diphtherie ; sonst erhielt der Totengott Hermes 
die Zunge') des Opfertieres am Schlüsse der Abendmahlzeit als Opfergabe 
(Brandopfer); Hermes und die Höre Hagne erhielten überhaupt Widderopfer 
(Nilsson 339). Dem Gotte Linos wurden am sogen. Lämmertage im Frühjahre 
zum Schutze gegen Lämmerseuchen Lämmer geopfert und ihm zu Ehren auch 



') Die geräucherte Zunge ist ein Teil des ganzen Kopfes, den man in den 
Rauchfang hing als Opfer an die Hausgeister oder hermetisch in die Herdwandung 
vermauerte (s. S. 25) ; vergl. Odyssee III, 332, 341: yXcoa^a? ev Tiupl fAXltiv: zu 
Homers Zeiten verbrannte man die Zunge des Opfertieres dem Hermes zu Ehren 
am Schlüsse der x^bendmahlzeit. 



Gc4iirn. 89 

verzehrt (Nilsson 418). Schaffleisch als Krankenkost erwähnt bereits Hippo- 
krates (Fuchs III, 371; II, 50) und Galen hielt das Lammfleisch für feucht, zähe 
und klebrig. 

In Italien vertrat auch das billigere cervaria ovis (= das hirschene Schaf) 
das teure Hirschopfer (Keller 97); bei den Juden war, wie die Bibel lehrt, das 
Lamm eine Stellvertretung des Kindesopfers. Im jüdisch-griechischen Abraxas 
(4. Jahrh. p. Chr.) wird ein Gott mit Widderangesicht als helfende Macht ange- 
rufen, „v.pto -oo-jiMKoz Oso;" (p. 173). Bei den Griechen hatte die Schafhaut (Am- 
nion) des Lammes auch den Begriff einer Opferschale, mit der das üpferblut auf- 
gefangen wurde. Schon in der germanischen Bronzezeit war das Schaf eine 
häufige Grabbeigabe. Auf dem Lohensteine fanden sich 26°/o aller Opfergebeine 
als dem Schafe und der Ziege zugehörig (Korresp.-Bl. f. Anthr. XIII, 1882, S. 18). 
Als Bauopfer findet man das Schaf bei Schweden und Dänen, als Ernteopfer- 
überlebsel (1802) in Thüringen (Müllenhoff IV, 527). Friedreich (Symbolik 494) 
führt auch den deutschen Volksglauben an, daß zur Fastnachtzeit das Opfer eines 
schwarzen Lammes Erlösung aus Dämonengewalt (Fieberdelirium) bringe. Am 
Pfingstmontag nahm sich jeder Bauer von dem gemeinsam gebratenen schwarzen 
Schafe ein Bein mit als Anteilnahmestück und steckte es vor Sonnenaufgang in 
das Saatfeld, damit dieses gedeihe (Oester.-Schles.) (Vernaleken 306). 

Der Zungenknochen des Schafes hieß im alten Norden Tors-Hammer 
und war ein Talisman gegen Ohrenschmerzen und bei den belgischen Fischern 
ein Talisman gegen Meeresgefahren (Antwerpener Museumskatalog Nr. 2147). Als 
Gebildbrot vertritt das Lamm das Opfer des lebenden Tieres. 

Celsus (1. Jahrh. a. Chr.) kennt den Schafs- oder Lämmerkopf 
als milde, leimgebende Speise (II, 22); der ganze Kopf enthalte viel 
weniger Nahrungsstoff als der übrige Körper, so daß man ihn zu den 
Nahrungsmitteln von mittlerer Stärke rechnen könne (II, 18). Kopf 
und Füße, die peripheren Teile des ganzen Tieres (axpovtwXca) wurden 
zu seiner (V, 27) und Hippokrates' Zeit als brühige Krankenkost 
verwendet (Fuchs III, 560); er erwähnt auch das Ueberlegen von 
lebendig- warmem Lammfleisch als Pharmakos (Giftanzieher) auf 
Schlangenbißwunden (V, 27, N. 3). Durch den (Mit-) Genuß des 
Blutes des allmonathch in Argos im Tempel des Apollon Pythäus 
geschlachteten AVidders geriet die Orakeljungfrau in Verzückung und 
der Gott gab seine Orakel durch ihren Mund (Pausanias II, 24, 1). 
Die AVoUe vom Schafskopfe^) vertritt im Opferritus den ganzen 
Kopf; im volksmedizinischen Brauche vertreibt sie das Fieber (die 
Fieberdämonen). Plinius (h. n. XXX, 47) erwähnt das Schafs- 
gehirn als Mittel gegen Zahnbeschwerdeii (ganz analog zum Hasen - 
gehirne, s. o. S. 59): y^mcujnifke juvat et ovis c er eh nun gingivis in- 
litum; ad denütionem cerehritm pecoris iitilissimum est^^ ; man sieht 
also auch hier deutlich, daß es sich um die Einverleibung eines fett- 
weichen Opferorgans in den zum Kauen noch unfähigen kindhchen 
Mund handelt, wie beim Hühner-, Eichhörnchen- und Hasengehirne. 
Avicenna (f 1037 p. Chr.) hielt das Schöpsenhirn für besser als 
das Kalbshirn. 

In Gesners Tierbuch I, 917 findet sich ein lateinisches Bezept, 
welches Jühhng 156 (als Uebersetzung?) aus dem 16. Jahrh. aus einem 
Arzneibuche mitteilt; wir ziehen den deutschen Text vor: 



^) „ Ad tertianas. Arietis de capite lanam et a coxis et a testiculis passim 
si sumpseris et stellionem (Eidechse) illigatiim brachio suspenderis perfecte discutit 
tertianas. Ad locorum dolorem. Lana ejusdem nigra intincta in aqua, inde in 
oleo et supposita locis, dolorem tollit. At suffimigata ante prolapsam matricem 
locis suis reprimit; succida autem combusta et aqua liquefacta, phymata omnia 
discutit et purgat" (Sextus Platonicus p. 409). 



Schaf; 
hirn. 



90 Gehirn, 

^^Wenn ein mensch onsinniyh nirit vnnä gancs rncicschiegld im 
Jcopff' tvirtt, nemet einen wederslcopff, der noch nicht miett den 
schaffen gerameltt hcdt (s. S. 28), im den l'o^yff miett einem streich also 
lebendig Je abschlagen vnnd nit apstechen, aber (= oder) zornigh aber 
trurigJc mach^ sondern tvans Ican gesein, das er stontt vnnd esse, so 
blibett sein hrafft im gehirn. Darnach nemet das heuptt miet hautt 
vnnd harc, die horner Icät dar von schlagen, thite es in einen reinen 
grosen hafen, giß ivasscr daran vnnd latt es siden. tvan er tvoUe ge- 
sotten ist vnnd gar, so nempt das hirn raus vnnd (das andere) nwrft 
tvegh, behalt allein das gehirn, dartiach nempt ein p>anen, tutt an bodenn 
gar ein rvenigh rogken meh\ dnrnacli tutt das gehirn in die painien 
vnnd dar zu'" : Zimt, Ingiver, Muslicdnuß, MiisliCdblumc. Dieses (mittel- 
alterliche) Geivürzxndver sollte man nach Gesncr (1. c.) zum Gehirn 
geben, in einer Pfanne heiß machen auf einem Kohlenbecken, und es 
gut umrühren, damit es nicht anbrenne: man soll recht achtgeben darauf, 
daß es nicht nbertroclen tverde, nicht trockener als Kalbshirn, das man 
sonst so ißt; man soll es aufbewahren iind .V Tage hintereinander dem 
Patienten nüchtern geben (vergl. o. S. 64 die Verwendung des Fuchs- 
kopfes), so daß er auch noch 2 Stunden darauf nüchtern bleibt; man 
kann es mit Prot oder mit Ei oder in einer Prühe oder tvie man 
will essen; 14 Tage lang soll sich der Pcdient zu Pett halten, keinen 
Wein trinken etc. (Robert Purton, Democritus Junior; The Ancdomg of 
Melanchohj 1887 , S. 455). Deutlich genug ist hierbei die Opfer- 
tötungsart nachahmend beibehalten; der Kopf sollte lebendig abge- 
schlagen werden, wie bei der Köpfung eines Menschen; wie ein (von 
Germanen) geopfertes Tierhaupt Avird er zuerst gesotten, und dann 
erst als Krankheitsheilmittel soll das mit Gewürzen vermengte Gehirn 
herausgenommen und gebacken und nüchtern verspeist werden. Die 
„Unsinnigkeit'* ist hierbei als Delirium febrile (Infektionsseuche) auf- 
zufassen. (1685) ^^Das Gehirn des Widders tauget vor den Schlaf 
in höfien Kvanchheiten (sie brcden das Gehirn und machen mit 
Fett Kuclten daraus, thun Zimmet und Muscaten darzu, und gebens 
also. Conradin, De morb. Ungar.), erleichtert das Zahnen der 
Kinder (ivann mans mit Honig vermischet, und sich darmit bestrei- 
chet)^^ (Schröder 1.319) (vergl. o. das Hasenhirn S. 59). (156.2) ^^Schaaf- 
hirn mit wenig Honig getruncken, ist gut dem zanen der ßmf/en 
khiden'-^ (Jülüing 154). (16. Jahrh.) ^ylohann vnter der Linden 
nahm ,vor das schwinden der f/lieder' neben ,2 Lebern vonn 
schivartzen Kelbernn' auch ,3 Köpfe von schivartzen Schaafen'. Die 
Lebern vnnd Köpfe also rohe, vnnd klein gehackt''^ (zu einem Destillat) 
(Jühling 149). Wie der Kalbskopf, so wird auch der Schafskopf 
gegen die (infektiöse) Schafsdrelie (= Wirf 1er, s. o.) in den Schorn- 
stein i) gehangen (Wuttke § 687)-, er ist also ein antidämonisches 
Seuchenmittel, dessen Verwendung aus dem Opferkulte abstammt, der 
namentlich bei volksmedizinischen Mitteln gegen Tier- und Menschen- 
seuchen, wozu auch die ungarische Krankheit (= Petechialtyphus, s. 
Höfler, Krankh.N.B. S. 323) gehört, sich in deutUchen Rudimenten 
erhalten hatte. 

Eine gar seltsame Form von Balneum animale ist uns aus dem 



') S. o. S. 25. 



(ieliirn. 



91 



16. Jahrli. überliefert: ^^Kin heult vor die Schrvindt sucht. Man 

nlmht einen friselien Hcimmeilcopf mit den Füßen (= ar.pozwXia), 
Icoehet den in fließenden tvcisser, das es (jar niühr ivirdt vnnd fast von 
den Knoehen ahfeUett; darnach last maus von ihm seihst erkalten vnnd 
setsett sirh drein eine gtdte stunde''^ (Jühling J56J; hierbei sollte also 
die belebende Kraft des ganzen Tieres in das Badewasser (heilsames 
Fliißwasser) und von diesem in den Körper des Badenden übergehen, 
wie der Rauch beim Brandopfer in die Augen und in das Gehirn. 
Diese Hammelfüße s. o. S. 89. 

Hier dürfte auch zu erwähnen sein die Stelle aus Berthold v. Auer- 
bachs Predigt (Schönbach 34): ^^et in testa avium lunam ante nouam 
cum faciunt mnltas daemonum irrisiones'''' ; vermutlich ist hierbei der 
Mondeinfluß auf das Gedeihen der Schafe gemeint, der sich im 
Schädelknochen der Weideschafe bemerkbar machen sollte*, man wahr- 
sagte aus dem abgeschlagenen Menschenkopfe (s. o. S. 50) und glaubte 
an den Einfluß des Mondlichtes auf das AVachsen und Gedeihen der 
Erdenbew^ohner (vergl. auch die Scapulimantia von R. Andree, s. o. 
S. 50). 

In Irland steht das Gehirn vom Schaf (Schädelmark) im Kredit, 
Blutflüsse stillen zu können (Ruhrseuchen?) (v. Oesterlen 543), ver- 
mutlich in Analogie zu Celsus (IV, 22), der Hirschmark als Nähr- 
klistier bei Ruhr (Blutgang) empfahl. 

14. Ziege, Geiß, Kitz, Bock. 

Caper, liircus, haedus, y.a:rpo<; (= stinkendes Tier), TpaYo? (= nagendes Tier), 
E^/r-fo? (Wolltier), x'-H-'^-'-p'^- , «U , cnper, chevre, ahd. gaiz, zigä; das Haustier der 
Indogermanen , in der Bronzezeit der Etrusker eine Grabbeigabe als Nahrung 
im Jenseits, 

Bei den Aegyptern war das Bockopfer üblich , viel häufiger aber bei den 
Griechen, Römern und Germanen. 



Fig. 17. 




Aus Furtwäiiglers Antike Gemmen 
III, S. 47, Fig. 23. 
Gemme aus einem Goldringe aus My- 
kenä. Ein nackter Mann (Adorant) 
vor einem Altartische, auf dem eine 
Feige mit breiten Blättern empor- 
wächst, hinter dem stattlichen Opfer- 
bocke und über dessen Rücken ist 

ebenfalls ein Feigenbaum sichtbar. 



Fig. 18. 



Aus Furtwänglers Antike 
Gemmen I, Tat. XXI, Fig. 55. 
Das Schlacht Opfer, ein gehörn- 
ter Ziegenbock mit geraden 
Gabeln, trägt einen Opferkranz 
im Maul, der Mann mit dem 
Opfermesser faßt den Kopf am 
linken Hörne. 



Auf antiken Gemmen der mykenischen Periode (Furtwängler III, 47, Fig 23) 
tritt der nackte Adorant auf den Altartisch zu, hinter welchem ein Feigenbaum 
(s. o. S, 14, 42) mit breiten Blättern emporwächst; hinter dem Manne steht ein 
zum Opfer bestimmter, stattlicher Bock unter dem Schatten des gleichen Baumes 
(s. Fig. 17). Im Kulte der Artemis Agrotera waren wilde Ziegen als Opfertiere bei 
den Spartanern üblich (Röscher, Selene 106). Zahlreich sind die Skarabäen und 
sonstigen Steinschnitte, welche das Bockopfer, d. h, den abgehauenen und manch- 
mal auch mit Blumenkränzen (s. o. S. 41) verzierten Ziegenbockkopf darstellen 



92 



Gehirn. 



(Furtwängler J, Taf. XXI, 29, 28, 55; III, 244), (s. Fig-, 18). Ueberhaupt war bei 
den alten Griechen die Ziege das gewöhnlichste Opfertier (Nilsson 41)-, Ziegen- 
opfer an Stelle von Knabenopfern erwähnt Pausanias IX, 8 bei den griechischen 
Dionysien (Lippert, Relig. 290); bei diesem Kulte trägt die in der Ekstase 
tanzende Mänade yijxcttpo'f ovo; das Ziegenböcklein {zp:'z.oc) auf dei rechten Schulter 
und in der linken Hand das Schlachtmesser (Dictionnairc des antiqu. III, 2, p. 1482, 
Fig. 4770), (s. Fig. 19). Das Böcklein stellt den Gott selbst dar (Omophagie, 
Theophagie); auch auf Fig. 4743 (1. eod. p. 1460) hält die opfernde Frau mit der 
jj-d/a-pc« (Opfermesser) das Böcklein über die Opfertlamme auf dem A.ltare 
(s. Fig. 20); nach Varro, De re r. wurde in Athen auf der Burg nur einmal im 
Jahre eine Ziege geopfert (Lenz 230); sonst aber erliielt Aphrodite Böcke und 
namentlich Dionysos Ziegenopfer (1. eod.; Nilsson 261). Der Ziegenbock war 
besonders ein Attribut der Venus vulgivaga s. pandemos. Zum Zwecke der Er- 
rettung von einer scliweren Pest opferten die Einwohner von Kleonae dem Heil- 

Fig. 19. 




Aus Dictionnaire des antiquites gi'ecques et romaines. 

Die ziegentötende Mänade Maiväg xtjuaigocpdvog in ßassarengewändern in der Ekstase die 

Ziege und das Schlaclitmesser schwingend zum Opfer für Dionysos Bakclieios. 



Boek- 
tieisch. 



gotte Apollon einen (weißen?) Ziegenbock (Pausanias X, 10; Lenz 238; Li- 
vius XXV, 12). Die Aphrodite Epitragia auf Kos und die Hera ("Hpa oX'^o'Si6.-(oc, 
Koscher, Lexikon d. gr. Mythol. I, 2096; Nilsson 379, 40, 58, CO), sowie Apollo 
Karneios und Apollo Epikurios erhielten Ziegenopfer, wobei die abgeschnittenen 
Opferstücke zum Teil verbrannt, zum Teil von den Opfernden communialiter 
verzehrt wurden (s. o. S. 8) (Nilsson 339, 172); alle diese Gottheiten hatten Be- 
ziehungen zur Heilung von Krankheiten. Auf einer Gemme der römisch-etruski- 
schen Periode führt ein Mann im priesterlichen Gewände einen Ziegenbock für den 
Liber-Pater (Bacchus) zum Opfer (Furtwängler I, Taf. XX. Fig. Gl; III, 244), 
(s- Fig. 21). 

Die alten Beziehungen des Bockfleisches zum Opferkulte be- 
wahrten noch zu Plinius' Zeiten die alten Magier (h. n. XXVIII, 63): 
„comitiahbus dantur et carnes caprinae in rogo hominis tostae 
ut volunt Magi" ; das Epilepsiemittel hatte also nach dem Glauben 
der Zauberer nur Wirkung, wenn es mit dem Totenopfer in Ver- 
bindung gebracht worden war; ein deutlicher Beweis dafür, daß die 
Organotherapie mit dem Opferkulte Zusammenhang hatte (vergl. Ziegen- 



Geliirn. 



03 



Fiff. 20. 




galle); sogar das Bocksfett konnte in den Kultbroten das Bocks- 
opfer vertreten; denn das 'Ay7.iv7| (s. o. Hirsch) benannte Hirsch- 
gebildbrot mußte voll von Bocksfett sein (Athenäus Hl, 109 i:/). Hippo- 
krates, der das Ziegenfett als Vehikel für Medikamente verwandte, 
verachtete das Ziegenfleisch; es hatte alle schlechten Eigenschaften, 
welche auch dem Rindfleische zukamen (Fuchs HI, 53, 353, 355; 
n, 485, 520). Celsus (1. Jahrh. a. Chr.) 
verwendete Ziegenfett, Ziegenleber, Ziegen- 
galle und sogar Ziegenkot, letzteren mit 
Essig als Mittel gegen Schlangenbiß (V, 
27, N. 8; Frieboes 705); auch frisches 
warmes Ziegenfleisch als Pharmakos bei 
Schlangenbissen (V, 27, IST. 3); junges 
Bö ekle in fleisch als Speise beim „heiligen 
Feuer" (V, 28, N. 4); zum Herausziehen 
und Austreiben von Krankheitsstoft'en wird 
Bockstalg oft von ihm empfohlen. Sextus 
Platonicus Papyrensis (um 330 p. Chr.) 
empfiehlt (p. 410) das auf dem Scheiter- 
haufen eines toten Menschen geröstete Opfer- 
ziegen fleisch als bestes Mittel gegen 
Epilepsie: ^^qnocl sl vcro caprina caro, 
qitae super rogum hominis mortui assatur, 
sumpta fuerit a caducis, remcdium Opti- 
mum csf"^ (vergl. u. Ziegengalle von einer 
Opferziege als Mittel gegen Schlaflosig- 
keit). Gegen Nackenkarbunkel (Phymata) 
empfahl derselbe Autor auch das verbrannte 
Ziegenbockfleisch: ^^(^omhusta caro ca- 
prina cum aqua supjmrationem cervicum discidit, quas Graeci jjhynfata 
vocant^^ (p. 41:^); auch hier ist das Brandopfer als Ausgangspunkt der 
Therapie anzunehmen. Daß die Ziegen dem Fieber besonders unter- 
worfen galten, d. h. den Krankheiten mehr ausgesetzt (Varro, De re 
rust. II, 3, 1), hing wohl mit deren häufigeren Verwendung als 
Sündenbock zusammen. 



iiiiiiiiiiiiiiMEiini 




Aus Dict. des antiq. gr. et r. III, 2, 

1460, Fig. 4743. 

Hiiusliclies Ziegenbockopfer: Eine 
F"rau mit dem Opferschlachtmessev 
..jnäyaiQu'-'- hält das Kitzlein über 
die brennende Opfevflamme auf dem 
mit Stierkopf geschmücliten Altare. 



Fig. 21. 



Bockgestaltige Dämonen umgeben den Totenfübrer und Fruchtbarkeitsgott 
Hermes, den Vermehrer der Herden und Sippen, dessen Kult namentlich im alten 
Oriechenlande viele ursprüngliche Züge bewahrt hatte 
(Nilsson 391). Als ein solcher Bockgott, d. h. als 
chthonisches Wesen , ist der im Abraxas 173 ange- 
rufene Gott mit dem Bocksgesichte (xpaYOKpoaüJKo? 
^koc) aufzufassen. Dieses göttliche Bockwesen hat 
auch insoferne Züge chthonischen Wesens, als die 
Ziege sich durch Aderlaß (Binsenstiche, Brombeer- 
stachel) und Diptamkraut etc. (Dioskurides HI, 34, 
IV, 49; Lenz 232 etc.) selbst heilt. Ueber die schatz- 
hütende goldene Ziege s. Liebrecht 97. 

Bei den Phönikiern in Marseille (4. Jahrh. a. 
Chr.) waren Ziegenböcke auch ein Reinigungsopfer wände führt einen Ziegenbock 
(Movers, Opferw. 8, 51, 72). Schon in den ältesten zum Opfer für den Liber-Pater. 
Büchern der heil. Schrift begegnen wir dem Brauche, 

den Buhldirnen, die sich zu Ehren der Göttin Astarte preisgaben und den emp- 
fangenen Lohn an den Tempel ablieferten, einen Ziegenbock als (reinigenden?) 
Buhllohn zu überweisen: wobei man den vollwüchsig-en Bock weg-en seiner 




Aus Furtwiinglers Antike Gem- 
men I, Taf. XX, Fig. 61, III, -244. 
Ein Mann im priesterlichen Ge- 



94 Gehirn. 

zeuguügsstarken Natur besonders bevorzugt zu haben scheint (s. Hirsch) (Movers 
1. c. 51, 68). Als „Sündenbock" (Pharmakos) schickten die Juden am Versöhnungs- 
tage dem in der Wüste hausenden Dämon Asasel einen Ziegenbock, der mit 
den ungetilgten Sünden und Unreinigkeiten beladen ihm überbracht wurde 
(Strunz 50): daher sagt Varro (Lenz 230): „gesund ist das Ziegenvieh nie". 

zieseu- Den Koi3f des Ziegenböckleins bezeichnete Celsiis (1. Jahrh. 

'^^^ p. Chr.) (II, 18, 22) als ein wenig nahrhaftes Fleischgericht für 

Kranke. Plinius verwendete Ziegen hörn, Ziegenhaare, Ziegenurin, 

Ziegenamnion als geburtshilfliches Mittel (h. n. XXVIII) (pars pro 

toto). 

Bei den Langobarden war der Kopf einer Ziege eine Opfergabe (für das 
ganze Tier) (Golther 566); auch die in Gallien eingedrungenen Alemannen und 
Vandalen opferten (79 j). Chr.) dem Wodan Ziegen „convocatis fanorum suorum 
ministris compulserunt eos, ut suo mori immolarcnt capras AVodan, deo ipsorura" 
(Acta Sanct. Boll. 23, VII, p. 353). 748 noch war der Bock ein germanisches 
Totenopfer (E. H. Meyer, Myth. d. Germ. 115). 

Die altpreußischen Priester opferten einen Bock, mit dessen Blut 
sie die beim Opfer Anwesenden besprengten zum Schutze gegen Krank- 
heiten; man gab das Blut auch als eine Communio dem Hausvieh zu 
trinken. Ziegen- und Bocksblut in Wein war auch beim Pseudo- 
Dioskurides (Janus XII, 275, 406) ein Mittel gegen die Puhr und 
das Pfeilgift; weiteres über Bocks blut s. Ziegenherz. 

Bei den Deutschen übernahm der Bock sehr häufig die Rolle eines Vege- 
tatiousgeistes (bei Erntefesten, Kircli weihe etc.), er wurde getötet; so auch in 
der Nähe von Grenoble auf dem Erntefelde und beim Ernteabendmahle verzehrt, 
teilweise auch eingesalzen und bis zur nächsten Ernte aufbewahrt; der Genuß des 
Korngeistes in Bockgestalt hatte dann auch für die vegetative und animalische 
Fruchtbarkeit segensreiche Folgen (Frazer). Am St. .Takobstage (15. Juni) drehte 
man einem weißen Bocke das Hörn ab, legte dieses (pars pro toto) auf glühende 
Kohlen und räucherte damit in den Niederlanden gegen IMäuseplage auf den 
Fruchtfeldern (Sloet 89) (vergl. auch Ochsenhorn, Hirschhorn, Wieselasche [S. 79] 
und Herz). In Oberschlesien warf man einen Bock mit vergoldeten Hörnern von 
dem Kirchturme zu Fruchtbarkeitszwecken herab (Sloet 146; Jühling 263; 
Scheible YII, p. IX). Als Gebildbrot vertritt der Bock das ganze üpfertier. 

üeber Bocks klauen s. Jühling 254. Sie erscheinen wie der Bocks- 
bart (s. u.) gefaßt als Teil einer Fraisenkette, d. h. als Apotropäon 
gegen Konvulsionen der Kinder (Z. f. Oe. V.K. 1007, XIII, 105). 
Wir finden deshalb auch den Ziegenbockkopf einesteils als Apo- 
tropcäon, um Krankheitsschelme aus dem Körper zu vertreiben und 
von Haus und Stall fernzuhalten (Anbringung von Ziegenhörnern 
über den Stalltüren und Einstellung eines schwarzen Bockes gegen 
Bindviehseuchen)-, anderseits als ein zu Fruchtbarkeitszwecken dienen- 
des Mittel. Wir wollen hier nur kurz einschalten, daß das Bocks- 
horn (wie das Ochsenhorn und Hirschhorn) den Bockskopf vertritt; 
volksmedizinisch wird das Bockshorn verwendet beim heiligen Feuer 
(auch eine Stallseuche), gegen Schlaflosigkeit, Schlangenbiß, Epilepsie, 
Bauchfluß, Leibschmerz, Hautkrankheiten, Haarausfall etc.-, also fast 
ganz gleiche Leiden, die auch andere Ziegenteile heilen sollten. Sextus 
Platonicus Papyrensis (um 330 p, Chr.) empfahl, den gekochten Ziegen- 
kopf mit Haut und Haar auf Schnittwunden der Eingeweide zu 
legen: ^^Ad intestina incisa. Cajyrlnum caput cum pilis decoctum 
hene in aqua et contusum et appositum incisa intestina soUdat'"'' (p. 410). 
Der Schritt vom Ziegenkopf mit Haut und Haaren zum (weißen oder 



Gehirn. 95 

schwarzen) Bockshcaar ist nicht weit. Um 1770 war ein in Silber- 
hülse gefaßter schwarzer Bocksbart (8 cm lang) in Niederöster- 
reich ein Teil einer sogen. Fraisenkette, die den Kindern als Talisman 
gegen das sogen. Verschreien um den Hals gehängt wurde (Z. f. Oe. 
V.K. 1907, XIII, S. 103); er war hauptsächlich für Knaben bestimmt, 
damit die männlichen Körperteile an Kraft gedeihen sollten: ^^ Welche 
sclimertzcn habend hey den gmäcliten, soU du mit Bochshaar he- 
räuehen''^ (Jühlhig 266); also auch hier das Rudiment des Brandopfers. 
„L« tete d'une chevre pendue au col d'tme personne, rpä a des 
glandes scrophiilceses^ les guhit pcirfditement^^ (Albertus Magnus 
1193—1280; nach De Cocl 297). 

Dieses unbequeme Tragen eines Ziegenkopfes (Pharmakos) am 
Halse , das etwas erinnert an das Tragen der Männerköpfe bei den 
Witwen der afrikanischen Adamanen (Andree, Parallelen), würde wohl 
erklärlicher werden, wenn die Ziegenköpfe auch als Steinschnittbilder 
auf Gemmen und Amuletten zu verstehen wären, wie sie Furtwängler 
(Antike Gemmen I, Tafel XXI, Fig. 28, 29, 55; HI, 244) abbildete 
(s. Fig. 91), auf denen der nackte Adorant den abgeschnittenen Kopf 
eines Bockes und das Opfermesser in den Händen hält; wobei an die 
Worte des Servius wieder erinnert werden darf: „in sacris simulata 
pro veris accipi" ; Albertus Magnus hatte noch dazu die Lithotherapie 
der Araber vor Augen. 

Plinius (h. n. XXYIII, 58) sagt: ^^laudant et caprini capitis 
cum suis pilis decocti sueum''^, wonach man den mit Haut und Haar 
gesottenen Bocks köpf gegen Hernien (rupta intestina) verwenden 
sollte, welche Verordnung im späten Mittelalter wiederkehrt: „i)er 
Kopff von der Geyß gantz mit seinem Haar gesotten (wie oben S. 90 
der Widderkopf), zerkochet vnnd die brüyen getrimchen, heilt die ge- 
brochnen, zerrlßnen vnnd verwundten yngetveyd'' (Jtdiling 254) (= Her- 
nia); auch hier macht sich also der alte Glaube bemerkbar, daß 
jedes Stück des Opfertieres, selbst das Balneum animale, die Opfer- 
sudbrühe, durch die Beziehung zum Opferkult dem Mitgenießer Segen 
und Fruchtbarkeit (Hernien gelten als Sexualleiden im Volksbrauche) 
bringt (Grupp 259). 

Ziegengehirn als Mittel gegen Ruhr empfahl der Pseudo- 
Dioskurides (4. Jahrh. p. Chr.) (Janus XH, 276). 

Plinius (h. n. XXVIII, 78) erwähnt noch, daß die Magier Ziegen- 
gehirn durch einen goldenen Bing treiben und es den Kindern, ehe 
ihnen die Brust gegeben wird, gegen Epilepsie und andere Kinder- 
krankheiten (s. 0. Reh- und Hasenhirn) geben; dieses „cerebrum 
caprae per anulum aureum trajectum" erinnert an das Salomonsche 
Zaubersiegel (Salomonssiegel), „von dessen Gebrauch Josephus das 
erzählt, was wir in der Dämonenbeschwörung unseres (griechisch- 
jüdischen) Papyrus (4. Jahrh. p. Chr.) mit eigenen Augen lesen können" 
(Abraxas 142); das Salomonssiegel (Convallaria Polygon.) ist heute 
noch ein Volksmittel gegen Epilepsie; vergl. auch das mit goldenem 
Ringe versiegelte Lerchenherz und die mit einem Ringe versiegelte 
Schafsmilz. Der als Milchzauber verwendete goldene Ring erinnert 
aber auch an den Blumenring aus Gundelrebe ^) (Glechoma hederacea). 



Zi('t;eu- 
liiiii. 



^) gimdereba (12. Jahrb.), ahd. hundraevve; gund = flüssiges Gift. 



96 



Gehirn. 



durch welchen Kranz man früher die Milch am ersten Tage des 
Austriebes der Kühe auf die Weide molk (lUustr. Flora von Mittel- 
europa von Hegi u. Dunzinger I, 67). Yergl. auch Rehgehirn. In 
der spätrümischen Volksmedizin wird die Ziege bereits durch das Reh 
(s. d.) vertreten. 

15. Steinbock, Steingeiß. 

"J^o-.Aoc, al'YaYpoi; {aii-a-;^'.oc), Ibex. ein altes Opfertier der Aegypter, Assyrier 
und Griechen. Auf einem assyrischen Steinrelief aus der Zeit von Assurnazirpal 

Fio. 22. 




Assyrisches Relief aus der Zeit von Assurnazirpal aus Keller, Tiere des klassischen Altertums 

S. 47, 33S. 
Steinbock (ibex), von einem seAüf^elten Gotte im Arm getragen, in der Rechten hält der Gott 

eine Fruchtähre. 

(885 a. Chr.) sieht man (Fig. 22) einen Steinbock, der von einer geflügelten 
Gottheit im Arme getragen wird (wie der Damhirsch s. o. S.SO); in der rechten 
Hand trägt dieselbe eine Fruchtähre (Keller 47, 338). Ein Sard. Skarabäus zeigt 



Fig. 23. 




Aus Keller, Tiere des klass. 

Altertums S. 338. 
Sard. Skarabäus. Ein löwen- 
menschliches , geflügeltes Un- 
geheuer (Sphinx?) ergreift sein 
Opfer, einen Steinbock, am 
Hörn und Fuß. 



Fig. 24. 




Aus Furtwänglers Antike 

Gemmen III, Fig. 221. 

Die Sphinx ergreift ihr Opfer. 

einen Ziegenbock. 



ein löwenmenschliches geflügeltes Ungeheuer (Sphinx?), das einen Steinbock 
als sein Opfer am Hörn und an einem Fuße hält (Keller 338) (s. Fig. 23). Wenn 



Gehirn. 



97 



auf solchen Gemmen (Furtwänglcr III, 444) die Sphinx als Zeichen ihrer Macht 
ihre Pfote auf den Rücken eines Steinbockes legt (s. Fig 24) (Fig. 221 1. eod.), 
so möchte man dies als einen Gegenzauber gegen den Pjinfluß der Sphinx auf- 
fassen; auch auf (xemmen der mykenischen Periode kommt der Steinbock 
schon vor, vermutlich als ein Apotropäon gegen Alptraum (1. eod. III, 52) und 
elbischen Trug. 

Nach dem Glauben der altkretischen Jäger war der Steinbock 
selbst heilkundig, indem er sich durch Dictamnus ^) die in sein Fleisch 
eingedrungenen Pfeile zum Ausstoßen bringt (Keller 39, 335; Diosku- 
rides III, 34), was Aelianos (Lenz 234) auch von den Ziegen (s. o. 
S. 93) berichtet; Ziege und Steinbock vertreten sich also auch dies- 
bezüglich. 

Nur der Pseudo-Dioskurides (4. Jahrh. p. Chr.) erwähnt das Blut 
der wilden Ziege (s. auch Gemse) als Mittel gegen Nachtblindheit 
(Nachtalp?) (Janus XII, 1907, 29). Der berühmte churbayerische 
Rat und Leibmedikus Job. J. de Maphaeis ließ 1674 die Eingeweide 
(Leber, Milz, Hoden, Lungen), namentlich aber das Blut des Stein- 
bockes, der im September (Brunftzeit) geschossen war, als Heilmittel 
trocknen (Höfler, Volksmedizin 164). Kopf und Gehirn bleiben, Steinbock 
wie es scheint, ganz unerwähnt in der antiken Volksmedizin. 

Schnupftabak aus Steinbockhorndosen soll gegen den sogen. 
Schnackler (Singultus) in Oberbayern helfen, auch Abschabsei von 
diesem Hörn auf Brot verschluckt; vergl. auch Schrank, Naturhistor. 
Briefe II, Q6, 105. Der „Fallwild-Zemm" (Steinbockrute) war ein 
Fruchtbarkeitsmittel (1. eod.) nach dem Vorbilde anderer Tiere. 



hirn. 



16. Schwein. 

(Eber, Färkel, Sau, Schweinsbär), porcus, cpopy.oc, scrofa, sus, aper, yolooi;, ^(^o'.p'.otov, 
[xov.oi;, v.ÜK^oq, oc, oöc, ahd. farh , ebur. Amulette aus Knochen oder Ton hatten 
bei den Aegyptern zuweilen die Gestalt 
von Schweinen; diese Tieridole waren 
der Isis als Fruchtbarkeitssymbole ge- 
weiht und trugen die Inschrift: „Möge 
Isis dem Besitzer dieser Sau Glück ver- 
leihen!" Die ägyptischen Priester aßen 
aber niemals Schweinefleich, obwohl sie 
es der Selene und dem Dionysos opferten 
(Baltzer 23 ; Wiedemann 35). Herodot II, 
47: „xol-: |j.;v vdv aXXotai ö-sola: d-üzv/ 
bc, 00 hiY.'j.itboi AtYÖimo'.; S£XY]vr/ öl xcc.l 
Aiovuoü) [jLouvo'.ai xoö ahzob yjjovoo, xvj uhzr^ 
uavasX'fjvü), tobe, b<; -ö-oav-vtsi; Traxsovxac 
xüjv xps(JL)v"', also nur in der Vollmond- 
zeit aßen die Aegypter das der Mond- 
göttin Isis-Selene und dem Dionysos 
Osiris geopferte Schweinefleisch; in 
den Vollmondnächten waren die Toten- 
beschwörungen und Zauberhandlungeu 
am wirksamsten (s. o. S. 29). Der um 
die Mitte des 3. Jahrh. a. Chr. lebende 
Priester Manetho in Heliopolis schrieb 
in seinen Fragmenten 79: „TCS7i'.:jxcüxaa'. 

Al^ÖKX',01 X7]v ov v.al 'l]Xi{i) y.al aeX'^v*^ iyO-tcxYiv elvai " o 




Totenscliweiii aus einem Grabe in Alt-Korintb. 

(6. Jahrh. a. Chr.) 

(Nach einer Photographie von Miß Martin.) 



7]YopiC">ot vfi SeX^i^v/j, ^öoDZi abx-Q aira| xoö l'xou<; bc, aXXoxs 



OXCJLV 

oux 



8s AV(6kx'.oi Tzav- 
'. £y.£'.v*/j ooxe aXXü) 



^) Origanum Dictamnus L. , heißt auch Dorkidion = Rehkitzchen (Beren- 
des 285) ein Quidproquo ; auf dieses Kraut oder Strauch stellt auf einer antiken 
Höfler, Die volksmedizinische Organotherapie. 7 



98 



Gehirn. 



xü> xÄv d'sGiV TÖoe tö C<|>ov eO-sXoüai ^usiv cü? fxuaapov" (Röscher, Selene 14, 166), als 
ekelhaftes Tier opferten die Aegypter das Schwein bei ihren Volksfesten nur 
einmal im Jahre und zwar nur der Mondgöttin Selene = Isis (vergl. auch Wiede- 
mann 222 und Nachfolgendes), 

Bei den Babyloniern kommt auch ein junges Schwein als stellvertretendes 
Opfer für den Menschen vor: „Ein junges Schwein gib als Stellvertreter hin, 
indem du das Fleisch und Blut hingibst, mögen sie, die Götter, es hinnehmen als 
ob es sein, des Menschen Fleisch und Blut wäre" (Weber 29). 

„Menschen-, Hunde- und Schweineopfer, welche die Phönikier nach den 
Berichten der Alten ihren Göttern darbrachten, wurden nur in außerordentlichen 
Fällen oder nur zu bestimmten Zeiten (sv iiai xzXzov.y.alc, O-Doiat? aicoc^ lob hooq yj 
St;) dargebracht" (Movers, Opferw. 41). 

Schweinezähne') zerrieben und in das Innere von vier Zuckerkuchen ge- 
geben, sollten bei den alten Aegyptern als Speise ein gutes Magenmittel sein 
(Papyrus Ebers) (Janus 1899, 125). Frazer (The golden Bough II, c. 3 , § 10) 

Fig. 26. 




Aus Dictionnaire des antiquit6s grecques et roraaines III, 2, p. 1414. 
Orestes mittels des Schweineblutes gereinigt durch Apollo zu Delphi. 

erklärt auf ansprechende Weise, wie es möglich war, daß ein als göttlich ver- 
ehrtes Tier auch zugleich zum Opfertier werden konnte. Auch bei den das 
Schweinefleisch verachtenden Juden fand sich bis zu den Zeiten des Jesaias 
(LXV, 3; LXVI, 8, 17) der Brauch, daß einige der Juden heimlich in Gärten zu- 
sammenkamen und dabei das Fleisch von Schweinen und Mäusen, wie bei 
einer religiösen Zeremonie verzehrten. „Dies war ohne Zweifel ein sehr alter 
Ritus, datierend aus einer Zeit, in der das Schwein und die Maus als heilig 
verehrt wurden, und in der das Fleisch dieser Tiere bei seltenen, aber feierlichen 
Gelegenheiten als der Leib und das Blut von Göttern sakramentalisch verspeist 
wurde" (Frazer, 1. c). Wie das ganze Schwein dann übernatürliche Kräfte durch 
diese Kommunion oder Theophagie (s. o. S. 8, 22) geben konnte , so auch der Teil 
des Ganzen; z. B. der empirisch versuchte Schweinszahn. 

In der Orestessage wird dieser von seiner Schuld durch den Apollo zu 
Delphi selbst mittels Schweineblut gereinigt (Aeschylus, Eumen. 283, 458), s. Ab- 
bildung 26 aus dem Dict. des antiqu. gr. et r. III, 2, 1414. 

Zur Zeit von Demosthenes (| 322 a. Chr.) vertraten bei den Griechen die 



Münze von Elyros der Paseng (wilde Ziege, Bezoarziege) seinen Fuß (Keller 335) ; 
(1581) Dictamnum == Krut, das ysen aus den Wunden tut (Jessen 135). 

') Roß- und Kälberzähne wie auch Hasenkiefer vertreten ebenfalls das 
ganze Tier. 




Gehirn. 99 

Ferkelhoden ^) beim gerichtlichen Reinigungsopfer das ganze Tier (Rohde ^11, 79). 
Reinigungsopfer und Heilopfer darf man in der Mehrzahl der Fälle als gleich- 
wertig betrachten. Die Griechen opferten ihrem Heilgotte Asklepios hauptsäch- 
lich Schweine (A. f. R.W. VII, 103-, Nilsson 410) •, dem unmittelbaren Eingreifen 
dieses Gottes schrieb sogar der Arzt Galenos (f 201 p. Chr.) die Heilung eines 
für ihn lebensgefährlichen Abszesses zu (Simon S. XXXI). Gekochte Schweine fuße 
empfahl der Pseudo-Dioskurides (4. Jahrh. p. Chr.) als Mittel gegen Schleim- 
auswurf (Janus XII, 270), das jedenfalls aus dem Opferkulte stammt. Schweins- 
kopf und Schweine fuße gab auch schon Hippokrates (Fuchs II, 508) als 
Krankenkost an. 

Schweineopfer erhielten bei den Griechen außerdem die Liebesgöttin 
Aphrodite auf Kos (Nilsson 379), der Fruchtbarkeitsgott Poseidon auf Rhodos 
(1. c. 83); eine trächtige Sau erhielt die Fruchtbarkeits- 
göttin Demeter Chloe, eine zweijährige Sau die großen p- 07 
Götter (Nilsson 389); Gebeine von Opferschweinen und ^' 
marmorne Votivschweine erhielt die Demeter zu Knidos. 
Die Oberzauberer beim Kulte der Demeter Chloe (ol 
jxaYtpcot apx.ovT£<;) erhielten als Gottheitsanteil die Hüfte 
und die Fut eines nicht trächtigen Schweines nebst 
Mehl und Wein (Nilsson 328). Ferkel {v-aozot;) mit 
Honigspenden begossen waren ein Brandopfer an Zeus 
Polieus auf Kos (1. c. 19, 20, 22). Milchferkel erhielten 
auch Artemis und Demeter (Nilsson 189, 318). Im 
Adoniskulte begegnen wir auch einer Theophagie: die Aus Furtwäiiglers Antike 
Verehrer der Gottheit wollten durch das Opfer des den schTeineopfer." Sc&ch- 
Gott verkörpernden Schweines diesen selbst in sich auf- tung auf einem vierfüßigen 
nehmen und damit göttergleich werden (Nilsson 385). Tische auf einer Gemme 
Auf antiken Gemmen der mykenischen Periode ist die ^'' mykemschen Penode. 
Schlachtung eines Schweines auf einem vierfüßigen 

Tische (s. Fig. 27) als Opferhandlung abgebildet; solche am Halse getragene 
Bilder substituieren wohl das blutige Opfer in seiner magischen apotropäischen 
Wirkung für den Träger des Amulettes (Furtwängler , A. G. I, Taf. II, Fig. 18). 

Eine Abart dieses Talismans ist das Felsenbein des Schweine- schweins- 
schädels (Fraisbeinl, Saug'hör, Glehörbein), bei Knaben von einem ^^ ' 
Saubären, bei Mädchen von einer noch nicht trächtigen Sau, als Teil 
der sogen. Fraisenkette (Z. f. Oe. V.K. XIII, 100, 116, 118); ferner 
der Eberhauzahn, welchen die belgischen Freudenmädchen als Glücks- 
symbol trugen (Antwerpener Museumskatalog Nr. 2146). 

Das Schweineblut sühnte nicht bloß, es reinigte auch und sicherte vor 
dem Einflüsse dämonischer Mächte (Schlieben 19). Die verkohlten Reste eines 
verbrannten ganzen kranken Schweines erhielten am Niederrhein die gesund- 
gebliebenen Herdentiere als Vorbeugungsmittel gegen Schweineseuche (Z, f. rh. 
V.K. II, 1905, p. 298). Das Schwein war auch bei Römern, Griechen und Deut- 
schen ein Angangstier. Beim Lichten des Waldes, beim Schließen von Bündnissen, 
Hochzeiten, bei der Ernte war das Schwein bei den Römern das üblichste Opfer- 
tier (Lenz 189), überhaupt bei allen Opfern, die animalische und vegetative Frucht- 
barkeit erzielen sollten. 

Bei seinem Haupte wurde von Griechen und Germanen geschworen 
(Schlieben 21; Meichelbeck, Hist. Frising Nr. 159); des Ebers Haupt wurde bei 
der nordischen Julfeier als Kultessen aufgetragen; es war ein Opfer an Freyr, 
das sich auch in ein Zinstier (Goldterch genannt) veränderte; als Totenbeigabe 
findet es sich bereits in der Hallstattperiode; auf dem alemannischen Opferaltare 
ist das Schweineopfer zu 17^0 vertreten (Korresp.-Bl. f. Anthr. XIII, 1882, 18); 
als ßauopfer erwähnen es Henne am Rhyn 162; Jahn 18. 

Seine Vertretung in der Volksmedizin durch den Biber ist sehr 
wahrscheinlich, v. Oefele (Pharmaz. Zentralhalle f. Deutschi. 1903, 



^) „op/eii; xobc, ev. tüjv ;(otpojv, oic, y.a9'aipoDa:v &xav eiouvat jj-s^XoDatv" (Dict. 
des antiqu. gr. et r. III, 2,, .14,24, 1427) (s. u. Sohweinsleber);." 



XOO Gehirn. 

p. 458, N. 29) wies nach, daß in der Pharmakopoe der Babylonier 
von Hammurabi bis Nebukadnezar das Schweinefett noch fehlte, 
während das Fett von Rind, Hammel, Gans, Fisch, Löwe, Hund, 
Esel, Pferd, Wildesel, Hirsch, Gazelle bei denselben sozusagen alltäg- 
lich benützt worden war. Das Schmalz von einem roten ^) Schweine 
(smult af et rodt svin) erwähnt als Mittel gegen Würmer, die dämo- 
nistisch im Menschenfleisch hausen, Fonahn 36, 20 in der mittelalter- 
lichen nordischen Volksmedizin. Für geschlechtliche Potenz wird in 
Dalmatien eine Salbe empfohlen aus dem frischen Specke eines 
männlichen (s. S. 47) Ferkels mit drei Weizenkörnern (s. o. S. 44) 
(Krauß, Anthropophyteia IV, 235). Plutarch erklärte „Vulva porci 
nihil dulcius ampla", und Martial bespricht als Dehkatesse das Sumen 
porci, das Saueuter eines Schweines, das eben geworfen hatte und 
an dem die Jungen noch nicht gesaugt hatten (s. das Saueuter in dem 
antiken Metzgerladen Fig. 28). Hippokrates erklärte das Schweine- 
fleisch als die allerbeste Kranken- und Schwangerenkost (Fuchs HI, 
53, 416)-, unzähligemal benützte er das leichter schmelzende Schweine- 
fett als Vehikel. Celsus (H, 18) hielt das Schweinegehirn für 
weniger nahrhaft als das übrige Fleisch ; man war also zu seiner Zeit 
längst schon gewöhnt, Schweinegehirn zu essen. Athenäus (220 p. Chr.) 
schrieb: ..Suillum cerebrum. Eo vesci nostri philosophi non sine- 
bant, asserentes; si (piis id gustaret, par flagitium committi ac si roderet 
fabam, vetabant(]ue non capita solum parentum comesse, verum etiam 
animalium, quantumvis immunda et prophana sint, narrantes priscos 
homines ab iis rehgiose abstinuisse, quod collata sit in capite sensuum 
propemodum omnium sedes". Wenn hier von den Philosophen der 
Genuß von Schweinehirn mit dem von Bohnen gleichgestellt wird, 
so ist dabei daran zu erinnern, daß der Genuß der letzteren als eines 
Bestandteils der chthonischen Opfer von den Orphikern verboten war 
(Rohde ^ II, 126. Ueber das Bohnen verbot durch Pythagoras s. 
Wiener Zeitschr. f. Volkskunde des Morgenlandes XV, 1901, p. 187 
bis 212). Daß die Volksgenerationen vor Pythagoras schon den Sitz 
aller Empfindungen in dem Gehirne gesucht hätten und deshalb auch 
Sciiweins- das Sch w einegehir n nicht gegessen hätten, ist nach obiger Dar- 
legung (S. 52 ff.) nicht anzunehmen. Athenäus erlaubte sich ein 
Hysteron-Proteron und wußte nicht, daß auch die Aegypter den Kopf 
von gewissen Tieren, also auch das Gehirn derselben, nicht verzehrten, 
weil es als etwas Verfluchtes galt; aber auch das Schwein war bei 
den Aegyptern zeitweise ein heiliges Tier, das von seinen Anbetern 
einmal im Jahre sakramentahsch gegessen wurde; wer zu arm war, 
um den Schweinegott in natürlicher Theophagie verzehren zu können, 
opferte Kuchen in Schweinegestalt (Herodot II). Beim Opfer an den 
Mond wurde das Ende des Schweineschwanzes '^) samt der Milz 
und dem Bauchnetze verbrannt, der Rest des Fleisches aber com- 
munialiter verzehrt (s o. S. 22 ff.). Dieser Schweinegott galt als ein 
mit übernatürlichen Kräften begabtes Wesen (Frazer, The golden 
Bough II, c. 3, § 10), dessen Knochen auch zum Apotropäon (Ver- 



liirn. 



1) lieber die rote Farbe s. S. 32. 

^) Die oopa ^(oipou war in der ägyptisch-griechischen Hermeneutik 



oxopTCtoDoov (Dieterick'816). 



Gehirn. 



101 



Fiff. 28. 



treibung unholder Geister) werden konnten. Mit den fast verwitterten 
Läufen von Wildschweinen waren die Tore von Burgen und Schlössern 
benagelt (Globus XCI, N. 21, 337). 

Schweinsidole (Amulette) aus Ton (wie in Aegypten) finden sich auch schon 
in der ungarischen Steinzeitperiode (Korresp -Bl. f. Anthr. XIII, 1882, p. 113). 
Der Heros MeleagTOs gab seiner Geliebten, der jungfräulichen arkadischen Jägerin 
Atalanta, als das Beste den Kopf des kalydonischen Ebers. 

Bei den Schweden der Völkerwanderungszeit ist der Schweineschinken bereits 
eine Grabbeigabe (Montelius 246, 243 ff.; Sophus Müller II, 115, 141); auch bei 
den süddeutschen Völkern findet sich das Schwein (Kopf, Kiefer, Zähne etc.) als 
Grabbeigabe schon in der frühen Bronzezeit, in der La-Tene-Periode und in der 
Zeit der Völkerwanderung (Beitr. z. Anthr. Bayerns XIV, 100; XV, 183, 185, 187-, 
XVII, 29, 31, 34, 39, 42;-Arch. f. Anthr. XXVIII, 1902, 184). 

Sicher war der Saubär oder Schweinseber ein germanisches Opfer- 
tier, eine Toten- und Seelenspeise, die man als Juleber, Julgalt, Jul- 
gris, Goldferch etc. in Teigform forterhielt, 
da sein Genuß Sippe und Herde fruchtbar 
machen sollte. 

Der Schweinskopf wurde wie der 
Kalbskopf (s. o.) in den E-auchfang oder 
Kamin gehängt als Rest des Opfers an die 
Hausgeister (s. S. 25), deren Wohlwollen 
Seuchen von Haus und Hof ferne hielt. 
Schweinshirn und Schweinskopf spielen die- 
selbe Rolle wie Kalbskopf und Kalbshirn in 
der deutschen Volksmedizin. 

Das Wildschwein, welches (nach 
Aehan, 220 p. Chr.) (Lenz 196) für seine 
eigenen Leiden als heilkundig galt, vertritt 
das zahme Hausschwein; sein Fleisch ver- 
ordnete Celsus als nahrungsreichste Speise 
(Frieboes 702). 

Plinius (h. n. XXVIII, 42, 74, 60) er- 
wähnt das Schweins- und Wildsch w eins- 
geh irn als Mittel gegen Schlangenbisse: 
^^apri quoque c er ehr um contra cas (ser- ^"\n,^^2%^^922""Fig Ss ^* ^ ' 
pentes) laiidatur cum sanquine^^ , und teeren 4^^UI^^^ Metzgeriaden, in dem 

■^r . -I 1 -, j , y ,. der Metzger einen Eberkopf teilt, 

liarDUnkel: y^adverSUS CarbunClUoS suis fe- wahrend Schweinskopf, Schin- 

minae cerehrum tostum inUtumque^ ; ^ver- ^chwart^e'Är^^^^^^ 

encJorum CarhimCuUs cerehrum apri Vel und Herz oben aufgehängt sind. 

Sextus Platonicus (um 330 p. Chr.) wiederholt nahezu wörtlich 
diese Verordnungen, und zwar gegen alle Schmerzen: ^^ad omnes do- 
lores, quos cerehrum apri coctum et cum vino potatum sedat^^ , ferner 
gegen Genitalleiden: „ar/ carhunculos in veretro seu memhro viril i 
Apri cerehrum^ coctum contritum ex melle, et impositum carhunculos 
in veretro sanat^^, sowie gegen Schlangenbiß: ^^ad morsum serpen- 
tis, idem (cerehrum apri) eadem ratione vaJet^^ (p. 40.1). 

(1685) ^^Wann man den Harn und das Gehirn vom Wild- 
schivein in einer Blasen in Bauch(fang) lienget , so ivird ein Lini- 
ment daraus, das vor den Grind ( Unutaiisschlag ) tauget''^ (Schröder 
1249). Der hermetische Verschluß des Schweinskopfes im Rauchfange 




102 Gehirn. 

(s. S. 25) als Opfer an die Hausgeister verwandelte sich so in eine 
ammoniakalisclie Fettsalbe. 

17. Stachelschwein. 

Dornschvvein , y^oipö^poKko^ , ocxavO-o/o'.poc , e/Ivo? y^spoaloc, (?), ooxptl (a3-xp'4). 
Plinius VIII , 53 vergleicht es mit dem Igel (vergl. auch Liebrecht, 102). Dieses 
Tier, welches sich erst in den Zeiten der Verödung Mittelitaliens in Europa nieder- 
Stachel- gelassen hatte, fehlt bei der G eh irn Verwendung, wird aber vom gleichwertigen 
Schweins- Jgel (s. u.) vertreten; in der deutschen Volksmedizin ist wohl der sogen. Sauigel 
eine dunkle Erinnerung an diesen südlichen Winterschläfer. In den magischen 
Büchern der griechisch-ägyptischen Juden (300 — 350 p. Chr.) spielte das Tier eine 
Rolle (Neue Jahrb. f. Philol. 1888, Suppl.-Bd. 16, p. 784, 816); auch erfährt das 
Stachelschweinsblut (ai|j.a yo'.pOYpöXXoo) bei den Magiern oder Propheten eine 
Hermeneutik = aXrjö-ojc; ^io:po'(r,ö\koo — wirkliches (?) Stachelschwein (Dieterich 816); 
auf kretischen Bilderschriften auf Stein geschnitten, aus der mykenischen Periode 
kommt bereits das Stachelschwein als magisches Zauberzeichen vor (Furtwänglers 
A. G. III, 52, Fig. 37); jedenfalls gelangte das Tier in die deutsche volks- 
medizinische Organotherapie aus südlichen Literaturquellen. 

Gesners Tierbuch erwähnt das Fleisch d es Stachelschweins 
als geburtshilfliches Mittel (Jühling 343). 

18. Hyäne. 

Oft von den betr. Völkern, wo sie heimisch ist, mit Hund und Wolf ver- 
glichen; die deutsche Bezeichnung stammt aus dem Griechischen: Gacva = schwein- 
ähnliches Borstentier, das im Inneren von Afrika noch heutigentags die Leich- 
name armer und unfreier Leute bestattet, welche ihm gleichsam zum Fräße vor- 
geworfen werden (Brehm II, 5); Aristoteles (VIII, 72) meinte, daß die Hyäne, um 
Menschenfleisch essen zu können, auch Gräber aufwühlt, und auch Plinius (VIII, 30) 
teilt diese Anschauung. Der das Menschenfleisch würgende Hyänenrachen (palatum 
arefactum hyaenae) ist ein magisches nekromantisches Mittel gegen übelriechende 
Mundgeschwüre (Plinius XXVIII , 27). In des letzteren Naturgeschichte spielt 
dieses mit den Menschenleichen in Verbindung gebrachte nächtliche Raubtier 
(wie auch der Maulwurf, Geier etc.) eine große Rolle, wobei aber auch mancher 
Volksglaube, der sonst dem Hausschweine eignete, auf die Hyäne übertragen 
wurde. Würde der Name (ucz'.va = Sau , Borstentier mit Schweinegestalt) nicht 
schon die Gleichstellung mit dem Schweine verraten, so wäre diese sicher noch 
gegeben durch die gleiche Wertschätzung des Atlasbeines bei Schwein und Hyäne 
in der Volksmedizin. Plinius h. n. XXVIII, 27: „quin immo totius domus con- 
cordiam eodem genitali et articulo Spinae (hyaenae) cum adhaerente corio ad- 
servatis constare, hunc Spinae articulum sive nodum Atlantion vocant, est autem 
primus; in comitialium quoque remediis habent eum." 

Dieser erste Halswirbel (Atlas) wird nach Fahz 154 auch von 
Seneca Med. als Liebeszaubermittel erwähnt: „durae nodus hyaenae". 
Es ist dieser Knochen in Höflers Krankheitsnamenbuch als König 
(S. 288), als 8äu-Ludi (= Saumännchen) (S. 368), als Saujungfer 
(S. 252), Auferstehungsknöchel (S. 280), Judenknochen (S. 281), Jungfer 
im Bade (S. 253), Eeibnagel (S. 432), Luz (S. 381) aufgeführt und 
hat immer nur Bezug auf den ersten Wirbelknochen des Hausschweins \ 
er heißt auch „ossiculum Judaeorum", weil die jüdischen Aerzte, die 
aus alten Quellen schöpften, die Tradition dieses volksmedizinischen 
Mittels besorgt hatten. Die Korrelation dieses Schweineknochens mit 
dem Hyänenatlantion ist so auffallend, daß man annehmen muß, Hyäne 
und Schwein galten z. T. als volksmedizinisch gleichwertig. Wenn 
Plinius XXVIII, 27 die Hyäne als besonderes magisches Tier bezeichnet 
(^^Hyaenani Magi ex omnibus animaltbus in maxima admirationc po- 



urn. 



Gehirn. 103 

suerunt, utpote cid et ipsi magicas artcs dedcr'mt vimrjue qua alliciat 
ad sc homines mente alienatosV ^ so liegt das vermutlich nur in der 
Stellung der Hyäne als leichenfressendes , schweinähnliches Raubtier, 
dessen seelengesättigtes Blut die sonstige Kunst der Magier überflüssig 
machte; diese brauchten dann die Totengötter nicht mehr eigens her- 
auszufordern oder anzureden zu ihren volksmedizinischen Heilzwecken, 
„non elici deos nee conloqui" (1. eod.), da in der Hyäne schon die 
Zauberkraft des Totengeistes verkörpert war. Die Hyäne ist ein ver- 
larvter Höllengeist auch bei den Arabern (Brehm H, 2). 

Plinius h. n. XXVHI, 27 erwähnt die Benützung des Hyänen- Hyänen- 
gehirns als fettiges Vehikel für die Hyänenherzasche bei zitternden 
oder erschreckten Kranken : ^^tremuUs, spasticis, exilientihus et qui- 
hiis corpalpitet aliquid ex corde (hyaenae) cochim mandendum ita ut reli- 
quae partis cinis cum cerehro hyaenae inlinatur'"'' (also als Dämonen 
vertreibendes Mittel), ferner: ^^sinistra parte cerebri narihus inlita 
niorhos perniclosos mitigari sive Jiominum sive quadripedum''^ (l, eod.) 
als Nasensalbe bei bösartigen dämonischen Menschen- und Tierkrank- 
heiten ^). „Die Araber glauben steif und fest, daß Menschen vom 
Genüsse des Hyänengehirns rasend werden" (Brehms Tier- 
leben II, 1); sie vergraben den Kopf (Hirnschädel), um bösen 
Zauberern die (xelegenheit zu übernatürlichen Beschwörungen zu 
nehmen. 

19. Luchs. 

Lynx, XuYs- Ei' wurde von den älteren römischen Naturforschern mit der 
Hyäne (s. o.) zusammengeworfen; namentlich gilt dies vom Sumpf- und Wüsten- 
luchs, den sie als geflecktes afrikanisches Tier mit dem gemeinen Luchs identifizierten 
(Keller 144); im Altniederdeutschen wird sogar der Panther mit dem Luchs ver- 
wechselt (pardus = lohs) (Keller 388)-, in der germanischen Mythologie vertreten 
sich auch Luchs und Katze. 

Die Asche der verbrannten Luchskrallen und -haut sollte 
nach Plinius XXVIII, 8, 32 gegen Hautjucken helfen (Katharsis). 
Die gegen Epilepsie verwendeten, im 17. Jahrh. in Silber gefaßten 
Luchskrallen (Schröder 1303) waren schon bei den Schweden der 
Völkerwanderungszeit eine Totenbeigabe (Amulett?) (Montelius 141, 
S. Müller I, 471). Fahz (154) führt an, daß man die „viscera 
lyncis" zu Liebeszauber verwendet habe, „vires arcanas in lyncibus 
inesse" (Plinius h. n. XXVIII, 122), s. Fuchsherz. Luchsfleisch 
gegen Schwindel suchte man 1819 in Bayern zu verwenden (Sepp). 
Luchssporn und Luchsknochen erwähnt Jühling 344 als Mittel 
gegen Galle, Gicht und Halsmandelschwellung. 

Luchsgehirn (Kopf) ist nirgends erwähnt. Luchshirn. 

Nur die Anlehnung an die Hyäne (s. o.) erklärt zum größten 
Teil die volksmedizinische Wertschätzung, wobei die Autorität des 
Plinius alles entschuldigen muß, was von dem Tiere das späte Mittel- 
alter an magischer Wirksamkeit noch ausfindig machte. 

20. Kamel. 

v-ä^r^oc, (hebr. gämal = schönes Tier V) , das die Indogermanen nicht ge- 
kannt haben. In einer sabäischen Weihinschrift w^erden Gott zwei goldene Kamele 

') S. 0. S. 38. 



104 Gehirn. 

geweiht, damit er den Dedikator vor der Gliederkrankheit der Kamele bewahre 
(Demonstratio ad oculos) (Nielsen 119). 

Das Kamel als asiatisches und afrikanisches Haus- und Reittier 
spielt, wie auch der Elefant (Esel, Pferd), eine große Rolle in der 
orientalischen Volksmedizin, aus der auch Plinius zur Genüge schöpfte, 
während Celsus (1. Jahrh. v. Chr.) das Kamel als Heilmittel lieferndes 
Haustier nicht erwähnt und Plinius ihm sogar die Galle (s. u.) ab- 
leugnet. Der Kaiser Heliogabal wollte sich von der Epilepsie heilen 
durch ein Mittel aus Kamelfersen, Hahnenkämmen und Pfauenzungen 
(Keller 22). 
Kamelhirn. Der Kamelschädel findet sich als Apotropäon noch heute im 

Orient und Afrika. 

Plinius, der hierbei sicher ägyptischen Quellen folgte (Janus 
1899, 182), empfahl das Kamelhirn gegen Epilepsie: .^camcJi vere- 
hr um arefaetiuti imiHuique ex aceto eom'dialihus morhis ajunt mederi''^ 
(h. n. XXVIII, :26); Htm folgen Scrapion von Alexanilrien (10. his 
11. Jahrh. p. Chr.) (Janus 1809, p. 126) und im 15. Jahrh. der 
deutsche Naturhuchschreiher Konrad von Megenherg (Janus 1899, 
p. 185) ; die gleiche Verwendung als Epilepsiemittel finden aber auch 
Eselleber, Eselhoden, Eselherz, Fohlenmilz, Pferdeharn, Pferdehirn etc., 
also die Organe der übrigen deutschen bezw. römischen häuslichen 
Reittiere. Das Kamel ist sonst den Römern und Griechen ziemlich 
fremd geblieben, während es bei den Persern und Arabern einen 
Opferbraten lieferte (Keller 36). 

21. Löwe. 

Leo, Xecüv, Xi^, XIaiva (= graugelbes Tier); ahd. lewo. Die Griechen zur 
Zeit von Homer kannten den Löwen als einheimisches Raubtier; Herodot und 
Aristoteles bezeugen ihn in Thrazien und Nordgriechenland ; die Indogermanen 
aber kannten ihn nicht. Mehrfach erscheint der Löwe als Attribut der griechi- 
schen Mondgöttinnen und der Hera; die Totengöttin Hekate heißt geradezu Xsatva 
(= Löwin); auch zur Artemis und zur Kybele-Göttin hatte die Löwin Beziehung 
(Keller 446; Röscher, Selene 104, 146). Im 2. Jahrhundert p. Chr. stellten die 
Römer die Todesgottheit als einen geflügelten Löwen dar, der den Kopf eines 
Menschen zwischen den Vordertatzen hält. Sitzende Löwen als Grabwäohter 
(Cannstatt) ^) deuten ebenfalls mit Sicherheit auf das chthonische Wesen des 
Löwen hin; als solches heilte er sich selbst beim Fieber mit Affenfleisch (Keller 7) 
und wurde wie ein furchtsam verehrtes Wesen auch in Aegypten mit dem Toten- 
opferfleische , dem Gänsefleische, genährt (Keller 286); er hat Beziehungen zu 
(importierten) Krankheitsnamen^); löwenköpfige Dämonengestalten (Löwenmenschen) 
weist Niniveh auf (Keller 338) , und der Löwensamen (y6vo<; Xeovxoc) ist identisch 
mit Menschensamen (avO-pojäoo ^(ovoq) (Dieterich 816). 

Löwen fleisch als Mittel gegen elbische Phantasien, Löwenblut als 
Sicherheit des Körpers vor allen Bestien, und Löwenfett als Mittel gegen Ohren- 
schmerzen, Schlangenbisse, Fußschmerzen und alle Arten von Nervenschmerzen etc. 
erwähnt Sextus Platonicus (um 380 p. Chr.) ; wobei daran zu erinnern ist, daß das 
subjektive Schmerzgefühl früher der Tätigkeit eines vexierenden inneren Dämons 
zugeschrieben wurde. 

Löwenfett als erweichendes Suppositorium bei weiblicher Sterili- 

Löwenhirn. tat erwähnt Celsus (V, 21, N. 7). Das Löwenhirn führt Plinius 

nicht an; erst Schröder (1685) gibt S. 1310 an: j^Äus dem Ge- 



^) Korresp.-Bl. f. Anthrop. 1907, S. 54. 
2) S. Krankheitsnamenbuch S. 376. 



Gehirn. 105 

liirne des Löivcn kan man gleichfalls einen Spiritus (IrstilUren, 
der in der scJiiveven JVoth, Pest und Mutterersteckuruf große 
Krafft besitzt etc.^^', denn Plinius, h. n. XI, 277 hatte das Orakel- 
dogma aufgestellt: ^^Animae leonls virus grave ursi pestilens.^'' Das 
chthonische Wesen des Löwen allein schon erklärt zur Genüge diese 
Verwendung des Löwenhirns und des Löwenfleisches. 

22. Esel. 

EquLis asinus, "Ovog (o<;\/o<; = asiniis), ovnc, a^(piO(; (Onager), Yaoapo^ ; neugriech. 
YOjxapt {= Lastträger); an. asni, ahd. esil. Das südliche, vermutlich aus Aegypten 
stammende Reittier, das den Indogermanen fehlte. Bei den Persern wurde der 
Esel einer dem Mars entsprechenden Gottheit geopfert (Movers, Phon. I, 366). 
Bei den Phönikern wurde er dem Typhon-Moloch als Opfer dargebracht (1. c. I, 
406) ; bei den Juden galt die Erstgeburt des Menschen und die des Hausesels als 
gleichwertig (1. c. I, 3G6); bei den Aegyptern hieß „Esel des Priesters" auch das 
alltägliche Opfcrgewürz Majoran (Berendes 290) (Aphrodisiacum?). „Apud Lam- 
psacum (Hauptort für den griechischen Priaposkult) Priapo litabilis victima est 
asellus, cujus sacrificii ratio in Fastis haec redditur . . . apud Romanos vero 
eundem Vestalibus sacris in honorem pudicitiae conservatae panibus coronari 
(s. o. S. 34, Oktoberroß). Nam sicut Lunae taurus mactatur, quia similiter habet 
cornua, ita in hoc quia magnitudo membri virilis est enormis, non potuit ei 
monstro aptior victima reperiri quam quae ipsum, cui mactatur, posset imitari" 
(Firm. Lactant. Institut. Div. Lib. I, 21), d.h. als Demonstratio ad oculos wählte 
man den priapischen Esel zum Opfer für die Hilfe des Priapos. Das Bild eines 
priapischen Esels wurde in Rom auf Kuchen gemalt, welche die Frauen der Natur- 
gottheit opferten (Friedrich, Symbolik 46); auch beim phallischen Kulte des 
Dionysos erhielt dieser Eselopfer (Nilsson 265) und im Hyperboreerlande er- 
freute sich auch der Heilgott Apollo an Esel-Hekatomben (Movers, Phon. I, 366). 

Eselfleisch und Esel milch (mit Honig) empfahlen auch 
Hippokrates (Fuchs II, 491, 518) und Sextus Platonicus (p. 407). 

Celsus (um Chr. Geb.) (II, 18) erklärte das Wildeselfleisch 
als besonders kräftige Kost; nach Plinius hatte Mäcenas in Rom die 
Mode aufgebracht, junge Esel zu essen. Also sehr alt kann die Ver- 
wendung des Esels in Rom nicht gewesen sein-, volksmedizinische Be- 
nützung erfuhr das Eselgehirn schon dsimsih (PI i7iius,h. n. XXVIII, Eseihün. 
63): „conätiali morbo dantitr . . . (asini cerebrum) ex aqua mulsa in- 
fumatum prius in foliis" ; der Opferblätterschmuck bei diesem Mittel 
gegen Epilepsie scheint damit angedeutet zu sein; auch das Esel- 
blut ist ein solches Mittel (Wuttke ^ p. 355); der um 330 p. Chr. 
lebende Sextus Platonicus (p. 407) erwähnt das Eselblut, 3 — 4 Trop- 
fen aus der Ohrvene (s. S. 33) genommen, als Mittel gegen das 
Fieber bezw. gegen die Fieberdämonen. Im Kanton Zürich gebraucht 
man als Mittel gegen den blöden Kopf (Geistesschwäche) eine (anti- 
dämonische) Waschung mit Eselblut (Schweiz. A. f. V.K. II, 258). 

In Bosnien wird durch das Einbacken von Eselhirn in Kuchen 
oder sonstige Speisen eine Liebe erzeugende Wirkung durch deren 
Genuß erstrebt, weshalb dort das Volk sagt: „sie (das Mädchen) hat 
ihm Eselhirn zum Verspeisen gegeben", d. h. ihn verliebt, geil wie 
einen Esel oder brünstig wie einen Kater (s. o. S. 77) gemacht; doch 
kann diese Hirnwirkung erst einem relativ späten Volksglauben ent- 
stammt sein, der von der Lehre von dem Sitze der Seele im Gehirn 
schon beeinflußt war (Wissensch. Mittig. aus Bosnien III, 565); als 
Fruchtbarkeits- oder Geilheitsmittel fungiert auch die Eselmilz 



106 Gehirn. 

(s. u.), d. h. der Teil des ganzen Tieres; so half auch das Eselfell 
als Teil des ganzen Tieres gegen Winde (s. Pferd). Der unfrucht- 
bare Maulesel (mula) wurde als unfruchtbar machendes Mittel be- 
nützt; auch als gynäkologisches Mittel gegen zu starke Periode; so 
der ]\[auleselkot , wie auch der Eselkot bei Hippokrates (Fuchs II, 
573; III, 378), s. auch Mauleselherz. Bei den Alten war der Glaube 
verbreitet, daß die Maultiere (mulae) keine Jungen würfen (Juvenal. 
Satyr. XIII, 66; Plinius, N. H. VIII, 173; Herodot III, 153 etc.). 
Das Maultier war der Mondgöttin Selene geweiht (Röscher, Selene 103); 
vermuthch als Mittel gegen die weibHche Mondkrankheit (Menses). 

23. Pferd, Roß. 

Equus (das schnelle Tier), 'Uko^. Bei den mongolischen Massageten war das Pferd 
ein Opfer an den Sonnengott (Herodot I, 216). Schwarze Rosse opferten die alten Indier 
an den Flußgeist (Baltzer 80). Bei den Grriechen war der Schimmel das häufigste 
Opfer an die chthonischen Gottheiten, das weiße Totenpferd des germanischen 
Schimmelreiters (A. f. R.W. VIII, 204, 207, 211, 212, X, 56 fr.; Nilsson 72). Die 
Athener schlachteten dem skythischen Heilheros Toxaris, der bei der Pest geholfen 
haben soll, an seinem Grabe ein weißes Roß („Xeoxo«; iittco? xataO-üofxsvo? stcI tw 
jj,vr,|xaxi") (A. f. R.W. YIII, 207). Den Windgottheiten opferten die Lakedämonier 
beim Wetterzauber in kultischen Formen Pferde (Nilsson 445), wie auch das Fell 
des (Reit-) Esels Winde abhalten sollte (Furtwängler III, 440). Roßzunge 
empfahl der um 330 p. Chr. lebende Sextus Platonicus PapjTcnsis mit den Worten: 
„Ad splenis dolorem Equi lingua minutatim concisa ex vino potata spleneticis 
Optimum remedium est" (p. 408). Ueber die Verwendung anderer Tierzungen 
s. S. 25, 45, 52, 83, 88. Roß fleisch wird in Flandern gegen Sehnen- oder Nerven- 
verdehnung gebraucht (De Cock 89), sowie gegen Magenschmerz (De Cock 172). 
Das Roß als Bild ist auch 1671 der Teil einer sogen. Fraisenkette (Z. f. Oe. V.K. 
1907, XIII, S. 104) , um die Konvulsionen machenden Krankheitsgeister fernzu- 
halten. Das am 15. Oktober bei den Römern „ob frugum eventum" dargebrachte 
Oktoberroß war nach Frazer (The g. B. II, 3, § lO) ein mit Brotringen geschmückter 
Vegetationsgeist; um dessen Kopf stritten sich die ältesten Quartiere von Rom 
(nach Festus) (Lenz 208). 

Pferdeiiirn. Sicher war bei den Römern das Pferdehaupt oder der Roß- 

schädel ein die Würmer oder Krankheitsdämonen vom Stalle fern- 
haltendes Mittel. Die Sage von kopflosen Gespenstern hängt oft mit 
dem Opfer des Tierhauptes zusammen; die Sage von kopflosen 
Schimmeln und Eseln kehrt auch in Deutschland oft wieder (Urquell 
IV, 192). lieber das Pferdekopforakel in Nordböhmen s. Z. f. Oe. 
y.K. XTII, 1907, S. 135, überhaupt dürfen wir das germanische Pferde- 
opfer als genügend bewiesen annehmen. Das Pferd war ein Orakel- 
und Opfertier an Wodan, den höchsten Gott; sein Kopf bUeb noch 
lange Zeit die Substitution des teuren Pferdeopfers ; 8 ^/o aller Opfer- 
gebeine auf dem Lohensteine fielen auf das Pferd ; es war ein Brand- 
opfer, Seuchenopfer und Bauopfer. Bemerkenswert ist hierbei der 
von Sloet 158 mitgeteilte Bericht, daß bei dem Abbruche der Mino- 
ritenkirche zu Keulen man 6 Pferdeköpfe vorfand, welche rote und 
schwarzfarbige Ringe um die Augenhöhlen und ein aufgemaltes Ham- 
mer- oder Kreuzzeichen auf dem Vorhaupte trugen, ein Analogon zu 
den Blumenkränzen, welche auf Totenschädel und auf Eier aufgemalt 
werden. 

Im 10. Jahrh. steckte man in Island auf Neidstangen Pferde- 
köpfe als Mittel gegen Dämonen auf; gegen den Pferdemahr hing 
man in Deutschland in Stallungen einen Roßschädel auf; gegen 



Gehirn. 



107 



Viehseuchen brachte man in der Schweiz Roßköpfe am Dachstuhl 
an (Lütolf 331, 332) und gegen den Alpdämon legte man einen 
solchen unter das Kopfkissen. 1584 empfahl M. Fugger das Gebein 
vom Stuten köpf als Würmer, Raupen und Ratzen vertreibendes 
Hausmittel, das auf Gartenstangen (den nordgermanischen Neidstangen) 
aufgesteckt wurde (Jahrb. f. Landeskunde des Herzogt. Schleswig- 
Holstein 1860; Andree, Parallelen; Scheible IX, 98, 100; Mannhardt I, 
515; Globus XCI, 363 ff.). Gerade der in Deutschland so häufige 
Pferdeschädel (in Afrika der Kamelschädel) ist ein Beweis, wie das 
volle Haustieropfer immer mehr verkümmerte; der Pferdeschädel ver- 
tritt das Pferdegehirn, das sonst nicht erwähnt wird; die Roß- 
zähne sind das Substitut des jungen Tieres, wie die Hufeisen (Kühnau, 
Mittig. d. Schlesisch. Ges. f. V.K. XV, 1906, 127). Bei den Persern 
ist das Pferdestirnbein, mit Fett gemischt und verbrannt, ein Mittel 
gegen den Kopfschmerz (Demonstratio ad oculos bei dem Pferdeopfer) 
(Globus 1901, S. 202). 

24. Reh. 

Cervus capreolus, capra sylvatica, caprea, capreolus, chevreuil, vsßpoc, Sopv.ac, 
Copy.ac, neugr, Capv.aSi (Keller 104, 95, 363 ff.)? 3opxi§iov (s. auch Steinbock), oöp^ etc. 



Fig. 29. 




Aus Dictionnaire des antiquites grecques et roraames III, 2, p. 1486. _ 

Ein Reigen in Ekstase tanzender Mänaden, welche, in wallenden Bassaiagewandern, mit wild 
flatternden Haaren, den Thyrsosstab schwingen; eine trägt ein geflecktes Reh als Opfer an 

den Dionysos-Bakcheios. 

— Das Reh war eine Stellvertretung der Ziege, aber auch vielleicht wegen seines 
gefleckten Felles bei den Dionysien Vertretung des Panthers (Keller 148 ff) ; Reh- 
opfer fanden bei den Griechen zu Patrai in Achaia zu Ehren der Artemis Laphnia 
statt (Pausanias VII, 18, 12)-, bei den Dionysien wurden die Rehkälber von den 
Mänaden wie Kinder sorgsam gepflegt und an der eigenen Brust ernährt und 
dann in der wollüstigen Ekstase lebend zerrissen und roh verzehrt (Keller 94; 
Nilsson 262) (Omophagie, Theophagie). Fig. 29 stellt eine solche ekstatisch tanzende 
Mänade dar, welche ein solches Gottreh emporschwingt-, das Rehlein (Sopxc^iov) 
stellt den Gott selbst dar. Sonst hatte das Rehkitz vielfache Beziehungen zu der 
Erotik der Griechinnen (Keller 95 ff.), übernommen aus dem Dionysoskulte 



108 



Gehirn. 



Rehhirn 



(Rohde II, 10). Schon in der frühen Bronzezeit war das Reh eine Totenbeigabe 
bei den Etruskern, Schweden und Bayern (Korresp.-Bl. f. Anthr. 190G, S. 132; 
Beitr. z. Anthr. XIV, 100; Beilage z. Allg. Ztg. 24. V. 1906. S. 359). Als Opfer- 
tiergebein fand es sich auch auf dem Opferaltare am Lohenstein (Korresp.-Bl. f. 
Anthr. XIII, 1882, 19). 

Rehfleisch bezeichnete Celsus (1. Jahrh. a. Chr.) II, 1830 als 
kräftiges aber verstopfendes Nahrungsmittel; sonst war dasselbe bei 
den Römern beliebt. Oassias Felix empfahl es als Krankenkost (5. Jahrh. 
p. Chr.), und der gotische Arzt Anthimus (5. Jahrh. p. Chr.) lobte 
es ebenfalls als leicht verdauHch (Keller 87). 

Rehblut spielt als Mittel gegen die Kolik (Sextus Platonicus 
cap. IV, p. 400) dieselbe Rolle wie Bocksblut (s. d. S. 94), wie über- 
haupt der Rehbock und der Steinbock vielfach den Ziegenbock in der 
Volksmedizin vertreten. 

Rehgehirn wird nur beim Sextus Platonicus in der Volks- 
medizin der Römer des 4. Jahrh. p. Chr. als Mittel gegen elbische 
Nachtgeister und Epilepsie erwähnt, mit den Worten: „Ne infans 
Phantasma inrurraf ant cadiicus ftat. Caprcae cerehriim per an- 
mdum aurcum (Zauberring) frajcctiim, si hifanti dcgiuticndum dcdcris, 
anteqiiam lac niatris sugot, rcre e/ficif, ut nee phantasnia incurrat ncc 
caducum admittat" (p. 401), (vergl. Hasenhirn); es vertritt also ganz 
das Ziegengehirn (s. o. S. 95). 



Gemsen- 
liirn. 



25. Gemse. 

Mlat. cambizza, capra, rupicapra, ai'(a'(poc, -/^ifx'/tp''/. Vertritt als „wilde Ziege" 
die Hausziege, den Ziegenbock, wie den Steinbock (s. o. S. 9ö) ; das Wild aber 
war im Opferkulte der Phönikier, Aegypter und Griechen bereits eine Stellvertretung 
für das Haustier (Movers, Opf. 33; P. Stengel 372). Bei den Griechen war die 
Gemse ein Opfer an die Artemis Agrotera (Keller 49). 

Gemse und Steinbock galten als heilkundige Wesen (Celsus IV, 49; Beren- 
dcs 390) wie die Ziege (S. 93). 

Gemsengehirn fehlt in der Volksmedizin der Römer und 
Deutschen, soweit es uns bekannt geworden ist. 



26. Murmeltier. 

Mankei, Mangelkatz, Arctomys, Mus alpinus Plinii (VIII, 37, 55), Mus mon- 
tanus, ahd. muremontano , Murmentel, Uramentel. Das Tier hat seinen Namen 
von „maunken", im Dunklen hausen wie ein Butzeumaunke. 

Nach dem Glauben der russischen Tungusen sind alle Murmeltiere , die 
„unterirdisch" hausen, einmal Menschen gewesen, und zwar übermütige .Jäger, die 
zur Strafe für ihren Mutwillen zu Murmeltieren verwandelt wurden (Brehm ^ II, 300). 
In der römischen Volksmedizin spielte das Murmeltier keine Rolle. Den Urquell 
der Pest sucht man heute bei den Murmeltieren des mittelasiatischen Hochlands. 
Die Tungusen und Burjäten verfolgen sie, töten sie und nehmen ihre Eingeweide 
heraus, wobei sie besonders das Zellgewebe der Achselgegend (Pestbeulensitz), das 
sie für giftig halten, herausräumen nach einer religiösen Verpflichtung, wobei sie 
also eine Art Fleischbeschau üben und kranke Tiere von gesunden zu unter- 
scheiden lernen. Sogen. Aberglaube und Emjjirie treffen sich also hierbei. 

Der Jesuit Athanasius Kircher (f 1680) hielt dasselbe noch für einen Blend- 
ling von Dachs und Eichhorn (s o. S. 73); seine Verwendung hat viele Analogieen 
mit dem Dachs (s. o. S. 72), dessen Fett (adeps taxonina) schon Marcellus Em- 
piricus (4. Jahrh. p. Chr.) erwähnt. 

Sein geräuchertes Fleisch gilt als besonderes Stärkungsmittel 
für Wöchnerinnen; sein Mankei seh malz soll Gebärenden die Ent- 



Gehirn. 109 

bindung erleichtern, Leibschneiden heilen, dem Husten abhelfen, Brust- 
knollen zerteilen-, der frisch abgezogene Balg (balneum animale) wird 
bei Gichtschmerzen übergelegt (Brehm 1. c; Jühling 4, 11, 62-, Höfler, 
Volksmedizin 144); die auffallende Fettbildung, die sich bei allen 
Winterschläfern zeigt, ist das Begehrenswerteste am Murmeltier für den 
deutschen Jäger; spezielle innere Organe werden dabei nicht gesucht. 

Murmeltierhirn fehlt in der Volksmedizin. Murmei- 

tierhirn. 

27. Maus. 

Mus, jjLÖ«;, ofiiv^oc, a|j,iv9'ioVj ahd. müs, sorex, Spitzmaus, franz. souris {o'jpy(i = 
pfeifendes Tier). Das kleinste indogermanische Säugetier und elbisch-chthonisches 
Haustier, das bei den verschiedensten Völkern ehrfurchtsvoll behandelt und wie 
ein prophetisches Wesen verehrt wurde (Lenz 152, 154). Es war aber auch ein 
Opfertier. Bei den Babyloniern stand das Opfer der Hunde mit jenem der Schweine 
und Mäuse gleich (Movers, Phon. I, '219, 405). Die Kananäer opferten gegen 
Seuchen auch Mä,use als Weihegeschenk {.Tanus 1900, S. 613), und der seltene, 
aber sichergestellte Genuß des Schweinefleisches (s. o. Schweinehirn) war mit 
Opfermahlzeiten von Mäusen begleitet (Jesaias 65, 3; 66, 3, 17 ; Movers, Phon. I, 219). 
Daß bei den Semiten bis zu den Zeiten von Jesaias die Maus ein heiliges Opfer- 
tier war, belehrt uns Frazer (The golden Bough II, c. 3, § 10); es war sicher ein 
sehr alter Opferritus, wobei die Mäuse bei allerdings seltenen, aber umso feier- 
licheren Gelegenheiten als der Leib und das Blut von Gottheiten sakramentarisch 
verzehrt wurden (Theophagie), während man außerhalb dieser Zeit diese Tiere, weil 
heilig, „tabu", nicht genoß. Bei den Aegyptern war auch die Ratte eine Gott- 
heitsgestalt (A. f. RW. VII, 479). Auch der griechische Kult des Apollo Smintheos 
hatte ganz deutlich solche Totemreste (Nilsson 142 ff.). Apollo aber war der 
Hauptheilgott der Griechen, der schon in der Ilias als solcher auftritt (Nilsson 84, 97); 
er beherrschte die Hilfe der Seelengeister, welche Krankheiten (Seuchen) brachten 
und heilten. 

Apollo (aTCo-irllto? = Uebelabwehrer) , dessen Smintheuskult vermutlich aus 
dem Oriente nach Griechenland verpflanzt worden war, weist sicher solche Totem- 
reste auf, die älter als Apollo sind; „als die totemistischen Vorstellungen ver- 
blaßten und unverständlich wurden, wurde der (ApoUon-) Kult ein apotropäischer, 
der die Abwehr der Tiere (Mäuse) bezweckte und daher an Apollo anheftete" 
(Nilsson 101). Wegen einer Mäuseplage verhängte ein Bischof von Autun im 
15. Jahrh. den Kirchenbann über dieses Tierchen, und in Sondershausen setzte man 
aus gleichem Grunde einen Büß- und Bettag an (Brehm ^ II, 348). Die Mäuse sind 
indogermanische Seelengestalten, chthonisch-elbische Tiere. Zu Füßen des Gottes 
Apollo als Bildsäule lag eine Maus, ein Werk des berühmten Bildhauers Skopas 
(400 a. Chr.) (Lenz 152). Die Einwohner von Amaxitos in Troas verehrten (nach 
Aelianus XII, 5) (220 p. Chr.) Mäuse und benannten auch den von ihnen verehrten Gott 
„Sminthios"; für diesen wurden zahme Mäuse gehalten, die auf Staatskosten gefüttert 
wurden; auch nisteten weiße Mäuse unter dem Altare, und neben dem Dreifuße Apollos 
stand eine Maus (Lenz 154 ff.). — Die Schar der Seelengeister, welche zu bestimmten 
Jahreszeiten ausschwärmt, hat ihr Analogon in „Gottes Heerzug" der Mäuse, der 
sich mit jeder Seuche einstellt (Rochholz, Drei Gaugöttinnen 181). Nach Strabo III, 4 
brachten die Mäuse im Lande der spanischen Iberer die Pest; nach Plinius VIII, 
56, 82 stehen sie unter dem Einflüsse des Mondlichtes wie die Fische. Im deutschen 
Volksmunde steht die Maus auch mit Krankheitsnamen in Verbindung (s. Höfler, 
Krankh.N.B. S. 406 ff.). Die Russen glauben, daß die Blindmaus dem Menschen 
besondere Heilkräfte verleihen könne, indem derjenige, welcher Mut genug hat, sie 
auf seine bloße Hand zu setzen und mit seiner Hand zu erdrücken, eine sogen. 
Heilhand gegen das Königsübel (s. Krankheitsnamenbuch S. 761) erwirbt (Brehm HI, 
401), weshalb auch die Blindmaus dort „Drüsenarzt" heißt, d. h. der Totem geht 
als Heilkraft auf die Hand des Erwürgers über und gibt ihm apoUonische Kräfte. 
Diese Blindmaus kann auch Fledermaus sein (s. u.). — Im Altnordischen heißt die 
eingewanderte Ratte völsk müs = welsche Maus. 



^) Nielsen 120 bildet eine alt-südarabische vergoldete Maus als stellvertreten- 
des Opfer (gegen Pestbeulen?) ab. 



110 Gehirn. 

Bei den Juden war die Spitzmaus auch ein Heilmittel gegen 
den Schlangenbiß und ein Amulett gegen Viehkrankheiten (Blau 166) 
und zur Befreiung von Seuchen (Janus 1900, 612). Bei den Griechen 
gehörte die Spitzmaus ([iOYaXtj) i) zu den heiligen Tieren der 
Mondgottheit (Selene) , die selbst wieder vielfache Beziehungen zum 
Seelenreiche und zum gynäkologischen Heilverfahren hatte (Röscher, 
Selene 189). 

Maushirn. ^^^® ^^^ Spatzenhirn so ist manchmal auch das Mäusehirn als 

die verkümmerte Form der Hirnverwendung überhaupt aufzufassen. 

Mauskopf. 1^6^ Mäusekopf aber vertritt wieder das ganze Tier; ein solches 
ganzes Tier zu essen als Mittel gegen Zahnschmerzen empfahl der 
Pseudo-Dioskurides (4. Jahrh. p. Chr.) (Janus 1907, p. 86); das Ab- 
beißen oder Köpfen eines lebenden Maus köpf es als Mittel für leichteres 
Zahnen oder gegen Zahnfraisen ist schon eine Verkümmerungsform 
(Wuttke ^§ 601; Jühling 124); wenn dabei sogar drei Mäuseköpfe 
den lebenden Tieren abgebissen werden — also eine ganze Mäuse- 
mahlzeit gehalten wird — und wenn diese abgebissenen Mäuseköpfe 
um den Hals gehängt werden (Jühling 1. eod.), so sind das weitere 
Ausartungen des ursprünglicheren Verzehrens der chthonischen Mäuse 
als theophagisches Heilmittel; desgleichen, wenn gegen Veitstanz, 
Fallsucht und Darmsucht von der Mutter des an dieser Krankheit 
leidenden Kindes einer lebenden Maus der Kopf abgebissen wird 
und dieser dem Kinde an einem Faden um den Hals gehängt wird 
(Jühling 124); hier ist der dem (jüdischen Opfer-) Tiere gewaltsam ab- 
getrennte Kopf — der Teil fürs Ganze — eine Art von Schutzmittel 
(Talisman oder Apotropäum) gegen die Konvulsionen (Zahnfraisen) 
verursachenden elbischen Geister, wie man auch den an infektiösen 
Halskrankheiten Leidenden die Köpfe größerer Opfertiere um den 
Hals hängt (s. o. Ziege). Dieses Abbeißen des Mäusekopfes, eine 
Art von symbolischer Köpfung oder Verspeisung, wird öfter erwähnt 
in der deutschen Volksmedizin. „Fürs Zahnen und Zahnweh. Man 
heiße einer lehenden Maus den Kopf ah und hänge ihn, ohne einen 
Knoten zu maehen, an einem Faden dem Kinde unbeschrieen um den 
Hals'' (Jühling 125). „Maw heißt einer lehenden Maus den Kopf 
ah, näht Hin in Leimvand und räuchert ihn so einige Tage. Dann hängt 
ma7i ihn dem Kinde nm^' (1. eod.) gegen Zahnweh. Im Elsaß beißt 
man einem Maulwurfe die vier Pfoten ab und hängt diese dem Kinde 
an; also auch hier ist der Teil für das Ganze gegeben (s. Leber 6). 
In Oberbayern hilft der abgebissene Kopf einer sogen. Frauen- 
dreißigst^)-Maus als Anhängsel gegen das schwere Zahnen der 
Kinder (vergl. auch Maulwurf). 

Phnius erwähnt gegen diese Uebel bloß die Asche des Mäuse- 
kopfes: ^^aliqui murinorum eapituni einer em miscuisse malunt 
(contra dolores dentium)^ also gegen Zahnweh (vergl. oben die Asche 
des Hasenkopfes S. 59). 

Hippokrates, der selbst aus ägyptischen Quellen schöpfte und der 
dem Plinius und seinen Nachschreibern oft als Quelle gedient hatte, 
soll schon die Mäuse gegen Zahnleiden verwendet haben, allerdings in 



') S. auch Wiesel S. 80. _ 

^) Ueber den Fraiiendreißiger s. o. S. 29. 



Gehirn. 111 

Verbindung mit dem Kopfe eines Hasen (s. o.) beim sogen, „indischen 
Mittel" (Fuchs III, 569). 

„ Wcmi eine Frau schlecht aus dem Munde riecht und das Zahn- 
fleisch schivarz und schlecht aussieht, so verbrenne man den Kopf 
eines Hasen und drei Mäuse, jedes für sich — hei zwei Mäusen 
aber nehme man den Banchinhalt heraus, jedoch die Leber und die 
Nieren nicht — verreibe in einem steinernen Mörser Marmor, und 
siebe ihn durch. Hierauf mische man alles zu gleichen Teilen durch- 
einander und reibe die Zähne damit^^ etc. Diese Stelle soll nur ein- 
geschaltet werden, um die Hippokratische Behandlung des Zahnleidens 
mit Mäusepulver zu belegen, welches gewonnen wird unter deutHcher 
Anlehnung an den Opferritus (vergl. Mäuseleber). 

Plinius XXIX, 38 erwähnt die Mäusekopfasche auch als Mittel 
gegen Augenleiden: ^^murium capitum caudaeque cinere ex melle 
inunctis claritatem visus restitui dicunt; multoque magis gliris aut 
muris silvestris cinere.^^ Die Asche als der Rest des ganz verbrannten 
Tieres oder Tierkopfes hatte wie das Genießen des Mäusekopfes in 
Honig den gleichen Heilwert, nicht aber ist der Grundsatz similia 
similibus dabei maßgebend gewesen. Dieses Mittel gegen Augen- 
schmerzen erwähnt auch der 300 Jahre später lebende Sextus Plato- 
nicus (c. XXI, p. 415): „J.f? oculonim dolorem. Muri um capita decem 
cum caudis eorundem in melle mixta et pro eclegmate usu per dies X, 
oculorum claritatem reddent. Debent homines hoc medicamine nares 
internas quotidie linire.^^ 

Ferner fügt Plinius XXX, 29 das Mäusegehirn als solches 
an als Mittel gegen akutes Delirium: ^^7tai)i (phreneticis) muris cere- 
hrum dare potui ex aqua, quis p>ossit furenti, etiamsi certa sit medi- 
cina?''^^ welche Verordnung 1477 wiederlcehrt : 

(1477) Wer seiner Vermmft heranht ist (z. B. beim akuten 
Deliritim in fieberhaften Seuchenlranhheiten) : Nim das gehirn von 
den meusen mänliches geschlecht, so ehr ein man ist, ivo aber ein 
weih, so nim auch von des weibliches geschlechts hirn und gieb ihm 
solches in guter Ziegenmilch oder besser in mandelmilch oder in gutem 
Bier (Jühling 123 ff.). 

Als Mittel gegen die Räude erwähnt Plinius (XXIX, 34) die 
Asche vom Mäusekopf: ^^alopccias cinis ex murium capitis 
caudisque et totius muris emendat, praecipue si veneficio acciderit haec 
injuria'''' <) also als ein von Gift reinigendes Mittel. 

Aber auch gegen Bettnässen hängt man dem Kinde den Kopf 
einer Maus als Amulett an (s. o. Hasenhirn), das man in die Klei- 
dung einnäht und so einverleibt (Jühling 125); gegen das gleiche 
Leiden (Bettnässen) verwendet man die Einverleibung des Mäusekopfes 
klein gehackt in Form von Knödeln (Oberbayern). In Jütland ist die 
roh zerhackte und roh gegessene auf Brot gestrichene ganze Maus 
ein Volksmittel gegen Harnverhaltung (Braun, Tierische Parasiten 182). 
Der Mäusekopf vertritt also auch hierbei das ganze Tier. Die 
Omophagie hat sich aber ebenso noch dabei erhalten, wie die Theo- 
phagie (s. 0. S. 16 ff.). 



112 Gehirn. 

28. Fledermaus (Blindmaus). 

Serb. slepi mis = blinde Maus; vDy.x?pt(; (Nachttier), vespertilio (Abendflieger), 
ahd. fledermus. Das angeblich blinde, mausähnliche, fliegende Seelentier, das unter 
Tags schläft, in der Nachtzeit aber lebhafter tätig ist; jeder Tropfen Fleder- 
mausblut bedeutet eine Seele. „So viel Tropfen Blutes man von einer getöteten 
Fledermaus auf Seide fallen läßt, so viele Seelen entreißt man dem Teufel" (Lieb- 
recht 338). Blutdürstig und gierig nach neuem Blute und neuem Leben saugen 
die Vampire, mythische Wesen aus Mensch und Fledermaus, das Blut oder die 
Seelenkraft aus dem Menschen aus; jeder Tropfen Fledermausblut hat teuflische 
Seelenkräfte. Schon im hellenisch-jüdisch-ägyptischen Schlafzauber (300—350 p. Chr.) 
(Dieterich 814) nimmt man eine „vuxteptoav ^töoav", auf deren Flügel (Nachtvogel, 
Seelengestalt) ') magische Zeichen (s. Fledermausherz) und Bilder geschrieben 
werden, um den Schlaf zu bringen. „'AYpoTivTjt'.y.ov, Xaßcbv voxTsplSav CfJü'otv, Ik\ tyj? 
otiiO.(; Kxk^o'(oc, CtuYP'^'f'^i^^'' ^l^'^P^Ti (— Myrrhe) xö uttoxs'.ijlsvov C(i>^-ov, IkI tt]^ 
apiz'ZBprx^ xct ovofxaxa y.axaYpcz'i;ov h-^ob''^ (Dieterich 814). Nach Eibenart bringen 
die Fledermäuse Glück und Unglück; namentlich bei den südslawischen Völkern 
spielt das Fledermausblut (und -herz) sowie das ganze Tier eine Liebe und süßen 
Traum, Glück im Spiel etc. erweckende Rolle (Krauß, Anthropophyteia III, 166 fi". ; 
IV, 246; Schw. A. f. V.K. II, 281; VII, 50, 51). 

Fieder- Pliiiius empfiehlt clas F 1 e d G r m a US li i rn hauptsächlich als Haut- 

maushirn j^i^tel, und zwar (XXX, 22): „adtritis mcdctur ... fei irenacei cum 
vespertilionis cerehro et canhio lactc"', also als rein empirisches 
Fett bei Hautfratte (wie Gänsehirn s. u.); ferner als Enthaarungs- 
mittel (XX^^, 46): j^folhodiir pili idem et cerehro eorum (vesper- 
tilioniim) profici pittant; est autem du])lcx ruhens titiqiie et can- 
didmn''^, ^fel irenacei psilotriim est, titiqiie mixto vespertilionis 
cerehro et lacte caprino; item per se cinis (vespertilionis)'^ . 

Demnach wollte man mit der Verwendung des Gehirns des Seelen- 
tieres dieselbe Hautverschönerung erzielen, wie mit dem Blute dieses 
Tieres. Schon die alten Aegypter benützten das Fledermaus- 
blut, um die Augenlidhaare, welche falsch gekrümmt sind, zu beseitigen 
(Papyrus Ebers); ebenso der um 400 p. Chr. lebende Marcellus und 
die diesen nachschreibenden Salernitaner (um 1150 p. Chr.): ^^Pilos 
oculis molestos diligentissime velles atqiie eorum loca hircino sanguine 
recenti aut leporis aut vespertilionis illines". „De pilis, ne Herum 
crescant. Ne crescant iteriim, loca quaelihet unge pilorum verhenae 
(s. o. S. 36) succo mixto vespertilionis sanguine'''' (Hirschberg 19). 
Hirn und Blut gelten also als gleichwertige Seelensitzorgane bezw. 
Heilmittel. 

29. Igel. 

axavO-icov (Stacheltier), lytvo«: yspsaw^, echinus, erinaceus europaeus, aspalax, 
herinaceus (x^ip, das rauhe Tier); franz. herisson, span. erizo, ahd. igil (sy-tvo?, 
'iyyc, — Reptil? Nadel oder Stachel: agh). Der Igel als unterirdisch lebendes 
Nachttier wird vom süddeutschen Volke als Hundsigel und Sauigel unterschieden ; 
Hundsigel am Spieße gebraten erwähnt Brehm '^11, 254, 246. Der Sauigel ist 
vielleicht eine dunkle Erinnerung an das fremde Stachelschwein, das aus Nord- 
afrika stammt und von den Italienern, die von Dorf zu Dorf wandern, gezeigt 
wird ; seine Verwandtschaft zum Stachelschwein (hystrix) deutet auch der bei den 



^) Der Tagfalter oder Schmetterling, der schon auf Gemmen des 5. Jahrh. 
a. Chr. als Begleiter des Totenführers Hermes erscheint (Furtwängler III, 202), 
mag dabei das Vorbild für die Flügelzeichnungen auf dem Nachtvogel oder der 
Fledermaus gewesen sein für den malenden Magier. 



Gehirn. 113 

Zigeunern gebräuchliche Name „Stachelengero" für Igel an (Urquell VI, 2). In 
Spanien wurde der Igel sogar als Fastenspeise verzehrt (ßrehm ^ II, 254). In der 
Provinz Liege bringt die Begegnung mit einem Igel Unglück (Angangstier) (Revue 
de trad. popul. XVIII, Nr. 1). Im alten Kreta wurde auf Brandopferaltären auch 
der Igel geopfert, wie ja auch in Babylonien die Maus als Opfertier verzehrt 
wurde (A. f. R.W. VIII, 149)-, auch Opferbilder, welche Igel darstellen, fanden 
sich dort, so daß man bei der Verbrennung des ganzen Igeltieres zur Heilung 
von Geschwüren (4. Jahrh. p. Chr.) an das üeberlebsel eines Brandopfers denken 
darf (Janus XII, 158). 

Daß dabei auch der Analogieschluß „similia similibus" späterhin in seiner 
Verwendung als Haarwuchsmittel mit beeinflussend gewesen sein kann , möchte 
nicht ganz von der Hand zu weisen sein , da er als stacheliges Borstentier eine 
zum Karden der Wollhaare benützte Stachelhaut den Römern lieferte ; aber ander- 
seits ist zu bedenken, daß eine Reihe solcher unterirdisch lebender Tiere über- 
haupt und zumeist als Hautverschönerungs- und Fruchtbarkeitsmittel Verwendung 
fanden, von welchem primären Zwecke aus sie sich dann als Mittel für weitere 
Hautleiden und Geschlechtsleiden absonderten. 

Als Igelgehirn kommt das Tier nicht zur volksmedizinischen igeihirn. 
Verwendung. Das Igelfleisch getrocknet empfahl der Pseudo- 
Dioskurides (4. Jahrh. p. Chr.) als Mittel gegen die Gelbsucht (Janus 

XII, 281), die volksmedizinisch als Hautleiden gilt, und gegen Nieren- 
leiden (1. eod. 343). 

30. Maulwurf, Schermaus. 

Talpa europaea (xaXicu = hebe), cv.aXo'L (scalpo = kratze); franz. taupe, ahd. 
multwurf (= Erdaufwerfer), ahd. scero (Schermaus). Die schwarze unterirdisch 
grabende Schärrmaus hat Beziehungen zur Verwesung und zum Totenreiche; sie 
gilt wie die Fledermaus als blind; in Schleswig-Holstein ist sie im Volksglauben 
„von edler Abkunft" (Sloet 78 ff. ; Z. d. V. f.'V.K. 1892, S. 180); ihr Bild als 
Tonidol findet sich schon in der Bronzezeit zu Auvernier (Korresp.-Bl. f. Anthr. 

XIII, 1882, S. 113). Sie galt als chthonisches Wesen mit übernatürlichen Zauber- 
kräften. Ihre Einfangzeit ist der Mai. 

Das Maulwurfsgehirn kommt nicht zur Verwendung, dagegen Mauiwuifs- 
Maulwurfsleber und -herz (s. d.). ^^'^' 

Die Asche des ganzen Maulwurfs mit Honig als Zahn- 
befestigungsmittel und den Maulwurf (als Pharmakos) bei Drüsen- 
schwellungen erwähnt der um 330 p. Chr. lebende Sextus Platonicus 
(cap. XXII, p. 416). 

Maulwurf spfoten als Liebesamulett führt der Antwerpener 
Museumskatalog unter Nr. 2124 auf. 

Die Krallen der Maulwurfspfote, „Maulwurfskrapperl", welche 
abgebissen wurde wie der Kopf einer Maus (s o. S. 110), helfen, wie 
letzterer, gegen Zahnfraisen; in Silber gefaßt bilden sie einen Teil der 
sogen. Fraisenkette (Z. f. Oe. V.K. XIII, 1907, S. 104, 113, 117; 
Jühling 121) als Apotropäon gegen die elbischen Fraisendämonen. 

Das Abbeißen der Pfote ist eine Art Theophagie, da auch das 
Maulwurfs blut aus der Pfote auf Wein getrunken werden muß gegen 
Frauenleiden (Jühling 121). Den Maulwurfszahn, einem lebenden 
Tiere entnommen, als Amulett gegen Zahnweh erwähnt schon Plinius 
(h. n. XXX, 7): „Dente talpae vivae exemto sanari dentkmi (dolores) 
adalUgato affirfnant," 

Höfler, Die volksmedizinische Organotherapie. g 



114 Gehirn. 

31. Biber. 

Altind. babhrüs = großer Ichneumon-, indog. bhe-bhr-ü-s, redupl. Form zu 
bher (Bär, braun), germ. bebru (dazu spätlat. fiber) = braunes Wassertier, das in 
der kirchlichen Zoologie ein fischähnliches Tier und daher auch eine Fasten- 
speise war, obwohl Papst Zacharias sein Fleisch verboten hatte. 

Fett und Blut werden als Heilmittel benützt; Bibergebein 
betrachten die sibirischen Weiber als Schutzmittel gegen Fußschmerzen 
(Brehm '^ II, 326); er vertritt volksmedizinisch das Schwein und den 
braunen Bären; auf dem Lochensteiner Opferaltar fand sich auch sein 
Gebein als Opferteil vertreten (Korresp.-Bl. f. Anthr. XIII. 1882, 
S. 19). 

Aristoteles nannte ihn y.datcop, von dem das Bibergeil, '/.aoröf^iov, 
Castoreum Hippokratis et Plinii, stammt: lob y.ä.Gio[jo<; op/stc, vcaardpio; 
opyiQ (Geschlechtsdrüsen unterm Schambein) (Frieboes 592); auch die 
nordgermanische Volksmedizin verwendet das „Ba^vergjceld" als Mittel 
ßibeihini gegen Schlangen und Würmer (Fonahn 5). Sein Kopf oder Gehirn 
werden nicht verwendet. 

Vögel. 

Augurium (— aves gustare) und auspicium (olu>voouo-oc, aves spicere) waren 
mantische Handlungen. Die olcuvoi sind von den gemeinen opviö-e? ganz getrennt. 
Auffällig ist, daß das Gehirn der Vögel ebenso häufig wie das der bisher ab- 
gehandelten Säugetiere verwendet wird, allerdings mehr als empirisches Fettmittel ; 
vermutlich war das billigere und leichter erreichbare Geflügel, das ohnehin als 
Opferspeise schon eine Ablösungsform der späteren Zeit darstellte, zur ganz all- 
täglichen Verwendung gelangt. Schon bei den Phönikiern war eine große Aus- 
wahl unter den Opfervögeln gegeben , wenn diese auch die männlichen Vögel 
ebenso bevorzugten; auch in den etruskischen Gräbern sind allerlei Vögel eine 
Totenbeigabe (Korresp.-ßl. f. Anthr. 1906, 132). 

Bei den Griechen hatte das Vogelopfer bereits einen viel geringeren Wert 
beim Opferkulte. Eßbare Vögel wurden bei ihnen der Artemis Laphria als Brand- 
opfer dargebracht. Bei den Israeliten galten jene Vögel, welche sich von Menschen- 
oder Tierfleisch ernährten, wie Adler, Geier, Falke, Rabe, Habicht etc. als unrein, 
ebenso die Sumpf- und Wasservögel , welche sich von Fröschen oder Kröten er- 
nährten. Die Aas- oder Leichenvögel gelten als Wahrsagevögel bei den meisten 
Völkern. Vogelgestalten mit Menschenköpfen, wie sie in Aegypten und in Griechen- 
land (Sirenen) figurierten, sind Bilder für Vögel mit Menschenseelen oder Toten- 
seelen ^). 

Celsus erwähnt dasYogelfleisch als leicht verstopfende Kranken- 
kost (II, 24, 26, 28; IV, 36; V, 28), Hippokrates als Kost kranker 
Frauen, der Pseudo-Dioskurides (Janus XII, 402) das Fleisch junger 
Küken mit Wein gegen Schlangenbiß. Je kleiner und kümmerlicher 
die ein volksmedizinisch verwendetes Gehirn liefernden Tiere sind, 
umso häufiger ist deren Empfehlung zu beobachten; die Ausartung 
zum Rudimentären macht sich in dieser Auswahl des Gehirns gerade 
der kleinsten Tiere bezw. Vögel bemerkbar; so bleibt das Ge- 
hirn der kleinsten Vögel als der letzte Rest der älteren Verwendung 
des Gehirns größerer Opfertiere übrig; die letztere aber war selbst 
wieder nur die Verwendung des ganzen Opfertieres, eine Stellvertretung 
des Teils für das Ganze (vergl. auch Vogelherz). 



Hess. Bl. f. V.K. II, 152. 



Gehirn. 115 



32. Gans. 



yy|v (/sv;, ijAyixi, den Schnabel gähnend aufreißen), anser (hanser); mlat. 
avica (Hausvogel), franz. oie, span. oca; die Gans als der nützlichste Hausvogel 
der Romanen v.ax' s^ox'^.^ wurde einfach als „avica" bezeichnet. Gänseopfer hatten 
die Phönikier für ihre Naturgöttin Astarte wahrscheinlich nach ägyptischem Vor- 
bilde; „während in Palästina die Gans selten war, so daß sie weder in den 
Mosaischen Speisegesetzen noch sonst im Alten Testament und in der Mischnah 
vorkommt, wird sie von alters her bis auf den heutigen Tag in den sumpfigen 
Distrikten Aegyptens häufig angetroffen, und ihr Fleisch war die gewöhnliche 
Nahrung der ägyptischen Priester (Herodot II, 37); als Opfertier kommt sie äußerst 
häufig auf ägyptischen Denkmälern vor. Arme, welche kein reicheres Opfer dar- 
bringen konnten , pflegten Gänse zu opfern ; besonders wird die Gans als Opfer 
der Isis gedacht" (Movers, Opferw. 55 ff-)- Im Lande der Pj^ramiden erhielt alles, 
was einen religiösen Nimbus hatte, selbst Krokodile und Löwen, Gänsefleisch 
zu essen (Keller 286); bei den Totenmahlzeiten schmauste man außer Kuchen 
hauptsächlich Gänsebraten (Keller 290). Die Mumie einer prachtvoll gefärbten 
Nilgans hat man in Theben ausgegraben; auf Hieroglyphen hieß der Vogel „der 
Sohn" (= Liebling) (Keller 28) und die Gans galt dort als Gestalt des Gottes 
Ammon-Re (Sonnengott) (A. f. R.W. VII, 479). Bei den Phönikieru in Marseille 
(4. Jahrh. a. Chr.) w^aren die Sumpf- und Wasservögel (Gans, Ente etc.) bereits 
ein vollkommenes Friedens- und Brandopfer, das auch zum Haruspizium verwendet 
wurde (Movers, Opferw. 72, 73). 

Bei den Griechen liefen Hunde und Gänse im Heiligtum des Aeskulap 
auf Kos frei umher und halfen heilend mit (A. f. R.W, X, 207; Keller 289, 
455) ; auch der Heilgott Apollo und der 

römische Frühlingsgott Mars erhielten Gänse- ^ia 30. 

opfer (Keller 290); besonders aber erhielten 
die chthonischen Gottheiten Proserpina und 
Pluto von den Mittelständen das Gänseopfer 
(Ovid, Fast. I, 453; Juvenal, Satyren VI, 539; 
Wiedemann 311; Philologus XXVIII, 189; 
A. f. R.W. VII, 427, 431, 433). Wichtig ist 
auch für uns, daß die Begleiterin der etruski- ^„, Furtwänglers Antike Gemmen 

sehen Geburtsgottin Ihalna m Gansegestalt Taf. XX, Fig. 69. 

erscheint und auch die vorderasiatische Göttin Ein nackter Mann ergreift einen Vogel 
des ^«iblichen Prinzipes in dieser Gestalt '•»" ''|JS,,a'iU"' Opfemesse.t^ ^" 
abgebildet ist (Keller 288); damit ist auch 
erklärlich, daß das Gänsefett (/YjVsiov 3Teap) 

hauptsächlich in gynäkologischen Fällen schon seit Hippokrates' Zeiten volksmedi- 
zinische Verwendung fand (Celsus V, 21 ; V, 24; VIII, 4; Keller 288, 460; Fuchs III, 
339, 353, 355, 387, 388, 890 etc.), und das Gänsefleisch mit Gänsezungen ^) 
ein Aphrodisiacum war. Celsus (1. Jahrh. a. Chr.) erwähnt das gebrühte Gänse- 
fleisch als Mittel gegen Schlangenbiß und als kräftige Nahrung (V, 27; II, 18): 
der gotische Arzt Anthimus (6. Jahrh. p. Chr.) lobte besonders die (jränsebrust 
als gesunde Nahrung (Keller 300). Als Sinnbild der Liebe wurde die Gans auch 
auf Cypern der Aphrodite- Venus und in Italien dem Priapus geopfert (Keller 288) ; 
in den italischen Seealpen ist auch das Opfer von Gänsen mit Honig 2) oder 
Met (ansare et libo) bezeugt (Keller 455). Ueber die Mästung der Gänse s. u. 
Gänseleber. 

In dem von Dieterich 785, 806 veröffentlichten Papyrus magicus (300—350 
p. Chr.) werden fleckenlose Gänse als Zauberopfertiere erwähnt, aber auch die 
prachtvoll gefärbte ägyptische Fuchs g ans ('y(T,v7.Xcoiir|c) ^) (Neue Jahrb. f. Philol. 



9 



') Gäiisezunge = Cichorium endivia (vermutlich ein hermeneutischer Name). 
Zungen waren Opfer an die chthonischen Wesen. Gänsezungen waren ein 
Aphrodisiacum, wie auch das Gänsefett „mulierum libidinem movere, anseris 
linguam in cibo vel potione sumptam" (Plinius XXX, 143); „coitus stimulat 
sebum asininum anseris masculini adipe admixto inlitum" (Plinius XXVIII, 
•261); auch der Pseudo-Dioskurides (4. Jahrh. p. Chr.) verwendete das Gänsefett 
hauptsächlich bei Frauenleiden (Janus XII, 287). 

2) Siehe S. 43. 

^) F u ch s g a n s k 1 als Konzeptionsmittel erwähnt Hippokrates (Fuchs III, 488). 



llö Gehirn. 

16. Suppl.-Bd. 1888, S. 785); sie gehörte als eine Hauptfigur zu dem im und am 
Nil hausenden Geflügel und war daher diesem Strome geweiht (Keller 287). Unter 
dem Blute dieser Nilgans „a'l[i.a y^TjvaXcuKsv.oc'' verstand der griechiscli-jüdisch- 
ägyptische Magier des 4. Jahrh. p, Chr. die „YctXa 3üy.ajjL'vY,(;", d. h. den Milchsaft 
des Maulbeerfeigenbaumes (A. Dieterich 816; Frieboes G38), welches Harz Celsus 
(III, 18) bei Schlaflosigkeit auf die Stirne zu streichen empfahl, doch warnt er 
mit Asklepiades (124 a. Chr.) davor, weil die Kranken leicht dadurch in Schlaf- 
sucht verfallen. Das Blut der Gänse suchte man durch Erwürgen oder Ersticken, 
Strangulieren etc. in der Gans zurückzubehaltien. Die gänsewürgende Göttin, 
ein Ausläufer assvrischer Religionssvmbolik, kehrt auf alten Vasenbildern oft wieder 
(Keller 292, 457)'. 

Chthonisches Wesen hat die Gans, wie es scheint, nicht. Entenblut als 
Mittel gegen Pfeilgift empfahl der Pseudo-Dioskurides (Janus XII, 1907, 406). 
Bei den Schweden der Völkerwanderungszeit war die Gans eine Grabbeigabe 
(Montelius 244, 246), auch bei den Vindelikern derselben Zeitperiode (Beitr. z. 
Anthr. XV, 187). 

Bei den Deutschen ist die Gans ein prophetisches Angangstier (Keller 297), 
ein Orakeltier am St. Andreastage und ein häufiges symbolisches Opfertier (Jahn 237). 
Ueber die Wahrsagung aus dem Gänsebrustbein s. Höfler, Krankheitsnamen- 
buch 32, 33, 506, 606, 666; Keller 297. Nach Schönbach 34 war dieselbe in den 
Märztagen üblich. 

Gänsehini Das Gänsehim empfahl schon Plinius (h. n. XXX, 22) gegen 

Afterf ratte (wie Fledermausgehirn) : „adtrltis medetur, adcps anscrinns, 
cum cerebro (anscris) et alumlnc et oesypo", welche Verordnung 
1568 Gesner wiederholt: „GüaßsclunaJtz mit sampt dem (Gänse-) 
Hirn, huttcr, alat (-—- AJaun) rnnd fej/ßte miß rngetväscliner Schaaf- 
itndlen (Lanolin) als ein pflaster übergelegt ivird den nieren seer 
dienstlich seyn; cdso ivirt es auch über alle (fep fasten des hin- 
deren gelegt' (Jühling 194). (1568) „Gänßhirn mit seinen eignen 
schmedtz rnnd honig geiräsdien rnnd mit samt der brüyen aufgeleget, 
heilet sehr linden 9 fliiß der (foldenen ädern vnnd alle ge- 
sehwtdlste deß hindern'' (Jühling 195). — (1568) „Mit spiea- 
narden (= Spica Xardi -== Valeriana celtica, Speik, Ilcxenrauch, Wild- 
frmdeinkraiit, Lungenkraut, beim jüdisch-hellenischen Zauberopfer ein 
Epithyma [4. Jahrh. n. Chr.] : im 14. Jahrhundert noch ivird es unter 
Segensformeln gesammelt [Schönbach 148]) dienet das hirn (der 
Gänse) zu alten Iflitssen der oren, aber mit gereinigeten rosin- 
linen (= Bosenöl?) gneert es den carfunckeV (Jühhng 195). 
(1568) ,.Mit lilienöl eyngesehidt, zeucht es (das Gänsehirn) die todt- 
geburt härauß" (beim Tier?) (Jühling 196). Gänsefett ist bei Hippo- 
krcdes ein häufiges Vehikel für Stq^positorien bei gynäkologischen Fällen 
zur Enveiterung des Muttermundes (Fuchs, Hippokrates III, 339, 353, 
359, 390, 387). 

(16. Jahrh.) „itum cirianus (Buch der Cyraniden?) schreibt nim 
gawsehirn^ gilgenöhl^) vnnd salbe darmit die gulten porthenn, die 
tode frueht gehet aus" (Janus 1907, S. 105). 



^) Lilienöl, aus der Lilie hergestellt; letztere heißt auch Blut des Mars, 
Krokodilshauch, ^6voq "Ajjljjlcuvoc; kennzeichnet also ihren Verwendungsursprung 
aus Aegypten (Berendes 332); im jüdisch-griechisch-ägyptischen Zauberpapyrus 
(Abraxas 171, 172, 205) (4. Jahrh. p. Chr.) ist für xpivivov jj-upov = Lilienöl ein 
Quidproquo eingesetzt, nämlich: Affenherz (s. u.). Celsus gebrauchte es meist 
nur bei Frauenleiden. Die Legende des heil. Leonhard (f 559) erzählt, daß, nach- 
dem die Königin Chlotilde, die Gemahlin des Chlodwig, von dem Heiligen auf 
der Jagd entbunden worden war, der König an Stelle der drei Kröten drei ver- 
goldete Lilien in sein Wappen aufgenommen habe aus Dankbarkeit für die erfolg- 
reiche Entbindung seiner Frau. 



Gehirn. 



117 



(16. Jalirh.) „bei der Oehurth: nhn gansehirnn, yllgen M 
(Lilienöl) vnnd salbe damit die güldene porthenn. Die tode f nicht 
gehet aus'' (Jühling 197). 

(15. — 16. Jahrh.) „Gut bewerte Mundsalben, so einem der Mundt 
i'onn ivindt oder sonsten aufreisset. Nim ein gehirn von einer 
Ganß vnnd Hirschenmark'' (Jühling 197). 

Das Gänsehirn spielt also bereits ganz die Rolle einer em- 
pirischen Fettsalbe, wie das hippokratische Hirschen mark; das Mittel 
wird sich bei der großen Häufigkeit des Gänseopfers durch die Em- 
pirie der Aerztepriester zu diesem Verwendungsgebrauche besonders 
geeignet haben. 



33. Huhn, Hahn, Henne. 

Gallus, oXiv.züjp, aXsxtoptc, ötXsv.xpucov. Den semitischen Völkern ursprünglich 
unbekannt und aus Indien stammend, verbreitete sich dieser stolze Vogel mit 
seinem Harem erst mit den medisch-persischen Eroberungszügen (6 Trspaty.o? opvt!;) 
über Kleinasien nach dem Westen. Weiße Hähne (Gänse?) wurden in Aegypten 
dem Totenwärter Anubis geopfert (Movers, Opferw. 57; Dieterich 785, 812); auch 
solche mit zwei Hahnenkämmen wur- 



Fig. 31. 



den manchmal bevorzugt im griechisch- 
jüdischen Liebeszauber (Dieterich 812). 
Der Genuß von Hahnenkämmen 
sollte männliches Wesen oder Kräfte 
geben (vergl. Stern I, 429). Im griechi- 
schen Zauberritus spielten die weißen 
Hähne ^) eine Rolle (Dictionnaire des 
ant. gr. et r. III, 2, p. 1520); der 
Hahn mit weißen Flügeln war ein 
Reinigungsopfer (Nilsson 405) ; Hühner 
mit gelben Füßen und gelben Schnäbeln 
hielt man zu religiösen Zwecken für 
nicht rein genug; zu den geheimeren 
Opfern für die chthonischen Wesen, 
also auch für die Heilopfer, wählte man 
stets die schwarzen Hühner (Pli- 
nius X, 56, 77; Lenz 337); auch beim 
Kulte des kleinasiatischen Mond- und 
Heilgottes Men war der Hahn ein 
heiliges Opfertier (Ber. d. K. sächs. 
Ges. d. W. z. Leipzig 1890/91, S. 121, 
137); schon bei den Phönikiern war 
das billigere Huhn kein volles Opfer- 
tier; mit der Zeit ersetzte es aber die 
übrigen vollen lebenden Opfer; auch 
die alten Indier hatten den Hahn als 
Opfer für den Heilgott Varouna, eben- 
so die Batak auf Sumatra das weiße 
Huhn als Gesundheitsopfer (Janus 1907, 
XII, S. 516), vermutlich durch indi- 
schen Einfluß. Ueber das griechische Geflügelopfer s. Philologus XXVIII, 188. Der 
Hahn war das typische Opfer an die x^ö^^'-^^'- (Rohde I, 242, 142). Hahnopfer erhielten 
bei den Griechen der Totenführer Hermes, der heroische Herkules, der Sonnen- 
gott Helios und die geburtshilfliche Mondgöttin Selene; besonders aber der Heil- 
gott Asklepios — „gallinaceum Aesculapio prosecare", Tertull. Apol. 46; Nils- 




Toteiihahn aus einem Grabe in Alt-Korintli. 

(6. Jahrh. a. Chr.) 
(Nach einer Photographie von iMiß Martin.) 



') Beim Pseudo-Dioskurides (4. Jahrh. p. Chr.) sind die Hoden eines weißen 
Hahnes, sofort bei der Empfängnis (jAsta xtjv G6X)/q'|'.v) vor dem Genüsse von 
irgend etwas anderem, also nüchtern (s. o. S. 6, 27), gegessen, ein Mittel, um Knaben 
zu erzeugen (Janus XII, 1907, S. 341). 



118 Gehirn. 

son 409 — ; Sokrates opferte noch unmittelbar vor seinem Tode — sein Totenopfer 
antizipierend — dem Aeskulap einen Hahn; die Tempeldiener im Aeskulaptempel 
erhielten von jedem Huhnopfer die Hühnerbeine (A. f. R.W. 102, 427). An Stelle 
des ganzen Hahnes oder Hahnenkopfes trat beim Liebeszauber der Römer auch 
der Hahnenkamm (Fahz 133). An Stelle der blutigen lebenden Hühner trat mit 
der Zeit auch das mit Blut rot gefärbte Hühnerei als Fruchtbarkeitsmittel und 
Totenbeigabe. Horatius (Epod. V, 17) läßt seine Zauberin Canidia als Liebes- 
zaubermittel verwenden: „et uncta turpis ova ranae sanguinis flammis aduri Col- 
chicis" (Fahz 128)-, wegen seiner Beziehung zu Liebe und Erotik figuriert auch 
der Hahn auf griechisch-römischen Gemmen sehr häufig (Furtwängler IIT, 210). 
sonst w^urden Hühner namentlich nachts den Lares geopfert (Ovid, Fast. I, 455; 
Juvenalis Sat. XTII, 233). Den Haushahn erwähnt das Alte Testament nicht; die 
Juden müssen ihn erst später kennen gelernt haben. Bei den späteren Juden 
wurde die Opferhenne als Heilmittel mit einem weißen, d. h. neuen (unbefleckten) 
Schlachtmesser al)geschlachtet (Blau 161). 

Im heutigen Griechenland wird noch heute (nach Ploß-Bartels, Das Weib 293 
und Stern II, 295) hie und da beim Durchtritte des Kindes durch die Geburts- 
wege der Mutter nach altem Brauche einem Hahne der Kopf abgeschlagen (das 
alte Aeskulapopfer). 

Der Hahn war bei den Römern auch ein weissagender prophetischer Vogel 
(Cicero, De divin. II, 34; Lenz 332, 338), und als Morgenlicht verkündender, die 
nächtlichen Dunkelelben verscheuchender Vogel findet sich schon im 2. Jahrh. 
p. Chr. der symbolische Windhahn auf der Spitze von römischen Prachthäusern in 
Afrika (Grupp 94; vergl. auch Hazlitt I, 133). Die Beziehungen des schwarzen 
Hahns zum Totenreiche bekundet auch die Völuspa der Edda (Jordan 88): „Unter 
der Erde kräht der rußbraune Hahn im Reiche der Hei." In der älteren Eisen- 
zeit Schwedens ist das Huhn eine Totenbeigabe (Soph. Müller II, 115). 

In Deutschland ist das Huhn, namentlich das schwarze Huhn, das häufigste, 
weil billigste „lebende" Opfertier (s. Herz) beim Sippen- und Privatopfer, nament- 
lich bei Krankheits- und Todesfällen, das sogar der Teufel zum Opfer erhält 
(Vernaleken 292); auch die Bergmännlein erhalten als Gesundheitsopfer eine 
schwarze Henne (Volkskunde II, 230). Bauopfer ist das Huhn sehr häufig (Jahn 61 ; 
Liebrecht 294; Korresp.-Bl. f. Anthr. 1893, 92). Das Huhn als Gebildbrot haben wir 
in unseren verschiedenen Abhandlungen über Gebildbrote oft genug besprochen. 

^ilira^^ Hühnerfleisch als Krankenkost erwähnt Hippokrates (Fuchs II, 

485, 491, 508, 509, 512, 517, 525, 530). Hühnerbrühe von alten 
Hühnern empfiehlt als Mittel gegen Verstopfung und Ileus Sextus 
Platonicus (c. XXX, p. 420). Plinius erwähnt das Hühnergehirn 
(wie auch warmes lebendiges Hühnerfleisch) als Mittel gegen Schlangen- 
stiche (XXIX, 25): ..carnihtis gaUinaceorum, ita ut tex>chunt avulsae, 
adpositis venena serpentkini domantiir; item cerebro in vino poto. 
PartJii gallinae malunt c er ehr um plagis inponere^; auch gegen 
frische Wunden überhaupt (XXX, 39): „item gallinacei cere- 
hrum recentibus lylagis''; ferner gegen Hundstollwut (XXIX, 32): 
„et cerebeUo gaJJinaceo (Jyttae) occtirritur, sed id devoratum; anno 
tantum eo prodest"; da hier das Kleinhirn des Hahns nur für das be- 
treffende Jahr wirksam sein sollte, so dürfte es sich um ein prophylak- 
tisch wirkendes Neujahrshuhn gehandelt haben (s. S. 28). 

Celsus (1. Jahrh. a. Chr.) erwähnt nur die Brühe von jungen 
Hühnern als stuhlbeförderndes Mittel (III, 16), aber auch die Ver- 
wendung eines lebenden jungen ganzen Huhnes, das auseinander ge- 
schnitten mit der warmen Innenseite auf Schlangenstichwunden gelegt 
werden sollte, um die Wunde von Gift durch Aufsaugung zu reinigen 
(V, 27, N. 3)^); Sextus Platonicus (um 330 p. Chr.) nimmt das ganze 



^) Das dänische Arztbuch des 13. Jahrh. schreibt für Beinbruch das Auf- 
binden eines lebenden Hahnes vor: „Ved benbrud tag en hane og stod den 
hei med fjserne paa og bind omkring, det helbreder hurtigst" (Groen). 



Gehirn. 119 

Huhn zum Pharmakos bei Kopfschmerzen : „Si quis gallinacetim ad 
OS (capitis) tenucrit Ms, qui dolore capitis torqucntur et post triduum 
pennas ejus excisas vel incisas et in linteolo aUigatus et cervici vef 
coUo appensas jwrtaverit, mox sanahitur'' (c. XXX, p. 420); dafür 
nahm man auch das Blut und das bloße Hirn des Hahnes als Teil 
fürs Ganze {h(%B(paXov aXszTopiSoc). Dioskurides II, 53 schreibt: „Das 
Gehirn des Huhns tvird im Trank mit Wein den von f/iftif/en 
Tieren Gebissenen gegeben ; es verhindert aber auch den Jßlutfluß 
aus der Hirnhaut.''^ Der Sextus Platonicus (um 330 p. Chr.) erwähnt 
das Blut eines Hahnes aus dessen Hirnhaut als Blutstillungs- 
mittel) und als Augenheilmittel: „Galli sanguis ex Membrana, quae 
cerebrum continet , sanguinem fluentem comprimet. Item cicatrices 
ocidis exteuuat, si eo cum aqua inungas. Additur etiam in com- 
positiones, quae faciunt ad suffusiones et leucomata'^ (c. XXX, p. 419); 
das Hahnengehirn selbst aber als Mittel gegen Spinnen- und 
Yipernbiß: ^^Äd araneae et viperae morsum. Galli cerebrum ex 
posca (mit Wasser und Wein ana) adjecto pipere potum his, qui ab 
araneis morsi sunt, auxilio est. Item quicunque vipera morsi sunt 
vel percussi , his galli cer ebrum cum vino potatu m proderit^ 
(c. XXX, p. 419), das Hirn vertritt das ganze Tier. Der Pseudo- 
Bioshurides (4. Jahrh. p. Chr.) erwähnt das Gehirn des Hahnes 
{wie Hasengehirn s. o. S. 58) als gutes Mittel gegen Zittern 
(Janus XII, 1907, p. 208). Auch Galenus erwähnt das Vogelhirn 
mit Wein als Mittel gegen Schlam/enbisse (Neue Jahrb. f. Philol. 
Bd. 149, S. 148). Auch der Pseudo - Dioskurides (4. Jahrh. p. Chr.) 
führt das Hühnerhirn getrunken als Mittel gegen Yipernbisse an 
(Janus XII, 1907, S. 349). Diesen antiken Vorgängern folgt die 
deutsche Volksmedizin fast wörtlich: 

(1568) yiHahnenhirn mit ivasser vnnd essich vermengt vnnd 
pf äffer dar SU gethon, ist denen seer nutz, so von einer Hecknatef'U 
verletzt sind'^ (Gift herausziehendes Wundsalbenfett), tvie bei Celsus das 
halbe Huhn (Jühling 203). — (1568) j^Hünerhirn wirt für Schlangen- 
hiß in weyn getruncken^^ (Jühling 203). (Gifttvidrig.) (1568) „i)i/y 
(Hahnenhirn) gestelt auch das ßlut so vom Mm hiimpt^^ (1. eod.). 
.^Rs (Hahnenhirn) ist auch ivider das zitierend (= zerrüttet?) 
hirn dienstlicW^ (1. eod.) (ivie das Hasengehirn, s. o.). 

( 1685) „Das (Hü hner')Gehirn machet dücJc und stellet die 
Fliißf z. E. den Baiichfluß (in Wein), die Weiber bestreichen 
auch das Zahnfleisch der Kinder damit'' (Schröder 1345) (s. o. Hasen- 
hirn, Widderhirn, Eichhörnchenhirn). Hier ist vom Huhnopfer an die 
elbischen Krankheitsdämonen und Heilgötter nur die Bestreichung des 
Zahnfleisches mit dem fettigen Hirne des Huhns übrig geblieben; an 
anderen Orten nimmt man hierzu, wie schon erwähnt, frisches Kalbsblut. 
Diese Verwendung des Hirnfettes ist sicher eine relativ jüngere Form 
als das Opfer des ganzen Huhns; mittels des Einreibens der fetten 
Hirnsubstanz in das Zahnfleisch der zahnenden Kinder sollte gleich- 
sam diesen das betr. Organ einverleibt werden, wie Milch und Honig. 



^) In der französischen Schweiz stillt man Blutungen unter Besprechungs- 
formeln mit drei Eiern einer schwarzen Henne und einer Handvoll Salz 
iSchw. A. f. V.K. I, 233). 



120 Gellini, 

Die Communio mit dem Gottlieitsopfer sollte die heilende Wir- 
kung zur Folge haben. Daß das Hahnenhirn, eines der vielen 
Schlangengiftmittel (neben Hühnerfleisch und Hühnerblut), ein beson- 
deres fixes Antitoxin (I) gegen Schlangengift haben sollte, ist nicht 
bewiesen (Janus 1900, p. 576). Quedenfeldt zitiert das marokkanische 
Wort: „Wer das Hirn der Hühner ißt, der wird am Abend in der 
Dämmerung schlecht sehen" (Stern I, 166), eine Verdrehung ad 
pejus ; die meisten solcher Mittel helfen sonst gerade gegen die elbische 
Nachtblindheit. 

Anerliallll = männlicher brünstiger Vogel (Kluge ^ 23), indog. tatara (tstpaCs'.v 
= gackern)-, xstpacov, tetrao, an. thidurr, scliwed. tjäder, dän. tjur, tiur, tiudlier, 
tieder, alid. orrehuon, die Namen teilt er meist mit dem au Gestalt sehr ähnlichen, 
nur kleineren Birkhahn; wo der Fasan fehlte, wurden die großen einheimischen 
Vogelarten, Birkhahn und Auerhahn. damit bezeichnet (A. v. Edlinger). 

FäSän, cpaaiavo; (Aristophanes), ein vom Flusse Phasis in Athen eingeführter 
Luxusvogel, der schon im frühen Mittelalter in den Kapitularien Karls d. Gr. ein 
Speise- und Ziervogel bei den vornehmen Deutschen war. 



34. Geier, Falke, Sperber, Specht, Habicht, Weihe. 

astepiac = geflecktes Tier, astur, franz. autour. Voltur (volare = fliegendes 
Tier) , ix.ipv.oc, (im Kreise fliegender Wahrsagevogel). Vultur = Ikpa'i , tp-r^i (zu : 
leaai) = eiliger Vogel, milvus, Weihe (= Jagdvogel?), mlat. capus; ags. hafoc 
— Habicht, accipiter (capere, fassendes TierJ; nord. gam. Er sättigt sich, wie 
die Hyäne , an dem Fleische menschlicher unbeerdigter Leichen und gilt als 
„gieriges" Seelentier mit mantischen Kräften, dessen Fleisch in der Nahrung 
genossen (nach Plinius XXX, 27) ein antiepileptisches, autidämonisches Mittel 
war; alles, was mit der menschlichen Leiche zusammenhängt, hatte magische 
Kräfte (A. f. R.W. X, 144). Die übernatürliche Kraft der ruhelosen Seelen, die 
noch nicht im Totenreiche angelangt sind, überträgt sich auch auf die leichen- 
(seelen)fressenden Tiere ; darum sitzt auch der leichenfressende Höllengeist 
Eurynomos, schwarzblau wie eine Schmeißfliege, mit bleckenden Zähnen auf 
einem Geierfelle (Rohde ^ I, 318). Es galt als eine erschreckliche Vorbedeutung 
für die ein Opfer darbringenden Städte, wenn der Falke einem Menschen, der 
die Opferstücke trug, diese aus den Händen riß (Plinius X, 10, 12); denn der 
Falke und der Specht sind die Gestalt von Dämonen, welche ihren Opferteil 
sich nehmen (Keller 280). Auch bei den Aegypteru war der Falke ein heiliger 
Vogel und Prophet (Orakeltier). 

Die sogen. Cyraniden machen auch zwischen den Kräften des Geiers und denen 
des Adlers keinen Unterschied (Hess. Bl. f. V.K. V, 141). 

Der Geier als Aasvogel, Galgen- und Lagervogel ist ein prophetischer Augur, 
überall, wo er vorkommt, ein heiliger Vogel, der zu den höchsten Gottheiten (Zeus, 
Odin) Beziehung hat; derjenige, der dessen rechtes Auge (= Seelensitz) am linken 
Arme (Herzseite) bei sich trägt, sicherte sich (im 13. Jahrh.) die Huld seines 
Herren (Pfeiff'er 48 ff.) und im Streitfalle auch sein Recht (15. Jahrh.) (Z. d. V. 
f. V.K. 1891, S. 328, s. Geierherz). Der Geier ist wie der Adler ein häufiges 
deutsches Wappentier und kommt wie der Falke in Geschlechternamen der Ger- 
manen vor. 

Diese Einverleibung der Geierkräfte findet sich auch bei den Bosniaken ; 
wollen die Eltern, daß ihr Sohn ein großer Jäger werde, so nähen sie den Kopf 
oder die Krallen eines Falken (the external soul) in die Kleider des Knaben 
ein; so wird er seiner Lebtage die Eigenschaften des sicheren Beutetöters haben. 

Im dritten Siegfriedliede der Edda (Jordan 377) ist das Geierfleisch mit 
Schlangen- und Wolfsfleisch eine Zaubertrankbeigabe. Li der nordischen Volkssage 
enthält das Geierei (gams egg) einen Lindwurm (Liebrecht 66), d.h. der Seelen- 
vogel kann sich in eine Schlange verwandeln. 

Zu deutschen Krankheitsnamen hat der Specht als sogen. Baumhäckel und 



Gehirn. 121 

Markolf Beziehung (s. Krankh.N.B. p. 212, 399). Der Stein in seinem Neste 
macht uusiclitbar (Liebrecht 347). Der ganze Habicht in Lilienöl aus Susa ge- 
kocht und das Gel eingeschmiert in die starkrankeii Augen sollte diese heilen 
nach Sextus Platouicus (c. XXV, p. 417). Als chthonisches Wesen kuriert sich der 
Habicht mit dem Habichtskraute (Hieracion) (Plinius XX, 60), und der Geier 
mit seinem eigenen Geiergehirn; denn nach dem Volksglauben des 13. Jahrh. Geievliiin. 
schlindet er dasselbe, ehe er im Fangeisen krepiert, als Genesungsmittel (Pfeiffer 47; 
Z. d. V. f. V.K. 1891, 323) (s. u. Herz). 

(13. Jahrh.) Nehein ercenie ist, cliunit des giers hirn da zuo, 
sin habe so gröze chraft, daz si nimer misseraetet. Stvä der mensch 
gesivellen ist, scdhe er sich mit dem giers hirn, er enstveUet als 
palde. Siver den stechen hat oder dem ive ist in den siten, ge- 
trinchet er des girs hirn in ivarmem tvazzer, er ivirt gesunt (Pfeif- 
fer 43). 

Plinius (XXIX. 36) empfahl das Geier hirn gegen Kopf- 
schmerzen: j^capitis dolorihus remedio sunt . . . vuJturis c er ehr um 
cum oJ CO et cedria\;/.z^[jia.'^), Cedernharz, dessen man sich in Aegypten 
schon in den friüiesten Zeiten zum Einhalsami er en der Leichen he- 
diente; Frieboes 704] peruncto capite et intus narihus inlitis.''^ Die 
Nase war der Weg zum Dämonensitz im Gehirne oder Kopfe, welchem 
man u. a. mit antidämonischem Geierseelenorgan und antizymotischem 
Zedernharze zu Leib rücken wollte. Sextus Platonicus (um 330 p. Chr. ) 
schreibt dem Plinius nach bei diesem Mittel gegen Kopfschmerzen: 
,,Äd capitis dolorem. VuJturis os de capite, suspensum collo. 
dolorem scuud. Idem facit c er ehr um ejus (vulturis), si commis- 
cehis cum oleo cedrino et inde nares suhinde tangas, capitis dolorem 
aufert'' (c. XXIY, p. 416). 

Auch Aretäos (2. Jahrh. p. Chr.) folgt dem Plinius in dieser 
Verordnung (Janus 1900, p. 576); dann schreiben die mittelalterlichen 
Drogisten diese antiken Vorbilder aus : 

(1685) „Das (Geier-) Hirn tauget vor die SchwachJieit des 
SanptSf tvann mcins damit schmieret, oder in die Nasen thut'' 
(Schröder 1354). 

(1563) .^Für das hauptivee zerstoß das hirn von disem vogel 
(Geier) vnnd hestreych damit das haupt vnnd die schlaaf äderen'"'' 
(Jühling 199). 

,, T^o der mensch gschwillt^ Salhet er die geschivulst mit Geye- 
rennshirnen. So vergehet sie zu handt'-' (Jühling 200). 

(13. Jahrh.) ^^Stvd der mensch f/eswelleir ist, scdhe er sich mit 
dem giers hirn, er enstveUet als palde^' (Pfeiffer, s. Janus 1899, 
S. 184). 

In diesen Fällen dient das Geierhirn als Fett mit vermeint- 
lichen Kräften zur Einreibung; innerhch wird es in folgenden Fällen 
genommen : 

y,Vor den Stechen (-■= Vlenvodynia), Trinlä ein tvenig 
Geyrennshirnen in einem ivasser, der wird cdshaldt gesundf"^ (Jüh- 
ling 200; Janus 1899, S. 184). 

.^Wenn den iveihernn ihr siecht ung nicht Jcompt (=^ Amenorrhoe). 



^) Im ägyptiscli-gTiecliischjüdischen Zauberpapyrus (300 — 350 p. Chr.) 
scheint die x^opia ebenfalls (Dieterich 801), s. auch oben S. 15, 17, 35, 38. 



122 Gehirn. 

So sollen sie des Geyerennshirnen trinelen in einen ivarmen wein, 
so Jcompt ihn das menstrum'^ (1. eod., Janus 1899, S. 164). 

j.Wa7tn sie das Menstrimi vorsteUenn ivollen (Menorrhagia), 
So soJten sie das (Geier-) Hirnn zu ptduer brennen (Brandopfer- 
nachahmnng) vnnd das in ein wenig r/ersfenhrodt (= Vehikel) essenn, 
So vorstehet es Ihnen gm- hahlt^' (1. eod.), d. h. das Geierhirn ^^verstellt 
(ivie das Hühnerhirn) die Flüsse''^. 

(13. Jahrh.) Sivenne den wtben ir siehtttonies niht chtimt 
so nemen si des girs hirne unde souphen ez in warmem wlne; si 
f/eivinnent als ^xdde ir reht. Sivenne si den siehtuom (ßlutfluß der 
Frauen) ivelJen verstellen, so brennen (sie) daz hirn (des Geiers) 
ze pidver unde ezen sin ein lücel in girstinem brot ^), so verstet ez als 
palde. Swem die zende we tuont, der neme des girs ouge (s. o.) unde 
sinen snahele unde brenne diu ze pulvcr unde temper ez mit warmem 
ivazer unde nim daz iti den munf, so cerget der zantswer (Pfeiffer 48). 

Aus diesen Verordnungen seit Plinius' Zeiten bis auf das späte 
Mittelalter sehen wir, daß das Geiergeliirn nicht etwa gegen Ge- 
hirnkrankheiten allein Verwendung fand. ,,Ein uraltes pharmako- 
dynamisches Grundgesetz", daß man kranke Organe mit gesunden 
gleichen Organen von Tieren behandeln wollte, liegt hierbei sicher 
nicht vor, sondern der Glaube an die Heilkraft des Seelensitzorganes 
des leichen(seelen)fressenden Vogels; Geierlunge, Geierherz und Geier- 
hirn spielen dieselbe Rolle als Seelensitzorgane •, ja jedes Gbed dieses 
Vogels galt im 13. Jahrh. als Heilmittel: 

„Jeronimus der heilige man (y 420 p. Chr.) vant an den caldeischen buochen 
von maniger ercenie, diu an manigem vogel ist. Unter den selben vogelen ervant 
er von dem gire so gröz ercenie, daz er des jach, so manich ercenie waer an dem 
gir, same manich lit er hat. Er saget alsus : Swer den gier ze ercenie wil, der 
sol des vären , daz er in erslähe äne isen , e er sin inne werde ; want verstet er 
sich, daz er niht genesen mach, so ahndet er daz hirn" (Pfeiffer 47). 

• In dem Gehirne , dem Seelensitzorgane nach der Lehre der 
Aerztephilosophen. mußte auch der Geier besondere Kräfte haben. 



35. Adler (Phönix). 

Aar (= opvi? , Vogel) , Adler = der edle Aar, Aquila (seil, avis) = der 
schwarze Vogel (Keller 237), rA-zoc, (avis), al'O-cov. Der König der Vögel, der Götter- 
vogel, des Zeus würdiger Vogel, der geehrteste und gewaltigste aller Vögel 
(Plinius X, 3, 3), der Waffenträger des Jupiter (Lenz 283), der prophetische Vogel 
auch der Germanen (Keller 246), der aus der Brandopferasche als neue Seelen- 
gestalt sich erhebende Phönix ('foivi;; -foivo; = blutrot). 

Schon bei den Aegyptern ein dem obersten Gotte heiliges Tier; adlerköpfig 
waren Ormuzd und Xisroch. Odin hieß arnhöfdi = Aarhaupt (Simrock, D.M.^ 260; 
Keller 439). Der Adler verzehrt des Prometheus Leber (Seelensitzorgan). Die 
Adler ernähren sich wie der Geier von dem Leichenblute und von Seelengestalten 
(Schlange, Kröte), heilen sich selbst als y£Xa»vo.pc/.Y^; mit Schildkröten und Pflanzen 
(Keller 443, 449, 257). 

Adler und Rabe sind heilbringende Angangstiere (bonum augurium) 
(Müllenhoff IV, 229) und Bauopfertiere. Auf Gemmen ist der Adlerkopf ein 
Apotropäon; er wird auch sehr wahrscheinlich als „schwarzer Vogel" von anderen 
schwarzen Vögeln (Wachtel, Huhn etc.) vertreten; auch als Bauopfer der Insel- 



') S. o. S. 43, 88. 



Gehirn. 123 

Stadt Tyrus ist der Adler bezeugt (Movers, Opferw. 57). In der Hermeneutik der 
ägyptischen Magier war alsxoü yovo; (Adlersanien) = Helleborus ') (Dieterich 816) 
das uralte Fiebermittel. 

Die sogen. Cyraniden machen zwischen den Kräften des Geiers 
und denen des Adlers keinen Unterschied; beide sind Leichenfresser AdierUirn. 
(vergl. Völuspa 46, Jordan 30). 

Hippokrates und Celsus vermeiden seine Erwähnung absichtlich, 
weil er mit der Nekromantie der Magier Beziehung hatte ; nur Plinius 
XXIX, 38 erwähnt das Adlergehirn als A ii gen mittel : T^darita- 
tem Visus restitiä (licunt aqnilae cerchro vel fcJJc cum Ättico nielle''^, 
wobei der attische Honig den Ursprung der Verordnung nahe legt, 
welch letztere wieder aus Aegypten bezogen worden sein mag; ferner 
als Mittel gegen Gelbsucht (XXX, 28): ^^morlo regio resistunt . . . 
cerehriim perdicis auf aquilae in vini cyatliis trihus.'''" Ihm folgen 
ad verbum : 

(1563) y^Adlerhirn nüt öl vnnä ein wenig Cederharfz^} ange- 
strichen nimpt den schwindet vnnd alle andern kranckheiten 
deß haii2)ts^^ (Jühling 185) (pars pro toto). 

(1563) .^ Adler- (oder Wachtel-) Hirn in dreijen hächeren iveijn 
getrunclcen vertreibt die gälsiicht^^ (1. eod.). 

j^Adlerhirn, gesotten, wird gegen Harnibeschiverden einge- 
nommen'^ (Tirol) (Jühling 186). 

y, Adlerhirn auf 3mal verteilt (diese 3malige Dosierung wieder- 
holt sich auch bei anderen Tiergehirnen, s. o. S. 64) gclxoclit und ge- 
gessen ist gut gegen Ersclilaffami der Harntvege^^ (Sexualsphäre) 
(Alpenburg 384) (Tirol). Die 3malige Dosierung deutet vielleicht die 
gemeinsame Mahlzeit an. Daß auch beim Adler der Kopf die Hirn- 
hülle oder den Teil fürs Ganze vorstellt, lehrt die Verordnung: 

(1563) .^Bas Gehein von einem Adlerhaupt in hirtzen läder an 
Jcopff gebunden, nimpt das ivee des ganzen liaiipts'-'- (Jühling 185) 
(s. 0. Adlerhirn, Geierhirn). Kopfweh ist oft das Anfangssymptom bei 
von Dämonen gebrachten Infektionskrankheiten (Volksseuchen). Die 
Einverleibung der Adlerkräfte geschieht wie beim Geier. Jakobus 
Bälde ^) (1651) in seiner Medicinae Gloria III, Satyr. 56 schrieb: 
„Quas vires hircorura sanguis haberet. 
Fei aquilae cerebrumve . . . latuit felicius omnes." 

36. Rabe (Krähe). 

Corvus, graculus, y.optuvYp xopa|, xoXoio;;, cornix , ahd. hram, hraban, cräa. 
Der unselige, schwarze, krähende Vogel, der nächtliche Seuchenvogel, dessen Brut 
„xaxoü xopctxo; xaKÖv (nh^^'-^ das schlimmste ist (Aelian, 220 p. Chr.). Der Begleiter 
des verderblichen Seuchengottes Apollo (Keller 171, 267), das heilige Tier der 
chthonischen Juno Sospita, das zu Lavinium von reinen Jungfrauen Opferbrote 
erhielt (Furtwängler III, 293, 295) (s. Abbildung 32. 33, 34)^), wie die Schlangen- 
gottheit. 



^] Helleborus s. S. 41. 

•^) S. o. S. 1.5, 17, 35, 38. 

^) Baldes Satyren enthalten einen Schatz volksmedizinischer eingaben und sind 
für jeden Medizingeschichtsfreund äußerst lesenswert. 

^) Im Gegensatze zu den das Frühlingslied singenden ys/s'.oov.a-cal (Keller 309), 
sangen die xopcuvista: im Herbste das Krähenlied und erhielten an Stelle der 
Krähe als Geschenk Feigen (Neue Jahrb. f. Philol. Bd. 149, p. 22 flf.). 



124 



Gehirn. 



Der prophetische Vogel (Lucretius, Vergilius, Cicero, Flinius) heilt sich selbst 
durch Lorbeerblätter') (Lenz 304 ft'.: Plinius VIII, 27,40); bei den Germanen ein 
unheilbringendes Angangstier (MüUenhofF IV, 229) und sehr häufig in Personen- 
namen und auch manchmal in Krankheitsnameu -) auftretend, wurde er auch von 
ihnen für ein chthonisches Wesen gehalten. Wünsch (Hess. Bl. f. V.K. II, 151) 
bildet sogar einen Todesdämon mit Rabenkopf ab ; der Rabe ist also auch ein 
Seelen- und Leichenvogel, dessen Genuß überirdische Kräfte verleiht, mit denen 
man andere Dämonen überwinden kann. Am Rhein ist die Krähe der Martins- 
vogel; an anderen Orten auch Vegetationsgeist. 



Fig. 32. 



Fig. 38. 





Aus Furtwäiiglers Antike Geunnen I, Tat'. XXX, Fij;. 51 u. 52. 
(Vergl. Fig. 34.) 

In der nordischen Skaldenpoesie wird der Rabe als „Wunden-Auerhahn" 
bezeichnet, der sich vom AVundblute ernährt. Im zweiten Gudrunliede der Edda 
(Jordan 416) fressen die Raben des Siegfried geronnenes Herzblut. In der 
dänischen Bronzezeit wurden Dohlen und Krähen mit dem Menschen verbrannt 
auf dem Scheiterhaufen ; vielleicht als Wegweiser, die man dem Toten oder seiner 
Seele auf ihre Reise ins Seelenland mitgab (s. Zentralbl. f. Anthr. 1906, p. 172); 
die Krähe war überall eine avis faticidia. 



Rabenkopf, Als solclier Vermittler zwischen den Seelengeistern und den Men- 

Rabenhini. scJien dient der Rabe vor allem im Liebeszauber. Medea benützte 

für A eson den Kopf e i n e r u r a 1 1 e n K r ä h e 
als Yerjüngungs- und Liebeszaubermittel : 
^^qtdbus insupcr addlt ossa c ap ut qu e novon 
roniicis saecu/a passae'''' (Ovid, Metam. YII, 
273; Keller 92, 358). Dieses Verjüngungs- 
mittel können wir aus Sextus Platonicus 
(c. XXVIII, p. 418) als Haarfärbemittel er- 
kennen, da er schreibt: ..Ad mpllos denl 
grandos. Corvi ova capiUos hac ratione 
inficient; defimdanUir in ras cupreum et tarn 
diu moretur , donec nndent colorem. Beinde 
raditur Caput et illinitur donec ova consuman- 
ttir, dehebit auteni tarn diu in ore oleum 
teuere, donec siccescant capilli, ne et dentes 
innigrentur. Deinde caput (corri) ilUgahit 
et postqiiartum dient soJret et hoc quoqne 
cfficit id cani nunqiiam exeant''^ ; auch Plinius 
(XXX, 53) erwähnt ein ähnliches Mittel, um 
Anhänglichkeit (also eine Art Liebe) zu er- 
wirken: ^^porcos sequi eos, a quihus cerel)ru)u corvi aceperint in offa-^ 
auch hierbei folgt Sextus Platonicus (c. XXVIII, p. 419) wortgetreu: 




Aus Furtwäiiglers Antike 
Gemmen III, 293, Fig. 154. 
Der Rabe in dem Tempel der 
Juno Sospita, der von den Jung- 
frauen mit Brotopfern verehrt 
wird, worauf diese Gottheit 
Fruchtbarkeit spendet, wenn 
die Jungfrau rein ist : wäre das 
nicht der Fall, dann würden die 
Ameisen das Opferbrot zer- 
bröckelt hinaustragen. 



^) Ueber Lorbeer s. o. S. 14, 39. 
^) S. Krankheitsnamenbucli 488, 
I, 705. 



875; Förstemann, Personennamen 



Geliirn. 125 

.^Ad porcos mansuetos faclcndos vel nt porcns tihique te eoncoiintcttir. 
Cerebrum rorri de pane collectiim si porcis sen scrofis ad manducan- 
diun dcdcris, sequentur te, quocimque icris^^^ also ein Treue- und An- 
hänglichkeitsmittel, das auch in der Schweiz (Schw. A. f. V.K. 1902, 
VI, 58) wieder erscheint: „^il^ Schwein so 'jaJtni zu machen, daß es 
einem nacJiläuft. Man soll Ihm im Gespülicht das Gehirn von 
einem Haben oder daher ihm sonst zu fressen geben, so läufts dem 
nach, der es ihm f/egeben hat.'''' Kopf und Hirn spielen also die gleiche 
Rolle, wie wir schon öfter fanden, sie sind Teile des ganzen Tieres. 
Gegen die Fallsucht wendet man in der Gegend von Dortmund Asche 
von Krähenknochen (Asche s. S. 25) an, die in einer Retorte 
verglüht und in Asche verwandelt worden sind (Z. d. V. f. rh. u. 
westf. V.K. IV, 1907, S. 231). 

(1685) „2>/€ jungen Haben taugen, wo man sie zu Äschen brennet 
in der schivereu Noth^^ (Schröder 1343). ^^Ermelte Äsche tauget auch 
im Podagra''^ (1. eod.). .^Das Gehirn (des Raben) ist gleichfals in der 
schweren JSoth zu gebrauchend^ (1. eod.). (16. — 17. Jahrh.) „For f7?> 
schwere Kr(inc7^heith. Xim Raben gehir^i trinck es in Lindten 
Bluet ivasser, es ist scher guth'^ (Jühling 227). (1563) .^Rappenhirn 
mit gcbreiintcin egsenkraut [= Verbena ist ein uraltes ZauberJcraut, das 
gegen Alpdruck cds Räuchermittel dient (Schiller-Lübben VI, 13), auch 
zu Liebeszcmber als Salbe; es tvird ins Sonnenivendfeucr geivorfen etc. 
(s. o. S. 36)J wasscr getruncJcen sol für die fallend sucht dienst- 
bar segn^ (Jühling 226) (desgleichen ein junger Rabe, der noch im 
Neste liegt, im März zu Fuh-er verbrannt, cdso ivie ein Frühlingsopfertier) 
(Schröder 1543). (1363) „Das Hirn von diesem Vogel (Krähe) ge- 
kochet vnnd in der speyß genützet (cdso wie das Hirn von größeren 
Haus- und Schlachttieren) sol den schwären vnnd veralteten kranck- 
heiten deß haupts (also auch JEpilepsie) dienen'^ (Jühling 222), 
wie die Asche der ganzen Krähe (s. o.). Plinius, h. n. XXIX, 36 
empfahl das Rabengehirn als Mittel gegen Kopfschmerzen: „ra- 
2)itis doloribus remedio sunt . . . cortiicis cerebrum coctum in cibo 
sumptum vel noctuae''^: hierbei sind schwarzer Rabe und Xachteule 
gleich gesetzt mit dem Adler (s. o. S. 123). Auch als Fett dient das 
Krähen- und Rabengehirn; im Flämischen und im Braunschweigischen 
nimmt man Krähen- oder Rabenhirn, um Frostbeulen damit einzu- 
reiben (Jühling 222-, De Cock 302)-, in Tirol tvird Rabengehirn 
auf erfrorene Glieder gelegt (Jühling 227). (1730) ^^Raben- 
Gehirn auf die erfrorne (irlieder gelegt, darivider ist nichts bcssers''" 
(Kräutermann 233, Z. f. rhein. V.K. II, 1905, 287). Plinius (h. n. 
XXIX, 37) empfahl Krähen gehirn als Mittel, um Augenhaare 
(Schönheitsmittel) wachsen zu lassen: j^cerebruin com i eis in cibo 
sumptum paljwbras gignerc dicitur.''^ 



37. Eule. 

Hüle, Uhu, Auf, Kautz, Habergeiß, Leichenhuhn. Dvaü^ ('cXa-js-ou) = Tier 
mit leuchtenden Augen, ßöa?, ßüCot, oxm-} (großäugig schauendes Tier), otfiiY^ 
(schreiendes Tier), noctua. strix, bubo, ulula (heulendes, uh-schreiendes Tier), Un- 
heilbote (Klagemuhme, Holzweibel, Nachtrabe). Die Gestalt einer nächtlich fliegen- 



126 Geliirn. 

den Seele ^) oder Elbe mit leuchtenden Augen und kläglich heulendem Geschrei. 
Schon bei Plinius (X, 16) ein Trauer- und Ungliicksvogel, der verwünschte Nacht- 
und Totenvogel, böses Angangstier, chthonisches Wesen, dessen Blut und Herz 
elbisch magische Kräfte besitzt; aber auch ihre äußere Seele, das Federkleid der 
Eule hat solche Eigentümlichkeit bei der Canidia des Horaz, Epod. V, 17: „plu- 
mamque nocturnae strigis", und bei den Liebeszaubermitteln des Propertius III, 
6, 27: „et strigis inventae per busta jacentia plumae"; auch Seneca (Med. 733) 
erwähnt die ihr lebend herausgeschnittenen inneren Eingeweide: „maestique cor 
bubonis et raucae strigis exsecta vivae viscera". 

Plinius (XXX, 12) beruft sich auf Ovid bei der Verwendung des 
Euienhirn. Eulengehirns gegen Halsentzündung: ^^anginls succurriüir cerchro 
noctuae; hujiis inedkinac nuctor est Orldius pocta^^ '^ Plinius führt 
aber das Eulengehirn und den Eulenkopf auch noch gegen andere 
Krankheiten an, so (XXX, 39) gegen Wunden: ^^huhonis cerc- 
hnim cum aäipc anserino mirc vulncra dintur yJatinare''''; ferner gegen 
Räude (XXX, 41): ,^scahkm rero bubonis cerebrum cum apliro- 
nitro^' [a'fpöc virpon = leichter Sodaschauin , kohlensaures Natron'^)^'^ 
weiterhin gegen Kopfschmerzen (XXIX, 36): .^capitis doJoribus 
remedio sunt cerebrum noctuae''^ ; gegen Nervenknoten (XXX, 35): 
.^nervorum nodis cinis e capite bubonis in mulso potus cum Uli 
radice^) si Magis credimus.^^ 

Oribasius (4. Jahrb. p. Chr.) empfahl das Nachteulengehirn 
als Milch erzeugendes Mittel (Janus 1900, 576). 

(1563) y^Die Aeschen von einem Huiven (= Uhu) Kopf gebrennt 
rnnd mit einem sälblin übergestrichen benimpt das Milt^wee''^ (Jüh- 
ling 191). 

(1563) y^Von dem Kutzen. Sein Gehirn oder leber mit öl ein- 
gegossen ist gut für den orenmückeV^ '^) (Ohrengeschtfär) (Jüh- 
ling 191). 

(1563) "Diß (Eulen-) Hirn tvirt auch für das wulcken vnnd 
andere prästen des hatßes gebrauchf-^ (Jühhng 191). Das Ge- 
hirn ist der Teil des ganzen Tieres wie der Kopf; man findet des- 
halb auch das ganze Eulen tier empfohlen wie das Gehirn. 

(1685) j^Wann man die Aschen von der gantzen Eulen in die 
Kahlen thut, eröffnet dies die Ualsf/eschwär ivunderbar'^ (Schröder 
1349)-, in Steiermark räuchert man mit dem Kopfe einer Nacht- 
eule das an Fraiseln ^) (Convulsiones) erkrankte Kind (zur Vertrei- 
bung des Dämons) (Fossel 75). In der Schweiz kehrt dieses (anti- 
dämonische) Schlafmittel noch in der letzten Zeit wieder: y^Daß einer 
Schlaffen muß, so lang du ivilt, leg einer hüten houpt under sin houpt, 
so Schlaffet, biß du es dünnen (weg) Nimst^^ (Schw. A. f. V.K. VII, 
1903, S. 50). Der Geruch sollte in den Schläfer eindringen; s. auch 
Eulenherz. 



^) Siehe 0. Schell, Abwehrzauber am bergischen Hause, Globus XCI, Nr. 21, 
S. 338. 

2) Frieboes 681. 

^) Lilienwurzel, s. o. S. 17, 38, 41 ; xpiv.vov jxapov ist auch = xovoxecpaXov xap§ia, 
s. Affenherz (Abraxas 171, 172, 205). Lilienwurzel war meist ein äußerliches, 
zerteilendes Mittel bei Anschwellungen bei Celsus (Frieboes 683) und Dioskurides 
(Berendes 332). 

•*) S. Höfler, Krankheitsnamenbuch 422. 

^) 1. eod. 165. 



Gehirn. 127 

Hirn, Herz und Leber sind die Organe, in welchen nach alter Lehre 
die Seelen der Tiere ihren Sitz haben ^ sie können sich auch gegenseitig 
vertreten und bei den gleichen Krankheiten zur Verwendung kommen-, 
die Art der Verwendung ist dabei sichtbar der Verwendung größerer 
Opfertiere vom Volksmediziner angeglichen, obwohl die Eule niemals 
ein Opfertier gewesen war^ der Genuß des Sitzes der Seele des manti- 
schen Nachttieres wirkte ebenso zauberhaft wie das Opfer an die 
Seelengeister. Auch die Eulenknochen sind ein Apotropäon und 
waren eine Totenbeigabe in der schwedischen Völkerwanderungszeit 
(Montelius 244). Die Einverleibung dieses Seelentieres oder seiner 
Seelensitzorgane verlieh übernatürliche Kräfte gegen andere Dämonen, 
und so konnten auch die äußeren Teile desselben, „the external soul", 
zum Apotropäon werden; im Mittelalter war dieser Talisman in seiner 
Wirksamkeit an die Silvesternacht, in der dieser Nachtrabe gefangen 
werden sollte, gebunden (Globus XCI, N. 21, S. 338), d. h. an die 
Neujahrszeit (s. S. 28). 

38. Schwalbe. 

Ahd. swalawa, /sXwoiv, opsTcavt«; (Sichelschwanz), hirundo, als Nachtschwalbe 
auch Ziegenmelker „'/'.YoO-/yX'r](;" genannt. Aelian (220 p. Chr.) stellte sie den Haus- 
geistern gleich (Lenz 302); dem Altertume war die Schwalbe ein Seelenvogel 
erster Ordnung; sie kündete das Schicksal voraus; Pythagoras duldete keine 
Schwalbe am Hause *). Der glückbringende Hausvogel ist (wie der Storch) auch 
ein Frühlingsbote, der schon bei den Griechen von den Kindern (/cXiooviaxai) mit 
Schwalbenliedern begrüßt wurde (Keller 309); er ist ein wahrsagender Vogel, der 
in der deutschen Volksmedizin auffallend häufig das schwarze Haushuhn oder die 
schwarze Taube (s, u.) vertritt. In billiger Nachahmung solcher Opfertiere wird auch 
die ganze Schwalbe verzehrt ^), verbrannt und ihre Asche als Epilef>siemittel oder 
als antidämonisches Opfersurrogat verwendet (Jühling 229; Schröder S. 1347; 
Sextus Platonicus cap. XXXIV), namentlich gegen Halskrankheiten, wobei sogar 
das leere Schwalbennest ^), das üljrigens auch beim Liebeszauber Verwendung findet 
(Urquell VI, 13), den ganzen Vogel vertreten muß (s. auch Schwalbenherz). 
Schwalbennest mit Honig als Mittel gegen Halsleiden s. u. a. Z. f. Oe. V.K, 1907, 
XIII, S. 139. Auf pontisch-griechischen Grabkammern ist die Schwalbe auch als 
klagender Liebesvogel abgebildet (Keller 315). 

Die Asche eingesalzener und verkohlter Seh walben empfahlen 
Celsus ly, 7-, Plinius X, 33, 49; XXX, 12, 26, 51; Dioskurides II, 
60; Sext. Piaton. c. XXXIV gegen Halsentzündungen, Lippenwunden, 
Nagelrisse, Augenleiden; das Schwalbenblut als Mittel gegen 
Augenleiden Celsus; Sextus Platonicus (cap. XXXIV) letzteres in 
Verbindung mit Schwalbengalle (s. d.); die Schwalbenzunge macht 
geschwätzig und redselig nach jüngerem Volksglauben in der Schweiz 
(similia similibus) (Schw. A. f. V.K. 1903, VII, 51); Seh walben- Schwaiben- 
gehirn empfahl Plinius als Augenmittel (XXIX, 38): ^^lacrimosis ^"^"" 
oculis ^;7i^r«wrw^^^ confert hirundinis c er ehr u ni " ; was die mittel- 



^) Am griechischen Wohnhause fehlte nur selten das Schwalbennest, und 
so gewöhnlich war der Vogel in den hellenischen Städten, daß es unter die Merk- 
zeichen, woran sich die Pythagoreer gegenseitig erkannten, gehörte, keine Schwalben 
an seinem Dache nisten zu lassen (Keller 309); sie gehörte wohl zu den Haus- 
vögeln, die man als chthonisches Opfer an manchen Orten wie ein „tabu" ansah. 

^) „Hirundines comestae caducos sanant" (Sext. Plat. c, XXXIV). 



128 Gehirn. 

alterlichen Yolksmediziner nachahmten: (1563) „DZ/i (Schwalben-) liirn 
mit honiy ühergc/egef, (/ncerf das Stern fäl \) in aiuj'-^ (Jühling 230). 
Das Gehirn als Seelensitz vertritt ehen auch hier das ganze Tier, 
wie auch der Kopf. 

39. Taube. 

Columba, palumbus, Ts/.cia = Wildtaube (ttsXio; = schwarzblau), olvot;, cpa''}, 
-idTta, TTep'.oxepa = Täuberich; g-ot. ahaks , ags. dufe, ahd. tuba — schwarzblauer 
Vogel (Kluge ^ 390). Nach mosaischem Gesetze wurden Turteltauben oder junge 
Tauben von Armen, deren Habe für ein Opfer aus der Herde nicht zureichend 
war, geopfert (Movers, Opferw. 54, 57); namentlich wurden von den Frauen im 
Wochenbette junge Tauben als Reinigungsopfer im Tempel dargebracht (Maurer 
109, 110, 73, 76); bei den Aegyptern spielte die Taube gar keine Rolle (Schrader 853). 

Bei den Phönikiern sind Tauben als ein Buhlgeschenk der Hetären an die 
Gottheit erwähnt (Movers, Opferw. 68). 

Beiden alten Griechen war die weiße Taube (aX'fo^) hauptsächlich ein Opfer für 
die taubenumflatterte Liebes- und Geschlechtsgöttin Venus-Aphrodite (Nilsson 363) 
(aber auch für glückliche Schifiahit im Dodonatempel ein Orakeltier) (Dictionnaire 

Fig. 35. Fig. 36. 






Aus Fiirtwängleis Antike Geiniiien 1, Tat. X.XIl, Fig. 20 u. 21, III, 244. 
Schlachtung einer der Venus Erycina geweihten Taube. Mit der Rechten hält der nackte 
Mann da.s Opfennesser . wälirend der Vogel aut einem kleinen Blocke oder Altaraufbau ruht 

bezw. steht. 

des antiqu. gr. et r. III, 2, 1520; Klemm 334; A. f. R.W. VII, 433, 435, 442). 
Taubenopfer an die Anaitis-Aphrodite und an die thessalische Venus Erycina, die 
217 a. Chr. einen Tempel auf dem Kapitol zu Rom hatte, bildet als Geramen 
Furtwängler (I, Taf. XXII, Fig. 20 u. 21, III, 244) ab; (ebenso III, 120, Fig. 80). 
In den Tempeln der Venus w^urden die Tauben gefüttert und ihr auch geopfert ; 
ihren Wagen stellte man sich von Tauben gezogen vor (Lenz 361). Manche Züge 
sprechen dafür, daß man die Istar- Venus- Aphrodite in der Taube verkörpert an- 
nahm (Nilsson 374, 109) ; dementsprechend erklärt sich dann auch die bei der Taube 
öfter bemerkbare Omophagie als eine Theophagie (s. Taubenleber u. Taubenherz). 

Männliche Tauben hielt auch Plinius (XXIX, 38) für wirksamer und deren 
Blut unter dem linken (Herz) Flügel für wärmer. 

Auch im griechisch-jüdisch-ägyptischen Liebeszauber wählte man drei Täube- 
riche (Dieterich 795, 806): „ß/iüovt'. ttoo!; avaToXrjV xal TcotYjaai; £7:1 Tto ßoi^pw 
3üjjj.6v \i/, luXcov y.apTC[[j.(wv v.al säiO-üS yfjva «-tc'.Xov v.al aXsv.xouövat; 3 v.o-l uspiaxspou? 
3 y.ocl apu)jxaxcc uavxooc/.jia e-iO-Ds öXoxaujXwv aov xol; otr>vsot(; etc." (Dieterich 806). 

Bei den Germanen der Völkerwanderungszeit findet sich auch die Taube 
als Grabbeigabe (Korresp.-Bl. f. Anthr. XXVIII, 1897, p. 51; Sloet 263); sonst 
spielt sie keine Rolle bei denselben ; bei den Goten war sie ein Leichenvogel. 

Bilder von schwarzen Tauben waren bereits ein symbolisches Opfer auf 
Kreta für eine weibliche mykenische Gottheit (Nilsson 361; A. f. R W. VII, 269); 
die schwarzen Tauben vertreten wohl andere schwarze Vögel. Wilde Tauben 
galten sogar als Totenvogel und als Attribut der Unterweltsbeherrscherin Perse- 
phone (Schrader 609, 853). Schneeweiße Tauben opferten auch die Wall- 
fahrer in Dippoldskirchen (N. -Bayern) bei der Pest im späten Mittelalter (Mirakel- 
buch). 



') S. Krankheitsnamenbuch 129. 



liini. 



Gehirn. 129 

Die Russen halten die Tauben für heilig, weil sie glauben, in ihnen wohne 
„der heilige Geist" (Lenz 358). Der Pseudo-Dioskurides (4. Jahrh. p. Chr.) stellt 
Turteltaube, Holztaube und Haustaube auf gleiche volksmedizinische Wertstufe 
(Janus XII, 1907, p. 29); die Wildtaube galt als schmackhafter. 

Die Turteltaube (Gottesvogel), xpüYo'jv, turtur, ahd. turteltüba, got. hraiwa- 
dübo = Leichentaube (vielleicht als schwarzer Vogel?). Das Fleisch derselben 
durften die ägyptischen Priester nicht verzehren ; bei den alten Juden des Mittel- 
standes war die Turteltaube ein bevorzugtes Reinigungsopfer (Maurer 109) •, die 
christlichen Kopten hatten auch solche AVeihebrote mit Taubengestalt (Forrer), und 
im griechisch-ägyptisch-jüdischen Liebeszauber (300 — 350 p. Chr.) werden die Turtel- 
tauben als Opfertiere angegeben (Dieterich 785,795); ihre deutsch-volksmedizinische 
Verwendung verdankt sie wohl dem jüdischen bezw. altchristlichen Einflüsse. Im 
Volksliede verschiedener Völker ist die Turteltaube das Symbol der untröstlichen 
Witwe und Gattenliebe (Volkskundl. Zeitschr.-Schau 1804, 13). Nach Schröder 
(1353) hatte die Turteltaube mit der gemeinen Taube einerlei Kraft, auch die 
AVild taube „kommet mit der zahmen Tauben denen Kräfiften nach überein" 
(1. c. 1350). Die Turteltaube bevorzugte das Mittelalter bei Blutflüssen der Weiber. 

Das Tau bell geh im fehlt in der Volksmedizin, umso häufiger Tauben 
ist das Taubenherz (s. u.), und stellvertretend ist das Rebhuhngehirn 
(s. u.) dafür in Verwendung gelangt. Daß die Taube auch das Huhn 
vertreten kann, lehrt die Verordnung des Blutes aus der Hirnhaut 
des Hahnes (s. o. S. 119) und der Taube bei Sextus Platonicus 
(cap. XXXni, p. 422), welcher (um 330 p. Chr.) schreibt: „.4// 
Sfingimiei)/ profluentem. Sangiiis coln nihdc, quem menihranulit cere- 
hri continet, sangiünem fliientent retinet''^; also beide, Tauben- und 
Hühnerblut aus der Gehirnhaut, sind ein Blutstillungsmittel. Frisches 
Taubenblut ist bei demselben Schriftsteller auch ein Augenstar- 
mittel, wenn das Blut unter der lebenswärmeren Achsel (unterm Flügel) 
entnommen wurde (1. eod. cap. XXXIH, p. 422). 

Das Blut der Haustaube (columba), der Holztaube (palumbus) 
und der Schwalbe (hirundo) liielt Celsus für gleichwertig (V, 5; VI, (>, 
X. 39) als ,,reinigende Mittel" (Frieboes 212, 332; Hirschberg 266). 
Tau benfleisch und Turteltaubenfleisch empfahl auch schon 
Hippokrates (Fuchs H, 517, 531; HI, 508, 503, 416, 408) als Kon- 
zeptionsmittel. 

40. Rebhuhn und Perlhuhn. 

IxtLtoi'^^'.c, — Perlhuhn; -£pQi4, perdix, Pertris, Patrys, eDgl. Partridg-e, ahd. 
reba huon •, das buntgefleckte Huhn, das Perlhuhn, ist volksmedizinisch dem Haus- 
huhn und der Taube gleichwertig und war hauptsächlich ein billiges Opfer der 
Unbemittelten. Nach Movers, Opferw. 57 wurden die Rebhühner und Tauben 
im Kulte der Venus-Aphrodite geopfert, die Perlhühner in dem der ägyptischen 
Isis durch die Aermeren (Pausanias X, 31; Keller 290, 460). In Griechenland 
war das Rebhuhn neben Fuchs und Hase das gemeinste Jagdwild, gleichsam die 
blutig erlegte Wildtaube; es hatte (wie die Taube) hauptsächlich als Opfer an 
die Fruchtbarkeitsgöttin zu dienen und kam dadurch wie Hase, Sperling, Bock und 
Esel in den Ruf der Geilheit ; wie Schwalbe und Geier sagt es auch durch seinen 
Flug voraus. 

Das Blut des Perlhuhns stellt auch der Pseudo-Dioskurides 
(4. Jahrh. p. Chr.) mit dem der Taube gleich (Janus XII, 1907, 29). 

Plinius (XXX, 28) empfahl das Gehirn des üebhuhns als Mittel Rebhuhn- 
gegen Gelbsucht: ^^morho rcf/io resistunt . . . eerehrwi)! perdlcis (auf ^^"*^' 
aqiäJae) in rini cyathis trihiis^^\ Sextus Platonicus (um 330 p. Chr.) 

Höfler, Die volksmedizinische Organotherapie. Q 



130 Gehirn. 

schreibt dieses Gelbsiichtmittel ebenso nach mit den Worten: ,^Äd mor- 
huni regiiun. Ferdicis cerchruiH cum vini cyidlüs trihus potiil d(d)is. 
mirifice morhum regium sanat"' (cap. XXVII, p. 418); ihnen folgt ad 
verbum das Jagdbuch von Gesner (156S): j^Das march ron diesem 
rofjel mit tvei/n (/efriDicJien, gneert die (fälsuvht. item Das Hirn 
(ro m Bäbhuhn) mit dreg hächerlin tvegn getruneJien^'' (Jühling 227). 
(1685) ^Das March und Gehini des Rebhuhns tauget ror die 
Geefsifcht"' (Schröder 1352) (wie die Leber dieses Vogels und das 
Adler- und Wachtelhirn, s. d.). Die Gelbsucht gilt volksmedizinisch 
als Hautkrankheit (die auch durch Bannworte besprochen und in die 
gelbe AVeide verbannt wird). Schönheit der Haut aber verliehen die 
Fruchtbarkeitsgötter; alles, was die Schönheit der Frauen beeinträch- 
tigen konnte, sollten letztere heilen oder fernhalten oder es sollte durch 
deren Gunst (Versöhnung) errungen werden. 

Ennnerling, amarellus (D. I, 27), der glänzend gelbe Vogel, yXcop/bv {y\Mp6(; 
— gelblich), galbula (galbus = gelb); schwed. guling (gul = goldgelb), holl. geel 
vink, (Toldammer, franz. Toriot, mlat. aureolus (aurum = Gold), oriolus; ist der 
Vogel Pirolf (s Höfler, Krankh.N.B. 471), ein eibischer Gelbvogel, der von der 
Gelbsucht') heilt (Revue des traditions populaires XVII, N. 3—4); sie wird auf 
ihn übertragen (Jühling 248) nach dem Volksglauben, daß solche elbische Ge- 
stalten Krankheiten an sich ziehen. 

Der Grundsatz : similia similibus curantur trifft am besten hier 
zu. Pünius, h. n. XXX, 11 sagt: Avis Icterus vocatur a colore, quae 
si spectetur, sanari id malum tradunt et avem mori; hanc puto Latine 
vocari galgulum {;= galbulam, Gelbling, Goldammer). Der Gedanke, 
daß Krankheiten auf gelbe Vögel übertragen werden können, ist aller- 
dings schon in der altindischen Vedamedizin gegeben (Groen ver- 
weist auf Haeser, Gesch. d. Med. I, 11); doch ist bei Hippokrates 
kein Analogon zu dieser Art des Volksglaubens vorhanden. Der Xame 
IV.Tspoc, den ein gelber Vogel, nach Plinius, bei den Griechen trug, 
ist jedenfalls von diesem Glauben ausgegangen; aber der Altmeister 
der Medizin Hippokrates hielt sich doch von dieser Art von Volks- 
medizin (simiha similibus) gewiß schon ganz ferne. In Norwegen wird 
(nach Groen, Xogle Bemerkninger om Folkemedicin) gegen Gelbsucht 
empfohlen, Wasser oder Milch aus der Hirnschale des Gold- 
Mrn'" Spechtes (gulspettens hjerneskal) zu trinken; auch wurde in den 
norwegischen Apotheken das Fleisch dieses Vogels als Mittel gegen 
Gelbsucht verlangt (1870). Der Grünspecht, Gecinius viridis, dürfte 
mit diesem in Norwegen nicht vorkommenden Goldspecht, Coloptes 
auratus, vom Volke verwechselt worden sein. Das Ganze macht 
überhaupt den Eindruck eines sehr viel späteren Volksglaubens, der 
erst durch die den Plinius interpretierenden mittelalterlichen Mönchs- 
mediziner ins Volk gedrungen sein dürfte. Plinius ließ die Krankheit 
der Gelbsucht durch den bloßen Anblick des gelben Vogels geheilt 
werden und letzteren dadurch sterben; ein organotherapeutisches Ver- 
fahren war dieses nicht; dies wurde erst später dabei eingeschlagen, 
jedenfalls aus Analogie mit der Verwendung anderer Tiere, deren 
Organgenuß aus religiöser (Opfer-) Tradition ehemals zum Heilmittel 
geworden war. 



Gold- 
s])echts- 



^) S. auch Wiesel S. 79. 



Gehirn. 131 

Regenpfeifer. Charadrius pluvialis, '/r^jrj.Zr>',6q (= Erdspalt), ein in Klüften 
der Erde wohnender gelber Vogel (Galander) , der für sehr gefräßig und 
dessen Anblick schon für ein sicheres Mittel gegen Gelbsucht galt (Schneider II, 
1055, I, 785). 

Was den von Groen (Nogle Bemerkninger om Folkemedicin, in 
Tidskrift Pharmazia for Kemi etc. IV, 1907, Nr. 9 u. 11) erwähnten 
gelben Vogel Charadrias (Brachvogel; Lerche?) betrifft, der angeblich 
bei Hippokrates (Tuepi twv svt&c; Tua^wv c. XXXVII) gegen Gelbsucht 
verwendet worden sein soll, so verweist Verf. auf Fuchs (Hippo- 
krates II, 527, Anm. 67), welcher mit Recht betont, daß der Aber- 
glaube des viel späteren Phnius über den Gelbling (Galbula, Emmer- 
ling) nicht auf den Altmeister Hippokrates zurückdatiert werden darf; 
wenn sich auch dieser nicht von der Volksmedizin ganz frei bewahrte, 
so huldigte er doch keineswegs solchem Analogiezauber. 

41. Wachtel. 

Coturnix, opTu|, ssk. värtikä, mlat. quacula, frz. quaille, ital. quaglia, ahd. 
quahtela, wahtala, ags. wyhtel; der Flug dieses schwarzen Jagdvogels sagte etwas 
voraus (Wuttke § 163, 277) wie der der schwarzen Taube. Dem Herakles oder Baal- 
Melkarth zu Tyrus wurden Wachteln geopfert, und sein Fleisch war den Israeliten 
erlaubt zum Genüsse (Maurer 20). Nach Plinius X, 69 soll die Wachtel an Epi- 
lepsie leiden können und deshalb pflegte man, so oft man eine Wachtel sah, vor 
ihr auszuspucken (Lenz 348). Der Ursprung der Wachtelverwendung als Opfer- 
speise scheint in Aegypten zu liegen ^). 

Das Wachtelblut hatte Beziehung zum Toten- und Geister- 
reiche. Im griechisch -jüdisch -ägyptischen Traumzauber (4. Jahrb. 
p. Chr.) heißt es: „'Ovsifyoo altTjat«;. 'AxpißY|<; sl«; Tidvia Ypatfov zic, 
ßDoaivov pdxog aiiiaii opioYLOO -ö-söv 'Epjx'^v hij^-o^^ IßLOTrpöawTüov" (Dieterich 
802, 785); d. h. man solle mit dem Blute einer Wachtel (alles genau 
befolgend) auf einen Seidenlappen einen Spruch an den ibisköpfigen 
Totenführer Hermes schreiben; auch beim Liebeszauber wurde die 
Wachtel in der jüdisch - ägyptisch - griechischen Magie verwendet 
(4. Jahrh. p. Chr.) (Dieterich 795). Die Macht der Totengeister sollte 
wohl zu Liebe und Traum verhelfen und auch gegen die Epilepsie- 
dämonen wirken. 

(1563) (Adler- oder!) Wacht ei kirn in dreyen häelieren weyn (je- Wachtei- 
trunchen vertreyht die (ßälsucht (Jühling 18'>) (s. o. Rebhuhngehirn). ^"^^" 
(1685) „Fwr die fallend sucht ein seer hrefftige artseney : Nim ein 
ivachtelliirn mit myrtensaJb^) verstoßen rnnd behalt das in ein zinine 
hüchß, rnnd so dn einen sihst uon diser sucht niederfallen, so schmirh 
jiii das anyesicht damit^^ (Jühling 246). Wachtelhirn ist ein Heil- 
mittel gegen Fallsucht (Tirol) (Jühling 247). 

In Deutschland wird die Wachtel vom Landvolke fast wie ein 
heiliger Vogel geschont. Die schwarze Wachtel hatte auch im 
deutschen Volksglauben Beziehungen zu den Seelengeistern; denn in 
Nordböhmen werden die Seelen alter Jungfrauen zu AVachtelkönigen 



^) Auch bei den alten Mexikanern unter Cortez war die Wachtel wegen der 
unglaublichen Menge derselben ein alltägliches Opfer, das vom Volke bei vielen 
Festen mit verspeist wurde (Prescott, Conquest of Mexico I, 3, p. 72). 

-) Ueber die Myrte s. o S. 41. Bei Celsus ist der Myrtensaft Bestandteil 
eines Mittels, das man an die Schläfengegend schmieren sollte (Frieboes 323, 646). 



132 Gehirn. 

= Crex pratensis, die die Wachteln anführen sollen nach dem Volks- 
glauben (Z. f. Oe. Y.K. XIII, 1907, S. 133); als Seelensitzorgan 
konnte demnach auch das Wachteig ehirn die bösen Krankheits- 
geister, welche Epilepsie veranlassen, beherrschen. 

42. Sperling, Spatz. 

Passer, oxoouO-öc, orrapaaiov, o-ep^o'jXoc, ahd. sparo (= zappelndes Tier). Der 
schon bei den Griechen im Rufe der Geilheit stehende Vogel war bei denselben 
und bei den Römern der Venus-Aphrodite heilig (Athenäus, Casaub. IX, 672), 
deren Wag-engespann (aus Tauben oder) Sperlingen bestand (Lenz 650; nach 
Dionys. Halik. f 10 p. Chr.), welches Bild aber in der Kunst sich nicht findet; 
bei den Juden wurden zwei lebende reine Vögel (nach den Rabbinern und der 
Vulgata waren es Sperlinge) vom Priester geschlachtet und in das Blut der- 
selben, das mit Wasser, Zedernholz ^) und Ysop ■^) gemengt war, ein dritter 
Vogel eingetaucht (Reinigung und Wiederreinio^ung) als Mittel gegen eine an- 
steckende (geschlechtliche) Hautkrankheit (Venerie?) (Maurer 110; JMovers, Opfer- 
wesen 41). 

Die von den mittelalterlichen Heilmittellieferanten den betreffen- 
den Tieren (Esel, Bock, Hund, Katze, Hase, Rebhuhn etc.) zu- 
geschriebene angebhche besondere Geilheit ist sicher oft nur ein Nach- 
klang der ursprünglichen volksmediziiiischen Verwendung derselben zu 
menschlichen Geilheitszwecken, die aus dem Liebes- und Fruchtbar- 
keitsopfer sich ableitet-, so sollte auch der Sperling geiler als andere 
Vögel sein; er war aber nur die verkümmertste Form des Vogelopfers, 
das eben überhaupt zu Fruchtbarkeitszwecken am häufigsten, namentlich 
von den ärmeren und breiteren Volksmassen bevorzugt wurde und das 
in dem kleinsten Vogel Sperling (s. auch Zaunkönig) am sichtbarsten 
verkümmerte, wobei die Verwendung des Sperlings im späteren 
jüdischen (3pferritus den Uebergang des Gebrauches zu den christ- 
lichen Völkern erleichtert haben mag. Bei den Deutschen scheint der 
Sperling erst sehr spät in der Volksmedizin verwendet worden zu 
Sperlings- sein; wenn auch sein Gehirn noch im 18. Jahrhundert offizineil ge- 
^"^"" wesen war. 

„//>/. 17. Jahrlmnäert tvaren ein berühmtes zur Liebe helfendes 
Geheimmittel die MorselJen des im Mars- und Venush'icg so hoeh 
herühmten Helden, des Grafen von Pappenheim, die wesentlich aus 
Spatzengehirn bestanden'-^ (Jühling 237). (1685) ^^Ber f/emeine 
Sperling ist ein sehr geiler Vogel, ivird (fehrauclit zum Hey schlaffe 
besonders besitzet das Gehirn dergleichen Krafft^^ (Schröder 1351). 

(1730) j^Morsellen, ivelche das Frauenzimmer hoch venerirt . . . 
das Spatzen- Gehirn, wenn sie im Coitu erschossen, tvie auch ihr Bhd, 
unter Morsellen gethan^' (Kräutermann 214) (ad Venerem stimulansj. 
Den gleichen Zweck sollte aber auch die Schweinsleber (s. u.) mit 
Schweinshoden erfüllen. (1714) Das Spatzenhirn wurde zu Greil- 
heitszwecken von Studenten benützt (Janus 1899, p. 235). 

43. Lerche. 

Cassita, galerita ; lat. kelt, alauda, frz. alouette, v.opoO-aXXic, xopoö-aXoc, y.opuooc, 
y.aXavSpa, mlat. calandrus (^«paopiöc), ahd. lerahha (lewrahha), ags. lawrice, mhd. 

') Zedernholz s. S. 15. 

^) Ysop, Hysop s, o. S. 39. 



Gehirn. 133 

galander. Haubenlerche (kelt. alava — Schopf, lat. caliendrum = Haube, xöorj^ 
= Helm) im Geg-ensatze zur Heidelerche; sie wird von Plinius als symbolisches 
Privatopfer erwähnt (s. u. Lerchenherz). Galenus erwähnt ihre Asche als Mittel 
gegen Kuhrkolik. Auf den Hebriden gilt sie als heilig. 

Das Gell im der Hauhenl erclie mit Oel diente 1749 hei den Lerchen- 
Bosniahen cds (Fett-) HeiJnnttel für dir (rerstopften) OhrenOjänge) ^"'"• 
(AVissenschaftl. Mittig. aus Bosnien II, 384), s. auch Lerchenherz. 

44. Bachstelze. 

xiXXoDoo? (-K'-u). y.ivsü) = bewege, ohoO. = Schwanz). Mit dem Wedelsterz oder 
Wippsterz und dem steifen Gange wie auf Steliien; ein furchtsames Tier, dessen 
Schweif immer aus Angst in Bewegung zu sein scheint. 

45. Elster. 

Atzel (Agzel), Ekster, garrulus, graculus, pica, v.baa (Häher) ; vcdxa (kikender 
Vogel, der sich lustig wippend bewegt), ags. agu (onomatopöet.), ahd. agazza •, ital. 
gazza, frz. agace, ahd. agal-stra; Markolf (Krankh.N.B. 399), die Gestalt eines 
elbischen Wesens im deutschen Volksglauben, ein Unglücksvogel, der in heiligen 
Wäldern (Kirchenbann) nicht nisten darf, weil er die Gestalt eines Waldgeistes 
ist. Der Stein in seinem Neste macht unsichtbar (Liebrecht 347). Die Lemnier 
verehrten die Elstern (v.itta), weil sie die Heuschrecken vernichteten (Plinius XI, 
29, 35 ; Lenz 308). Papst Zacharias verbot den Genuß der Elster (der Krähe 
und des Schwanes): „inprimis volatilibus, id est de graculis et corniculis atque 
ciconiis, quae omnia cavendae sunt ab esu Christianorum." 

Elstergehirn wird nicht verwendet; wohl aber ihr Herz. Eister- 

hirn. 

46. Wiedehopf. 

Upupa, frz. huppe (= Haube), engl, whoop; xo'jy.ou-fat; (schreiender, hup-hup 
rufender Vogel), zTzo'h (nach einem Wortspiele bei Aeschylos : „ei^o'| sKonxYjg xcüv 
O.ÖX0Ö y.ay.(Juv"); ahd. wituhopfe (= Waldhüpfer), bubo = gir, fledermuße, widhopflf 
(D. I, 83), des Kuckucks Küster, der besonders in Oberägypten sehr häufig ist ; der 
thrakische König Tereus soll wegen seiner Sünden in einen Wiedehopf verwandelt 
worden sein (Lenz 312); er ist also ein chthonisches Tier, welches, wie alle solche 
Wesen, selbst heilkundig ist; er trägt Pflanzen in sein Nest ein, damit er vor 
Verhexung gesichert sei (Keller 270). Plinius erwähnt nur das Wiedehopf- 
herz (s. u.). 

Wenn man die Wiedehopfenzunge gegessen hat, kann man 
lehren, was man will, wird besonders gescheit durch diese Einver- 
leibung eibischer Kräfte (Schw. A. f. V.K. 1903, VII, 50). 

In demselben Schweizer Zauberbuche (Schw. A. f. V.K. 1903, S. 52) 
heißt es: „*So da dreij nianns Starke tvilt haben, So fah Ein ivld- 
hopf und haue ihm der Kopf ah und hrönne ihn zu hulfer^) und 
Trag es hei dir in den Schuhnen'''' (also ähnlich wie bei der Eule 
s. S. 126). „Wer einen ganzen Wiedehopfskopf bei sich trägt (ein- 
verleibt), bleibt von jedermann unbetrogen" (TaHsman gegen Eiben- wiede- 
trug) (Tirol) (Bechstein- Alpenburg 387); ähnHches gilt auch vom ^op""^'^^- 
Wiedehopfauge (Teil des Kopfes), das in der Silvesternacht (s. o. 
S. 28) benützt wird (Globus XCI, N. 21, S. 338). 

Der Wiedehopf ist die andere (xestalt eines elbischen Seelen- 
wesens wie die Elster und die Eule, deren innere Seelensitzorgane 

^) Ueber Asche s. o. Register. 



134 Gehirn. 

einverleibt, auch als Talisman am Körper getragen, unholde Geister 
(Hexe, Trude und Teufel etc.) ferne hält oder vertreibt, beherrscht. 
Der Tierkult war in frühesten Zeiten ein Seelenkult. Die Herrschaft 
der Tiergottheiten war nicht unüberwindhch : sie unterlag auch der 
Gegenmacht des Zauberers, des Urpriesters der Menschheit; dieser 
war im stände, Menschen und Tiere zu verwandeln. Der Seelentausch, 
die Zusammensetzung des Tieres mit Menschenseele machte die Tiere 
dem primitiven Menschen zu höheren, verehrungswürdigen Wesen; 
die Seelen der Verstorbenen , die Unterirdischen , y^övioi , leben in 
solchen chthonisch-elbischen Tieren. Das Einverleiben oder Tragen 
des Seelenorganes der elbisch-chthonischen Tiere (s. S. 23 ff.), Auge^), 
Herz, Blut etc. oder der äußeren Seele (Haut, Hülle, Fell etc., Tier- 
maske) ist das magische Zaubermittel, um die fremden Geister und 
Krankheitsdämonen zu beherrschen und ferne zu halten. Die uralte 
Vorstellung, daß Tiere Dämonen sind, und daß die Dämonen unter 
Tiergestalt neben dem Menschen leben, geben auch die Bilder auf 
Gemmen wieder, die selbst wieder als Bilder solcher Dämonen ebenso 
zauberkräftig wirken sollten wie die Bilder der Opfertiere und Opfer- 
szenen und diese selbst. 

47. Zaunkönig. 

Reguhis, ßa-'.Xsoc, fjy.z'Xiov,o<; (auch Goldhähnchen, v.opO-oXo?) , mhd. chuniclin 
= Königlein, Winterkönig (holländ.). In der volkskundlichen Literatur tritt der 
Zaunkönig zuerst auf im privaten Zauberopfer des griechisch-jüdisch-ägyptischen 
Zauberpapyrus (4. Jahrh. p, Chr.): „v-c<l Xajiüjv vr^ Tt^iotv^ '^llJ-sf-'^^. arcÖTCvi^ov ^wa 7, 
iva aXsv.Tpoöva, opT'r,'a, ßaaiXi-aa v" (= femina reguli aviculae; conf. regulus D, I, 
490). Die Zahl 7 knüpft ebenso wie die rituelle Zeit der ersten Morgenstunde 
an den Kult an ; mit der Auswahl der Tierarten aber macht sich schon die Ten- 
denz zum Verkümmern des Opfermateriales bemerkbar (s. o. S. 13). In Süd- 
frankreich (Carcassoune) und in England (Man) wird der Zaunkönig (als Vegetations- 
geist) gejagt, herumgetragen und als König der Vögel besungen (Sloet 215; 
Grupp 152); er stellt die kleinlichste Form des Opferhuhns dar, die gerade beim 
privaten Opfer am meisten verkümmern mußte; die beim Geschlechts-, Liebes- 
und Fruchtbarkeitsopfer des einzelnen am meisten bevorzugten, weil billigsten 
Opfertiere waren gerade die Vögel ; in der deutschen Volksmedizin tritt der Zaun- 
könig sehr spät auf. 

Zaunkönig- Wer an Schwindel leidet, soll (in Steiermark) früh nüchtern 

'"^" das Gehirn eines Zaunkönigs essen (Possei 88). 

48. Pfau. 

Pävo, Tao'j;;. „Etwa im 6. Jahrh. oder wohl früher mag der südliche Vogel 
in Deutschland schon bekannt gewesen sein, wie etwa der Vogel Strauß" (Kluge 
^295); er kam aus Ostindien über Persien und Arabien nach dem Abendlande; 
im Altindischen heißt er Schlangenfeind und Schlangenfresser. Pfauenfleisch ist 
heute ein veraltetes Bratengericht. Zur Zeit von Karl d. Gr. war der Pfau bloß 
ein Ziervogel (Capit de villis XL). 

Auf Samos wurde der Pfau im Tempel der Juno, als dieser Hoch- 
zeitsgöttin heilig, gehegt (Lenz 324), und in der Mitte des 5. Jahrh. 



^) „Trage eines Widhopfen Auge bei dir und wenn du es vornen auf 
die brüst trägst. So werden dir deine Finde hold etc." (Schw. A. f. V.K. IL 

1898, S. 268). 



liini. 



Gehirn. 135 

a. Chr. in Athen als Naturwunder angestaunt. Den ersten jungen 
Pfau hat Quintus Hortensius (im 2. — 1. Jahrh. a. Chr.) für die Tafel 
braten lassen, wie er seinen Antrittsschmaus als Augur hielt (Varro. 
De re rust. III, 6); Gehirn von Fasanen und Pfauen gab es Pfauen 
bei dem Ankunftsschmause, welcher dem Kaiser Yitellius (f 69 p. Chr.) 
von seinem Bruder gegeben wurde (Lenz 323). Das Gehirn von Vögeln 
galt überhaupt als Dehkatesse. Volksmedizinisch wird sein Gehirn 
nicht verwendet; aber sein Kot sollte die Epilepsie vertreiben (Sext. 
Piaton. cap. XXIX), eine späte Nachahmung anderer Vogelkot- 
verwendungen. 

49. Pelekan, Pelikan. Reiher. 

rizXtv,c/.i; (-s/vsy.o; = Beil) = Specht, im Russischen „Großrauttervogel" wegen 
seiner fabulösen Jungenliebe; bei den Arabern Aasgeier. Onocratalus. 

„Der Pelekan der Alten ist nicht unser Pelikan, sondern jeden- 
falls ein anderer am Wasser lebender Vogel, wahrscheinlich eine Art 
Reiher" (Keller 467). 

Reiher, ahd. hreigir, an. hegre (zu indog. krak = krächzend schreien, xp'.v.slv), 
lat. ardea, Ioidoioq, franz. heron. Er war bei den alten Griechen ein chthonisches 
Wesen. Nach der Sage wurden die Gefährten des Diomedes auf den im Adriatischen 
Meere gelegenen Diomedeischen Inseln in fleischfressende Raubvögel (Reiher) 
verwandelt. 

Sein Schmalz dient bei Podagraschmerzen , Augenstar, Ohren - 
taubheit und als Fischköder. 

50. Kranich. 

„Ein€r der wenigen Vögel, in deren Bezeichnung mehrere indogermanische 
Stämme übereinstimmen" (Kluge ^224); grüs (garrire = schreien, er galt als be- 
sonders wachsam), -pp^'-'o? (ger-w), reiherartiger Vogel; ahd. chranuh und chreia 
(= krähender Vogel), altindisch minäghätin = Fischtöter. Der Kranich wurde 
(nach Horat. Satir. II, 86) gebraten und in Stücke zerlegt, mit Salz und Mehl 
(mola Salsa)') bestreut aufgetragen (Lenz 369); Kranichbraten war überhaupt im 
Altertum beliebt (Lenz 373) und im Salischen Gesetze wird der Kranich unter 
dem Hausgeflügel aufgezählt; auch in Polen ißt man denselben. 

Erst Sextus Platonicus (um 330 p. Chr.) verwendete des Kranici 
Kranichs Gehirn und zwar als Empfängnismittel : „ Z7f midier ^"^'^ 
concijnat. Cerehrum grtiis cum adipe anserino (Gränsefett s. S. 115) 
et leonis (Löwenfett s. S. 104) dracJim. 3 myrrJiae et folio et vasmdo 
reponitur in argenteo rel ritrco, inde vir colUniet naturam suam ernte 
roitiim , nt et possit midier concipere^ fpuae eoncipere non consuevered^^ 
(cap. XXVI, p. 418). 

Durch die Luftröhre eines Kranichs (Ys^avcov apxYjpta?) sprach nach 
Lucians scherzhafter Aufschneiderei eine Aeskulapstatue (Beckmann IV, 115). 

51. Storch. 

Zu: xopYo? (= Geier) (Kluge ^381), v.oxvot; (= Schwan), ciconia, TisXapYo? 
{— schwarzweiß) , an. hegre, hebr. die Liebe (s. Schwan) wegen seiner Jungen- 



^) Hatte mit dem Opferkulte Beziehung, da Salz und Mehl fast beständige 
Beigaben zum Opfer waren. 



136 Gehirn. 

liebe. Der kinderbringende Frühling-svogel der Deutschen (Mannhardt, Myth. 305). 
Wegen seiner Schlangen- und Krötenlresserei hoch geehrt (Plinius X, 23, 31, 32) 
und in den meisten Ländern Europas für heilig gehalten (Lenz 376); auch wurde 
seine Leber deshalb roh verzehrt (s. d.). Der verwundete Storch heilt sich selbst 
mit Dosten (Aristoteles IX, 74 u. IX, 14, 1; Aelian., De nat. an. V, 4G). 

Der sagenberühmteste Sumpfvogel war wie ein chthonisches Wesen 
verehrt. Der Genuß seines Fleisches wurde den germanischen Christen 
vom Papste Zacharias verboten (Schrader 573, 018); im Mittelalter 
wurde er doch gegessen; heute ist der Storchenbraten veraltet. 

Schwan. Olor, v.6y.\/oc, ahd, swan (zu : sonare = singender Vogel) (Homer, 
Ilias II, 459), ahd. albiz. Auf der altheidnischen Opferstätte auf dem Lochen- 
steine (Württemberg) fand sich auch der Singschwan unter den Opfergebeinen 
(Korresp.-Bl. f. Anthr. XIII, 1882, S. 19). 

Der Schwan mit Menschenkopf stellt die Menschenseele dar 
(Furtwcängler, Antike Gemmen III, 202, I, Taf. XIX, Fig. 49, 50). 

52. Eisvogel und Möwe. 

äXv.uujv (Homer, Ilias IX, 569) xrjf/6Xo(;. Halcyon (Plinius), alcedo , alcion 
D. I, 21. Es ist nicht ganz festgestellt, was alles die Alten unter Eisvogel 
früher verstanden; jedenfalls alles zur Eiszeit erscheinende Geflügel, also auch 
die Meermövve (Larus ridibundus) und fernerhin den Winterboten oder Martins- 
vogel Alcedo, der auch im "Winter ausharrt; seine Gestalt ist mit vielen 
Volkssagen umwoben. 1470 bewahrte man ihn in seinem Käfig tot auf, ein 
gewickelt in seidene Tücher und mit goldenen Ringen um den Hals, also wie 
einen toten Menschen, weil man glaubte, daß es dem Hause dann nicht an 
Unterhalt fehle, solange dieser Glücksgeist im Hause sei (Böhmen) (Z. d. V. f. 
V.K. 1901, XI, 279; Wuttke § 164); manchmal wurde ein solcher toter Eis- 
vogel auch unter den Altar gelegt, wenn Messe gelesen wurde (um ihn zu 
erlösen aus seiner Verwandlung). Bei Shakespeare bestreut dieser Wintervogel 
unbegrabene Leichen (unruhige, ruhelose Seelen) mit Totenblumen, nach dem 
Glauben der Alten baute er nur während der heitersten und kältesten Winter- 
tage, der Halkyoniden, in denen das Meer ohne Stürme ist, sein Nest und brütete 
innerhalb 14 Tagen seine Eier aus; nach Plinius XXXII, 27 glaubte man, daß 
das Alcyonium (Meerkorkkoralle) aus den Nestern der Eisvögel entstehe ^). Der 
Eisvogel hat Beziehungen zum Seelen- oder Totenreiche. Nach Ovids Meta- 
morphosen XI, 544 ff. wurde der schiftlDrüchige trachinische König Ceyx und seine 
Gemahlin Alcyone (!) von den Göttern in Eisvögel verwandelt; d. h. diese sind 
Seelengestalten, wie die Reiher und Möwen. Den farbenschillernden Eisvogel, 
den gefährlichsten Feind der Fische, nageln Fischer an das Scheunentor als Apo- 
tropäon wie die Eule (s. d.) (Globus XCI, N. 21, S. 337); die Wirkung desselben 
begründet sich mit der Zauberkraft der Seelen. 

Die Meermöwe oder HoMbrut, Gavia, Larus ridibundus, Aapo?, mit der 
einem Menschengelächter ähnlichen Stimme (Homer, Odyssee V, 51) (1587 : holbrodt 
= larus, D. I, 319) ist wie der Meertaucher (s. u.) ein Leichenvogel; Oppianos 
(2. Jahrh. p. Chr.) sagt (De aucup. II, 4): „Ursprünglich sollen die Möwen die- 
jenigen Menschen gewesen sein, welche zuerst den Fischfang erfunden hatten; dann 
sollen sie durch den Willen der Götter in Vögel verwandelt worden sein ; aber ihre 
Vorliebe für Städte und Häfen behalten haben" (Lenz 384); diese Vorstellung, daß 
die Möwen Seelengestalten sind, ging von einem das Wasserbegräbnis übenden 
Seevolke aus. 



^) Sie bestehen aus Gallerte, Kalk und anderen Meersalzen. Celsus (V, 28, 
N. 19) wendet sie mit Soda, Feigenblättern bei den heilbaren Formen der 
Vitiligo an (Frieboes 639), ein Mittel, das auch Ovid (Med. fac. 77) als Gesichts- 
fleckenreinigung anführt. Die Zusammensetzung des Celsusschen Mittels Al- 
kynion mit Weihrauch und Gerste trägt den Charakter der körperlichen Katharsis 
(s. 0. S. 41 u. 42). 



Gehirn. 137 

Durch den Genuß solcher Seelentiere können nicht nur Krank- 
heiten geheilt, sondern auch verursacht werden (Neue Jahrb. f. Philos. 
Suppl.-Bd. 16, 1888, S. 213) (s. Fischleber). 

(1563) ^Etliche (fehraucliend diß hirn (der Meerweben oder Möwen- 
Holhrot) am rauch (fcdcrrt rnnd klein zerschnitten, den hinden wider ^^^^^ 
den hinfallenden sleeUtaij^ daruon zu sehnioecken; den alten aber, 
oder denen, so eines rollkoninienen cdters sind^ gebend sy von disei)i 
ein bächer voll mit dreyen bächcrlin matt rnnd essig zetrincJcen^ (Jüh- 
ling 245) (eine Art von Theophagie). 

53. Meertaucher. 

Ethya; ald-ö'.a, fulica mergus, Wasservogel, kleiner Haubentaucher, der sich 
von Fischen (s. u.) ernährt; ahd. halacra = Salzseekrähe, mergulus = tuchari 
(D. I, 358). Bei Homer (Odyssee XII, 418; XIV, 308) ist die alO-oia, die sogen. 
Seekrähe, y.opa>vrj, ein gefräßiger Seevogel, auch Xap6? = Mövve; sie ist, wie die 
letztere, eine andere Gestalt der menschlichen Seele, die den Menschen Hilfe 
gewährt und sie vor Seestürmen warnt; namentlich die Völker, welche ihre Leichen 
im Meere begraben, haben diese Vorstellung (vergl. Karl Tümpel, Neue Jahrb. 
f. Philol. Suppl.-Bd. XVI, 1888, 213) (s. u. Fische). 

Pausanias 1,5, 3 bringt den Vogel ö'.O-ui'/. auch mit der Göttin Athene in 
Beziehung. 

Amphibien, Lurche, Schlangen. 

54. Schildkröte. 

)(^eXa)VT|, y^^'kMV, x^^^^«;? X^^'^^"']' ^F'-'^sj richtiger ejAuc, tortuca, tartuca, turtus, 
tortus, testudo (= Schaltier), frz. tortue, ital. dialekt. golola, golora, golaia, Opfer- 

Fig. 87. Fig. 38. 





Aus Furtwänglers Antike Gemmen I, Taf. XV, Fig. 59 u. Gü. 
Schildkrötenopfer. 
Ein nackter Mann durchbohrt Der knieende Mann hält mit 

mit einer Stange den Kopf der der Linken das Bein der auf 

Schildkröte, die erträgt, wäh- einem Tische liegenden Schild- 

rend die Linke die /uä^aiga zum kröte, während die Rechte das 

Abschlachten erhebt. Opfermesser erhebt ; hinter dem 

Manne eine Venusmuschel. 

bilder von Schildkröten fanden sich schon im alten Kreta (A. f. R.W. VIII, S. 149) ; 
Furtwängler (A. G. III, 113, 207, I, Taf. XV, 59) bildet zwei karthagische Skarabäen 
Sardiniens ab, auf denen die der Astarte heilige Schildkröte geschlachtet wird, 
eine Darstellung, die im griechisch-italischen Kreise niemals vorkommt; es dürfte 
sich um karthagischen (phönikischen) Einfluß dabei handeln, nach Furtwänglers 
Anschauung; doch haben auch der Seelenführer und Hirtengott Hermes-Merkur 
und Apollo eine Schildkröte in der Hand oder zu ihren Füßen; letzterer wegen der aus 
ihrer Schale verfertigten Leier, die aus Aegypten stammt (Dictionnaire des antiqu. 
gr. et rom. III, 2, 1819; 0. Keller 1. c). Die Schildkröte spielte eine Rolle in 
den griechischen, auf das weibliche Geschlechtsleben bezüglichen Festen (Nils- 
son 379), namentlich beim Feste der unreinen, männermordenden Aphrodite anosia, 
androphonos; an einem Aphroditefeste soll die berühmte Hetäre Lais von den 
eifersüchtigen thessalischen Frauen mit hölzernen Schildkröten (Votivfiguren ?) 
totgeschlagen worden sein, worauf eine Seuche in Thessalien ausbrach. Als Ver- 
treterin des feuchten Elementes erscheint die Schildkröte neben der syrischen 
Astarte-Aphrodite Urania, der Göttin der gesitteten ehelichen Liebe; sie wird 



138 



Gehirn. 



jzum Symbol der weiblichen Häuslichkeit, des Frauenzimmers. Auf der Tür- 
schwelle ') eines griechischen Hochzeitsgemaches ist eine Schildkröte als Apotropäon 
für die Weiblichkeit abgebildet (Dictounaire des antiqu. gr. et rom. III, '2, p. 1424, 
1649, Fig. 4691, 4862), oder als Sinnbild der körperlichen Keuschheit des Frauen- 
zimmers oder der geschlechtlichen Reinheit. Auf einem geschnittenen Steine ist die 
Schildkröte geradezu ein Zeichen Aeskulaps wegen ihrer vielfachen Beziehung zur 



A O ^ il 




^ ^r- 



Aus Dictionnaire des antiquitös grecques et romaines III, 2, p. 1424, Fig. 4691. 
Eine Schildkröte als Catharticum auf der Türe eines hochzeitlichen Gemaches; eine Verbena- 

ptlanze auf der anderen Seite. 

Heilung 2) (Lenz 648). O.Keller (Die Schildkröte im Altertum) verweist auch auf 
die Zäh- und Langlebigkeit dieses Tieres. Unter den Füßen Aeskulaps sieht man 
die Schildkröte auf einem Siegelringe, der wohl einem Arzte gehört haben mag 
oder jemand, der noch lange leben wollte durch die ärztliche Kunst. In der 
kaiserlichen Familie des Clodius Albinus (f 197 p. Chr.) war der Brauch, die 
kleinen Kinder in Schildkrötenschalen zu baden (Lenz 290), jedenfalls um sie 



Fig. 40. 




Aus Dictionnaire des antiquites grecques et romaines III, 2, p. 1649, Fig. 4862. 
Hochzeitsgemach mit der Schwelle ins Frauenzimmer, auf deren Türflügel eine Schildkröte 

angebracht ist. 



gesund und lange am Leben zu erhalten. In Konstantinopel hat man heute noch 
häufig Amulette aus solchen Schalen (Stern I, 355). Die griechischen Frauen 
trugen Schildkröten als Ohrgehänge (0. Keller 1. c). 

Die Schildkröte heilt sich ihre Schlangenbisse selbst mit Origanum (Aristo- 
teles, h. a. IX, 7; Keller 257, 449); sie ist aber selbst ein Heilmittel für den 



^) Vergl. xeXtüv:? = Schwelle (Schneider II, 1076). 
2) Vergl. Plinius XXXII, 4, 14; IX, 38. 



Gehirn. 139 

Adler (x£Xu>vo'faY°<?)- Sie galt als ein lieilio-es Tier (Plinius, h. n. IX, 38), und auf dem 
Römerplatze Mizia in Siebenbürgen weihte man die üi)fergaben in ihren durch 
einen Deckel zu öffnenden Leib wie auf Kos in den Schlund der Schlange hinein 
(0. Keller). Im Oriente ist die Schildkröte ein Tier mit dämonischem Wesen, im 
alten Indien und in deutschen Sagen ebenfalls. Die Seelen der Ertrunkenen ver- 
wandeln sich in Schildkröten; schildkrötenköpfige Totengenien fanden sich auch 
auf altägyptischen Gräbern (1. eod.). Dieses Dämonenwesen erklärt auch, daß die 
Schildkröte wie die Kröte (Frosch) zum Apotropäon auf Händen und Phallus 
namentlich gegen den bösen Blick (1. eod.) und zum antidämonischen Mittel wurde. 
In Griechenland ißt man die Schildkrötensuppe heute nicht, wohl aber in Algier; 
Schildkrötenfresser waren namentlich die Inselbewohner im Indischen Ozean. 

Schildkrötenhirn mit Honig ist ein altägyptisches haut- Scbiid- 
reinigendes Mittel gegen Orützlbeutel im Papyrus Ebers LVII, 6 ^'hhn' 
(Janus 1899, 123). „Das Mittel, welches der Aegypter (Papyrus 
Ebers) anwendet (gegen Hornhautleukom) , Schildkrötenhirn 
mit Honig auf die Augen zu legen , wird ebenso wirken wie unser 
Einstreuen von Kalomel, durch die Zeit, die hier mehr hilft als die 
Kunst" (Hirschberg 14). Der Genuß von Schildkröten muß auch 
weiterhin ein gynäkologisches Heilmittel gewesen sein, denn im 17. bis 
18. Jahrhundert war es in Bayern üblich, Napfkuchen in Schild- 
krötenform bei Wochenbettsmahlzeiten zu genießen. 

Hippokrates erwähnt nicht nur die ganze Meerschildkröte als 
weinigen Arzneitrank bei hysterischen Frauenzuständen (Fuchs HI, 580), 
sondern auch das Verbrennen einer Kute (TrspLVsoc;) einer solchen als 
konzeptionbefördernde Scheideneingießung (mit Milch und Granat- 
apfelsaft) (Fuchs HI, 4 63) ; ferner das Gehirn der Meer Schild- 
kröte (mit ägypt. Soda und ägypt. Salz) als Mutterzäpfchen zum 
Reinigen der Gebärmutter von der toten Frucht (Fuchs IH, 474) 
(s. auch Leber). 

Plinius (XXXII) erwähnt das S c h i 1 d k r ö t e n f 1 e i s c h als 
Mittel gegen Vergiftungen, Kropf, Skorpionenstich und Epilepsie; das 
Blut derselben für Augenleiden, Schlangenbisse, Ausschläge, Fallsucht, 
Zahnweh, Ohrenflaß, Kopfweh und Kropf etc.; ebenso Xikander und 
Pelagonius, der Pseudo-Dioskurides (4. Jahrb. p. Chr.) gegen Vipern- 
biß (Janus XII, 349). Der Schildkrötenkopf, der nach dem 
Abschneiden noch einige Zeit Lebenszeichen gibt (Aelianus IV, 28), 
dient (nach Plinius XXXII, 4, 14) in Afrika als Gegengift gegen 
Kropfdrüsen und heilt die Epilepsie (Lenz 416) (antidämonisch). 

Mehrere Schriftsteller, wie Aristoteles (384 — 323 a. Chr.), Apol- 
lonius, TertuUian (f 230 p. Chr.) heben hervor, daß man den Schild- 
kröten sogar das Herz herausnehmen könne, ohne daß sie sterben. 
Diese angebhche Zählebigkeit des Tieres erklärt auch die Verwendung 
des Schildpattes zu talismanischen Objekten, deren Benützung langes 
Leben sichern sollte (0. Keller, 1. c. 8). Der ganze Schildkrötenglaube 
scheint aus Phönikien oder Aegypten zu stammen; er beruht zum Teil 
auf der Vorstellung, daß das chthonische Seelentier übernatürliche 
Zauberkräfte besitzt, und daß auch die Communio an dem Schild- 
krötenopfer zum Fruchtbarkeits- und Heilmittel werden könne. 

55. Frosch, Kröte. 

Rana , riibeta, bufo, ßaTpax_oc;, cppüVY| (furfus = braun), <^pbvo<; (f.), indog. 
bhrimo. Der erüne Frosch ist männlich , die braune Kröte im Deutschen, 



140 Gehirn. 

Griechischen und Lateinischen weiblich ; ranuncula, altfranz.renouille, franz. grenouille. 
Im deutschen Volksglauben ist die Kröte das Prototyp eines elbischen Tieres, die 
Seelengestalt; Frosch, Kröte (und Schildkröte) sind in der Volkszoologie gleich- 
wertig; ebenso sind Frosch und Kröte sprachlich nicht scharf zu trennen 
(Schrader 483), ahd. chreta, chrota, frosh, an. froskr, fraukr, ags. frogga. Als 
elbisches Wesen erzeugt die Kröte den Krötenalp (Krottolf) oder Abortus- 
mole , sie hat böse , menschenfeindliche Züge und wird anderseits vom Menschen 
auch als ein guter Hausgeist ))etrachtet. (1683) „Die Kröte hat gegen dem 
Menschen eine solche Feindschafi't , daß, wann selber sie aufhenget und rauffet, 
sie vor lauter Wuth gegen selbem stirbet" (Schröder 125G). Nach Konrad v. Me- 
genberg (1483) tötet man sie mit der hochheiligen Raute, und diese ist wieder ein 
Mittel gegen den Krötenalp (Krottolf) in der Gebärmutter; über diese Beziehungen 
der Kröte zu körperlichen Anomalien bei Mensch und Tier s. Höf lers Krankheits- 
namenbuch 332. Schon darin könnte man den Beweis für das Seelenwesen der 
Kröte finden; die Züge der chthonischen Wesen kehren bei der Kröte aber noch 
mehrfach wieder. 

..Die lebende Kröte ist im V^olksglauben ein Seelentier. Wenn in der 
Volkssage die Seele einer kranken Frau als Kröte zum Munde herauswandert, so 
hat dies keine Beziehung zur Gebärmutter der Frau; solche Seelenwande- 
rungen nimmt auch die Maus vor. Die lebende Kröte ist eben eine der vielen 
Gestalten, unter welchen die menschliche Seele nach dem Volksglauben erscheint; 
als solches geisterhaft spukendes Wesen erscheint die Kröte an den Tagen der 
Seelenausfahrt, z. B. an Quatembertagen, in der Zeit des höchsten und in der des 
niedrigsten Sonnenstandes, in den Zwölften und im Frauendreißiger, am Aller- 
seelentag, auf Gräbern, in Friedhöfen, vor Kirchentüren u. s. w. Als solches Seelen- 
tier erhält die Kröte, wie ein Geist der \'erstorbenen und wie die lebende Aesku- 
lapschlange ihre Nahrung, ja sie sitzt sogar auf dem Seelenbrote; sie wird wie 
die Natter, die ebenfalls ein Seelentier ist, zun) Hausschutzgeist (Schweden: bol- 
voetter; Sizilien: Donna di casa); sie wohnt unterm Krautfaß, im Hauskeller, im 
Erdboden, hütet unterirdische Schätze; sie ist eine , Unterirdische', eine , Schatz- 
kröte'. Auch die übrigen elbischen Eigenschaften besitzt die Kröte; sie macht 
Alpdruck im Alptraum; sie geht Verbindungen mit dem Menschenweibe ein; sie 
wird zum Wechselbalg, zum mißgestalteten Zwerge; sie erzeugt als Zwergenweib 
selbst wieder ,verkrottete' Kinder (cretino); als Kreißende nimmt sie wie andere 
elbische Wesen die Hebammendienste der Menschenweiber in Anspruch; sie wird 
zur Nixe, zur Wasserfrau; sie zehrt am Menschen; sitzt unter der Zunge des Men- 
schen und Tieres; entzieht dem Menschen Blut; muggert als Mauke am Pferde- 
fuß; verfilzt die Pferdemähne zum Wichtel(VVeichsel)zopf; nimmt den Kühen 
die Milch ; kurzum alle Eigenschaften des elbischen Kleinvolkes finden sich nach 
dem Volksglauben bei der Kröte. Wie jedes Haus seine , Hauskröte' hat, so 
auch jedes Haus sein Schrätzlein; die Kröte zeigt als Hauskröte Sterbefälle voraus 
an, sie ist Todesbote. Daß sie auch als , mächtige Fee' oder ,un begriffener Ge- 
nius' (Sizilien) Glück ins Haus bringt, entspricht ebenfalls dieser Vorstellung des 
Volksglaubens. Wird sie aus ihrer tierischen Hülle, in die sie als Seele verbannt 
ist, erlöst, so gestaltet sie sich zur schönen Jungfrau oder zur weißen Taube um 
— lauter Züge der aus dem Seelenglauben entstammenden elbischen Wesen. 

Als solches Seelentier des Volksglaubens wird der Körper der Kröte auch 
zum Fetischtier. Die Kröte kann nicht absterben; man vergräbt sie, spießt sie 
, lebendig' auf, läßt sie an der Sonne trocknen, dörren; die Seele bleibt trotzdem 
in der ,Mumie'; sie ist nicht seelenlos, auch nicht als Fetischtier. Sie hat zwei 
Lebern (s. auch Froschleber), so giftig ist sie; sie zieht alles Gift an und entfernt 
aus dem Viehstalle alles Abnorme; sie wird zum Gegengifte; der Stein in ihrem 
Hirne (,Krötenstein'), ihre Fußknöchlein, ihr Laich u. s. w. werden so zum volks- 
medizinischen Mittel, das als Amulettring oder im Lederbeutel am Arme getragen 
wird. Dieses Mittel ist aber immer noch in seiner Wirksamkeit an die Seelen- 
kultzeiten (Quatember, Allerseelentag, Zwölften u. s. w.) gebunden. Daß das Kröten- 
fleisch sogar als Geburtswehen erzeugendes Mittel offizinell war, beweist wieder, 
wie hartnäckig und mächtig der Volksglaube ist gegenüber der nüchternen Ueber- 
legung. Gräbt man eine Kröte aus, ,so kommt man bald ins Kindlbier' (Branden- 
burg), das heißt, dann kommt bald eine neue Seele, ein neugeborenes Kind (Kinds- 
schmaus) zum Vorschein; die unsterbliche Seele, die mit dem Seelentier (Kröte) 
ausgegraben wurde, steht als neues Menschenkind wieder auf aus dem Grabe, wie 
der Phönix aus der Asche." (Globus LXXXVIII, N. 2, S. 25.) 



• Uehirn. 141 

Pliiiius liält Frösche und Kröten für gleiche Wesen; nur daß die Kröte nocli 
giftiger sei, XXV, 76: „sunt et ranis venena rubetis maxime." Der Pseudo-Diosku- 
rides (4. Jahrh. p. Chr.) empfiehlt als spezifisches Mittel gegen die Kröte (rubeta) 
'den gekochten oder gebratenen Frosch (rana) zu essen (Janus 1907, S. 410); er 
unterscheidet also bereits zwischen Kröten und Fröschen, hält aber beide noch 
für giftig; als Gegengift empfiehlt derselbe auch die gekochte Froschbrühe als 
Mittel gegen Vipernbiß (Janus XII, 1907, S. 349). Um 1414 war das Frosch- 
essen in Bayern noch eine welsche Sitte: es wird auch heute noch von den bäuer- 
lichen Kreisen daselbst als Fastengericht verabscheut; die Kröte oder Frosch gilt 
eben höchst giftig, selbst im verkohlten und veraschten Zustande; „getrocknete 
und verkohlte Kröten sind noch jetzt ein Volksmittel und wurden auch früher 
sogar medizinisch gegeben" (Oesterlen 544); ihre Schädlichkeit ist nach dem Volks- 
glauben in Deutschland an bestimmte Zeiten gebunden; besonders am St. Georgs- 
tage geht das unterirdische Gift aus der Erde und in Brunnen auf die Kröten 
und Schlangen über; vom deutschen Volksheilkünstler wird sie unter grausamen 
Qualen getötet; er spießt sie lebendig auf, schindet sie lebendig, laßt sie an der 
Sonne wie einen Fisch selchen; man schneidet ihr mit einem Frauentaler den 
(giftigen) Kopf ab, durchsticht ihr den Kopf, schneidet ihr lebendig den Bauch 
auf, siedet sie im Frauendreißiger ^) in Oel, hängt sie im Juni bei den Füßen 
lebendig auf zum Dörren, verbrennt sie lebendig, alles, um ihr giftiges Wesen zu 
gewinnen, das sie im Leben hat. 

Die ganze getrocknete Kröte wurde namentlich in geburtshilf- 
lichen Fällen als eine Art Gegenzauber oder Mithilfe verwendet 
(Schröder 1256)-, es möchte vielleicht der Schildkrötenaberglaube aus 
antiker Zeit hierbei mit beeinflussend gewesen sein; einzelne Kröten- 
votive haben in der Tat die Gestalt einer Schildkröte^) (vergl. auch 
Krötenleber und Krötengalle). Die Kröte als Seelengestalt im ger- 
manischen Volksglauben oder chthonisches Wesen, als geburtshilfliche 
Fee und Alpqual erzeugendes Tier ist geradezu typisch. — Frosch- ^,^"9*,^^' 
köpf oder Froschgehirn spielen keine Rolle in der Volksmedizin. 

56. Eidechse. 

Stellio, aoztpizzq {= besterntes Tier), Kiy^aXoq (braun bemaltes Tier), caöpoc 
(indog. SU = sich bewegen), aay.aXaßojxTi«;, (Scov.dXaßoc; (bewegliches Tier), xaXocßontc;^), 
scincus, Lacerta agilis, frz. lezard (= laufendes Tier), ahd. egi-dehsa, mol (bemaltes Tier), 
schwed. ödla = Eiter- oder Giftwurm. Dieses schlangenähnliche, auf dem Bauche 
kriechende, daher bei den Juden unreine Echsentier wurde von den griechischen 
Magiern oft zu ihren therapeutischen Handlungen benützt (Theokrit II, 58; Pau- 
sanias VI, 2, 2); auch im ägyptisch-jüdisch-hellenischen Zauberpapyrus wurde es 
als magisches Tier, das haarlos ist und dessen periphere Teile, selbst Augen nach 
dem Volksglauben wieder nachwachsen können (Relianus II, 23; V, 47), zu Kuren 
per analogiam verwendet (Neue Jahrb. f. Philol. Suppl.-B. 16, 1888, p. 184); 
wie andere chthonische Wesen heilt sie ihre Schlangenbißwunde selbst (PliniusVIII, 
27, 41). 

Bei den Deutschen ist die Eidechse eine Teufelsgeburt und dient als zwei- 
schwänzige Echse auch zum Augurium (Schw. A. f. V.K. II, 173, 228). 

Aehan (1. c.) erzählt von einem Zauberringe, den ein Magier zum 
Versiegeln benützte, und der das Bild einer Eidechse in Achat aus- 
gearbeitet aufwies; derselbe diente an Stelle der wirklichen Eidechse 



') S. o. S. 29, 

2) Globus Bd. 88, N. 2, S. 25; Z. d. V. f. V.K., 1901, S. 340; Mitteilung 
d. sehles. Gesellsch. f. Volkskunde 1907, H. XVII, 52. 

^) v.aXaßcoTi? ist bei Dioskurides II , 180 auch der Name für Zwiebel. Ein 
ionisch-griechischer Name der Eidechse war nach Herodot II, 69 xpov.ooetXo;, mit 
dem die Hellenen aber das Krokodil benannten , als es ihnen in Aegypten be- 
kannt wurde (Schrader 170). 



hirn. 



142 Gehirn. 

wie ein Fetisch als vortreffliches Mittel für die Augen (Lenz 429) 
Eidechsen- (220 p. Chr.); aber schon Plinius (XXIX, 38) empfahl das Eidechsen- 
hirn gegen den Star der Augen: ,^oniJis plurinnim confert ... 
suffusionihus (ovulonint) item 1(( vertue eerehrum^" : Dioskurides (II, 69) 
schreibt: „Der Kopf der Eidechse aufgelegt, zieht Splitter aus 
und alles, was sich am Körper festgesetzt hat; vertreibt aber auch 
(gewöhnliche) Warzen und auch solche mit dünnem Stiel und Hühner- 
augen." Ihm schreibt (4. Jahrh. p. Chr.) nach der Pseudo-Dioskurides, 
der den feingestoßenen Eidechsenkopf als Mittel, um Fremdkörper 
aus der Haut zu ziehen und gegen Hautschwielen empfiehlt (Janus 
XII, 152, 154); auch der Altmeister Galenus riet, den Eidechsen- 
kopf gegen Hautwucherungen zu benützen (Neue Jahrb. f. Philol. 
Bd. 149, p. 140); diesen antiken Quellen folgte auch Schröder (1683), 
der sagt (p. 1380); „besonders tauget der (Eidechsen-) Kopf hieher, 
um Spitzen und Gläser aus dem Leibe zu ziehen." Man sieht also, 
wie der sogen. Aberglaube durch die Schriftgelehrten verbreitet wurde. 
Die rauhhäutige Eidechse ist also hauptsächlich ein durch den 
Analogiezauber auf die Haut einwirkendes Tier; vielleicht spielt auch 
ägyptischer Krokodil- und Chamäleonglaube mit herein. Viele primitive 
Völker nehmen den Schlaf von dem Eidechsenwesen oder von einem 
nächtlichen Tiere im Analogiezauber. 

57. Chamäleon. 

ya|j.aiX£(ov (= Erdlöwe), (semit. gamal = Kamel, am Rücken buckelarti.^ ge- 
krümmtes Tier) (13. Jahrh.) ein zuiverwehter wrn, D. I, 92, zauberichter Wurm. 
Das dem Krokodile') ähnlichste, „wie ein Löwe" heranschleichende Echsentier 
(Plinius XXVIII, 29), „animale Democrito per singula membra desacratum", von 
dem Demokrit (410 a. Chr.) meinte, es stecke in jedem Gliede ein Stück Gottheit, 
alles an dem Tiere sei seltsam und auffallend, es gelte sogar als giftig (Plinius 
VIII, 27, 41); nach derselben Quelle (VIII, 33, 51) habe das Tier nur Blut im 
Herzen und um die Augen herum und die Milz fehle ihm (doch hat Cluvier 
letztere in Linsengröße schon nachgewiesen) (Lenz 431) ; die Chamäleonverwendung 
hat viel Aehnlichkeit mit der der Eidechse (s. o. S. 141) und des Krokodils 
(s. Herz); vielleicht spielt bei beiden eine Totemvorstellung mit, vielleicht sollte 
das Tier die Gestalt eines chthonischen Wesens sein; bei den Griechen führen 
auch einige Pflanzen den Namen Chamäleon und Krokodeilon. Herodot II, 69 
sagt : Krokodil ist das Tier erst in lonien genannt worden, woselbst die Eidechsen, 
welche in Zäunen leben und dem Krokodile an Gestalt ähnlich sind, auch 
Krokodile heißen (Lenz 419 ff.; Schrader 170). Wahrscheinlich liegt hier eine 
kulturelle Verbindung mit Aegypten zu Grunde. 

Nach dem Glauben des Volkes am Berge Karmel benützten Weiber und 
Kinder daselbst den Farbenwechsel des Chamäleons, um die Zukunft zu er- 
forschen (Zeitschr. des Deutschen Palästina- Vereins 1907, XXX, 117—207). 

58. Schlange, Natter, Viper, Drache. 

Anguis (= beengendes, würgendes Tier, dazu : Unke), serpens (sskr. sarpa = 
kriechendes Tier, serjDere = schleichen), Vipera (sskr. vip, vibrare), natrix, ahd. 
nätara. "Ozic, Herodots (das schauende Tier). "K/i^va Herodots h/ic, [cty-, ay/ = 
beengendes, würgendes Tier). Apav.cuv Homeri (das blickende Tier mit sprühenden 



') Die Aegypter hielten das Krokodil für heilig und göttlich und be- 
handelten es wie einen verstorbenen Menschen nach dem Tode. xpov.ooetXoc, v.o^Y.öott.\rjc, 
(= rauhhäutiges Tier) ; a'f DOcöfJia xopy.oosiXoo war das Quidproquo für das Aethiopische 
Kraut (Dieterich 816). Der Krokodilgott war Set-Sebeh. 



Gehirn. 143 

Augen). "Fj'c/B'Küq = anguis, Aal-, an, linnr (linthr), ahd. lint = Schlange, Lind- 
wurm, Drache, ahd. slango {= schleichendes Tier). „In serpente deus" (Ovid, 
Metam. XV, 672). Die Gestalt einer Seele, eines Heros oder Gottheit; ursprüng- 
lich die Gottheit selbst oder der Dämon (A. f. R.W. X, 207, 216); ein heiliges 
chthonisches Wesen, ein göttergleich verehrtes und gepflegtes Tier, der a-^axi-özr 
oaifjLcuv, ein guter Hausgeist (Nilsson 401), dessen Verzehrung eine M)}j.o'.ojai<; zO> 
0-cU), eine segensreiche Communio mit der Gottheit war. In Alexandrien opferte 
mau auch den Schlangen als „xol? a-^ad-olc, o(z:|j.ciac xolc, TrpovooDfj-evo'.c xtüv o'.v.io>v", 
d. h. den guten Hausgeistern in Schlangengestalt .(Rohde ^ I, 255). „In dem dicht 
belaubten Haine neben dem Tempel der Juno Sospita zu Lavinium befand sich 
die Lagerstätte einer heiligen Schlange neben der Krähe (s. o. S. 124); den zwei 
heiligen Tieren der Göttin, deren ursprüngliches Wesen ein chthonisches, das einer 
mütterlichen Erdgöttin war. In bestimmten Zeiten nun kamen dem Dienste der 
Göttin geweihte Jungfrauen in den Hain, einen Kuchen in den Händen, die Augen 
verbunden; das göttliche Numen führte sie zu der Schlange; wenn die Jungfrauen 
nun rein waren, so nahm die Schlange den Kuchen an und fraß ihn; kehrten die 
Jungfrauen als rein zurück, so riefen die Landsleute: ,fertilis annus erit!'; waren 
sie aber unrein, so verweigerte die Schlange die Annahme; dann kamen die 
Ameisen, die sich in dem Haine aufhielten, zerbröckelten den Kuchen der Un- 
reinen und trugen ihn so hinaus" (Furtwängler III, 295). Die Communio mit der 
Schlangengottheit durch das Kuchenopfer vermittelt, verschaffte dem spendenden 
Volke den Fruchtbarkeitssegen, wie sie auch den Kranken Gesundheit erhoffen 
ließ. Bei den Zigeunern reicht schon die Begegnung mit einer Schlange aus, um 
ein langes und gesundes Leben in Aussicht zu bekommen (Urquell VI, 2). Zeus 
Meilichios war im Piräus eine segenbringende und opferempfangende Gottheit in 
Schlangengestalt (Nilsson 25); auch bei der altarabischen Religion ist die Schlange 
eine Gottheit (Nielsen 190) und babylonische Siegelzylinder zeigen uns den Mond- 
gott von Ur als Schlange mit einem Menschenkopfe (Nielsen 107). 

Die chthonischen Wesen haben ebenso Schlangengestalt '), wie die mit Milch 
genährten, guten Hausgeister-), holden Schutzgeister und die Orakelgeister, so daß 
sogar der Heilgott Apollo auf Delos Drachengestalt hatte. Durch die Communio 
mit der Schlangengottheit erhielt der Genuß von Schlangenfleisch die Wir- 
kung des Gegengiftes, das Halsdrüsen (AVichte, Schelme) zu vertreiben im stände 
war, auch bei den Haustieren ; denn schon bei Cato (De re rust. 73, 102) (234 bis 
149 a. Chr.) ist die Schlangen haut mit Mehl und Quendel (serpullum) ^) ein 
Mittel, welches alljährlich dem Ochsen auf Wein eingegeben, diesen vor infektiösen 
Rinderkrankheiten, Schlangenbiß, Milzbrand etc. sichern sollte (Lenz 438). Celsus 
(1. Jahrh. a. Chr.) erwähnt (V, 27, N. 3), daß man das Schlangenfleisch ohne 
Schaden essen könne; „die Versuche einiger Landleute haben gezeigt, daß ein an 
Halsdrüsen Leidender durch das Essen einer Schlange davon geheilt wird" (V, 28, 
N. 7) (s. Eidechsenherz). 

Schon im Havamal (Edda) (Jordan 254) ist in einer sichtbar eingeflickten, 
aber doch mindestens gleich alten Strophe (140) die Rede von einem homöopathi- 
schen Mittel (similia similibus curantur) : „beiti vid bitsöttum" (Beißer gegen 
Bißsucht). „Für Wunde vom Biß das beste Pflaster gibt das beißende Tier" 
(Jordan 1. c). Der aus Schlangen fleisch (und vielen anderen vegetabilischen 
Ingredienzien) hergestellte Theriak (zu: {>Tjp = wildes Tier; Gegengift gegen den 
Biß wilder oder giftiger Tiere, \3Y|piaxov avi-oö-cov) entspricht (nach Groen)"*) dem 
altnordischen eitrlyf (= Giftgift, Gegengift gegen beißendes, hitzig brennendes 
Gift). „Fiunt ex vipera pastilli, qui theriaci vocantur a graecis" (Plinius, h. n. 
XXIX, 21). 



') Rohde 3 I, 121, 133, 136, 142, 196, 242, 244, 254, 273. In der chinesischen 
Volksmedizin benützt man die Haut und das Fleisch von verschiedenen Schlangen- 
arten (doch nicht den Kopf oder Hals) als Mittel gegen die verschiedensten Krank- 
heiten (Fonahn 33) ; in der nordischen Volksmedizin des Mittelalters die Asche 
der am Johannestag verbrannten Vipernhaut gegen Haarausfall (Haarwurm- 
reinigung) und Wassersucht (1. c. 28); in der Schweiz ist die um den Leib ge- 
bundene Natternhaut ein Mittel zum Abortus (Schw. A. f. V.K. II, 262). 

^) Auch der nordische Tompt orm wird mit Milch gefüttert (E. H. Meyer 78). 

3) S. 0. S. 41. 

^) Om Theriak, in Christiania Videnskabs-Selskabs Forhandlinger for 1907^ 
Nr. 5 und Tidsskrift for den norske la?geforening 1907, Nr. 3 — 8. 



144 Gehirn. 

Schlangen- „Viperae caput inpositum vel alterius quam quae percusserit, sine fine 

^opf prodest" (Plinius 1. c), d- h, das Haupt einer Schlange, und auch einer 
anderen als derjenigen, welche den Biß zugefügt hatte, ist maßlos nützlich, wenn 
man es auf den Schlangenbiß legt. Die Einverleibung des Gegengiftes geschieht 
hier durch Auflegen des Schlangenkopfes, in dem man den Sitz des Zaubergiftes 
annahm; auch kann man sich vorstellen, daß der Schlangengott als solcher ver- 
zehrt (Theophagie) und als solches Mittel zum Gegenzauber (Gegengift) wurde; 
der Sitz des Gottes oder der dämonischen Kraft wurde sowohl in den inneren 
Organen (Hirn, Leber, Herz etc.), als in den äußeren Teilen (Kopf, Balg, Haare etc.) 
des betreffenden Gotttieres angenommen. In dieser Theophagie liegt die Erklärung 
zur Verwendung des Schlangenfleisches (Theriak) und anderer tierischer Fleisch- 
und Organarten; der Grundsatz similia similibus, soweit er sich auf gleiche Organe 
bezog, ist erst später maßgebend geworden, nachdem der Sitz des Giftes bezw. 
der der Krankheit lokalisiert werden konnte, vergl. auch die Verwendung der 
Hundsleber bei Hundetollheit. Die uralte Vorstellung, daß Tiere (Schlangen) 
Dämonen sind, und daß die Dämonen unter Tiergestalt (tierköpfig, tierleibig, ge- 
flügelt etc.) neben dem Menschen leben, geben die alten Götterbilder der Aegypter, 
die alten Gemmen der Griechen, die Aeskulapschlange, die eherne Schlange der 
Juden etc. wieder; schon das Bild des Dämons sollte Zauberkraft haben; noch 
mehr die Theophagie der Schlange: .,Töte eine Schlange, nimm die Gedärme 
heraus und iß dieselben mit noch etwas anderem auf und der (Epilepsie-) Anfall 
kommt nie wieder" (Wissensch. Mittig. aus Bosnien etc. II, 1894, S. 391). Lasicius 
(De diis Samagitarum 51) schrieb über die Litauer: „Nutriunt etiam »[uasi deos 
penates nigri coloris obesos et quadrupedes quosdam s e r p e n t e s Giuoitos 
(= Schlange) vocatos." Aeneas Sylvius (f 1464): „Serpentes colebant; pater 
familias suum quis(jue in angulo domus serpentem habuit, cui cibum dedit et 
sacrificium fecit in foeno jacenti'' (Schrader, Reallex. 31). Epiphanes, der Juden- 
christ (f 403 p. Chr.), berichtete von seinen Ophiten, die doch schon christliche 
Einflüsse zeigten, daß diese eine wirkliche Schlange nährten und diesem ihrem 
Schlangengotte Brot darbrachten. Jeder küßte die Schlange, man sang Hymnen, 
und bei ihrer Eucharistie wurden dann die von der Schlange beleckten Brote ver- 
teilt und gebrochen (Fractio panis, s. S. 7) (Abraxas 150). Auch wenn die Drachen 
des Apollo in Epirus das Futter gerne annahmen, folgte ein gesundes und fruchtbares 
Jahr (Lenz 471). Daß die Schlangen als ein chthonisches Wesen galten, erhellt auch 
aus dem Volksglauben, daß sie unsterblich sind, und daß sie aus dem Rücken- 
marke der Menschen neu entstehen sollen (Plinius X, 56; Lenz 453), daß sich 
die Schlangen selbst heilen durch Fenchel und Lorbeer (Plinius), und daß sie mit 
Honigkuchen^) und Tischbrocken, Gänsefleisch gefüttert werden (Lenz 471, 473), 
unter dem Einflüsse des Mondes stehen (Lenz 457), Krankheiten erzeugen (Vergil, 
Georg. III, 414) und heilen, auch in Krankheits- und Personennamen auftreten etc. 
Schlangengestaltige Dämonen hatten auch die unter mykenischem Einflüsse stehen- 
den Griechen (Furtwängler III, 72). Der Zeus Meilichios wurde im Hafen Piräus 
als segenbringende Gottheit in Schlangengestalt verehrt und mit besonderen 
Opfern bedacht (Nilsson 25). Der Heilgott Asklepios wurde geradezu in Schlangen- 
gestalt gedacht und erhielt das charakteristische Opfer an die yO-ovioi, den Hahn 
(s. S. 117). Die Lokalheroen wurden meistens als Schlangen gedacht, „ol TtaXatol 
jxdX'.oxa Tcüv Cii>tov Tov oodxovxa zolq Yjpoioi guvcüv.slcog'.v" (Plutarch) (Rohde ^ I, 196); 
auch die Toten erscheinen in Schlangengestalt (1. eod. 244). 

Wir sehen also in den Schlangen die Hauptzüge der chthoiiischen 
Wesen, ihren Einfluß auf Krankheit und Gesundheit, die Communio 
mit den Seelengestalten, Heroen und Gottheiten und damit auch die 
Erklärung der Heilwirkungen durch die Einverleibung der verschie- 
denen Teile des Schlangenkörpers und dessen Asche. Als eine gute 
und böse Macht geht der Schlangengott durch Kult und Mythus. 

Besonders an den griechischen Bacchusfesten wurde der Schlangen- 
gott zerrissen, „'^vivca xal oi zG^ At-ovoacp ßax)(£üovT£c; siwO-aoi StaaTiäv 
zaQ i/i§vag" (Galen-, nach Rhode H, 46) (Omophagie). 



Rohde ^I, 121. 



Gehirn. 145 

Draclienblut (sanguis draconis) ist der welsche Bibernell oder 
das (rhein.) Herrgottsbärtlein (D. I, 511), Sanguisorba officinalis ein 
Ruhr- und Wurmkraut; auch ein zinnoberrotes Baumharz hieß Drachen- 
blut (Beckmann IV, 499). 

Schlangenblut s. o. S. 17, 18. 

Das Schlangenauge ist wie das Wolfsauge ein Amulett, das 
die bösen Geister ferne hält und bannt (vergl. Plinius, h. n. XXIX, 
cap. 12); die Schlangenhaut ein Wunden- und Geburtsmittel. 

Schlangenzunge, die ehemals als Giftsitz galt, lebendig aus 
der Schlange gerissen, wirkt zauberhaft auf Pferde und schützt vor 
Hauen und Stechen (Schw. A. f. V.K. VI, 57; III, 51; Jühling 164); 
auch gegen Fieber (s. Dämonen) beim Menschen als Amulett: Homi- 
legia de sacrilegiis § 15: „quicunque ad frigaturas . . . linguam ser- 
pentis ad collum hominis suspendit" (Saupe 14). Die Schlangen- 
zähne, der lebendigen Schlange ausgerissen, hatten die gleiche V^er- 
w^endung bei Albertus Magnus (Jühling 163) ; sie galten noch als Teil 
des ganzen giftigen Kopfes. 

Schlangenfanger, welche zu Heilzwecken solche Tiere mit 
eigenen Zangen einfingen, gab es im Bayerischen noch 1760 (Deutsche 
Gaue VIII, 64); man fing sie hauptsächlich im August, nach der Sommer- 
sonnenwende, an einem Sonntag vor Sonnenaufgang. 

Schlange und Aal gelten vielfach als gleich im Volksbrauche, 
ebenso Schlangenkopf und Fischkopf, Schlangenhaut und Fischhaut. 

Der Schlangenkopf ist schon bei Plinius XXIX, 4, 21 ein 
Mittel gegen Schlangenbiß ; er vertreibt Gift mit Gegengift wie der 
Teil des tollwütigen Hundes gegen die Hundstollheit Verwendung fand. 

Schlangenkopf („xs^paX'/] o^peox;") i) ist auch die Bezeichnung der schlangen 
ägyptisch-jüdisch-griechischen Propheten (s.S. 16) für ߧsXXa = Commi- ^^°i'^- 
phora africana (Dieterich 816; Berendes 83), ein Salben- und Räucherungs- 
mittel gegen Schlangenbiß und Sehnen- oder Nervenknoten und Tot- 
geburten (s. 0. S. 37). Plinius empfiehlt auch die Asche des Vipern- 
kopfes gegen Nervenknoten (XXX, 35): ^^nerronim nodis capitis 
vii^erini cinis in oleo cyprino''^ '^) ^ ferner gegen Zahnbeschwerden 
(XXX, 47): ^pundis emissum cerehrum viperac inlifiatmn pjellicidae 
dentitiones adjuvat^^ (das Gehirn wurde aus künstlichen Punktions- 
löchern aus dem Vipernkopfe entleert), sowie gegen Läuse die reini- 
gende Vipernkopfasche (XXIX, 38): ^^pedacidos ex toto corpore 
expellit pruritusque etiam sumniae cutis; effectiim ostendit et per se 
cajntis viperini cinis. ''^ 

Fische. 

Pisces. Europ. piska = schwimmendes Tier, vorhistor. peskos, vorgerm. piskos 
(piscis), an. fiskr, ags. fisc, ahd. fisc. Die Indogermanen hatten alle eine Scheu vor dem 
Genüsse von Fischen, diesen fußlosen und schlangenähnlichen Tieren. Auf Delos fehlte 
in der mykenischen Periode noch das Fischopfer (Furtwängler III, 46) ; erst sehr viel 



') Schlangenhaupt (Echium vulgare), Natterkopf (idem), Otterkopf (idem) hat 
vermutlich mit dieser Hermeneutik der Magier einen Zusammenhang in seiner 
Benennung. Nach dem oberbayerischen Volksglauben ist es unmöglich, neun 
Natternköpfe aufzubringen, immer fehlt der neunte, d. h. sie sind unsterblich. 

^) l'Xatov xuirsipov, oleum cyprinum (Frieboes 650; Berendes 73),^ Serinasalbpl. 
Höfler, Die volksmedizinisclie Organotherapie. IQ 



146 Gehirn. 

später kamen kleine gekochte (!) Fische (&'i>aptot, airoTiupt;) als Totenopfer vor (Rohde ^I, 
250); im Kulte der Dea syriaca war der Genuß gerade solcher kleiner Fische (Maena, 
Aphya), die sich im Kloakenwasser fortpflanzten, verabscheut; Füße und Bauch 
der Menschen sollten zur Strafe anschwellen, die Leber aufgezehrt werden und 
dann der ganze Körper schleichend anschwellen (Echinococcus?), weil die Göttin 
durch das (nicht volksübliche, fremdartige) Fischessen beleidigt worden (Plutarch^), 
Menander-), was als etwas Unnatürliches und Unreines angesehen wurde. Celsus 
(1. Jahrh. a. Chr.) hielt das Fischfleisch für nur mittelmäßig ernährend, weniger 
blähend und leicht verdaulich (II, 18, 26; IV, 12) und erwähnt besonders, daß es 
auch beim „heiligen Feuer" ^) genießbar sei (V, 28, 4), diese Betonung des Fisch- 
genusses bei dieser als Gottheitsstrafe angesehenen Krankheit möchte durch eine 
volksüblich andauernde Scheu vor dem Fischgenusse sich erklären. 

Plinius XXXII, 10 führt an: „Numa constituit, ut pisces, qui squam- 
mosi non essent, ni pollucerent, parsimonia commedentur, ut convivia publica 
et privata cenaeque ad pulvinaria facilius compararentur, ne quid ad poUuctum 
emerent pretio minus parcerent eaque praemercarentur", woraus hervorgeht, daß 
die schuppenlosen Fische nur aus Sparsamkeit zur (Toten-)Mahlspeise zugelassen 
wurden. Die Aegypter aber glaubten, daß der Schuppenfisch (Xsntocoxoi;), wie auch 
der (scheinbar schuppenlose) Aal (s-f/eXuc) heilig sei (SchediusSl; Herodot IF, 72). 

Hauptsächlich waren es die Verehrer der Dea syriaca (Astarte), welche den 
Fischgenuß verabscheuten, weil sie Fische für Götter (Seelen) hielten, die man so 
wenig wie Tauben töten dürfe (Schedius 184). Die Theophagie verschaffte dann 
Fruchtbarkeitssegen; darum soll der Fischgenuß nach morgenländischem Volks- 
glauben Schwangerschaft bringen, besonders die Empfängnis eines Sohnes, und 
Fische gelten als Aphrodisiaca; bei den spanischen Juden muß die Braut über 
Fische, die ihr von den Verwandten dargebracht werden, hinwegspringen, wodurch 
der Wunsch nach Fruchtbarkeit symbolisiert wird (Zentralbl. f. Anthr. 1907, XII, 
S. 268). Viele Momente sprechen dafür, daß das Fischessen etwas den Indoger- 
mauen Fremdes war und bei den Germanen erst unterm Christentum eine all- 
gemein beliebtere (Fasten-) Speise wurde, womit natürlich nicht gesagt sein soll, 
daß die reichen Griechen und Römer nicht Fische aßen oder opferten ; eigentliche 
Ichthyophagen waren aber die Indogermanen nicht; diese hatten auch keine 
gemeinsamen Fischnamen (Schrader; dagegen Hirt 307, 667). 

AVir müssen hier die ichthyophagischen Aethiopier als Parallele in Berück- 
sichtigung ziehen ; bei denselben hieß Sterben wieder ein Fisch werden , da die 
Menschenseele wieder zu den Fischen zurückkehrte; vom Fische vSr^zoc. (cetaceus piscis) 
stammten die lebenden Menschen ab; darum kleideten sich auch die Männer und 
Priester in gewissen Kultzeiten in Fischhäute; in der verkleidenden Umhüllung 
mit letzterer, mit einem über das Haupt gezogenen Fischkopfe und nachschleifen- 
den Fischschwanze (s. o. Fuchs und Wolf) sollte der göttliche Fischahne seine 
Söhne und Kinder leichter erkennen ^). — Fischartige Dämonengestalten der Griechen 
sind nach Furtwängler phönikischen Ursprungs (vergl, auch die mykenischen Tei- 
chinen). Die fischleibigen Dämonen- und Gottheitsgestalten der Griechen gehen 
jedenfalls auf ein Vorbild bei einem Insel- oder Küstenvolke des Orients zurück 
(Furtwängler III, 72 , 39) ; auch die Syrier sahen in dem Fische ein heiliges Tier, 
durch dessen Genuß man Hautkrankheiten (s. u. Fischleber), ja selbst den Tod 
hervorrufen könne (Frazer, The golden Bough II, c. 3, § 10); daß der Genuß 
eines solchen Fischgottes (Theophagie) dann auch heilend wirken konnte, lag im 



tI? y] acp6a(; 'fOL^CQ, xa ocvTixvYjjjLia oteoö'Utv iXxsot xö oü)jj.a T:',[j.K).'avao , oüvx-fjV.e'.v xb 

^) „TiapaoscYjxa xouc Supoüi; Xaße, oxav ^ä'^iu'j'.v r/O-ov sxslvoi, 8ta xtva auxaiv 
axpaoiav, zobc, izo^jai; xal ^^azxipo. ocooüat ' elx' e'krx'^OM aäy.v.cov, s'.x' et? xyjv b^bv Ixd- 
^laav aOxol IjiI xoTipu) v.al xyjv ■ö-sov l^iXaaavxo oxi xaTtscvwaac o'foopa" (Schedius 184). 
Gc'füYj = apua; ihre Hautfarbe dient bei Hippokrates (De morb. int. XL; Fuchs 
II, 529) zum Vergleiche : „occposl = wird weiß wie eine Sardelle" ; es war demnach 
ein ganz gemeines Fischlein. Den Genuß gewisser Fische (Seebarbe, Aal etc.) 
verboten auch die Magier bei dem Morbus sacer (Hippokrates, De morbo sacro II ; 
Fuchs II, 548). 

^) S. Krankheitsnamenbuch S. 135. 

4) S. Neue Jahrb. f. Philol. 1888, Suppl.-Bd. 16, p. 183, 185. Furtwängler I, 
Tafel II, 32, III, 39, 40. 



Gehirn. 147 

Volksglauben sehr nahe, wenngleich das Fleisch gewisser Fische immer 
noch zu gewissen Zeiten oder bei gewissen Kulthandlungen „tabu" war'). Bei 
magischen Handlungen z. B. mußten sich die griechischen Zauberer des Genusses 
von Fisch fleisch enthalten: „oiks)(0[jlsvoc; Tiarrj? r/i>oo(paY^^-';" (Dictionn. des antiqu. 
gr. et. r. III, 2, 1515). Bei den äthiopischen Küstenvölkern, welche ihre Toten im 
Meere begruben, wo diese eine Speise der Fische wurden, galten sogar die von 
Fischen sich ernährenden Tauchervögel etc. (s. o. S. 137) als Gestalten mensch- 
licher Seelen (Neue Jahrb. f. Philol. XIII, 1888, p. 213). 

Bei den Volcanalien (23. August) wurden lebende kleine Fische als Stellver- 
treter der Menschenseelen ins Feuer geworfen „quod id genus pisculorum vivorum 
datur ei deo pro animis humanis" (Festus 238), hierbei ist also der Fisch eine Stell- 
vertretung; in dem Vocabul. rerum ex officina anno 1468 (D. II, XXI, 36) wird 
sogar der Haruspex oder Eingeweideschauer glossiert mit „weissag durch ingeweid 
der toten vi sehe"; es scheint dies durch die Fastenfische der Mönche vermittelt 
worden zu sein (s. u. Hecht). 

Das Verhältnis des Hirngewichtes zum Körpergewicht ist beim Walfisch 1 : 10 600, Fischhirn, 
beim Hecht 1 : 1300; das Hirn der Fische liegt in einer ifibene mit dem Rücken- Fischkopf, 
mark; Fischhirn und Fischrückenmark wiegen nahezu gleich viel (Murk, Lehrb. 
d. Physiologie 1905, S. 478). Diese Gehirnverhältnisse erklären es auch, daß das 
Fischgehirn so gut wie keine Verwendung in der Volksmedizin erfuhr, dafür 
wurde dann der ganze Fischkopf benützt. Dieser wurde häufig zu Fischsulzen 
verkocht, namentlich der alsCephalus (= Karpfen? D. I, 118) bezeichnete Fisch 
lieferte eine solche Fischkopfsulze (Marcellus Sidetes p. 319). Dieser dichtete 
(2. Jahrh. p. Chr.): 

„Verum magnoculi Cephali salsum caput olla 
Figlina mersum, mellisque liquore rigatum, 
Praestantis, ficos piloso in podice natos 
Et tumidas penitus poterit sanare mariscas." 

Dieses Mittel gegen Feigwarzeu ist ganz eigentümlich und wohl ganz 
empirisch, wie das vom Brassen- und Thunfischkopfe s. u. 

59. Die Köpfe der Mänae als Aequivalent der Menschenköpfe MänaUopf. 
bei Numa s. Plutarch, Numa 15; Arnobius V, 1. Der gebrannte, 
feingestoßene Kopf der Mäna ([J.atvic, maena^), D. I, 355), eines 
Mittelmeerfisches (Sparus Maena L.), entfernt aufgestreut schwiehg 
gewordene Schrunden am After (Berendes 163), nach Dioskurides II, 

31 (über Asche s. o. S. 25). Die Mänis war ein Fisch, welchen die 
Syrier nicht aßen, weil ihre Göttin dann sich rächte: „ta avTtTtvvjjxta 
Sisa^istv i'Xxsai tö aw[xa 7UL{X7üXavai, aovTTjVtstv zb -^rap" (Plutarch) (Para- 
sitenfolgen, die man der Strafe der Astarte zuschrieb). 

60. Das Fleisch der Brasse (a{jL7.rjic, Parus Smaris L.) war schon Brassen- 
dem Celsus II, 18 als zwar hartes, aber doch schweres Fleischgericht ^^°^^' 
bekannt. Dioskurides (II, 30) sagt: „Z)er gehrannte, f eingestoßene 
Kopf der eingesalsenen Brasse hält die Fleischwueherungen der Ge- 
schwüre zurück, hindert das Weiterfressen, veHilgt Hühneraugen und 
Feigivarsen''^ (Berendes 162 ff.), ist also hauptsächlich ein Hautreini- 
gungsmittel, als solches empfahl es auch sein Abschreiber, der Pseudo- 
Dioskurides (4. Jahrh. p. Chr.) für Hautwarzen und Hautgeschwüre 



^) Aehnliches beim Delphin, wovon gleich unten gesprochen werden soll. 
Schuppenlose, also schlangenähnliche Fische waren gleichsam heilig bei den ver- 
schiedensten Völkern des Altertums, so auch bei den Juden (Led. XI, 9—12); auch 
einzelne britannische Volksstämme enthielten sich des Fischgenusses (Schrader, Hirt). 

2) Sog. Meerscheißer, ein Fisch, der unter dem Einflüsse des Mondes steht 
(D. I, 355). 



1 48 Gehirn, 

(Janus XII, 154, 158). Der Marcellus Sidetes, der unter Antoninus 
(2. Jahrh. p. Chr.) lebte, dichtete: 

„Ulcera salsugo Sm arid um serpentia sanat'", 

es war diese Fischsulze also ein gleiches Mittel, wie die oben er- 
wähnte Cephalussulze; überhaupt scheinen die Fische eine besondere 
Wirkung auf die Haut gehabt zu haben nach dem antiken Volks- 
glauben, selbst der verachtete Gerres- Fisch sollte hierfür helfen 
nach dem eben erwähnten Marcellus Sidetes, der über diesen Meer- 
fisch folgende Verse dichtete: 

„Callosaeque cuti laeves in vertice Gerres 
Et densis etiam verrucis rite medentur, 
At si foeniculi molli cum crine coquantur. 
Post epulas lactae nutrices lacte redundant.'" 

Fruchtbarkeit und Schönheit waren hauptsächlich weibliche Wünsche schon 
in alten Zeiten. 

Fisch- 61. Das, was die mittelalterlichen Schriftsteller als „Fischgehirn" 

^'''^''" ansahen (Ekkehard XVIII, 444) und als Fettsalbe bei Yerrenkimgen 
verwendeten, ist nur das AValrat (1540 walrot) = Sperma ceti, das 
sich in den Hohlräumen unter der Haut des Pottwals etc. flüssig 
findet. (1685) ^In dessen Hirnschal s-HöJe lieyet diese fette und öliclde 
M(derie . . . doch suf/en sie, daß es nur in des männlichen Geschlechtes 
Hirnschahle gefunden iverde; der Weiher ,Gehirn- Wesen' so fließend 
fett ist, dienet stfdt des Oels zun Lamjten'''- (Schröder 779 ff.); man sah 
also diese „Hirnmaterie" als Gehirn und Samen (sperma), der aus 
dem Rückenmarke entstehen sollte, an und verwendete dieselbe gegen 
Briistleiden, scharfe Säfte etc. (Bälde II, 20). 

62. Der westgermanische Hecht, ein Süßwasserfisch, ist in der 
deutschen Volksmedizin sehr häufig verwendet ^). 

Derselbe ist schon in den Schweizer Pfahlbauten nachgewiesen, ahd. hahhit, 
ags. hacad, zu hecken = stechender Fisch. In der antiken Volksmedizin ist er 
nicht sicher zu finden (Schrader 349). 

Hechtkopf. Zu den Bestandteilen des Hechtkopfes gehören auch die das sogen. 

Hechtenkreuz bildenden Knorpel. (1685) „Dr/.s- Kreutzgeforinte Beinlein 
aus dem Kopf f des Hechtes gehrauchen ihrer viel wider die schwere 
Noth, Etliche haltens cor ein sonderhars Mittel wider die Zauhereyen'^ 
(Schröder 1362); dieses Kreuzbein (Hechtkreuz) im Kopfe des 
Hechtes spielt dieselbe Rolle wie das Kreuzbein im Herzen des 
Hirsches (s. u.) ; durch seine Form ist es ein (christliches) Apotropäon ; 
daher auch ^^das Kreuz im Kopfe eines grünen (= rohen) Hechtes 
gegen Einschuß^ (= Hexenschuß) helfen sollte (Jühling 26), y^der 
Hechthopf enthält in seinen Knochen das gesammte Leiden Christi: 
daher soll man ihn aufbewahren, denn er ist gegen cdlerlei gut^^ (Jüh- 
ling 27), so auch (1742) für das Stechen (Christi. Granatapfel I, 
276). Diese Symbole des Leidens Christi, die man bei großer Phantasie 
aus den Figuren der Kopfknorpel des Fastenfisches herausdeutet, sind 
eine Errungenschaft aus der Anatomia culinaris der Mönche ; es dienten 



^) Er dient auch unter den Fischen am häufigsten zu Vergleichen bei Krank- 
heitsbenennungen (s. Krankheitsnamenbuch 226). • - - - 



Gehirn. 149 

dieselben auch als Apotropäon gegen Halsdrüseni Kropf)- Gift, wie das 
Herz der grünen Eidechse (s. S. 141) (Jühling 25). 

63. Karpfen. 

(6. Jahrh.) spätl. carpa, ein Donaukarpfen (Cassiodorus , Var. epist. XII, 4: 
Kluge ^ 196; Lenz 517); wird früher nicht erwähnt (s. o. Cephalus) ^). Dante in 
seinem Pargatorio nennt das Himmelsgestirn der Fische geradezu ..Himmelskarpfen": 
dieser schuppenreiche, großköpfige Süßwasserfisch muß sehr bald in der ersten 
christlichen Zeit als Fastentisch der Mönche und Geistlichen sehr volksbekannt 
geworden sein. Vor dem 6. Jahrh. war weder Karpfen noch Hecht den antiken 
Klassikern bekannt. Die sogen. Karpfenseen sind meist Klosterweiher. 

Ihre Yolksmedizinische Verwendung ist demnach meist Substitution 
für andere Tiere (s. Herz, Leber, GalleJ. 



64. Delphin. Wal. 

oikzic (oiX'fu; = uterus)-) = gewölbtes Bauchtier; Delphinus delphis (8. Jahrh. 
dalphinus = Dauphin, Wappentier'); ahd. merisvin, franz. marsouin (Meerschwein). 
Kein anderes Seetier hat die Dichter und Naturforscher der Alten Welt in gleicher 
W^eise beschäftigt und zu den wunderlichsten Fabeleien begeistert als der Delphin 
(Brehm. ^III, 703; Keller 212). Einst waren die Delphine Menschen, jedoch 
Bacchus verwandelte sie (Oppianus , 2. Jahrh. p. Chr.) (Lenz 259). Der Delphin 
ist die Verwandlung eines Menschen nach der Meinung der alten Mythologen. 
„Die ernsten Philosophen machten aus den Zügen von Liebe und Mitleid, die 
man vom Delphin erzählte, großartige Schlüsse auf die identische Xatur der 
Menschen- und Tierseele" (Keller 212); was Wunder, wenn ein solches chthonisches 
oder Seelentier übernatürliche Heilkräfte auch gegen Krankheiten haben sollte ; 
ist er doch auch wie alle chthonischen Wesen selbst heilkundig, indem es MeerafFen 
zur Genesung verspeist (Keller 429). Der leichenfressende und von Schiffsabfällen 
sich nährende (Keller 218, 420), daher die Schiffe bis zu den Häfen begleitende 
(-o{j.-rAo;) Delphin hatte Beziehungen zum Totenreich, denn auf Delphinen reiten 
die Toten ins Jenseits (Keller 231): sie sorgen für Leichname in den Sagen 
(Keller 420); sie retten aber auch Schiffbrüchige (Doppelnatur der Geister); der 
Gott der Seefahrer, Apollo Delphinios, war auch ein Gott der Heilung (von See- 
krankheit) (Xilsson 104). Die Delphine galten in gewissen Gegenden für heilige 
Tiere und für Menschenseelen. Der Delphin ist auch ..tT,c A'C(jooiz'f^^ i/O-'j;" (Xeue 
Jahrb. f. Philol. 16. Suppl.-Bd. 1888, S. 170). Ueber Delphinmenschen s. Keller 421 : 
auf antiken Gemmen ist der Delphin oft das Symbol der geschlechtlichen Frucht- 
barkeit (Furtwängler III, 353). 

Im alten Kreta wurden Delphine auf den Opferaltären verbrannt (A. f. 
R.W. VIII, 117, 149). 

Die pferdeköpfige Demeter Melaina zu Phigalia hielt in der einen Hand 
einen Delphin als üpfergabe (Nilsson 474, 348) , der Wassergott Neptun erhielt 
ebenfalls Delphine als Opfer (Tertullian, De spect. 8). 

Der Delphin wird heute noch von den Mittelmeervölkern geschont, wie bei 
den Deutschen der Seelenvogel (adebar) (Storch, Schwalbe) und die Kröte; einen 
Delphin fangen ist Sünde und Schande (Oppianus) (Lenz 260) ; wer vollends einen 
Delphin tötet, darf sich an keinen Altar mehr wagen und der Fluch geht sogar 
auf seine Hausgenossen über (1. eod.), ,.'.spo'j;; -^cic, -.cr^o'.v slva-. lyO-ua; osX'^^tva; v.ai 
-oa-iXoo;- (Athenäus VII, 282E). 



^) Mit Cephalus (= piscis, karpho [ahd.] D. I, 113) ist wohl kaum unser Karpfen 
gemeint, bei Marcellus Sidetes p. 319 wird er als magnoculus bezeichnet. 

-) Conf. a-osX'fo; = von derselben Mutter, Bruder. 

^) Vielfach wählten sich Familien besondere Wappentiere, zu denen sie 
selbst in innigster organischer Beziehung stehen , indem sich die Mitglieder nach 
dem Tode in die betreffenden Tierleiber zurückbeofeben. 



150 



Gehirn. 



65. Thunfisch, Walfisch. 

Thynnus Plinii, thunnus Marcelli Sidetes; pelamys (= der noch nicht ein- 
jährige Thunfisch), er wurde zerschnitten und eing-esalzen. In Marseille wird 
dieser kleine Thunfisch noch jDalamyde genannt (Schneider II, 46ö). Den ersten 
Thunfisch (töv -pcüxov dXovxa ^^owov) opferten die Aeolier als Erstlingsgabe dem 
Poseidon (Xilsson 83); als Parallele wollen wir hier den Walfischgott der 
Aleuten anführen; die erste am Horizonte auftauchende Walfischherde wird auf 
hoher See als Herr der Ozeane begrüßt; die Jäger, denen dieser Fischgott die 
Ehre erweist, sich von ihnen töten und fangen zu lassen, empfangen den an den 
Strand getriebenen Fisch mit göttlichen Ehren und beglückwünschen sich gegen- 
seitig, daß sie zu dem Vorrechte, von dem heiligen Fische essen zu dürfen, zu- 
gelassen werden ; beim letzten Trommelwirbel stürzen sich Männer, Weiber, Kinder 
und Hunde auf das Fleisch des Kolosses und zerreißen ihn roh mit Messern und 
Zähnen etc. (Elisee Reclus . Les Primitifs nach J. Hart) (Omophagie s. S. 45; 
Theophagie s. S. 8). 

Thunfisch- Den verbrannten Thunfi schkopf erwähnt als Mittel gegen 

köpf. Feigwarzeii der im 2. Jahrb. p. Chr. lebende Dichterling Marcellus 
Sidetes (p. 319) mit den Versen: 

„Et tumidas penitus poterit sanare mariscas '), 
Pelamydis lepidae caput id praestabit adustum." 

Vermutlich sollte die Kopfasche reinigend und wie Puder wirken. 

66. Tintenfisch. 



Sepia, 
D. IL 335. 



r^rda (z-f^K = fließen), ital. calamajo (calamus = Feder). Kuttelfisch, 



67. Aal. 

Schlangenähnlicher Fisch. Bei Homer, Ilias XXI, 203 ist der Aal noch 
kein Fisch. sY/eXo; (a-c/tu — beenge), anguilla, franz. anguille, ah. egala (s)(i? = 
Natter). Muraena Plinii, Muraena Helena Linne; ambigua et ferox Muraena 
Marcelli Sidetae; schon seine Aehnlichkeit mit der Schlange (s. o. S. 42) erklärt 
oft genug seine Verwendung in der Volksmedizin. Er galt bei den Aegyptern 
wie die Schlange und der Schuppenfisch selbst für heilig (Herodot II, 72) , d. h. 
als ein heilig verehrtes Wesen, dessen Genuß abnorme Eigenschaften und Kräfte 
gibt, aber auch schädlich wirkt; auch Hippokrates (Fuchs II, 490) nahm an, 
daß das Aal fett für die Menschennatur Schaden bringe und Lungenentzündung 
veranlassen könne. Der Aalschleim galt als Mittel gegen Trunksucht (Hellwig). 
In der Sommersonnenwende (s. o. S. 35 ff.) sollte man keinen Aal essen, man 
nahm auch eine besondere Giftader in diesem schlangenähnlichen Fische an. 

Aalkopf. Auf den westschottischen Hebriden erzeugt das Essen seines 

Kopfes Wahnsinn (Hess. Bl. f. V.K. II, U)'). 

Der Meeraal (Conger), der ebenfalls zur Familie der Muräniden gehört, ein 
wenig schmackhaftes Fleisch hat und wie der Aal schuppenlos glatt ist, wird von 
dem im 2. Jahrh. p. Chr. lebenden Marcellus Sidetes mit folgenden Versen (p. 319) 
besungen : 

„Ingentem Congrum, si vivum condis aheno 
Palladio exundantem oleo, fervente sub igne 
Pinguis adeps cribro aut colo transmissus aperto 
Dummodo Eleusinam quis ceram temperet una, 



^) S. Höfler, Krankheitsnamenbuch 398. 

2) ^pl^, xpix'^?, Haar, Barthaar; mtl. barbellus, barbus (barba — Bart) 
=: Bartfisch, Mullus barbatus Linne, conf. Mullus D. I, 370, Plinius XXXII, c. 10. 



Gehirn. 151 

Et lini superimposito velamine, ad alvum 
Applicet enixae modo, nuii(|uam membra notabunt 
Informes maculae et rugae, formaque decora 
Illaesa, ut fruitur quae virginitate manebit." 

Ewige Jungfräulichkeit ist die Wirkung dieses vor die weibliche Scham ge- 
legten Meeraal fettes. 

08. Der Genuß von Fischen, insbesondere aber der von Seebarben (rptY^oc, 
mullus) und ScbwarZSCbwänzen (jj.£Xävoupoc, melanurus Col.), war den Pytha- 
goreern verboten , vermutlich wegen ihres Zusammenhanges mit dem Seelen- und 
Totenglauben und weil sie keine eigentliche Gottheitsspeise waren (Rohde ^11,164). 
Der unter den Antoninen (2. Jahrh. p. Chr.) lebende Marcellus Sidetes (p. 318) 
dichtete über den Mullus folgende Verse: 

„De Mullo. 
Purpureus Mullus flammis crepitantibus assus 
Cum flavo melle ardentes permitigat ignes 
Carbonum ex imo jaculantum spicula leti." 

69. Wels. 

Silurus Lucilii, mhd. weis (D. I, 534) = der große Fisch, den Plinius in dem 
silurus (otXoüpoc), Ausonius in der Balaena Mosella annahm (Schrader 952). 

Kopf und Fleisch vom "Wels befördern die Menstruation, treiben Weiskopf. 
die Leibesfrucht und die Wochenbettreinigun^ (Pseudo-Dioskurides) 
(Janus 1907, XII, 290). 

70. Meerdrache oder Petermännchen. 

Trachinus Draco L., ein Fisch, der an den Küsten Europas, im Mittelmeer 
und an der Westküste von Afrika wohnt. Die holländischen Fischer werfen ihn, 
weil seine starken Rückenstacheln entzündlich schmerzhafte Wunden bewirken, 
über Bord und rufen dabei den heiligen Petrus an, daher sein Name Pieterman, 
Petermännchen (Berendes 157). Andere sehen in dem Wegwerfen ein Opfer an 
St. Peter (?). 

Dioskurides II, 18 legt als Heilmittel für die durch seine Stacheln 
verursachten sehr schmerzhaften frischen Yerletzungeii einen ge- 
spaltenen oder zerrissenen Meerdrachen selbst wieder auf. Der 
300 Jahre später lebende Pseudo-Dioskurides wiederholt diese Ver- 
ordnung, fügt aber hinzu: „auch hilft das Gehirn desselben ge- Meer- 
trunken" (s. auch Leber) (Berendes in Janus 1907, S. 404)- es scheint *^^hfrrf^ 
eine nachahmende Ausartung der Theophagie oder Omophagie hierbei 
vorzuliegen wie beim Hechtherzen (s. u.). Auch der oft erwähnte 
Marcellus Sidetes sagt in seiner in Versen geschriebenen Medicina ex 
piscibus (p. 319): 

„Ictus aequorei facile est sanare Draconis, 
Si sectum in partes nova supra vulnera ponas." 

S. auch Leber dieses Fisches. 

71. Flußbarsch. 

Mhd. ag, nord. agborre == Stachelborste. 

Perca fluviatilis, dessen vortreffliches Fleisch schon die Alten 
rühmten. Die beiden kleinen Knochen am Ende des Hinterkopfes 



152 Gehirn. 

Barsch- (Barscliknocheii, Bersingsteine) wurden ehedem, wie andere Fischköpfe. 

^^^^" arzneilich verwendet; sie waren der Teil fürs Ganze; der ganze Barsch 

aber war ein Mittel, um Hautverletzuiigeii zur narbenlosen Heilung 

zu bringen, als leimiges Anhängsel. Marcellus Sidetes (im 2. Jahrh. 

p. Chr.) dichtete darüber (p. 319) folgende Verse: 

„Offensaeque adjuncta cuti cito Perca coercet 
Nigrantem saniem, fere par afflatibus ignis. " 

72. Meerengel oder Engelfisch. 

(Rhina squatina), vermutlich wegen seiner medizinischen Ver- 
wendung und vermeinthchen Heilkräfte so benannt, ist ein Mittelmeer - 
lisch, von dessen rauher Haut Marcellus Sidetes sagt (p. 310): 

„Combustum Rhinae corium splendentibus undis, 
Et rite ajDpositum sanat tubercula foeda." 

Was wir nun bisher aus der volksmedizinischen Verwendung des 
Tieifiehiin. Tiergehirns entnehmen konnten, ist nicht etwa die Annahme eines 
„uralten, pharmakodynamischen Grundgesetzes" (?), daß mit dem Ge- 
hirne gesunder Tiere kranke Menschengehirne geheilt werden sollten, 
sondern, daß das Gehirn wie der Kopf als Teil eines ganzen Tieres 
Verwendung fand, einesteils, weil der Kopf das Hauptstück beim 
Götteropfer war, dessen Communio zum Gedeihen gereichte, oder weil 
der Kopf und das Gehirn als der Sitz der Seele eines Gotttieres oder 
chthonisch-elbischen Tieres galt, zum Teil auch, weil das Gehirn eine 
fettige Substanz ist, die man ganz empirisch wie Markfett benützte. 
Band war der erste, welcher das phosphorhaltige, aus dem Gehirne 
und Rückenmarke von Wiederkäuern gewonnene, geschmolzene Fett 
als Cerebrin oder Hirnfett empfahl (Oesterlen 582, Anm.). Hier be- 
ginnen die ersten Keime zur modernen Organotherapie, die sich durch 
einen tiefen Abgrund rohester Empirie von der mittelalterlichen 
volksmedizinischen Organotherapie trennt; letztere behandelte 
nach dem aus der Antike übernommenen Schema und Vorbilde mit 
dem Teile des Opfer- oder Seelentieres bezw. mit dessen Symbolen 
und Rudimenten nicht etwa kranke Menschengehirne, sondern alle jene 
Krankheiten, die die ältere Auffassung mittels solcher durch den 
Zauber der Seelen- oder Geisterkräfte wirkender Tierteile zu beein- 
flussen bestrebt war, Unfruchtbarkeit, infektiöse Seuchen, dämonische 
Krankheiten, Schelme und AVichte in den Drüsen, Hautentstellungen. 
Augenflecken. 
Moderne Die moderne Organotherapie aber sucht die funktionelle 

itJcrapie. Lücke, die beim Ausfalle eines kranken oder geschwundenen Organon 
entstanden ist, durch chemische Produkte aus gleichartigen (oder auf 
diese Lücke auch aus der Ferne wirkenden anderen) Organen von 
Tieren auszufüllen und so eine physiologisch- chemische Korrelation 
mit den übrigen Organen des Kranken wiederherzustellen. Zwischen 
diesen beiden grundsätzlich ganz verschiedenen therapeutischen Me- 
thoden liegt als vermittelnder Uebergang nur jene Behandlungsart, 
welche vom Priesterarzte ursprünglich ausgegangen war und dann 
später vom Schularzte etwas mehr benützt worden zu sein scheint, 
nämlich diejenige, welche den kranken Teil des Menschen durch die 



Leber. 153 

symbolische Hingabe und Aufopferung des gleichen Tierteils an eine 
bestimmte Gottheit heilen wollte; dieser entsprechende Tierteil mußte 
natürlich ursprünglich einem opferbaren Tiere angehören, späterhin 
konnte dann auch irgend ein anderes Tier (mit Vorliebe kleinste 
Vögel) gewählt werden. Die früheren Opferteile von Tieren wurden 
in verschiedener Weise einverleibt (Speisengenuß, Einreibung, An- 
hängen als eingetrockneter Tierteil oder als Bild, Halsband, Finger- 
ringe etc.)-, während diese Verwendung der Tierteile (Kopf, Gehirn) 
noch mit einem Fuße auf dem Boden des alten Opferkultes stand, ist 
die moderne Organotherapie davon ganz getrennt; letztere steht aller- 
dings auch noch auf dem gleichen historischen Entwicklungsboden, 
aber nur soweit es sich um die bloße Korrelation des betreffenden 
Organon handelt; im Prinzipe aber sind beide grundverschieden; alle 
Versuche, die volksmedizinische Organotherapie der Antike zu er- 
klären mit instinktiven Versuchen, mittels chemischer Toxine und 
x\ntitoxine auf das kranke Organ einzuwirken, sind nutzlos. 

Der Zauber war eine übernatürliche Kraft, der Gegenzauber 
ebenfalls; der Zauber wirkte durch die Kraft der Seele; die Vor- 
stellung von der Existenz einer Seele ist die positive Voraussetzung 
und Vorbedingung auch zum Glauben an die Verwandlungsmöghchkeit 
durch den Zauberer (Magier). Das Opfer an die gefürchteten Seelen- 
geister, vermittelt durch den Zauberer (Priesterarzt), brachte die Gunst 
derselben; das Opfermaterial (Blut, rohes Fleisch, Seelenorgane, 
Kräuterwerk, Organduft und -rauch, Opferruß, Organ- und Kräuter- 
asche etc.) erhielt so im Volk den Glauben an Heilwirkungen, der 
sich späterhin an dieses Material haftete auch ohne eigentliche Opfer- 
handlungen. Die volksmedizinischen Maßnahmen bei der Verwendung 
der Opfertierorgane sind überwiegend Nachahmungen der Vorbilder 
ägyptisch- griechischer Magier oder Priesterärzte, die uns durch antike 
Schriftsteller übermittelt wurden. 



II. Die Leber. 

Indog. Ijek [jecur]; ahd. lebara. Das Divinationsorgan des Heil- 
und Eingeweidebeschauers (r^7raToaxÖ7ro(; = haruspex) bei Babyloniern 
(3. Jahrtausend a. Chr.), Aegyptern [sumerisch HAB = Leber ^)\ dazu 
haruspex = Leberhcschauer , hariif/a = Opfer] ^ Etruskern, Griechen, 
Römern, Arabern und Juden. 

Das relativ süßeste Organ '^) des ganzen Körpers, die Leber, war i.eber als 
wie der Honigkuchen das älteste Götteropfer; durch das Feuer wurde 
sie den Göttern und Seelengeistern vermittelt; ihr Genuß macht nach 
deutschem Volksglauben göttergleich unsichtbar, und ihr Verbrennen 
ist noch heute ein Mittel gegen Dämonenzauber, über den die höheren 
Götter Gewalt haben. 



Opfer- 
organ. 



') Vergl. Plinius VII, 203: „augiiria ex avibus car, a quo caria appellata"; 
o'.o)vo-v.6-oc; war der griechische Priester, welcher den Vogelflug beobachtete; 
':spo3v.o:iO(; war der extipex, der die exta, Eingeweide des Opfers beschaute. 

-) Schon die normale lebende Leber hat glykogene Substanz und Zucker, 
noch mehr Zucker findet sich in der frischen, eine Zeitlang gelegenen Leber der 
Säugetiere ; besonders süß ist die mit Datteln gefütterte Kamelleber. 



154 Leber. 

Der hervorragendste Teil der nach der Kopfseite des Tieres auf- 
wärts gewölbten Leberfläche war das „caput extorum" (Plinius XI, 
37, 73). Das Fehlen des Leberkopfes galt als ein schlechtes Zeichen 
für die Zukunft, ebenso wenn der Leberkopf beim Ausweiden des Opfer- 
tieres angeschnitten wurde; ein doppelter Leberkopf galt als besonders 
günstig, auch wenn die Leber am untersten Bogen „ab imma fibra" 
stark nach innen gebogen war; eine gesunde, Günstiges erwarten 
lassende Leber mußte normale Farbe, Gestalt und Lappung haben; 
eine doppelte Gallenblase galt als besonders günstig; die Opferpriester, 
welche aus Gestalt, Form und Aussehen der Opfertierleber weissagten, 
mußten diese also genauer kennen i). Daß die griechischen Aerzte, 
z. B. Hippokrates, ihre Kenntnisse der Leberanatomie zum Teil aus 
der Opferanatomie schöpften, lehrt uns cap. XLIII von Hippokrates' 
Schrift De morbis mulier. 1 (Fuchs III, 432), wo dieser vom t>pi^ = 
Haar der Leber spricht, das nach Entbindungen wund sei; nach 
Galenus war dies ein Terminus technicus der Opferpriester für ein 
enges, gerades, schwarzes Aederchen am einwärts gebogenen Teile des 
großen rechten Leberlappens. VermutHch haben auch die zpiyozidsiq 
des Galenus, d. h. die Rami pancreatici der Vena lienahs (Simon 127, 
317) damit Beziehung'). Hippokrates erwähnt auch öfters, daß das 
Blut bestimmter menschlicher Organe nach Opferblut rieche (Fuchs II, 
459 etc.). 

Daß aber die griechischen Aerzte mit der Tierleber auch Krank- 
heiten heilten, bezw. behandelten, lehrt uns wieder Hippokrates, der die 
am Uterus kranken Frauen mit der Schafs- oder Ziegenleber, welche in 
Asche (= Brandopferrest) gelegt war, behandelte (Fuchs III, 422, 375), 
weil eben diese Tierleber ein traditionelles Fruchtbarkeitsmittel war, 
das durch die Gunst der versöhnten Geister wirkte. Beim alten 
Götteropfer war das Verbrennen der Leber des betreffenden Opfer- 
tieres ein besonderer Ritus; der Mitgenuß an derselben verschaffte 
im Liebeszauber besondere Kräfte über Dämonen und deren Einflüsse; 
Menschen- bei Plinius ist die Menschenleber ^) ein Mittel gegen Epilepsie 
(überhaupt ist der Volksmediziner PHnius sehr gesprächig bei der Ver- 
wendung der Leber und bewegt sich dabei sichtbar auf alltäglichem 
Boden). Die getrocknete Leber eines gewaltsam im Boden er- 
stickten Knaben (aridum jecur) war für die Canidia des Horaz 
(Epod. V) ein Liebestrankmittel; bei Scribonius Largus II, 17 (1. Jahrh. 
p. Chr.) ist ein Stück der Leber eines erdrosselten Gladiators ein 
Mittel gegen Epilepsie: „ex jecinore gladiatoris jugulati particulam 
aliquam novies datam, consumant homines epilepsia afflicti"; 1871 
noch war die Leber eines Kindes^) in Rußland ein volksmedi- 



^) Näheres über die ältesten bildlichen Darstellungen der Leber s. Stieda, 
Anatom. -archäolog. Studien in Bd. 15/16 der Bonnet-Merkelschen Anatomischen 
Hefte 1901. 

2) Weitere Literatur über Leberschau s, A. f. R.W. X, 109, Hyrtls Anti- 
quitates anatomicae rariores; besonders Jastrow (1. c). 

^) Die Griechen stellten sich dieselbe nach dem Vorbilde der Ziegenleber 
dreilappig vor. 

•*) Auch in der koreanischen Medizin existiert der Glaube, daß die Leber 
eines Knaben einige Krankheiten heilen könne, und der Mord eines Knaben 
zum Zwecke der Gewinnung dieses Heilmittels ist sogar im koreanischen Gesetze 
vorgesehen und wird mit dem Tode bestraft (Stern I, 160). 



Leber. 155 

zinisches Mittel, ebenso die Leber einer Frau (Lowenstimm 109, 
112); nach heutigem deutschen Volksglauben macht der Genuß einer 
Frauenleber unsichtbar; über die Godesleber s. Krankheitsnamen- 
buch 358, 359. 

In der homerischen Ilias (XXIV, 212 ff.) wünscht sich die 
chthonische Hekate des Achilleus Leber, um so ihren Rachedurst 
durch deren Genuß stillen zu können. Die Heldin in dem Zwei- 
Brüder- Märchen wünscht sich eine Ochsenleber als Speise (Loret IX). 
Wie die deutschen Hexen das Herz des Menschen verzehren, so fressen 
die neugriechischen arptY^ai die Leber der Wiegenkinder (Andree, 
Anthropophag. 8); die Volkssagen und die Speiseverbote der Orphiker 
deuten darauf hin (Rohde ^ II, 125), daß Menschenopfer stattfanden 
und daß menschhche Organe verzehrt wurden, und daß speziell die 
Leber als Götterspeise durch das Brandopfer vermittelt wurde. Beim 
Brandopfer der Juden wurden hauptsächlich die Fettstücke an den 
inneren Eingeweiden (Nieren, Lenden) und außerdem die Leberlappen 
auf dem Altare zur Verbrennung gebracht (Movers, Opferw. 168), 
meist aber noch in Verbindung mit einem Oelkuchen ^) für jedes 
Fettstück. Mit Vorliebe verzehren die Göttervögel die Menschenleber. 

Auffallend häufig wird die als volksmedizinisches Mittel Leber als 
verwendete Tierleber'^) verbrannt, verkohlt, auf Ziegelsteinen fer^Sfe. 
{= Opferaltar, s. Plinius XXX, 20 und oben S. 15) gedörrt und als 
Asche (s. 0. S. 24) oder Pulver verwendet; schon beim alten Opfer- 
ritus unterschied man das öXozaisLv (ganz verbrennen), TtaUiv (an- 
brennen) und Tap/osiv (dörren), Tapt^^soeiv, d. h. zur Fleischkonser- 
vierung geeigneter machen; dazu gehörte auch das Selchen und Ein- 
salzen, das ebenfalls öfters bei volksmedizinischen Tierorganen uns 
begegnen wird. Ueber die beim Brandopfer verwendeten Räucher- 
mittel und die daraus gewonnene Brandasche haben wir uns oben 
S. 15, 24 ff. schon ausgesprochen. Durch den Wohlgeruch der dem 
Brandopfer beigemengten Kräuter (Pflanzen, Harze, Hölzer etc.) und 
durch die feuersichere Steinplattenunterlage sollte der üble Ver- 
brennungsgeruch vermieden und das Opfer der Gottheit wohlgefälliger 
gestaltet werden. Der Wohlgeruch der Blumen machte diese vor 
allem zu Heilmitteln. Stark riechende Kräuter galten in der Volks- 
medizin stets als heilkräftiger als die geruchlosen; riechende Blumen 
und feines Parfüm wurden die Vermittler der Liebeswünsche. 

Nach Elliot Smith (Centralbl. f. Anthropol. XII, 1907, S. 312) 
wurde bei den alten Aegyptern die Leber des Toten zur Kon- 
servierung besonders eingewickelt, mit ihr aber auch die Wachsfigur 
des Totengeistes Amset, eines der vier ägyptischen Totengenien; 
meist kamen solche zur Konservierung herausgenommene menschliche 
Eingeweide sonst in kanopische Krüge (s. o. S. 46). 

üeber die bei den Aegyptern übliche Mumifizierung der Tier- 
organe haben Lortet und Gaillard (Loret IX) eingehende Detail- 
untersuchungen angestellt; unter der Fauna, welche mumifiziert in den 
Totenkammern der alten Aegypter dem Toten mitgegeben worden war, 
haben diese Forscher weder das Herz noch die Lunge noch die Niere 

') S. 0. S. 4. 

^) S. u. auch Schaf- und Ziegenmilz. 



156 lieber. 

der Tiere, sondern bloß die beiden Haupteingeweide der Verdauung, 
Leber und Milz der Tiere, gefunden; nur diese beiden Bauchorgane 
wurden in natura mumifiziert dem Toten mitgegeben, vermutlich aus 
alter Tradition, die diese blutreicheren und süßeren Organe bevor- 
zugte. Als Gegensatz zur leichteren Lunge wurde die blutreichere 
Leber bei den Hebräern, Assyrern und Aethiopiern als das „schwere^* 
Organ bezeichnet (A. f. K.W. IX, 180). 
Leher ist Wie das Blut und vor allem das Herz, so galt auch bei den 

Seelensitz. Q-i^ig^hen und Römern die blutreiche Leber als Sitz der denkenden 
Seele, der seelischen Triebe und Begierden; ihre Verbrennung war 
die Vermittlung der Seele der betreffenden Opfer an die Gottheiten, 
durch deren Versöhnung unter anderem auch Heilung erfolgen sollte. 
Hippokrates (f 870 a. Chr.) und Plato (f 347 a. Chr.) verteilten die 
Seelenkräfte auf Gehirn (Kopf), Leber und Herz (AVindisch 174); 
Galen (201 p. Chr.) verlegte das Begehrliche der Seele in die Leber 
(,,TÖ S'i:r'.ö"j|irjT'.y.öv Iv r^Traxi") (Völlers im Arch. f. B.W. IX, 178; 
Windisch 177, 181). In der Altercatio Hadriani Augusti et Epicteti 
Philosophi fragt Hadrian: „Quid est jecur?" und Epictet antwortet 
darauf: „Custodia caloris" (der Sitz der Lebenswärme). Nach dem 
Talmud war die Leber der Sitz des Verdrusses und Zornes, und auch 
in ärztlichen Kreisen war noch vor 250 Jahren die Leber „la cause 
materielle de Tamour" (sedes libidinis) (Brissaud 58). Hirn, Herz, 
Blut, Leber (bei manchen Völkern auch das Knochenmark und das 
Auge) galten als Seelensitze, als Stätten der Triebe und Regungen, 
die auch der moderne Philosoph so gern irgendwo oder irgendwie als 
ein ,, Reale'' oder als „Monade" verkörpern möchte. Mit dem Genüsse 
der Leber wurde also auch der Genuß der Tierseele oder eventuell 
die Communio mit der Tiergottheit angenommen. Eine Abart der 
Leberverwendung ist sicher die Verwendung der aus der Leber stam- 
menden Galle (s. u.), die sich aber immer mehr vom Kulte in der 
Empirie des Verfahrens abtrennte und zum empirischen Reinigungs- 
mittel wurde. Celsus (1. Jahrb. a. Chr.) erwähnt die „Lebern aller 
Tiere" als eine Nahrung mit gutem Nahrungssafte (II, 20). Die ge- 
mästete Gänseleber werden wir noch unten besprechen; auffällig ist 
es, daß mit dem Verschwinden des römischen Heidentums in den fort- 
lebenden romanischen A'olkssprachen auch das lateinische jecur spurlos 
verschwand und dafür das ficatum (= le foie), d. h. die Leber der 
durch Feigen gemästeten Gänse ^), die sprachHche Oberhand gewann. 
Daß man in der volksmedizinischen Therapie die Verwendung der 
Tier leb er (Ochse, Ziege etc.) als den antiken Vorläufer der 
modernen Lebertrantherapie anzusehen habe, wie Hirschberg p. 266 
meinte, ist nicht richtig; Vorläufer dieser ist nur die Fischleber (s. u.). 

Der eheliche Umgang mit dem Besitzer einer weißen Leber (Syphilis- oder 
Fettleber?) gilt im Volke als äußerst ungesund und gefährlich (Melusine I, 35: 
Krankheilsnamenbuch 359; Knortz, Streifzüge 242). Die Fettleber der ägyptischen 
Totenopfergänse könnte vielleicht das Vorbild zur weißen Leber der Menschen 
erewesen sein. 



') Die Römer schätzten nach Plinius X, 22, 27 die Gänse weniger wegen 
ihrer Liebe zur Philosophie als wegen ihrer wohlschmeckenden Leber; werden sie 
gemästet, so wird die Leber außerordentlich groß; sie nimmt an Umfang noch 
zu, wenn man sie in eine Mischung von Milch und Honig legt. 



leber. 



Leber. 157 

1. Hase. (s. o. s. 58.) 

Dessen bevorzugte Verwendung bei Krankheiten des weiblichen 
Geschlechtes hatten wir schon oben besprochen ; namentlich beim 
sogen. Blutfluß aus Wunden, Scheide, Darm spielt sie eine große 
Rolle. Herophilus (ca. 300 a. Chr.), der anatomische Lehrmeister 
des Galenus, kannte die Leber des Hasen so genau wie die Hasen- 
des Menschen (Simon p. XXXVII) , jedoch die erstere höchst wahr- 
scheinlich auch aus der Opfer- oder Küchenanatomie. Die alexan- 
drinischen Aerzte sahen nicht bloß dem Einbalsamierer, sondern auch 
dem Opferpriester seine anatomischen Erfahrungen ab, die allerdings 
auch nur in der Bekanntschaft von groben Hauptmerkmalen gewisser 
innerer Organe (Opferorgane) bestanden haben dürften. Die Schädelhöhle 
und das Gehirn des Menschen kannten Herophilus und seine Schüler 
deshalb nicht, weil sie auch das tierische Gehirn als besonderen Opfer- 
teil nicht kennen gelernt hatten. 

Plinius empfiehlt die Hasen leb er als Mittel gegen Scheidenfliiß 
(blutigen) (XXVHI, 77): y,profluvia vulvae jo cur leporis cum Samia 
terra'^) ex cKjua poimn.^^ (16. Jahrb.) ^Vovn Krebs: nim ein hassen- 
I ehern vnncl bron {= brenne) sie vff ein zegcJ steint), das polver zctt 
(säet) in die ivonden (Jühling 54). (IG. Jahrb.) „F«r wundten. 
Nim eine Jeher von einem hase, hörne die auff einem Ziegelstein'^), 
stoß sie Mein und rchde sie durch ein tuch, streive das Fairer in die 
ivundeu'^ (Jühhng 52) (^ Blutfluß aus Wunden, der mit verbrannter 
Leber behandelt wird). (15. Jahrb.) ,, Foy Na senblntheii Aliud. 
Eine Haasen Lcher vnnd mache sie zu pidrer'^ (Jühling 52). 

(1685) „7)^'e Leher (des Hasen) stillet den Bauchfluß und 
dienet der Leher'''' •, Bauchfluß ist hier die rote infektiöse Ruhr (Dj^s- 
enteria) (Schröder 1312) (kaum der Scheidenfluß?). 

(1563) ^.fWelche jyrästen an der Jäher hahend, sollend 
j quintle der (jederten läher (des Hasen) nießen, ist rast fjut^'' (Jüh- 
ling 48) (vergl. unten die Hasengalle als Mittel gegen Ruhrseuchen); 
wenn hier von „Bauchfluß" und „Lebergebresten" die Rede ist, so ist 
dies augenfälliger Einfluß der Schulärzte, die die Ruhr- und Cholera- 
seuchen als einen „Leber-, Galle-, Bauchfluß" erklärten; ursprünglich 
war das volle Tieropfer nur gegen Volksseuchen überhaupt gerichtet, 
während der einzelne Kranke mit den Teilen desselben behandelt 
worden sein mag. 

(15. Jahrb.) ^^Wer den heimlichen Bliithcßany (— Blutfluß aus 
dem Darm) hat. Der Sieche sol nemen von eins hasens leher in 
einer hrue (/eschnieten, auch wol in wein oder Bier oder in einem 
tveichen ey'^) vnnd ivenn das nit helffen tvird, so nehme er den mcigen 
eines hasens'''' (mit dem Frühjahrsgeäse) (Jühling 51). Hier ist das 
Mittel gegen blutige oder rote Ruhr auf andere „Blutflüsse" über- 
tragen; mit dem Namen wanderte auch das Mittel. In der Volks- 
medizin beherrschte von jeher der Krankheitsname auch die Therapie 

') Samische Erde = reiner Ton (Frieboes 605) ; hier vermutlich die Erinnerung 
an die Opfergefäße, den Opferaltarstein oder die Steinplatte am Hausherde. 

^) S. o. S. 5, 25: Ziegelstein — Opferaltar aus Erde; die samische Töpfererde 
galt als Heilmittel. 

3) Ei ist kathartisch. 



158 Leber. 

(vergl. auch Geierhirn und Geierleber). Die „Blutfluß "-Therapie dehnt 
sich auch auf „blutende" AVunden, Geschwüre, Nase etc. aus. der 
ganze Hase wurde verbrannt oder seine Leber oder sein Schädel, wo- 
bei das billige Hasentier eine wirtschaftUche Erleichterung bot; auch 
die unten noch zu besprechende Hasen galle trat als Substitut des 
ganzen Hasen ein. 

(15. Jahrb.) ^Bas Gliederwasser zu stillen. Nim Haasvn- 
l ehern gehrannt vnnd gepiduert, see das in die ivunden''^ (Jühling 53). 
Bas Glicdtvasser'^) ist ein pi/ämiseher Gclotli'Jieumatismus von einer 
infizierten Nahelwunde aus (s. o. Hundskopf S. 72). 

Das Glied wasser wird als Stallseuche (Gliedsucht) ganz antidämo- 
nistisch mit Verbrennung von Hundskopf und durch Einstreuung von 
gedörrter pulverisierter Hasenleber, aber auch durch Fütterung mit 
bluthaltigem (!) neugebackenem Brote (Grülingius I, 407) ; ferner durch 
Besegnungs(Bann) Worte (Ebermann 94) behandelt. Im Elsaß heißt 
die Krankheit „Hünschknochen" (Eis. Wörterb. I, 502) (s. Höfler, 
Krankh.N.B. S. 243 und 901), ist also auch dort als Dämonenwerk 
aufgefaßt worden. 

(1800) ^Nimm Haseid eher zu Ideinen Stücldein geschnitten an 
einew Spieß tvohl geröstet, hernach im Mörser zu Ptdver gestoßen, 
darunter thue 1 Loth iveißen Zuel'er, 1 Lotli Ingiver, 1 LotJi Nägelein, 
(dies zu Ptdver gemacht und hehalten, gih einem dergleichen (Epi- 
lepsie-) Kranken nur ^2 Loth und nicht mehr auf einem Brot zu 
essen oder gihs ihm auch zu trinken, ist noch hesser, so gehet der Zu- 
stand ron ihm alle Weht((ge, ist oft approhirt worden'''' (Janus 1899, 
277) ; ähnlich verwendete Plinius die Hasenlunge (s. u.) mit Weih- 
rauch, dem alten Opferrauch werk. 

In Tirol sehneidet man (gegen die fallende Sucht) Hasen- 
leher in Stücken ganz klein, röstet diese und hrennt sie zu Fulrer. 
Basselhe wird mit einem Lot Zucker, einem Lot Ingwer, einem Lot 
Näglein, (dies pulrerisiert^ ^/2 Lot schwer in Wein zu trinken ge- 
gehen (Jühling 56). Die Verordnung gleicht also ganz der voran- 
gegangenen. 

Gleichsam als Mittel zur Weissagung oder Zukunfterforschung 
ist zu deuten die Schweizer Verordnung (Schw. A. f. V.K. 1902, S. 55): 
„Nimm eine L eh er von einem Hasen und schreihe den Namen der 
Frau auf ein neu leinen Tuch und legs unter das Haupt, daß die Frau 
nichts drum tveiß; sie sagt dann alles, tvas man sie fragt." 

Man wird zugeben müssen, daß die Hasenleber durchaus nicht 
als Leb er mittel bevorzugt wurde, sondern (wie das Gehirn) als Teil 
des ganzen Hasentieres ihre volksmedizinische Rolle spielt unter sicht- 
barer Anlehnung an den ehemaligen Opferritus (Brandopfer), der 
allerdings eine Abschwächung der Organverbrennung bis zur bloßen 
Trocknung der Leber erfuhr. 

2. Fuchs. (S. o. S. 62.) 

Die Römer fanden auch das Fuchs fleisch, namentlich wenn es mit 
Trauben gemästet war, als geschmackvoll. 



S. Krankheitsnamenbuch 784. 



Leber. 159 

Das nach Hundeart bissige, rotschweifige Tier liefert namentlich 
(wie auch der Hund s. u.) ein Fett für Lungenleidende und Schwind- 
süchtige; auch seine Leber (und nicht bloß die Lunge s. u.) ist 
ein Mittel gegen diese Leiden, nach dem Vorbilde von Plinius 
(XXVni, 55): y^jocur ijuoque rulpinum Icuat Tiieatus sinrandi^' 
und Celsus (lY, 8): „a^<c7^ ist es keine tmhef/ rundete Annahme, daß 
man gegen Asthma ganz trockene Ftichslehrr stoßen und dieses Fnchsiehex. 
Pulver zum Getränke tuen müsse'"'' (Frieboes 177); auch Scribonius 
Largus, der Schüler des Celsus (Compos. 76) hat das gleiche Rezept 
gegen Asthma; und Marcellus Empiricus (5. Jahrb. p. Chr.): „profuit 
miätis ad siispirmm vel clyspnoeani depeUendam je cur rulpis hi 
olla fictili exustum atque ad cinerem redactum.^'' Dieses Verbrennen 
der Leber im irdenen Hafen {= Opferaltar aus Ziegelsteinen, s. o. 
S. 15) findet sich auch bei Scribonius Largus (Frieboes 177). Der 
Pseudo-Dioskurides (4. Jahrb. p. Chr.) empfahl Hirschlunge, Fuchs- 
leber und Goldblume ^) von jedem gleichviel mit Wasser als Mittel 
gegen Engbrüstigkeit (Janus XII, 271). 

Gegen LungensHcM (Schivindsiicht , Darre, Phthisis) genießt 
man soivohJ in MecMenhurg cds in Steiermark den Absud aus (Milz, 
Lunge und) feingeriebener Leber eines Fuchses, mit Menschen- oder 
Hundeschmcdz zusammen cds Suppe, auch kann man sich mit Fuchs- 
fett dabei einreiben (Fossel 103, 104; Jühling 45; De Cock 153). 

(1740) y,nahm man (vor die Litn gensucht oder Dörr) Fuchsen- 
grob mit derselben Zugehör, die Galt sammt dem gerecht und un- 
gerecht Röhrl (mit verschiedenen FrühjahrskräutcrnJ destilliert . . ., ist 
probirt ivordcn und sollt die Lungeri nur ein Nuß groß sein, so tvachst 
sie wieder'-^ (Christi. Granatapfel 43). Das Gereb mit der dazu ge- 
hörenden Leber und dem Ductus cgsticus und choledochus der Gallen- 
blase durfte aber mit keinem Wasser geivaschen sein. 

Gegen Asthma (Lunf/enemphysemJ sollte man gebratene 
Fuchsleber essen (Jühling 46). 

Sextus Platonicus (um 330 p. Chr.) erwähnt die Fuchsleber als 
Mittel gegen Milzsch merzen : ^Idem facit et jecur ejus (vulpis) 
in bono vino similiter potum, nam splenem (splenis dolorem) tollit''' 
(p. 399) ; der Eingeweideschmerz galt ehemals als Tat eines Dämons 
(Wurm). 

(1683) „D?> (Fuchs-) Leber tauget denen Leher- und Mil^- 
süchtigen und ivird wie die Lunge gebrauchet''^ (Schröder 1338). 
Leber- und Milzsucht ist oft Emphysema, Asthma. 

Gegen Verstopfung hilft in Steiermark der Genuß einer Fuchs- 
leber (Fossel 104). 

Ein Stück der Zunge oder Leber eines Fuchses (das alles zum 
sogen. Ger eh des Schlachttiers gehört) eingenommen oder an den Hals 
gebunden oder auch einfach nur in den Sack gesteckt, ivird in Ost- 
flandern, vor allem in Luxemburg, als ein besonderes Mittel gegen die 
Rose (Erysipelas) erachtet (De Cock 286). 

Die Zunge eines im März (Neujahr) getöteten Fuchses erwähnt 
Schröder 1337 auch als ein Wundenmittel; sonst ist die Zunge früher 
häufig ein Opfer an den Totenführer Hermes gewesen ; die Zunge (s. S. 88) 



^) Chrysanthemum coronarium, eine Kranzblume beim Opferkulte, s. S. 41. 



160 Leber. 

ist wie der Rachen ein Teil des Gerebes. Jedenfalls ist hier zu betonen, 
daß die Fuchsleber ebenso häufig als Atemmittel empfohlen ist 
wie die Fuchslunge, daß sie also als Teil des Gerebes oder Einge- 
weides aufzufassen ist, und daß das „uralte pharmakodynamische 
Grundgesetz" (?) kranke Organe mit gleichen gesunden Organen von 
Tieren (similia similibus) zu heilen, auch hier ganz versagt. Sextus 
Platonicus (um 330 p. Chr.) verordnete die Fuchsleber (und Fuchs- 
lunge), d. h. deren ausgepreßten Gewebssaft (s. Fuchsgalle) sogar als 
Mittel gegen Ohrensclimerzen (S. 390). 

3. Bär, Eisbär, (s. o. s. 64.) 

Die Erfahrungen, daß die Lebern von ichthyophagischen Tieren 
durch Parasiten häufiger erkranken, kann vielleicht auch die Veran- 
lassung gewesen sein, daß im Kulte der Dea syriaca der Fischgenuß 
wie bei den Pythagoreern verabscheut wurde: .,TtjV Xopiav ■ö-sov oi 
os'.OL^aijj-ovs;; voii(!oootv, av [laivi^a (s. o. S. 147 Mänagehirn N. 59) zIq -q 
y.'fby.Q (= mlat. afforus D. I, 16) 'fa^Yj, 'ca avu%v'/j[JLL7. Sisa^Uiv sX^sai tö 
Ga)|X7. ;rL[j.7rX7.vai , aovr/jxsiv tö '^rrar/' (Plutarch, Scripta moralia I; De 
superstitione c. X); nach Menander (*f 290 a. Chr.) schwellen die 
Füße und der Bauch zur Strafe für den die Göttin beleidigenden 
Fischgenuß an: „to'j; ;rö§a? y.al -{y^ii^jy. oloobziv^'. Nach Brehm "^ II, 
193 besteht der nordische Volksglaube, daß, wenn Schiffer unvor- 
Bärenieber sichtiger weise von der Leber eines Eisbären gegessen haben, sie 
fast immer krank geworden und zuweilen gar gestorben sind; bei 
anderen habe der Genuß derselben die Wirkung gehabt, daß sich die 
Haut von ihrem Körper schälte (Atrophie). Die Eisbären werden im 
Lande der Nordmänner zuerst r(m Adam von Bremen (f 1075) er- 
ivälmt (Keller 114). 

4. Wolf. (S. 0. S. 66.) 

Nach Plinius XXVIII, 81 soll die Wolfsleber die Gestalt 
Woiföieber. eines Pferdehufes haben. AVolfsleber war noch im 18. Jahrb. offi- 
zinell in Deutschland. 

Plinius XXVIII, 35 empfahl die Wolfsleber den Lungensüch- 
tigen und gegen Husten: ^^tussim jociir lupi ex vino tepido scmat''^ 
und (XXVIII, 67): ^phthisicis medentur joeitr Jupi ex vino 
macro'^. 

(16. — 17. Jahrb.) ^^Ein gar Seher Köstlich Ptduer, vor das hertz 
Blichen f= Her^pocJien) gantz Beiverth. Nim die Leher von 
Einer Wölfin rund die Augen {^= Seele) von einer Füchsinn, Hirsch- 
zungen Biether, Senes Biether etc. (allerlei Gewürze) und guthen 
tveißen Hut Zucker darin vnnd vermische es gar tvoll zusammen, vnnd 
Nim des Puluers Alle Morgen vnnd ahendts'-^ (Jühling 253). Diese 
Vermengung der Wolfsleber mit allerlei Gewürzen und Heilkräutern 
gegen die rein subjektive Herzkrankheit ist wahrscheinlich aus einer 
germanischen Quelle geflossen. 

AVie der Genuß des Menschenherzens die elbische Eigenschaft des 
Hellesehens, Weissagens und des Verständnisses der Vogelsprache ver- 
leiht, so hat auch an der französischen Cote d'Or (Burgund) ein 



I.eber. 1 (j 1 

Besserwisser (Siebengescheiter , Hellseher) nach dem Volksspruche 
,,eme Wolfsleber gegessen'- (Revue des trad. popul. XVIII, N. 11; 
N. Guyot, La Folklore de la Cote d'Or); d. h. durch den Genuß der 
AVolfsseele sich übernatürliche Geisteseigenschaften, elbisch-chthoni- 
sches Wesen einverleibt. 

(16. Jahrh.) ^^Wenn mie Frcme oder jung fr aue ihre rechte zeit 
nicht hatt, nim ivolfes J ehern inj loU, eine fuchshmgc, eine miis- 
cafr, muslcaten hlumen , zimetrinden, diser ziveie igliclis zwey loff. 
Darnach nelclten, ingwer, iglichs 1 lott oder ein hivintten. Dise solen 
(jedcrt vnnd Mein gestoßen rnnd gesihet iverden, dazu sol man noch 
so fiel zuclxcr nehmenn cds das ohgeschriehene alle ist vnnd mit ein- 
ander wol cermischen; solch vermischt Imlver sol die ivoche ein kicintei/ 
gebraucht tverden^ (Jühhng 252). — (16. — 17. Jahrh.) „ Vor die 
JDcirre, Cur Frobatum est. Vier Lot Wolfs Leber, die Soll man 
derrcn vnnd pulueren, vier Lot Muschkatten Blumen, vier Lot Musch- 
Jcatten, vier Ljot Lngwer , vier Lott Zimmetrinden , acht Lot ZucJcer, 
ein Lot RübcJcen, eyn Lot Silber mandann (?). Das Alles vnter ein- 
ander zu Fuluer gemacht vnnd das So oft noth ist, eines reinischen 
gülden Schwehr mit Wein gctrunchen Abends vnnd Morgens'"' (Jühling 
252) (ähnlich wird auch oben die Fuchsleber empfohlen). (1685) „Die 
(Wolfs-) Leber tauget der Leber ^ in der Wasser sucht , wie auch 
denen cinsgedorrten und hustenden^ tvann man sie trocknet und 
eingiebet." ,^Dic Genießung (des Wolfs-LIertzen und) der (Wolfs-) 
Leibern heilet die schwere JVoth vollkommen''^ (Schröder 1313) ^j. 
(1730) ,^ Wider die Lung- und Leber-Fäulung (ein spätmittclaJterHeher 
Terminus für unheilbare, iveit vorgerückte Lungenschivindsucht) . 
Hierinnen ist die Wol ff s- Leber sehr gut und nutzlich. Es soll aber 
beg den Männern die Leber von einem Wolff und heg den Weihern 
von einer Wölfin genommen werden. Man soll aber die frische Wolffs- 
Leber in einem Back-Ofen (s. Opferaltar S. 15) backen, daß sie fein 
dürre iverde (= Ueberbleibsel des Brandopfers), doch daß sie nicht zu 
Kohlen verbrenne, sondern allzeit hart gedörret werde . . . etc. Es 
heilet das Geschwür der Lungen und Leher, daß solche tvieder 
zu wachsen beginnet, auch der Magen tvieder Speise zu sich nimmt^ 
(Kräutermann 148, 149). 

Plinius empfahl die Wolfsleber auch gegen Schmerzen an der 
weiblichen Scham (XXVIII, 77): ..^dolores vidvarum mollit je cur 
lupi^', und gegen Leberschmerzen (XXVIII, 55): ,,jocineris dolores 
lupi jocur aridum ex midso.''^ Gegen den Husten ninmit man ge- 
pulverte Wolfsleber ein, doch muß das Tier im Januar, dem Wolfs- 
monat (?) erlegt sein (Jühling 254). 

Die Verwendung der AVolfsleber unterscheidet sich also nicht 
von der anderer Tiere (Fuchs , Kalb etc.) , so daß wir in derselben 
auch eine Verwendung des ganzen Wolftieres erblicken können, das 
ja nach obigem (S. 66) auch ein Opfertier gewesen war-, die Stellung 
als mantisches Tier verschaffte auch übernatürliche Geisteskräfte durch 
den Genuß seiner Leber (Seelensitz) wie durch das Tragen seiner 
äußeren Tierhülle (Wolfsgestalt, Lykanthropie). 

1) Nach P. Borelli in Neapel (1608—1679). 
Höfler, Die volksmedizinisclie Organotherapie. \\ 



162 Leber. 



5. Hund. (s. o. s. gt.) 

Er tritt oft in Sage und Poesie wie auch in der Volksmedizin statt des in 
Gattung- und Wesen verwandten Wolfes ein (vergl. Liebrecht 19 ff.). Thrasybul 
(411 a. Chr.) soll zu Olympia zuerst die Hundsleber bei Opferungen zur Haru- 
spizie benützt haben (Pausanias VI, 2 ; Lenz 247). 

Hunds- Nacli Plhihis XXX, 82 ivar die Hund sieh er ein magisches Amu- 



leb er 



Jett als Bäuclierung und Beinigumi des ganzen hochzeitlichen Hauses 
(Dictioniiaire des anticp. gr. et r. III, 2, 1425), ursprünglich aber ein 
Brandopfer an die Hclidc. die Totcnfiüircrin, zur Reini(/ung des Hauses 
vor der Ehe. Die Erklärung der Verwendung der Hundsleber hat 
auch von der Verwendung des ganzen Hundetieres als Reinigungs- 
oder Sühneopfer an die Toten auszugehen ; denn gegen den Biß eines 
tollen Hundes werden Fleisch, Kopf, Herz, Milz eines Hundes und 
darum auch dessen Leber als Teil des ganzen Tieres verwendet, 
weil man mit dem Hundeopfer den an der Hundswut Leidenden ent- 
sühnen wollte ; in diesem Kranken nahm man wie im Wolfe und in 
der Hyäne den Geist eines Verstorbenen verkörpert an, eine Seelen- 
veränderung, die durch den Mitgenuß an der Gottheitsspeise (Hund 
für die chthonische Hekate) wieder zur Norm gebracht werden sollte, 
gleichsam eine Reinigung von dem Totengeiste, der aus dem Wüten- 
den sprach. 

Ganz und gar auffällig ist es aber immerhin, daß gerade die 
Leber desjenigen Hundes, der gebissen hatte, als Mittel gegen 
die Tollwut bei den verschiedensten Völkern galt und noch gilt; da 
aber auch Milz, Fleisch, Herz, Blut, Kopf, Zahn etc. eben dieses Hundes 
zur Verwendung gelangen, so kann es sich nicht um eine spezielle 
Leber Wirkung handeln, sondern entweder um eine Art von Reinigung 
durch den Teil des ganzen Tieres, das ein Pharmakos sein sollte und 
wozu man den beißenden Missetäter als nächsten Sündenbock wählte, 
oder um die Omophagie und Theophagie eines Dämons in Gestalt 
des wütenden Hundes. 

Plinius (XXIX, 32) empfahl schon in dieser Beziehung die rohe 
Hundsleber als Mittel gegen Tollwut: ^^rnuJto tarnen utiUssime jo- 
cur (canis rahiosi), qui in rahie monwrderit, datur, si fieri possit^ 
cruduni mandendum, sin minus quorpie modo coctum aut jus carnilms 
coctis''^ \ ^^c[uin et necantur catuli stcdini in aqua ad sexuiii ejus, qui 
momorderit, ut jocur crudiim deroretur ex iis^'' \ zu dieser Omophagie 
vergl. das oben S. 12 von Plato Mitgeteilte. Auch Rufus von Ephesus 
{\. Jahrh. p. Chr.) soll die Leber eines wütenden Hundes gegen 
die Tollwut empfohlen haben (Janus 1900); Dioskurides II, 49 sagt: 
.^Man glaitht, daß die gebratene Leber des tollen Hundes^ ivenn 
sie ron dem Gebissenen gegessen ivird, diesen vor dem Auftreten der 
Wdsserscheuc (Lyssa) bewahre''^, und Galenus folgt diesen Vor- 
gängern, welche die Leber eines tollen Hundes gegen den tollen 
Hundebiß empfehlen i) (Neue Jahrb. f. Philolog. Bd. 149, 1894, p. 139). 
Auch der Pseudo-Dioskurides (4. Jahrh. p, Chr.) nimmt an, daß gegen 



^) Doch schreibt Galenus die (angebliche) Wirkung mehr den mit di( 
Leber verwendeten Medikamenten zu. 



Leber. 163 

den Biß des tollen Hundes das Blut des wütenden Hundes und 
seine lieber gebraten und gegessen helfe (Janus 1907, XII, S. 'j48j; 
auch der Zahn des tollen Hundes in eine Haut gegeben und als 
Amulett am Arm getragen sollte in gleicher Weise helfen (1. eod.). 
Man sieht also deutlich, daß es sich ursprünglich um die Verwendung 
des ganzen Hundes handelte. Auch der Sextus Platonicus (um 330 
p. Chr.) erwähnt die Hundsleber als Mittel gegen den tollen 
Hundebiß mit den Worten: ^^Idem quoque pulvis vulnerl inspergetur 
praetcrea et jecur c cutis rahidi coctuni si coniestum fucrit, ad idcm 
(rahidi eanis morsuni) dahit remediimi'''' (p. 405). Auch im Havamal 
140 (Jordan 254) heißt es: „FtYr Wunden vom Biß das .heste 
Pflaster gilt das heißende Tier (selhst)^^ („beiti vid bitsöttum"). Bei 
den alten Juden lehrte auch die biblische und die Talmudmedizin 
(Preuß 15), dem von einem tollen Hunde Gebissenen von der Leber 
des betreffenden Hundes zu essen zu geben. Der Patriarch 
Juda II (um 250 p. Chr.) gab seinem Sklaven Germani von dem 
Leber netze des tollen Hundes als Heilmittel gegen die Toll- 
wut (Blau 80)-, die alten Juden hatten dasselbe schon als kein 
probates Mittel erkannt und verboten es. Jedenfalls faßten alle diese 
Völker die Hundswut als eine Geisteskrankheit auf, die man durch 
die Theophagie (Genuß des wütenden Hundsdämons, und Omophagie 
mit Kulttänzen) beseitigen wollte, wie auch die Epilepsie. 

Diesen Vorbildern folgten auch die mittelalterlichen Schrift- 
gelehrten: (1577) ^^ Wenn man die Leber von dem seihen ivütenden 
Hunde gehreden ißt, so befreit man sich ron allen Schäden des 
J5isses" (Tabernaemont. 556 C); (15. Jahrh.) ,^ Wem ein thörichfer 
hundt f/ebissen Iwt, niin von der Leber eines liundts, thite es 
in ein thucJilein, nindt hindt es ihm darüber''^ (Jühling 74); hierbei 
ist die Hundsleber der Pharmakos, der die Materia peccans auf- 
saugen soll; auch in die neuere Volksmedizin ging die Verordnung 
über (Hinterpommern): „Der Biß tollet' Hunde wird tinsehädlieh, 
wenn der Gebissene die Leber eines solchen tollen Hundes ge- 
dörrt und gepulrert einninind^^ (Jühling 82); (Oldenburg): „TFer ron 
einem tollen Munde gebissefi tvurde, der neJwie die Leber des 
betr. (tollen) Hundes, rerlxohle und pulrere sie und nehme das Fulver 
auf Butterbrot ein^^ (Jühhng 83); ebenso auch in Rußland (Stinde 701). 

In üebereinstimmung mit dieser Behandlung der Tollwut durch 
Hundsleber steht auch die gleiche Behandlung der „heiligen Krank- 
heit" oder „schweren Krankheit" (Epilepsie). (IG. — 17. Jahrh.) ^^Vor 
die schwere KrancJcheith. Nim eine Galt von einem Hunde, das ein 
StücJc der Leber daran ist, das Sie gantz bleibet. Ist es ein Manns- 
Person, So muß es ein Rode (Rüde) sein, ist es eine Weibes-Person, 
ein hündin. Ist es ein Kindt, So Mm einen jungen Hundt. Hie Galle 
(s. d.) zuschneit mit einem Glas, darein las lauften ..." (Jühling 341) 
(vergl. oben die rohe Hundsleber nach Plinius) ; also auch hierbei spielt 
die Omophagie mit herein als Mittel zur Umwandlung der dämonischen 
Krankheit. 

Eine weitere Abart der Hund sieb er Verwendung in dieser Be- 
ziehung dürfte folgende Verordnung sein, die sich auf Heiserkeit (ein 
Symptom der Tollwut) bezieht: 

(15.— 16. Jahrh.) ^^Wem der Hals offen ist. — Man sol den 



164 



Leber, 



Hundt dreimal in laJdt tvasscr tliun (ertränken?) vnnd dewsclhcn 
seine Lehcr zu essen gehen''' (Jühling 73). I)(niüt das Vieh nicht 
räudig tvird, tcirft man da und dort noch einen Hund ins Wasser 
(Wuttke § 78). Hier könnte ein altes Hundeopfer an einen Flußgeist 
(Neptunus) zu Grunde liegen (s. Galle), das dann in die deutsche 
Volksmedizin übernommen worden wäre. 

Aehnlich der Lykantliropie war auch die Kynanthropie eine 
Geisteskrankheit, wobei die Kranken als Hunde sich gebärdeten und 
Hunde oder AVölfe zu sein glaubten; die Behandlung solcher Kranken 
bestand in primitiven Zeiten im ekstatischen Kultreigen mit Kleidung in 
der betreffenden Tierhülle und in der Omophagie des Tieres bezw. 
Genuß der betreffenden Tierleber (s. auch Katzenhirn). Der wütende 
beißende Hund galt als die Verkörperung eines Dämons, mit dessen 
Theophagie Gegenzauber gegen die menschliche Hundstollheit erworben 
werden sollte, wie mit dem Fleische der Schlangengottheit (s. o. S. 143) 
gegen Schlangenbißfoigen ; die Leber als Seelensitz (nach späterer Lehre) 
konnte diese Zauberkräfte am leichtesten vermitteln. 

6. Dachs, (s. o. s. 72.) 

Dachsleber. Plinius XXVHI empfahl die Dachsleber als Mittel gegen 

Halsbeschwerden: ^^tonsiftis aide in jociir melis e,r aqua}'' 

Um sich von übelrieclieiideiu Atem (Muiidleiden) zu befreien, 
soll man eine Suppe von der Leber des (übelriechenden) Dachses 
genießen (Jühling 11). 



Katzen- 
leber. 



7. Katze. (S. o. s. 74.) 

Katzenleber zu Pulver gebrannt wird in Tirol als Mittel gegen 
den Stein (= Blasenleiden , Sexualsphäre) eingenommen (Bechstein- 
Alpenburg 380) (s. Katzenhirn S. 75); Plinius (XXVIII, m) er- 
wähnt die Katzen leber als Mittel gegen Quartanfieber: ^^modestiores 
jocur felis decrescente luna accisae inveteratiun scde ^) ex vino hihcn- 
dum ante accessiones quartanae dixere^ ; demnach stand auch die 
Leber der Katze unter dem Einflüsse des Mondes wie die der 
Seefische fs. Fischleber)-). Da die Katze erst in der Völkerwande- 
rungszeit nach Italien gelangt war , so kann es sich hierbei nur um 
die ägyptische Katze handeln, die als heihges Tier galt und deren 
Lebergenuß eine Theophagie war; der abnehmende Mond (s. S. 28) 
sollte auch das Fieber zum Abnehmen beeinflussen. 



8. Wiesel, (s. o. s. 78.) 



Wiesel- Vielfach ist die Verwendung der Wieseil eher seit dem Vor- 

^®^'®'' bilde von Plinius XXX, 27, der sie vor allem gegen Epilepsie emp- 



^) Die Konservierung der Tiere in Salz ist wohl eine Erfahrung der Küsten- 
völker (Fische); auch die Mumifizierung der menschlichen Leichen soll nach 
W. A. Schmidt vom Fisch einpökeln ausgegangen sein (Chem. u. phys. Untersuchung 
vom ägypt. Mumienmaterial. Zeitschr. f. allgem. Physiologie 1907, Bd. VII). 

2) Sollten hierbei parasitäre Erfahrungen (Distomum felineum in der Katzen- 
leber) zu Grunde liegen? 



Leber. 165 

fahl: ^^prodcst ccrahrum miistelac invctcratum potum et jocur ejus'-^ ; 
auch der Pseudo-Dioskuricles (4. Jahrh. p. Chr.) riet den an Epilepsie 
Leidenden das ohne Füße und ohne Kopf gekochte Wiesel oder 
dessen Leber mit Wasser genossen (Janus XII, 1907, p. 19). 

Gegen Leberschmerzen empfahl Plinius (XXX, 16) die AViesel- 
leber: ^^jocinerum dolorihus medetur mustella siirestris in ciho 
sumpta rcl jocinera ejus^^ , ebenso gegen (infektiöse) PhrenitJs 
(XXX, 29): ,Jocinere usto mustellae''^. Auch Sextus Platonicus p. 397 
schreibt vor, die Wieselleber mit Hasengalle (s. d.) gegen Schwindel 
zu verwenden. Auch hier vertritt das Leberorgan das ganze Tier 
(s. auch Wieselherz) ; in die deutsche Volksmedizin ging allem An- 
scheine nach die Wieselleb er nicht über, auch nicht die Wiesel - 
galle (s. u.). 

9. Hirsch, (s. o. s. si.) 

Meist wird das ganze Gereb (s. S. 46) desselben verwendet, wozu 
auch die Leber zählt. (1685) ^^Wenn man von besagten Thieren Hirsch- 
(Hirscli) die inneren Lehens-Glieder, die Lungen, das Hertz, und die ^®^®^' 
Leber in Stücken .zerschneidet und mit dem Geblüt macer irt, so beJcom- 
met man daraus eine edle Essenz'^ (gegen Podagra, Kontrakturen etc.) 
(Schröder 1280) (eine sichtbar jüngere Verordnung). (1740) ^^Ein Wasser, 
so die Leber stärhet und vertreibet die angehende Wasser sticht. Nimm 
ein e ganz frische Hi rschenleber, zerhachs, damit vermische : (Leber- 
kraut, Hirschzungen , Lsop, Ehrenpreis , Creuzsalve, gelb Veielumrzen, 
heidnisch Wundkraut , Cardobenedict, Fiapondicatvurzen etc.) cdsdann 
destillirs^^ (Christi. Granatapfel I, 46). Ovid führt in seinen Meta- 
morph. VII, 273 das „vivacis jecur cervi" als verjüngendes Liebes- 
mittel der Zauberin Medea für Aeson an. Als Sülze war die Hir sch- 
und Hasen lebe r schon im Mittelalter verwendet (Heyne, D. Haus- 
altert. II, 298). Zur Erklärung der Hirs chleber Verwendung diene 
das S. 81 Angegebene. 

10. Kalb, Ochse, Kuh, Rind. (s. o. s. 84, sß ) 

Dieses Haustier liefert am häutigsten seine Leber als volks- 
medizinisches Mittel, weil es eben auch das zahlreichst geschlachtete 
Haustier und Opfertier ist bezw. war. 

Schon im Papyrus Ebers kommt die Kuhleber als Mittel gegen Kalbs-, 
(weibliche?) Urinbeschwerden vor: ^.^Kuhleber 1 dena, ctnest- Pflanze Ss 
1 dena, thue in ein pat-Brot (rundbaUiges Opferbrot) u7id von der Person 
zu essen^^ (Janus 1899, p. 123); eine Art Vorläufer unseres Leberknödels, 
der ja auch eine Festspeise unseres Volkes ist; ebenso sei es angezeigt, 
bei Hitze in den Augen diese mit einer gebratenen Rinds leb er 
zu bedecken (1. eod.); letztere Verordnung kehrt auch bei Hippokrates 
(De visu c.VII; Fuchs IIF, 320; Hirschberg 100, Anm. 7) wieder: ,,Für 
einen Taffblinden tauche man eine möglichst große rohe Ochsen- 
leber ^) in Honig und gebe davon ein- oder zweimal zum Einnehmen" \ 



Ochsen- 
leber. 



^) Hirschberg 1. c. 101 meint: „Die alten Griechen waren sehr konservativ 
in der Heilkunde-, wenn sie neue Begriffe, Krankheiten, Behandlungen aufstellten, 



166 Leber. 

auch Piinius (XXVIII, 58) empfiehlt die Kühl eher als Mittel 
gegen Rulirkolik: ,^coeJiacis et dysentericis medctur jocur vac- 
cinum''^. Celsus (II, 80) führt die Rindsleber als verstopfendes 
Mittel gegen Durchfälle (Ruhr) an, und der Pseudo - Dioskurides 
(4. Jahrh. p. Chr.) empfiehlt Ochsengalle oder (!) Ochsenleber zur 
Steigerung der Milchsekretioi) bei Frauen (Janus XII, 144). Hippo- 
krates (Fuchs III, 504) gibt auch die in Asche gebratene Rindsleber 
als Mittel gegen den Scheidenfluß der Frauen an. (1683) „D/r 
Leber (des Stiers, der Kali) wird selten [/ehr au eh et, und nimniet mein 
statt dieser die Kalbs -Lebern , zur Stärrkifftf/ der Leher, man 
giebt sie meistens in einem Deeoet" (Schröder 1252). 

(1740) Gegen das Abnelniien der Kinder soll mein dem Kranken 
morgens und abends je 3 Löffel voll eines Trankes aus ungeivässerter 
(roher) Kalbsleber eingeben, die mit Kreuz-Salbei'^) gemischt und 
destilliert ivurde (Jühhng 153). (1898) Eine frische Kalbslunge und 
eine ebensolche Kalbsl eber iverden geröstet und das dabei cdtfließende 
Wasser in einer Schede aufgefangen ; dasselbe soll (dtcnds und morgens 
gegen Abzehrung getrunken iverden (Jühling 151) (Communio mit 
der Gottheitsspeise). (1740) „Z)c/5 Kalb -Leber wasscr für die Uttz 
der Leher und JDörrstfcht. Nimm eine frische Leber ron einem 
s c h u- arze n o d e r g a n ,: rot he n Ka l b ( vergl. das Opfer von roten 
Hunden beim römischen Frühlingsfeste, Piinius, h. n. XVIII, 3, 3) ^), 
so schiver die Leber iviegt, nimm frische Salve (die Salvia des Hippo- 
krates), Ändive^ Cichorikraut und Würzen, hacke die Leber und LO'äuter 
klein, thu es in Brennzeug , gieß daran frische Gaismilcli (gegen die 
Dörrsucht) , daß sie darüber geht und distillirs^' (Christi. Granatapfel 
I, 45). (1740) „£'in anderes Wasser vor die L>örr und Husten. 
Man nehme eine Fuchslungen, 3 oder 4 Büschel Scdve, Lsop ebensoviel, 
Lungelkraid eine Hand voll^ eine ganze Kalbsleber von einem 
schivarzen Kalb, hack das Kraut und Leber alles fein klein durch- 
einander, gieß 2 Seidl Gnismilch daran, thue es in einen Brennofen, 
brenn es aus etc}'' (Christi. Granatapfel I, 418). Hier entnimmt der 
destilherende Chemiker noch ein Organ aus dem Kultopfertiere. 

(17. Jahrh.) .^Ein Becept für das schivindemi. Nim ein gantz 
geschlincke mit gall , hing vnnd leber von einem schtvartzen 
kalbe, darnach ztvo Hamid vol grüne oder dürre salbenbletter Vnnd 
alles mit einander in einem brennofen ^) distelirt, wie man ander weisser 
ausbrennt. Barnacli mit demselben ivasser das gliedt, arm oder bein, 
mit frischen Habernesseln, so man aber die nit haben mag, so nehme 
man dafür klein birekene rutlein, vnnd mit denselben fast sehr schlahen 
oder hacken (s. Höfler, Baum- u. Waldkult S. 137). Alßdann mit 
dem obgemeltenn wasscr tvol gesalbet vnnd geivaschen. Das hilfft 
etlichen für die schtvindsucht^^ (Jühling 143 ff.). Hierbei wurde also 

pflegten sie die alten, überlieferten beizubehalten, auch wenn dieselben nicht recht 
zu dem Neuen sich fügen wollten. So ist die Tatsache zu erklären, daß man 
später auch gegen die (später erst aufgestellte) Nachtblindheit (Ochsen-) Leber 
verordnete." — Die Omophagie und die Verbindung mit dem Honig deuten den 
Ursprung aus dem Opferkultverfahren an. 

') lieber Salbei s. o. S. 15. 

^) Ueber die Farbe der Rinder s. o. S. 87 ■■, die Opfertiere für die Feuer- 
oder Frühlingsgötter waren rot (Hirt 51(i). 

3) S. o. S. 15. 



Leber. 167 

„alles Gereb" wie beim Sclilnclitopfer zur Herstellung eines Heilmittels 
verwendet gegen das Schwinden am ganzen Körper. (17. Jahrb.) 
..Wenn cf/nrm die f/Ueder srJnvinden vnnd den podaf/ell hau. 
Ein cindercs (Mittel): Nimm das f/eschlinge von eym Jcalhe mitt 
lierrz, mitt l ehern, mit f/orf/eU^), als man es aus eynem halbe nimptt , 
Time ein halb nässet Begemvürmer zu, brenne wasser daraus vnnd 
selimier den (Podagra-) Schaden damit in der werme}^ (Jühling 144). 
Das ganze Gereb vom Kalb inkl. Leber war das ursprüngliche Opfer; 
die Ammoniak liefernden Regenwürmer (Yerwesungstier) sind eine 
spätere Beigabe des Heilkünstlers, der auch den lokalen Prozeß damit 
beeinflussen wollte und vom Medizinchemiker ein Destillat aus dem 
Ganzen erhielt. 

(10. Jahrb.) ^.Vor das Schivinden der glieder. M. Vrban 
Hartmanns. Nim Eine Leber vonn einem sehwartzen Kalbe, 
anclb das JBlut, Creutzsalbensblätter etc." (= Salvia minor acuta) 
(Jühling 149). „Oder Johann vnter der Linden. Nim 2 Lebern 
ronn schivartzen Kelbern, 3 Köpfe von schivartzen Schaafen. 
Die Lebern vnnd Köpfe, cdso rohe vnnd Meingehaekt. Darnach thue 
dartzu Begemvürmer, von edler erden durch den sandt ivohl gereinigt. 
Langen Pfeffer, Eibischwurtzel. Diese Stueck . . . destillier es per 
Alembicum^^ (Jühhng 149). (16. Jahrb.) „Wann einem die Adern 
^u kurtz iverden tvollen (= Sehnenverkürzung mit Muskelschwund). 
Niim ein Kalbsgeschlinch (d. h. Eingeweide mit Leber), brenne das 
in einem Distilirhelm zu wasser vnnd sol bemelt gescMinch vonn einem 
JLertzenJialbe genommen vnnd das wasser daraus gebrannt werden'''' 
(Jühling 150). Das Märzenkalb haben wir oben S. 85 schon zum 
Teil besprochen; es lieferte nicht nur den Kalbskopf (Hirn) als Heil- 
mittel, sondern auch die Leber dieses Frühhngsopfertieres, das meistens 
als Hautverschönerungsmittel unter verschiedenen Formen Verwendung 
fand. (16. Jahrb.) „äSo große iveetagen in einem f/lied. Nim 
Lrber, Lunge, Hertz von einem schivartzen Kalbe, hacke es unter- 
rinander, daruntter Saluia (= Salvia, Muskatellerkraut) gehackt, auch 
('in theil desselben Kcdbsblut" (Jühling 150). 

Wir haben oben (S. 34, 85) schon in der Einleitung das Frühlings- 
opfer der römischen Palilien und die Verwendung der Kälberasche als 
Heilmittel erwähnt; die Asche aus den Eingeweiden (Geschhng, Gereb) 
des Fordizidienkalbes 2) reinigte das ganze Volk von den Seuchen- 
dämonen, die ihm Ruhr und Cholerine und sonstige andere Bauch-, Blut- 
und Leberflüsse brachten, wie sie der spätere Schularzt bezeichnete. 

„Ast ubi visceribus vitulos rapuere ministri 
Sectaque fumosis exta dedere focis, 
Igne cremat vitulos, quae natu maxima virgo est, 
Luce Balis populos purget ut ille cinis." 

(Ovid., Fasti IV, 367, 73 L) 

^) S. Lunge. 

^) Nach J. Groen (Nogle Bemerkninger om Folkemedicin , in Tidskrift for 
Kemi, Karmaci og Terapi. Pharmacia 1907, IV, Nr. 9 u. 11) wird in Norwegen 
gegen Enuresis nocturna empfohlen, das Fleisch von einem ungeborenen Kalbe 
(„Kjodet av en ufedt Kalv"), das man sich aus einem Kalbsfötus verschaffen sollte, 
ehe die trächtige Kuh es geworfen, zu essen, also ganz nach dem Vorbilde der 
Palilien- oder Fordizidienkälber in Rom (s. S. 4, 34 u. 35 unter Anm.). 



168 lieber. 

Kindererzeugung und Bestellung der P^elder deckten sich in der 
Volksmeinung. Gesundheit und Fruchtbarkeit waren deshalb 
nahezu identische Begriffe; noch Hippokrates verordnete bei den Krank- 
heiten der Frauen solche Mittel, welche vor allem deren Sterilität be- 
seitigen sollten; während bei der AVundbehandlung in den Hippo- 
kratischen Büchern die Pflanzen als Heilmittel die größere Rolle 
spielen, überwiegen darin bei den Frauenleiden gerade die Mittel aus 
der Tiersphäre (O^^ferkult) in ganz auffälliger Weise. Hippokrates 
vergleicht sogar das Menstruum der Frauen und das Magenblut mit 
dem Blute der Opfertiere (Fuchs 11, 459; HI, 401). Der traditionelle 
Nimbus, der das blutige Heilopfer umgab, konnte selbst von einem 
Hippokrates nicht so schnell ausgelöscht werden; alles, was aus dem- 
selben abstammte, Opferschmuck (Blumen, Blätter), das abträufelnde 
Fett, der Opferrauch, die zurückbleibende Asche wurde zum apo- 
tropäischen Reinigungs- und Heilmittel (Pharmakos) und dieses wieder 
zum therapeutischen Vorbilde auch bei der Verwendung anderer nicht 
opferbarer Tiere. Von dieser Asche des verbrannten Kultopfertieres 
leiten sich auch die übrigen Tieraschenverwendungen ab, die wir in 
der vom Altertum stark beeinflußten deutschen Volksmedizin oft genug 
beobachten können. Aus obigen Verordnungen aber erkennt man zur 
Genüge, daß der Nimbus des Heilglaubens auch an der Tierart und 
an der Kultzeit haftete; jeder Gott hatte seine eigenen Opfertiere und 
seine eigene Kultzeit, auch an diese knüpfte der mit nicht opferbaren, 
aber sonst durch ihre ell)ische oder chthonische Natur mit einem ge- 
heimnisvollen Zauber verbundenen Tieren handelnde Volksheilkünstler 
die Wirksamkeit seiner Mittel an. 

Auch die Veterinärmedizin wandelte auf gleichen Bahnen; denn 
die volksübliche Tierheilkunde wendete bis auf unsere Tage den Exor- 
zismus an; ein solcher Hundearzt war auch Arrianos ("j* 147 p. Chr.), 
der in seinem Liber de venatione, cap. 8, schreibt: „canf aeffvotanti 
jus carnis xringiiKtris erhibcndum , cui je cur hu hu htm (ßoöc; r^iza.rj) 
siih cincre aiUdo tostuni tritumque farinae instar insperfiatur''^ ; d. h. 
wie die mit aufgestreutem Gerstenmehle ^) verbrannte Tierleber eine 
Götterspeise war, wie das ganze mit Gerstenschrot und Salz bestreute 
Opfertier den Göttern geschlachtet wurde, so streute man auch die 
Rindsleber mehlartig in die Hundebrühe ein. 

Ueberhaupt hat gerade die Veterinärmedizin oft die schlichteren 
und älteren Heilmethoden (auch oft die ursprünglicheren Krankheits- 
namen) länger bewahrt und volkstümlich erhalten. 

Im 13. Jahrhundert emi^fahl Demetrios Pepagomenos (ByzanzJ 
Ochsenieher zu verhrennen (!), fein zu zerreihen und mittels eines 
Halmröhrchens das Aschenpulver in die durch Würmer (Nematoden) 
h' rauhen Aiif/enlider und Nasenlöcher der Jagdfalhen ein zuhl äsen 
(Huber in Zoolog. Annalen II, 1906, S. 72). Die Jagdfalkenbehand- 
lung ist eines der frühesten Kapitel der mittelalterlichen Veterinär- 
medizin, die in ihrer Therapie sicher sehr viel aus der älteren Menschen- 
heilkunde (diese aber auch manches von jener) übernommen hat. 

Die Kalbsleber und der Salbei, Majoran, Ysop (Satureja) und 



') S. S. 43. Schon zu Homers Zeiten streute der Priester Gerstensclirot 
zwischen die Hörner des Opfertiers (Hoops 372). 



Leber. 169 

andere Leberknödel- und Leberwurstgewürze ^) blieben seit Hippo- 
krates bis zum 18. Jabrhundert offizineil. Wenn Kinder oder Vieh 
behext sind, so verbrennt (!) man oder kocht man heute noch die 
edlen Eingeiveide von Tieren (Herz, Lunge , Leher), und ziva r r o n 
einem sehtvarzen Tiere (Wuttke S. 284). ^^Wenn man cdjer von 
einem Kalbe die Leher hrät, so ivird die alte Kuh keine gute Mi Ich- 
h(h^^ (Wuttke S. 699), weil die Müchhexe sieb rächt. Milch von 
einer schwarzen Kuh empfahl schon Hippokrates (Morb. mul. XLIII; 
Fuchs IIl, 433), der vom schwarzen Teufel'^) und vom Hexenaberglauben 
nichts wußte, welchen Gestalten des Yolksaberglaubens man mit Un- 
recht die Verwendung der schwarzen Tiere in der deutschen Volks- 
medizin in die Schuhe schieben möchte (s. o. S. 30). 

AVie man die aus dem Rindfleische abrinnende Bratensauce oder 
den Bratendampf als Mittel gegen Ohrenschmerzen verwendete (Janus 
1907, S. 86), so auch den Leberdampf: „(Schöpsen-), Rinds-, Ochsen- 
leber, mit Wasser gekocht, den Dampf z. B. durch einen Trichter aufs 
Auge geleitet, ist z. B. in Polen, Rußland ein altes Volksmittel bei 
Hemeralopie f JVacJifblindheit, tvobei tvohl nur der Wasserdampf 
etivas ivirken kann, jezt auch von Aerzten mit angeblichen Erfolg be- 
nüzt^^ (Oesterlen S. 575, G81); hier haben wir das uralte balneum 
animale, das aus dem Kultopfer sich ableitet (s. u. Ziegenleber); wie 
man „rohes" Kalbfleisch auf rote Augen (Augenkatarrh) legt (Jühling 
151), so auch feingehackte Kalbsleber auf Atn/en 7mt Morn- 
hauttrühitng (Jühling 150). Der Mensch, der krank ist, versucht 
eben alles, wenn er von seinen Krankheitsqualen befreit sein will. 
Der Blutdunst aus dem geopferten Tiere (balneum animale, s. Höf ler, 
Volksmedizin S. 165) galt als ebenso heilkräftig wie der Bauch des 
beim Brandopfer verwendeten Wacholders (Kranwit) ^) und der Dampf 
aus der beim Kultopfer verbrannten Leber und die Leberasche und 
der Blutduft aus dem rohen Herzen oder aus dem Leibe des eben ge- 
schlachteten Tieres, der hauptsächlich dem Kranken eine neue Lebens- 
kraft geben sollte durch die Communio an der Gottheitsspeise, dem 
blutigen Opfer für die nach Blut und neuem Leben lechzenden Seelen - 
geister (Krankheitsdämonen). 

Das ganz entschiedene Ueberwiegen der Kalbsleber in der 
Volksmedizin vor anderen Tierlebern und die Art ihrer Verwendung 
sprechen für die Ableitung dieser Therapie aus dem Opferkulte, bei 
welchem das Kalb, namentlich das Erstlingskalb, zum Haus- oder 
Sippenopfer der Frühlingszeit verwendet wurde*), das auch vielleicht 

') S. o. S. 35, 14, 19, 41, 39. 

^) Der Teufel der Christen im 6. Jahrh. war übrigens ebenso blutdürstig 
wie die heidnischen Totengeister (al}xoßopo<; o'.o.'^öXoc, bei Deubner 95) ; die heid- 
nischen Götter in den Heiltempeln galten als solche blutiges Fleisch fres- 
sende Teufel; die Krankheitsdämonen dieser christlichen Periode waren 
[xiooxaXcii = die Schönheit hassend, v.oLy.o[ — übelgesinnt, tcovyjOo: = beschwerlich, 
ßaGv.avoi = neidisch, IvowJ) iv ^övaiv-t = im AVeibe hausend, dieses besessen machend 
(Deubner 229). 

3) S. o. S. 17, 15, 36. 

^) Wird in Oberhessen ein Erstling, z. B. ein Kalb, nicht aufgezogen, sondern 
dem Metzger zum Schlachten verkauft, so behält sich der Verkäufer stets die 
Leber (den Seelensitz) aus und verlangt dieselbe für sein Haus zurück (Kolbe, 
Hessische Volkssitten 71), wo das Verzehren dieses Teiles vom Erstlingskalbe dem 
ganzen Hause Segen bringt. Ueber das Opfer der Erstgeburt s. S. 33. 



Schafs 
leber. 



170 Leber. 

durch Frühlingsvögel ^) (s. u.) ersetzt worden sein dürfte. Das Fehlen 
der Kalbsgalle und das Ueber wiegen der Kalbsleber einerseits und 
der Ochsengalle anderseits hat ein Analogen im Fehlen der Bären - 
leber und in dem Ueberwiegen der Bärengalle in der Volksmedizin, 
d. h. die Galle kann die tierische Leber vertreten (vergl. Hasengalle). 
Bei der Kalb sieb er Verwendung haben sich die Rudimente des 
Opferkultes am sichtbarsten erhalten. 

11. Schaf, Widder. Lamm, Hammel, Schöps, (s. o. s. ss.) 

Schon im 3. Jahrtausend a. Chr. wurde die zu Haruspexzwecken 
fast ausschließlich verwendete Schafsleber abgebildet. Vergl. Morris 
Jastrow jr., Die Religion Babyloniens und Assyriens, Lief. 10 u. 11. 
Die Assyrier und Babylonier, die auf Aegypten und damit auch auf 
Griechenland großen Einfluß übten, bezeichneten die Leber als 
„schweres inneres" Organ (Kabittu); für die priesterlichen Haruspices 
derselben war die Leber der Sitz des seelischen Wesens, des Inneren 
(wie auch das Herz). Jastrow meint, daß die Uebertragung dieser 
Vorstellung des Seelensitzes von der Leber auf das Herz einen späteren 
Fortschritt in den anatomischen Kenntnissen bedeute, weil damit sich 
eine bessere Erkenntnis der Funktion des Herzens kundgebe (s. Herz). 
Nach Jastrow 300 war die Schafsleber das Divinationsorgan par 
excellence, das an kritischen Tagen jeden Tag beschaut wurde, wobei 
die Haruspices sicher den Leberegel (Distomum hepaticum) kennen 
lernten (Jastrow 262). Das große, schwere, süße, blutreiche Organ, 
das oft dreimal nacheinander untersucht wurde, wurde zum Sitz des 
Blutes und Lebens; die Seele und Leber waren geradezu synonyme 
Begriffe bei den Babyloniern. Der Genuß eines solchen Seelenorgans 
mußte seit langer Zeit ein Heilmittel gewesen sein, und wenn die 
assyrischen und ])abylonischen Priester gewisse Teile der Leber des 
Opfertieres ganz verbrennen ließen, so geschah es gewiß, weil man 
den Genuß derselben verhindern wollte ; gerade in diesem Verbote des 
Genusses der Leber, das auch bei gewissen römischen Vollopfern für 
Götter existierte-), liegt der Beweis, daß das Volk nach älterer, aber 
später verpönter Uebung durch den Lebergenuß sich mit der Gott- 
heit in Verbindung setzen wollte. Beim privaten Heilopfer an die 
chthonischen Mächte (Hekatemahlzeiten) aber wird dieser Mitgenuß stets 
eine selbstverständliche Sache geblieben sein. Ochsen und Schafe waren 
die Hauptopfertiere. Die Rindsleber wiegt 5 — 6 Kilo, eine Schafs- 
leber 3 — 4^,2 Kilo. Auf einer der Tontafeln der Aschurbanapal- 
schen Bibliothek ist eine Schafsleber abgebildet als Lehrbild für 
die Leberuntersuchungen der babylonischen Haruspices (Jastrow 218). 

Hippokrates (De nat. muliebri cap. LXIX; Fuchs III, 375, 
422) empfahl : „ Wenn sich hei einer Kreißenden die Gehär- 
miitter mit Luft füllt, so lege man eine Schafsieher in 
die Äsche {= Brandopfer) und gehe ihr davon 4 Tage lang m 
essen'''' (s. u. Ziegenleber); hier wurde die Peritonitis gravidae s. puer- 



^) Die sogen. „Kalbsvögel" sind in der Schweiz ein rotbraunes Fleisch- 
lericht der Frühlingszeit. 

-) Wissowa, Religion und Kultus der Römer 451. 



Leber. 171 

perae mit dem (kommunialen) Lammopfer behandelt (vergl. auch 
Athenäus, Casaub. III, 205). Die neueste literarhistorische For- 
schung hat das überraschende Resultat ergeben, daß sich genau 
genommen von keiner einzigen sogen. Hippokratischen Schrift mit 
Sicherheit behaupten läßt, sie sei direkt aus der Feder des großen 
koischen Arztes hervorgegangen, und daß auch dieser wie seine Schule 
zum Teil noch auf dem Boden der uralten Volksmedizin stand, die 
eng mit der Religion, d. h. mit der Versöhnung der Krankheitsgeister 
durch Opfer und mit der Entsühnung des schuldhaften Kranken durch 
rituelle Reinigungsakte etc. zusammenhing (Röscher 56, 60, 219). So 
sehr sonst die Schule des Hippokrates die mit dem Dämonismus und 
dem Seelenkulte zusammenhängenden magischen Mittel, z. B. die Blut- 
therapie und die Verwendung der chthonischen Tiere, verabscheute, 
so kannte doch auch sie die Epilepsie als eine „heilige Krankheit", 
die mit entsühnenden Mitteln behandelt werden sollte, als wäre der 
Kranke mit einer ruchlosen, die Gottheit erzürnenden Tat befleckt 
(Fuchs II, 550). Bei den hysterischen Frauenleiden und bei sonstigen 
Krankheiten der unfruchtbaren Frauen griff auch sie, vielleicht aus 
Tradition und unbewußt zu den aus dem Opferritus stammenden 
tierischen Organen, die sich besonders bei den Sexualleiden der Frauen, 
d. h. bei Fruchtbarkeitszwecken, auch in der Volksmedizin erhielten. 

Plinius (XXIX, 38) empfahl die Schafs leb er auch gegen Augen- 
leiden: j^nyctaJopas sanat et jociir orium iit in capris dirinnis, cffi- 
cacins fiilrac; decocto quoqiie ejus ocidos ahluere siiadent^^ -^ die rötlich- 
braunen Schafe sollten dabei wirksamer sein (über die rote Farbe der 
Opfertiere s. S. 32). Gottheiten des Feuers und Frühlings erhielten 
brandrote Opfertiere ^). 

(1740) „Ffü* Sand und Stein. Man muß nehmen einen leben- 
digen Hasen, zw'isclien unsern leiden Frauentagen''^), denselben lebendig 
aufschneiden, den Balg abziehen, das vöUige Grob samnit dem BäuscheJ 
(also mit der Hasenleber) in den Hasenbcdg einwicJieln (und in einem 
Hafen zu Ptdver brennen); darnach nimuf einen SchafbocJc, den 
muß man wohl umjagen, thue ihm die gatize Leber ausschneiden und 
das Blut in eine irdene Schüssel fangen etc.'''' (Christi. Granatapfel II, 
325) (vergl. den bei den Sorbenwenden vom Kirchturm als Sippen- 
sühnemittel herabgestürzten Bock mit vergoldeten Hörnern und das 
schwarze Rind mit weißen Füßen, die für ein Heilmittel in vielen 
Krankheiten galten (Scheible VII, S. IX). 

Namenthch bei Volksseuchen wurde das Bockopfer geübt; die 
Schafs- oder Lammsleber aber häufig bei Ruhrseuchen (blutiger Bauch- 
fluß) verwendet. 

(16. — 17. Jahrh.) „Fi'»- die rothe vnnd weiße Ruhr Jungen 
und Althen. Nimm die Leber Auß Einem Lemblein backe Sie 
vnnd halthe vnnd gieb Einen cdten Menschen Den zu Piduer gestoßen 
ein quentlein mit Wain, Einem Jungen halb so rieV^ (Jühling 156). 
(16. Jahrh.) „ror die ror^ sie sey tvis aber roth, nimb rmb die oster)/ 
(März) ein sugendes lemlein, daraus nim die lebern, terre sie nind 
mach sie zu polfer etc.''' (Jühling 157). Auch von dem geweihten 



M Wissowa, Religion und Kultus der Römer 848. 
-) S. Frauendreißiger S. 29. 



172 Leber. 

Osterlammfleisch aß man für allerlei Menschen- und Yiehkrankheiten, 
die durch Zauberei veranlaßt waren; man sollte dies Osterlammfleisch 
als Gegenzauber gegen das von Hexen gelegte Malefiz oberhalb der 
Stalltüre einmachen (wie den die Stallseuchen abhaltenden Kalbs- und 
Widderkopf s. o. S. 90) (Birlinger I, 428). (1740) ..Ein bewährtes 
Stuck vor die Ruhr. Jfan nehme von einem (Schaf-) Bock, wenn er 
abgestochen ivird , die Leber, siede sie, als ob du sie essen wolltest, 
schneide sie hernach zu breiten Schnitten, dörre sie auf einem Rost, 
stoß dann zu Pulver und gib dies auf einem Schnitten Roggcnbrod 
ein, so gesteht die Ruhr denselben Tag^' (Christi. Granatapfel II, 287), 
hierbei ist das Roggenbrot ein Vehikel für die Tierleber wie beim 
Leberknödel mit Majorangewürz. 

lieber die SchÖpsenl eher dämpfe als Mittel gegen Nachtblind- 
heit (Polen, Rußland) haben wir oben S. 1(39 schon mitgeteilt (vergl. 
diesbezüglich auch Ziegenleber). 

(13. Jahrb.) ..Beginnent diu ören (/eilen . . . nenie eines n-iders 
leb er also warme unde bint die umbe daz houhef-' (Pfeiffer 39) ; hier- 
bei ist wohl der AVidder ein Pharmakos, der den Wurm oder Dämon 
im Ohre herauslocken sollte. Von einer Verwendung der Schafs- 
leber zu Leberkrankheiten ist auch hierbei keine Rede. Wer nur 
einigermaßen aufmerksam solche Tierorgantherapie verfolgt, wird niemals 
aus der bloßen Korrelation der betreffenden Organe mit den kranken 
Organen ein ., uraltes pharmakodynamisches Gesetz" (V) ableiten können. 

12. Ziege. (S. o. s. 9L) Steinbock. (S. o. s. 96.) 

Nach den Mitteilg. f. Gesch. d. Med. 1902, I, 112 soll die von 
Stieda (Anat.-archäol. Studien 1901, S. 14) beschriebene babylonische 
Leber , die schon im 3. Jahrtausend a. Chr. zu Haruspiziezwecken 
Ziegen- verwendet wurde, keine Schafsleber, sondern eine Ziegen leber sein. 
Bocksfeber. Für die Ziegenleber scheint in der Volksmedizin auch öfters die Ziegen- 
galle (s. u.) verwendet worden zu sein. 

Schon Hippokrates (Fuchs III, 422, 504) ließ Ziegen leber zu 
Asche verbrennen als Mittel gegen Tympanites uteri im Wochen- 
bett und beim Seheidenfluß der Frauen. „Aetius p. 132 gibt aus- 
drücklich an, daß zwar Herophilus (um 300 a. Chr.) tz^joq zohc, r/jj.=pac 
\y:f\ ßX37:ovT7.c, gegen Tagblindheit Bocksleber angeraten habe; er 
selber (Aetius lebte unter Justinian) riet die Bocksleber gegen 
Nachtblindheit" (Hirschberg 101). 

Celsus (VI, 6, N. 38) schreibt: ..Die an Auf/ensrJiwäche 
(Hemer alojrie) Leidenden müssen sich die Augen mit dem ,Safte einer 
Leber', besonders aus der eines Ziegenbockes, und ist diese nicht 
vorhanden , aus der einer Ziege einreiben, tvelchen mein auffing, wäh- 
rend die Leber briet, auch müssen die Kranken die Leber selbst essen.^^ 
Hier ist also dem männlichen Tiere und auch der Ziege der Vorzug 
gegeben vor der Leber irgend eines anderen Tieres; die Communio 
an dem als Brandopfer verwendeten Ziegenteile ist ebenfalls ange- 
deutet. Der 100 Jahre später lebende Dioskurides schreibt II, 47 : 
..Die beim Braten der Ziegenleber ausfließende BlutßüssigJceit ist 
wirksam gegen JSfyctalopsie (JVttchtsichtif/keit) ; es hilft schon, daß 
man den Dunst beim Kochen derselben in die geöffneten Äugen auf- 



Leber. 173 

niiiinit; (/cf/csscn hilft die gehratene (Zief/cnlehcr) gegen dasselbe Uebel. 
Man sagt aber auch, daß die JEpilepsle am besten belUlmpft iverde 
durch den Genuß der Bocksleber.^^ Bei der „heiligen Krankheit" 
greift eben der Volksmediziner gerne wieder zum älteren Brauche, 
der das männliche Tier bevorzugte (s. o. S. 47). Hirschberg 217 
gibt an: „Zahlreiche Parallelstellen aus allen griechischen Aerzten 
lassen sich beibringen: Alexan. Trall. II, 47; Paul. Aeg. 77; Theop. 
Non. I, 247." Derselbe Autor fügt noch p. 266 hinzu: Oribasius V, 
709; Aet. p. 132. Phnius als echter Mann des Volkes empfiehlt ganz 
besonders häufig die Bocks- oder Ziegenleber, vor allem 
(XXVIII, 45) als Gegengift gegen das Wieselgift (s. o. S. 79): 
^^hitic (mala medicamenta) contrariuin est jocur caprimim sknt fei 
caprinus veneficiis e.r mustella rnstica f actis'''' (wofür auch das Bocks- 
blut gut sein sollte), sowie als Mittel gegen die Wasserscheu (XXXIII, 
43): ^^hirci jocar quo imposito ne teniptari qftidein aqiiae metu ad- 
firmant^^ (eine Katharsis wie beim folgenden Mittel gegen Lepra 
[XXVIII, 50]): .^lepras, quas et jocar liirci caJidum inlinitnni tollit^^, 
welche Hautunreinigkeit Celsus (III, 25) mit dem Wegerich^) (Ab- 
reibung) behandelte; ferner als Augenmittel (XXVIII, 47): ^^lusciosos 
sanari pntant ngctalopas a Graecis dictos caprae vero jocinere in 
vino anstero decocto; qtiidam inassati jocineris sanie (s. o. bei Celsus) 
innngmit aut feile caprae, carnesqiie resci eas et dum coquantur, ocu- 
los raporari Ms praecipiunt ; id cpioque referre arbitrantnr ; ut rutili 
coloris^) fuerint. Volunt et suffiri oculos jocinere in ollis decocto qni- 
daiit inassahf^ weiterhin als Mittel gegen Darmkolik (XXVIII, 58): 
^Jocur assum caprae coeliacis subrenit, magisque etiam hirci in 
vino austero decoctum p)otiunque rel ex oleo myrteo ^) umbilico inposi- 
tiDu^' ; gegen Blutungen (XXVIII, 73): „hircini rero jocineris 
dissecti sanies efficacior et einis utriuscque ex vino potus vel naribns 
exaceto inlitus'"'' (im Janus 1900, p. 572 wird ein „antihämorrhagisches 
koagulierendes Prinzip" in der Ziegenleber vermutet [! '?]); gegen Durch- 
fall (XXVIII, 58): ..Älrum sistit jocur hircinum decoctum ad 
quintam heminae in vino^^; aber auch das Gegenteil, die Verstopfung 
hebt die Bocksleber (XXVIII, 58): „jocur caprinum cüvum 
solcit'^ ; ferner als Schutz- oder Anhänglichkeitsmittel der Hühner 
(XXXVIII, 81): ^^gallinaceos non attingi a vulpibus qui jocur ani- 
malis ejus (caprae) ariduni ederint.^' Beim Pseudo-Dioskurides 
(4. Jahrh. p. Chr.) wird ebenfalls der Fleischsaft, der beim Braten 
der Bocks- oder Ziegenleber abfließt (vergl. auch Rindsleber S. 169), 
in die Augen gestrichen, die Ziegenleber communiaHter gegessen 
und der in der Kehle derselben aufsteigende Duft den nachtblinden 
Augen zugeführt ; solcher Opferduft dient auch als Mittel gegen Epi- 
lepsie (Janus 1907, XII, 29, 21). Die gebratene Ziegen- oder 
Bocksleber in Honig (s. o. S. 43) in der Pfanne gebraten, ist nach 
derselben Quelle (Janus XII, 276) ein Mittel für die an Bauchfluß 
und Dysenterie Leidenden; man sieht deutlich, wie der Opferbraten 
noch in Erinnerung ist. 



') S. o. S. 40. 

-) Ueber die rote Farbe s. S. 32, 166, Frühlingsopfer. 

3) Ueber die Myrte s. o. S. 41. 



174 Leber. 

(12. Jahrh.) y^In dem ougivestin so nim (ad difficultatem min- 
gendi) des poeches lehere iinde salze sie vil ivole unde gip den diu 
harn winde dar et ^ tageliche eine snitun ze ezenne iinse du gesehest, 
das ez helfe. It ez ouch der stein, ime ivirt haz" : auch Bocksblut 
(huochinenp>t not) ^) war ein. bekanntes Mittel gegen Blasenstein (Pfeif- 
fer 15 ff.): „Äo eijn gehörend iveyh auff'gelJasen ist, so! man jr ein 
Geyß- ode?^ ein Scliaaf-Läher in heißer Aeschen gehachen gnugsam 
zu ässen gäben hiß auff vier tage vnnd alten weyn ze trinchen''^ (Jüh- 
ling 254) (vergl. oben S. 170 des Hippokrates Verordnung der Schafs- 
leber). y^BocliSläher irirt roraas geloht für den hundsbiß' (Jüh- 
ling 256). 

(15. Jahrh.) „TI7er7er die Wassersucht nimm Ziegenleberyi 
rnnd auch taithenmist (= Taube- Stell Vertretung) gederrt vnnd auß diesem 
mache eine Lauge iiuid netze darmit deinen leib zum offteinmal'"' 
( Jühhng 259). Volksmedizinisch kann die Wassersucht als Hautleiden 
oder als Sexualleiden genommen werden, je nach ihren Symptomen. 

Herz und Leber von Steinböcken, Gemsen, Hirschen, Wölfen 
und Füchsen in Wein gewaschen und im Backofen getrocknet, kaufte 
der Leibarzt des Erzbischofs von Salzburg zu hohen Preisen für die 
bischöfliche Hofapotheke 1062 — 1668 auf, wobei auf die Unterschei- 
dung von Geißtieren und Böcken und auf die Zeit des Erlegens der Tiere 
im sogen. Frauendreißiger -) besonderes Gewicht gelegt worden war. 

Wir sehen demnach alle Stadien des Leberbrandopfers bei der 
Ziegen leb er Verwendung zu volksmedizinischen Zwecken: die in 
Stücke zerschnittene rohe Leber, den aus der bratenden Leber aus- 
fließenden blutigen Gewebssaft, die gekochte Leber, den Leberdunst 
(Bratendampf) und die zu Asche verbrannte Leber (auch getrocknete 
Leber); jedes Stadium wird volksmedizinisch zu den verschiedensten 
Krankheiten (nicht etwa bloß gegen Leberkrankheiten) verwendet 
(vergl. auch Rehleber). 

13. Schwein (Ferkel. Eber), (s. o. s. 97.) 

öchweins- Erfahrungen über Parasiten in der Schwein sieb er (Taenia 

echinococcus) können die Opferpriester gesammelt haben. — Nament- 
lich bei Sexualleiden und zu Zwecken des Venus(Minne)dienstes findet 
sich die Schweinsleber verwendet, eine uralte Indikation des 
Schweineopfers überhaupt. Nach der altgriechischen Volkssage war 
die Schweinsleber eine Nahrung des Achilleus bei dem Zauber- 
arzte Cheiron , wodurch sich jener übernatürliche Kräfte erwarb 
(Mannhardt II, 52). 

Plinius (XXVIII, 60) empfahl die Seh w e i n s 1 e be r gegen 
Oenitalgescliwüre : ..verendorum carbuncidis cerebrum apri vel suis 
sanguinisque; ritia vero^ quae in eadem parte serpunt, jocur eorum 
combustum maxime juniperi ligno'^) cum charta^) et arrhenico ^) sanat.''^ 



leber 



') Nicht „Bucnenblüte'', wie Pfeiffer 1. c. S. CO meinte. 

2) S. o. S. 29. 

3) S. o. S. 15, 17: Plinius XXVIII, 50 läßt neben Wacholderholz auch 
Weinrebenholz (s. o. S, 24, 38) beim Verbrennen der Leber verwenden. 

■*) Papyrus combustus galt als Aetzmittel (Frieboes 656). 
'") Schwefelarsen? 



Leber. 175 

Des Plinius Zeitgenosse Dioskurides (II, 48) empfahl: „Z^ie frische 
fjetrocJüiete und fein zernehene Leber des Ebers hilft mit Wein 
(jetrunken gegen Schlanf/en- und Hnndehiß}^ Sextus Platonicus 
(um 330 p. Chr.) schrieb vor (p. 401) frische Schweineleber mit 
Wein gekocht als Getränk gegen Bauchfluß = Diarrhöe : „.kZ rentris 
fluximi. Apri je cur recens coctiim ex vino potatum fluentenf rentrem 
mire restringit''^ (s. nachfolgend Plinius). 

(15. Jahrh.) ^^Ein gut stucke zu der geberunffe (sexuale Po- 
tenz), aber ein anders, das beiverdt ist^ die fraue sol fleis thun , das 
sie habe ein spanferchlein vnnd das eine seumutter alleine getragen 
habe, vnnd desselbigenn leb er vnnd nierenn (= Hoden) sol man 
pulueren vnnd das pul f er geben dem mann vnnd der fraue in giittem 
ivein des nachtes; so die mutter rein ist, so iverden sie kinder machen, 
Sander Zweifel"" (Jühling 173). (1755) „ifem man nehme die Leber 
ron einem kleinen Fercklein sammt den Geilen (^= Hoden), trüekne 
sie und stoße sie auch zu Pulrer, gebs dann dem Manne und dem 
Weibe zu trincken, so tvird der Mann, wenn er schon vorher zum 
Kindererzeiigen untüchtig gewesen, und das Weib, das nicht empfangen 
können, empfangen'''' (Jühling 184) (Aphrodisiacum). (1685) „l)ie 
Leber und Testicul (= Hoden) ^) von einem F er ekel seyn ein 
venerisches Geheininus^^ (Schröder 1327) (vergl. auch das Spatzen- 
hirn s. o. S. 132 und Schweinsgalle). 

Plinius empfahl aber die Schweinsleber noch zu anderen 
Zwecken ; so gegen Blasensteine : ^^inreniuntur et in jocineribus 
apri lapilli aut duritiae lapillis similes candidae sicut in rulgari 
sue, quibus contritis atque in vino potis pelli calculos ajunt^' (XXVIII. 
60); ferner gegen Schlangengift: ^^contra serpentes laudatur jocur 
apri etiam cum ruta^) potum e.r rino" (XXVIII, 42); gegen Schlaf- 
sucht und Altersschwäche: .^lethargieos e.rcitat . . . jocur apru- 
num itaque et ceternosis datur^^ (XXVIII, 67); desgleichen gegen 
Durchfall: .^alrum sistit jocur aprunum ex vino potum citra 
salem recensqiie , item assum vel suillum''^, also frische ungesalzene 
AVildschweinsleber ; ein Moderner vermutete darin ein Antitoxin 
(Janus 1900, p. 573); die Leber ist aber hierbei sichtlich nur der 
Teil des ganzen Tieres und dieses wieder nur die Verwendung des 
heilsamen Opfertieres. 

Schweins- und Hyänen 1 e b e r vertreten sich manchmal ebenso 
wie Schweinsleber und Schweinsgalle. 

Im 2. Gudrunliede Str. 22 (Edda, v. Jordan 414 ff.) wird ein 
Yergessenheitstrank erwähnt mit den Worten: 



^) Ueber Scliweinslioden als gerichtliche Reinigung s. S. 99- Demosthenes 
erzählt in der Rede gegen Konon, daß dieser in seiner Jugend die Hekatemahl- 
zeiten mitgemacht und die Hoden der zum Reinigungsopfer verwendeten Ferkel 
gegessen habe, um dann ungestraft Meineide leisten und andere Scheußlichkeiten 
begehen zu können. „Auch hier ist die Zauberkraft, die man gewissen Opfern 
zuschreibt, — gerade denen, deren Genuß man aus demselben Grunde scheut, — 
ganz deutlich."" W. Kroll, A. f. R.W. VIII, Beiheft S. 41. 

-) Raute ist öfters bei Celsus ein Bestandteil eines Gegenmittels gegen den 
Biß der Schlangen (Frieboes 664). Wenn das Wiesel mit Schlangen kämpfen will, 
dann stärkt es sich vorher mit der Raute, schreiben Lonicerus und Konrad v. Megen- 
berg nach dem Vorbilde von Plinius. Auch der Theriak war eine Verbindung 
von Schlangenfleisch mit vielen vegetabilischen Ingredienzien (S. 143). 



176 Leber. 

..Voru peim bjori bol marg saman : 
urt alls vifiar ok akarn brunninn, 
umbdoo-gs arins, ij)rar blotnar, 
svins lifr so{)in — fivit sakar deyfj)i." 

2. Gudrunlied Str. 22. 
„Beigemischt dem Biere waren 
Viele scharfe schädliche Sachen, 
Allerlei Wurzeln, Eckern, Eicheln, 
Eingeweide von Opfertieren, 
Schwarzer Herdruß und Schweineleber, 
Die nach schwerer Unbill den Sinn beschwichtigt." 

Edda, .Tordan 414 ff. 

Es waren dem Biere beigemischt manche schädhche Dinge, allerlei 
AVurzeln (Giftpflanzen mit narkotischen Eigenschaften, vielleicht Hyos- 
cyamus oder Conium maculatiim), auch gebrannte Eichelnüsse (Ecker) ^). 
Herdruß (s. S. 24), Inngeäder von Opfertieren [ahd. inadri = ilia, 
viscera; Tiz^jov = Baucheingeweide; ahd. adara = Eingeweide; dazu 
it)rar] und gesottene Seh weinsieb er; dieses betäubte, was da war 
verbrochen. Dieses altnordische Rezept hat Anspruch auf hohes Alter. 
Schon der Umstand, daß die Leber gesotten werden soll, deutet auf 
germanische Quelle ; ihre Verbindung mit dem Opfertiereingeweide 
(vermutlich ist darunter das Blut aus der Innader gemeint) ist hierbei 
noch besonders hervorgehoben, in späterer Praxis würde dieser Zu- 
sammenhang mit dem Opfer wohl weggelassen worden sein. Dazu 
kommt der Zusatz der gebrannten Eichelfrucht des ältesten Nähr- 
baumes, die das Körneropfer (s. S. 43) vertritt. Das Ganze erscheint 
als ein Opfer an die Hausgeister, weshalb auch noch der Herdruß mit 
verwendet wird. Der auf der Steinplatte (an. arinn) des Herdes sich 
ringsum niederschlagende Ruß des Ofens (uqno-s) war, wie die Asche 
bei der verbrannten Leber, eine Beigabe mit Heilwert (bei den 
Chinesen wurden die Herdgeister, w^elche das Seelenopfer erhielten, zu 
Feuergottheiten und zu volksmedizinischen Küchengottheiten, A. f. 
R.W. 1908, S. 22 ff.). 

Auch das germanische Opferwesen war die Quelle zur Verwen- 
dung von Tierorganen, denen zauberhafte Wirkung zugeschrieben wurde 
durch den Mitgenuß an der Opferspeise, die bei den Germanen meist 
gesotten wurde. 

14. Hyäne, (s. o. s. 102.) 

Hyänen- Plinius erwähnt die Hyänenle her als Mittel gegen die Hunds- 

'* wiit (wie auch die Hundsleber s. o. S. 162) (XXVIII, 27): ,,carnes 
Jiyaenae , si edantur, contra rabidl canis niorsus cfficaces esse, etian) 
nunc joctir (Jiyaenae) efficacius^'' (vielleicht spielt die Hundeähnlich- 
keit mit ?) ; ferner gegen Quartanfieber (XXVIII, 27) : y^fehrilms quar- 
tanis joctiT (Jiyaenae) degustatnm ter ante aecessiones''^ ; gegen Stein- 
leiden und Bauchsclimerzen (XXVIII, 27): y,jocur (Jiyaenae) in 
potu datnm torminihus et calcuUs mederi''^ ; gegen Augenleiden 
(XXVIII, 27): ^^glaucomata vero jocineris (Jiyaenae) rccentis inas- 
sati sanie cum despumato melle inunctis''^ (diese Verwendung lehnt 
sich stark an die der Opfertierleber an oder ahmt sie nach). 



^) S. auch Eselsleber (Anmerkung). 



leber. 



Leber. 177 



15. Elefant. 

kU'fa<;, lat.-griech. elephantus; bos Luca (in Lucanien sahen die Römer das 
Tier im Kriege mit Pyrrhus zuerst); alid. mer-rint, got. ulbandus, ahd. olbanta, 
olpenta, mhd. olbande (= Kamel). 

Er hat natürlich nur auf die Volksmedizin des Plinius Bezug, 
der die Elefantenleber als Mittel gegen Epilepsie wie die Leber Elefanten- 
des Esels erwähnt (XXVIII, 24): ^^jocurque elephantl comitiaJibus 
morhis proclcst^^'^ Oribasius soll diese Verordnung ebenso wieder- 
holen (Janus 1900, p. 573); auch gegen Augenleiden wurde von 
Plinius und Oribasius die Elefanten leb er brühe empfohlen (Janus 
1900, 574); wofür aber auch die Galle wie bei der Kamelsleber als 
Stellvertretung sich bemerkbar macht. 

16. Kamel, (s. o. s. 103.) 

Leber fehlt; dafür tritt die Galle ein (s. u.). 



^) TCavocxe'.a = omnia sanans. 

^) = Petersilie, Apium petroselinum (Frieboes 657), wird heute noch bei 
Leberspeisen verwendet. 

Höfler, Die volksmedizinische Organotherapie. 12 



Löwer. 
leVier. 



lel)er. 



17. Löwe. (s. o. s. 104.) 

.^Lihvenleher ist eine Nahrung des Knaben AcJiilleus hei dem 
Zauhemrzte (lieiron, wodurch er Löwenlräfte erhieW-^ (Mannhardtll, 52). 

(1685) ^^Löivenleher geröstet, tauget mr Cachexie und Wasser- 
sucht'' (Schröder 1310). 

18. Esel. (S. o. S. 105). 

Plinius erwähnt die Eselsleber vor allem als Mittel gegen Epi- Esei 
lepsie wie die eines anderen häuslichen Reittieres, des Elefanten 
(XXVIII, 78): ^^jocur asini admixta modice panace {A\\h.Q\\m.\iiQ\) '^) 
instillatum in os a comitialihus morhis et aliis infantes tuetur; 
hoc XL diehus fierl praeclpiunt'' ; dann gegen Leberschmerzen 
(XXVIII, 55): yijocineris dolores asini jocur ariduni cum petroselinl^) 
jmrtihus diicdms et nucibus trihus ex melle tritum et in ciho sumptum.^' 
Pedanios Dioskurides (II, 43) empfiehlt ebenfalls die gebratene Esels- 
leber als Speise für den Epileptiker; sie müsse aljer nüchtern ge- 
nommen werden. Ihm folgt der Pseudo-Dioskurides (4. Jahrh. p. Chr.), 
der (Eselsblut und) Eselsleber ebenfalls nüchtern (s. o. S. 6, 27) gegen 
Epilepsie empfiehlt (Janus XII, 1907). Diesen antiken Vorbildern 
schreiben nach die mittelalterlichen Medikaster. (1563) y^Bie Esel- 
Jäher gehraten vnnd als nüchter gegessen, sol auch für dise Kranck- 
heit (JEplle2)sie) sein''' (Jühling 14); das gleiche gilt aber auch vom 
Herzblute eines jungen schwarzen Esels, wie sich überhaupt Herz, 
Hirn und Leber, weil Seelensitze, öfters vertreten, auch wenn diese 
Organe von nicht opferbaren Tieren stammen (z. B. Fledermaus). 
Die Eselsleber als Teil des ganzen Tieres hilft natürlich nach dem 



178 Leber. 

Vorbilde von Plinius (s. o.) unter anderem auch für Leberkrank- 
heiten. (1563) ^^ Welcher läbersiech seye, der derr iiind pidffere es 
(die Eselsleber), hrauch cdsdenn zwey mal so scliivär gestoßen Peter- 
silien, gescheite Eychleu ^) drey mal so ril , mit lionig cingerürt, 
als denn esse er .nücliter'^) daruon; es hilfft mächtig^' (Jühling 14). 
Die Diagnose: Lebersucht, „lebersiech" stellte nur der Arzt; daher 
ist hierbei der therapeutische Grundsatz: similia similibus nicht das 
grundsätzlich Primäre, sondern eine spätere Beigabe, die vom Arzte 
l)eeinflußt ist bezw. war. Plinius spricht nur von „Leberschmerzen". 
Wenn Kinder oder Vieh behext sind, so rcrhrenut (!) man oder Jiocht 
man die edlen Eingeweide von Tieren^ Herz, Lunge oder Leber ron 
einem abgestorbenen oder geschlachteten Tiere (sonst wirft man auch 
den Kopf des Tieres ins Feuer) und zivar ron einem dem Iranhen 
Tiere gleichartigen Tiere (pars pro toto) oder von einer schn'arzcn 
Henne (!) {■= Seelenopfertier) (Wuttke S. 284), Auch gegen den Haar- 
ausfall empfahl Sextus Platonicus (um 330 p. Chr.) das Verbrennen (!) 
der Mauleselsleber mit den Worten: „^e capiJli de capite defluant. 
Burdonis jecur combiistum cum oleo myrtino mixtum et illinitnm 
capiti, capillos fluentcs continet et facit crescere^ (p. 408). 

19. Pferd. (S. o. s. loe.) 

Pferde- Pferdeleber fehlt vermutlich aus Gründen, die wir unten bei 

Jeher. ^^^, Pferdegalle anführen werden. 

20. Reh. (s. o. s. 107.) 

Von den antiken Feinschmeckern wurde die Rehleber für besonders delikat 
geschätzt. 

Jiehieber. Sextus Platonicus, der um 330 p. Chr. lebte, setzte mit Vorliebe 

die Rehorganteile an Stelle der herkömmlichen Ziegenorgane als Mittel 
gegen Leibschmerzen: „Äd ventrosos, id est vtoiXiaxoöc. Et jecur 
capreae, coctum coeliaco si dcderis emendabitur. Ldem facit, si con- 
tritum cum vino biberit^^ ; gegen Augenschmerzen: „Äd oculoriim 
dolorem. Jecur capreae contritum ex vino bibat cum aqua calida in 
fervore sanabitur^' ; gegen Nachtblindheit: ,.,Äd nyctiadas oculorum, 
ad eos seil, qui ab hora decima nihil quasi videre incipiunt, jecur 
capreae in aqua calida Salsa coquatur, ut ejus vaporem ocidi ex- 
cipiant et ea aqua oculos forcat, sed et jecur edant (!) et ex liqiie- 
facto inungantur. Quidam jecur ejus assant in craticula et fluentem 
vaporem colligunt et ex eo inunguntur quidam coctum vel assum jecur 
capreae cum pane ediint et idem bibunt. ''^ Diöse Augenheilmethode 
führt Del Castillo (Die Augenheilkunde in der Römerzeit) gar nicht 



') Als die Genossen des Eurylochos ein Opfer darbringen wollten und ge- 
schrotete Gerstenkörner (s. S. 43), wie solche zu Anfang des Opfers nach dem 
Händewaschen über die Opfertiere ausgeschüttet zu werden pflegten, nicht vor- 
handen w^aren, nahmen sie zum Ersatz Zweige von der hochwipf ligen Eiche : 
., -ocoöac o£ xaöxa Ttpöc ava|JLvr]3iv xyji; TtaXocicpaiou TpocpY](;" (Eustathios) (Wagler 36) 
zur Erinnerung an die frühere Eichelnahrung; denn die Eichel war auch bei den 
alten Griechen schon eine von den Menschen verzehrte Baumfrucht (Schrader). 

-) S. o. S. 6, 27. 



Leber. 179 

an; gegen Blutungen: j^Äcl sangiänem nhn'mm ijrotluentcm. C((preae 
jccur (cor) conihiistuin et aspersum sangiiinem flucntcm reprimü'^ ; 
gegen Nasenblutuiig: .^Ad samjuinem de narihus perfluentem. Capreae 
jecur contrltum et ex aceto in narihus offultum, scaujuineni ahundanteni 
de naribus concludit et mire sistit" (p. 400). Die Uebereinstimmung 
mit der Verwendung der Ziegenleber ist ganz auffallend. (1683) „ J/^ 
denen Kräfften liommet dieses Thier mit der Geiß (s. o. S. 91) üher- 
ein, nur daß sie stärcher sein^ (Schröder 1271); im Mittelalter war 
die wilde Ziege (Gemse) gesuchter als die häushche Ziege. Die Ver- 
wendungsart ist bei beiden nahezu gleich (s. auch Ziegen- und Reh- 
galle). (1683) ,^Die (Reh-) Leber soll die Atif/en sehärffen, ivann 
mans isset, trineket oder euserlicli damit räuchert (Stellvertretung 
der Bocksleber s. u.) und (Galle s. Rehgalle) in die Augen tropfet, 
stillet das Bluten (Blutfluß s. o. S. 73) besonders der Nasen 
(wann man deren Aschen drein blaset)'' (Schröder 1270) (ähnlich auch 
die Hasenleber, s. o.) (s. auch Rehgalle). Auch der Wacholder (s. o. 
S. 15, 17), eine Opferrauchstaude, wird ähnlich als Augenmittel benützt. 
Das Hineinblasen der Asche von tierischen Organen in die Augen 
kehrt sehr oft wieder; alle Stadien der Leberverbrennung vom Rauch- 
und Fleischdunst bis zur Asche finden sich als volksmedizinische Heil- 
mittel (s. 0. S. 26). Der adelige Hausvater von Franz Phil. Florinus 
(1702) schrieb (Janus 1899, p. 233): ,,Wenn man die (Reh-J Leber 
ist, hilft sie für böse Aiif/en.^' 

21. Gemse (wilde Ziege), (s. o. s. los.) 

(1683) Die (Gems-) Leber stillet den Bauch fluß {— Ruhr, Gemsen- 
s. 0. S. 61) (tvann man derer Fidver gebrauchet), sie dienet auch ror ^^^"^^ 
den Schwindel (Schröder 1265). Der Schwindel ist eine dämonistisch 
aufgefaßte Krankheit, s. Höfler, Krankheitsnamenbuch sub Schwindel- 
tier (S. 738) und Schwindelding (S. 882). Ben Absud aus Gems- 
gehröse (Gereb?) genießt der Ltingensüchtiye in Steiernuirk (Fossel 
i03); in Tirol tvird bei Fieber und Brustleiden Gamshrepp 
(= Gemsengereb ^), Lunge, Leber etc.) f/ebraucht (Noe, Oesterr. 
Seebuch 84). 

22. Maus. (s. o. s. 109.) 

Nach Aelian (3. Jahrh. p. Chr.) sollte die Größe der Mausleber Mausieber. 
vom Mondeinllusse ^) abhängig sein (Lenz 153). Im Liber de morb. 
mul. II, c. 76 (Fuchs, Hipp. III, 509) empfiehlt Hippokrates als „in- 
disches Mittel" gegen kariöse Zähne den Hasenkopf (s. o. S. 58 ff.), 
wobei die Leber und Nieren dreier Mäuse in diesen belassen, während 
der übrige Inhalt aus dem Leibe derselben herausgenommen und der 
Hasenkopf mit den ausgeweideten Mäusen verbrannt werden sollte. 
Plinius (XXIX, 15) sagt: .^tradunt Jlagi jocincre nniris dato 



^) Gerebe s. o. S. 4(). 

'^) S. o. S. 19. „Merkwürdigerweise setzt die Leber der Maus vom Neumond 
bis zum Vollmond täglich einen Lappen an und letztere verschwinden beim ab- 
nehmenden Monde allmählich wieder" (Aelian. II, 56) (Leberparasiten?). 



180 Leber. 

porcis in fico sequi dantem , id animas in Jwniine quoqiic similiicr 
ralcre''^; demnach galt auch die Mäuseleber als ein Liebes(An- 
hänglichkeits)mittel. 

Die Feige ^) als Zusatz zur Leber kehrt wieder; hier ist die mit- 
verbrannte Feige als Feigenasche wohl ein Reinigungsmittel. 

23. Fledermaus, (s. o. s. 112.) 

Als Haarvertilgiingsmittel empfahl Plinius (XXX, 40) das Blut 

und Hirn der Fledermaus, aber auch als besonders kräftiges Mittel, 

Fieder- wenn man diesen auch die Leber der Fledermaus beifügt: .^aliqiii 

^^^^^^^^^^^'^'- sanguinem et jocur ejusdem (vespertHtonis) eerehro (üespertilionis) 

admisce)it" ; es handelt sich also nur um die Wirkung der Seelensitz- 

organe eines dämonischen Tieres (s. Fledermausherz). 

24. Igel. (S. o. S. 112.) 

Igelleber. Die Igellcbcr kennt zwar Plinius als Volksmittel nicht, aber 

sein Zeitgenosse Dioskurides (IT, 2) führt sie als Mittel gegen Nieren- 
kranklieit, Wassersucht, Krämpfe, Elefantiasis, Kachexie und 
Eingeweideflüsse an. .^J)ie Leber des Landigels getrocknet und in 
einem irdenen Gefäße, tvelehes an der Sonne gehrannt ist (s. o. S. 15), 
aufheivahrt, eignet sich gegen diese Leiden'"'' (Nachahmung des Leber- 
opfers an die Hausgeister). ..Gepulverte Ig eil eh er hilft gegen 
Kffchexle^' (Jühling 84); deutlicher gibt Schröder 128G deren Ver- 
wendung an: (1685) .^JJie Leher oder auch der gedörrte Körper des 
Igels tauget (tvann mans mit O.rgmel = Sauerhonig nimmet) ror die 
l'ehler der JVlerUf Cachexiey Wassersucht., Convuls Ionen. 
Trocknet (wie andere Tierlebern, s. o.) die Fluß der Lehens- 
ilUeder auf.^' (Ein sichtbar aus Dioskurides II, 2 übernommenes 
Rezept.) Hier ist deutlich die Leber wieder ein Substitut des ganzen 
Tierkörpers. 

25. Maulwurf, (s. o. s. 113 ) 

Der unterirdisch hausende Vegetationsgeist. 

Maulwurfs- AVie das Hcrz (s.d.), so gilt auch die Maul wurf sieb er, wenn 

leber. elfeser im Mai gefangen wurde, als Mittel gegen Genitalleiden: (Tirol) 
„>Fer einen SrucJi (= Hernia) A«i, soll eine Maul wurf sieh er 
dörren, stoßen und sie in gutem Wein trinlcen''^ (Jühling 122) (s. Herz) 
(Bruch, Hernia = Genitalleiden in der Volksmedizin). (1730) ^.,Eine 
Leher von einem Maulivurf, der im May gefangen tvorden^ dörre 
und stoße sie zu Pulver, nimm es des Morgens fruit in ivarmem Bier 
ein'-^ (gegen Fieber, d. h. fieberhafte Seuelien) (Kräutermann 297); 
gegen Nervenfieher sollte man in Steiermark unheschrieen (irgend) „eine 
Leher" (gleichgültig luclche) holen (Possei 122). Die Maulwurfsleber 
war die nächste beste Prühlingsleber. Schon PHnius (h. n. XXX, 3, 7) 
schrieb dem Maulwurfe große Kräfte zu, die das Volk vermutlich in dem 
schwarzen, im Unterirdischen wühlenden Angangstiere suchte. Die 



') Ueber die Feige s. o. S. 42. 



Leber. 181 

Verbindung des Neumonds im Mai mit der Maulwurfsverwendung 
(s. Zahler 49) bezieht sich auf das Wiedererscheinen der Vegetation 
nach dem AVinterschlafe. Die Verbrennung des Maulwurfs zu Aschen- 
pulver ist vermutlich ebenfalls eine aus dem Opfer größerer Tiere 
übernommene Uebung (s. Zahler 73, 74, 100 und oben S. 15 ff.)j ^^'ie 
die Verwendung seines Blutes: ^^Im Meyen Wädel fach ein Schivartzes 
Tierrli {= Schermaus) Mit 4 Fließen, empfacli das blut Lehändig 
Von Im Vnd Laß es Wider in den liärd (erde) Schlaufen Vnd so ein 
Mensch heüührt ist (Höfler, Krankheitsnamenbuch S. 527) So scdhe 
in Mit dem Blutt an den (geJäliuden) Gliederen er hmipt Wider Vnd 
Wen sein Ited f/esfcdt. So gihs ims zu Trinlcen so redt er Wider'"'' 
(Zahler 77). 

Plinius (XXX , 1 2) empfahl die M a u 1 w u r f s 1 e b e r als Mittel 
gegen Halsdrüsen : ,^cdii jocur talpae contritum inter manus in- 
limint et triduo non ahluunt.^^ Sextus Platonicus (um 330 p. Chr.) 
verwendet hierzu das ganze Maulwurfstier: „.M gJandulas. Talpani 
super glandidas ligato; destruit^' (cap. XXII, p. 416); dasselbe nimmt 
als Pharmakos den elbischen Krankheitsdämon (= Drüsenschelm, s. 
Krankh.N.B. 563) in sich auf; die zwischen den Händen zerriebene 
und auf die Drüsen aufgestrichene Maulwurfsleber, welche 3 Tage 
lang als Pulver liegen bleiben soll, vertritt den ganzen Pharmakos, 
der durch Abwaschen wieder entfernt werden soll, wie auch sonst 
der Pharmakos ins fließende Wasser geworfen wird. Maulwurfs- 
pfote als Amulett bildet die Vergleichende Volksmedizin von Hovorka 
und Kronfeld ab. 

26. Biber, (s. o. s. lu.) 

(16. — 17. Jahrb.) ^^Vor die Rothe wehe (= Ruhr, Dysenterie). 
Xim die Leber aus einem Bieher. Zu Stich die ivoll mit einer Bihevieher. 
großen Nadell vnnd Lege die In wein, das der wein gar vier die Leber 
gehet vnnd Laß Eine Nacht darinnen Liegen, vf den Magen ihue Sie 
in einem XetzJein'-' (Jühling 9). Hier ist die Leber des Tieres wieder 
wie andere Tierlebern ein Ruhrseuchenmittel, das im Gekrösnetze ein- 
gehüllt auf den Leib gelegt wird, vielleicht an Stelle der Schweins- 
leber; Bibergalle fehlt als volksmedizinisches Mittel. Die Hauptver- 
wendung ist die des „Bibergeils", eines Drüsensekretes aus den Geilen- 
säcken in der Nähe der Genitalien, welches Mittel bei Herodot, 
Aristoteles und Hippokrates eine große Rolle spielte, s. o. S. 114. 

Vögel. 

Bei den Vögeln ist ebenfalls die (von den antiken Feinschmeckern vogeiieber. 
wie das Vogelhirn hochgeschätzte) Leber meist der Teil fürs ganze 
Tier, und dieses wieder häufig die Stellvertretung für ein größeres 
Haus- und Säugetier. 

27. Gans. (s. o. s. 115.) 

Die Mästung der Gänse mit Feigen, um eine große Gänseleber 
zu erzielen, muß von Aegypten ausgegangen sein, wo man die Opfer- 



182 Leber. 

leber für die Gottheit vergrößern, süßer, schmackhafter, gottgefälliger 
machen wollte; ist doch die Leber als solche schon ein etwas süß 
schmeckendes Organ und wurde die Gänse leb er bei den alten 
Aegyptern an Isis und Osiris geopfert (Wiedemann 311); vielleicht 
vertrat die Gänseleber hierbei schon die Leber des Rindes oder 
Stieres. Nach Athenäus (Casaubon. IX, 662) machte man die Gänse- 
leber zur Zeit von Plinius durch Nudeln, die man den Gänsen ein- 
stopfte, fettreicher und nach der Herausnahme noch voluminöser durch 
Einlegen der Leber in Milch und Honig ^) (mellicratum des Opfern- 
den). Horaz spricht auch bereits in der Cena Nasidieni (serm. IL 
8, 88) von den Lebern der weißen, mit saftigen Feigen gemästeten 
Gänse, „pinguibus et ficis -) pastum jecur anseris albi'' (Keller 
298). Wie viel den römischen Leckermäulern an ungewöhnlich großen 
Gänse- Gänselcbem gelegen war, sehen wir aus Juvenal, Martial, Statins 
u. s. w. (Keller 299). Heliogabal fütterte seine Leibhunde mit Gänse- 
lebern (1. cod.), und so alltäglich wurde die mit Feigenmast ge- 
wonnene große Leber der Gänse , daß das licatum {= le foie) das 
ältere jecur ganz aus der Vulgärsprache der Romanen verdrängte. 

Nur Gesner (1563) führt die Gänseleber als Mittel auf, das 
den „Läbersiechen" gut sei (Jühling 196) (vergl. auch Hühnerleber). 

28. Huhn, »s o. s. in.) 

Die Leber der schwarzen Henne (s. o. S. 31) bevorzugte das 
Hühner- Mittelalter. Plinius empfahl die Hühnerleber als Mittel gegen Heus : 
y,gaJlinac('orum jocur assum ileos ajunt resisti^' (XXX, 20). 

(16. Jahrh.) „För die Darre (eine dämonistische Krankheit). 
Nim eine alte schivartze Henne, schneidet sie lebendig ahm rechten 
(Loch) miff , nim das eingeweide samj^t der Lebern vnnd freiiden 
Ixorleim (Freudenkörnlein = Ovarium) herauß vnnd röste sie gantz 
tcenig; cdßdann reihe es oder zustoße es gar llein"' (Jühling 214 ff.). 
(16. Jahrh.) j^Vor den Kolch (= colica). Nimm der freudenl-örnlein, 
so der hennen ahn der lebern wachst (?) . sihet wie das leber ahn 
einen Fisch, laß dürr warm iverden. Schabe es in ivarm bier. Nim 
es ein'-'' (Jühling 215). (16.— 17. Jahrh.) ^^Wem die leber vnnd lung 
im Leibe von Hitze entmindt (= Pleuropneumonie 1. dextr.). So 
nim von einem Weibe, die einen Sohn stillet, die Milch (das Männ- 
liche hatte mehr Kraft) ^) vnnd Nim von hünern die Lebern vnnd 
reihe es mit einander, gieb es dem Kranchen, so oft du hanst zu 
trinchen, es hilft, will goth" (Jühling 212). ^^Wenn Kinder oder Vieh 
heheoct sind, so verbrennt (!) oder hocht man die edlen Eingeiveide 
eines abgestorbenen oder geschlachteten Tieres, Herz, Lunge oder Leber, 
und zwar von einem dem hranlen Tiere gleichartigen Tiere oder von 
einer schwarzen Henne etc.^^ (Wuttke § 417). 

') Siehe S. 60. 

2) lieber Feigen s. S. 42, 44. 

^) Milcli von einer Frau, welche einen Sohn geboren hat, wird sowohl in 
der arabischen wie in der griechischen' und ägyptischen Volksmedizin bevorzugt. 
In der mittelalterlichen nordischen Volksmedizin wird die Milch von einer Kuh, 
die ein Bullenkalb säugt, als Stellvertretung verwendet (Fonahn 32). Die grie- 
chischen Sippengenossen, welche gemeinsam den Seelen der Verstorbenen Milch 
opferten, hießen: öfxoYaXay.tst;. 



leber. 



Leber. 183 

Die Leber eines scliwarzen Hahns war 1714 ein Mittel 
gegen Leberleideii und Epilepsie (Janus 1899, p. 234). 

Ueberhaupt diente eine gekochte ganze Henne als Hautver- 
schönerungsmittel. (13. Jahrh.) „ WH du diu anthisc aver jimchlich 
maehen unde schöne, so nim eine kenne unde lege die in einen nitven 
hai'hn unde versiid si (in) wtsem wine, der wol loider si unde siiä 
si, unze das sich das geheine von dem fleische löse^^ (Pfeiffer 27). In 
Nachahmung des Opferrituals bei größeren Tieren weidete man auch 
die Hühner aus und füllte ihren Leib mit Gewürzkräutern, Rosinen, 
Feigen, verbrannte und röstete sie; darum lautete auch ein volks- 
medizinisches Rezept (1716 — 1724): Sennesblätter mit Rosinen einem 
alten schwarzen Huhne in den ausgeweideten Leib zu stopfen und 
dann kochen zu lassen, bis es zerfällt; die daraus gewonnene Brühe 
sollte gegen Verstopfung helfen (Schweiz. A. f. V.K. 1906, X, 269). 

29. Geier. (S. o. s. 120.) 

Plinius empfahl die Geierleber gegen Epilepsie (XXX, 27): ^g^^- 
.^praedicatur et jocur milri deroratum, jocur rulturis tritnm cum 
S((0 sanguine ter septenis^) diehus ijotum''^ '^ gegei^ Opisthotonus 
(XXX, 36): ^^opisthotonicis milvi jocur aridum trihiis oholis in aqiiae 
mulsae cgathis trihns 2)otum''^, und gegen Augenschwären (XXIX, 
38): ^^laudatur et milri jocur ad aegilopia''^ . 300 Jahre später 
schreibt der Arztphilosoph Sextus Platonicus (auch Placitus) Papy- 
rensis : ^^Äd concuhitum. Vul iuris je cur aparte de.rtra si sumpseris 
et cdiquid in cute gruis alligatuiu suspenderis, ad concuhitum paratior 
eris^^ (c. XXIV, p. 416), dieses Aphrodisiacum (Talisman gegen 
Dämonen, die die Potenz lähmen) entspricht dessen Mittel gegen 
Epilepsie: .,Ad caducos. Vul iuris jecur totum cum sanguine ipsius 
rulturis tritum per dies VIII potui dcdum caducos emendai^'' (c. XXIV, 
p. 417), wo durch den Genuß der Geierseele antidämonische Kräfte 
gewonnen werden sollen. Ihnen schreiben wieder die mittelalterlichen 
Volksmediziner nach : 

(1563) y^Gyren läheren mit sampt seinen Mut (also = ganzer 
Geiervogel) sibcn tag getruncJcen sol die fallend sucht vertreyhen" 
(JühHng 200). Der 7. Tag der Krankheit ist nach der uralten 
volksmedizinischen Hebdomadenlehre für den Krankheitsverlauf von 
größter Bedeutung (Röscher 61). 

(1683) ^^T äuget der rerhrante Weyh vor das Vodmjra (Gicht) 
und die schwere Noth (Vergicht) ; dergleichen sagen sie auch rom 
Kopff und der Leber, tvann man seihe rerbrennet^^ (Schröder 1349). 
Das Verbrennen der Leber erinnert an die Brandopfernachahmung. 

30. Adler, (s. o. s. 122.) 

(1563) „Z)ise (Ädler-Jl übern getröchiet rnnd gepidffert^ mnc/ Adierieber. 
mit seinem eigen Blut {= Adlerseele) rnnd einem syrup Oxymehl 
(= Sauerhonig) in apotecken genennt sehen tag getruncJcen, heylt den 
fallenden slechtarj^^ (Jühling 185). 

') Die Zahl 7 ist eine heilige Zahl. 



184 Leber. 

31. Rabe. (s. o. s. 123.) 

Rabenleber fehlt. 

32. Eule. s. o. s. 125.) 

Eiiienieber. (1563) ^^Vou dem Kutzcu. Sein hlrn oder Jäher mit ö7 eyn- 

(jegossen^ ist gut für den orenmückeV^ (Jühling 191). Hier ist die 
Leber als Fett(|iielle zu nehmen zur Aufweichung des Ohrgangs (s. 
auch Eulengalle). Leber und Hirn stellen aber auch die Seelensitz - 
Organe dar, mittels deren die Zauberwirkung erreicht werden sollte 
auf einen dämonisch muckernden Ohrwurm, gegen welchen auch in 
der mittelalterlichen Volksmedizin des Nordens Kälbermark und Fisch- 
galle und sonstige fremde Heilzauberkräuter (Fenchel, Myrrhe, Bilsen- 
kraut, Hanf, Raute, Oentaurea, Marrubium) als Einträufelung verordnet 
wurden (Fonahn 13). 

33. Schwalbe. (S. o. s. 127.) 

Schwalben- Sc h w a 1 bcn 1 c b e r fehlt, s. a. Galle. 

leb er. 

34. Taube, (s. o. s. 128.) 

Turteltaube (bei Aristoteles fälschlich eine Winterschläferin). 

laubeu- (1683) „Die Turteltwuhe hat mit der gemeinen (Taube) einerleg 

leber. ^rafft , dock gebrauchet man sie besonders in der roten Ruhr und 
Monatfhiß (man niag hernaeher die Aschen davon f/ebratichen) ..." 
(Schröder 1352). 

Blutflüsse waren also die Hauptindikation für die Turteltauben- 
verwendung, wobei die männlichen Tiere nach Aehanus bevorzugt 
wurden. 

(16. Jahrb.) y^Ein andres cor den' schlagk vnnd Schiveve 
Kranckheitt» Jlan soll nhemen eyne Turteltaube, so ein manns 
person istt, ein Teuberich ; istt es eyn tveybs person eine Tcmbe^ rnnd 
stechen die in den flogein In eine ader [Analogon zu dem mensch- 
lischen Armaderlaß = Herzblut] rnnd lassen das bliitt In eynen leff'el 
lauffen , gib dem Krancken das ZutrincJcen vnnd reyße ihr den l^opff 
ab, schneyde sie enZivey rnd nhemen die leber rnnd Hercze (Ein- 
geweide) vnnd reyben es mit Lauendel , liljen, conualien rnnd Ijnden 
blusen (= Blüten) ivasser vnnd geben es dem hranhen Zutrincl'en''^ 
(Jühling 241), wie eine Gottheitsspeise. [.,7)a5 Blut von ei^tem Männ- 
lein (der Ttirteltaube), das unter dem rechten Flügel herausgelassen 
ivorden, ist ivegen seiner ivärmeren (der Leber näheren) Natur besser, 
dann das andere^^, Schröder 1342], nach Plinius Lehre (PL, h. n. 
XXIX, 38). (1563) .^Für die lähersucht werdend Tauben laberen 
frisch vnnd rauw' genossen^'' (Jühling 239). Die Omophagie^) ist sonst 



^) Die Omophagie s. S. 45. Frisches zerrissenes Tauben fleisch als Mittel 
gegen Schlangengift und Nervenkontraktur verwendeten die antiken Volksmediziner. 
Man darf annehmen, daß die Taube auch als eine Art Gottheitsgestalt zuweilen 
angesehen wurde; als chthonisches Wesen reinigte sie sich bei der Mauserung 



Leber. 185 

hauptsächlich beim Herzorgan üblich als volksmedizinisches IVIittel, 
aber auch das Leberorgan als Seelensitz wird dazu gewählt. Schon 
bei Celsus IV, 8 wird die frische rohe Tau benleb er bei der Leber- 
entzündung empfohlen, aber nicht weil .,similia similibus curantur", 
sondern aus Tradition des Volkes, das den Glauben an die Heilkraft 
chthonischer Tiere und deren Seelensitzorgane hatte. 

35. Rebhuhn, (s. o. s. 129.) 

(1563) y,I)ie (RäbJnihn')h(herenn gedert vnnd gepuluert gc- P^ebimim- 
truncl-cn, ist dienstlich für die fallende Sucht ' (Jühling 227). 
(16.— 17. Jahrb.) ,,For die Schivere KranckJieitt. Niw Beh- 
liüner Leher, Bacl'e die vnnd Stos die zu Pidver" (Jühling 228). 
(1685) ..Die (Rebhuhn-) Leher tauget, wann mans begni Feuer 
t röchlet und zerimlvert vor die GeelsucUt ; sie soll auch ein sonder- 
bar Fieber 'Mittel (gegen fieberhafte Volksseuchen) seyn, ivann man 
sie etllchmal in Taxisendgüldenhraut^)- Wasser einnimmet^' (Schröder 
1382). 

36. Elster, (s. o. s. 133.) 

Nur in Steiermark wird nach Fossel 113 Elster leb er als Elster- 
Mittel gegen Verstopfung genossen. 

37. Kranich, (s. o. s. 135.) 

(1563) „Z)?e lab er von diesem (Kranich-) Vogel also dürr auf Kranich- 
ein qnintlin schtvär mit erbsemcasser getruncken benimpt den 
schmert^en der nieren'^' (Jühling 244). 

38. Storch, (s. o. s. 135.) 

Des Storches Stellung als Verzehrer von Kröten und Schlangen storchen- 
macht ihn zum Bewahrer eines antidämonischen Gegengiftes (1683). 
Der Storch dienet vor „Gifff' (Schröder 1341) als heiUger Vogel auch 
gegen Epilepsie. 

(17. Jahrb.) „F^Vr das Jihifallend. Mm Jungen storchen 
die auf den Häusern nistend; rnnd reiß den von einand mitt federn 
rnnd all vnnd nim die leberen Herauß vnnd eß cdso rohe'''' (Jühling 

selbst durch Helxine (Parietaria; Berendes 418; Plinius VIII, 27, 101) und heilt 
sich selbst durch Lorbeerblätter und Origanum (Aelianus, De n. a. J, 35; Plinius 
hist. n. VIII, 27, 101; Lorentz 6); auch sonst sind chthonische Züge gegeben: 
auch die Ringeltaube war ein Symptom der chthonischen Persephone (Persephatta) 
(Lorentz 29). Die nicht weißen Turteltauben waren den Moiren (s. S. 27) und Erin- 
nyen geweiht ; weiße dagegen wurden der Aphrodite geopfert ; man schnitt diesen 
den Hals durch und verbrannte sie ganz auf dem Altare; von solchen Vollopfern 
oder Holokausten durfte man nichts genießen (1. eod.). Das Blut der gemästeten 
Haustauben genoß man auch im täglichen Leben (Galenus, De alim. fac, III, 23). 
^) Erythiaca Centaurium Pers. war ein volksmedizinisches Febrifugium, auch 
= Herkulesblut, alfjLa 'HpaxXscuc der Magier (s. o. S. 17) (Frieboes 689) und ein 
Gegenmittel gegen Schlangengift; bei Celsus (1. eod.) gegen Ohren- und Bauch- 
wurm in der mittelalterlichen nordischen Volksmedizin (Fohnan 25), bei Dioskuri- 
des ein Laxans. S. o. S. 17. 



186 Leber. 

238). Diese Omophagie (s. S. 45) hängt zusammen mit der Heilig- 
keit des Vogels •, 1714 empfahl ein Arzt noch S t o r c h e n 1 e b e r als 
Mittel gegen Epilepsie (Janus 1899, p. 235) (antidämonisch). 

Leber und Herz (s. d.) können sich als Seelensitzorgane gegen- 
seitig vertreten. 

39. Taucher. (S. o. S. 137.) Seelenvogel. 

Taucher- (1563) „Z^if Lchcr vou dem Ethya gedöryt vnnd miß Wasser 

^^^^^' maet zwey Jöffelin voll getruncl'en tref/ht auß die ander gehurt'-^ 
( Jühling 244). ,^Bie Jäher von d'fsent vogeJ (Ethya) gehraten rund mit 
öl rund ein wenig saltz eyngegehen sol für die biß eines täubenden 
hunds Beer dienstlich scyn , also kreff'tig, dz der Iraneke von stund 
an irasser hegäre''^ (Jühling 244); erstere Verordnung ist aus dem 
Dioskurides H, 50, welcher die getrocknete Leber des Tauchers 
(a'.O-oia) in der Gabe von 2 Löffeln mit Honigmet getrunken als 
Mittel empfiehlt, um die Nachgeburt auszutreiben. 

Amphibien, Lurche, Schlangen. 

40. Schildkröte, is. o. s. 137.) 

Schild- Schon Hippokrates (De morb. mul. I, c. 78) (Fuchs III, 467) 

leber. Schrieb: y,Bei einer Wöchnerin scheidet folgendes Mittd den Wochen- 
fluß hesser aus: man ver reihe die frische Leher einer noch lehenden 
Schildkröte in Frauenmilch, iveiche das in Schivertliliensalhe und 
Wein ein und lege es ein.^ Schröder 1367 schreibt es nach: (1683) 
riDie (Seh il dl- rotten-) Lchcr tauget in cincw Pesso (= j9e5.stifrii«Wv) 
zur Mutter Kranekheit.^^ Die Omophagie (s. S. 45) dieses 
chthonischen Tieres, das namentlich zur Weiblichkeit Beziehung hatte, 
ist in dem ersten (Hippokratischen ) Rezepte noch angedeutet. 

41. Frosch, Kröte, (s. o. s. 139.) 

Die sog. Geburtshelferkröte (Alytes obstetricans), welche ihren erst 1768 
durch Laurent! aufgestellten Xamen von der scheinbaren Geburtshilfe des Männ- 
chens beim Laichabsondern des Weibchens hat, kam erst durch den neueren 
Apothekenverschleiß von Westeuropa auch an Orte , wo sie nicht vorkommt. In 
der Organotherapie spielte nur ihr Fleisch eine Rolle (Andree, Votive und Weihe- 
gaben 135). Die Doppelung der Krötenleber erwähnt auch Plinius. 

Frosch- Plinius erwähnt die F r o s c h 1 e b e r mehrmals ( XXXH , 26 ) : 

yiCilii j ocur ranae decoctum et tritum cum melle imposuere dentihus^' , 
also gegen Zahnbeschwerdeii; ferner (XXXH, 18): ,,jocur ranae 
geminum esse dicunt ahjicique formicis (s. S. 124) oporterc cam partem, 
quem adpetant, contra venena omnia esse pro antidoto^^, also als (wurm- 
vertreibendes) Gegengift; sowie (XXXII, 38): ^^si jocur ranae ruhetae 
rel cor ad alligetur in panno leucophaeo c^uartanis liherant^^ , als 
Amulett in grauem Tuche dem Leibe angehängt, vertreibe sie das 
Quartanfieber. Der Psendo-Dioshurides (4. JahrJi. p. Chr.) empfahl 
Gerher sumach '^) mit Froschleher zur Honiglionsistenz gelocht und 

^) Rhus coriaria L. verwendet auch Celsus mit Honig als Adstringens bei 
Mundgeschwüren (Frieboes 688). ,, 



leber. 



Leber. 187 

ausgepreßt den harzdklien Soft in den hohlen Zahn zu stecken 
(Janus 1907, XII, 85) (Zahn Wurmmittel). 

.y3 Gepulverte Frosch-Lebern imn Lungen auf Branntivein 
sind in Franken ein Mittel (Gegengift) gegen das Fieber'-' fWuttke 
§ 529; Bavaria III, 1). (1683) ^^Die getrocknete, gepuherte Leher 
(des Frosches) nimmet man im vieftäglf/en Fieber ein. Orato 
(ron Krafftheim 15 W — 1586J gibet sie in Tausendguldenkraut (das 
Kentauren-KrautJ^)- Wasser^' (Schröder 1364). 

(16. Jahrh.) ,^Von dem fallenden weh. Nim einen frosch 
vnnd schneidt in auff den Bücken von einander vnnd nim darnach die 
leeber darauß rnnd ivickele sie in ein koolblath vnnd brene oder 
Seude sie in einem neiven topf^) oder schirben mi piduer rnnd gieb 
sie dem Siechen zu trincken in einem warmen tvein^^ (Jühling 37). 
(16. Jahrh.) .^ Wider die fallende kranckheit. Nim einen frosch 
rnnd schneidt ihn auff den rücken vnnd seine Jeber, die ninf herauß 
vnnd lege darnach blettcr darzu vnnd laß es mitt einander in einen 
guten topf tvol zugemacht^ sieden vnnd geb ihm darnach das piducr 
daiion in tvein, so offt in der wehtag ahnkommt^'' (Jühling 37). (1683) 
^^Etli die gebrauchen die Lebern von grünen Seefröschen cds ein 
sonderbares Mittel in der schweren Noth^' (Schröder 1364). ^3Ian 
giebet cdjer solche, wann der Mond im Krebs gehet, Fetraeus Nosolog.^' 
rtGegen Fallsucht iverden die Lebern von drei im Winter ge- 
fangenen Fröschen eingenommen^^ (Jühling 42) (s. u. Froschgalle). 

(1681) ,^Ein beivertes Stuck für den grieß für 3Ianns- tmd 
Weibsbilder: Nimm Messerspitzen voll Pulver von einer Leber von 
einem Frosch und gibs ein; zwei MessersjHtzen voll einem Manns- 
aber 1 2Iesserspitze voll einem Weibsbild^' (Manuskript). Sand und 
Grieß gelten volksmedizinisch als Sexualleiden und werden oft mit 
den gleichen Fruchtbarkeitsmitteln behandelt. 

Phniiis erwähnt die F roschleber und Froschgalle als Epilepsie - 
mittel nicht; diese Verwendungsart scheint eine rein mittelalterliche 
zu sein und mit der Stellung der Kröte als Seelentier zusammen- 
zuhängen. 

42. Eidechse, (s. o. s. ui.) 

Weil glatt, zahn- und haarlos, vielleicht also durch den Analogie- 
zauber ein Verschönerungsmittel der Haut; doch scheint mehr der 
ägyptische Krokodil- und Chamäleonzauber mit beeinflussend gewesen 
zu sein. Die Magier benützten die Eidechse besonders beim Liebes - 
Zauber (Plinius XXX, 49). 

(1563) T,Beß Egochs blut vnnd lab er ivirt nutzlich gebraucht ^i<^&(^^^^T^- 
mit tvullen aufgelegt wider die ägcrstenaug vnnd vile der wartzen'' 
(Hautverschönerung). Schon Plinius (h. n. XXX, 23) empfahl die 
Leber der grünen Eidechse gegen Hautschwielen : ^^jocur 
lacertac viridis inpositus clavis peclum''' (aber auch den Kopf, 
das Blut und die Asche derselben). Auch Hippokrates (De morb. 
mul. II, c. 79; Fuchs III, 570) schrieb schon: ^^Folgende Mittel ver- 



') S. o. Rebhuhnleber S. 185. 
2) Siehe. S. 15. 



lelier. 



188 lieber. 

leihen dem Gesichte ein schönes Aussehen. Man verreibe die 
Leber einer Eidechse nnt Olivenöl^ streiche sie aber mit iinrer- 
mischtem Weine auf ..." 

Plinius (XXX, 8) empfahl sie gegen hohle Zähne: .^cavis den- 
tibus jocur Icicertariim aridum"" (s. o. Froschleber); sein Zeitgenosse 
Dioskurides (II, 69) folgt ihm: „Die Leber der Eidechse in die 
hohlen Zähne gebracht, bewirkt Sclimerzlosigleit^^ und auch Galenus 
schreibt, daß j^die jocnr lacertae ein Mittel sei .zur Vertreibung der 
von hohlen Zähnen herrührenden Schmerzen'^ (Neue Jahrb. f. 
Philol. Bd. 149, p. 139). Die Schmerzen wurden früher als Tat eines 
Dämons (Zahnwurm?) angenommen. 

43. Chamäleon. (S. o. s. 142.) 

Plinius, der oft wie Hippokrates sichtbar aus ägyptischen Quellen 
Chamäleon- schöpfte, empfahl die Chamäleonleber ganz analog zur Eidechsen- 
leber (s. o. S. 187) als Haarvertreibiingsmittel (Verschönerung) 
(h. n. XXVII, 29): j^idem (pilos defrcdii) praestare narrat joci(r 
(chamaeleonis) cum ranae rubetae pidmone iiilitum, praeterea ama- 
toria jocinere dissolvi, meJanchoJicos aittem sanari''''\ also außer- 
dem als Liebesniittel und gegen Melancholie; Demokritus (lebte 
um 410 a. Chr.) schrieb nach Phnius ein ganzes Buch über das 
Chamäleon; jedes einzelne Glied dieses Tieres erklärte er als ein 
Heihgtum, so daß Totemismus dem ganzen Glauben zu Grunde liegen 
dürfte, der sich dann auch auf die Eidechse Europas übertragen haben 
kann: y,imbrium et tonitruum concursus facere Bemocritus narrcd. 
item jocur chamaeleoni s in teguJis ustum.''^ 

44. Schlange, Viper, Kreuzotter, Wasserschlange, Drache. 

(S. o. S. 142.) 

Schlangen- Sie solltcn ihr Gift besonders in der (nach Aristoteles) langen 

und einfachen Leber und Galle (s. d.), auch im Herzen (s. d.) be- 
wahren, weshalb die Otterleber noch im 18. Jahrhundert offi- 
zinell war. 

Hauptsächlich als Gegengift gegen elbisches Gewürm und 
Dämonenzauber sollte die theophagisch genossene Schlangenleber 
dienen (Plinius XXIX, 22): ^.^eosque qui aliquando viperae je cur 
coctum hauserint, numquam postea feriri a serpente^^:, (XXIX, 22): 
^^horum (serpentium) jecur servatum adver sus pcrcussos ab his 
auxiUum est^^ also gegen Schlangenbisse; auch bei Konrad v. Megen- 
berg (1478) ist S c h 1 a n g e n 1 e b e r ein Mittel gegen den Schlangen- 
biß. Gegen Skorpionenstich sollte nach Phnius (XXIX, 4, 29) 
Drachenleber helfen (Lenz 533) (Gegengift). Plinius (XXIX, 4, 
22) schreibt auch von der Wasserschlange: ^^Betvahrt man die 
Leber derselben (Hgdra) auf) so kann man sich damit von ihrem 
Bisse heilen.'-'' 

(1685) Vipern Hertz und Lebern, trockne und zerstoße sie etc., 
^so bekommest du das höchste Mittel von Vipern . . . es reinif/tdie Maut 
und Geflechter'' (Schröder 1334, 1333). Herz und Leber stellen 



leb er 



Leber. 189 

das ganze Gotttier dar. Nach dem Glauben der alten Araber ver- 
schafft der Genuß eines Schlangenherzens oder einer Schlangen- 
leber die Gabe, die Vogelsprache zu verstehen und alles zu erfahren 
(Stern I, 433). (1730) ^^ Des (// eichen (Gehnrt befördern) thut auch 
die (railc und Leber von ei n e r S cJil a n (j e J Scrupel pro dosi 
in XimmeUvasser^^ (Kräutermann 264; Jühhng 163); ein Austreibungs- 
mittel, das wohl der Theophagie seine Erklärung verdanken dürfte. 

Nach Plinius XXX, 21 entfernt auch die Leber der Wasser- 
schlange Bliiseiisteine aus der Wasserblase (Analogiezauber?): ^^itcm 
hydri jocur hihi ad calculos pdlcndos.^^ 

(1683) „ J^? der bösen rothen Hiihr ist nichts besser s^ dann das 
Fulrcr des Hertzen und der Lebern von Schlanf/en, tvo man nur 
radi.r sanictdae rubrae alpinae^) dar zu tliut^ (Schröder 1324). „Z)/e 
Leber der Kreuzotter hilft gegen Muhr^^ (Jühling 164). 

(1685) ^^ Wann man das Hertz und die Lebern (der Schlangen) 
besonders auf behalten tvill, so hcd man nach etlicher lleinung einen 
sehr hohen medizinischen Schal z^^ (Gegengift ^) durch die Theophagie). 
(1685) „. . . dann ermelte (Schlangen-) Galle nicht nur ein Gifft-MitteJ 
ist, sondern man kann sie auch glücklich tvider die schwere JVoth 
gebrauchen, besonders ivann man die gedörrte (Schi an gen-) Leber 
darzu thut und sie in Zinnnet -Wasser gebrauchet'''' (Schröder 1324). 
In Bosnien hilft das Essen der Schlangengedärme gegen diese 
Krankheit (Epilepsie) (Wissenschaftl. Mittig. aus Bosnien II, 391). 
Es war eine Art von Entzauberung, die mit diesem Gegengifte geübt 
werden sollte. Gift ist etymologisch = Gabe, das innerhch Eingegebene, 
das wäe ein Zauber abnorme, fremdartige Erscheinungen hervorrief; 
die Epilepsie als abnorme Krankheitserscheinung sollte durch einen 
Gegenzauber, vermittelt durch die Theophagie der Schlange^), über- 
wunden werden. 

Fische. 

An der Sonne getrocknetes Fleisch opferten die griechischen 
Eretrier an den Thesmophorien als eine alte primitive Yolkssitte des 
Kultus (Nilsson 319). Das Trocknen des Fischvorrats, der sich bei 
Wasserfluten ergeben mußte, und das Abtropfen des Fettes aus den 
Fischlebern an der Sonne war eine natürliche Beobachtung solcher am 
Wasser gelegenen Völker. Der Fettreichtum der tierischen Teile war 
ebenfalls bald als Vorzug einer kräftigenden Nahrung erkannt. Die 
Verbindung von pflanzlichen Ingredienzien, süßem Bier und frischem 



') „Das Sanikelkraut tauget auch in der bösen rothen Ruhr und ist auch 
darinnen nichts bessers dann die Wurtzel, wann man die mit dem Pulver von 
Schlangenherz und -Leber gebrauchet" (Schröder 1053). Sanicula rubra alpina 
ist wohl das sogen, Krötenkraut Senecio jacobaea. 

^) Ueber Vergiftungen durch Schlangen fleisch im Volksglauben s. Lieb- 
recht 214. 

^) Wie sehr die Vorstellung einer Schlangengottheit auch bei den Römern 
lebendig war, lehrt, was Lenz 445 mitteilt. Beim Opfer des Tiberius Gracchus in 
Lukanien stürzten zwei Schlangen dreimal aus einem Schlupfwinkel hervor und 
fraßen dreimal die Leber der Opfertiere auf und kehrten dann in ihr Versteck 
zurück, was als Anzeichen für die Niederlage angesehen wurde, weil sich der er- 
zürnte Dämon seine Opferspeise selbst holte (s. S. 120). 



190 T-eber. 

fetten Fleisch erscheint deshalb auch im Papyrus Ebers (Janus 1899, 
Fischleber, p. 125) als Magenmittel. Das aus der Leber verschiedener Schell- 
fische (Gadus morrhua) gewonnene Lebertranöl wurde aus der 
nordischen Volksmedizin von den Schulärzten um 1822 übernommen. 
..In Sibirien pflegte man längst Hektiker, Phthisiker an die Küste zu 
senden, um da von rohen Fischen und Fischölen u. dergl. zu leben" 
(Oesterlen 571). Auch die Aegypter kannten schon die Austrocknung 
der Fischleber an der Sonne und das Abtropfen des Fischöls und 
Lebertrans aus der Fi seh leb er ebenfalls. 

Die schon von Hippokrates als Krankenkost (Fuchs I, 324 ff.) 
empfohlenen eingesalzenen (durch Meersalz konservierten) Fische 
lieferten das Garum und die Alex (aus der Sardelle); nach Phnius 
(XXXIII, 44) wurde die Alex Gegenstand der Schwelgerei,, denn man 
bereitete sie schheßUch aus Austern, Seeigeln, Hummern und Barben- 
lebern (Frieboes 608; Marcellus Sidetes 319). Aus der südlichen 
Praxis der Fischleberdörrung mag auch vielleicht der alte Glaube der 
Griechen stammen, daß die Leber der Fische in Bezug auf das 
Volumen derselben vom Wechsel des Mondlichtes, das auf alles Feuchte 
Einfluß haben sollte, abhängig sei. In einem Schreiben des byzantini- 
schen Kaisers Porphyrogennetos Manuel Komnenos (f 1180) heißt es, 
daß alles fischartige Getier unter dem Einflüsse des ab- und zu- 
nehmenden MondHchtes stehe; speziell von einer ya^ genannten See- 
fischart wird gesagt, daß deren Leber mit dem Mondwechsel größer 
und kleiner sei: ^Ya^"^ ts '/ap XeiTZBiai y^Tzcf.zoc, zrfi OsX'/Jvtj? Xsitjjr^ojTOoar^? 
zal ao, wi^i'stüzobnr^c, zb X£i;:ö{X£Vov 7:fjoaXa{xßdv=TaL'' (Röscher 221), „zal 
~dvTa Td Tä)V osXayicov ysvyj auixTudayst zolq ttjC r>~\i^Tfic, ^wai" (1. eod.). 
Im Buche Tobit c. 6, v. 7, 8 fragt der Jüngling den Engel: „Bruder 
Azaria, was hat es mit Leber, Herz und Galle des Fisches — 
den auf Geheiß des Engels der Jüngling getötet und dessen eben ge- 
nannte Teile er sorgsam aufbewahrt hatte — auf sich?" Der Engel 
antwortete: „Was Herz und Leber betrifft, so muß man sie, wenn 
jemand von einem Dämon oder bösen Geist geplagt wird, vor 
diesem, sei's Mann oder Weib, räuchern. Dann wird er nicht mehr 
gej^lagt" (Ebstein 164). Hier ist die Räucherung doch nur als Brand- 
opfer für den 6aL[xovi;rXr]y.Toc; aufzufassen; man opferte dem Dämon 
Herz und Leber des Fisches, damit er die Galle als Augenmittel 
wirksam gestaltete. 

45. Aalquappe. 

Aalraupe, Kaulquappe, Gobius flaviatilis, Lota vulgaris, xtoßioc;, Gründling, 
Grundel, Klotzel; mlat. gubea, gobia, D. I, 270; II, 198; Fuchs I, 323; it, 508; cottus 
gobio L. , die Leber des Lotus vulgaris gilt als Leckerbissen, und liefert einen 
sehr feinen Tran, der als Augenmittel bevorzugt wurde. 

Aal- (1683) ^^Wann man die A(dquaj>en-Leher in einem Glas in 

*^"ieber^^" ^^^^ Wärmc Jienget, so zerschmilzet sie in einen Liquorem, der sehr 
tauglich zum stumpfen Gesicht und dem Stahren der AiKjen ist, ^vcmn 
mans Morgens und Abends Tropfen tveiß drein thut.^^ Die Quintessenz 
des im Dunklen noch scharf sehenden Wesens, der Oeltropfen aus 
dem Seelensitzorgane sollte wieder scharf sehend machen (similia si- 
milibus). 



Leber. 191 

Hippokrates empfiehlt den Kaulkopf oder die Meer grundel 
als Krankenkost bei Yerschleimungen der Brust (Fuchs U, 508; I, 323). 

46. Hecht, (s. o. s. us.) 

Der bei manchen Völkern roh gegessene Fisch verbreitet den 
Bothriocephalus latus (Braun 200); seine Leber galt als besondere Hecht- 
Delikatesse. ^ ^'^''■ 

(1699) ^^Bei Besessenheit hält man die Ämvendmig einer 
Medizin aus Leber und Galle des Hechtes mit Hirschhorn für 
heilsam'"'' (Jühling 26) (vergl. oben S. 190 die Stelle aus dem Buche 
Tobit, und Hirschhorn S. 81, 83). 

47. Delphin, (s. o. s. 149.) 

Das heilige Tier des Apollo. 

Bei Plinius ist die Delphinenleber (XXXII, 38): „fehrium Deiphin- 
circuitiis tollit jocur delphini gustatum ante accessiones^'' ein Mittel ^^^^^'• 
gegen umgehende (Wechsel-) Fieber (Keller 234), was natürlich Gesner 
wieder in sein Tierbuch (1563) einfügte: „Die Aeschen von gebrannten 
Delphinen . . . Von der läber des Delphins nimpt hin das kaltwe 
oder den ritten braten genossen, ee dann es den hranhen anhebt 
zu schütten'^ (Jühling 33; Brehm '^ III, 707). 

48. Thunfisch, (s. o. s. 150.) 

Bei Plinius (XXXII, 47): ^^psilotrum est thgnni jocur'^-^ (XXXII, 
24): ^^idem thynni jocur siccattmi cum oleo cedrino'"' ^) ist die Thun- Thunfisch- 
fischleber ein Hautverschönerungs- oder Enthaarungsmittel (siehe ^^^^'^ 
auch Thunfisch galle). Marcellus Sidetes (im 2. Jahrh. p. Chr.) besingt 
die arzneiliche Wirksamkeit dieses Fischorganes als Enthaarungs- 
mittel (Distichiasis) mit folgenden Versen (p. 419): 

^^At Thunni je cur et nigrum fei saxa colentis 

Non sinit in ciliis superis succrescere pilos, 

Fungentes oculos, si forcipe vulseris ante.'''' 

49. Aal. (s. 0. s. 150.) 

I'YXs^^'^?. anguilla; kelt. slangio = ahd. äl = schlangenälinliches Tier. 

(1685) „Die mit der (Aal-) Leber getrocknete und gepulverte Aaiieber. 
Galle (so groß als ein Haselnuß) in Wein getrunc-ken , ist ein mehr 
dann hundertmal probirtes Mittel zur harten Geburt und tvird die 
Frucht ausgetrieben, ivann dieses Mittel auch noch im Magen ist, 
weilen der Magen der Mutter Schlüssel trägt" (Schröder 1354). (1730) 
„Z)/ö Galle und Leber von einem Aal gedörret und gepulvert, in 
Wein eingegeben, so groß als eine Haselnuß, befördert die Geburt'''' 
(Kräutermann 264). 

(1740) Wann das Kind an der Fahrt ist und nicht recht fort 
will. Erstlich nimm von einer Aalenleber, so gedörrt ist, gieb auf 



') Teer, s. auch Zederharz := Blut des Kronos, S. 17, 15. 



192 Leber. 

einmal die halbe Leber in Beifußwasser (Arteniisia s. S. 17, 19) ein, so 
treibt es die Frucht-, es muß aber ein gewendtes Kind sein; es hilft 
gewiß mit der Hilf Gottes (Christi. Granatapfel I, 491). Geburts- 
hilfliches Mittel nach der Wendung des Kindes, das durch die 
Aehnlichkeit des Aals mit der göttlichen Schlange sich erklärt (s. o. 
S. 189). 

Das Fett aus einer Aalleber (= Fischleber, Fischgalle), das im 
Glase an der Sonnenglut (s. Fischleber) ausschwitzt, schwemmt wie 
anderes Fett (Galle etc.) Fremdkörper aus dem Auge (Frankenwald) 
(Jühling 20) (s. u. Fischgalle). 

Der im 2. Jahrhundert p. Chr. lebende IVIarcellus Sidetes (p. 318) 
besingt die Aalleber mit folgenden Versen: 

„ J'uhicra lethifcri livnÜHi iahe Draconis 
Lethal/s Trf/(/<nHs (s. Stachelrochen Nr. 50), 

shiiul (imhifiuac Jluroiac 
r<rt(>rih((s j er i( r (irulsuni s/uKirc putantur.''' 

Die dem sterbenden Aal (= muraena) entrissene Leber sollte 
also tödliche Drachenschußwunden noch heilen, die Leber dieses 
schlangenähnlichen (s. Schlange S. 189), göttlich verehrten Tieres war 
der Sitz der göttlichen Seelenkräfte (Omophagie S. 45). 

50. Rochen. 

Raja = rochen, D. I, 483; engl, roy, ital. raja, franz. raie, ags. reohho, 
nJd. ruche. Kluge ^319. Bei Hippokrates (Fuchs I, 323) ist vapxT] — torpedo 
narke, der auoenHeckige Zitterrochen und öivtj = raja clavata L. = Stachelrochen; 
beide gelten ihm als leichtere Nahrung. 

Plinius IX, 42, 67 sagt: „Kaum gibt es eine zartere Speise als die Leber 
des Zitterrochens" (torpedo) (Zitterling, Krampffisch D. I, 589); er erwähnt 
sie aber nicht als Heilmittel oder Gift, während Oppianus (200 p. Chr.) diesem 
Fische ein gefährliches Gift zuschreibt (Lenz 493, 503). 

Plinius kennt dagegen einen eigenen Stech-, Stachel- oder Gift- 
Rochen- rochen (pastinaca == gifftrochen D. 1, 416), dessen Leber er als ein 
leber. Hautnüttel empfiehlt (XXXII, 27): Jk'Jienas et hjyrcis toUit jeeur 
pastinaceae In oleo cocfunf^^, welche Verordnung Gesner wieder ab- 
schreibt (1563): ^Sein (des Stachelrochen) La her in öl (jesotten 
ninijd hin böse rud vnnd f/rindigkeit^' (Jühling 33). 

Der unter den Antoninen lebende Marcellus Sidetes dichtete über 
die AVirkung der Leber des Trygo, Trygon, Trigon = Pastinaca 
(Schellerill, 7238, 7278; Plinius IX, 48; Aiison., Epist. IV, 60) die 
oben sub 49 schon angeführten Verse , wonach die Leber de r 
Stachelrochen gegen Drachenschußwunden gelobt wird (vgl. Dra- 
chenschuß --= Milzbrand in Krankh.N.B. 100), vermuthch als eine 
Art Pharmakos. 

51. Meerdrache. (S. Petermännchen S. 151.) 

Meer- Der Stich durch den giftigen Fjsesing Trachiniis Draco, der 

^leber.^^ an den schwedischen und dänischen Küsten lebt und am Rücken in 

den vordersten Flossen stark sj)itzige Stacheln hat, mit denen er sticht 

und wodurch er starke Hautentzündung mit Lymphdrüsenan- 



Galle. 193 

Schwellung verursacht, wird durch das Ueberlegen eines Stückes von 
der rohen Leber des nämhchen Fisches (Pharmakos) behandelt (Groen) 
und dann die Leber wohl ins Wasser geworfen. 

52. Papageifisch. 

(Scarus), der im griechischen Inselmeer heimische Fisch, wurde zu Plinius 
Zeit hochgeschätzt, namentlich seine Leber, die auf dem „Schild der Minerva'' Papagei- 
des Bruders des Kaisers Vitellius neben Fasanen- und Pfauengehirnen und lisclileber, 
Flamingozungen und Muränenmilch (s. Nr. 49) prangte (Lenz 323). Celsus rechnete 
den Papageifisch zu den zweitbesten Fischfleischarten und Martial spottete über 
die Feinschmecker : „Der von den Wellen des Meers geschwächt ankommende 
Scarus ist an der Leber nur gut, sonst von recht schlechtem Geschmack'' 
{Frieboes 656). Ennius sagt: Scarum praeterii, cerebrum Jovi paene supremi. 

Der Dichterling Marcellus Sidetes (im 2. Jahrb. p. Chr.) macht 
über den Scarus folgende Verse (p. 318): 

„Jus liquidum pellit de pectore dira venena 
Epota in coenis*, cibus est lautissimus ejus 
Piscibus e cunctis, si Rex Scarus excipiatur." 

Seine schleimige Fischsulze scheint also als Stomachicum nach 
schweren Trinkgelagen verwendet worden zu sein. Ueber seine Galle s. u. 

111. Die Galle. 

yok-r^, fei, bilis, dän. galde-, ags. gealla (m.!). 

Sie ist das Produkt der Leber, das als gelbfettiger Saft in der 
Gallenblase sich ansammelt und wie ein giftiger Naturfehler als un- 
reines Organsekret bei der Opferanatomie vom Genüsse ausgeschaltet, 
volksmedizinisch aber dennoch verwertet wurde. Bei allen Völkern, 
welche die Leberschau betätigten, wurde die Gallenblase mit zur Leber 
gerechnet. Bei der Haruspizie legte man auf die Seite der Leber, 
an der sich die Gallenblase und die Gallengänge befinden, das Haupt- 
gewicht. Die Gallenblase mit ihrem grünen, bitteren, nassen Inhalte 
stellte in der Leberzeichenschau das dem Menschen Widrige und 
Feindliche vor (Jastrow 216, 218). Bei den Tieropfern, welche die 
Römer privatim und von Staats wegen schlachteten, wurde für die 
Gottheit Herz, Leber, Lunge und Galle nebst kleinen Fleisch- 
stückchen (augmenta s. magmenta =: extum pinguissimum) verbrannt, 
alles übrige war profan und wurde als kommuniale Gottheitsspeise 
von den Menschen verzehrt (A. f. R.W. VI, 216). Nach dem Pres- 
byter Eusebius Pamphilos opferten die Brautleute Tiere, nahmen aber 
die Galle aus und schütteten diese in eine Grube neben dem Opfer- 
altare (Mader, De coronis). Die Verwendung dieses Organsekretes 
als volksmedizinisches Mittel reicht wohl in vorgeschichtliche Zeiten 
zurück; wenn wir hier deren Verwendung in mittelalterlicher und 
neuerer Zeit Deutschlands besprechen, so muß berücksichtigt werden, 
daß der deutsche Volksmund in den übernommenen Verordnungen 
manchmal Galle und Geile verwechselt hatte, z. B. Bärengalle = z. T. GaUe auch 
Bibergeil (Jühling 2 ff.) ; Hasengalle ist manchmal Hasengeil (Jühling = ^'^''^^• 

Höfler, Die volksmedizinische Organotherapie. iq 



194 Galle, 

49)* Hirschengalle 1) = Hirschengeil (Jühling 69); Fuchsgalle = z. T. 
Fuchsgeile (Jühhng 43); Eehgalle = Rehgeile (s. u. S. 215) (Jüh- 
ling 142). 

In der Mehrzahl der Fälle ist die Verwendung der natronhaltigen 
Galle eine rein empirische Benützung des Gallenfettes bezw. der 
Fettseifen; manchmal, wie wir schon gesehen haben, vertritt aber die 
Galle auch das Leberorgan; häufig ist die Verwendung als bitteres 
giftartiges Sekret gegen Würmer (wirkliche und vermeintliche) ; be- 
sonders auffällig ist aber deren Verwendung als konzeptionbeförderndes, 
gynäkologisches Mittel namentlich in der Therapie des Hippokrates, 
bei dem die Stiergalle als Suppositorium bei Sterilitas, Abortus, Dys- 
menorrhöe und Amenorrhoe, die Schweinsgalle mit Weibrauch (s. o. 
S. 86) oder Rindergalle mit Honig, IMyrrhe, Galbanum etc. oft genug 
erwähnt ist; wobei der Honigzusatz nicht ausschließhches Geschmacks - 
korrigens ist, sondern auch als Rest der Opferbeigabe zu deuten ist; 
denn Wein, AVeinmet, Honig, Weinessig etc. waren, wie auch die 
Honigkuchen, eine Beigabe zum Opferbraten (s. o. S. 6, 48), und die 
Mischung von Honig mit Galle wird auch als äußerliches Mittel^) mit 
dem Glauben eines Kultusheilmittels verwendet, um elbische Geister 
hervorzulocken. 

Die häufige Verwendung der Stiergalle gerade bei Fruchtbarkeits- 
zwecken der Frauen in älteren Zeiten steht im Einklänge mit der 
Verwendung des ganzen vollen Tieropfers zu gleichen Zwecken, so 
daß eben auch die Galle wie Leber, Herz etc. als der Teil fürs Ganze 
öfter zu gelten hat. Die Galle war die innere Sekretion; der Kot^j, 
Urin, die äußere Ausscheidung (the external soul, Frazer). 

AVie nun das menschhche Gehirn und das Menschenherz volks- 

Menschen- medizinische Verwendung erfuhr, so auch die Menschengalle. Schon 

gaiie. |j^^ Buche Tobit XI, 7 gibt der den blinden Tobias heilende Engel 

an, daß man mit der Galle eines Menschen, der weiße Flecken 

in den Augen habe, die Augen des Tobit bestreichen müsse, dann 

M Der Hirsch hat keine Gallenblase. 

^) Die Technik der griechischen Tempelärzte und Magier des 4. Jahrh. p. Chr. 
verlangte z, B., daß man auf eiternde FistelöfiFnungen gekrämpelte Schafwolle mit 
Honig besprengt als Charpieunterlage legte (Deubner 175). Dieser Honigzusatz 
vermittelte die Verbindung zwischen dem Ritus des Opferkultus und der Empirie 
(vergl. auch Schafshaare als Ersatz der Schafopfer unter Niere). 
Kotopfer. ^) Die Verwendung des Hundskotes, der von einem weißen Hunde im 

Juli in den Hundstagen gesammelt wurde und ein Bestandteil der berühmten 
Potio vulneraria Schleinitiorum in Leipzig war (Schröder 1261), stammt, wie schon 
der Name Album graecum andeutet, aus Griechenland, das den Glauben an 
dieses Mittel wohl auch aus Aegypten bezog, wo der Hund als Gottheit verehrt 
wurde. Die getrockneten Fäces des heiligen Dalai-Lama stehen in Indien längst 
als Heilmittel in hohem Kredit. Ueber solche Kotgötter bei den Römern siehe 
F. S. Krauß, Anthropophyteia IV, 329. Die .luden opferten Kot (s. o. S. 14), und 
die assyrische Venus erhielt Düngeropfer auf ihren Altären. Ueber den grumus 
merdae der Einbrecher als Opfer an die Hausgeister, die der Dieb mit diesem 
Opfer gleichsam bestechen will, um sich vor Entdeckung zu sichern, siehe Krauß 
(1. eod. 346). Alle inneren Sekretionen (Galle) wie äußerlichen Auswurfstoffe 
(Kot, Samen etc.) sind Teile des ganzen Körpers, die Heihvert erhalten, sobald 
sie von einem zauberkräftigen Wesen (Gottheit, Dämon, chthonisches Tier, Ahnen- 
tier etc.) stammen. Auch die Germanen benützten den Dünger der Rinder zum 
Wahrsagen (wie ein inneres Tierorgan), conf. cap. XIII des Indic, superst. : „de 
auguriis vel avium vel equorum vel (per) bovum stercora vel sternu- 
tationes." 



Galle. 195 

werde er gesund. Bei der Ausführung der Manipulation geschah es 
auf Rat vom Engel Raphael, daß dem Tobit von seinem Sohne Tobias 
die Galle über die Augen gestrichen wurde; als es ihn aber biß, 
rieb Tobit seine Augen und die weißen Flecken schälten sich ab 
(Ebstein 159). Nach dem Vorgange von Miletus (bei Plinius), der 
die Menschengalle auch gegen Augenleiden (Katarrhakt) empfahl, 
sehen wir dieselbe auch als Ohrentaubheitsmittel (1663) (Peters I, 92), 
ebenso 1683, bei Schröder 1309, d. h. als Mittel gegen den sogen. 
Ohrwurm. Wenn im griechisch-jüdisch-ägyptischen Zauberpapyrus 
(300 — 350 p. Chr.) (Dieterich 816) /oXt] avO-pwTcoo die Hermeneutik ist 
für ßuvsw? X^Xo? (bitterer Gerstensaft ?) , so geht daraus hervor , daß 
man damals die Menschengalle auch für magische Kuren be- 
nützte. 

Von der Galle überhaupt glaubte man im Altertum, daß sie 
wie eine Seife Flecken beseitige (Beckmann IV, 8), also auch gegen 
Hornhautflecken, auch Linsentrübung, sehr wirksam sein müsse; sie 
bildete deshalb häufig den Bestandteil von Kollyrien, die wegen dieser 
Beigabe den Namen Diacholes = Sta )(0^? empfingen. Dabei hielt man 
die Galle der kleineren Tiere für subtiler und deshalb zum Gebrauche 
in der Augenheilkunde nützHcher (Plinius, h. n. XXVIII, 146). Zur 
Zeit von Oribasius aus Pergamus (325 — 403 p. Chr.) berücksichtigte 
man auch die Farbe der tierischen Galle bei der Herstellung der 
Augenkollyrien : ^^igitur et tu fellis colori dlligenter animum atten- 
dito, qinim medicamentiim, qiwd fei accipiat, conflctes. Scito ergo, si 
[n-aeparando medicamento fei Impense flarum injicicis^ te lllud validms 
esse factiirum; sl jmUidtmi, med'tocriter ealidum''^ (Med. collect.). 

Als Produkt der Leber (s. o. S. 156) war die Galle das materielle 
Substrat für Zorn und Neid. Auf die Frage des Kaisers Hadrian : 
,,(^uid est fei" antwortete der Philosoph Epiktet: „Iracundiae sus- 
ceptaculum" (Fabricii Bibhotheca vol. XIII, p. 559). 

1. Hase. (s. o. s. ss u. 157.) 

Plinius empfiehlt (XXVIII, 47) die Hasengalle (wie auch die Hasen 
Galle anderer Tiere) als (empirisches) Mittel gegen Augenleiden: ^'^^^^ 
.^et ad ccdiglnes fei leporis cum passo (= Rotwein) aut melle.^^ Der 
Arztphilosoph Sextus Platonicus (330 p. Chr.) verordnete Hasengalle 
ebenfalls gegen Augenleiden mit den Worten : „.4c/ oculorum caliginem. 
Leporis fei cum nielle (Honig s. S. 43) mixtum facit ad claritatem 
ocidorum et imminentem caUginem discutlt^^ (p. 397). Ihnen folgt das 
mittelniederländische Rezeptbuch: „Tm oeghen neemt de galle ran 
den haese of ran eenen paeldinghe gliemlnct met Jwneghe, doet datl en 
d' oeghen, die rerdonhert sin" (De Vreese 85). (16. Jahrh.) ,,ror 
tonffkel äugen nem liasen galten nind triff es in die äugen, sie 
iverden im gutf-^ (Jühling 54). (16. Jahrh.) j^Wil aber einer sein 
Gesicht tvieder bekommen, der neme die galle von einem hasen 
ron einem liaan nind von demselben tJiue ehr in die augen^ (Jühling 
51)*, (mndl.) ^^die Galle ran den hase maect oeghen claer^^ (De Vreese 
140). (1683) „Die Hasen-Galle ist ein rortreffUcli Augen- und 
Ohren-Mittel'' (Schröder 1312). (16. Jahrh.) ..Nim auch hasen- 
galle gemengt mit honig, thue es in die äugen, so macht es dir die 



196 Galle. 

äugen lichte)'''^ (Jühling 50). (1740) ^^E'nic andere Augenarzneii. 
Nimm Haseng all, ivohl cliirclieinander gerührt, alle Tag 2 Tropfen 
in die Auffen gelassen, vertreiht das (Augen-) FeW^ (Christi. Granat- 
apfel I, 322). Mittels der Haut der Augengegend wollte man auch 
den Schlaf durch Galleneinreihung herbeiführen oder Dämonen aus 
dem Kopfe vertreiben. Die Has engalle als Schlafmittel entspricht 
dem Hasenhirn oder Hasenkopfe (s. o. S. Gl) (d. h. es ist der Teil fürs 
Ganze) und auch der Galle einer geopferten Ziege (s. u.). 

(16. Jahrh.) ,^Wan ein Mensc/i JVirht Schlafen Kan. Nim 
ein gal ron einem hasen und fhue darf zu gehrandten wein rnnd 
schmiere die Schlaffe darmif, es hilff't^' (Jühling 52). (16. Jahrh.) 
.^Wenn der Schlaff nicht l-onniten will. Ha as eng allen mit ivein 
rermischt rnnd gieh es ihm zu trincken^' (Jühling 53). (Mndl.) ^^Nota 
quomodo dormiant. Man doet 1 mensche sla2Jen : nem de galle 
r (i n d en hose ende ghevet se in hiere of in mede te drinlene : hi 
S(d slapen^ (De Vreese 131). In Schwahen gibt man Ha sengall c 
in Wein eingenotumen gegen Schlafsucht (Jühling 57): ebenso hilft 
in Bayern das Einnehmen von Has engalle in Wein. 

Daß dieses Rezept der V^erwendung der Galle des furchtsamen 
und als schlafsüchtig geltenden Hasen (conf. Hasenschlaf in Höfler, 
Krankheitsnamenbuch S. 572) als Mittel gegen Schlaflosigkeit aus 
der Catoschen Volksmedizin stammt, ist bekannt. Plinius, h. n. XXVIII, 
19, 79 schrieb: .^Sonnios fieri lepore sunipto in cihis Cato arhitratur, 
culgus et gratictm corporis in VII diehus^'' ^), d. h. der als Speise ver- 
zehrte ganze Hase sollte (wie später das Hasenhirn und die Hasen- 
galle) nach dem Glauben Catos Schlaf machen, nach dem Glauben 
des Volkes innerhalb einer AVoche Schönheit geben, was Plinius als 
einen frivolen Scherz bezeichnet. Der Hase als bilUges Opfertier der 
Armen (vergl. unten Ziegengalle) konnte solchen Volksglauben ver- 
anlassen , denn der Hase war ein Ruhr- und Seuchenmittel, ein Schön- 
heitsmittel, ein Fruchtbarkeits- und Geburtsmittel, wie alle Opfertiere. 
Zur Zeit Catos (234 — 149 v. Chr.) wirkte noch das ganze Tier so; 
später nur mehr der Teil desselben. Apollonius aus Tyana, ein 
griechischer Wunderarzt und Philosoph zur Zeit von Kaiser Septimius 
Severus, riet als zugezogener Geburtshelfer, einen lebendigen Hasen im 
Arme um die Kreißstatt einer Gebärenden herumzutragen (Baltzer, 
Leben des Apoll, v. T. III, cap. 39); hier ist also der Hase noch 
ein Scheinopfer — Pharmakos — Sündenbock — an die die Geburt 
beeinflussenden Geister (ähnliche geburtshilfliche Hasenmittel sind noch 
gang und gäbe), darum empfahl auch Hippokrates das Hasen fleisch 
(XaYwoö zpsag) den kinderbegehrenden Frauen als Krankenkost (Fuchs 
in, 515, 513; Athenäus, Casaubon. VII, 504), wie er auch die Hasen- 
bauchhaare als Scheidentampon benutzte (s. Niere). 

Daß aber der vom Papst Zacharias (755) verbotene Genuß des 
Hasenfleisches ^), welches geil, d. h. fruchtbar machen sollte, d. h. als 
Opfertier der Heiden Fruchtbarkeitssegen erzielen sollte, trotzdem als 
Hasenleber und Hasengalle volksmedizinische Verwendung fand, 



') Vergl. auch Martialis, Epigr. V, 29; Sloet 108. Die Zahl 7 ist eine hei- 
lige Zahl. 

-) „Quae omnia cavendae sunt ob esu Christianorum. etiam et fibri et le- 
l)ores et equi silvatici multo amplius vitandi" (Schrader 573). 



Galle. 197 

lehren die angelsächischen Bußordnungen (Wascherschieben IGO, 17Gj. 
die sicher von der römischen Geistlichkeit beeinflußt waren. Diese 
gestatteten den Hasen zu essen als ein gutes Mittel gegen Ruhr, 
und seine Galle (fei; vielleicht hier :^ Hasenleber) mit Pfeffer (vergl. 
Hasenpfeffer = Hasenklein, Haseneingeweide, mhd. pfeftervleis, carnes 
piperis, Hasenleber in der Würzbrühe mit Blut i) , Heyne II, 292, 
298) als Mittel gegen Leberschmerz zu essen: .^Lc2)orem licet 
romedere et est honum pro disenteria et fei ejus (= Hasenleber) 
miseendnm pipro pro dolore jeeoris.^' Die Dysenterie ist hier rote 
Ruhr, eine epidemische Krankheit mit „Blutfluß'', Bauchfluß (der 
Aerzte) mit Schmerz •, daß die Hasenleber tatsächlich für solche blutige 
Bauch- und sonstige Blutflüsse empfohlen wurde, haben wir oben 
S. 157 ft\ genügend gesehen. Hasengalle, Hasenleber, Hasenherz. 
Hasenfuß und Hasenfleisch sind eben Teile des ganzen zu Heilzwecken 
geopferten Hasen, dessen Blut ebenfalls gegen Ruhr helfen sollte, die 
aber nur ärztlicherseits als Leberfluß, Leberschmerz, Leberleiden ehe- 
mals galt. 

Die Wirkung der bitteren Galle gegen Würmer als eine Art 
von Gegengift hat auch nach dem Volksglauben die Hasengalle 
als Mittel gegen Schwerhörigkeit (Ohrwurm). 

(1683) „D/e (Hasen-) Galle ist ein vortrefflich Augen- und 
Ohren mittel'' (Schröder 1312). .^Gegen Schwerhör iffkeit erwärmt 
man die Galle eines Hasen mit Branntwein zusammen üher einem 
Feuer und träufelt dem Leidenden von der Flüssigkeit an S Tagen täg- 
lich 3 Tropfen ins Ohr^ (Steiermarl') (Fossel 95). ^Gegen Gehör- 
leiden läßt man die Galle eines Hasen eine Minute üher dem 
Feuer Tiochen, dann wieder erl'cdten und gibt (in Tirol) 2 — 3 Tropfe}/ 
ins erlranMe Ohr^^ (Jühling 56). 

Daß hierbei nur das flüssige Fett als empirisches Mittel sich be- 
merkbar machte, ist selbstverständhch ; desgleichen ist Hasengalle ein 
Fettmittel bei Gliederkrankheiten (Kaltvergicht) zur Massage (wie 
andere empirische Mittel). (Mndl.) j^Jeghen den verconden pesteJe 
(erfrorene verkältete Glieder, Rheumatismus articul.) van den aerme . . . 
sul di nemen de galle van eene haese . . . ende maecter of zcdve 
ende hestrjict hu daermede''^ (De Vreese 74) ; ähnlich auch die Hasen- 
lange (s. u.). 

Mit der Verwendung solcher Fettmittel bei der Gliedermassage 
und bei Ohrenschmalzerweichung etc. löste sich die Volksmedizin ganz 
vom Boden des Kultes ab und nur der Grundsatz similia similibus 
vermochte die Ausw^ahl der Tierart vielleicht noch in der Empirie 
etwas zu beeinflussen. 

Galle und Leber w^erden oft gleich verwendet; so empfahl Sextus 
Platonicus (330 p. Chr.) die Hasengalle (mit Wieselleber s. o. S. 165) 
als Mittel gegen den Schwindel mit den Worten: ..Ad cos cpii ver- 
tigine vexantur. Commisce leporis fei et jeeur mustelae drachmis 
trihus, Castorei drachmam 1. mijrrhae drachm. 4. haec omnia aceto 
optimo colliguntur et inde drachma iina hihitur ex aceto und so aut 

') Mit dieser PfefiFerbriihe hängt auch der Ausdruck zusammen: .,Da lieot 
der Hase im Pfeffer", hier ist das Mittel, das helfen soll; s. auch Hasenlunge." 



198 Galle. 

melle auf passo''^ (= Rotwein) (p. 397). Daß der Schwindel als die 
Tat eines vexierenden Dämons galt, haben wir schon angegeben. 

Man sieht aber aus obigem deutlich, daß die Hasengalle in 
der Verwendung des Yolksmediziners nur der Teil fürs Ganze ist, und 
daß die empirische Verwendung des Gallenfettes eine spätere Ver- 
wertung der Galle überhaupt ist. 

2. Fuchs. (S. o. 8.62 u. 158.) 

Fuchsgalle. Die Fuchsgallc spielt dieselbe Rolle eines empirischen Augen- 

fettes wie die Galle anderer Tiere. Erst der um 330 p. Chr. lebende 
Sextus Platonicus (p. 399) erwähnt die Fuchsgalle mit attischem 
Honig gemischt als Augenmittel: ^^Ad caJiginem oculorum. Fei 
rill j) IS cum mcJIc Attico mixtnm et oeulis hmnctiim, calighieni tollif.''^ 
Hier ist der Honig (s. o. S. 43) gewiß kein Geschmackskorrigens. 

(16. Jahrh.) „For die auf/en die Trübe sind. Nim Fuelis- 
(jalJe miff (dtoi Iwnige fiewischf rund salbe damit die aiujen''^ (Jüh- 
ling 44). (1683) „Z)/e (Fuchs-) Galle tauget in Aiff/enfellei'u 
ivann mans damit bestreichet'-^ (Schröder 1338). (16. Jahrh.) ^.,Trübe 
Auffegt; iiim ron einem fogs die galten rnnd vermisch es mit altten 
honmege (^ Honig), sd werden die äugen iveder helle, tvan dus dar 
ntitt best rieh gst'' (Jühling 44); es ist sichtbar eine alte Quelle, aus 
der diese mittelalterlichen Medikaster schöpften, wobei sie attischen 
Honig durch alten Honig ersetzten. 

Die Fuchs galle als Ohreiimittel empfahl der Sextus Platonicus 
(um 330 p. Chr.), ebenso für das gleiche Leiden die Fuchsleber und 
Fuchslunge, mit den Worten: „Fe/ seine Vtdjns jeeur, sire pidmo 
expressus, instillatur auribus, dolorem tollit, sicuti et fei vulpis, si 
in aureni cum oleo stillatur, dolorem sedat." 

3. Bär. (s. 0. s. (i4 u. 160.) 

Bärengalle. Vermutlich vertritt die Bärengalle das Leberorgan dieses 

Tieres, das in der antiken Medizin nicht erwähnt wird. Plinius emp- 
fiehlt die Bär engalle als sehr nützliches Mittel gegen Glieder- 
krankheiten (XXVHI, 62): .^articulorumqiie ritiis fei ursinum 
utiHssimum esse^^ \ sow^e gegen Husten (XXVHI, 53): ^^tussim sanat 
ur Sinti in fei ad mixto melle''^ '., gegen Atembeschwerden (XXVHI, 
55): ,/e? ursinum in aqua laxat meatus spirandi.''^ Sein Zeitgenosse 
Dioskurides (II, 96) führt ebenfalls die Bär engalle als kräftiges 
Heilmittel gegen Hautleiden ^ Ohrenflüsse, giftigen Tierbiß \) und 
Epilepsie an. Xach dem Pseudo- Dioskurides (4. Jahrh. p. Chr.) hilft 
Bärengalle walnußgroß getrunken gegen Gelbsucht (Janus XII, 
1907, S. 278). Sextus Platonicus (um 330 p. Chr.) erwähnt die 
Bär engalle als Mittel gegen Epilepsie und gegen Atembeschwerden 
mit den Worten: „J.(^ eaducos. Ursinum fei si subinde cochlearia 
singula cum vino dederis, remedium feret.^^ y,Ad suspiriosos. Ursi- 
num fei in aqua ealida potatunt suspiriosis optime succurrit^^ 



^) Die Chinesen benützen die Bären galle als Mittel gegen Würmer und 
Hämorrhoiden (Neue Jahrb. f. Philol. 149, p. 137). 



Galle. 199 

(15G3) ^^Welchcr ein Bärenfiallcu (Bürcmie'ile?) üher die rcrhtr 
hufft bindet, der ist Mann so offt er tvi/f, on allen Schaden'-'' (Jüh- 
ling 2). (1563) „7)/e Bnipffhiekntfß fürderen seer nachhereitte 
zäpfflin. Nimm Bäremjallen lär sy aii/i öl ron lafendel , rosen. 
srJnvertljljen tvurtzen, blarer (jüger rnd honUj, yedes teils sovil als des 
anderen, vnd so denn dasseJhiy mit äselien vermengt, thue es in die 
gallenliaut behalt es vnd nachdem die fraiven blöd gewesen rnd ee du 
mit jro SU schaffen hast, so brauch sy'-^ (als Suppositorium ?) (Jüh- 
ling 3) (vermutlich liegt hier eine Verwechslung mit Bibergeil vor). 

(1563) ,^Ziir Galsucht (Icterus) seye gut, soman einem einer 
Weil seilen bauen groß B ä rengalle gebe senießen vnd denn ivasser 
darauf zetrincJcen^^ (Jühling 2). (1563) „Dm Kraebs vnd andere 
unihf Nissende schaden heilet die BärengaW-^ (Jühling 1. c). (1563) 
^^Ben fallenden siechtagen vertreybt Bär eng all, das Pärliß^ 
sehlag vnd ander läme}^ (1563) „Tfö eyner erfroren tväre, 
also , daß jm mit gleych keiner artzney mer zehelffen , machet man 
Bäreng all in wasser ivarm, vnd bade oder tväsche jn darmit, er 
gnißt'' (Jühling 1. c). 

(1683) „D/r (Bären-) Galle wird innerlich gebrauchet in der 
schiveren N^oth^ Keuchen und Geelsucht^ eußerlich zur Kreh- 
sichten Geschwür en ^ die um sich fressen, ivann maus damit 
schmieret, zum Zahniveh und stumpfen Gesicht.'^ ^Sie ist auch 
getröchiet ein vortreffliches Schweißtreibendes Mittel in vielen 
KrancJiheiten zu gebrauchen. NB. In Finland, cdlwo es viel Bären 
gibt, ist bey denen Bauren gemein, daß sie die gedörrte Gallen stcdt 
einer Panaceen gebrauchen, ich hab auch gehöret, daß dardurch viel 
Kranhheitcn seijn geheilet tvorden, indeme nendiclien darauf ein Schiveiß 
erfolget'' (Schröder 1335). 

Bärengalle wird in den altnorwegischen Hexenformularen gegen 
Wurin(Schlaiigen)Mß empfohlen: „For ormebid. Man indtagcr 
B Joe rneg aide eller om saadan il'ke er forhaanden sv inegal de'''' (Fo- 
nahn 5). Die Schweinsgalle kann also auch die Bärengalle ver- 
treten. 

4. Wolf. (S. u. S. (56 u. 160.) 



an 



Phnius führt die "Wolfsgalle als Stuhlgang beförderndes Mittel woifsgaiie. 
(XXyill, 58): ,/c/ lupi cum elederio umhilico inligatum'''^ sowie 



als Heilmittel für Oesäßwarzen („Wolf") (XXVIH, 60): ,,item fei 
lupinum ex vino condylomatis.^' 

In der deutschen Volksmedizin fehlt anscheinend die Wolfs galle; 
dafür ist die Wolfsleber (s. o. S. 160) häufiger verwendet; ein solches 
Verhältnis findet sich auch beim Kalbe. 

5. Hund. (s. 0. s. e? u. i62.) 

Plinius erwähnt die Hundsgalle gegen Augenleiden (XXIX, 

38): y,sufifusionem {= Katarrhakt) oculorum canino feile mcdebat 
quam hyaenae curari Apollonius Pitaneus (wann?) cum melle, item 
alhugines oculorum'-'; ferner gegen sogen. Hexerei (XXX, 24): ,/e/ 



Hunds 
salle. 



200 ^^alle. 

canis nlgri mascidi (!) amidetum esse dieiint Magi domus tothis suffita( 
eo pnrificcdaeve contra omnm mala med'tcamenta^'' ; gegen Fußgicht 
{XXX, 23): y,fel c an in um ita ne manu att'mgedur sed penna in- 
Jinatur, podagras lenif^ ; gegen Hautleiden (XXX, 10): „5^ ven» 
ntillgines sint, fei caninum prius (fcii ronpunctas^'' (Vorläufer des 
Baunscheidtismus mit dem Euphorbiumöl). 

Celsus und Dioskurides erwähnen die Hundsgalle nicht. Sextus 
Platonicus (Placitus) (um 330 p. Chr.) schreibt die Hundsgalle 
öfters vor und zwar als Mittel gegen Aug:eiileiden : ^^Ad calUginem 
ocidorum neve aliqua siiffusione tcntentur. Canis fei eun/ melle 
Attico detritum et infusum oculis, omnia supra dicta dt sentit. Item, 
easdem r/rtutes ad nephelides faeit''^ -^ das Pliniussche Rezept gegen 
Hexerei im Hause wiederholt auch er mit den AVorten: „^Ve domus 
mcdo medieamento tentari possit. Canis fei maseuli nigri jter domum 
aspersum, cam imrgcd et effieit, ne idlmn alienl maliim medicamentunf 
inferatur'^ (p. 406). Er fügt aber auch hinzu, daß auch das auf die 
Wände ausgesprengte Hundsblut das Haus vor dem Kinflusse übler 
Medikamente (Geister) sichere. 

(15.— 16. Jahrh.) ^Von dem fallenden weh. So halt der 
Mensch feit, so schhig einen hitndt todt , mnd gieh ihm dessellngen 
galle zu trineJcen, so herühreths ihm nimmer nieht^^ (Jühling 73). 
(16. — 17. Jahrh.) y,Vor die schwere Kr anekheitt. Nim galle ron 
einem handtlcin In tvein essigk; es ist Seher gut'' (Jühling 74). (1683) 
^Die Galle ron einem jungen ,schwartzen' Hund heilet die 
schwere Noth ivunderhar , ivan man sie frisch mit Essig trinchet 
oder als Fulrer eingiehet.^' ,^DieGall von einem schivartzen säu- 
genden Hündlein ist zur schiveJiren Koth ein sonderhahres Ge- 
heimniß, tvie schon gemeldet, dadurcli ist eines vornelimen Herren Sohn 
ron dieser Kranckheit (ExMepsie) gleichfalls hefreyet ivorden. Und 
ist dieses in Engelland ein gebräuchliches Mittel, wann nemlichen die 
schwehre Noth die Haupthcinckheit ist^^ (Schröder 1261) (vergl. 
Plinius, h. n. XXIX, 4, 14). In Böhmen ist die Galle von einem 
großen „schwarzen" Hunde ein Mittel gegen die Epilepsie (Wuttke 
S 532-, Jühling 79). Hund in galle für epileptische Weiber, in 
einem zinnernen Geschirre trinken zu lassen, empfiehlt ein Manuskript 
(Oberbayern). (16. Jahrh.) ^Eine geivisse Kunst vor die schrreve 
KrafiekJieitt (Epilepsia). Nim eine galle vom hunde, schneidt cdso 
warm auf, laß es In ein glas fallen, geuß saivern tveinessigk darauf 
vnnd gib es dem krancken Zidrincken, laß In ivoll damit schwiezzen^'' 
(Jühling 73). Die Hunds galle als Epilepsiemittel ist nur deutbar 
dadurch, daß die Galle der Teil der Leber und diese der Teil des 
Ganzen ist, d. h. das kathartische Hundeopfer vertritt dies umsomehr, 
als auch bei der Hundswut Leber und Galle, die einem gleichgeschlech- 
tigen Hunde lebend ausgeschnitten wurden, ebenso auch das Herz des 
betreffenden tollen Hundes als Mittel empfohlen sind und dabei auch 
öfters der schwarze männliche Hund ausdrücklich erwähnt wird 
(s. 0. S. 47). 

Schröder 1261 empfahl (1683): ^^die Galle von einem jungen 
schwartzen Hund. Eußerlich vertreibet sie die Flecken des An- 
gesichts (tvann man sie mit Kalbskoth vermenget und selbe damit 



Galle. 201 

lestreichet). Vertreibet Älbuf/inem oculorum (= LeuJcom der Autjen) 
Wcmn mans mit Honig in die Äufjen thut'"'' (l, c). 

6. Katze. (S. o. s. 74 u. i()4.) 

Es fehlt ganz auffälligerweise die Verwendung der Katzengalle Katzen- 
bei Plinius und in der deutschen Volksmedizin ; wenigstens konnte Ver- ^^ ^^ 
fasser dieselbe nicht ausfindig machen. 

7. Wiesel, (s. 0. s. 78 u. lu.) 

Wieselgalle galt als Gegengift; sie treibt nach Plinius ^^®f^^" 
(XXVIII, 81) den Fuchs vom Hühnerstalle und diente gegen Schlangen- ^^ 
gift (XXIX, 16): ^mustelarum fei contra aspidas dicitur efficax 
cetero venenum''^ ; gegen dieses Gallengift des Wiesels war wieder 
ein Gegengift die Bocksgalle (XXVIII, 45) : ,/<?/ caprinum veneficis 
ex mustella rustica (actis contrarimn.'''' Der Basilisk aber unterliegt 
dem Gifthauche des Wiesels, das durch seinen Giftgeruch auch 
Schlangen tötet (Lenz 451). Diese Stellung als giftiges Tier, das 
gegen ägyptische Schlangen wirksam sein sollte, ist wohl eine üeber- 
tragung von einer afrikanischen Wieselart(Frettchen)bezeichnung auf 
das Hauswiesel. Plinius sagt auch (XXIX, o, 16), daß das Hauswiesel die 
Schlangen verfolge ; dieses Wiesel pökelte man ein und reichte es gegen 
Schlangenbiß ; auch trank man dessen mit Koriander gefüllten und ge- 
trockneten Magen in Wein; noch kräftiger aber wirke ein junges 
(ganzes) Wieselchen (Lenz 94); hier lagen vermutlich Verwechslungen 
des Hauswiesels mit anderen Wieselarten vor. 

8. Hirsch, (s. o. s. si u. i65.) 

Seine Galle fehlt, weil der Hirsch keine Gallenblase besitzt. Hirseii- 

galle 
9. Kalb. (S. 0. S. 84 u. 165.) 

Nur Plinius erwähnt die Kalbsgalle, und zwar (XXVIII, 77)Kaibsgaiu 
als Mittel gegen Frauenleiden: ^^vitulinum quorpie fei in pur- 
gationihus suh coitum adspersum vulvae et jani duritiam ventris 
emollit et profluvium minuit umhilico peruncto atque in tottim vulvae 
pvodest^^, ^^masculi fei vituli'^) cum mellis dimidio tritum servatur ad 
ruloas^^ ; ferner zur Hautverschönerung (XXVIII, 46): ^^alopecias 
feile taurino inlinunt; efficacius tarnen ritulinum fei quo cum aceto 
calefacto et lendes tolluntur.'''' 

Der im Anfange des 5. Jahrb. p. Chr. in Bordeaux lebende Mar- 
cellus Empiricus sagt von der Kalbsleber als Mittel gegen das Leu- 
kom-(Hornhautflecken-)Augenleiden: ^^Fel vituli diligenter collectum 
ad cotißae mensuram in ras aereum mittitur, tenuique igne admoto, 
ita excoquitur ut spissitur, deinde mellis honi tantum mittitur, quantum 
fellis intus decocti remanserit^^ ; die Verbindung der Galle mit Honig 
gab auch dieser Empiriker nicht auf. Durch die Eindickung sollte 



') Ueber das Stierkalb s. Kalb S. 84. 



raiie. 



202 G^alle. 

die flüssigere Vierfüßlergalle der Yogelgalle ähnlicher, dicker, schärfer 
und wirksamer gemacht werden. 

In der deutschen Volksmedizin fehlt die Kalbsgalle ganz; umso 
häufiger aber ist die Leber von einem schwarzen (männhchen) Kalbe 
gebräuchlich gewesen, aber auch dieses wahrscheinlich im Vollzuge 
antiker Vorschriften (vergl. schwarze Hundsgalle). 

10. Kuh. (S. o. S. 80 u. 165.) 

Kuhgalle. K u h g a 1 1 c \) mit Feldkräutern, Fett und Natron in Form von 

Kuchengebäcken war ein altägyptisches Mittel gegen Würmer in dem 
Papyrus Ebers (Janus 1899, 123 ff.), wie ja die Galle der verschie- 
densten Tiere als Wurmmittel galt; auffäUig bleibt aber immerhin, 
daß hierbei die Kuh als Gallespenderin erwähnt wird. 

11. Rind, Ochse, Stier. (S. o. s. sß u. i65.) 

Die Bevorzugung der Galle eines männlichen Rindes dauerte bis 
auf die neueste Zeit, in der noch das „Fei tauri inspissatum" (Taurochol- 
Ochseu- säure) oflizinell war seit langen Zeitperioden. Ochsengalle ver- 
mischt mit den Exkrementen des Vogels Tef erwähnt schon der 
Papyrus Ebers als Mittel gegen Brustleideu (Neue Jahrb. f. Philolog. 
149, p. 138) (Brustkrebs?). 

Nach Plinius XI, 74 und Dioskurides II, 96 galt damals die 
Ochsen- bezw. Sti ergalle als die wirksamste Gallenart; ihre Ver- 
wendung geht sicher bis in prähistorische Zeiten zurück; bei Celsus 
ist diese Stiergalle überhaupt nur die als Medikament verwendete; 
Celsus V, 6 benützte sie hauptsächhch als Aetzmittel auf der Haut 
(Frieboes 610, 212) (als eine Art Seife). 

Gerade die Stier- oder Ochsengalle ist ein deutliches Vorbild da- 
für, wie die rohe Empirie, ausgehend von der Verwendung der beim 
Opferkult abfallenden überflüssigen Galle eines männlichen Opfertieres 
dahin und dorthin tastend Versuche mit derselben anstellte und wie 
lange der Glaube an ein wertloses Mittel andauern konnte, wenn 
dieses nur den Nimbus des Opfers ehemals getragen oder mit ihm 
einen Zusammenhang gehabt hatte. 

Wir wollen der Uebersichtlichkeit wegen diese Verwendungen nach 
Krankheitsgruppen sondern; die schwefelhaltige Binder- oder Ochsen- 
galle wurde empfohlen bei Hautleiden von Plinius XXVIII, 50: 
j^etiam nunc lepras ac furfures tauri fei tollit addito nitro'''' (also 
gegen schuppige Räude); von Dioskurides II, 96: ^^hel Aussatz und 
Qvhit ist die Stier galt e mit Natron oder Jämolischer Erde die 
beste Salbei'' Der Pseudo - Dioskurides (4. Jahrh. p. Chr.) empfahl 
Ochsengalle gegen Hautflecken (Janus 1907, 91—98). (1683) „D/e 
in der Sonnen nach und nach getrocknete Sti er -Gallen extrahirs mit 
Spir. Vin. Sie ist ein vortreffliches Schminch- Mittel und machet (die 
Haut) schön iveiß etc.'''- (Schröder 1255). Haarschuppen mit Haar- 
ausfall heilte Plinius XXVIII, 46 mit Ochsengalle: ^^alopecias 
feile tauri n o cum Aegyptio cdumine ^) tepef actis inlinunt. " 

M lieber das Kuhopfer bei den Aegyptern s. o. S. 86 ff. 
'-') Aegyptischer Alaun von der Insel Melos, der eisenvitriolhaltig , also ad- 
stringierend war (Frieboes 582). 



Galle. 203 

Gegen Oeschlechtsgeschwüre und Afterbeschwerden empfiehlt 
sie Plinius XXVIII, 00: ^^vltia in rcrcnd/s fei bubuluni cum 
alumine aegyptio sanat''^ \ (XXVIII, 61): ^sedes vltiis prodest idem 
(hithulum) /c/" (Gesäßleiden). Dioskurides (II, 96): Die Stier- 
galle heilt auch Geschwüre am After bis zur Vernarbung; ferner 
dient sie gegen Schmerzen an der Scham, was ganz übereinstimmt 
mit Plinius (XXVIII, 61): j^scdis vitüs praedare medctur et tauri- 
n 11)11 fei in linteolts concerptis rimasque perducit ad cicatricem^^^ also 
mit Stiergalle getränkte Leindwandläppchen helfen den Afterleiden 
und bringen Afterschrunden zur Vernarbung (durch Fetteinlagen). 
Der Pseudo- Dioskurides empfahl Ochsengalle gegen Hämorrhoiden 
(Janus 1907, 204). Sextus Platonicus Papyrensis, der im gleichen 
Jahrhunderte (um 330 p. Chr.) lebte, verwendete die Och seng alle 
(wie auch das Ochsenblut, Ochsenfett und Ochsenmist) zur Haut- 
verschönerung : ^^Äd lentigines in facie nigras. Ta u r i no feile illinitae 
purgantur et facies limpida redditur''^ (p. 404). 

Im 13. Jahrh. schrieb ein Medikus: ^^(dlimus enbot im casus 
(für daz getwane). Nim eines phares galle unde nim aloe unde 
louter sah unde temper die mit ole unde baeje dich raste hi einem 
fiure unde per unde salbe das gesaez raste mit der salben. Des 
selben nahtes wirdestu des getwanges lediclt" (Pfeiffer 46). 

(1683) „Bie Galle von Kühen und Ochsen treibet den 
Fluß der Goldader'^ (Schröder 1252), wie oben beim Pseudo- Dios- 
kurides) ; gegen Fisteln, Beulen und Geschwüre : 

Plinius (XXVIII, 74): „phagedaenis et fistulis inmittitur fei 
taiiri cum snco porri^) aut lacte mulieruni^^ , also gegen fressende 
Geschwüre und Fisteln. 

Dioskurides II, 96 sagt: j/erner dient die Stier galle mit Honig 
gegen Krehsgeschwüre'-^ . 

(1683) „Die Schnecken eußerlich zeitigen und brechen die Anthraces 
auf, wann man sie mit Stier -Gallen überleget^' (Schröder 1282) 
(Aetzmittel). 

Dioskurides II, 96 verwendete die Stier gal 11 e auch zu Wund - 
salben. 

Fingernägelquetschung und Nagelgeschwüre heilt Plinius (XXVIII, 
52) mit Ochsengalle: „ungiies contusos fei cujuscunque animalis, 
rircumligcUum pterygia digitorum fei tatirinum aqua ccdida disso- 
lutum leraf' (die Verallgemeinerung der empirischen Gallenfettverwen- 
dung wird manchmal aus Tradition auf die Stiergalle eingeschränkt). 

Schon Hippokrates führt in seinem Buche über die Frauenkrank- 
heiten unzähligemal die moschusartig riechende Stier galle (meist als 
Suppositorium) als Mittel zur Förderung der Konzeption und gegen 
Uterusgeschwülste, Frauenleiden, Sterilität und Totgeburt an. Plinius 
(XXVIII, 77): „induratam vulvam apcrit fei bubuluni rosaceo ad- 
nniii''^ (Uterusverhärtung). Plinius (XXVIII, 77): „hanc (steri- 
litatem) emendari Olympias Thebana adfirmat feile taurino medicatis 
locis ante coitiis''^ (also zu Konzeptionszwecken) ; (XXVIII, 77): 



^) Allium porrum L. enthält ein unschädliches ätherisches Oel. Celsus benutzte 
seinen Saft zur Reinigung. In der altnordischen Medizin wird Lauch als Gift- 
erkennungsmittel in das Getränke geworfen (Kaste leg i drikken) (Jordan 361). 



204 Galle. 

.jmiUerum piirgationes adjuvat fei tauri in Jana sucida adpositum, 
Ohimpia Thebana addit lujsopum ^) et nitrum ^), item vidva lahorantes 
qiioqne et fei taurinum cum opio adpositum oholis hinis'"'"^ also für 
gynäkologische Fälle-, (mndl.) „Eene vrainve, die een doot kint 
draghet, dat S(d mcn dus vcrdriven: vecmt mirre^), elhori (Helle- 
borus) '^), oppoponac'^) ende de galle van eenen osse ende mah er af 
een suppositorium ende steJiendat snpp. in der vramven wijffeUcJicit. 
liet sal haer lielpen ende die dode vrucht voert doen comen ende als 
dat supp. in der vromven wijffeliclieit es, so sal men desen dranc 
nemen^ (De Vreese 40). Gegen Muttergescliwülste wurde im 15. Jahr- 
hundert auch die Och sengalle empfohlen (Janus 1907, S. 107). 
(IG. Jahrh.) ,,Vnnd so die niutter so (/ar hartte wer, so mach ein 
zepflin eines Fingers dich vnnd necze es in ochsengalen vnnd sprenge 
ein Sehens (Sennes) Meter und hulver vnnd thiits in die gülden portenn 
(= Vulva); es bringt die hhimen'' (Jühling 341). (16. Jahrh.) „^^Tr 
do nimpt galten von einem stir tvojgesotten mit lionig vnnd mische 
das zu samt einer Sfdbenn vnnd schmier die mutter darmit, es vertreibt 
die (/eschii'Hlst und ivehetagen der mutter^ (Jühling 145). 

Gegen die dämonischen Würmer, die das Mittelalter in Ohr, 
Zahn, Darm und Drüsen sitzend annahm, gebrauchte man mit Vor- 
liebe die Ochsengalle als Eeinigung; vor allem gegen Ohrenleiden 
(Ohrwurm); schon Plinius gebrauchte sie gegen Ohreiieiteruiig (XXXII, 
14): .^qii/dfim bubu/um fei admiscent, [mrulentis auribus prodest''^ ; gegen 
Schwerhörigkeit (XXVIII, 79): „s/ graritas audiendl fei bubulum 
cum urina caprae rel hirci rel sl pus sit''^ ; (XXVIII, 48): fei tan- 
rinum cum porrl suco tepidnni vel cum melle si suppuret . . . rupta 
in ea parte cum lacte mulierum efficaciter sanat aures^^ ,^si major sit 
gravitas aiirium , taurinum fei cum murra et ruta in malicorio 
e.rcalfactum infundunt.^ Myrrhe und besonders die Raute waren be- 
sondere klassische Wurmmittel (Fonahn 32, 35). Dioskurides II, 96 
empfahl die Stier galle als Mittel gegen eiternde Ohren und die 
Flüsse aus ihnen, wenn sie mit Ziegenmilch oder Frauenmilch ein- 
geträufelt wurde; gegen Ohrenbrausen sollte sie auch mit Lauchsaft 
helfen. Knoblauch war ein antikes Wurmmittel (Fonahn 22). Der 
um 330 p. Chr. lebende Sextus Platonicus empfahl die Ochsen- 
galle ebenfalls als Mittel gegen Ohrenschmerz: „.4r/ aurium dolorem. 
Fei taurinum mulso infusum et auribus instillatum emendai'^ 
(p. 404). Das schwedische mittelalterliche „3^^^ Läkebog" (Fonahn, 
Malurtens Medic. Histor. p. 4) schreibt: „Ji^em stöter man malyrt mz 
tiivra galt, och wridir swa gönom eth Made, oJc latir swa i öran 
tha talär thz bort örna sang, oh styrhir oh bäthrar hörslenr/^, wonach 
Absinth oder Wermut, mit Ochsen- oder Stiergalle ins Ohr getropft, 
Ohrensingen vertreibt und das Gehör stärkt. (15. Jahrh.) „Fwr die 



^) Hysop, Ysop, s. o. S. 39, ein Catharticum. 

2) Natron. 

3) Myrrhe s. o. S. 38. 

■*) Helleborus s. o. S. 41. Opoponax, ein auch bei Celsus (1. Jahrh. p. Chr.) 
als Bestandteil des Antidotum Mithridates erwähntes Mittel, ist der Saft eines 
Steckenkrautes der Ferula Opopanax Spr., er sollte ausscheidende oder austreibende 
Wirkung haben (Frieboes 776); die tote Frucht sollte wie ein „böses Wesen" aus- 
getrieben werden. 



Galle. 205 

oren. Man sol auch diese arzeney nuichen von eines r indes gall 
vnnd von tvermnth ^) saft vnnd Bosenoel rnnd es auff das ohr legen'"'' 
(Jühling 146). „D/e tvurmer aus den ohren zu vertreiben. Nimm 
die gall ron ein rinde vnnd starchen essig, mache es warm, rnnd 
so du das offtmals thun tvirst, werden die tvürmer herauß Icommen^' 
(Jühling 145). (1580) Gegen ein schlechtes Gehör träufelt Diau 
Rautensaft mit Bindsgalle oder Efeusaft mit Hasengallc (auch Gänse- 
galle siehe daselbst) in die Ohren (Jühling 151). (1683) ^^Bie Galle 
ron Kuh und Ochsen ist schier das beste unter edlen. Sie hilff't 
insonderheit cor das Sausen, die Geschwür und Schmerzen 
der Ohren (ivann mans mit Weibermilch ^) vermischet und überleget)" 
(Schröder 1252). (1743) ,^Wann einem das Gehör vergeht. Nimm 
eine Gall von einem Rindvieh, misch es mit Frauenmilch und thue 
das in die OJiren'-^ (Christi. Granatapfel II, 33). 

Als ein Rest eines Agrarkultopfers möchte zu deuten sein, wenn 
Phnius (XVIII, 17, 45) meinte, man tue besser daran, an Stelle von 
nach Wieseln oder Katzen riechendem Brote mit Ochsengalle ange- 
feuchtetes Saatkorn auf Saatfeldern zur Vertreibung der Würmer zu 
bringen (Lenz 153); auch Palladius riet dasselbe (Lenz 155). Als Mittel 
gegen Schlangen und Würmer wurde überhaupt die Ochsengalle 
oftmals empfohlen-, der ganze agrare Charakter der Och sengalle n- 
verwendung spricht für Ursprung derselben aus dem Stieropfer für 
Fruchtbarkeitszwecke (vegetative und animalische). 

Dioskurides II, 96 sagt, daß die Stiergalle zu Salben gegen 
den Biß giftiger Schlangen oder Tiere helfe. Beim Sextus Pla- 
tonicus Papyrensis (um 330 p. Chr.) hilft die Ochsengalle gegen 
den Biß durch Affen oder irgend eines Menschen: ^^Ad morsum 
simiae et hominis cujuscunquc. Fei tauri illitum super morsum 
persanat^^ (p. 404). Aber auch gegen Spulwürmer empfiehlt er 
Ochsengalle mit den Worten: ^^Idem (fei taurinum) infantibus 
praestat super umbilicuiif positum, ut lundtrieos etiam dejiciant^^ (p. 404). 
In der Schweiz sollte sogar die Ochsengalle zum Marderfang 
dienen, weil sie die Marder .,trümelig" mache (Schw. A. f. V.K. 1903, 
S. 49)-, jedenfalls sollte sie als Gegengift gegen solches Gewürm 
dienen. Der Pseudo-Dioskurides (4. Jahrh. p. Chr.) macht aus fein- 
gestoßenen Lupinen und Lorbeeren mit Ochsengalle ein Pflaster 
gegen Bauchwtirmer (Janus XII, 1907, p. 286). (16. Jahrb.) „/"rtr die 
Würmer. Nimm Rinder gall mit Kürbiß ivtirtzel zustoßen rnnd 
ober den nabel gelegt, totei alle tvürmer rnnd tven man es auf die 
brüst leget so macht es einen brechen''^ (Jühling 146). (16. — 17. Jahrh.) 
„£'i?^ Geivisses ror den ivorm. In der fraiven Brust gar guth. 
Nim der Galle aus Einem geschnitten Rindte vnnd distilUer ein 
Wasser daraus, clarmit ivasche den Schaden Oftmahls vnnd Netze ein 
Vierfach Tuchlein daran rnnd Lege es rber den Schadten^^ (JühHng 
148). (1730) ^^Kommt es (der allzu starke Appetit) von Würmern 
so mag man ... äußerlich auf den Leib Aloe und Rindsgall e 



^) Ein uraltes Wurmmittel schon der antiken Zeit (Fonahn 22; Malurtens 
Medicinske Historie til og med Middelalderen; Tidskrift for Kemi og Terapi 1907, 
N. 3, 4, 5, 6); im Nordischen heißt der Wermut auch Mal-urt = Mollwurz-, Wurm- 
oder Mottenkraut. 

2) Frauenmilch s. S. 28, 44, 82 u. 208. 



206 Galle. 

tele ein Pflaster gesfr/eJien legen'-'' (Kräutermann 158). (1740) „Fwr die 
Spulwurm der Kinder. Laß die Ga II von ei nem Ri n dvieh fein 
ganz ausschneiden (aus der Leber), bind es {d. h. die Gallenblase) dem 
Kind auf den Nabel, so laufen sie (cl. h. die Spulwürmer) heftig ron 
ihm'' (Christi. Granatapfel II, 186). 

Gegen die Ruhrkolik verordnete Plinius (XXVIII, 58): ..fei tau- 
rimim cumino mixtum dgsentericis addi si in torminis sint.'' 

Gegen Würmer wird im Franliemvald Och seng alle mit Knob- 
lauch oder Ztviebel (/eröstet dem Kinde um den Nabel geschmiert 
(Jühling 152). 

Gegen die Yerstopfung wurde die Stier- oder Ochsengalle 
öfters empfohlen, so von Phnius (XXVIII, 58): „/'c/ tauri cum ab- 
sinthio tritum ac subditum pastillo alvum solvit.'^ (17. Jahrh.) ^^Htuel 
TiU machenn* Wiltu gute Suppositoria machenn das sein Zapf lein ^ 
die do stul machenn, So oiimm Ochsengallcnn vnnd heng die in ein 
rauch, bis die dürr tvirdt, so stoß sie dann m pidiier Vnnd in dem 
selbigen pul f er wälze die Zapf lein rmb vnnd stoß sie vnten in leib^' 
(Jühling 142). (18. Jahrh.) ^^Ochsengcdle mit Salz, Mehl, Kümmel 
zu haselnußgroßen Teigkugeln gemacht^ getrocknet, nimm 1 oder 2, tünche 
sie in Baumöl oder Leinöl, schieb sie in den Leib gegen Ver- 
stojyfung f laß sie darin bis sie zergehen oder durch die Opercdion 
lirrauslommen'^ (Manuskript eines Eremiten auf dem Kalvarienberge 
zu Tölz). Gegen Yerstopfiing war aber die Ochsen galle schon 
vom Sextus Platonicus (um 330 p. Chr.) empfohlen, welcher (p. 404) 
schrieb: y,Äd ventris solutionem. Taurinum fei in lana conjectum et 
rrntri vel ano suppositum, mox ventrem solvit.'' Gegen Zahnschmerzen 
(Zahn wurm) empfiehlt nur Plinius (XXVIII, 49) die Ochsengalle: 
..efficax habetur et eaprino lacte conlui dentes vel feile taurino.'"' 

Gegen Halsschmerzen (Angina) empfahlen sie Plinius (XXVIII, 
51) und Celsus (Janus 1900, p. 594): ,/e? taurinum cum melle.'' 
Dioskurides II, 96: „Die Stier galle ivird ganz besonders bei JiJnt- 
xiinduiig des SchlundmKskels mit Honig angestrichen.''' Die 
mittelalterlichen Abschreiber folgen ihnen dabei nicht, wie es scheint. 
Plinius schreibt der Rindergalle auch einen Einfluß auf Hals- 
drüsen zu (XXVIII, 51): „strumas discutit fei bubulum tepidum 
inlitum" (auch der Ebergalle). Gegen Wehtiin der Schefikel 
lind Arme. Ochsengalle wird in altem Biere so laiig gehocht, bis 
die Mischung so dick tvie Vogelleim getuorden ist, auf Leder auf ge- 
strichen und als Pflaster über die leidende Stelle gelegt (Jühling 154): 
ähnlich sollte auch die Widdergalle gegen Podagra helfen. 

Gegen Bleichsucht sollte eine Abkochung von Ochsengalle 
helfen (Jühhng 152). 

Gegen Wassersucht: (1683) ^^Ermelte Galle ron K^ühen und 
Ochsen tauget sehr wol in der Wassersucht (ascite) ivann man sie 
tvarm, wie sie von getödteten Ochsen kommet, giebet, treibet den Harn etc." 
(Schröder 1252). 

Zur Steigerung der Milchsekretion empfahl der Pseudo- 
Dioskurides (4. Jahrh. p. Chr.) Ochsengalle (Janus XII, 144). 

Wie alle Gallenarten, so mußte auch die Ochsengalle gegen 
Augenleiden helfen als Reinigungsmittel wie eine Seife. 

Plinius gibt (XXVIII, 47) eine Augensalbe: ^Jelle tauri cum ori 



Galle. 207 

alho collyriafmnt^^ Der Pseudo-Dioskurides (4. Jahrh. p. Chr.) empfahl 
ebenfalls gegen Aegilops (Augenschwär) die Ochsengalle, ebenso 
der um 330 p. Chr. lebende Sextus Platonicus Papyrensis, welcher 
(p. 403) schreibt: ^^Ad oculorum claritatem, contra caliginem. Tau- 
rini fellis cum opobalsamo et melle Attico oculis illiti ,, remedium 
maxime ad caliginem est et ad suffusionem ocidorum facit, ejusque 
hmnctio mire exhilarat.'-'' Dieses die Augenflecken (in Hornhaut und 
Linse) vermeintlich reinigende Mittel hat den Honigzusatz gewiß nicht 
als Geschmackskorrigens. Im 13. Jahrh. schreibt ein Arzt: .^Sivem 
diu Öligen rinnen der nem eins pliares galten und eines ales 
galten unde den soiich (Saft) der tviirze rerhena ^) unde fenechelwurze ^) 
finde rip den souch dar-ouse unde misch diu alliu zuo einander unde 
werme siu M einem fiure unde sih iz danne durch ein tuoch unde 
giuz si dann alliu samt in ein hörn oder in ein chophervaz unde 
strich die salben uzen umh daz ouge: ez ivirt schiere gesund unde 
trucJcen^^ (Pfeiffer 38). Dieser Verordnung folgen: (16. Jahrh.) ,^Wenf 
die auf/en stett rinnen, ncm eine rinder galten vnnd vonn [acd] 
sin gcdle, rorhene'^) hrautt saß, fenchel^) worczel saß, vermisch die 
gallen mitt den seßen, mach es warm rher einem feuer vnnd streich 
es durch lein tuch, das schmier ausen nnh die augen''^ (Jiihling 150). 

(16. Jahrh.) ^^ Vor die triefenden att ff en. Mm eines farrens 
galle vnnd eines Öls (Aals) gcdle vnnd vorhene (Verhena)'^) saß vnnd 
fenchelsaß ^) oder tvurtzel vnnd reyh das zu einem saß vnnd meng es 
alles zusammen vnnd trucTi es darnach durch ein tuch vnnd streich 
es ein auff die augen''^ (Jühling 145). 

Daß schon zu PHnius' Zeit die Verwendung der Stiergalle eine 
rein roh- empirische geworden war, erhellt aus dessen eigenen Worten 
(XXX, 37), daß „folliculus cujuslibet animalium fellis" nicht bloß 
Stiergalle, sondern irgendwelche tierische Galle gegen Niednägel zu 
gebrauchen sei; daß natürlich eine fettige oder fettseifige Galle er- 
weichend auf oberflächliche Hautgebilde und Ohrschmalzpfröpfe wirken 
kann, ist erklärlich, ebenso ihre Verwendung bei Hornhautflecken, 
die der Volksmediziner wie mit einer Fettseife wegreinigen wollte. 
Ihre ursprüngliche Verwendung aber war eine antidämonische, kathar- 
tische, aus dem Opfer des fruchtbaren Stieres abstammende. 

12. Schaf, Widder, Hammel, Lamm. (s. o. s. 88 u. no.) 

Die Schafsgalle ist auffallend grün. Das Vorbild PHnius, der 
mit Ausdauer alle Gallenartenverwendungen zu seiner Zeit gesammelt 
hatte, erwähnt die Schafs galle als Mittel für Hautleiden (XXIX, schats- 
35): ^^porrigines feile ovillo cum Creta Cimolia''^) inlito capite donec 
inarescat.^^ 

Dioskurides II, 96 führt sie ebenfalls als Reinigungsmittel für 
Aussatz und Grind, aber auch als ein solches für Geschwüre und 
Schmerzen an der Scham und am Hodensack an. 



ralle. 



^) Ueber Verbena s. o. S. 3H, 18, 19, 41, 125. 

^) Ueber Fenchel s. o. S. 40. 

^) Die Kimolische Erde von der Kykladeninsel Kimolos war bei Celsus VI, 5, 
ebenfalls ein Hautreinigungsmittel, dem er aber u. a. auch möglichst bitteren 
Honig zusetzte (Frieboes 310). 



208 ^^alle. 

Der Pseudo-Dioskurides (4. Jahrh. p. Chr.) gebraucht die Schafs- 
galle desgleichen als Mittel, um die von Flechten herrührenden und 
die sonstigen Hautnarben der übrigen Hautfarbe gleichzumachen (also 
als Tinktion) (Janus XU, 1907, 39). 

Plinius XXIX, 39 benützte sie auch als Mittel gegen Ohreii- 
krankheiten : .^nitres purgdt fei pecudis cum uteUc^^, mit Honig; mit 
Frauenmilch sind folgende Verordnungen: 

(13. Jahrh.) y,Sö dem menschen dm ören rcnvahsent oder rer- 
vcdlent, daz ez niht gehören mach, so nime eines ividers gallen 
nnde misch die mit eines ivthes sjnmne'^) unde yiiiz daz in daz öre^ 
(Pfeiffer 37). (16. Jahrh.) ,,Wcr da taub ist oder große hitze in 
seinen oJiren fuelet. Man neme eines wieders galle nind Butter 
rund laß es ivoJ vnter einander temperieren an der sonnen oder heg 
dem feiver rnnd tven es noch ein wenig warm ist, so thuc man es in 
die ohren mit einer Federn^' (Jühling 155). (16. Jahrh.) ^^Wer nicht 
wolle hortt, ncm ein gallen von einem tvedcr, die vormisch 
mit frauiven milch rnnd stop es in die oren'^ (Jühling 157). 

Gegen verivachsene Ohren soll man (in Tirol) Widder- 
galle in dieselben einträufeln (Jühhng 157). 

Plinius riet auch Lammsgalle als Mittel gegen die Epilepsie 
(XXX, 27): .^itrm fd /)cciidunt cum melle praecipue agninum^^; sowie 
gegen Konvulsionen (XXX, 22): ^conndsis fei orium cum lactc 
midieris'^ ^),' diese Verwendung gegen Epilepsie führt auch Jühling 
158 als neuzeitliches volksmedizinisches Mittel noch auf. (1683) ^^Dic 
(Widder-) Gallen (ivannmans in eine Wollen thut, und denen Kindern 
auf den nabel leget), laxiret , heilet den Krebs eußerlich (wann 
man Hin mit schmcret) tauget vor verschworene Ohren (wann 
mans mit Weihermilch'^) drein tropffet)^^ (Schröder 1319). Gegen Pod- 
agra empfiehlt Plinius (XXX, 27) „/e/ arictis cum sebo^^. 

Auffällig ist das Fehlen der Schafsgalle bei Augenleiden. Die 
Verwendung derselben im übrigen stammt sichtbar aus antiken 
Quellen, die nahezu wörtlich übersetzt wurden. 

13. Ziege, Bock. (s. o. s. 91 u. 172.) 

Neben der Stiergalle wurde aus erklärlichen Gründen auch die 
Ziegen- Galle der männlichen Ziege verwertet (Bock, siehe auch Rehbock, 
Schafbock); meist vertritt aber hierbei die Galle die Leber des männ- 
lichen Tieres. Der Altmeister Hippokrates (Fuchs III, 494; Hirschberg 
79) empfahl die Ziegengalle nur mehr als Vehikel für gebranntes 
Kupfer, Grünspan und Myrrhe bei Augenleiden, d. h. zu dem ursprüng- 
lichen reinigenden Kultmittel hatten sich bereits empirische Beobach- 
tungen beigesellt, die bei verschiedenen Gelegenheiten (Opferbrand? 



salle. 



^) Schon im Papyrus Ebers und bei Hippokrates (Fuchs III, 463) und 
Dioskurides IV, 99 wird Frauenmilch als Vehikel für allerlei Medikamente er- 
wähnt; auch im Kultus hatte sie große Bedeutung; namentlich die Milch einer 
Frau, die einen Knaben stillte {-(oXrj. -^vauot; xoupoxpöcpoD oder appsvoxoKOD). Ueber 
Frauenmilch s. auch Celsus VI, 6, § 8. Die Milch einer keuschen Frau (ya/^a 
fuva'.Tco? aa)'fpovo?) war auch für die christlichen Aerzte Cosmas und Damian 
(5. Jahrh. p. Chr.), die Nachfolger von Kastor und Polydeukes, der beiden Dioskuren, 
ein Augenheilmittel (Deubner 165). 



Galle. 209 

Bergwerken?) gemacht wurden. Plinius machte ausgedehnten Gebrauch 
von der Bocks galle (XXVIII, 47): „/c/ cpädcmi caprirrartiphiri- 
nüs modis adsunmnt cum melle contra caligines, cum veratrl candidi ^) 
tcrtia parte contra glcmcomata, cum vino contra cicatrices et alhugines 
et caUf/incs et ptoijgia et argema, ad palpehras rero, evolso prius pllo 
ciun siuo oJerls 'da ut unctio inarcscat^^, also gegen die verschiedensten 
Augenleiden; ferner unter Gleichstellung von Ziegenleber und 
Ziegengalle (XXVIII, 47): ^^guidam inassatl jocineris sanle inun- 
giint aut feile caprae; ad omnia (mala ocitlorum) mreteratum fei 
(caprae) efflcacias piitant^^ Ebenfalls bei Augenleiden, also als eine 
Art Panacee aus dem Safte der unverbrannten Leber oder Galle. 

Auch Celsus empfahl VI, 28 Zieg engalle als Mittel gegen 
Augenliderrauhigkeit, die man damit leicht heilen könne (Frieboes 
328); auch Galenus die bilis hirci agrestis gegen lusciositas 
(Blödsichtigkeit infolge von Bindehautkatarrhen) (Neue Jahrb. f. 
Piniol., Bd. 149, p. 139); siehe auch Gemsengalle und Rehgalle; 
der Pseudo-Dioskurides desgleichen die Galle der Landziege 
mit Honig gegen Scliwachsichtigkeit (Janus 1907, XII, 27) wie sein 
Vorbild Dioskurides (II, 96): j^Dle Galle der tv'tlden Ziege hilft 
eingestrichen als Spezifikum hei Nachts iehtigkelt^ auch die des 
BocJces leistet dasselhe^^ (Berendes 190). In der Schweiz (Schw. A. 
f. V.K. 1902, VI, 53) kehrt die Ziegengalle als Augenmittel wieder. 
.^Haar aus den Augen zu ezen. Nimm Bocks- oder Geißengall 
(aber Bochsgall ist besser)^ schmier damit die Augenbrauen, so fällt 
es weg^^, d. h. das Lidhaar, welches das Augenleiden bedingte. Be- 
sonders lehrreich ist die Stelle bei PHnius (XXVIII, 79): ^^Magi 
feile caprae sacrificatae^^) dumta.rat inlito oculis rel sub pulrino 
posito somnum cdlici dicunf"^, einesteils wegen der ausdrücklichen Er- 
wähnung der Galle einer Opferziege, andernteils, weil man 
mittels der Augen die Galle auf das Gehirn zur Schlaferzeugung 
einwirken lassen wollte; später oder früher kann auch die Galle des 
billigeren Hasen dazu verwendet worden sein von den ärmeren Leuten 
(s. 0. S. 195). 

Im 15. Jahrh. empfahl man deshalb auch: ,^Hatt einer den 
harten ivehtat/en des haux)ts. Er neme eine Galle vnnd 
Bocl'en unsleth, der gantz scJtarff ist, damit schmire ehr sich umb 
den schlaff'^ (Jühhng 259). Diese Massage der Schläfengegend mit 
Gallenfett kann manche empirische Gallen Verwendung erklären, die 
vielleicht zur Vertreibung eines Wurmdämons im Gehirn dienen sollte. 

Gegen Hautleiden ist die Bocksgalle oft angeraten, gleichsam 
als Aetz mittel für Hauttlecken und überflüssige Haare. 

Plinius (XXVIII, 77): „/'e/ caprae erulsis pilis triduo serratur 
inlitum^^, also als Hautverschönerung; (XXVIII, 60): „/'e? capri- 
num condylomatis per 5e", gegen Feigwarzen; (XXVIII, 50): maculas 
in facie tollit fei utriusque bubuluni s. caprinum per sese aqiia 
(nfractum'-^ ^ gegen Gesichtsfleeken; (XXVIII, 50): ^^hirci fei et 
lentigines tollit admi.rto caseo^^, ,ysicut elephantiasin tollit fei capri- 
num'-^, also gegen Hautkrankheiten und Aussatz. 



') S. o. S. 41. 

^) Vergl. o. S. 93 Opferziegenfleisch als Mittel gegen Epilepsie. 
Höfler, Die volksmedizinisclie Organotherapie. 14 



210 Galle.' 

Dioskurides (II, 96) sagt, daß Bocksgalle eingerieben die 
Feigwarzen vertreibt und die Auswüchse bei den an Elefantiasis 
Leidenden zurückhält; also wie sein Zeitgenosse Plinius, der vermut- 
lich aus einer Quelle schöpfte. Nach dem Pseudo-Dioskurides (4. Jahrh. 
p. Chr.) macht Zieg engalle die von Flechten herrührenden und 
sonstigen Hautnarben der übrigen Haut gleichfarbig (Janus 1907, 
XII, p. 98), und die Galle der wilden Ziege (siehe auch Gemsen- 
galle) oder des Bockes aufgestrichen vertreibt die Warzen (1. eod. 
p. 155). 1200 Jahre später schreibt ein Yolksheilkünstler: (16. Jahrh.) 
Die BocksgaUen treyht hinweg die fij(fH'avtzen rund böse diisscl 
(= Dr ü senk n ollen), In öp ff des Aussatr^es, reutet miß höß stielt - 
tiff fleiseli (Jühling 256), wiederholt also genau den Dioskurides. 

Gegen Ohrenleiden schreibt Plinius (XXVIII, 48) vor: .^iteut 
fei CG p rinn III eiiiii rosaeeo tcpieo (int imrri'^) snco.'' 

Gegen Halsentzündung lautet kurz des Plinius (XXVIII, 51) 
Verordnung: ,.angin<ie fei ea prinuin eum nie/le.^^ 

Gegen Genital- und Afterbeschwerden schrieb Plinius vor (XXVIII, 
77): .^ceterariim vero fei caJhim imlrariim einollit inspersum et a 
jmrgatione conceptiis faeit^'\ also gegen Uterusverhärtung (mit 
Sterilität). 

Der Pseudo-Dioskurides (4. Jahrh. p. Chr.) gibt an, daß die 
Sehmerzen Jin der weiblichen Schani durch aufgestrichene Ziegen- 
galle gelindert werden (Janus 1907, XII, 158). 

Gegen Afterleiden sagt Plinius (XXVIII, 61): ^^item sedis ritiis 
prodest fei rerinuni^^, und für Stuhlverstopfung empfahl er ebenfalls 
Ziegengalle mit den Worten (XXVIII, 58): j^iteni fei caprinl cum 
sale"'^) et nielle, caprae fei cum cyclaminis sueo et akiminis momento.'''' 
Wo Plinius die Ziegengalle nimmt, verwendet der um 300 Jahre 
später lebende Sextus Platonicus mit Vorliebe die Rehgalle (siehe diese). 

Für den Krebs streicht man in Tirol als ätzendes Mittel auf die 
])etretfenden Stellen Ziegeng alle (Jühhng 262). AVie alle übrigen 
Gallenarten vertreibt auch die Ziegen- oder Bocksgalle die verschiedenen 
Würmer (Dämonen). ..Wtdlen mit Geyligalleii geheitset auff den 
mdjcl gelegt treibt miß die H'iirni'^ (im Leibe) (Jühling 255), wie 
einen Dämon; wie die Bocksleber, so sollte auch nach Plinius (XXVIIL 
45) die Bocksgalle das schädliche Wieselgift überwinden: ^^Imic 
(mala medicmnentaj contrariiim est jocur caprinum sicutfel caprinuni 
veneficis ex musteUa rustica factis^' (Leber und Galle also gleich- 
wertig). (1683) ..Wann man mit dieser {Bocks-) Gallen eiißerlicli 
das männlu'Jie Glied bestreichet, so stimuliret und reitzet sie zur 
Lieb. Q. Seren.^^"^) (Schröder 1265). 

Nach Petrus Hispanus (um 1270 p. Chr.) heißt es: „Z>/e (Bocks-) 
Galle heilet das täffliehe Fieber , ivann mans mit ä Brot, Uy er- 
weiß und Lorbeer -Gel in ein Cataplasina bringet^^ (Schröder 1265); 
man sieht, wie vielseitig die Galle versucht wurde. 

Im allgemeinen kann man sagen, daß auch hier Anhaltspunkte 



') S. 0. S. 203. 
2) S. 0. S. 41. 

^) Quintus Serenus Samonicus (3. Jahrh. p. Chr.) entlehnte seine medicinae 
praecepta saluberriina hauptsächlich dem Altmeister Plinius. 



Galle. 2 1 1 

genug dafür da sind, daß man früher Galle und Leber für gleichwertig 
hielt und beide kathartische Mittel waren, welche wie eine Seife von 
Flecken und sonstigen befleckenden Krankheiten reinigen sollten. 

14. Gemse, (s. o. s. los u. ito.) 

Gemse ngalle vertritt nur die Ziegengalle. Gemsen- 

Dioskurides IT, 96 gibt an, daß die Galle der wilden Ziege saiie. 
(= Gemse) spezifisch wirke gegen beginnenden Star, Hornhaut- 
nebel, weiße Flecken und rauhe Augenlider, Nachtsichtigkeit etc., 
wie die Galle der Land- und Hausziege (s. o. S. 208). (1683) .^Genisen- 
gaUe JiiJfft cor den Staaren und andere Auf/enbeschiverden'^^ 
(Schröder 1265). Auch in Sclmmhen hilft Gern seng alle an die 
Augen gestrichen für Schürfe des Gesichtes (Jühling 47). 

15. Schwein, (s. o. s. 97 u. 174.) 

Die grünlichgelbe Schweinsgalle hat Hyocholsäure an Stelle sciiweins- 
der Taurocholsäure und Anthropocholsäure. ^^ 

Schon Hippokrates verwendete Schweinsgalle als Mutter- 
zäpfchen, um die nichtmenstruierende Frau wieder zu heilen und 
fruchtbar zu machen (Fuchs III, 354, 459). Plinius (XXVIII, 80) 
gebraucht dieselbe ebenfalls als Mittel zur geschlechtlichen Stimu- 
lierung: „coltus stimulat fei aprunum inlitum''^:, vergl. oben die 
Verwendung der Schweinsleber S. 174. 1683 folgt diesen antiken 
V^orbildern Schröder (p. 1249): .^Und tvenn man sich mit Schtveins- 
galle schmieret, so reitzct sie :*Ui' Venus m?" (Schweinsgalle und 
Schweinsleber sind diesbezüglich gleichwertig). 

Gegen Frostbeulen empfahl Plinius (XXVIII, 62) die Eber- 
galle: ^^perniones aprumim vel suilhim fel.''^ Dieses Vorbild 
kehrt 1716 — 1724 in der Schweiz wieder: y^Nimm im Spätjcüir die 
Galle von s. v. Schiveinen , bewahre sie auf und so einer im Winter 
ein Glied verfrert, nimm selbe Gcdlen und bade dz verfrorne Glied. 
Soll gilt setjn'' (Schw. A. f. V.K. 1906, X, 273). Das männliche 
Schwein hatte öfters den Vorzug, s. S. 47. 

Gegen Halsdrüsen (Kropfdrüsen) verordnete Plinius (XXVIII, 
51) Ebergalle: .^strumas discutit fei aprunum vel bubuhim tepidum 
inlitum^^ , welche Verordnung 1683 wieder erscheint: „Die Wild- 
schiveins Galle heilet die Kröpft (Schröder 1249) (Kropf = Hals- 
drüse). 

Die Schw ein sgalle dient auch wie viele andere Tiergallen gegen 
Ohrenkrankheiten-, auch hier beginnt den Reigen der Verordnungen 
Plinius (XXVITI, 48): „/>/ apri tepidum aurium dolori et vitiis 
medentur^'' :, ihm folgt sein Zeitgenosse Dioskurides (II, 96): „Z>?e 
Schw ein sgalle ivird gegen Geschwüre in den Ohren und 
gegen edle sonstigen (Leiden) mit Vorteil angewandt^^ ; dann Galenus, 
der die bilis suum domesticorum gegen eitrige Ohrenentzün- 
dungen empfiehlt (Neue Jahrb. f. Philol. 149, p. 139). Sextus 
Platonicus (um 330 p. Chr.) verordnet ebenfalls die Ebergalle gegen 
Ohrenleiden mit den Worten: „Ad aurium vitia. Apri fei in cor- 



212 Galle. 

tice mall granaii^) te])efacUim, still af um aurihus, midtimi proäest. Idcm 
et ])nt redin em auriiim emeudat^' (p. 401 ff.); von da tritt die Verord- 
nung ins späte Mittelalter über. (1683) „Die SchtveinsgaJ I e (jc- 
hrauchet man mit großem Nutzen zun OJii'en-Gesf'Jitvären , n-ie 
Biosl-urides ivllV (Schröder 1327). 

Gegen die verschiedenen Gesclnvürsformen 2) wurde die Schweins- 
galle als Aetzmittel benützt. Plinius (XXVIII, 74): ^^tüeeru, quae 
vero serpunt, fei apruniim cum resina et eerussa^'"^)'^ in neuerer Zeit 
galt die Verordnung: „3Ian dörre gegen einen schwärenden Finger 
eine Sei iig alle im Hftuehe und lege sie ((uf^ (Jühling 183). 

Gegen Milzleiden verordnete nur Plinius (XXVIII, 57) die 
S c h w e i n s g a 1 1 e : ., Vaneni sedat fe l eip ri rel s u i s potum . '' 

Gegen Stiihlverstopfung will (1683) Schröder (p. 1327) sie be- 
nützen gedörrt als Stuhlzä])flein (wie auch andere Gallenarten). 

Schweinsgalle verhindert das Wachsen der Htatire, meinte 
Schröder p. 1327 (s. Hyänengalle). 

Und gegen St. Valentins-Krankheit (Epilepsie) wurde unter an- 
derem auch Saugalle empfohlen (Jühling 183). 

In den altnorwegischen Hexenformularen wird, wenn Bärengalle 
(s. 0.) nicht vorhanden wäre, Seh wein sgalle (svine galde) gegen 
Wnrm oder Schlangenbiß empfohlen (Fonahn 5, 28); auch im 
isländischen Heilbuche des 13. Jahrhunderts steht: „Ved saar tag siden, 
si'ine- eller kcerggalde og stoed met salt og peber og heg det ved saaret 
paanyt lirer aften og morgen. Det lielhreder sardelcs veV^ (Groen); 
dieses Wnndenmittel entstammt wohl auch der antiken, durch die 
Mönche vermittelten Volksmedizin. 

16. Hyäne, (s. o. s. 102 u. ne.) 

Selbstverständlich schöpfte hier Plinius aus ägyptischen Quellen; 
in der deutschen Volksmedizin fehlt das Tier. Wie die Schweinsgalle 
Hyänen- das Wacliscn der Haare verhindern sollte, so auch die Galle des 
^^ ^' schweinähnlichen Borstentiers, der Hyäne, nach Plinius (XXVIII, 
27): ^^pilos etiani auferri liac eoiiipositione inlita aid per se feile 
hgaenae^'^ welche Anwendung wohl auf die Galle des Schweines in 
der deutschen Volksmedizin des Mittelalters übernommen worden 
sein kann. 

Gegen Augenkrankheiten verordnete Plinius die Hyäneng alle, 
und zwar gegen Star (XXIX, 38): ^ysnffnsionem oculorum'^) canino 
feile mcdehat quam hyaenae curare Apollonius Pitaneus cum melle''^ '^ 
(XXVIII, 27): ^^lijqiitudini fei hyaenae inlitum front ihus'"'' , also 
auch gegen A.ugenfluß, wie auch andere Gallenarten. Bei Scribonius 



^) Der Granatapfel war ein Totenopfer (Rohde I, 241, 242), aber auch 
ein Gesundheitsopfer (z, B. Votivgabe aus Ton in Veji), das vermutlicli die Würmer 
vertreiben sollte; er war eine Speise der yO-ov.o:, deren Communio heilsame, aber 
auch tödliche Folgen haben konnte. 

^) Vergl. oben Schweinsleber. 

3) Cerussa = Blciessig (Frieboes 596); das ßleipflaster als Geschwürmittel 
machte sich später von der Gallenbeimischung unabhängig. 

^) Suffusio Celsi = üko/ugic Hippokr. (Star), ßerendes 316; Hirschberg 282, 
YXayxtooi«; Hippokr. 



Galle. 213 

Largus (43 p. Chr.) c. 38 ist gegen die sufFusio oculorum (= Star) 
Hyänengalle mit Fenchelsaft etc. empfohlen (Hirschberg 29). Bei 
Galenus (f 201 p. Chr.) ist Hyäneng alle gegen beginnenden Star 
erwähnt (Hirschberg 343). In Vordergrund treten bei der Hyänen- 
galle (wie beim Hyänengehirn) die vom Volke als Dämonentat an- 
gesehenen Schmerzen, und zwar die (Magen-) Herzschmerzen bei 
Plinius (XXVni, 27): ^^memhranam qiiae fcl hyacnae cont/nuerit, 
cardiacis potuni in vino rel in clho sumpüim sumrrere^^ ; dann gegen 
Nervenschmerzen Plinius (XXVHI, 27): ^^nerris medidlas c dorso 
cum olco vctcre et feile Jiyaenae'-^ , sowie gegen Fußschmerzen 
PHnius (XXVni, 27): „in eodem morho (podagra) prodesse et fei 
hy aenae^^; ähnlich wurde auch das Hyänenherz (s. u.) gegen solche 
dämonistisch veranlaßten Schmerzen verwendet. 

Mit dieser Hyänengalle darf nicht verwechselt werden die Galle 
eines „Hyäna"' genannten Fisches (s. u.). 

17. Kamel, (s. o. s. 103 u. 177.) 

Auch hier schöpfte Plinius aus ägyptischen Quellen. Aller Wahr- 
scheinlichkeit nach mußte die Kamelgalle die in der volksmedizini- Kamei- 
schen Verwendung fehlende Kamelleber ersetzen; übrigens neigte ^^^^^' 
Plinius im Widerspruche zu seiner ausdrücklichen Verordnung der 
Kamelgalle zu der Meinung, daß dem Kamele, „dem nie zürnenden 
Tiere, dem Muster unsäglicher Geduld", die Galle als Zeichen des 
Zornes fehlen müsse (VHI, 216) (Keller 36, s. Taubengalle). Plinius 
(XXVHI, 26) teilt ferner mit: .^comitialihus niorbis ajunt mederi item 
fei camell cum mclle potum}^, daß sie also wie das Kamelhirn (s. o.) 
ein Epilepsiemittel sei; ferner (loco eodem) gegen Halsentzündung: 
>dioc (fei cameli) et anginae nieder l.^^ In der Tat fehlt dem Kamele 
die Gallenblase, wie dem Pferde, Esel und dem Hirsche. 

18. Löwe. (S. o. S. 104 u. 177.) 

Bei Plinius XXVIII, 25 wird die Löwengalle als Augen- Löwen- 
niittel angeführt: .^fel leonis aqua addita rlaritatem oculis inunctis ^^^^® 
facit^^-^ worin hierbei der Vorzug der Löwengalle zu begründen wäre, 
bleibt unklar. Der Pseudo-Dioskurides (4. Jahrb. p. Chr.) meinte, 
daß Löwengalle mit Honig und Wasser 7^) Tage lang gegeben, ein 
Mittel gegen Epilepsie sei (Janus 1907, XII, 19), vermutlich als 
chthonisches Wesen, dessen Galle eine Art Gegenzauber gegen Dämonen- 
einfluß gewähren sollte. 

19. Pferd, (s. o. s. loe u. i78.) 

Während die Eselsleber häufiger ist als die Eselsgalle ^) als volks- Pferde- 
medizinisches Mittel, fehlt die Pferdeleber ganz und sollte wohl durch ^^^^^* 
die Pferdegalle vertreten werden, die man zu Plinius' Zeiten als 



') Die Zahl 7 ist heilig. 

^) Die Eselsgalle scheint ganz zu fehlen in der Volksmedizin, da der Esel 
wie das Pferd keine Gallenblase hat. 



214 ^alle. 

Gift ansah (XXVIII, 40): ^^damnafur eqitinum fcl tanhmi intcr 
vcnena; ideo flamini sacrorum ecum tangere non licet, cum Bomae 
puhlicis scicris ccus etiam immoletur.^' 

Plinius fiel es auf, daß man ein Tier opferte, während der Opfer- 
priester es sonst nicht berühren durfte; es war eben als Gottheits- 
gestalt zeitweise ,,tabu", äußerst heiHg; wie z. B. bei den Aegyptern 
das Schwein (s. o. S. 98), das dieselben zeitweise für heilig hielten 
und opferten, in der übrigen Zeit aber nicht verzehrten. In histori- 
schen Zeiten scheint es, daß die Furcht und der Abscheu vor dem 
Schweine die Ehrfurcht und Anbetung überwog, deren Spuren es selbst 
in der Erniedrigung nie ganz verlor; es wurde sogar mit der Zeit als 
eine Verkörperung von Set oder Typhon, dem ägyptischen Teufel und 
Feind des Osiris angesehen. Die Galle des Pferdes als eine Art 
Tabu (oder Gift?) konnte in Analogie dann auch übernatürliche schäd- 
liche Kräfte besitzen, die man scheute, so daß die Pferde galle als 
volksmedizinisches Mittel nur selten beobachtet wird; außerdem fehlt 
dem Pferde die eigentliche Gallenblase; die Ausführungsgänge der 
Leber, welche die Galle enthalten, sind allerdings beim Pferde beulen- 
artig erweitert, so daß sie beim Anschneiden der Leber diese leicht 
mit Galle verunreinigen; darin mag auch der Grund liegen, daß die 
Pferdeleber auch als volksmedizinisches Organmittel fehlt, weil sie 
angeschnitten durch die nicht abgesackte, sondern frei ablaufende 
Galle fehlerhaft benetzt wird. Xur der um 330 p. Chr. lebende Sextus 
Platonicus führt die Pferdegalle als Brechmittel und gegen die 
Harnwiude an: ^^Fel ejus (cqui) lootiim vomitorluni est. Ad stran- 
f/urhtni equinuni fei pofuni nürahiUfcy profirit''^ (p. 408). 

20. Reh. (s. 0. s. 107 u. its.) 

Rehgalle. Dje Reh galle entspricht der Ziegen- oder Bocksgalle (s. o. 

S. 208) und war bis zum 18. Jahrhundert offizineil; sie war ver- 
mutlich auch Substitut für die Reh- und Bocksleber. Am frühesten 
und häufigsten wird die Rehgalle erwähnt von dem um o30p. Chr. 
lebenden Sextus Platonicus; vor allem gegen Augenleiden: „Ad ccdi- 
ginem oculorum. Fei cajyreae cum melle Attico mixtum, eontritumque 
inunges oculis cfdiginem potenter discutit et claritatem praestcit" ; gegen 
Halsschmerzen: ^^Ad anginam et fauces toJlendas. Fei caprcae 
melle mixtum faucihus illinitur seil imponitur, mire sancit. Ad omnia 
vitia, quae in faucihus nascuntur, Capreae fei cum melle, myrrha, 
croco et pipere aec[uis ponderibus coques in vino donec contrahatur et 
ex CO quotidie fauces tangas, dum sanac fiant^^ ; ebenso wieder gegen 
Allgenleiden: „J.r? suffusionem oculorum et caliginem aliaquae eorun- 
dem vitia. Fei capreae draclim. 1 et modicum vini veter is cum melle, 
tit teri possit, inunges sanantur. Idem facit et ad cicatricem et arge- 
mata et nephelion et glaucomata et pterygia, si ex eo feile inungantur. 
Item ex eo feile inungantur palpehrae cum oleris succo, extractos pilos 
non sinit renasci^^ ; gegen Zahnschmerzen: „J.f? dentium dolorem. 
Fei capreae cum rosaceo tene et dentilms tepef actum instilla, eorum 
dolorem sanaf^ ; gegen Verstopfung: „^cZ ventrem solvendum. Fei 
capreae suptpositum ano cum succo cyclaminis Jierhae et aluminis cdi- 
quantido aut anetlio comhustum induito, cave ne JiaemorrJwidas haheat^^ ^ 



Galle. 21 



gegen Geiiitalgeschwüre : „vlc? rcrdri cxulcerationeni. Fei cffjfrcac 
nii.rtiiDi nun melk mit siieco ruhi appositwn mirc sanat^' ; gegen 
Hautfratte: ^/acit et ad ruptiones ex ictu tunicuJarum eum lade 
malierls^) tepiclo. Hoc autem fei (enpreae) quanto vetustius fuerit. 
tanto melius erit^^ ; gegen Sonnenbrand der Gesiclitshaut: „yl(? us- 
t(onei}i Solis in facie. Fei capreae cujita dilutuni et mi.duui edque 
illitiun, facicm a Sole penistam emendat^^ ; gegen Gresichtshautflecken: 
^^Äd lentigines et alias maculas de facie tollendas. Ideni fei (capreae) 
per se adservatnm et illitum lentigines in facie discutit et maculas 
Oiiuies e.rtenuat. Idem cum melle et nitro comnnxto et spongia comhusta 
et sidfure vivo ad mellis crassitudinem redactum et in faciem illitunf 
emendat (Vorläufer der Jodschwefelseife). Vel capreae feile drachn. 1. 
farinae lupini et mellis drachm. 4. commiscebis in unum et inde faciem 
linies limpidamqiie illam efficies^^ ; gegen Ohrensausen: ^^Ad tinnitnm 
et sonmn aurium. Capreae fei eum rosaceo sueco et sueco porri^) tepe- 
facti cmrictdae instillcdum et sonos emendat et aurium quoque doloreui 
mire eohihet^^ ; gegen Tronimelfellperforation : ^^Äd ruptionem interio- 
rem aurium. Capreae fei cum midieris laete (s. S. 208) infuderis, 
deinde cum melle hono mox proderit.^'' Diese ganz lokalen Behand- 
lungen mit Galle sind rein empirische Methoden, aus der Verwendung 
der Bocksgalle ühernommen. 

(16. Jahrh.) ^^item, tviltu Mnder nuichen , nim die (geile?) 
galle vonn einem recJibocJi vnnd (als demonstratio ad oculos) die 
hodenn von einem fuelis, pfefer, Senfsamen, iezlichs eines gülden scJnver 
vnnd honicJc VI lott^ das mische alles vnnd mache ein posterei (= Sup- 
positorium) daraus vnnd das thue in die güldene portltenn, so ivirdt die 
frau schiuanger eines hiahen, ist aber, daß sie nimpt eine geile (!) von 
einem mutterlein vnnd nicht von dem boch, so wird sie schtvanger einer 
tochter''^ (Jühhng 142) (Galle und Geile sind hier sichtlich verwechselt, 
s. 0. S. 193). (1683) ,,Die (Rehbocl^:-) Galle ahstergiret die Flecken 
des Anr/esiehts ^ den Staaren der Aitf/en und heilet andere 
Kranl'heiten, tvann mans mit Honig drein thut, vertreibet das Klinf/en 
der Ohren f tvann mans mit Bosenöl drein tropffet, lindert die ZaJin- 
sehnierzen auf gleiche Weise gebraucht" (Schröder 1271). 1702 
wird in einem volksmedizinischen Gedichte (Janus 1899, p. 234) an- 
gegeben: ,^Wenn man mit Rehengall e die Hände öfters schmiert, 
so tvird die Haut subtil, schön iveiß und geziert''^ (sie dient also zur 
Hautverschönerung durch ihren Natrongehalt). 

21. Maus. (s. o. s. 109 u. 179.) 

Maus galle erwähnt nur der Pseudo-Dioskurides (4. Jahrh. Mausgaiie. 
p. Chr.) als Mittel, um fremde Tierchen, die ins Ohr geraten sind, 

daraus zu vertreiben (Janus XII, 1907, 83) (Ohrwurmtherapie). Batte 
und Hamster haben keine Gallenblase. 

22. Igel. (s. o. s. 112 u. 180.) 

Nur Plinius erwähnt die Igelgalle, und zwar Bmal als Haut- igeigaiie. 
Verschönerungsmittel (XXX, 46): „psilotrum est fei 

') S. o. S. 208 u. 28. 
2) S. o. S. 203. 



216 G^alle. 

(XXX, 41): ,/e? irenacei ex aqua ad vitlliglnes^^ : (XXX, 23): 
^yvertieas omnnim genemm tollit irenacei feP^; ferner gegen Gesäß- 
frattigkeit (XXX, 22): ,^adtritls medetur fei irofaccl cum ccrchro 
rcspert'Uionis.''^ 

Vögel. 

Ihre Galle wurde hauptsächlich zu Augenleiden benützt; sie sollte 
schärfer sein als die der Vierfüßler. 

23. Gans. (s. o. s. 115 u. 181.) 

24. Ente. 

Anas (anat), vr^c-a (vY^t-ja, vy^-yco schwimme), ahd. anut; sie war als AVild- 
ente den ludogermanen bekannt : in der Volksmedizin vertritt sie die Gans : 
sie spielte aber gegenüber der letzteren immer eine untergeordnete Rolle im 
Altertum wie im Mittelalter. Die Gans war der erste Vogel, der sich an den 
Menschen gewöhnte. 

Gänse- und Gänscgalle enthält (Jhenocholsäure an Stelle der Taurocholsäure. 

Entengalle. pünius erwähnt sie als Augenmittel (XXIX, 38): „/>/ anseri- 

mim ad albi((//ucs oculoruni.^' (1563) -^Die GChisc-Gallc wirf zu 
den Tier^stoßeneu aiujen geloht. Bise Gall iiiit Ochsengall und 
I orlecrsafft rermisrltt , guccrt die ühelhörenden rund tummen.'' 
.^Dem zaepfflhi im Hals hilfft man zu stund dise g allen mit 
ivild hürhscnsafft ^) und lionig rermisclit^^ (Jühling 196). 

(16. Jahrh.) .^ Wer nicht ivol hören Jean. Nim die gall rou einer 
endte rnnd gute lauge rund thue es dir zugleich in die ohren. Oder 
menge die endeng all mit fraivenmilcli^^ (Jühling 191) (Ohrenleiden). 
Sextus Platonicus (um 330 p. Chr.) führt die Gänsegalle auch 
als Mittel gegen die Hegedrüsen ^) an mit den Worten: .^Äd ingucn. 
Fei anserinum cum mclle (Honig S. 43) mixtuui et pauca ccra 
conteres et eo locum liuies, remedio erit''^ (c. XXXII, p. 422). 

25. Huhn. (S. o. s. in u. i82.) 

Hühner- Die Galle eines schwarzen Huhns bevorzugte das Mittelalter; 

^^"^- jedoch die Galle eines weißen Huhnes (s. o. S. 32, 117) stellte Dios- 
kurides (II, 96) höher als die der Fische und der Hyäne, vermutlich 
nach ägyptischem Vorbilde. Plinius (XXIX, 38) führt die Hühner- 
galle als Mittel gegen Augenleiden an: ^.^item in gallinacei feile 
ad argcma et allmgines oculoruiu''' ; auch Galenus (Neue Jahrb. f. 
Philolog. Bd. 149, p. 139) erwähnt sie als Augenmittel, und der 
Dichterling Quintus Serenus (f 235 p. Chr.) besingt sie mit den 
Versen : 

r,Fel quoque de gallo mollitmn simplice lympha 

Exacuet puros dempta caligine visus"' 

(Hirschberg 311); also als Mittel gegen Augenleiden. Der Pseudo- 
Dioskurides (4. Jahrh. p. Chr.) empfiehlt die Galle des Feldhuhns 



') Kürbissaft aus Cucurbita j^epo rechnete Celsus zu den kühlenden Mitteln 
(Frieboes 629). 

^) S. Höfler, Krankheitsnamenbuch S. 104. 



Galle. 217 

gegen Schwachsichtigkeit (Janus 1907, XII, 27). Ihnen folgen 
Gesner, Tierbuch (1563), und die übrigen Medikaster des Mittelalters 
und der neueren Zeit. 

(1563) „Z)ie galt ron Hennen sunders ron den iveijßen vnnd 
Rähiiüneren (s. u.) an den leyh gestrichen nlmpt die fläeken deß 
seJhigen^^ (Jühling 203). (1683) „D/e (Hühner-) Galle nimmet die 
Flecken der Haut himveg, tuann mans mit schmieret; sie tauget 
vor die Augen^^ (Schröder 1345). (1563) „/S'o einem das wasser an- 
facht in die auf/en fließen, so nim Maußhliit, Hanengall vnnd thu 
glych so vil tveihermilch darzu, rermische es ivol rnder einanderen vnnd 
hrauchs'''' (Jühling 204). .^Hanengall mit tvasser getrunchen rnnd 
zehen tag licin tveyn getrunchen, wirt die fallend sucht hinnemen''' 
(1. eod.). ^^Filr sich selbs wirt er (Hahn eng alle) auß essich oder 
tveyn für der gifftigen schwümmen (Pilze) f/i/f't getrunchen^' (1. eod.) 
(anderwärts werden die Bäume gegen Raupenfraß mit Ochsengalle an- 
gestrichen). ^^Also frisch übergeleget, ist (die Hahnengalle) dem 
l^odaffvan dienstlich}^ — ,^Veber die hitzigen geschtvär, so in der 
nasen wachsend gelegt, heilet die selhigen^^ (1. eod.). (16. Jahrh.) 
^^Xini Ha7iengalle, hassin vnnd Öles (Aales) galle rnd menge die in 
warmen Wasser^^ (Auf/en salbe) (Jühling 211). (16. Jahrh.) ^^Zne 
den auf/en^ nem hanengallen, heclitgallen, mengs durch einander 
rnnd bestreich oben die augenglett (Lider), machtt die äugen hei rnnd 
Jdar^^ (Jühling 215). (18. Jahrh.) j^Recipe Haasenschnialz, schwärt ze (!) 
Hennengallen, Fischgallen, Hasengallen, Butensaft und Fenliclsaft. 
tue es alles in einen sauberen Mörsel, temperiers ivohl durch ein an- 
deren, so gibt es ein schönes Oel, streiche es dan auf die Augenlieder, 
das macht ein scharpfes Gesicht , dar ob sich zu verwunderen''' 
(Schweiz. A. f. V.K. 1906, X, S. 269). 

Die Hühnergalle tritt also fast ausschließlich nur bei Augen- 
krankheiten in Verwendung; nur der kastrierte Hahn (Kapaun) macht 
eine Ausnahme; aber auch hier ist die Hautfleckenreinigung beabsichtigt. 

(18. Jahrh.) „Für edle Maasen. Recipe Capunengalle und 
Fyerl'lar, temperiers untereinander und salbe die Massen dar)nit^^ 
(Schweiz. A. f. V.K. 1906, X, p. 268; Jühling 188). 

26. Geier, Weihe, Habicht (s. o. s. 120 u. i83.) 

Seine Galle war früher offizinell. cieiergaiie. 

Schröder 1339 meinte, daß Hippokrates und Plinius den Habichts- 
kot {^= (xalle?) als Mittel gegen Unfruchtbarkeit der Frauen empfahlen. 
Plinius (XXIX, 38) erwähnt die Geier galle als Augenmittel: 
^eadem. vis est in vulturino feile cum porri succo et melle exiguo ad 
argema et albugines oculorum''^ ; auch der Dichterling Quintus Serenus 
(f 235 p. Chr.) erwähnt die Geiergalle ^^rulturis atri fella}^ gegen 
Oreisenstar (Hirschberg 311). (Ueber schwarze Farbe der Tiere 
s. 0. S. 30 — 32; hier ist der schwarze Geier wohl Adler [s. u.].) Sextus 
Platonicus (um 330 p. Chr.) führt die Geier galle ebenfalls als 
Augenmittel an mit den Worten (cap. XXIV, p. 417): ^^Ad ccdiginem 
oculorum. Vulturis fei mixtum cum succo marrubii'^) omnem ccdigineni 

^) Marrubium, im Mittelalter Andorn oder „Gottvergessen" genannt, weil 
Zauberkraut. S. 0. S. 17 u. 184. 



218 Galle. 

discutit et incipienteni suffusionon parifcr sistit.'' Des Pliiiius Augen- 
mittel (Collyrium) ist im folgenden gemeint. (13. Jahrb.) .fiuclt 
sprecJient die physich, daz Ypocras nie neli ein collirium gcmachetc^ da 
er suo des f/ires g allen wolt enhern}'' Hippokrates wendete aber die 
Geiergalle dazu nicbt an. 

(13. Jabrb.) .^Swent diu ouf/eu ive iifontf der nenie des gires 
g allen unde siede die in honege ane rouch ; als er sich danne släphen 
legen ivelle, so sitz ziio einem fiure unde habe diu ougen zuo unde 
heize si damit unde lege dich danne slcrphen, so du danne des morgens 
ouf stest, so hast du heitrin ougen"" (Pfeift'er 48). 

(1563) .^Gyrengal auß tvasser gewaschen ninipt die fläcJicn der 
äugen'' (Jiibling 200). (1563) „!>/// (Geier) schwcdtz mit sampt 
der galten, alten sclimer rnnd honig als ein pflaster rhergelegt ni)upt 
die weetnqen der neruen vmid das HandffsiU'hte (Clilra(fva) 
(Jübling 199). (1683) .jrie (Geier-) Galle soll die schwere Woth 
rert reiben, tvann man sie mit Wein gebrauchet''^ (Schröder 1354) (wie 
seine Leber, s. d.). 

(1683) .,Bie (Weyhen-) Galle dienet ror dir Augen^^ (Schröder 
1349). 

Geier- und Adler g alle galten zur Zeit von Galenus als weit 
schärfer als Hübner- und Rebbühnergalle: „accipitrum vero et aqui- 
larum biles impendio acres sunt." 

27. Adler, (s. o. s. 122 u. i83.) 

Adiergaiie. A dl ergalle erwähnt Plinius als Augenmittel (XXIX, 38): 

^^aquilae feile mixto cum melle Attico inunguntiir nubectdae et 
ccdigines suffusionesque oculorum^ ; (XXIX, 38): ^^aquilae cerebro 
rel feile cum Attico melle^' ; auch Dioskurides (II, 96) führt die 
Adlergalle als Heilmittel an (11, 96). Sextus Platonicus (um 330 
p. Chr.) folgt dem Beispiele des Plinius bei diesem Augenmittel mit 
den Worten: ,^Ad oculormn suffusionem Aquilae feile mixto cum 
melle Attico inungas'' (cap. XXIII, p. 416). 

(1563) ^^Sein (Adler-) gall ivirt gedistilUert rnnd mit rioloel 
für den selimertzen der oren geh raucht.''^ ^^Man macht auch darauß 
ein hauptr einigling für die kind (Impetigo?) oder man geußt jnen 
ein artzney daruon in die nasen, die bläst ciarinn aufzidösen''^ (Jüb- 
ling 185). (1563) ,^Adlergall mit andren (Andorn) i) safft, myrrhen 
rnnd honig, so nie keinen rauch erlitten hat, r ermischt rnnd die äugen 
damit bestrichen, nimpt edle tünckle derselbigen hin, beivart auch die 
ror allen zuf elligen Kranekheiten''' (Jübling 185). 

^^Sein (Adler-) Gall mit honig genützet, heilet die weyße miisel- 
sucht (Lepra) rnnd den außsatz^^ (Jübling 185). 

28. Rabe. (s. o. s. 123 n. i84.) 

Raben- (1563) ^^Uap^pcn-Gall mit aliuiuile ole.i r ermischet rnnd auff 

^^^ ® den gantzen leyb gestrichen hilfft dem vergalsterten menschen dem 

(durch Zauber) sein mannheit genommen ist (cds Gegengift)'"' (Jübling 

226). Daß die Kinderlosigkeit als Folge von Groll der Gottheiten 

') S. S. 17, 184, 217. 



Galle. 210 

aufgefaßt und dementsprechend mit Opferspenden und Schlachtopfern 
behandelt wurde, s. Z. d. V. f. V.K. 1907, 8. 195. fn der Schweiz, 
der Heimat Gesners , kehrt obiges Mittel (giigen Impotenz) wieder 
(Schw. A. f. V.K. 1902, VI, S. 55): ^^Wenn ein Mannsbild von einem 
bösen Weibe tvere rerzauhert ivordcn . . . item, schmiere den ejanzen 
Leih mit Baben-GaUcn und du ivirst erlöset''^ (von der Impotenz) ; 
nur ist hier die Rabengalle ein Gegenzauber gegen die durch Zauber 
verursachte Krankheit. 

29. Eule. (s. 0. s. 125 u. is4.) 

Nachteule (Kautz); deren Galle erwähnt Plinius, h. n.XXIX, Enien- 
38: .,()Jaucomcda dicunt Magi emcndarc cmt feile recenti axionis^'', ^^^^^' 
als Mittel gegen Augenglaiikom. (1683) „D/e (Kautzen- oder Eulen-J 
Galle taufiet zun Augen flecken''^ (Schröder 1349). 

30. Schwalbe, (s. 0. s. 127 u. i84 ) 

Nur Plinius hat die Schwalb eng alle als Enthaaruugs(Verschö- schwalben 
nerungs)mittel (XXX,46): ^^idem (psilotrum) erenire traditur hiriindi- ^^ 
nino sauf/imie rel feile/ (Galle und Blut also gleichwertig!). Auch 
der Dichterling Quintus Serenus (f 235 p. Chr.) führt die Schwalben- 
galle als Augenmittel an {.^ndturis cdri fella chelidoneae für int 
quis gramina mista. Hacc etiam annosis poterunt succurrere morbis^' 
(Hirschberg 311); auch der Arztphilosoph Sextus Platonicus (um 330 
p. Chr.) schreibt dieses Augenmittel vor mit den Worten : ^^Rirundi- 
nis imlli cincrem cum melle in ocidos mitte cmt Jii rundinis fei et 
sanguinem inungito; mire prodest^^ (cap. XXXIV, p. 423). 

31. Taube und Haselhuhn, (s. o. s. 128 u. 184 ) 

Taube und Haselhuhn haben zwar keine eigentliche Gallen- Tauben- 
blase, aber doch zwei Gallenausführungsgänge. Daß die Taube ohne ^^^^^ 
Galle sei, war nur eine Annahme der späteren Zeit. Die Natur- 
forscher und Aerzte, welche noch aus dem blutigen Taubenopfer eine 
wirkliche Beobachtung diesbezüglich haben konnten, wie Aristoteles, 
h. a. II, 15, 8, Plinius XT, 37, 194, Galenus, De atra bile 9, sprechen 
ihr Galle und Gallenblase zu (in Wirklichkeit hat die Taube zwei 
Ausführungsgänge für die Galle, die im Dünndarm münden)*, erst mit 
dem Verschwinden des blutigen Taubenopfers und mit dem Bestände 
der Schullehre, daß die Galle der materielle Sitz des Zornes sei, kam 
die falsche Behauptung auf, daß die sanftmütige Taube gallenlos 
(acholos) sei, wobei natürlich die Umdeutung aus letzterer Anschau- 
ung auf den Organzustand die wesentliche Veranlassung gewesen sein 
kann. Clemens, Isidor, Sedullius, Horapollo, lauter christliche Ge- 
lehrte des 2. — (3. Jahrhunderts p. Chr., bezeichneten sie als gallen- 
loses Tier (Lorenz 15): „LOTOpslTat, §£ ozi oo '/oXtjV sysi toöto tö QC^ov^'. 

32. Rebhuhn, (s. o. s. 129 u. iss.) 

Plinius (XXIX, 38) beruft sich bei der Verwendung der Reb- 
huhngalle gegen Augenleiden auf Hippokrates: ,/e/ per die um 



ralle. 



220 G^alle. 

cum mellls aequo ponderc per se rero ad clar'dateni oculoruni er H'q)j)0- 
kratis putant auctoritafc''^ (die uns bekannten Hippokratischen Bücher 
führen aber nur die Ochsenleber als solches Mittel an); übrigens folgen 
auch Dioskurides II, 96 dieser Augenmittel- Verordnung und auch 
Galenus (Neue Jahrb. f. Philol. B. 149, p. 189) empfiehlt sie als 
solches AugenmitteP); auch der Dichterhng Quintus Serenus (f 235 
Rebhuhn- p. Chr.) führt die Rebhuhngalle als Mittel gegen Augenver- 
(lunkehing an: ..Exaruet puros dempta caUginc risus . . . Seu fei 
per di eis jiar'fji cum pondere meJJis" (Hirschberg 311); ebenso folgt 
dieser Aiigenmittel-Yerordnung Sextus Platonicus (um 330 p. Chr.) 
mit den AVorten : ,^Äd caUginem ineipientent sutf'usionem ei glaucomaia 
(IcticomataJ. Haee est compositio rem, quam frequcntlus ipsi e-rperti 
sumus. Perdicis fellis resictda quicqiäd hahuerit, ad haee coid- 
m'fscens opohaJsamum ryatlio imo in se comixtum eonteres diJigentcr et 
rcj>oncs in pg.ridc stannea sire argentea et inde Inunges, mh-aheris 
rffcrtuni. Et licet qids jfrorsus jwn ridccd, sed tarnen j)upitlam inte- 
gram liaheat, sine difficidtatc cura/jitur. Hoc nos ipsi frequentcr tcn- 
tavinnts'-' (cap. XXVI, p. 418). 

Solchen antiken Beispielen konnten sich deren Abschreiber im 
Mittelalter nicht entzielien. 

(Mndl.) ..J)i( galJe ran der pertrisen glieiveghen jeghenlionech 
claert die oetjUen'-^ (De Vreese 140). 

(12. Jahrb.) ^^Ad iijijdtudinem (K-idornm. Nim des rephänes 
gaUun unde sine h/atenin unde inische sie mit dem haJsamo oJdir 
mit dem ole unde salbe diu otujhi ddmite. Geseliit oucli der niut 
unde hat er die qanzin sehun ^), er gesiet sclitre äne zivivel''^ (Pfeif- 
fer 13). 

(1683) „D/f Galle ron Behliühnern dienet denen Auf/en vor 
andern" (Schröder 1352). .^Wann man mit dieser (Rehhuhn-J 
Gallen täglichen die Schiäff' bestreichet, so soll sie die Gedächtnifß 
rerbessern^' (1. eod.). (1563) ,,Z)ise (Rebhuhn-) Galt mit Ixdsam- 
safft^ Opobalsamum'-^) in Apoteclien genennt, vnnd mit fänckelsafft'^) 
au ff gestrichen, schcrpfft das (jcesicht^' (Jühling 227). ^^Wider die 
tunclden aiif/en^ sternfäJ^ f/rrnre ßäcken der selbujen, ist difi 
ei7ie tvcdtrhaff't, hrefftige vnnd offt erfarne artsney. Ein licdb bächcrlin 
lüilden Galgant rein gepidueret, balsamsafft eiji bächcrlin, darunter 
vermischet (die) gantze (Riebhuhn) g allen, diß thu dann in ein 
zinin büchß vnnd bestreich den scheiden damit, so ivirst du ivunder er- 
faren''^ (1. eod.). ..IJnnd wenn einer schon gar nit sehe, doch diewegl 
der Stern gantz ist, so tvirt er leichtlich gneert tverden^^ (1. eod.). 
j^Wider das übeUiören^ für die Tümme, tröitff ivarme Räbhiuier- 
g allen in die oren^' (1. eod.). .^Ein gut Gedächtnuß zu machen. 
Nimb ein Gall ron einem Rephun, schmiere damit die Schiäffe ivolil, 



^) „Ceterorum volatilium animalium biles omnes tum acriores tum sicciores 
sunt quam quadrupedum , inter ipsas quoque volucres gaUinarum et p e r d i c u m 
biles ad medicinae usum probatiores habentur" (Galenus). 

^) Wenn die Seheöifnung (Pupille, Stern) noch erhalten ist, d. h. kein Star 
vorliegt; vergl. des Sextus Platonicus Verordnung. 

'*) Opobalsamum = Xylobalsamum Plinii (Amyris gileadensis), Frieboes 617. 

^) S. 0. S. 40. 



Galle. 221 

alle M<n(at ein mahl, so üherhmimpt du rhi fast (= sehr) gut Ge- 
dachtuuß'' (Schw. A. f. V.K. VI, 1902, S. 53; JI, 1898, S. 262). 

Auffällig ist diese sehr häufige Rebhuhngallen Verwendung 
innerhalb eines so langen Zeitraumes; sie steht wohl in Zusammenhang 
mit der Häufigkeit der Verwendung dieses Tieres überhaupt, die ehe- 
mals sehr populär gewesen sein wird. 

33. Pfau. (s. o. s. 134.) 

Pavo, xuMc, (Aristot.). Der aus Ostindien nach dem Abendlande gekommene 
Yogel mit dem Palmenwedelschweife (malabar. togai, dazu ta Fojc, Taojc), lieferte 
dem Kaiser Vitellius sein Gehirn zum Schmause; er ward auf Samos im Tempel 
der Juno, als dieser Göttin heilig, gehegt (Lenz 324) und kam im 6. Jahrhundert 
nach Germanien. 

(1683) .^Bic (Pfauen-) Galle tauget vor das stumpfe Gesicht Pfauer.- 
und die FUiß da' Augen' (Schröder 1351). In Sehtvaben iverden ^'^^^®' 
Triefaugen geheilt durch Aufsehmieren von Pfaueng alle (Jüh- 
ling 225). 

Die Verwendung auch der Galle dieses Vogels bei Augen- 
krankheiten spricht für die diesbezügliche Wertschätzung der Galle 
überhaupt, Vogel- und Fischgalle im besonderen. 

34. Storch, (s. o. s. 135 u. iss.) 

(1683) „Z)/e (Storchen-) Galle gehrauchet man zun Augen- storcheu- 
felilern' (Schröder 1341) (wie die meisten Vogelgallen). ^'^^^^" 

35. Kranich, (s. o. s. 135 u. i85.) 

(1568) ..Etliche brauchend segn (Kranich-) galUni für die Kraiüch- 
krihnin des rnunds vnnd gehrechen der* Augen'-'' (Jühling ^^^^^• 
245); (1630) ..die (Kranich-) Galle tauget vor die Augen" (Schrö- 
der 1347). 

36. Pelekan. (s. 0. s. 135.) 

(1568) ^^Pelecanen-GaU mit nitro {—- Soda) vermischt henimpt Peiekan- 
die scliwartzen vngestalten Jiüeken des leyhs^' (Jühling 245). ^'^^^^ 
„iS// machet auch die schivart^en anniüler dem ührir/en Leijh 
änlich'' (1. c). 

37. Taucher, (s. o. s. 137 u. ise.) 

(1563) „D^sc (Ethija- Vogel-) Galle mit Cederöl'^) aufgestrichen, Tanciier- 
laßt das ausgezogene haar riet mer tvachsen^'' (Jühling 244) (Ver- saUe. 
scliönerung). 

Amphibien, Lurche, Schlangen. 

38. Schildkröte, (s. 0. s. 137 u. ise.) 

Bei Plinius XXXII, 14 ein Mittel gegen Augenleiden: ./eile 
testudinum cum Attico melle glaucomata inungui prodest^^ : ebenso 



') S. o. S. 5, r 



222 Galle. 

gegen St.ar (1. eod.)*. ^^suffusfoncs oculonun et'nini ntarhrne tcstud'n) is 
fei cum fluriatilis scuujulne et lacte^^ und für das klare Sehen (1. eod.): 
.,fel testudiniim claritatem oculorum facit, cicatrkes extenuat^'' ; nach 
diesem antiken Vorbilde schreibt auch (1685) Schröder (p. 1860): 
Schild- r^^/e Schildkrottcti-GaUe tauget deiioi Attf/en.'"' 
Sui^ Gegen Miiiid- und H.alsleiden hat auch Plinius wieder den Vor- 

rang (XXXII, 14): ^toHs/Uas sedat et anghui et onuüa oris ritia 
prucdhn nornas ihi''^ ; dann folgt sein Zeitgenosse Dioskurides (11, 96), 
der die Schild kr öt engalle als Mittel gegen Eiitzündiiiigeii der 
Sclilundmuskelii und gegen fressende Gesclnvüre der Kinder im 
Mnnde (Nonia oder Di2)htherie?) empfiehlt; dann folgt der Pseudo- 
Dioskurides (4. Jahrh. p. Chr.), bei dem auch die Galle der Meer- 
schildkröte ein spezifisches Mittel gegen die Halsbräune ist (Ja- 
nus XII, 1907, S. 91). 

Plinius empfiehlt auch die Schild kr ötengalle in die Nase 
(Weg zum Gehirn, wo der Dämon sitzt) einzureiben (XXXII, 14): 
,^narihus inlitiDit (onritialcs er'tgit (dtolitqiie,^' bei Epilepsie, was 
auch sein Zeitgenosse Dioskurides (II, 96) verordnet, in der gleichen 
Form und bei der gleichen Kranklieit; so verordnet Plinius XXXII, 
14 auch die Seh il d k röten gallo gegen Olireneiteruug (Ohrwurm) : 
.^idem ciihi rernntdnic (n/guhni/ aceto adnüxto muce jmriileutls aurihus 
prodest. " 

39. Frosch und Kröte, (s. o. s. 139 u. ise.) 

Frosch- Die Froschgalle ist wie die Froschleber vor allem ein (anti- 

^^ ^' dämonisches) Epilepsiemittel, aber nicht in der antiken Volksmedizin, 
sondern nur im Mittelalter und in der Neuzeit. 

(1740) y,Für den Jiuifallenden Siechthiun ein /jcwährtcs 
Stück. Nim einen Frosch, der des Nachts im Wasser schreit, mach 
ihn auf, nim die Galt (= Lchergift) heraus und gibs dem (hinf edlen - 
den) Menschen ein, es ist gerecht^^ (Christi. Granatapfel II, 625). In 
Steiermark tvird gegen JEpilej^sie FroscJigalle (= Froschleber, s. 0.) 
eingenommen (Fossel 91). 

(1683) „Z)ie (Frosch-) Galle tauget besonders vor die AuyeUf 
heilet das vierfä(/lffe Fieber ^ tvan man sie zu Asche verbrennet und 
bis 3 ß daron einnimmet^^ (Schröder 1364)-, letztere Verwendung stimmt 
mit der Froschleber (s. 0. S. 186); man stellte sich die Fieberursache 
wohl früher als einen wurmartigen Dämon vor, den man mit Frosch- 
oder Krötengift in der Asche beherrschen wollte. 

Der Pseudo-Dioskurides (4. Jahrh. p. Chr.) verwendet die Frosch- 
galle mit Essig, um Tierchen (Würmer?) aus dem Ohre herauszu- 
treiben (Janus XII, 1907, p. 83). 

40. Eidechse, (s. o. s. u\ u. is?.) 

Eideciisen- Während die Leber der haarlosen Eidechse eine schöne glatte 

gaiie. jjaut machen sollte, wie Hippokrates (De morbis mulierum c. LXXIX; 

Fuchs III, 570) lehrte, zerstörte die (giftige) Galle der grünen 

(giftigeren) Eidechse die Schönheit des Gesichtes (1. eod.) (s. auch 



Galle. 223 

Chamäleonleber). Marcellus Sidetes, der im 2. Jalirh. p. Chr. lebende 
Dichterling, schreibt (pag. 319): 

,, übcra post partum fiter hd sl obstriisa recenteni., 
Effundent lactis riros feile uiictci laecrtae.^^ 

Die Eidechsengalle ist also auch ein Milcherzeugungsmittel. 

41. Chamäleon, (s. o. s. 142 u. iss.) 

Xur Plinius folgt ägyptischen Quellen mit seiner Verordnung der chamäieon- 
Chamäleongalle als Augenmittel (XXVIIl, 29): ,,feUe chamae- ^'^^^^ 
leonis (flauconiata et suffusioites corrigl prope creditur trklul Inmic- 
tk)ue^\ eine Verordnung, die wohl vom Krokodile übertragen ist; 
Plinius XXVJII, 28: ,^felle crocoddi Imuietis ocidis ex inelle contra 
suffusiones nihd tddius praedicant.'''' 

42. Schlange, (s. o. s. 142 u. 188.) 

Ihre Galle enthalt nur Taurocholsäure. 

Plinius (XXIX, 38) schreibt: .,de feile rlperino non audaeiter 
suaserhii, quae praeciphint, qiionlam nou aliud est serpentluni renemmi^'; 
er hält also nur die Galle der Schlange allein für deren körper- schiangen- 
liches Gift (nicht aber Leber, Kopf oder Gehirn derselben)*, er emp- ^^^^® 
fiehlt sie gegen Augenleiden : ^^hoae quoqiie fei praedicatur ad alhti- 
gines, suffusiones, ealigiues^^'^ Schröder (1323) meinte: (1683) ^^Bel denen 
Slnensern ist derer (Schlang en-) Galle ein vortreffliches Atigen- 
mittel ^' 

Auch Schröder (p. 1324) hielt .^I)ie (Schlangen') Galle als 
die nächste Ffidze des Gifftes^^ (vergl. auch Lenz 168, wo Schlangen- 
galle als Gift für die Elefanten erwähnt wird). Sie scheint bei den 
verschiedensten Völkern als Gegengift benützt worden zu sein. Xur 
Marco Polo (13. Jahrh.) (II, 40) kennt die Schlangen galle als 
Mittel gegen den Biß toller Hunde. 

Plinius XXXII, 5, 19 erzählt, daß das Fett und die Galle der 
im Wasser lebenden Natter die Krokodiljäger bei sich tragen, dann 
getraue sich kein Ungetüm, auch das Krokodil nicht, an sie heran und 
sie könnten so mit dem Zauberstoffe der Schlange auch letzteres be- 
siegen. Im Althochdeutschen ist fei draconis (Drachengalle) glos- 
siert mit cigelinta (= Siegwurm) i) (D. I, 229), womit der Seidelbast-) 
gemeint ist; diese Hermeneutik kann nur aus orientalischen Quellen 
stammen. Im alten Oriente herrschte der Glaube, daß man die Sprache 
der Vögel verstehen könne, wenn man das Herz oder die Leber oder 
das Fett des (Gott-) Drachens genieße (Baltzer 835, 61; Simrock, 
D. M. 463). 

Als solches durch die Theophagie wirkendes Mittel könnte man auch 
die Schlangengalle mit Schlangenleber annehmen nach der Verord- 
nung von Schröder 1324: ^^Dann ermelte Galle nicht nur ein Gifft- 



^) Auf der Reiterstandarte der römischen Kohorten mag dieser Siegwurm 
(Sieg-lint) den Germanen zuerst bekannt geworden sein. 

^) Mhd. ciugelindenbern = Daphne mezereum (Jessen 130). Vielleicht hatte 
diese Beziehung zum Lorbeer (Daphne) des pythischen Apollo. 



224 Galle. 

Mittel ist, sondern man han sie auch gJücMich tvider die schwere 
JVotJi gehrauehen, besonders wann man die gedörrte Leher darzii tJnit 
und sie in Zimmet -Wasser gebrauchet^^ ; ferner (1730) die Verord- 
nung bei Kräutermann 264, bei schwerer Geburt Galle und Leber 
einer Schlange zu verwenden; hierbei hat die Galle als Leberteil 
Verwendung gefunden. 

Auf Wunden durch Selilangenstich riet Plinius XXIX, 21 
die Galle einer giftigen Schlange zu streichen als Gegengift, oder 
die ganze Schlange in Wasser zu zerstampfen und die so gewonnene 
Lauge auf die Wunde zu bringen (Magnus 31); noch 1898 empfahl 
ein Arzt, das Gallen fett gewisser Tiere als Heilmittel gegen 
Schlangen- und tollen Hundebiß zu verwenden (Blau 80, Anm.). 

(1683) ,, Wann man die (SchJangen-) Galle auf die Schlaiujen- 
biß leget, so ziehet sie (wie die Schlangenleber, s. o.) edles Gifft heraus 
und dieses soll auch der Kopff' verrichten''^ (Schröder 1325). Schon 
PHnius (h. n. XXIX, 21) riet, die Galle einer giftigen Schlange 
auf die Schlangenbißwunde zu streichen (Gegengift). 

Fische. 

Fischgalle. Es erübrigt noch die Besprechung der einzelnen Fischgallen- 

arten, die hauptsächlich als empirische Augen- und Ohrgangmittel 
Verwendung finden; diese Bevorzugung der Fisch galle gegenüber 
anderen Fettarten mag vielleicht auch in der rein empirischen Ver- 
wendung dieses Fettes bei Fremdkörpern in den Augenlidtaschen be- 
gründet sein, wobei die Verallgemeinerung der reinigenden Seifen 
ähnlichen Verwendung bei Leukomen, Keratitis etc. sehr nahe lag. Schon 
Plinius erwähnt, daß gerade die Galle der kleineren Tiere (also 
derjenigen Tiere, die hauptsächlich durch den empirischen Abusus zur 
Verwendung gelangten) bei der Behandlung von Augenkrankheiten, 
weil feineres Fett enthaltend, auch von größerem Nutzen sei (XXVIII, 
40): ^^inter omnia cmtem communia animaUum vel praestantissimum 
effectu fei est vis ejus exccdfacere, mordere, scindere, extrahere, discutere."' 

Die häufige Verwendung der Fischgalle als fleckenauf- 
hellendes Augenmittel bringt Plinius XXXII, 24 in Beziehung zu 
der Gewinnung des Lebertrans aus Fischlebern beim Trocknen der 
Fische an der Sonne: j^oninium piscium fluriatil i um marinorumque adipes 
liquefacti sole admixto melle ocidorum claritati plurimum eonferunt.^^ 
Es ist nicht unwahrscheinhch , daß gerade das Land der ägyptischen 
Augenkrankheit der Ausgangspunkt zu dieser Verwendung des aus der 
Fischleber wie eine Träne abtropfenden Trans gewesen war. Der 
Lebertran als innerliches Heil- und Nahrungsmittel ist eine Erfindung 
des kalten germanischen Nordens. Die Juden lernten wohl dieses 
Augenmittel bei den Aegyptern; das Alte Testament führt im Buche 
Tobit c. XI, V. 10 — 12 die Heilung des blinden Tobit durch die Galle 
eines Fisches als besonders auffallende Beobachtung an (Ebstein 159 
bis 165; Berendes 190). 

Die mittelalterlichen Mönche, welche die Schriften der Antike 
uns vermittelten, verwendeten in Deutschland hauptsächlich die Galle 
ihrer Fasten fische (Hecht, Karpfen, Forelle, Schleie), wobei der 



Galle. 225 

Fisch überhaupt manches anderweitige Fieischtier ersetzt haben kann 
auch als Gallenlieferant, namentlich in den Lenzfasten. 

43. Sternseher. 

Dioskurides II, 96 führt als Heilmittel besonders die Galle desytemseher- 
Fisches Kallionymos (Uranoscopus Scaber C. V. nach Berendes 190 "* 
oder Cobitis anableps L.), der nach Aristoteles (h. a. II, 11) eine be- 
sonders große Gallenblase haben soll, an, vermutHch als Augenmittel, 
wie sein Zeitgenosse Plinius XXXII, 24: ^^Callionymi fei ckatrkes 
sanat et earnes ocidorum superracuas consumit" (Trachoma aegyptia- 
cum?); er erwähnt sie aber auch als Ohrenmittel (XXXII, 25): 
^auribus utUlss'nnuui est item {fei recens) call? ony^ijri cum rosaceo 
iiifusum^^ 

44. Hecht, (s. o. s. us u. 191.) 

(1683) ^^Euserllch tauget sie (die Hechtgalle) in Augenfleckeniiechtgaiie. 
und Modem Gestellt'-^ (Schröder 1362). 

(1699) Als Ah führ mittel dienen Herz und Galle eines Hechtes 
(Jühling 26). 

(1568) j^Etlich fressend der galten (des Hechtes) drey wider 
die feher" (Jühling 23). Mit Hahnen- und Hasengcdle ist Hecht- 
galle ein Augenniittel (Jühling 25). Hecht g alle und Hasen- 
gcdle und Frauenmilch- Schm (dz gemischt ins Ohr gestrichen soll dem 
helfen, der nicht gut hört (Manuskript). Die Milch einer einen Knaben 
säugenden Frau ist öfters ein Vehikel (s. S. 208) für Fettmittel. 
(1683) „D/e Hecht-Galle soll das Fieher vertreiben, tvann ntan. 
derer 3 (s. Hechtherz) einninimet^^ (Schröder 1362). 

(1699) Bei Besessenheit (durch ethische Dämonen) hält man 
die Anivendung einer Medizin aus Leber und Galle eines Hechtes 
mit Hirschhorn für heilsam (Jühling 26); hier vertritt vermutlich der 
Fastenfisch das Opfer einer anderen Tierleber in der Frühlingsfasten- 
zeit (Hirsch?), in der der sonstige Fleischgenuß verboten war. 

45. Karpfen, (s. o. s. 149.) 

„D/e (Karpfen-) Galle tauget cor das stumpffe Gesicht und Karpfeu- 
den Staaren^^ (Schröder 1357). Die Karpfengalle soll nach Marshall "''"'' 
als fei piscium offizinell gewesen sein. (1740) Für das Rothlauf. 
4. Ein anders. Erstlich nimm eine dürre Kar ;pf eng all, hernach leg 
dieselbe auf eine Gluth^ rauche damit ein Tuch und schlag es über das 
Bothlauf (Christi. Granatapfel II, 309). (1716—1724) Für das 
Grieß. Nimmbe die Gallen ron einem 2 oder Spfündigen Karpfen^ 
binde dieselbige mit einem Seidenfedelin (in der Blase) zusammen, 
dieselbige in wenig Baumoel ab engeschluckt. Probcäum est (Schweizer 
A. f. V.K. 1906, X, 267). Das Grieß ==Lithiasis (Kr.N.B. S. 201). Ver- 
mutlich ist Karpfengallenverwendung eine Nachahmung der Katharsis. 

46. Thunfisch, (s. o. s. iso u. i9i.) 

Plinius XXXII, 47 meinte, die Galle des Thunfisches ver- Thunttsch- 
treibe die Haare: .^psilotrum est thynni feh'-^ Marcellus Sidetes (im »'^^i^ 

Höfler, Die volksmedizinische Organotherapie. 15 



226 Galle. 

2. Jahrh. p. Chr.) erläutert diese AVirkimg der Enthaarung (bei 
Districhiasis) ^) mit folgenden Versen (p. 319): j^Ät Thuiuil jcciir et 
n'igrum fei saxa colentis, Noii siiut in cilüs superis siiccrescere pilos. 
FiUKjentes ociilos, sl forcipe vulscrts <i)itc" 

47. Tintenfisch, (s. o. s. 150.) 

(Loligo vulgaris L.) 

Tinten- Die Galle des Tintenfisches soll nach dem Volksglauben auf 

üschgaiie. ^^^ Halbinsel Sabbioncello in Dalmatien (nach v. Hovorka) verschiedene 
Fremdkörper zum Herauseitern bringen, vermutlich in erster Linie 
die aus dem Auge oder aus dem Ohre. 

48. Aal. (S. o. s. 150 u. 191.) 

Aalgalle. (IG. Jahrh.) Vor die triefenden aiu/en. Nitn eines farrens 

galle vnnd eines 01s (=■ Aals)gaUe rnnd rerhene saft^) vnnd fenchel- 
saft etc. / Jühling 145) ; (16. Jahrh.) kehrt dieselbe Verordnung öfters 
wieder: j^Wan die Augen roll u-((ssers sein vnnd stets rinnen. Nim. 
eine galle von einem Bindte, Eine galle von einon Ahl, Safft von 
VerhenaJiraiit vnnd Safft von Fenehelivurtzel''^ (Jühling 150). 

(16. Jahrh.) Au(/e2tsalbe, Nim Hanen galle, hassin vnnd Öles 
{^^ Aal es)- Galle vnnd menfie die in ivarmen Wasser (Jühling 211); 
mndd. : (13. Jahrh.) ^Wetne de of/hen rynne'n ran watere efte van 
hlode . . . nyni ales galten rnde sap van i/serliarte (Verhena)^) vnde 
sap van vennelwles ivortele v)ide nienghe dat tosamende hg dem- vure 
vnde syge yt denne dor enen lynen doh vnde do en in eyn hlyen vaet 
vnde strih yt denne hüten vmme de oghen so iverden se droghe" (Ma- 
gister Bartholomäus von v. Oefele 88 a). 

(13. Jahrh.) j^Siceni diu oiff/en rinnen der neni eins pliares 
gallrn und eines dies galten unde .... strich die salhen men umhe 
daz ouge: iz ivirt schiere gesunt unde truclen^^ (Pfeiffer 38) (aus 
dem Magist. Barth, entnommen). Auch nach Island dringt dieses Ee- 
zept im 13. Jahrb.: „Ved dunlelstyn tag en levende aal og slzja'r 
den op, tag ud af den haade (Bauch, Bottich) hlod og galde og hland 
hegge dele sammen og hav i mnene. JDet klarer menyiesl'ets syn''^ (Is- 
land. Lsegebog nach Groen), also ein Augenmittel. 

(16. Jahrh.) „Wen eynen ein feil auf den äugen ivechsett. 
Nim eine galle von eynem Aale ... streiche die salhe auf die Beeden 
(äugen); das soll auch gutt sein, iveme die Augen hewacJisen sein'^ 
(Jühling 18). 

(16. Jahrh.) .^Zu einen hösen Gehör. Nim vnser liehen Frauen 
luurtzel (= Chrysanthemum majus)^) vnnd die galt von einem al, menge 
es zusammen^'' (Jühling 19). Bei Schwerhörigkeit wendet man in 
SteiermarJc den Absud aus der Galle eines Aals (oder einer Forelle) 
in Branntwein über dem Feuer envärmt an, indem man an 3 Tagen 
je 3 Tropfen ins Ohr träufelt (Fossel 20). 

(15. — 16. Jahrh.) ^^Vor dye gelesucht, Nempt all galten vnnd 
druckt das sodt auß jn eynen leffel vnnd trinck das" (Jühling 20). 



^) Diese Epilation ist bei R. del Castillo nicht erwähnt. 

2) Verbena s. S. 36, 18, 19, 41. ^) Goldblume s. S. 41, 159. 



Galle. 227 

Gegen Scilla flosigJ^elt ivird in Franhm AaJfjaJe in Wein 
ceronlnet (Jühling 20). 

Bei schwerer Geburt leisten Galle und (mit) Leber von einem 
Aal (= Schlange) gute Dienste, wie wir oben schon bei der Schlangen- 
und Aalleber sahen. 

(1683) ^^Bie mit der Leher getrocknete und gepnirerte Galle (des 
Aals) in Wein getruncJcen ist ein mehr dann hundertmal prohirtes 
Mittel zur harten Gehurt und wird die Frucht ausgetriehen, tvann 
dieses 3Iittel auch noch im Maqen ist^ tveilen der Magen der Mutter 
Schlüssel traget'' (Schröder 1354). 

49. Schellfisch. 

Die Galle vom Schellfisch (galde af storsei, Gadus virens, Scheimsch- 
isländ. ufsa-gall) wird in der isländischen Volksmedizin des 13. Jahrh. ^^^^®" 
als Mittel gegen den Ohrwurm empfohlen (Fonahn 13): ^^Malurt 
(= Artemisia s.o. S. 17, 19) hlandet med galde af sei (storsei an. 
ufsi = Gadus rirens) og smurt omhring orene, stgrJtcr dem og tager 
hört eresus'' (Groen). 

50. Schleie. 

Tinea, franz. tanehe, ncll. tinke, ahd. slio ; der Fisch mit der schleimigen Haut. 
Ausonius (Mosella 125) dichtete (4. Jahrh. p. Chr.) über die Schleie: „quis non et 
virides volgi solacia tincas norit" (Schrader 723). 

(1683) .,Z)/e (Schleien-) Galle tauget zun Ohren-Beschwer- schieien- 
den'' (Schröder 1367). s^^^^- 

51. Forelle. 

Tructa, franz. truite, ahd. forahhna (forah: -spxvö? = bunt gefleckt). Ausonius 
(1. eod.) dichtete: „purpureisque salar stellatus tergora guttis" (Schrader 252). 

Die Galle einer Forelle wird (neben Hasengalle, Aalgalle und Foreiien- 
Rabengalle) als Mittel gegen „r/c/s verlohrne Gehör'' geraten von ^^^^®- 
Kräutermann (1730) (Jühling 23), ebenso in Schwaben (Jühling 19, 56). 

(16. — 17. Jahrh.) ^.^Vor die geschos der rielweysen {— Bilwiz- 
Geschoß, s. Krankheitsnamenbuch S. 597). Nim Galle ronn fohrenn 
(— Forellengalle) rnnd rngesaltzen puetter, mache eine scdhe 
d(irauß\ bis du in die Zehne geschossen (= Neuralgia trigemini) so 
sdimier dich hei den ohren rnnd hindt ein Pflaster daridjcr nind 
thne daß vorr dem Donnerstag rnnd Sonncd)endt ; so du harrest, so 
hilfft es nicht denn schießen Am Donnerstagk rnnd sonnahendt, drum 
sieh dich vor, das du mitt diesem pftaster zuiwrliomniest" (Jühling 22). 
Hier ist die Forellengalle, wie eine Fischleber und Schlangenleber, ein 
Gegenmittel gegen elbisches Geschoß. 

52. Seeskorpion. 

Cottus Scorj)ius L. , ein die Süßwasser Mitteleuropas bewohnender Fisch, 
dessen Stacheln schwer heilende Verwundungen setzen (Berendes 157). 

Die Galle des Seeskorpions ist nach Dioskurides II, 96, 14 
ein geeignetes Mittel bei Star der Augen (o7rö/o[j.a), Leukom und 
Stunipfsiehtig'keit (Hirschberg 217). 



228 Clalle. 

Sonstige Die Galle vom Meerskorpion erwähnt auch Plinius als 

Janen. Haiitvei\scliöneruiigsmittel (XXXII, 44): y,ckatriccs toUit fei scor- 
p i n i s m a r i n i " ; XXXII, 23: „ Älopecias replet fei scorpion i s 
m a r i n i " gegen Haarausfall ; X XXII , 24 : ,/^ / m a r l n l sco rp l o n l s 
riifi cum oleo refrrc auf mcUc Attico htcipimtes suffuskmes (Vtscntit'''' 
(Augenunterlaufung = Star). 

Der Fischelichter Marcellus Sidetes (2. Jahrh. p. Chr.) sagt über 
den Meerskorpion als Giehtheilmittel : 

^Scorpius aequoreus nassa conclusus in arcfu, 
Si subito imnioritiir generosl in niunrre Bacclii 
Et hihat Jiunc caUcem mortaJis splene lahorans 
Äiit jecorc affccto, securiis deinde quicscct 
Libera membra dolore ridens qui torserat (lute}^ 

53. Die Galle der Karausche (Karpfen?), ein Fisch der Elbe ! 
(Kluge 6195), erwähnt Plinius, h. n. XXXII, 24: ^^et coracini (bei 
Diefenbach I, 150, karusch = karausch) feJ e.rcitat risuui'-'' als Augen- 
lid ttel. 

Die GdUe ron Ci/prinus Rohita tvird bei den Hindus als 
Abführmittel und bei remittierenden Fiebern biliöser Natur und 
mit cerebraler Komplikation f/cf/rhoi (Janus 1901, 148). 

54. Die Galle eines Schollenfisches, Hyäne (oaiva) genannt, emp- 
fahlen Plinius h. n. XXXII, 154) und Galenus als Augenheilmittel 
(Neue Jahrb. f. Phil. 149, S. 139). 

55. Die Galle von Batia führt Plinius XXXII, 25 als Ohren- 
iiiittel an: „auribus utilissimum batiae piscis fei recens sedet in- 
veteratum vino" ; ebenso 

56. Die Galle von Bacchus (1. eod.): „item (fei recens) bacchi, 
quem quidam mizyenem (von der Stadt M.?) vocant" (Ohrenmittel). 

57. Die Galle vom Papageienfisch, Scarus (s. o, S. 193) lobt 
besonders der im 2. Jahrh. p. Chr. lebende Fischer- Dichterling Mar- 
cellus Sidetes (p. 318) mit den Versen: 

^^Hujus (Scarus Hex) fei, melli commixtum lumina mulcet 
Mortalesque acuit visus tenebrascßie repcUit''^, 

also als Augenmittel. 

58. Die Galle vom Seepferdchen (Equus aequoreus, Hippo- 
campus antiquorum L.) besingt der oben erwähnte Marcellus Sidetes 
mit folgendem Verse (p. 319): 

j^Äequorei quoque Equi fei felli compar Hyaenae'''' (s. o. Nr. 54), 
also als Augenmittel. 

59. Die Galle vom Meerfloh (Pulex marinus) ist nach dem- 
selben Autor (p. 319) ein Ohrenmittel: 

j^Felque venenatum PJdJiiris ptilicisque marini 
Auxilium praesens cruciatis auribus adfert.^'' 



Galle. 229 

Trotz der ganz auffälligen Ausartung der Tiergallenverwendung 
in das rein empirische Gebiet haben sich doch bei derselben einige 
Momente erhalten, welche darauf hinweisen, daß auch die Galle Be- 
ziehungen zum Opferritus hatte; diese sind: 

1. die Korrelation der Gallenverwendung mit der Lebertherapie oaiien- 
quoad morbos und die dämonistische Aetiologie der meisten solchen junTübeV 
Krankheiten (Epilepsie z. B.); haupt. 

2. die öfters zu findende Konnexion der Galle mit dem Leberorgan 
„Galle oder Leber", „Galle mit der Leber"; daß aber die Leber 
als Seelensitz- und Divinationsorgan mit dem Kultritus Beziehung hatte, 
ist sicher; 

3. die Auswahl der Galle liefernden Tiere (schwarz , männlich) ; 

4. die überaus häufige Verbindung der meist äußerlich gebrauchten 
Galle mit Honig, Lorbeer, AVeihrauch, Myrrhe, Nieswurz, Verbena, 
Granatapfel, Goldblume, Raute, Zeder, Hirschhorn und sonstigen geister- 
vertreibenden kathartischen Pflanzen; 

5. Plinius führt selbst an, daß die Magier die Galle einer ge- 
opferten Ziege als Schlafmittel (zur Vertreibung der elbischen 
Geister) verwendeten; damit erklärt sich auch die häufige Verordnung 
der tierischen Galle gegen Epilepsie (morbus sacer) als kathartisches, 
von Dämonen reinigendes Kultmittel. 

J. Hirschberg, welcher in seiner mustergültigen Arbeit über die 
Geschichte der Augenheilkunde im Altertum eingehend die Therapie 
der antiken Schriftsteller bespricht, übergeht hierbei, wie es scheint 
mit Absicht, die Erklärung der Gallenverwendung bei Augenleiden, 
vermutlich weil er sie in das Gebiet des sogen. Aberglaubens ver- 
weist; auch E. del Castillo y Quartiellers (Die Augenheilkunde in 
der Römerzeit) gibt keine Erklärung für die Gallenverwendung in der 
antiken Augenheilkunde. 

Die Verwendung der tierischen Galle als Augenmittel ist 
am häufigsten vertreten unter allen oi^ganotherapeutischen Mitteln ; 
die von Flecken reinigende Wirkung der Gallenseifen ^) wurde auf 
die Flecken im Auge (und auch auf der Haut) übertragen in der 
Gallenverwendung aus reiner Empirie; dazu kommt vielleicht die 
schmerzstillende Wirkung des Gallenfettes bei Fremdkörpern im Auge, 
Ohrpfropf und bei Bindehautkatarrhen und der andauernde Respekt 
vor der Autorität des klassischen Altertums. 

Der Weg der rohen Empirie ging neben dem Kultverfahren ein- 
her, sowohl bei der A^erwendung der Tierorgane wie bei der der 
Pflanzen. Schon auf ägyptischem Boden scheint die Galle, welche oft 
genug „mit der Leber" verwendet wurde, zum rein empirischen Mittel 
geworden zu sein. Plinius (h. n. XXX, 37) sagte auch bereits, daß 
die Gallenblase irgend eines Tieres, nicht bloß die eines bestimmten 
Tieres, gegen eine Krankheit heilsam sei: „item folliculus cujuslibet 
animahum feUis." 



^) Die Anthropocholsäure, Taurocholsäure, Chenocholsäure, Hyocholsäure in 
der Gralle sind an Natron gebunden und erscheinen als seifenartige Verbindungen. 
Die frische Galle dient zum Reinigen von Geweben, zum Fleckenausmachen. 
Gallenseifen enthalten noch heute Honig. 



230 'Herz. 



IV. Das Herz. 

Indogerm. kerd (v.apSia, cord-is), got. hairtö; alid. lierza = Innader (Ader, 
Y]xpov = Bauebader, r^zop = Herzader, grobtechnisclier Ausdruck für Ader = Ein- 
geweide). Bei den Assyriern und Babyloniern „das innere" (Organ); zum Augurium 
wurde es von diesen Völkern und auch von den Griechen nicht benützt; dazu 
diente fast ausschließlich die Schafsleber (s. S. 170). 

Das Organ der Blut- und Lebenswärme, Sitz des Lebens 
und der Seele nach den ursprünglichsten und ältesten Vorstellungen, 
mit dessen Herausnahme aus dem Brustraume hinterm Zwerchfell die 
Lebenswärme, das Leben selbst erlischt. Das Herzopfer bedeutete 
das ganze betreffende Leben als Opfergabe. Das Herzopfer ist das 
älteste Organopfer; Leber und Hirn, Milz und Lunge als Opfergaben 
sind nur spätere Entwicklungen. Leber und Hirn wurden als Sitze 
der Seele ebenfalls erst später angenommen. Bei den alten Aegyptern 
begegnet man schon in den ältesten Zeiten der Hieroglyphe Herz, 
welche Herz, Sinn, Geist, Gedächtnis und Neigung bedeutet; von der 
Tätigkeit des Gehirns geschieht dort nirgends Erwähnung. Auch nach 
den altindischen Vorstellungen galt das Herz als Sitz der denkenden 
Seele; bei den alten Griechen vor Hippokrates war das Herz der Sitz 
des Mutes, des Gemütes, der Gemütsbewegungen und Gedanken sowie 
des Verstandes. Empedokles (f 440 a. Chr.) verlegte den Sitz der Seele 
in die Substanz des Herzblutes (Windisch 1G7, 169, 174, 178): 
„ai(Jva Yap avO-pw^oi? Tuepr/. dpSio v sau vÖTjaa" := „namque homini 
sanguis circumcordiali s est sensus" (Fuchs I, 197; Tertullian, De 
anima cap. XV). Aristoteles (f ;322 a. Chr.), der Schüler Piatos, suchte 
den Hauptsitz der Seelentätigkeit in der Gegend um das Herz herum, 
im Herzen selbst hatte die Lebens wärme ihren Sitz. Bei Hippokrates 
(f 370 a. Chr.)i) hatte der Verstand seinen Sitz nicht ausschließlich 
im Gehirne, sondern auch noch in dem Herzen und Zwerchfell; 
Hippokrates und Plato verteilten die Seelenkräfte auf den Kopf (Ge- 
hirn, s. 0. S. 52), auf die Leber (s. o. S. 156) und das Herz. 

Noch Cicero (f 43 a. Chr.) verlegte die Seele ins Herz — ahis 
cor ipsum animus videtur; Tusc. I, 18 — ; Galenus (f 201 p. Chr.) 
{De administ. anatom. VII, 6) riet zum Studium des Herzens den 
Schwertfortsatz des Brustbeins mit den Fingern oder mit einem Haken 
stark anzuziehen und dann alle Weichteile der Körperwand kreis- 
förmig auszuschneiden. „Gewiß war diese merkwürdige Methode den 
Opferschauern oder den heidnischen Priestern entlehnt. Wir schließen 
das aus der Tatsache, daß die Mischnah , geherzte Tierfelle' (öroth 
lebubin), d. h. solche, die ein herzrundes Loch in der Herzgegend 
haben, als zum heidnischen Kult verwendet, zu jeder Nutznießung 
verbietet. Man pflegte nämlich auf diese Weise dem noch lebenden 
Tiere das Herz herauszureißen, um es den Göttern zu opfern" 
(J. Preuß, Mater, z. Gesch. d. talmudischen Medizin u. Allg. Med. 
Zentralztg. 1899, Nr. 61). 

Bei der Entsühnung des Königs (für das Volk) der Babylonier 
mußte dieser selbst vor dem Herzen des Opfertieres (Schaf) eine 



Fuchs III, 223. 



Herz. 231 

bestimmte Gebetsformel sprechen, das Herz als Stellvertretung des 
ganzen Tierlebens sollte der Gottheit dadurch zu Huld und Gnade 
angeboten werden (Weber 18). Das Herzbild war schon bei den 
Bewohnern des uralten Kreta ein Amulett in ägyptischer Herzform 
(A. f. K-.W. Vin, 523); das Herz ist das ältestbekannte innere 
Organ, das fast ausschließlich nur den chthonischen Mächten geopfert 
wurde, weshalb auch dieHekate als „TtapSLÖoaLTs" (==:herzverschmausende) 
angesprochen wurde (Rohde H, 81); mit dem Herzen opferte man den- 
selben das Leben des Opfertieres ; nach neuem Leben, neuem Blute aber 
lechzen gerade die Seelengeister und die Unterirdischen ; der Gottheit über- 
mittelte man das Herz des Opfertieres durch den Opferbrand (A. f. R.W. 
VI, 216). Die Herausnahme des Herzens beim Opfer und bei 
der Aufbewahrung desselben nach dem Tode geschah zur Zeit von 
Hippokrates (Fuchs I, 150) „nach altem Ritus" nach streng-religiöser 
Vorschrift, die jede Infamie ausschließen und vermeiden wollte, da 
das Herz ein Gottheitsopfer war. Auch bei den Nordgermanen muß 
das Herausschneiden des Menschen h er zens eine oft geübte Handlung 
gewesen sein, denn die Edda (Jordan 473, 485, 428, 457 etc.) erwähnt 
dasselbe oft. Günther, dem das Herz des Sklaven Hialli blutig auf 
einer Schüssel zum Anschauen dargebracht wurde, erkennt dasselbe 
(Atlaquicta 22) sofort als ein kleines Feiglingsherz: „nicht gleicht es 
dem (Löwen-) Herzen Hagens, des Helden. Es hegt in der Schüssel 
schimpflich zitternd ; als der Busen es barg, da bebte es noch bänger" 
(Jordan 428); hier ist also das Herz ebenfalls der Sitz des Mutes. 

Bei den Kopten bezeichnet ein Wort Herz und Verstand, Geist 
und Gemüt; auch bei den Juden spielt das Herz als Seelenorgan 
eine große Rolle (H. Weyermann, Gesch. Entwicklung des Gehirns, 
Inaug.-Dissert. 1900). 

Bei den Germanen war das Herz das „Seelenstück" oder Färch ^j- 
Sach (an. fiör-sega. Windisch 205), der Sitz des Seelenlebens, das 
Lebenszuckfleisch, das beim Opfer auch nach fremdem Vorbilde 
durch andere Seelensitzorgane Kopf (Hirn), Blut, Leber, Auge, ver- 
treten werden konnte. Die Normannen benützten für das Gelingen 
ihrer weiten Seereisen als Augurium die Besichtigung des linken Herz- 
ventrikels mit der daran sich anschließenden Aorta eines geopferten 
Menschen, wobei sie, wie andere Völker auch, die Arteriosclerosis 
der Aorta kennen lernen mußten ; ^^penpurchaturque Jeuorsum fibra 
rordis scilicet vena'^ (Golther 253). Wenn ein Feind gefallen war, 
schnitt ihm der nordgermanische Gegner die Brust auf, um sein Herz 
zu sehen; war es klein und zitterte es noch, so sprach dies für Feig- 
heit und Kleinmut des Gegners (Weinhold, Altnord. Leben 316; 
Golther 346). Auffällig ist, daß das mit dem Herzen zusammen- 
hängende Zwerchfell, in welchem doch bei Homer, Ilias VIII, 413, 
XVI, 242, 435, XVII, 11, das Herz seinen Sitz hatte („^tpaSrrj ivl 
'fpsaiv") und das sonst auch aX TrpaTuiSsc = (ppevsc; hieß, in der Volks- 
medizin der Deutschen als Heilmittel keine Erwähnung findet; es gilt 
in Deutschland nur als kräftiges Fleischgericht. Es geht als „Kron"- 
Fleisch in indogermanische Zeiten zurück (sskr. ghrä; ^pYJv, ahd. 



^) Ahd. ferah, an. fiör, ags. feorh, got. fairh-us = das hellrote Blut als 
Lebenssitz. 



232 Herz. 

kraw = praecordia) ; bei den Griechen galt es um die Zeit von Ari- 
stoteles noch als Sitz des Lebens und« Verstandes (9P'/]v) , vermutlich 
durch seine Verbindung mit dem Herzbeutel (Pericardium). 

Das Verzehren des Menschenherzens geht bei den alten 
Kulturvölkern bis in mythische Zeiten zurück, nur die Volkssagen 
weisen noch Spuren auf. Anthropomorphisch war die üebertragung 
dieser Volkssitte auf die Dämonengestalten (blutdürstige Herzsauger) 
und Gottheiten des betreffenden Volkes. Der Genuß des aus dem 
lebenden Menschenkörper herausgerissenen oder herausgeschnittenen 
Herzens, das noch zuckte, und mit dessen Herausnahme das Leben des 
Geopferten aufhörte, das somit als Lebenssitz und Kraftquelle seit unvor- 
denklichen Zeiten gelten mußte, der Genuß eines solclien Lebensherdes, 
der als Lebenssaft und als eine Götterspeise erster Reihe angesehen wurde, 
war auch der konkrete Ausdruck für die damit bedingte üebernahme 
der Eigenschaften des betreffenden Menschen bezw. Tieres. Richard 
Tjöwenherz und das Hasenherz des Feiglings stehen in einem be- 
grifflichen Gegensatze, der aus den Erfahrungen der Anatomia sacralis 
entsprungen war. Mit dem Herzen eines Löwen wurde nach der ur- 
alten, griechischen Volkssage Achilleus von Cheiron ernährt (Mann- 
hardt, Waldkult H, 71). Zeus verschluckte das noch zuckende Herz 
des von den Titanen bald nach seiner Geburt zerrissenen Zagreus 
(= Bacchus; Preller, Griech. Mythol. I, 553). Die Gier nach warm- 
blütiger Nahrung, ein kannibalistischer Zug, wurde damit von den 
Griechen ihren Hauptgottheiten zugeschrieben. Der Häuptling der 
Geister erhielt dabei das Herz als besonderen Leckerbissen (vergl. 
auch Andree, Anthropophagie S. 101). 

Eine Reihe von Volkssagen und überlieferten volksmedizinischen 
Gebräuchen spricht dafür, daß auch bei den Germanen das Herz als 
Sitz des Lebens („Färch" ; Höf ler, Krankheitsnamenbuch, S. 130) galt 
und daß das Herz, „des Lebens Zuckfleisch", ein besonderer Lecker- 
bissen der nach frischem Blut (neuem Leben) lechzenden Gottheiten, 
Heroen und Dämonen war, die mit dem Genüsse desselben übernatürliche 
Kräfte erwarben oder diese dem Herzspender zum Danke verliehen. 
Siegfried, der Baugenspender, sitzt und brät am offenen Feuer das 
Herz des Fafnir (Edda, Jordan 348), mit dessen Genuß er die 
Tiersprachenkunde des Fafnir erbt, sobald des Fafnir Herzblut auf 
seine verkostende Zunge kam; er versteht die Vogelsprache ^). 



J)ar sitr Sigurdr | Dort sitzt Sigurd 



sveita stokkinn; 
Fafnis hiarta 
vid funa steikir. 
spakr jpoetti mer 
spillir bauga, 
ef hann fiörsega 
fr an an oeti. 



blutbesprengt ; 

Fafnirs Herz 

am Feuer brät er; 

Späher (weiser) täte mich dünken der 

Spender der Baugen, 

wenn er das Färchsach (Lebensstück), 

das glänzende, äße, 

(Fafnismäl 32.) 



Krimhilde setzte ihrem Gaste Etzel die Herzen der zwei Knaben 
vor, die sie ihm geboren hatte. Im Atlamäl 55 werden die Mannen 
aufgefordert, nach dem Messerschnitte Hagens Herz herauszureißen. 



Ahd. fogil-rartod (GrafF, Ahd. S. II, 535). 



Herz. 233 

Im Fafnismal 27 saugt Regni zuerst das Blut aus dem Herzen, und 
dann erst will er das Organ, geschmort verschmausen lassen, als 
Zaubermittel zur Erlangung besonderer Eigenschaften. 

Lokis Bosheit wurde von dem Genüsse eines halbverbrannten 
steinharten Frauenherzens abgeleitet (Simrock, H. D. M. ^ 332; 
Mannhardt, W.- u. F.K. II, 52, 76; vergl. die Sage vom steinernen 
Herzen im Sächsischen Sagenbuch, S. 620). 

Wenn diese Stein herzen allerdings nur im Mythos der Ger- 
manen vorkommen, so spricht dieses Vorkommen, nachdem es tat- 
sächlich verkalkte Exsudate und steinartige Bildungen bei Arterioscle- 
rosis^) gibt, dafür, daß ihm doch eine tatsächliche Beobachtung zu 
Grunde lag, welche dem Volke zu dem Mythos Anlaß gegeben hatte ; 
eine solche Beobachtung dürfte aller Wahrscheinlichkeit nach in der 
bei den Normannen s. o. S. 231 auch historisch bezeugten Besichtigung 
des Menschen- und Tierherzens beim Opferaugurium am häufigsten 
und genauesten erfolgt sein. 

Solche Anomalien im objektiven Organbefunde ^) werden von 
primitiven Völkern mit Vorliebe der Einwirkung dämonischer Wesen 
zugeschrieben, so daß es uns nicht wundern kann, wenn wir solche 
harte Produkte der Natur auch als zauberhaft wirkende Mittel in der 
volksmedizinischen Therapie finden. 

Die nach neuem Leben, neuem frischem Blute dürstenden Geister,. 
auch die Seelentiere (Schlangen, Geier), verzehren des Menschen Herz, 
um dessen Seele in dem Herzblute zu gewinnen (vergl. die Volkssage 
in Albanien bei Stern I, 340). Blutige Herzen mit Honig (s. o. S. 43) 
verzehrt (im Atlaquida 38) der Zwerg Atli (Jordan 431). 

Die Bergmännlein reißen zur Strafe das Herz des Menschen 
heraus (Sachs. Sagenbuch 20 ff.). Dänische Sagen erzählen von dem 
Genüsse von Bärenblut, und der Geschichtschreiber (Saxo Gramm, 
ed. Stephani II, p. 31) setzt erklärend hinzu, daß die Alten geglaubt 
hätten, es liege etwas besonders Stärkendes in solch einem Trünke. 
(Vielleicht hängen damit auch die Namen Bernhart, Mannhart, Leon- 
hart u. s. w. zusammen.) Die serbischen Hexen verzehren das Herz 
des Menschen (Andree, Anthropophagie S. 7). AVenn eine Bäurin in 
Bosnien, Serbien und Slawonien ihre Kinder, eins nach dem anderen 
verliert, glaubt sie, daß Hexen ihren Kindern das Herz aufgefressen 
haben (Stern I, 354). 

Auch bei den Franken, Langobarden und Sachsen verzehren die 
Unholde nach Menschenart das Herz des Menschen^). „Der Indiculus 
pagan. 30, verbietet, nach Heidenart zu glauben, daß Frauen, weil 
sie dem Monde befehlen, d. h. Mondkälber erzeugen können, die 
Herzen der Menschen aus deren Körper herausnehmen könnten, um sie 
zu essen. Burghard von Worms (f 1024) eiferte gegen den Glauben, 
daß man bei verschlossenen Türen unsichtbar auszugehen vermöge, 
die Menschen töten, ihre gekochten Herzen verzehren, an Stelle des 



^) S. u. Hirschherz etc. 

^) Auch die subjektiven Empfindungen anormaler Art werden sehr häufig 
solchem Dämonenwerke zugeschrieben, vergl. das „Herzabstechen", das noch dazu 
mit Bannworten besprochen wird (Schönbach 42) (s. o. S. 33). 

3) Grimm, Mytholog. II, 904, 1893. 



234 -Herz. 

Herzens einen Strohwisch i) (vergl. Zeitschr. cl. Y. f. Volksk. 1901. 
S. 230) oder ein Stück Holz einsetzen und sie wieder lebendig machen 
könne" (Hermann, Deutsche Mythol. S. 13) ; aher in Böhmen besteht 
heute noch der Glaube, daß der Genuß eines Menschenherzens un- 
sichtbar machen könne (Wuttke § 183). J. Schröder, in seiner 
Medizin-chymischen Apotheke (1G85) schrieb S. 1309: „Das Hertz 
(des Menschen) heilet die schwehre Xoth, wann maus trocknet und 
giebet." Diese antiepileptische, antidämonische Wirkung teilen nach 
dem Volksglauben auch die stellvertretenden Herzen von schlacht- 
baren Haustieren. Jagdtieren und ^7^geln. 

AVer das „Herz eines lebenden Menschen" aufißt, wird von 
(dämonistischen) Lähmungen befreit (vergl. das oben S. 5 erwähnte 
AVampenbad oder balneum animale)-) (Löwenstimm 145) ; das Herz 
eines ungeborenen Kindes (s. o. S. 35, 67) verleiht übernatürliche Kräfte; 
wer Stücke von neun Herzen (also eine ganze Opfermahlzeit) aufge- 
gessen hat. kann ungestraft Verbrechen verüben (Löwenstimm 122, 
125). Das Herz eines dreijährigen Kindes verschafft den Blick zu 
allen verborgenen Schätzen (wie auch der kleine Finger eines un- 
schuldigen reinen Kindes). Das gekochte Herz eines Menschen 
macht unsichtbar (Wuttke § 184, 474; Birhnger 11, 433; Andree, 
Anthropopb. 8). 889 wurde bei den Ungarn das Herz von Ge- 
fangenen als Heilmittel in Stücke zerteilt (Strack 27); als Heil- 
mittel gegen Choleraseuche verzehrten russische Sekten noch im 
19. Jahrhundert Menschenherzen (Strack 19). Um tapfer zu werden, 
verzehren auch die Chinesen das Menschenherz von Eebellen 
(Andree, Anthropopb. 8). Das Herz eines gefangenen Jesuiten 
verschaffte 1(349 bei den Huronen ebenfalls Mut (Strack 88). Bei 
den mexikanischen Azteken erhielt der Kriegsgott die Herzen der 
Gefangenen, welche der Priester aus der Brust herausgerissen 
hatte, während das Volk den Körper des geschlachteten Opfers in 
kannibalischer Weise verzehrte (Communio mit der Gottheit) (Pres- 
cotts Conquest of Meyico Bd. IIL Beb. VI, c. VI, p. 152). Wir führen 
diese letztere Quelle nur als Parallele an, um zu zeigen, in w^elch 
primitive Zeiten und Anschauungen diese Communio zurückreichen muß. 

In Makedonien verschaff't das Herausschneiden des menschlichen 
Herzens und dessen Verkosten außergewöhnliche Kraft (Zeitschr. d. V. 
f. Volksk. 1905, S. 396; Urciuell III, 90. 211; Wolfs Beiträge z. M. I. 
140). Xach dem ostpreußischen Volksglauben macht der Genuß des 
gebratenen Herzens eines neugeborenen Kindes unsichtbar (geister- 
und götterähnlich) (Lemke, Aus Ostpreußen III, 31). Auf einer ähn- 
hchen Vorstellung jjeruht der Aberglaube, daß das Herzfleisch eines 
Knaben, der aus dem Mutterleibe ausgeschnitten wurde ^), in die Ferse 



^) Auch zur Zeit von Bertliold von Regensburg (13. Jahrb.) konnten die 
Hexen das Herz aus dem Menscbenleibe nehmen und dafür Stroh hineinlegen 
(Schönbach. Studien z. Gesch. d. altdeutschen Predigten 1900, S, 30; Saupe, Der 
Indiculus superstit. et pagan. im Leipziger Gymnasialprogramm 1891, S. 33). Die 
deutschen Hexen verzehren bis zu 30 Herzlein von Kindern (Riezler, Hexen- 
prozesse 201). 

^) Dasselbe kehrt in den verschiedensten Formen in der deutschen Volks- 
medizin wieder. 

3) S. o. S. 35, 57. 



Herz. 235 

eingeheilt besonders unsichtbar machende Kräfte verleihe (Hess. Bl. 
f. Volksk. 1906, S. 84), ein Aberglaube, der auch noch vor etwa 
zehn Jahren in Bayern zur Gerichtsverhandlung führte, weil ein Mann, 
der sich unsichtbar machen wollte, sich das Herz eines von ihm ge- 
töteten Kindes im linken Rockärmel einnähen ließ. Die Inkorporation 
des Herzfleisches erfolgte hierbei schon nicht mehr durch den Genuß 
desselben; überhaupt schrumpfte der Herzgenuß zum bloßen Blut- 
genusse und dann zum reinen Rudimente und bloßen Symbole (blutig- 
rotes, herzförmiges Amulett z. B.) zusammen. Mit dem Blutgeruche 
oder Blutdunste, der dem menschlichen oder tierischen lebend heraus- 
genommenen Herzen entströmt, hängen auch die Vorstellungen von 
der Wirksamkeit des Blutdunstes auf dämonistisch gelähmte Glieder 
zusammen (balneum animale s. Höfler, Volksmedizin, S. 165)^). Nach 
Galenus (f um 201) ist die menschliche Seele (^oy;/j ^du.O£i§*/j?) eine 
Art Duft im Herzen. Diesen Blutduft geben vielleicht die roten Blumen 
auf den Herzbildern in zarter Symbolik wieder. 

Wie kümmerhch das Rudiment des Herzens im Volks- 
brauche ausartete, lehrt die Tiroler Volksmeinung, daß ein Bannspruch 
in einem blutfarbigen herzförmigen Wolllappen eingenäht, den 
Träger desselben kugelsicher mache (Bechstein- Alpenburg 358). Nach 
Kräutermann (1730) bestand das Amuletum Paracelsi aus einer ge- 
dörrten Kröte (Gegenmittel gegen Gift etc.), die mit allerlei pest- 
widrigen Gewürzen in ein blutrotes herzförmiges Zindel (Taffet) 
genäht an den Hals so gehängt wurde, daß es das Herz des Trägers 
vor dem Pestgifte sichern sollte, während andere zu demselben Zwecke 
em getrocknetes Vogelherz auf der Herzgrube hängen ließen; die 
Herzgrube ist ja die häufigste Steile für Amulette'-) und Talismane. 
Amulette mit dem Blute von Opfertieren beschrieben haben die Bos- 
niaken (Wissenschaftl. Mitteilungen H, 425). Man sieht, wie das ur- 
sprüngliche blutige Opfer eines Menschenherzens durch Tierherzen 
substituiert und wie auch dieses durch Symbole ersetzt wird (s. u. 
Hechtherz, Hühnerherz, Schwalbenherz etc.). 

Besonders häufig ist das Verzehren der rohen Tierherzen (Omo- 
phagie s. S. 45) und der Genuß von Herzen von chthonischen oder 
elbischen Tieren (Theophagie s. S. 8 u, Index). 

In der Sage von Eirik dem Roten, welcher 982 Grönland entdeckte, kommt 
eine weise Frau mit Xamen Thorbjörg vor, die kleine Volva (= Stab, valr = Trägerin) 
genannt, welche zum Zwecke der Zukunfterforschung den sog. seidh (= haruspicium, 
augurium) betätigte, wobei sie die Geister herbeilockte oder berief durch die 
vardlokkur (Geisterlockung durch Lieder). Auf dem Kopfe hatte sie eine Mütze 
aus schwarzem (s. o. S. 30) Lammsfell; an den Händen hatte sie Handschuhe aus 
weißem Katzenfell und trug einen Stab, der mit Messing beschlagen war, in der 
Hand; sie ernährte sich aus den Herzen aller Tiere, die es an Ort und Stelle 
gab ; durch diese Communio an der sonst nur den Göttern dargebrachten Opfer- 
speise erhielt diese spä-kona Thorbjörg die Zauberkräfte zur Weissagung, über die 
Seuchendauer z.B. (Golther (U9; Janus XII, 674). 



') S. 0. S. 5, 90, 109. 

-) Die Perle ist das Herz der Schnecke nach dem alten Volksglauben; 
daher hilft sie auch als Amulett gegen Herzklopfen, Furcht und Angst (Aristoteles). 



236 Herz. 

1. Affe. (s. o. s. 18.) 

(Simia, cluna, cephus, v.tjtcoc, t:i9y]x6v:, p.'.fjicü, yipxcu^];. alid. affo), Pavian. Das 
menschenähnliche Tier, das auf unbekannten Handelswegen zu den Germanen 
gelangte und bei diesen immer nur ein importiertes seltenes Schaustück war, 
konnte auch nur durch Gelehrteneinfluß in die deutsche Volksmedizin gelangt 
sein, vermutlich vermittelt durch die antike römische Literatur, die selbst wieder 
aus ägyptischen Quellen ihr Material bezogen hatte. 

Affenfett, -fleisch und -blut galten bei den Indiern, 
Aegyptern, Griechen und Römern als Heilmittel (Keller 7, 3, 24). 

Der Hundskopfaffe (xovoxs^aXoc) war bei den Aegyptern göttlich 
verehrt, ja der Gott Anubis selbst (Keller 325)*, bei den Griechen 
war er der Totengöttin Hekate und der Mondgöttin Selene geweiht 
(Röscher, Selene 107), während er bei den Aegyptern dem Mondgotte 
Thoth (Hermes) geweiht war und ein Symbol dieses Arztgottes vor- 
stellte (Berendes 302). Artemidorus der Daldianer (2. Jahrh. p. Chr.) 
schreibt in seinen Traumdeutungen (Oneirocritica 104, 14): „'>tovo- 
'Ai'^aXoc, TüfvOOTtv^YjG'., lolq aTTorsXsaixaat xal vöaov ttjV bpav xaXou[X£VY]v. 
avaxstiat Yap x-fj SsX-Z^v^], cpaal §s xal tyjv vöaov zy.bzTiV ol TraXacol 
ävax£iat)-ac t-(^ SsXrJvo.'- Der Affe war der Mondgöttin Selene heilig, 
welche die Epilepsie verursachen, aber auch heilen konnte (vergl. 
Röscher, Selene 107, 69 ff.); auch die Hekate wurde nach mehreren 
Zeugnissen geradezu als y.ovozs'faXQ? dargestellt (Röscher, 1. eod. 107). 
Der Mond als Seelenreich oder Totenaufenthalt war der mächtigste 
Dämon der Nacht; „zum Monde sollte auch der Hundskopfafte 
allerlei direkte Beziehungen, haben, die sogar die moderne Zoologie 
bis zu einem gewissen Grade anerkennt'' (Röscher, Selene 107) 
(vergl. Brehm, Tierleben 1876^ I, 54). Man kann sich nun erklären, 
wie das Affenherz auch gegen Epilepsie verwendet werden konnte; 
durch den Genuß des Tieres, das der Mondgöttin Selene und der Epi- 
lepsieveranlasserin heilig war, wollte man also gleichsam theophagisch 
auch dieses Leiden beseitigen; das ganze Verfahren kann nur aus dem 
alten Aegypten stammen. Wie hoch in Verehrung die Affen standen 
und wie lieihg sie galten, geht aus der Angabe von Strabo XVII, 
812 (Keller 325) hervor, wonach die Affen sogar als „Beschnittene" 
(circumcisi) galten, eine Bezeichnung, die bei den Aegyptern nur einer 
heiligen Satzung entsprechend gewählt wurde und Menschen mit Affen 
gleichstellte. Auch in der Zauberei galt das Auge^) eines Affen 
und das eines erschlagenen Menschen gleich viel (Keller 324). 
Affenherz, In den volksmedizinischen antiken Werken fehlt das Affenherz; 

dagegen wird im hellenisch-jüdisch-ägyptischen Papyrus magicus 
(4. Jahrh. p. Chr.) das „Blut des xovoxs'faXog" als Tinte für Traum- 
zauberzettel verwendet, worunter aber nach der Hermeneutik der 
ägyptischen Magier das Eidechsenblut (s. o. S. 18) verstanden wurde 
(Abraxas 192; Dieterich 816); ein derartiges Quidproquo liegt auch in 
dem „Herz des Hundsaffen" = %mo%z(päXo'j xapSia (Abraxas 205) 
vor, das der magische Name für „Ttpivivov {xupov" (= Lilienschmieröl) 
ist (Abraxas 167, 205); selbstverständlich ist diese Hermeneutik nur 
dann denkbar, wenn in der ägyptischen Medizin der Magier oder 



') Das Auge war auch Seelensitz. 



Herz. 237 

Priester das Affenherz tatsächlich zu Heilzwecken verwendet worden 
war; solche mystische Pflanzen der Aegypter tragen nicht selten die 
Namen von Körperteilen von Gottheiten (Herz, Knochen, Finger, Fuß, 
Klaue, Schwanz, Harn, Kot, Haare, Augenbrauen, Tränen, Auge, 
Nerven etc.) oder Gottheitstieren; so hieß auch der „Dill" bei den 
ägyptischen Propheten „Same des Hundsaffen", ^^^(ovoc xovoxscpdXo')" 
(Berendes 302) und ebenso war der Same des Dill (av*/]^oo a7r£p[j.a) 
mit Tpr/sc; xovoxscpdXoo = Haare des Hundsaffen interpretiert (Dieterich 
816). Der Genuß solcher Gottheitsorgane sollte übernatürliche Wirkungen 
haben durch die Theophagie (s. o. S. 8. ff.); schon die Verwendung 
der Affenhaare als Aufhängemittel bei Gemmen mit Mondbildern 
sollte zauberkräftig sein: „praeterea si lunae (s. o.) nomen aut solis 
inseratur in iis (gemmis) atque ita suspendantur coUo e capillis 
cynocephali vel plumis hirundinis (s. Schwalbe S. 127), resistere 
veneficiis." (Phnius, h. n. XXXVH, 124.) Der Name der Mond- 
göttin allein (als Amulettgemme mit den Haaren des dieser Gottheit 
heihgen Tieres am Halse getragen) half gegen Giftschaden und 
sonstiges Zauberwerk. (1563) „i>a5 Affenherts gehraten, gedert 
und gejmlffert ist eine gute artzney mim Hert^en. Dann deß seihigen 
pidffers ein qulntlein in weynmät gcnonwien, stercJd, hekiJit vnd macht 
das hertz dapffer vnd freydig, neerit die manUgkeit, die verzagte vnd 
das hertzlilopffen vertreyht es, es stercld auch vnd machet die ver- 
nunfft spitzfündiger. ^ ^^Ist auch gut wider die fallend sucht, ^^ 
(Jühhng 1.) 

(1730) TiLege ein Äff en- Hertz unter das Haupt, daß es das- 
selhe her Uhr e, so tvirst du ivunderhare, als Löiven, Bähren, WöJffe, 
Affen und dergleichen Thiere sehen'''' (Kräutermann 129) (im SchLaf). 

Der Affe gilt fast immer als ein unheilbringendes Angangstier 
und Träume von Affen haben schlimme Vorbedeutung (Stern I, 416); 
euphemistisch nennen ihn die Beduinen: Glückbringer; vermutlich 
steckt die Gestalt des ägyptischen Gottes dabei hinter der Volks - 
meinung. 

2. Hase. (s. o. s. ss, 157, 195.) 

(Indog. kasön, westgerm. charo, ags. hara.) 

Das kleine Hasenherz war (wie Hasenfuß) die Bezeichnung Hasenherz, 
für Feigling; schwed. harehjerta; dän. harehjerte; „er hat einen Hasen 
im Busen" \). Sein Herz war noch im 18. Jahrb. offizinell. 

Bei Serapion von Alexandrien (Mitte des 3. Jahrb. a. Chr.) ist 
das Herz des Hasen ein Mittel gegen Epilepsie^) (Janus 1899, 
126); bei Phnius (XXVIII, 66) ist das Hasenherz ein Amulett der 
Magier gegen Fieber (-Dämonen): ^^3Iagi leporis cor adaUigant 
manihus.''^ Sextus Platonicus (p. 397) schrieb (4. Jahrb. p. Chr.): 
^^Ad qtiartanas. Cor leporis viventis suhlatum et quartanariis coUo 
vel hrachio suspensum mox ipsam febrim emendat si sid) accessione 
ejus pendeat.''^ Das lebendige Hasenherz soll die blutdürstigen Fieber- 



^) Lex salica XXX, 5 (um 500 p. Chr.): „Si quis alterum leporem clama 
verit. " 



) Wie die Hasenlunge, s. u. 



238 Herz. 

dämonen beim Anfalle versöhnen; es wird so zum Apotropäon. Der- 
selbe Arzt fährt (1. eod.) fort: ^^Äd Caducos (Fallsucht). Leporis 
cor derasiim et cum parte tertia tlmris (Weihrauch, s. S. 36) mannae 
trita ex lino cdho fotui datinn per dies IV mirifice prodest. His rero 
qui saephis cadunt, diehiis friginta detur. Crescenfe antem Lima quotidie 
in potione dehet condiri cum vino.''^ (Mndl.) .^ende sine (des hasen) 
herte al verseil glielianghen an den hals doet den derden dach airts 
verghaen'-'' (De Vreese 141) (Pebris tertiana). ,^Item soe (ha setiherz) 
helpt denghenen die valt van den evele- (1. eod.) (Epilepsie). (Mndl.) 
.•Jeghen alle manieren van ctd'tse, nem die herte van den hase ende 
herrense te pidvere (wie die Leber, s. S. 157) ende temperse met ivatere ende 
drincse^^ (De Vreese 123). (1683) ,^Das (Ha sen-J Hertz soll gleich- 
falls die schiceere Noth heilen (wann mans wie die Lungen ge- 
brauchet)^ die MattevUranh'heit vertreiben (ivann man dessen Pulver 
nimmet), das 4t(UßUje Fieber heilen (wann mans in 3 Theil theilet, 
vorhero aber die aUgemeiue 3Iittrl gehrauchet, und danii auf dreijmal 
solches nimmet'-^ (Schröder 1312). (1685) .^Bas blatten der 
Wunden zu stellen. Nimb ein Hassen Hertz zu indffer gehrannt 
(wie eine Leber, s. S. 155) Vnd In Ein Blutende Wunden getan ge- 
stellt das bluf' (Zahler 76) (Bluttiußmittel). Sextus Platonicus (397) 
empfahl ebenfalls gegen Fraiieiileiden und Blutungen das Hasen- 
herz mit folgenden Worten: ,^Ad locos ■mulierum dolentes. (Jor 
leporis siccum et in vino j/otui datum, locos midierum dolentes ena-ndat. 
Leporis cor siccum, bene erasum et detritum ex aqua calida potui 
datur cum terra Samia ^) mulier ibus profluvio laborantibus estque eis 
remedium, quae sanguincm exscreant et locis lahorajit.''^ Hasen- und 
Taubenorgane waren die häufigsten Mittel bei Blutungen (der Frauen). 

3, Fuchs. (S. o. S. 62, 158, 198.) 

Fuchsheiz. Das Fuchshcrz fehlt; vielleicht ersetzte die Fuchslunge das- 

selbe (s. u.). 

4. Bär. (s. 0. s. (H, 160, i98.) 

Das stark behaarte Tier lieferte in seinem Bären fette (mit Eichelgallen) 
ein Haarwuchsmittel (nach Plinius XXIV, 13). 

Bei den griechischen Kentauren, einem wilden thessalischen Volks- 
Bäienherz. stamme, War nach der Volkssage das Bärenherz die zauberkräftige 
Nahrung des wahrsagenden Wundarztes Cheiron, der den Arzt As- 
klepias erzog (Mannhardt II, 71). Die Zauberkraft war eine Eigen- 
schaft der frühesten Yolksärzte. Bei den russischen Giljaken (auf 
der russisch-japanischen Lisel Sachalin) ist der Bär ein Opfertier 
dessen Herz genossen Mut macht (Arch. f. Rel.W. VIII, 452) 



^) Samische Erde wurde hauptsächlich zur Töpferei verwendet und wohl 
durch ihre Beziehung zu den Opfergefäi5en als heilsam angesehen (Dios- 
kurides V, 171). Bei den sehr am Althergebrachten haftenden römischen Opfer- 
zeremonien durften nur solche Opfergefäße aus Ton verwendet werden, welche 
ohne Anwendung der Töpferscheibe gefertigt waren. Die ungeformte tonige 
Unterlage des Opferaltars (s. S. 15) war dabei vorbildlich und bestimmend 
(s. Lerchenherz). 



Herz. 239 

(s. a, Bärenhirn). Das Blut aus dem Herzen mutiger Tiere erzeugt 
wieder Mut; die Einverleibung des Herzens geschieht in verschiedener 
Weise. 

5. Wolf. (S. 0. S. 66, 160, 199.) 

Die ägyptischen Propheten oder Magier benannten den wilden 
Mangold (Beta vulgaris) mit Wolfsherz (Berendes 375); die Römer woifsherz. 
verstanden darunter die schwarze Nieswurz ^); jedenfalls bezeugt diese 
Benennung, daß die Aegypter das Wolfs herz als magisches Heil- 
mittel benützten. 

Als chthonisches Wesen liefert der Wolf, besonders das Seelen- 
sitzorgan desselben, das Herz, ein Zaubermittel gegen die Epilepsie, 
was schon Konrad von Megenberg in seinem Naturbuche 148 angibt 
(Janus 1899, S. 185). 

(16. Jahrh). „ Fo^^ dem fallenden Wehe. . . . Ist es aber ein 
maus bilde, so derre ihm eines tvolffens liertz rund mach das zu 
pidver (wie die Leber, s. o.) nind gib es ihm zu nutzen. So es 
aber ein weibsbilt ist, so gib ir das hertz von einer Wolffin^^ (Jühling 
252). (16. Jahrh.) „^•o^^ hohen siechtagen (= Epilepsie), nim 
einem wolf das hercz, dewile er sich noch reget rnnd Jebett, nims 
im aus dem leibe rnnd von jjj großen raben (Aasvogel) die hercz, 
auch ee sie gar sterben: diese jjj hercz mach der vnnd polfer, siehe 
ivan ein mensch diesen sichtom hatt, dem gebe die polver in j quenten 
vff ein mcde mit schloselblumen''^ (Jühling 253). (1683) ^-^Die Ge- 
nießung des (Wolfs-) Hertzen und der Lebern heilet die scJiiveere Noth 
volRommen. F. Bor eil. Cent. 2 obl. 95'' (Schröder 1313). Die Verbin- 
dung der Wolfs herzen mit 3 Raben (s. u.), deren dämonisches Wesen 
durch den Genuß des rohen noch zuckenden Herzens (Omophagie s. 

5. 45) besonders kräftig vermittelt werden sollte, ist hierbei als eine Art 
Theophagie (s. o. S. 8 u. Register) aufzufassen, wobei auch die Tötungs- 
art aus dem Opferkult anderer Tiere übertragen ist. 1714 noch hat ein 
Physikus in Kaufbeuren das „Wolff shertz" als Beigabe zu seinem 
Epilepsiemittel (Janus 1899, S. 235). Schon die häufige Verwen- 
dung des Wolfsherzens gegen die dämonistische Epilepsie begründet 
diese Annahme. 

6. Hund. (s. 0. s. 67, i62, 199.) 

Das Seelenvolk der Hundsköpfe, die nach Menschenblut dürsten, entspricht 
den Wolfs- und Bärenahnen der Longobarden (E. H. Meyer, Myth. d. Germ. 87). 

Das Hunde herz als Präservativ gegen den Hundebiß erwähnt Himdeherz. 
schon Plinius (XXIX, 32): „Co/- caninum habentem fugiunt canes, 
non latrant vero lingua eanina^) in calciamento subdita pollici (halluci!) 



') S. 0. S. 41. 

-) Zunge s. o. S. 88 u, Register. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die „Hunds- 
zunge" als Pflanzenname eine Hermeneutik ist für die wirkliche Zunge des 
Hundes, die volksmedizinisch verwendet wurde. Welche Pflanzen alle als Hunds- 
zunge bezeichnet wurden, s. Jessen s. v. Das Cynoglossum officinale = xova»Y^(Jf>aaov 
Diosc. Lingua canis wurde schon zu Dioskurides' Zeit gegen Hundebiß verwendet 
(Berendes 436). „Nimm das Kraut Hundszunge mit einem Froschherz und 



240 Herz. 

mit caudam nnistelJac, quae ahsclssa ea dhnissa sit, hahentes'^ ; eine 
Meinung, die bei Sextus Platonicus (Placitus) Papyrensis (um 330 
p.Chr.) wiederkehrte: ^^Ifemcor canis si quis secum hahiierit, canrs 
ei moh'Sti non eriint nee allfdrdbunt''''^ es sollte also ebenfalls vor dem 
Hundebiß sichern, wie die Hundszungenspitze i) unter der großen 
Zehe eingelegt (p. 406); auch in Pfeiffers Arzneibuch 41 (13. Jahrh.) 
wiederholt sich die Meinung: .^Stver das welle nmchen, daz in die 
Hunde nilit anpeilen {oder beißen), der trage in der hant der 
tviselen zagel unde liasenhär .in der anderen, oder er liahe eines 
htcndes herce hei im unde trage eines Imndes zunge ^) linder der meisten 
rrlicn'' (= großen Zehe). Diese Verordnung kehrt nochmals wieder: 
„iA^y dich lein Hund anbelle. Trage das Herz oder die Zungen^) 
von einem Hund hei dir, so hellt dich lein Hund ein'^ (Schw. A. f. 
V.K. VI, 1902, 56; Birlinger I, 435). ^^Baß einem die Hunde nielit 
anhellen (beißen). Wenn einer in der linken Hand ein Hunds- 
herz darinu in der Mitte zugleich ein Hundszahn gestecht traeget, so 
müssen alle Hunde in seiner Gegemvart rcrstunimen, zu voraus, ivenn 
es heider von einem schwarzen Hunde /.sf" (Schw. A. f. V.K. VI, 
1902, 58). Die Sicherung vor dem Hundebisse sicherte auch weiterhin 
vor dem Hundeanbellen, auch Gaidoz (La rage et St. Hubert 10) er- 
wähnt dieses Mittel, Hundeherz gegen den Biß toller Hunde, 
aus Schottland, aber das Herz oder der Kopf müsse von dem tollen, 
beißenden Hunde selbst sein (vergl. oben Hundsgalle S. 199). Häufiger 
als das Hundsherz ist die Hundsgalle und die Hundsleber gegen die 
Tollwut verwendet; diese Organe überwinden ebenfalls den Dämon 
der Hundswut. 

Auch bei den Balkanslawen befiehlt ein Volksmittel: „Äa^ dich 
ein wütender Hund (jehissen, so töte ihn und iß sein Herz auf und du 
wirst nicht der Wiitkrankhelt verfallen''^ (Stern 1,212); bei den 
Christen tut's auch ein Schweinsherz (s. d.) 

7. Einhorn. 

Vermutlich sind die Kreuzritter die Verbreiter der über dieses Fabeltier 
umlaufenden Legenden im deutschen Volke gewesen. Marco Polo dichtete dem 
Nashorn Züge dieses Volksglaubens an ; oder sollte wirklich eine blasse Erinnerung 
an das Elasmotherium im Laufe ungezählter Generationen zurückgeblieben sein?'? 

Einhorn- In der Gralssage hilft (nach Scheible IX, 810) das Herz eines 

herz. Einhorns gegen das Gift (Eiter) von Wunden. Schröder 1335 
führt dieses nie gesehene mythische Tier noch 1683 als offizinelles 
Mittel in seiner Medizin- chy mischen Apotheke auf. 

8. Katze, (s. o. s. 74, \u, 20L) 

AVie die Katzenleber nur sehr selten, die Katzengalle gar nicht 
Katzen- verwendet wird, so ist auch das Katzenherz nur selten eine Stell- 
vertretung des Katzenhirns, bezw. der ganzen Katze, und zwar nur 



ihrer Matrice an einen Orth gelegt, wo man hin will, so versammeln sich daselbst 
die Hunde des Dorfes" (Schw. A. f V.K. 1902, S. 58); hierbei vertritt das Kraut 
das Tierorgan. 

') Siehe Note 2 auf S. 239. 



herz. 



Herz. 241 

nach dem Schweizer und Tiroler Jägerglauben (nicht in der sonstigen 
Volksmedizin). Wenn man KaLzcnlierz dem, Jagdhunde zu ftrssof 
gibt, iiiacJit ('S diesen an das Haus des Herren anhänglich (Alpenburg 
380), welcher Volksglaube sichtlich vom Katzengehirnglauben (s. o.) 
abgeleitet ist. Das Hers einer ganz sehtva r z e n Katze in dej- 
MiJeh einer ganz schwarzen Kuh (die schon Hippokrates bevorzugte, 
s. S. 31) niaeht unsichtbar, ivenn m(in es bei sieh trägt (Alpenburg 359; 
Schw. A. f. V.K. 1902, S. 56-, 1903, S. 51). Diese Eigenschaft ver- 
leiht auch, wie wir oben gesehen haben, das Herz eines Kindes. In 
der {xavTtia xfvovizfj (Papyr. Paris.) (Dictionnaire des antiqu. gr. et. r. 
III, 2, 1520) wird als Vorläufer der Beschwörung das Opfer eines 
Katzenherzens mit Pferdekot erwähnt. 

9. Wiesel, (s. o. s. 78, \u u. 201.) 

Die Uebertragung eibischer Zauberkräfte durch die Omophagie und 
Theophagie des Wieselherzens strebte die im deutschen Volks- ^\}^^^;^^- 
brauche gegebene Verordnung an: „TTer einem lebenden Wiesel das 
Herz ausreißt und dasselbe noch znch'nd ißt, Jcann in die Zukunft 
schauen'' (Bechstein-Alpenburg 383 •, SloetTG; Wuttke p. 126, 355). 
,,Ist denn das Wiesel eine Prophetin?" fragt schon der Talmud (s. o. S. 78). 

10. Hirsch, (s. o. s. si, i65 u. 201.) 

,,In einer der verbreitetsten Aesopischen Fabeln wird dem Hirsch Hhsch 
die physische Existenz eines Herzens abgesprochen, weil das Herz ^^'^'^'^• 
als Sitz des Mutes, der Hirsch aber als das feigste aller Geschöpfe 
galt (s. auch Hasenherz und Taubengalle). In den griechischen Rhetoren- 
schulen hielt man Tadelreden auf den Hirsch wegen dieser Untugend 
{^6^{oc, l'Xa^poo), und schon Homer (Ilias I, 225; III, 102) spielt darauf 
an, wenn er dem Agamemnon das Herz des Hirsches beilegt'' 
(Keller 93, 359), „TtapSrrjV iXdcpoio s'/oov". In Wirklichkeit ist das 
Hirschherz nicht kleiner als das Verhältnis desselben zu des Tieres 
Körpergröße es verlangt. 

Daß man schon in frühen Zeiten das arteriosklerotische Herz 
(Aorta = Herzdarm) beim Zerwirken des Hirsches beobachtete und 
diese objektive Herzanomalie als eine Art zauberkräftiges Heilmittel 
benützte, lehrt uns das sogen. Hirsch herzbein, wovon Alexander 
von Tralles in Lydien (525 — 605 p. Chr.) (Puschmann I, 570) als 
Epilepsiemittel Erwähnung tut: ^Man nehme einen Nagel aus einem 
gescheiterte)} Schiffe (Nekyomantie?), rerarbeite ihn zu einer Arm- 
spange ^ in welche der Herzhnochen eines Hirsches gefaßt ivird 
(vergl. die antiken Gemmen ntit Tier- und Menschenopfern) und trage 
dies am linken Arme (Herzseite) ; das Herz wird dem Hirsch^ während 
er noch lebt, herausgeschnitten und ohne Verzug geöffnet; man findet 
dann mit einer Sonde sofort ein rerJcnöchertes, verhärtetes FleischstücJc- 
clien, tvelches getrocknet wird. Hierauf tvirft man das andere (des 
Herzens) weg und verfährt tvie oben angegeben worden ist; com Er- 
folge ivird man überrascht sein'' (Keller 89). Es sollte also die 
Quintessenz der Hirschseele darin stecken. 

Höflei', Die volksmedizinisclie Orgauothei-apie. 16 



242 Herz. 

Schon Plinius XI, 70; XXVllI, 77 war dieser Herzknochen 
bei Pferd , Rind und beim Hirsch bekannt ; er erwähnt letzteren 
als geburtshilfliches Mittel (üble Geister von der Geburt abwehrendes 
Mittel): y^mvoihiutur et ossicula in cor de et in nüra {cerri) per- 
fjiiani ufi/ia graridis jmrtiirienfihiisque.'' Ihm folgt fast ad verbum 
der um 330 p. Chr. lebende Sextus Platonicus Pap} rensis mit den 
Worten: ,^Qiwd ratio collegit, rrloeissinnini esse illiid anitncd, neetanien 
ciborsuni facere. Similis redio esse potest, sl ossicida, quae in ridra 
aut in cor de cerei reperiuntur, seeum habiierit, nenn eundem eff'cetinu 
praestant''^ (p. 396), es sollte also den Abortus verhindern, derselbe 
Arzt fügt noch hinzu: ^^Ideuf os in hnieJiio nni/irr si appcnsidif lud^ucrit, 
efficirt, id midier cito eoncijdat^', es sollte also auch die Empfängnis 
erleichtern (p. 396); es vertrat eben dieser Teil das ganze zu Frucht- 
barkeitszwecken geopferte Tier, das man aber auch als Augurium 
benützte. 

Der römische Kirchenhistoriker Sozomenos (f 443 p. Chr.) er- 
zählt (lib. V, cap. 2), daß der Kaiser Julianus Apostata (361 — 363) 
einst die Eingeweide eines Tieres beschaute und darin das Zeichen 
eines Kreuzes mit einem umgebenden Kranze erblickte; einige, welche 
bei diesem Augurium (divinatio) dabei waren, wurden dadurch in Schrecken 
gesetzt, weil sie aus dem Kreuzfunde vermuteten, daß die christliche 
Religion über das Heidentum siegen werde. Wenn dieses Sozomenos 
auch nur als Volkssage berichtete, so ist doch die Andauer des Augu- 
riums der Heiden dadurch sehr wahrscheinlich gemacht und es sehr 
nahe gelegt, wie man in frühchristhchen Zeiten beim Augurium nach 
christlichen Anzeichen suchte (vergl. Hechtkopf S. 148) , ohne das 
heidnisclie Augurium selbst aufzugeben. Die Mönche, die aus den 
alten klassischen Literaturijuellen der Römer und Griechen schöpften, 
suchten und fanden in dem Herzen des Hirsches, des Fruchtbarkeits- 
opfertieres, ein Apotropäon in Kreuzform. Nach J. Preuß (Materialien 
zur Gesch. der talmudischen Medizin in Allgem. Med. Zentralz. 1899, 
N. 61) wird der „Herzknochen" der Tiere im Talmud nicht er- 
wähnt; eine desto größere Rolle spielte er lange Zeit in den nach- 
talmudischen Schriften (also etwa nach dem 6. Jahrh. p. Chr.). Das 
Zeninger Yocabul. (1482) erwähnt sub voce: spodium (= cinis os- 
sium ^) D. I, 548) = ,,dz payn im hertzen einß hirsen". 

Der verkalkte, arteriosklerotische, gekreuzte Faserring an der 
Aorta des Hirsches (Os de corde cervi, Hirschherzstein) ^) mußte als 
Anomalie im Herzen des zu Fruchtbarkeitszwecken früher geopferten 
Hirsches ein besonderes Mittel für Totgeburten, Geisteskrankheiten, 
Melancholie mit Angstzuständen, Herzklopfen etc. werden; dement- 
sprechend ist auch seine mittelalterliche Verwendung , die von der 
Kultzeit des Frauendreißigers ^) wesentlich im oberdeutschen Volks- 
glauben beeinflußt war. 

(16. Jahrh.) ^^Ein Erfedirois StucJch, so eine Frau ein Todt 
Kindt hei Ihr f/ehatt. JSim das hertz von einem Hirsch rmnl 



^) Hirschhorn, gebranntes Bein, Ofenbruch und Hüttenrauch wurden als 
spodium, GKooioy bezeichnet {qtzoooc, = Asche), vergl. auch Bocksherz und Hirsch- 
hirn (S. 83). 

2) Als solches noch im 18. Jahrh. offizinell. 

3) S. 0. S. 29. 



Herz. 243 

das fJtuc ftvciiu er lu) die Brunst f/rhf. ZcrsrluH'fdts Zaschir/tten, 
wasch rs fehl sauhcr , fhue st(( reichen iveyti , hej/f/s mit Seckhic'ni feiji 
auf, das es Truclihen vmid dörre, darnach so stoßes zu Puhier^'^ (Jüh- 
ling 66). 

(16. Jahrh.) ,, lo/- de)i Jioen siechtaf/en . . . itum. nim in der 
hronst das hJidt aus der hlrs herczen ron einem renvgsen (= rei- 
nisch s. Krankh.N.B. S. 503), auch das blutt aus sein herczen, 
dieses hlut mach dorre in einem haghofen, dar nach mach es zu pulfer. 
Die gallen (der Wildsau) zulas in einem tvein essifjJc vnnd von einem 
hontt die zongen ^) auch f/eferrf rnnd gejpolfert, dis vermisch alles dorch 
einander, tvem man giepff, der mus als tvarm drinfihen als er rmher 
Imn: teils gotf, es hilft'^ (Jühling 68). Eine ganz ähnliche Verwen- 
dung findet auch das Herz des Ochsen (s. u.), den ja der Hirsch im 
Opferbrauche vertritt. 

(16. Jahrh.) ^^ror sanft valtins krangkeitt nim ron einem 
hirsch in der hronst das hercz, ron einer ivilden sawe die gcdlen, 
das zu laß in einem tvein essigJc vnnd ron einem hontt die zongen ge- 
polfertt rnnd gestosen, auch ron einem- rngeschnettenen ogsen das hlutt 
rnnd alles zusammen gethan rnnd in die Son gesecztt. JJarin laß sten 
rjj tage, darnach in einen Jceller gestellt^ rnnd tver den gehrechen hatf, 
der nem das ein dranck'''' (Jühhng 68). (1683) ,,0.s eordis. Das 
Hirsch-Kreutzlein ist eine Zusammeidauffung der Pids-Adern in dem 
Grund des Hertz en. Es tvird mit der Zeit härter und endlichen gar 
zu einem BeinJein. Es tauget dem Hert^en insonderheit und be- 
schützet solches ror aller medignitaet , heivahret die gehurt und 
tauget denen scliivangern Weibern sehr icoV- (Schröder 1279). 

(1683) .^Der gehdirte Vesalius bezeuget L. 1 de Fabric. human. 20 
daß dieses Gebein im Hirsch-Hertzen tvas erdichtetes sey, tvie dann 
auch Brassarolus (1536) in Exam. omni um simpl. und Bondeletius 
(1507 — 1566) in Aurea Älexandrina ermeltes Gebeinlein leugnen. 
Allein hat diesen sonst um die Artzney tvol rerdienten 3Iännern riel- 
leicht eine Ursach zum Fehlen gegeben, daß ermeltes Gebeinlein erst 
in der Lufft hart und beinicht tvird, da es herentgegen in denen erst 
neulich gemetzelten Hirschen annoch hiorspelicht, weich und bügicht ist. 
Dieses besitzet große Kräfften, stillet das Mertzklopffenf dienet tcider 
Gifft und die 3Ielancholief dahero kommet es auch in die ror- 
treff'lichste Antidota z, B. Elect. liberans, Laetific. confect. de hyacintha 
diamargarit.frig. etc. Es beschützet auch die Leibesfrucht und tauget 
ror Schwangere und Kindbett er in''^ (Schröder 1279). 

Eine alte Gräfin von Hohenlohe benützte für Flüsse im Haupt 
„ein Trinket aus jmlrerisierten Hir s chher zkreuzeln^^ . 

(1730) ^^Arnaldus de Villa nora (1235—1312) gab in, den vier- 
tägigen Fiebern das Beinlein aus dem Hirschherz auf ein 
Qaentlein^'" (Kräutermann 300). Konrad ron Megenberg (1482) sagt, 
daß das Hirschherzbein sehr hart sei, recht cds des Herzens Grund- 
feste; tvenn man es herausnimmt und hart tverden läßt, dann könne 
man es dem Siechen geben, das sei gut für den Merzritt (= febris 
cardiaca [dämonistisch] , s. Höflers Krankheitsnamenbuch S. 513 ff.) 
und fürs Schicifideln. 



') Hundszunge s. o. S. 239. 



244 Herz. 

(1681) ^iBcr Hirsch hat .zu aller Hechts lei dem Hertzen von 
tüegen der (jroßen Hitze des Hertzens ein Bein, und hat eine rötliche 
Farhc; dies JBein ist gut, iver große Phantasel hat, tvenig Ruhe 
und böse TräUfne , dasselbe geimg mit Spezerei gemischt, so ,rer- 
t reibt' es diese und macht ein gutes Gedächtnißf benimt die Fan- 
tasci und stärJtct die Menioria^^ (Manuskript eines Dorfbaders in 
Hohenaschau). Das moderne Jägerlatein in Oberbayern erzählt so- 
gar: ..d(tß der (arteriosklerotische) Herzdarm (= Aorta) des Hir- 
sches zur Pulsregnlicrung bei arhythmischem Mer^sehlage benützt 
iverde'-^ (s. Höfler, Volksmedizin S. 162)^ es wäre demnach kein 
"Wunder, wenn wir auch ein Destillat aus dem Hirschherzen bei 
„Herzzuständen" (das [Hirsch-] Hertz stärcket das Hertz und 
machet man davon das Hirschhertz wasser; Schröder 1279) ange- 
geben fänden nach dem ärztlichen Grundsatze similia similibus und 
als postparacelsische Ausartung der tierischen Organotherapie, nach- 
dem im IG. Jahrh. auch „/-or da^^ hl ff teil der JSasen/ii. d((s bein, 
u'c/ches ins hi r sehen hertze (lefnndeu . f/ejnduert^' angeraten war 
(Jühling (30). 

(1740) ,^Hirs(/irnl-reuzl (((us dem H irschherzen) pulrerisiert 
einer niederkofiffifenden Fraff die Frucht zu befördern , eines 
auf einmal eij/zuf/eben in weiß Lilicnicasscr, das gibt man nur, ivoin 
die Wehen nicht st((rh honnnen ivoUen und es verzieht damit: ivenn 
(dier die Welten von sich selbst homna'n, darf man es nicht ein(/eben'" 
(Christi. Granatapfel I, 521). 

Die Verwendung dieses Hirschherzbeines (Hirschkreuzes der 
Mönche) seit den Zeiten von Plinius bis auf unsere Tage, namentlich 
als geburtshilfliches Mittel, gegen Alptraum und elbische Geister Ver- 
wirrung mit Angstzuständen und Herzklopfen ist ein deutliches Bei- 
spiel, wie sich solche tierische Organteile als Apotropäon von dem 
Opfer des ganzen Tieres ableiten lassen. „Ein allgemein verbreiteter 
Aberglaube bestimmt (heute noch) den Jäger, das Herz des auf- 
gebrochenen Wildes (Hirsch) zu öffnen und das hier noch sich findende 
(rohe, lebenswarme) Blut zu trinken in der Zuversicht, dadurch 
Muskel und Sehnen zu stählen und den gefürchteten (elbisch oder 
dämonisch veranlaßten) Schwindel zu vertreiben" (Brehm ^ HI, 282). 
Herzblut , Herzfleisch , Herzknochen haben die gleiche Verwendung. 

11. Kalb, Ochse, Büffel, (s. o. s. 84, i65 u. 201.) 

In der isländischen Kormakssage gibt das heilkundige Weib Tordis dem ver- 
wundeten Thorward den Rat, er solle sich nach einem Elben{Toten)hügel be- 
geben und dort, wo die Toten hausen, das Blut eines Stieres auf die Steine 
schmieren und den Eiben aus dem Fleische des Stieres ein Gastmahl, d. h. 
das alfa-blot (Elfenopfer) zu bereiten; er genas auch durch die Gunst der mit 
diesen Opferspeisen versöhnten elbischen Krankheitsdämonen (Groen in Janus 
XII, 678 ff.), wobei die Communio mit den Eibengeistern stillschweigend voraus- 
gesetzt wird. Hier spielte also der Kultort bei dem Heilopfer mit. 

Als dem Julius Cäsar zu Ehren einmal ein fetter Ochse geopfert 
wurde, fehlte dem eröffneten Tiere in seinem Inneren das Herz, was 
als ein Vorzeichen für des Cäsaren baldigen Tod gedeutet wurde 
(Lenz 244); Opfer und Augurium sind beide ebenso enge verbunden 
(s, 0. S. 23) wie Opfer und Heilkunsi. 



Herz. 245 

Bei den ostgalizischen Juden soll man das Herz einer Kuh Kuh 



nicht verzehren, da man davon böswillig wird (Einfluß von Aegypten?) 
(Urquell IV, 274). 

Im Atlamal (Jordan 57) heißt es: -Jch briet am Bratspieße und 
brachte die Herzen (deiner lieben Kinder) Dir, König, zu kosten als 
Kälberherzen . . . Du ließest nichts übrig vom leckeren Imbiß und 
mit gierigem Gaumen hast du gegessen." 

In Deutschland war das Herz eines Kalbes noch im 18. Jahrh. 
offizinell. 

Zum Geschlinge und Gerebe des Kalbes gehört auch das Kalbs- 
herz, das in Schleswig-Holstein gegen Viehseuchen in eine ganz 
bestimmte Wand des Feuerherdes (Hausaltar s. S. 25)^) eingemauert 
wurde (Jahn 15), ein Opfer an die Hausgeister, welche hier ihre Ver- 
söhnung durch Opferfleisch erhielten; namentlich die (geräucherte) 
Zunge der Haustiere (s. S. 88) war ein Opfer an Hermes, den 
Totenführer. 

(1740) jjEin gutes Ltingenivasser. Nimm ein Grob von einem 
schivarzen Kalb, ädere es ivohl aus und trockne es von dem Geblüt 
seniber, darnaeh nini (Frühlingskräuter und Gartengewürz) diese Stueh 
alte klein geliaekt, unter das Grob gctlian, gieß Gaisnuteh darauf etc. 
Von diesem Wasser soll eine lungen sucht ige oder sonst an der Brust 
mangelhafte Person nehmen^' (Christi. Granatapfel T, 42); ähnlich wird 
auch das Blut und die Leber eines schwarzen Kalbes verwendet; 
solche Stellvertretung der Seelensitzorgane wäre nach dem Grund- 
satze simiha similibus nicht denkbar; der gleiche Heilwert durch diese 
Teile des ganzen Opfertieres, das schwarzfarbig -) sein muß , erlaubt 
die Substitution. (16. Jahrh.) ,,Wenn eynem die glieder schivin- 
den. Ein anderes. Nimm das geschlinge rem eym kalbe mit 
hercz, mitt lebern, mit gorgell, (ds man es aus eynem kalbe nimptt, 
thue ein lirdb nössell Begemvürmer zu. Brenne tvasser daraus rnnd 
schmiere den (Sclnvindefi-) Sehaden damitt Li der werme'''' (Jühling 
144). (16. Jahrh.) ^^Wann einem die Adern zu kurtz tverdea 
(= Adernschwindung) ivoUen. nim ein Kalbsgeschlinck, 
brenne das in einem Bistilirhelm (s. S. 15) zu tvasser rnnd sol be- 
melt geschlinck (mit Herz) vonn einem Mertzenkalber^) genommen 
rnnd das tvasser daraus gebrandt tverden^' (Jühling 150). 

(16. Jahrh.) ^.^ So große weetagen in einem f/lied, Nim Leber, 
Lunge, Hertz ron einem sch'wartzen Kalbe, hacke es unter ein- 
ander, daruntter Saluia gehackt, auch ein theil desselben Kcdbsblut" 
(Jühhng 150). Diese Häufigkeit der Verwendung der Eingeweide 
eines schwarzen Märzenkalbes ^) (s. o. Kalbskopf S. 85) gegen das 
Schwinden an den Gliedern spricht deutlich für den Opferkultursprung. 
(16. Jahrh.) „i;or sant valtins krangkeitt (= Epilepsie), nim 
von einem rngeschnetten^) ogsen das blutt aus dem herezen, ron einem 
vngeschnettnen geißbock auch auß dem, herezen, schlapf epffel, das sind 



^) An der Ofen-Hell hausen die Hausgeister; dort „gucken die Heiligen in 
die Töpfe" (Z. d. V. f. rhein. V.K. 1902, 294). 

2) S. o. S. 30-32. 

3) Märzenkalb s. S. 85. 

**) März ist römisches Neujahr. 
^) S. o. S. 33. 



KaU)s-, 

Ochsen- 

lißrz. 



246 Herz. 

die rügen Imotten, die an hayvndorn tvachscn, die son Ideiii f/rjiolfrrff 
vnnd geriehen tverden vnnd geht (Geseht, Giseht) von einem fliesenten 
tvasser — " (Jühling 150). (16. Jahrh.) ^^Vorn hohen siechtagen 
(= Epilepsie), nint von einem rngeschnetten^) (ochsen) das hlutt rß 
dem hrrezen, von einem rngesehnetten^) Geißhogl- auch das hlutt rß 
dem herczen, schlaff' opfel, das sintt die ruchen Icnotten, die an rasen 
streuchen aber (oder) hagendorn tcagscn, die polfer Mein rnnd reihe 
sie wolc rnnd gescht (Gischt) ron einem fliesenden tvasser, das rer- 
misch alles tvole doreheinander , das gep dem l'rangJien zu dringlcen 
dorch ein tottenhein (!), den man doreh ein manshein, dem ivihe doreh 
ein wihrrhcin^^ (Jühling 178). 

Die dämonistisclie Epilepsie und die wie ein Wurm zehrenden 
Krankheiten geben also zumeist die Anzeige zur Verwendung des 
Kalbsherzens. Kultzeit, Kultfarbe, Einmauerung, Tierart etc. ent- 
sprechen der uralten Magie, die aus dem Seelenopfer ihre Praktik bezog. 

12. Lamm, Schaf. Hammel. Widder, (s. o. s. ss, 170 u. 207.) 

Hannuei- ,^W('nn einem ivendischcn Mädchen der Liehste untreu ivird, hiuft 

sie sich das Herz ron einem H((mmel, steckt dieses (ivie ein Wachs- 
herz) roll Stecknadeln und kocht es, ehenso schnell, ivie es kocht, kehrt 
die Liebe zurück; hierhei rereinigt sich Analogiezauher (Sympatliie) 
mit dem Opfer eines Schafes cm die den Zauber rermittelnden Geister''^ 
(Schulenburg, Wendisches Volkst. 118). ..Das Bhd aus dem Herzen 
eines H(( m mel s f/ef/'ui/ken hilft in Bosniof gegen JFiehep^^ (gegen 
Fieber- und Seuchendämonen) (Wissensch. Mittig. 11, 389) (vielleicht 
eine Erinnerung an die bacchantische Omophagie S. 12 u. 45). 

13. Ziege, Bock. is. o. s. 91, 172 u. 208.) 

Bocksblut verwendete Sextus Platonicus „ad humores", „ad 
torminosos", die deutsche Volksmedizin aber meist gegen Epilepsie und 
Steinleiden (Jühling 254-264). 

Dem gedörrten Bocksblute, namentlich jenem, das hinter den 
Ohren (Nackenstich) herausgelassen wurde, legte man ehemals eine 
besondere, Blut und Steine aufsaugende oder auflösende Kraft bei, 
weshalb man es bei Steinbildungen in der Blase und bei Blasenleiden, 
beim Seitenstechen (Pleuropneumonie) und bei Quetschungen etc. an- 
pries. 1681 noch war beim Seitenstechen das Fasten (s. o. S. 27) 
und die Verwendung des Bocksblutes eine volksmedizinische Vor- 
schrift; überhaupt ist die Verwendung des ganzen geilen Bocktieres 
und seiner Teile so häufig in der Volksmedizin, daß man diese Therapie 
in den Fällen der Sexualsphäre eher von dem Fruchtbarkeitsopfer ab- 
leiten muß als von der Metallurgie , wo auch das Bocksblut und die 
Knochenasche -) eine Verbindung zu dem bronzenen Metallschmucke 
im Leichenbrande und damit auch eine empirische Ableitung aus dem 
Opferbrande erlauben ließe. 
Bocksherz. Das Blut aus dem Herzen eines Geißbockes neben dem Blute 



1) S. o. S. 83. 

2) S. o. S. 25 und spodium bei Frieboes 618 ff. 



Herz. 247 

aus dem Kalbsherzen haben wir soeben zweimal als Mittel gegen 
Epilepsie kennen gelernt (Jühling 150, 178). 

14. Schwein, (s. o. s. 97, 174 u. 211.) 

Das Schweinsherz wird fast ausschließlich nur gegen das sogen, schweins- 
Rotlauf oder die Schöne (s. Höfler, Krankheitsnamenbuch S. 594) ge- ^®^"^ 
braucht; sonst wird das Schweinsblut dafür eingesetzt, d. h. das Blut 
aus dem Herzen. (1716) ^^Brcrpt tvlder die Sehn röte (Schönröte) oder 
üehcrrötr (Erysi2)elas). Bccipc das Hers r<ni einem frisch ahge- 
stochenen Sehiveiu , schneide es von einander mid fasse das BJiit auf, 
so darin ligt, döre und zerstoße es zu Fidcer, trage es in einem 
Bündelein an dem Hals. Wan du die Seharöte hast, streüwe diesem 
PüJrerJein darauf und hatte dich ivffrm. Frolxdiim^'' (Schw. A. f. 
V.K. 1906, 271). (1740) ^Beeept ror das Bothlauf. Ein anders. 
Jlan niiund ein JAaucs (Zuel'crhut-) Bapier^ streicht einen Honigfladen 
(s. Honig S. 43) samnd dem Wachs darauf, sodann nimtnt nani ein 
gedörrtes Blut ron dem Herzen eines schtuarzen Schweines, 
streue solches darauf und lege es auf. Dieses soll man innerhalh 
M Stunden cdlzeit frischer auflegen''^ (Christi. Granatapfel H, 311); 
dieselbe Quelle n, 310 empfahl 1740: .^ein ganz schwarzes Tut Iferhl 
(Spaifferl'el) in einem Zimnwr (Hausgeisteropfer) cdjzustechen und 
das Blut auf die Erysipel asstelle überzulegen.'-^ ^^ Wer am Fast na cht - 
mortpni (Sehiveins-) Bluttvurst ißt, der bleibt das (fanze Jahr vor Bot- 
lauf geschützt'' (Jühling 181), ,,oder ron Flöhen'-'' (Sloet 179). Man 
sieht, wie das Frühlingsopfer, das schwarze junge Schwein, ursprüng- 
lich sein Herzblut zum Opfer hergab und wie dann das Mittel zur 
heilsamen Blutwurst^) herabsank; aber noch ist die Farbe des Tieres, 
die Kultzeit und der Honigkuchen (Opferkuchen) angedeutet (vergl. 
Schweinsleber S. 176). 

Bei den Christen des slaivischen Bcdkans tvird gegen den Biß 
tollei* Hunde nicht gerade das Herz des tollen Hundes renvendet, 
sondern es hann ein beliebiges Schweinsherz denselben Dienst leisten 
(Stern I, 212). 

15. Hyäne, (s. o. s. 102, 176 u. 212.) 

Plinius, der Altmeister der Volksmedizin, folgte oft dem Vorbilde 
der ägyptischen Magier, welche das Hyänenherz, als Organ eines Hyänen- 
leichenfressenden Tieres, bevorzugten; er erwähnt dasselbe als Mittel ^^^^'^' 
gegen (dämonistisch veranlaßte) Körperschmerzen (XXVHI, 27): 
j^nain cor hyaenae in cibo potuce sutnptuni oiunibus doloribus cor- 
porum auxiliari" ; .^trenmlis, sptasticis exilierdihus et cpuibus cor pal- 
2)itet, aliquid er corde (liyaenae) coctum mandendum ita ut reliquae 
partis cinis cum cerebro hyaenae inli)iatur", also auch gegen Herz- 
klopfen, Veitstanz und Zittern, welche Symptome einem Dämon 
früher in der Volksmedizin zugeschrieben wurden und auch durch 



^) Gedärme und Eingeweide mit dem Blute der geschlachteten Opfertiere 
(Blutwurst, Milzwurst) waren vermutlich schon ein indogermanisches Gericht (Liden, 
Indogerm. Forschungen XVIII, 409). Vergl. auch das Ox)fern von Schweinswürsten 
bei Juvenal, Satyr. X, 353. 



248 Herz. 

Hyänengehirn (s. o. S. 103) behandelt wurden. Der Krankheitsdänion, 
welcher mit Schmerzen quält und plagt, sollte durch die Theophagie des 
Seelenorgans (Herz, Hirn) des Seelentieres bekämpft und überwunden 
werden. 

16. Luchs. (S. 0. S. lO:?.) 

Luchs- Daß das Luchsherz von den griechisch - ägyptischen Magiern 

herz. Q^g^, Propheten als Heilmittel benützt wurde, ergibt sich aus dem 
Namen Luchs herz für die Kaper (Capparis spinosa L.) (Dioskuri- 
des n, 204), die auch 7.a:rp'.a (= Eierstock der Säue und Kamel- 
stuten, der ihnen ausgeschnitten wird, wenn sie nicht mehr brünstig 
werden sollen) und Hippomanes, Roßwut (Liebesmittel) hieß (Beren- 
des 249). Da die „viscera lyncis" zum Liebeszauber verwendet 
wurden (Fahz 154), so dürfen wir auch das Luchsherz als ein solches 
Mittel annehmen. 

17. Kamelherz fehlt. 

18. Löwe. (S. 0. S. 104, 177 u. 213.) 
Löwen- Das Löwenherz erwähnt Plinius XXVHI, 25) als Fiebermittel 

herz. 



or h'onis in ribo sumptiim qunrtanis medcfur^^ Schröder (1310) 
folgte 1685 als Paracelsist mit einem sogen. Herzwasser, das man 
aus dem „Hirschhertzen und noch anderem Gewürtze'* destillierte 
(hier ist der Grundsatz similia simiHbus gegeben, aber erst 1685!); 
das Mittel gegen das herzerregende Fieber (Fieberdämon) konnte 
mit der Zeit zum apotropäischen Herzmittel werden. 

19. Esel. (S. o. S. 105 u. 177.) 

Eseishevz. Hippokratcs empfahl das Eselsfleisch als leichte Krankenkost, 

Plinius als Mittel gegen Auszehrung. 

Aelianus (h. an. XV, 35) hielt (220 p. Chr.) das Eselsfleisch 
für rravdxsca raorbos universos curantia. 1560 dichtete einer über 
Eselseingeweide: 

„Visceribus teneri cur non vescar aselli, 
Quae curant arida languida membra tabe?" 

und Jakobus Bälde (1651) singt in seiner Gloria medicinae (III. Satyr. 
V. 66) : 

„Post asini auriculas longumque hoc mobile sanguis 

EHcitur bibiturque avide." 

Hierbei vertritt das Blut, das hinter dem (linken) Ohre (Herz- 
seite) genommen wurde (vergl. das Blut unter dem linken Vogelflügel), 
das Blut aus dem Herzen des Esels, wobei das männliche und 
schwarze Tier bevorzugt wurde. 

Plinius (h. n. XXVIII, 63) erzählt vom Eselsherzen als Mittel 
gegen Epilepsie: ,^sunt qiii e mare (asini) nigroque cor edendun} 
cum pcme suh diu prima aut secunda luna praecipiunt'''' (comitialibus). 



Herz. 249 

Dieses sicher aus dem Opferkulte stammende Rezept übersetzt nahezu 
wörthch folgendes: (1563) ^^ Et liehe ncmcn das hcrtz von einem 
jungen Esel, der ein männlin vnnd schwarte Ist vnnd gehen das 
einem vnder freycn himmel ze essen mit hrot in vollem Monstafi 
vnnd den nächsten tag darnach: Das sol gut für die fallend sucht 
seyn^^ (Jühling 14) (hier ist das Esel- bezw. Pferdeopfer deutlich in 
Verbindung gebracht): ^^Qiiam hene vicinus Slesitae Sarmata fertur: 
Ederat hie asimim, dum vorat rät er equum.''^ (16. Jahrh.) Konrad 
Celtes: ^^De coena hippophaqi}^ (Mittig. d. schles. Ges. f. V.K. XV, 
1906, S. 129); vergl. auch Eselsmilz. 

Das Herz der Mauleselin (mula), die als unfruchtbar gilt (s. o. 
S. 106), empfahl der um 330 p. Chr. lebende Sextus Platonicus als 
Mittel gegen die weibhche Empfängnis mit den Worten : „ TJt midier 
non concipiat. Mulae cor siccum et vino aspersum^) datur hibere post 
purgationem tricesimariam^^ (p. 408) (similia similibus). 

20. Pferd, (s. o. s. loe, i78 u. 213.) 

Nach Plinius (XXVIII, 49) weist das Pferdeherz einen hunde- Pferdeherz, 
zahnähnlichen Knochen (arteriosklerotisches Klappenknötchen?) auf, der 
dazu benützt werden soll, um den schmerzenden Zahn daran zu reiben: 

j^praeterea in corde equoru^n invenitur os, dentilms caninis ma.ri))iis 
simile; hoc scarificari dolorem dentis'''' (s. o. Hirschherz S. 242). 

Rehherz erwähnt nur der Sextus Platonicus Papyrensis als Sub- Rehherz. 
stitut der Rehleber (s. d.) und als Mittel gegen den Blutfluß: ^^Ad 

sanguinem nimium profluentem. Capreae jecur (cor) comhustum et 
aspersum sanguinem fluentem reprimit}^ (p. 400). Herz und Leber als 
gleichwertige organotherapeutische Materien sind hier nur als Seelen- 
sitze und Opferteile erklärbar. 

21. Fledermaus, (s. o. s. 112 u. 180.) 

Fledermausblut hat überirdische, elbische Kräfte, wie sie Fieder- 
den chthonischen Wesen und Seelengeistern eigen sind; es macht ^^^^^^^^'^ 
gut sehend (15. Jahrh.) (Z. d. V. f. V.K. 1891, S. 324; Schw. 
A. f. V.K. VI, 1902, p. 53), d.h. selbst in der Dunkelheit scharf 
sehend, wie der Träger des Blutes selbst: z(^ 6[iou|) jcd[jzi zb 6[ioigv. 
Fledermausblut gehört als Sitz eibischer Kräfte zur Hexensalbe, 
die auch Alptraum (Eibenliebe) erzeugendes Mittel ist (Kräuter- 
mann 131). Als angeblich blindes und nachts schlafloses Tier wurde 
es aus Analogie bei der griechischen Agoge agrypnetike (Fahz 128) 
auch zum Erwecken blinder schlafloser Liebe benützt. ^^Wenn man * 
das Herz ,oder die Leher' einer Fl e der vi aus ausTxrescht (= aus 
dem Gekröse auslöst) und in eine Kugel gibt, so hat man Gliicl' 
heim Schusse^'' (s. Rabenherz und -gehirn). Auge, Leber und Herz, 
diese Seelensitze der elbischen Fledermaus, übernehmen und vermitteln 
die Eigenschaften dieses auch im Dunkeln seine Gegner treffenden 
Xachttieres (v. Schulenburg, Wendische Volkssagen 1880, S. 259). 

^) Hier vertritt die Besprengung mit Wein die ältere mit Honig- (s. d.). 



250 Herz. 

(16. Jalirh.) ^^iviltu, das dich der schlaff nicht Irre. So traijc leihe 
dir ein rahenhercz, auch von einer fl edermaus hercz; dcwil dus 
heilte dir hast, so schlaffstu nit, jch (//aahs nitt'-^ (Jühling 227). Bas 
Herz des ethischen NacJittieres macht durch Sympathie, daß man 
nächtJichertveiJe mehr tätifj sein l'ann. Das Herz einer in der 
Mitternachtstunde f/etöteten Ft edermaus an einem (hfiit-) roten Faden 
Hm linken Arme (Herzseite) (jetrafjen (ins Herz einverteild = Herz- 
ijenuß) macht Glück im Spiel und in der Liehe (Wetterau) (Sloet77; 
Wuttke 8 166; Z. f. rhein. Y.K. 1905, IL 298; Zahler 115). Nach 
Elbenart bringen die Fledermäuse auch Glück und Unglück (Krank- 
heiten), helfen aber auch gegen Schlafneigung (Z. d. V. f. Y.K. 1888. 
S. 40) (s. o.). 

22. Maulwurf, (s. o. s. 113 u. iso.) 

Mauhvuvts- Mit Vorliebe benützten die griechischen und römischen IMagier 

^^^^ dieses unterirdische Tier, bezw. dessen Seelensitzorgane, Leber und 
Herz; namentlich galt im Mittelalter das im Mai „gesammelte" Tier 
als das beste (Schröder 1329); es galt als chthonisches Wesen, das im 
Frühjahr aus dem Schöße der Erde wiederkehrt, und dessen Omo- 
l)hagie (s. S. 45) die übernatürlichen Kräfte der chthonischen Geister, 
die für Fruchtbarkeitszwecke und dämonistisch verursachte Leiden 
wirksam galten, vermittelte. Plinius (XXX, 7) schrieb: ^^^mütum re- 
tif/ionum rapacius judicant animal id, si quis cor ejus (talpae) reeens 
patpitansque devorarerit, divinationis et rcrum effieiendarum erentus 
prohuttant.^^ Der Genuß des rohen lebenden Maulwurfsherzens 
entspricht der auch anderwärts beobachtbaren Omophagie ; durch diese 
Art von Theophagie bezw. durch den Genuß seiner Seele (Lebens- 
kraft) erwarb man sich die übernatürlichen Zauberkräfte, die die 
Geister (chthonischen AVesen) besaßen und die zum Glück, aber auch 
zum Unheil gereichen konnten; daher der Genuß des Maulwurfs- 
herzens ebenso auch Herzpalpitationen und Schwindel veranlassen 
sollte. (1683) .^Das Hertz (des Maulivurfs) heilet den Bruch 
(z= hernia, Sexualleiden), tcann mans trocknet.^ zerpülvert, und 3. oder 
4. Tag eines giebet (wie die 3IauJtvurfsIeher), doch soll es den Schivindel 
and Hertr^klopffen rerursaehen" (Schröder 1329). Daß das Maul- 
wurfsherz gegen Herzleiden helfen sollte, konnte Verf. nirgends finden. 
Die Gleichwertigkeit von Maulwurfsherz und Maulwurfsleber (gegen 
Hernien und Fieber) spricht dafür, daß das ganze Tier als solches 
schon besondere antidämonische Zauberkräfte besitzen sollte (Plinius, 
h. n. XXX, 3, 7), die in der Maienzeit mehr gegeben waren (vergl. 
oben Maulwurfsleber S. 180). Vor 1786 riet Dr. J. Jenner (Schw. 
A. f. V.K. 1903, p. 47) für den hinfallenden Siechtag Maulwurfen- 
Herz 1 Lot (vergl. Eselsmilz). 

Maus- Ein lebendes Mausherz als Amulett gegen Empfängnis er- 

wähnt der um 330 p. Chr. lebende Sextus Platonicus (cap. XXI, 
p. 416) mit den Worten: ^^3Iuri viventi cor exemplum et hrachio 
mulieri suspensum efficit lU (mulier) ne concipiat.'^ Ueber die Maus 
s. S. 109; vermuthch ist hierbei das Fledermausherz (s. d.) vertreten 
durch das Mausherz. 



herz 



Herz. 251 



Vögel. 

Das Vogelherz wird nicht so häufig wie das Yogelhirn (s, o. Vogeiherz. 
S. 114, 135) verwendet in der Volksmedizin, umsomehr aber das der 
chthonischen Vögel. Das Augurium (= aves gustare) ging ja haui)t- 
sächlich vom Verkosten und Prüfen des rohen Herzblutes der Vögel 
aus; der Genuß des Vogelherzens gibt besonders häufig Glück im 
Leben und Sicherung vor Unglück i). Als Mittel gegen Würmer 
erwähnt schon der altägyptische Papyrus Ebers (Janus 1899, p. 124) 
das Herz eines Vogels mit Feldkräutern, Honig, süßem Bier in 
einem Kuchen gebacken als Speise (gegen die Dämonen in Wurm- 
gestalt). 

23. Huhn. (s. o. s. 117, 182 u. 216.) • 

(16. Jahrh.) „/vei der (Geburt, ich habe versucht ein hennen Huhnherz. 
lierczt clieweiJ die kenne noch zapelt, der frauen bindet auf ein dichy 
(= Bichfleisch) , sie geneist gar halt sunder ziveifeV^ (Jühling 210) 
(durch Entzauberung durch ein lebendes Herz, Vertreibung böser 
Geister, die die Geburtsschloßeröffnung behindern). Im Flämischen 
wird ein lebendes Herz ^^levend hert'"'' in Gestalt einer lebenden Henne, 
u'clche dort „Filgrim'''' (/enannt ivird, als Mittel gegen FallsKcht ge- 
opfert (De Cock, Volksgeneeskunde 102-, Volkskunde 1894, S. 42). 
Das Hühner herz vertritt hierbei wohl das Opfer anderer größerer 
Tierherzen; es wird aber selbst wieder substituiert durch das Herz 
ganz kleiner schwarzer ^) Vögel (Schwalbe, Lerche etc.). 

In Bosnien hilft der Magen und das Herz eines eben geschlachteten 
Huhnes {=^ pars pro toto) gebraten und gegessen gegen das Fi eher 
(= fieberhafte Seuchen, welche die Dämonen verursachen) (Wissensch. 
Mittig. n, 389). In einem Schweizer Zauberbuche (Schw. A. f. V.K. 
1903, S. 52) heißt es: ^^Wilt du ivissen, tvas eine Frau gethan hat, 
so nim ein Schivarzen ^) hennenhertz und nim die fr au in die Buchte 
hand, so seit sie dir alles, tvas sie weis^^ (weissagen). Die kommuniale 
Omophagie der Gottheitsspeise verleiht übernatürliche Kräfte. Im 
Altnorwegischen wird das Herz eines Auerhalms als Mittel gegen Auerhaim- 
Würmer und Trolle empfohlen: ,^Item helcedom äff en fugl som ^^'^'^^ 
hedher tiudher (= TSTpaw, s. S. 120). Tag hycerthae hans och haff 
om armen, tha mcia eg sJcadhe tegh orm eller trolV^ (Fonahn 7). Der 
nordische Wundenauerhahn ist der Rabe. 

24. Geier, Falke, (s. o. s. 120, 123 u. 217.) 

Sperber und Habicht hatten in der altägyptischen Eeligion Geierherz. 
die gleiche sakrale Bedeutung wie der Falke des Horus (Wiedemann). 
In der altgermanischen Mythologie hat der Falke (Geier) Beziehung 
zum Totenreiche der Hella. Im zweiten Gudrunliede der Edda 



') Mali augurii = malheureux. 

) Ueber schwarze Hühner s. o. S. 44. 



252 Herz. 

(Jordan 418) heißt es von Attli: y^von der Faust flogen mir ah ztvei 
Falken nach dem BeicJie der Hei, und ihre Herzen aß ich mit 
Honig''^ (über Honig s. S. 43). Als Mittel gegen die dämonistische 
Epilepsie führt Plinius (XXX, 27) als Amulett das junge Geier herz 
an: „ror pulli vulturini adalligatum''^ \ es verleiht Schutz vor 
Schlangenstieh , vor d«m Bisse wilder Tiere, Räubern und dem 
Zorne der Könige: ^^item cor rulturis ((litis h((bentes tntos esse ((h 
impetu non solum serpentium sed ('ti((Uf ferariim Irdronumqne et 
rcgum ira}^ 

(1563) „Z)r/5 hertz von eine in jungen (rgrcn in der H((nt 
ühergehunden, stellt edle fläß" (einverleibter Talisman gegen Blutflüsse) 
(Jiihling 200). (1563) ^^Dise (Geierherz) ((ngchiinden sol für die 
fallertd sucht dienen''^ (1. eod.). 

(16. Jahrh.) „TFrm du iviltt stritten, So ngm des gej/ers herez 
zu dir rnnd hintt es an rechten arm an eilen hogenn, so l'otupstu mit 
crcn daruon}^ (Jühhng 289). Sdion im 15. Jahrhundert ist das Geier- 
herz ein Talisman gegen Wundenblutuiig. „7^5 gibt h'in Glied und 
kein Bein imvendig oder auswendig, Nichts an dem Geier, tvas nicht 
zur Arzeney tauglich n'(ire'' (Z. d. V. f. V.K. 1891, S. 323); so viel 
Lebenskraft hat dieser Galgenvogel, der sich von dem Fleische der 
Getöteten ernährt (s. o. Geierhirn). 

Bemerkenswert ist, daß Plinius X, 8, 24 angibt, daß die Habichte 
keine Vogelherzen verzehrten (Seelen Wanderungsglaube?). 

Ebenso muß hier angeführt werden, daß im ägyptisch- griechisch- 
Habicht- jüdischen Zauberpapyrus (300 — 350 p. Chr.) unter dem Habicht- 
herzen (/tapSfa ispa'/.o;) das Innere der Pflanze Artemisia (apr£[iLaiac 
xapSia) verstanden wird (Dieterich 817), wofür die ägyptischen Propheten 
auch „Menschenblut" ^) hermeneutisch sagten (Berendes 339). Die Arte- 
misia, eine spezilisch gynäkologische Pflanze in der Volksmedizin, 
wurde im 14. Jahrhundert unter Beschwörungsformeln ausgegraben 
(Schönbach 148). Jedenfalls ist ersichtlich, daß der Glaube an die 
Heilkraft des Geierherzens aus ägyptischer Quelle floß. Der 
Menschenleichen und Menschenblut gierig verzehrende heilige Vogel 
hat in seinem Herzen alle Lebenskraft, um alle Fruchtbarkeitswünsche 
der Frauen zu erfüllen und alle Gegenmächte zu überwinden. Sextus 
Platonicus (um 330 p. Chr.) schreibt daher (cap. XXIV, p. 417): 
„Adversus mala medicamenta. Cor vulturis ligatum in pelle lupina, 
si circa brachium habeas, nullum medicamentum nocere tibi poterit, 
nee serpens, nee latro nee ulla malitia, nee quidem phantasma senties, 
nee si per heremum iter facias." 

25. Rabe. (s. o. s. 122, 184 u. 218.) 

(16. Jahrh.) „vorn hoen siechtaf/en nim einem wolf das hercz 
(s. 0.) . . . rnnd von jjj großen reihen die hercz auch ee sie gar 
sterben; diese jjj hercz mach der rnnd pol f er. siehe wan ein mensch 
diesen siechtom hatt, dem gehe die polfer in j quenten vff ein male mit 
sehloselhlumen^^ (Jühling 253); auch hier ist die Verbindung mit 
Frühlingsblumen für das Opfervorbild charakteristisch (s. o. S. 19). 



1) S. 0. S. 19. Artemisia s. S. 17, 19 u. 192. 



herz. 



Herz. 253 

Gerade bei den augenfällig dämonistisch aufgefaßten Krankheiten, für 
die die Epilepsie geradezu typisch ist, spielt das „lebende Herz" oder 
.Jebende Opfer" in der volksmedizinischen Behandlung eine hervor- 
ragende Rolle, so daß man sogar oft berechtigt sein könnte, aus diesem 
Opfer auf die dämonistische Nosologie zurückzuschließen. Ueber die 
Fortdauer des Opfers lebender Tiere siehe Andree, Votivgaben S. 140. 
(16. Jahrb.) ..tviJtu dm dich der schlaff nicht irre. So tnff/e heihe 
dir ein reihen hercz; auch von einer fledermcms hercs (s. o. S. 249), Raben- 
deivil das heihe dir hast, so sehJaffstii nit. ich glauhs nitt^^ (Jühling 
227) (Elstervertretung, Gegenzauber). Im Erzfiehirge verschafft das 
Herz eines Bähen einen sicheren Schuß (Wuttke § 162) (Zauber- 
tier als Seelenvogel). .^Hänf/e ein Rahenherz um, den Hals, so meidet 
dich der Schlaf ^^ (Tirol). ^^Wenn man ein Rahenherz in ein Tüch- 
lein hindet und um den Hals häm/t, so verliert sich jede Schlafsucht''' 
(Tirol) (Alpenburg 360, 386). 

In einem Schweizer Zauberbuche heißt es: „ Tfi/f du Garn starch 
Seijn im Streit, so fach Ein lähändlfjer raph und nimm das Harz 
von int und Trags hi dir, so hist du starlc im Streit^' (ganz wie oben 
beim Geierherz S. 252) (Schw. A. f. V.K. 1903, p. 50). 

Der Rabe übernimmt also im deutschen Volksbrauche ganz die 
Rolle des schw^arzen Vogels (Adler, Auerhahn, Huhn, Elster, Krähe. 
Star etc.), des chthonisch-elbischen AVesens. 

26. Star. 

Sturnus, 'Vip, ahd. stära, an. stare. 

In der Oberpfalz wird geraten, das Herz eines Staren dem stareu- 
Kinde zu essen zu geben, damit es klug und gelehrig werde (Jühling ^^®^^ 
248), wie wenn es das Herz eines elbischen klugen Wesens verzehrt 
hätte (der Star ist hier nur eine spätere Verwechslung des schwarzen 
Vogels). 

27. Eule. (s. o. s. 125, i84 u. 219.) 

Der elbische Nachtvogel wird schon von PHnius (XXIX, 4) als 
Traummittel der Magier erwähnt. Das Herz der Eule auf die linJic 
(Herz-) Seite des schlafenden Weihes (/elegt, macht, daß man alle die 
Geheimnisse desselhen erfährt, die dieses Im Trainne aussagt''^ (Lenz 
292). Ihm schreiben nun die Naturkundigen des Mittelalters nach: 
Das Herz einer Eule an die linke (Herz-) Seite der schlafenden EuieuUerz. 
Frau gelegt, macht (nach K. v. Megenberg und Bechstein -Alpen- 
burg 385), daß diese alles im Traume aussagt; sonst vermittelte auch 
der Lebergenuß das Weissagen im Traume (Alptraum) (Lippert, Rehg. 
266). Das Herz und der rechte Fuß einer Habergeiß (Eule) unter 
der linken Achsel (Herzseite) getragen, sichert vor dem Bisse eines 
tollen Hundes (Wuttke ' S. 124-, Globus XCI, Nr. 21, S. 338). Schon 
Seneca (Med. 733) erwähnt ^^maestlque cor huhonis et raucae strlgis 
e.fsecta vlvae vlscera^^ als magisches Mittel (Fahz 154), vermutlich als 
Apotropäon, das die Geister abwehrt. 



herz. 



254 Herz. 

28. Schwalbe. (S. o. s. 127, i84 u. 219.) 

Auch hier haben wir wieder Plinius als Vorläufer (XXX, 27): 
^^posfcd nu'dctur morho comitudl hlrundhiuni cor recens devoratnni''' , 
eine Omophagie^), die .in der schwarzen Schwalbe etwas Seelisches 
oder Chthonisches voraussetzte, das die dänionistische Epilepsie ebenso 
überwindet wie die Fieberdämonen (XXX , oO) : „ä / r u n d i u u ni 
cord(( cum nicJlc dcrorari." 
Scinvaiben- (1730) j^Alboius (MciipHts) meldet: Wenn etiler ein Schtvalben' 

Hertz heij sich tnige, so werde er von jedermdun, geliehet werden''^ 
(Kräutermann 138); ein solches Liebesmittel ist auch: 

(1629) ^¥reini(ls<haft ^ivischen i^weyen Mannspet'sonen 
zu stiften. Auf eine (indi'rc Art. Lasset Schivalhen unter einem Siehe 
sterben (ersticken), nehmet davon diejeni(/en, so den Schnabel nach der 
Erden hangen (nach jüdischem Opferritus), schneide ihnen die Herzen 

aus, dürre und pulvere sie das Imnnst du eines im Essen oder 

im Trinken beybringen. Ist eines der geivissensten Stücke, tvann es 
Geseehstensehein Jovis und Veneris gebrauchet ivird''^ (Tenzel 285). 
..In Norddeutschland trägt noch }nancher verliebte Bursche (^uv lAehe- 
f/etrinntnt(/J Fledcrmausblut oder auch ein Schivalbenherz bei 
sich'"'' (Peters T, 257); ^.ein Schivalbenherz dient zum Liebes- 
rmuher' (Wuttke g 159). 

Das schon erwähnte Kezept des Plinius kehrt wieder: 

(15G3) y,Schtvalmenhertz heissend etlich für das vtertäffiff 
feher essen''' (Jühling 230); bacchantische Omophagie wie beim 
Hechtherz (s. das.), das in der Fastenzeit ebenfalls gegen Fieber roh 
gegessen werden sollte. 

(1683) ^.^Das (Schivaiben-) Hertz tauget gleichfalls ror die 
.schtrei'e JVoth^ stä/rket die GedäeliUitfß, etliche essens auch ror 
das inertäffhje l'ieber^' (Schröder 1347); auch dieser wiederholt 
die Verordnungen von Plinius (s. o.). „Das Schwalbenblut und das 
Schwalben herz haben eine wunderbare Heilkraft gegen die schwere 
Not, gegen Entzündungen, Geschwäre und böses Gesicht" (Mecklen- 
burg) (Jühling 236). 

^^Ni)nm ein Schivalbenherz, sied es in der Milch, trage es bei dir, 
so behältst du alles, was die hörst''' (Sloet 206) ; vergl. das Verstehen 
der Vogelsprache nach dem Genüsse des Menschenherzens und die ver- 
schiedenen anderen Gedächtnismittel aus der Tiersphäre. 

Als kleiner, unschuldiger, reiner (nicht vom Aas lebender) 
schwarzer Hausvogel und Frühlingsbote kann die Schwalbe auch das 
schwarze Seelen- und Hausopferhuhn oder auch die schwarze Opfertaube 
vertreten. (16. Jahrb.) ^.^An stadt der Hüncr vnnd Taidjen nimt man 
auch junge hundlein oder andere rein thierlein^'' (Jühling 222). Man 
sieht also auch hier wieder, wie die Volksmedizin die Heil- bezw. 
Opfertiere zu wechseln wußte. Auch im altjüdischen Opferritual tritt 
bei der Behandlung des Aussatzes dieser Tierwechsel auf. Der vom 
Priester nach der (angeblichen) Heilung des Aussatzes rein Befundene 
bringt zwei reine lebende Vögel zum blutigen Opfer. Rabbiner und 



') S. o. S. 45. 



Herz. 255 

die Vulgata denken sich dabei Sperlinge (s. o. S. 132; Maurer 109). Diese 
Tendenz zur Verkümmerung der Opfergaben (s. 8. 13), auch 
der Opfertiere geht durch die ganze Kulturgeschichte. Dieselben 
Krankheiten, die man früher mit großen Tieren heilen wollte, suchte 
man im Laufe des Ablösungsprozesses durch biUigere kleinere, aber 
reine (unschuldige fleckenlose) Tieropfer zu heilen; darum knüpfen 
sich an die Verwendung der kleinen Vögel (z. B. Schwalbe) dieselben 
Ziele und Absichten, wie an das Opfer des Menschenherzens oder an 
das Opfer größerer Tiere, z. B. das Unsichtbarmachen, das Erwecken 
der Gegenliebe, die Gabe der Erinnerung und des Verständnisses der 
Tiersprache etc. Blut und Herz der Schwalbe spielen dieselbe 
Rolle, wie Blut und Herz des Menschen; auch bei der Schwalbe 
ist die Todesart mitbestimmend für den Heilzweck, Lebendigzerreißen, 
Köpfen, Blutgewinnung aus dem rechten Flügel, Ersticken etc. Den 
römischen Christen war es verboten, Kleingeflügel, das erstickt war, 
zu genießen. Der antidämonische Verwendungszweck erhellt beim Ge- 
brauche der Schwalbe auch aus der Mitverbindung des Honigs und Weih- 
rauchs (s. 0. S. 43, 36) mit den Schwalbenmitteln. Da das Schwalben- 
auge niemals gegen Augenkrankheiten Verwendung findet, sondern 
fast ausschließlich gegen letztere Schwalbenherz und Schwalbenblut 
gebraucht werden, so ist dabei sicher nicht der Grundsatz simiha simi- 
libus, d. h. die Absicht, das kranke Menschenauge durch das gesunde 
Schwalbenauge zu ersetzen, bei der volksmedizinischen Verwendung 
der Schwalbe maßgebend gewesen. 

(1685) „Z)«.s Gehliit der Schtvalben soll in Sonderheit denen 
Augen taugen, und hält man diß, tvelehes tinter dem rcrhte)i Flügel 
herausgelassen worden, vor das beste" (Schröder 1347). (1085) „Das 
Blut, das unter dem rechten Flügel herausgelassen worden, ist ivegen 
seiner ivärmerer Natur hesser, dann das andere'''' (Schröder 1342). 

Wie wollte man auch das Schwalbenherz als Liebesmittel aus 
solchem Grundsatze erklären? Die Schwalbe ist auch die verküm- 
merteste Form des lebenden blutigen Opfers, das früher das Allheil- 
mittel gewesen ist, und das in diesem unschuldigen kleinen Haustiere 
seine „subtilere" Miniaturform erhielt. Gerade beim Vogelopfer machte 
sich schon bei den alten Aegyptern und Phönikiern eine große Freiheit 
in der Auswahl der geopferten Vogelarten bemerkbar, die ganz er- 
klärlicherweise mit der Zeit zur Ausartung ins Kümmerlichste (Zaun- 
könig etc.) führen mußte. 

Die häufige Verwendung der Schwalbenjungen bei der epidemi- 
schen Diphtherie, einer vorzugsweise die Kinder befallenden Seuche, 
läßt auch den Gedanken aussprechen, daß vielleicht die Verwendung 
der kleinen Schwalben das Kindesopfersubstitut vorstellen könnte, s.S. 13. 

Plinius sagt (XXX, 12): ^^multi cujuscumque hirundinis pull um 
edendum censent, ut toto anno non metuatur id malum (Halskrank- 
heiten); strangulatos cum sanguine comburunt in rase et cinerem cum 
pane aut potum dant.^^ Daß Ovid der Urheber der Verwendung 
dieses Opfermittels sei, wie Plinius (1. c.) meint, ist nicht denkbar. 
Ovid nahm eben als Dichter den Volksglauben seiner Zeit auf; ein 
einzelner Mensch war nie im stände, solche Mittel populär zu machen ; 
der Volksgedanke, der dahinter steckt, ist der intellektuelle Ur- 
heber. 



256 Herz. 



29. Taube, (s. o. s. 128, i84 u. 219.) 

Tauben- Wie schoii erwähnt, erachtet die Volksmedizin Wildtauben, Turtel- 

^^^'^- tauben, Haustauben als gleichwertig, auch der Pseudo-Dioskurides 
(4. Jahrh. p. Chr.) verw^endete das frische Blut der Haustauben, 
Turteltauben, Holztauben und von Rebhühnern für gleich 
kräftige Mittel (Janus XII, 25); nur bei den Juden war die Turtel- 
taube bevorzugt. 

(IG. Jahrh.) „is/y? andrem cor den sclilagk rnnd ScJiirere 
kranckheitt. Man soll nliemen ci/ne Turteltauhc; so ein manns 
2)erson istt^ ein Teuherieh, istt es ei/n tveyhs person eine Teiuhe, iinid 
stechen die in den flofjeln In eine ader (wärmeres Blut, nach PHnius, 
h. n. XXIX, 38) rnnd lassen das hlutt In eijnen leffel Jauffen, ()ih 
dein Krancken das Zutrinehen rnnd rej/sse ihr den Kopff ah, schneijde 
sie enziveji rnd nhenun die Jeher rnnd Hercze vnnd rej/hen es miff 
JauendeJ , liljen Contialie)) rnnd Ijnden hJasenwasser rnnd f/ehen es 
dem liraneken Zufrincken^^ (Jühling 241). 

Der Morbus sacer Hippocratis, die durch Entsühnung der Kranken 
von dem Zorne der Seelengeister zu heilende Krankheit, hat in solcher 
Weise, d. h. in seiner volksmedizinischen Behandlung, die antidämoni- 
schen Opferrudimente und -Substitute am ausgeprägtesten erhalten. 

Das Gegenliebe erzeugende Herzessen wiederholt sich auch bei 
der Taube, die so oft auf Herzbildern (s. Archiv f. Anthropologie V, 
S. 274) am Herzen pickt wie ein Geier am Aas. In Breslau (jfdt 
schon int Jo. J((hrh. der GJanhe, daß das Herz der Tnrteltauhe, 
in Brot (/ehaekcn, dem Ehemann za essen (fegehen, diesen seiner Frav 
treu mache (Blätter f. hess. V.K. III, 148), ivie auch das trocken 
(fcpulrerte Herz eines Knahen ein liehesmitteJ war. 

(1730) y^Alhertus (Magnus) erzehlete, tvenn ein Ehe- Mann ein 
(jedörret Tanhen- Hertz zu PuJrcr f/ernacht, seinem, Weihe zu essen 
gehe, so sey er ihrer GefjenUehe rersichert^' (Kräutermann 138). 
,^ Schon 1385 ivurde in Carcassone (Südfrankreich) ein Zauhereiprozcß 
rerhandelt , ivohei auch das Herz einer Turteltaube als Liebes- 
niittel erwähnt ist'^ (Blätter f. hess. V.K. III, 149). In einem 
Schweizer Zauberbuche (Schw. A. f. V.K. 1903, p. 51) heißt es: 
^^WiJt du, daß du Jedermann Lieb hist, so Trag heg dir Ein Turtel- 
ta uhen-Hä rz, So gefaJst du Jederman ivolil.''^ 

Der Aphroditekult spielt also bei der Taubenverwendung sicher 
herein. Wenn bei den Syriern der Genuß und die Benützung (yp'^acc) 
der Taube verboten war, so erklärt sich dieses lokale Verbot aus dem 
dortigen „tabu" {=-- sacer) des Tieres; trotzdem benützte man in Per- 
gamus und in Kleinasien das Tauben blut (s. o. Taubenhirn, S. 129) 
als Blutstillungsmittel, indem man das Blut aus der Hirnhaut des 
Täuberichs bei Trepanwunden unter die Kopfhaut einflößte (Galenus, 
De simpl. med. temp. X, 2); es dürfte dabei kaum eine empirische 
Beobachtung über raschere Gerinnung des Blutes durch den Zusatz 
von Vogelblut vorliegen ; vielleicht wollte man mit dem Blute des 
sanftmütigen Tieres die Erregungssymptome der nachfolgenden Hirn- 
hautentzündung bekämpfen und wählte hierzu das Blut aus der Hirn- 
haut der Taube, wie ein Apotropäon gegen böse Geister, zu welcher 



Herz. 257 

Stellung das Taubenblut durch das Tauben- und Hulmopfer kam. 
Das Blut der gemästeten Tauben scheint man auch nach Galenus 
(De alim. facult. III, 23) genossen zu haben. Das Opfer von Tauben, 
welches der Aphrodite dargebracht wurde, wird öfters erwähnt; man 
schnitt dabei der Taube wie irgend einem anderen Opfertiere die 
Halsadern (venae sphagetidae, s. Krankheitsnamenbuch 6a) ^) durch 
und verbrannte die Taube dann auf dem Opferaltare (Ovid, Fasti L 
451, Propert. Eleg. Y, 4, 65, nach Lorentz, 1. c). Die Asche von 
Taubenfedern galt (bei Plinius XXX, 8, 67, 68, 11, 94) als 
Reinigungsmittel bei Blasenleiden und Gelbsucht. Die Heilkraft des 
Taubenkotes erwähnt auch Galenus (De simpl. med. temp. X, 25). 

30. Lerche, (s. o. s. 132 u. 133.) 

lieber die H a u b e n 1 e r ch e n Verwendung berichtete Plinius (XXX, Lerchen 
20): ..consnlayis Asprenatum (Jo))his est, in qua (iltrr r fratrlhus colo ^^^^" 
Jihrrffttis est (irc liac (galerita) in cibo siinipta et eorde ejus armlJhi 
anrcff incJnso, alter saertficio (luodani facto eriid'fs laterenlis ^) ad f'or- 
maiit ('(unini atqiic nt saerniu peraetuni erat, ohstriieto saeelJo." Diese 
Verbindung des Yogelherzgenusses mit einem häuslichen Opfer an die 
Hausgeister^) war, wie es scheint, eine sich gegenseitig bindende Vor- 
schrift bei dieser Behandlung der Kolik; an derselben Stelle sagt 
Plinius auch: „qaidam cor ejus ((/(deritftr) adaUifiart fem'ml, alii 
reeens tcjxnisquc adlme dcrorarl.^^ Diese Omophagie des Lerchen- 
herzens erinnert sehr an die Verwendung der Schafsmilz (s. u.) gegen 
Milzleiden. Diese Verordnung kehrt nach dem Vorbilde von Plinius 
wieder. (1563) ^^ Etliche heissend ein LercJtenhertz an die dich' deß 
heins binden: andere aber heissend das also frisch rund dieweil es 
noch warm ist, essen^'- (Omophagie), gegen Ruhrkolik (Jühling 245). 

(1683) ,,T)as Hertz ron einer (ichdubtcn Lerche soll, wann nians 
an den Fuß biiaJet, den CoJif'sclimertsen rertreiben, dergleichen 
f/iebet man auch ror, ron. don frischen Hertz (der Lerche)^' (s. Omo- 
phagie^) (Schröder 1339). 

31. Bachstelze, (s. o. s. 133.) 



(1730) j^Das Hertz ron einer Bachsteltzen ivird auch mit ßach- 

S' 

herz. 



(jideni Nutzen als ein AmuJetuin an den Hcds gehänget^' (Kräuter- stelzen- 
mann 74) (gegen den Schlag). 

32. Elster, (s. o. s. 133.) 

Das Herz junger Elstern mit Eschenmisteln destilliert, sollte Elsterherz, 
ein Mittel gegen Gricht und Vergicht (= Epilepsie) sein. 



^) o'f aYix-ric = Drosselader, o'f ocYtaCoD = ein Opfertier schlachten, o'fay'q = die 
Kehle als Stelle, an der der Opferschnitt vorgenommen wurde. 

-) S. o. S. 15, 25, 157, 238. 

•^) Der Hausgott Hermes erhielt unter „hermetischem Verschlusse" (mittels 
des Sigillum Hermetis) das Herz oder die Zunge des Opfertieres, während der 
Kranke das übrige in der Communio mit dem Hermes verzehrte. 

^) Omophagie s. Register. 
Höfler, Die volksmedizinisclie Organotherapie. 17 



258 Herz. 

Die Elster lieferte die meisten Bestandteile zu den Geheimmitteln 
gegen Epilej^sie (Rollersches Geheimmittel, Markgrafenpiilver etc.) ^). 
E. Kleinpaul (s. Beilage z. Allg. Ztg. 1889, Nr. 80, Etymolog. Aber- 
glaube) glaubte, daß bei der Auswahl des Elstervogels als Epilepsie- 
mittel der homöopathische Grundsatz similia similibus gegeben sei; der 
kreischende Schrei des Vogels, das wippende Schlagen seines Schwanzes, 
das AVackeln seines Kopfes und sein scheinbares Fallen sollen die 
Elsternteile zum Mittel gegen die Fallsucht gemacht haben-, die krank- 
haften Gelüste der Schwangeren und der bleichsüchtigen Mädchen hießen 
schon im Altertum pica (= Elster) und verkohlte Elsternteile seien deshalb 
ein solches homöopathisches Mittel. — Die meisten antiepileptischen 
Mittel aus der Sphäre der tierischen Organteile verdanken ihre Ver- 
w^endung dem Volksglauben, daß solche Tiere elbische oder chthonische 
Wesen sind, mit deren Hilfe oder Einverleibung der Dämon der Epi- 
lepsie überwunden wird, besonders wenn der Kranke noch entsühnt, 
gereinigt wird. Solche chthonische Wesen können nicht bloß Krank- 
heiten heilen, sondern auch erzeugen, daher ist die Elster auch = Mark- 
olf = Markschmerzen veranlassender Alp (Liebrecht 347). Eine Elster 
in den dunkelsten Nächten des Jahres (Zwölfnächten) geschossen und 
zu Pulver verbrannt, ist in Niederdeutschland auch ein Mittel gegen 
Fieber (-dämonen) (Wuttke § 163). 

33. Wiedehopf, (s. o. s. 133.) 

Wiedehopfenblut macht schöne Träume (Schw. A. f. V.K. VI, 1902, S. 53). 

Wiedehopf- Nacli dem Vorbilde von Plinius, der (XXX, 18) das Wiede- 

hopfherz bei Seitenstechen (Pleuropneumonia) empfahl (\^npupa(' 
cor Jateris doJorihus kmdatar'''), wird auch im 16. Jahrb. ,ySein (des 
Wf/dhopffcif) Hertz für das seiften free f/c/oht^^ (Jühling 246). 

34. Storch, (s. 0. s. 135, isb u. 221.) 

Storchen- Der „heilige Vogel", der in seiner roh verzehrten Leber ein Epi- 

herz. lepsiemittel liefert (s. 0. S. 185), wurde 1714 durch das Storchen herz 
ebenfalls ein solches antepileptisches Mittel (Janus 1899, S. 235); 
auch in Schwaben empfahl man gegen Fallsucht Storchen herz zu 
essen (Jühling 238); vielleicht spielt auch der Umstand hierbei mit, 
daß der Storch giftige Kröten und Schlangen verzehrt, so daß er also 
eine Art Gegengift in seiner Leber oder im Herzen haben konnte. 

35. Eisvogel, (s. o. s. i36.) 

Der Seelenvogel und häusliche Glücksgeist liefert ein Amulett 
gegen Epilepsie: 
Eisvogel- (1683) „In Apotheken hat man das Hertz des Eisvogels; 

solches soll, wo man es dörret und anhenget, die schwehre Noth 
verhüten" (Schröder 1339). Die durch unholde Dämonen verursachte 
„heilige Krankheit" sollte durch die Zauberkraft der elbischen Seelen - 
gestalt überwunden oder verhütet werden. 

^} S. Höfler. Krankheitsnamenbuch p. 399 (Markolfenpulver). 



herz. 



Herz. 259 

36. Taucher. (S. o. s. i?,7, isi) u. -221.) 

Ebenfalls eine Seelengestalt; der Sitz ihrer Seele im Herzen 
des Seetaucliers ohne Anwendung von Eisen (also wie beim Kult- '^^jJ^J,^®^' 
akte der jüdischen Beschneidung mit Steinmessern) herausgenommen 
und roh verzehrt, sollte gegen Fieber (= Dämonen) helfen. Plinius 
XXX, 30: ^^(Icrorari (ndcm jithcitf cor mo'fji marin t s'ntc ferro 
cxenipiiun iiircteratumqKe conteri et ui caJida aqua hihl.^' Eine 
Omophagie, die auch an das rohe Essen der bacchantischen Herzen 
erinnert. Die Theophagie wird zum Krankheitsmittel oder zur Heilungs- 
vermittlung (s. o. S. 8 und Lerchenherz). 

Auffallend häufig ist das Herz der Vögel, deren Blut der 
Augur verkostete [augurium = avigurium], um daraus zu weissagen, 
ein Talisman, der an der Herzgegend oder am linken 
Arme oder am Dickfleisch der Gebärenden getragen werden sollte, 
aber durchaus nicht als Mittel gegen Herzkrankheiten, sondern meist 
als Liebesmittel oder als abwehrender Gegenzauber, zur Weissagung 
im Alptraume, Gedächtniserhöhung, als Prophylacticum gegen Blut- 
flüsse etc. Das roh verzehrte Herz, welches Gegenliebe erzeugen 
sollte, verkümmert sich zum Rudimente (Herz kleinster Vögel), zum 
Herzsymbol (Mieder- und Hemdspangen), zum herzförmigen Wolllappen 
mit Bannsprüchen, zur duftenden Herzblume etc. Das Herz als 
Seelensitz wird durch die Leber, das Gehirn (Schädelmark), das Auge, 
durch das Herzblut, durch das wärmere Blut unter dem Vogelflügel 
ersetzt; bei der Muschel gilt die Perle als Herz (Baltzer 141), so ver- 
tritt auch das Herzbild den ganzen Menschen. Die nach neuem Leben 
(Herzblut) dürstenden Seelengeister werden zu Krankheitsdämonen, 
die das Herzblut aussaugen; im 13. Jahrhundert wurden die elbischen 
Krankheitsgeister beschworen: ^^dii sali das Jierce nicht tizsiKicn!^^ 
(Wiener Sitz.-Ber. 1867, S. 7); 1411 lommt die Trut, das Blut der 
2Iensclien auszusaugen (s. Höfler, Krankheitsnamenbuch S. 545); die 
eJhisclien JBergmännJein reißen das Herz desje)fif/en heraus, der die 
ihnen gehörende SeeJenspeise verzehrt (Sachs. Sagenb. 20 fl:'.); die Hexen 
verzehren des Menschen Herz (Ind. superst. XXXII) u. s. w. Zur 
Genüge sieht man, wie lüstern diese Dämonen nach dem Herzblute 
oder dem Sitze der Menschenseele sind; ebenso gierig ist aber auch 
der Mensch nach den zauberhaften Seelenkräften der elbisch-chthoni- 
schen Wesen in Gestalt der verschiedenen Tiere, in deren Herzen 
diese Seelen sitzen, und mit deren Herzgenuß er eine Aenderung 
(Verwandlung) in seinem eigenen Krankheitszustande erhoffte, den 
einen Krankheitsdämon mit der Kraft eines anderen Geistes über- 
windend oder abwehrend. Am häufigsten (33) wird das tierische 
Herzorgan verwendet bei der stets dämonistisch aufgefaßten Epilepsie, 
den auf gleicher xluffassung beruhenden Delirien, Fieber (Fieber- 
dämonen). 

Lurche. 

37. Frosch und Kröte, (s. o. s. 139, iso u. 222.) 

Das Froschherz verwendet Plinius als Mittel gegen Fieber Frosch- 
(XXXII, 38): ,^si jecur ranae vel cor (ranae) adcdUgetur in painio ^^^^- 



260 Herz. 

Jencophaco ma.rimc quartanis Jihcno/t^' : ..roy idnaruni (ulallh/affoit 
frifjcra frhrium mniuff-^ ; ferner gegen Ruhr (XXXII, 31): ,,(?//>- 
eutcrkis mc(l(utnr ... rcj cor caruni (ra luir n )ii) cum mrllc triitoit 
nt fradif Nlrcratns^^ ; und gegen Zahnschmerzen (XXXII, 26); .^ncr 
noii XLVI rauctrum corihi tu olc} rcfcris srxfario suh arrco frsto 
disco.rcrc uf iufu udrrctü per au rem dol cutis m((XfU(fc^' 

(1566) (1685) j^Dus Hertz rou Frosch cu (hcsouilcrs ron Fluß- 
frösclicu) tauget ror die schwere JS^oUi ; wduu muus dcucu fchrici- 
tautcu (Ulf d(is Büclgr(d h'anlct. so rcrhütct es d(<' febrische Kälte: 
etliche legen es auf's Hertz uu'.l miltcrif (dso die Hitz iu hitzige}^ Krffuli- 
hciteii. Mizald" M (Schröder 1364). Hierbei vertritt das Herz als 
Seelensitz das ganze elbische Froschtier, das den Fieber- oder Epilepsie- 
dämon und andere Dämonen vertreiben sollte, s. auch Hundsherz 
(S. 239, Anm.). 

38. Eidechse, (s. o. s. ui, ist u. 222.) 

Eidechsen- Die grüne Eidechse galt als giftiger, ihr Herz als apo- 

herz. tropäisches Gegengift, und daher verwendet man gegen Kropf (Hals- 
drüsen) das Herz der (giftig-) grünen Eidechse (Jühhng 13); 
älmlich auch den Hechtkopf und das Schlangenfleisch. 

39. Chamäleon, is. o. s. 142, iss u. 223.) 

Chamäleon- Das dem Krokodilc -) am ähnlichsten gehaltene Tier wurde von 

herz. piii;,ius ^^^(.1^ 2u gleichem Zwecke verwendet gegen Fieber (XXVIII, 

29): ..ro/- cha maeh'onis adrersus quartanas iuligatum Jana nigra 

priiuae to)fsurae^ ^). Die Uebereinstimmung mit der Krokodilsherz- 

Verwendung (s. Anm.) ist ganz auffäUig. 

Fische. 

Fischheiz. Das Herz eines Fisches wird im Buche Tobit VI, VII, VIII 

(Ebstein 164) dem von Dämonen Besessenen als Heilmittel empfohlen 
in Form einer Räucherung (Brandopfer) (s. Fisclileber). 

Auffällig ist das vollständige Fehlen des Fischherzens bei 
Plinius und seinen Zeitgenossen ; erst im Mittelalter macht sich dieses 
Organ in der Volksmedizin bemerkbar, und zwar nur beim Fasten- 
fische der Geistlichkeit, dem Hechte, der in der Zeit der Bacchanalien 
(Fastnacht) eine Rolle spielt. 

40. Hecht. (S. o. s. us, 191 u. 225.) 

Hechtherz. (1561) „Das licrtz rou ciucm leheudigen Hecht rcrschlucJicud 

etlich Kider die feher' (Jühling 23). (1683) ,,I)as Hertz (des 



*) Mizaldus Centuriae IX memorabilium (Beckmann IV, 191). 

-) „Cor cr.ocodili adnexum in lana ovis nigrae cui nullus alius color in- 
cursaverit et primo partu genitu quartanas abigere dicitur" (Plinius XXVIII, 28). 
Die Wolle des schwarzen Schafes vertritt die Entsühnung durch das Opfer des 
ganzen Schafes. 

^) Erstlingsopfer eines schwarzen Schafes. 



Herz. 2C)l 

Hcchtrs) isscf nmii (//rirJtfhJs (wie die Hechtgalle, s. o. S. 225) tcidrr 
dir FieberiXl roxf/smos. X. Etliche sclincidin (Je tu Hrrhf das Hertz 
teheiidif/ heniHS mtd ivcrffcn Hut alsdanmuiedcr in <iii fließend Wasser'''^) 
(Schröder 1362). (16. Jahrh.) ..Vor das fiehep, Xim das Hertz 
roll einem friseJteif, lehendit/en HeeJit rnnd reisej/lii/fj es, weil es noch 
leid nnnd faste danach einen hfdhen tat/Je" (Jühling 25). Dieses 
Fasten s. S. 27. 

(1740) „. . . ror das viertäffige Fieber. Jlan ninmd das 
Herz ron einem noch lebenden Hecht find thnt es alsbald i/f einen 
Löffel roll Essig, Inefit es darin abstehen (beizen) and denselben Essig, 
sobald das Fieber angreifen will. (/etrnnJcen, es ist bewährt" (Christi. 
Granatapfel II, 8). 

Diese Omophagie des lebenden Hechtherzens im Mittelalter als 
volksmedizinisches Fiebermittel kann nur gedeutet werden durch die 
Annahme, daß der Fastenüsch ein anderes Tierherz der Fastenzeit 
(^Fastnacht) vertritt. Xaclidem die römischen Christen Clemens Ale- 
xandrinus (f 220), x\rnobius (f 295) und Firmicus Maternus (f 347) 
noch von der Omophagie der Bacchanalien als von einer in Rom be- 
stehenden Yolkssitte sprechen (Rohde ^ II. 46), so möchte an die 
Bacchanalien umso lieber anzuknüpfen sein, als auch am St. Gerhards- 
berge in den Niederlanden am 1. Fastensonntag eine seit 1398 
historisch bezeugte Omophagie (Verschlucken lebender Fischlein in 
einem Becher Wein) als eine Art Yerbrüderungskultsitte zwischen 
Priesterschaft und Gemeindesippe üblich war (Volkskunde XVIII, 
136 ff.), eine Sitte, die umso befremdKcher wäre, als die Ichthyo- 
phagie sonst keine germanische Eigentümlichkeit war. 

Dieses Verzehren des lebenden Hecht her zens in der Fasten- 
zeit erinnert an den Genuß herzförmiger Krapfen (placentae bacchicae) 
in der Fastnachtzeit (s. Z. d. Y. f. V.K. 1907. S. 75). Die griechi- 
schen Rohesser, 'Qaoo'f 7.701, welche bei den bacchantischen Opfer- 
mahlen das noch zuckende Fleisch eben zerrissener Opfertiere ver- 
schlangen, haben diesen kommunialen oder theophagischen Brauch 
ihres rohen Opferkultes auch in die Volksmedizin übertragen; auch 
bei den Römern linden wir diese bacchanalische Omophagie, die vom 
Christentum in die mildere Form des Herzgebäckes (Krapfen) oder 
in das Verzehren eines rohen Fastentischherzens umgewandelt worden 
sein dürfte. Die Sicherung vor Fieberdämonen durch Omophagie 
lindet sich auch sonst noch öfter in der Volksmedizin, und zwar eben- 
falls häufig in der Neujahrs- oder Frühlingszeit (vergl. auch Meer- 
drachengehirn S. 151). 

Wenn 1699 als Abführmittel auch Herz und Galle eines 
Hechtes dienten (Jühling 26). so könnte diese Methode auch als 
prophylaktische Reinigungskur (Katharsis) gedeutet werden. 

41. ScMaDge, Drachen, (s. o. s. u2, i88 u. 223.) 

Die Schlange ist die Gestalt einer heilenden Schutzgottheit bei 
Aegyptern, Griechen und Römern. Die Seelen wurden bei diesen 



1) Die ins AVasser geworfenen Opfer haben die Bestimmung, die Xymphen 
und Heilgötter, die zwischen Ober- und Unterwelt vermitteln, zu besänftigen. 



262 ^-tilz. 

Völkern am liebsten in Sclilangengestalt gleich den unterirdischen 
Göttern und Heroen vorgestellt (Rohde ^ 1, 244, 254). Die übernatür- 
lichen Kräfte der Seelen sollten durch den Genuß ihres Herzens 
(Leber und Galle, s. d.) erworben werden und so Heil bringen. Die 
in der Schlange verkörperte Heilgottheit diente so selbst zum Heil- 
Schiangen-, mittel , namentlich das rohe Verzehren des lebenden Schlangen- 
^^heri^^' herzens^) als Mittel gegen Fieber (-dämonen) bei Plinius (XXX, 
30): ,^in quartanis niedichuf cor vivcnti riperac cxcmptnm''^^ 
ebenso (1. eod.): ,.cor anfj/dnuni si)nsfr(( )tHnni r.rcn/pf ti ))f riren- 
fihits^''^ durch diese Homoiosis mit dem Schlangengotte sollten anti- 
dämonische Kräfte, aber auch Liebeszauber erworben werden. 

Antidämonische Zwecke erfüllte auch das Schlangenherz gegen 
den Zahn wurm in hohlen Z^ähiien. Plinius (XXX, 8) schreibt: 
.,(■{( r/s ilcniihns <( n gii iuiDu cor, si niordcafnr (uhilJigetKrrc, cffica.r 
hahf'tur''^. eine Verordnung, die auch bei Jühhng 1()3 gegen Zahnweh 
wiederkehrt. 

Plinius (XXIX, 20) erwähnt auch das Schlangen- oder Drachen- 
herz als Zaubermittel, um in Rechtsstreitigkeiten zu siegen (siehe 
0. Geierherz): ^^cordis Uniconts p'ivgne nt jh'IJv donunJnm (Gazellen- 
haut) ncrr'ts crrr'niis /((/(dfif/fit/ni/ in Jaccrfo (hr((chii) confcrrc judi- 
rior/nif ratortdr.^' 

(1088) „/>/ der hnscii rofhen ItnJir ist nichts hessers, dann das 
Fulver des Herizen nnd der Lehern von Schiern goi, ivo nifoi nur 
rad. sanicuhic nihrac ft/pinae (Primula auricula L. = roter Bergsanikel) 
clarzii tuJit^^ (Schröder 1324). (1083) „F/V/ mrneJime Fürsten und 
Herren reißen die frische)/ Hertzen aus down Schi anffcn nnd 
fressens und zwar statt eines Giftmittels, selbe seijn auch ein he- 
ivchrtcH Mittel cor die Liebes-TräncJc und Bezauberunf/en, ivelcJies 
auch Zivelfer hillichet'' (Schröder 1325). 

(1683) ^^T)u hetrüf/est dich gleichfalls wffnn du n<(eh der genausten 
^leinuraj das frische H<' rt z der Schi angen issest und dich dcßwegcn 
cor SehJanf/enstU'hen hef reget einhildesf-^ (Schröder 1324). 

Die Schlange als chthonisch-elbisches AVesen vermittelt durch 
seinen Seelensitz, das Herz oder die Leber, übernatürliche Kräfte. Die 
alten Araber glaubten, daß man durch das Essen eines Schlangen- 
herzens oder einer Schlangenleber die Sprache der Tiere erlernen, 
alles erfahren könne; auch in der Edda hört und versteht Siegfried 
nach dem Genüsse des Drachenherzens die Sprache der Adlerinnen 
(Stern 433). 

V. Die Milz. 

Lien, zizk-qv. Das griecb. anXYjV (a:tX7]YX-) gehört etymologisch zu avrXocYXVf/ 
= edle Eingeweide, die beim Opferschmaus (= ojtXaYyvov) von den beim Opfer 
Versammelten zuerst verzehrt wurden ; Herz, Lunge, Leber und Milz (otcXyiv) ver- 
traten das Eingeweide, die Innader, das Innere, die Seele des ganzen Opfertieres. 
Auch in der indischen Medizin teilt die Milz mit der Leber die Eigenschaft des 
Seelensitzes; auch das lateinische lien hat die Nebenbedeutung von Darm; das 
deutsche „Milz" (s. Höfler, Krankheitsnamenbuch 415) wurde erst im Laufe der Zeit 



^) Xach Aristoteles, h. a. II, 12 sitzt das Schlangenherz ganz nahe dem 
Kopfe am Hals und soll klein und nierenförmig sein (Lenz 434). 



Milz. 263 

auf das eigentliche Milzorgan oingescliränkt; daher gab es auch ahd. lenti-milzi 
= niero (Steinmayer, Ahd. Gl. IV, 158), d. h. eine „Lendenmilz" als Bezeichnung 
für Niere = Eingeweide in den Lenden. Interessant ist, daß die Germanen in 
allen Ländern des Altertums, in welchen sie einzogen, das Wort „Milz" einbür- 
gerten (Spanien, Frankreich und Italien). Ursprünglich war Milz ■= Eingeweide, 
in welchem die Nahrung flüssig gemacht, gemälzt 0, erweicht und aufgesaugt wird 
und welches auch „verstopft" sein konnte; es gehört zum sogen. Gereb (Greb, 
Grob) und vertritt das ganze Tier im Opferbrauche und in der Volksmedizin. Die 
bildliche Darstellung der Milz verschmähten die antiken Künstler. 

Aul. Corn. Celsus (1. Jahrh. a. Chr.) erwähnt die Milz als 
Nahrungsmittel mit schlechtem Nahrungssafte (II, 21); er erwähnt 
aber auch, daß solche Tiere, die von Eisenarbeitern aufgezogen worden 
sind, eine kleine Milz haben, weil diese Leute dem Vieh sog. Lösch- 
wasser zu trinken geben (IV, 16). „Diese Wirkung des Eisens auf 
die Milz scheint dem Hippokrates noch nicht bekannt gewesen zu 
sein" (Frieboes 189). Das blutreiche Organ der Milz wurde nament- 
lich bei den alten Juden in der Magie verwendet nach älterem Opfer- 
ritus. Die Aegypter opferten ihren Totengeistern ebenfalls die Milz 
von Tieren (noun-she, noushe) (Maspero 6). Eingeweide (= Milz, s. o.) 
erhielten besonders die Kolik-(oder Eingeweide-, Milz-)Schmerzen 
verursachenden Dämonen, s. o. S. 44, damit sie von den Eingeweiden 
der Menschen ablassen sollten, als Demonstratio ad oculos. 

Bei den Deutschen ist die Milz dasjenige Eingeweide, welches 
am häufigsten in der Volkssage herausgeschnitten wird. Nach dem 
Schweizer Volksglauben (Schw. Idiot. IV, 224) ist für die Wild- 
männli das Herausnehmen der Milz das, was den Christen die 
Taufe, den Juden die Beschneidung ist, d. h. es gehörte zum Bitus 
(vergl. Paullini, Feierabend 585, 577). Im allgemeinen weiß das heutige 
Volk wenig von der Milz, seiner Lage, seinem Aussehen und seiner 
Bedeutung. Milzkuchen war ein Frankfurter Fastnachtsgebäck 
(Kriegk I, 391 ff.), wie der Leberknödel ein Donnerstagsessen der süd- 
deutschen Bürger ist. In dem Gespräche zwischen Kaiser Hadrian 
und dem Philosophen Epiktet fragte jener: „Quid est spien?" worauf 
dieser antwortete: „Risus et laetitiae capax", d. h. die heitere Stim- 
mung hatte ihre materielle Ursache in der normalen Funktion der 
Milz; sie war das Receptaculum der schwarzen Galle (Melancholie) 
nach den Lehren der Humoralpathologie. 

1. Fuchs. (S. 0. S. 62, 158, 198 u. 238.) 

Schröder 1338 sagt (1683): ^^F nchs- 31iltz hilfft vor t/iß Fuchsmiiz. 
Hartigkeit und Geschwulst des Miltzes, tvann mans drcmf 

Hierbei sollte die Fuchsmilz als eine Art Pharmakos (s. o. 
S. 26) den Krankheitsstoff aufsaugen und so den Kranken reinigen. 

2. Hund. (s. 0. s. 67, 162, 199 u. 239.) 

Schon in der Rigveda ist der Hund als Speise erwähnt. 

Hundsmilz erwähnt Plinius (XXX, 17) als Mittel gegen Milz- Hunds- 
leideii: „?ien caninus si rirenti eximatur et in Hbo sunicrti^ liheraf 

^) Germ, melt = das Weiche; vorgerm. smeld, urverwandt mit meld, pXoto 
= schmelze (Kluge ^ 258, 346). 



264 Milz. 

HO vitio (lien ("olens); qtinhon rcrnffou Hnp(')'inH(i(nit . (ilil (hntiu 
äienmi catnli ex accfo sciUifc^) danf ifpwranfl liowni,^^ Der 
300 Jahre später lebende Sextus Platoniciis (Placitus Papyreiisis) 
wiederholt gläubig die gleiche Verordnung: ..Ad sj^letiis vieia. 
Cduis sploi ('.rsccfus CfDiiqur rino potus sploH'ticos r))Uiid((f. (J/ii- 
dcüii hicisiDif, fiss/())fq/fc rafiihiiH snpra xpJcucui pontnif'^ (p. 40()). 

Die Hundsmilz scheint demnach eine Art Reinigungsmittel 
(Pharmakos) gewesen zu sein, wie das Opfer eines ganzen Hundes 
oder die Ferkelhoden als Teile des ganzen Schweines (s. o. S. 99). 
Als Milzkrankheiten galten auch die Geisteskrankheiten (vergl. spieen, 
und Milzsucht in Höfler, Krankheitsnamenbuch 416, 711 ff.). 

Der König Pyrrhus heilte die Milzsucht durch den Tritt seines 
Fußes auf die Milz, wie das Königsübel (Struma) durch die Königs- 
hand behandelt wurde; der Krankheitsschelm sollte so aus den Drüsen 
und Eingeweiden ausgetrieben werden; in dieser dämonistischen 
Nosologie liegen auch die Quellen zur Verwendung der Milz gegen 
dämonistische Geisteskrankheiten (Melancholie und Milzsucht), deren 
Sitz die früheren Aerzteschulen in der Milz suchten. Milzorgane gegen 
..Milzleiden'* zu verwenden, ist ein sekundärer, späterer Entwicklungs- 
gang in der Volksmedizin. 

3. Rind, Kalb, Ochse, (s. o. s. 84, si?, igs, 202 u. 244.) 

Rinder- Blau (Das altjüdische Zauberwesen 82) führt an: „GV'/yr;/ Ta<j- 

™^^^- blhulheit. Er nehme 7 Stileice Milz ((fts 7 R'nidern niuJ lege 
es auf e'nien Aderlaß- Seherben des Winularzies {■= Menschenblut- 
Stellvertretung)-) und esse diese 7 J\[if.csfüel'e^' (^= Opfermahl). Das be- 
reits zum kümmerlichsten Rudimente gewordene Menschenblut erhielt 
durch die heilige Zahl 7 und die Rindermilz eine rituelle Verstärkung. 
Celsus (IV, 10) sagt: „G/rf ist atudi der Gemiß rori Biriderni il z für 
Milzh'panh'heifen" (Frieboes 190). 

Plinius erwähnt diese Rindermilz (XXVIII, 78) als Mittel gegen 
Milzschmerzen : 'Jieu hnhaliis in nielle et datnr et inlitnr ad 
fienis dolores: ad ideera rnanantia ennt laelle lien ritnii in rino 
decoctus tritusque et inlitns nlcuscida oris''^ ; also auch noch gegen 
fließende Geschwüre und Mundbläschen (Aphthae?). (XXVIII, 57): 
.^et lien hiihaliis sinüli rnodo reeevis aideiii assns rel clixus in eil/o 
ad lienis dolores''^; ^^eadeni e.r eansa eii/i lieneiii ritnii qaanti in- 
dicatns sii^ jahent Ma(ji, nalla pretii ennetatione qaoniain hoc qtioqae 
relif/iose pertineat; diristmiqne per loufjitadinein (fdneeti tnnieae 
idrimque et indaentem pati decidere ad pedes, dein eolleetinn arefacere 
in undjra ; eum hoc fiat, simnl residere lienern aegri ritiatitm liherariqne 
eum morbo dieitar.^'' In diesem Falle ist die Kalbsmilz eine Art 
Pharmakos (s. S. 26), auf den das angebliche Milzleiden übertragen 
wird durch die an die Kleidung des Kranken befestigte (einverleibte) 
Milz. Die Milz aber mußte selbst beim höchsten Kaufpreise frei- 
willig geopfert werden; würde man um den Preis derselben beim 
Metzger handeln, so wäre dies ein Verstoß gegen die Religion und 



') Ueber Scilla s. o. S. 42. 

2) 1. eod. 84 werden 7 Blutegel gleichfalls gegen Milzschwellung verwendet. 



Milz. 2G5 

der Heilerfolg würde ausbleiben; man sieht also, daß auch Plinius 
dabei den leisen Zusammenhang mit dem Opferritus ahnte. 

(1G85) y,W((n man (las annoch warme Och sen- Mi Itz (loa Mlltz 
12 Stunden ührrJefft, so tau(/t es denen Miltzsüchf igen und tvird 
sodann nicht ohne großes Gestanch ivieder hlnivcfi f/rthfof^' (Schröder 
1252). (Die Milz nimmt die Krankheiten auf sich als Pharmakos.) 
(1685) ^^Das MiJtz ron einem jurif/en, .verschnittenen Ocehsl ein 
destilliert qcifen Milzversttypfunfß und hrimjet den 3lonatfluji 
tüieder'' (Schröder 1255; Bartoletti,' in A. f. Gesch. d. Med. I, 208). 

Die Paracelsisten in ihrer Destilherwut strebten nach allen mög- 
lichen Heilessenzen, hafteten aber in der Auswahl der Materialien noch 
am übernommenen Boden, 

4. Schaf, Hammel, (s. o. s. ss, 170, 207 u. -246.) 

Plinius führt die Schafsmilz öfters als Heilmittel an (XXX, Schafs- 
20): ^^Jien 2^ecudis tostus et in rino tritus''^ gegen Ileus; ferner ""^^' 
(XXX, 20): j^torniina discutit lien ovium tostus atque e rino potus^', 
also gegen Leibschmerzen; sowie (XXX, 17): ^^pecudis lien recens 
nuMjicis praeeeptis super doJentem lienem e.denäitur dicente eo, qni 
medeatur lieni, se remediuni fdcere; post hoc juhent in pariete doruii- 
tori ejus tectorio includi et ohsif/nari anu/o ter nories earnienfiue dici.'^ 
Dieses magische Verfahren gegen Milzleiden ist ganz ähnlich dem, 
welches wir oben bei der Benützung des Herzens der Haubenlerche 
(s. S. 257) als Mittel gegen Kolik gesehen haben, und ähnelt auch 
jenem bei der Benützung der Geißmilz (s. u.)*, die Milz wird als 
Pharmakos ^), der den Krankheitsstoff in sich aufgesaugt hatte, unter 
3x9 Bannworten und unter Verschluß mittels des Zaubersiegels — 
Sigillum Hermetis") — in der Hauswand verschlossen; es ist also ein ganz 
deutlicher Hausgeisteropferritus, der mit einem „uralten (?) pharmako- 
dynamischen Grundgesetze", kranke Organe durch den Genuß gesunder 
gleicher Organe zu heilen, keine Erklärung findet. 

5. Ziege, (s. o.s. 91, 172, 208 u. 24(5.) 

Gegen Milzscliwellung sollten die alten Juden schon die Milz ziegen- 
einer Ziege, die noch nicht geworfen hatte, nehmen, im Ofen sie 
trocknen und verreiben (vergl. oben Leber S. 155); hierbei sollte die 
geschwollene Milz des Kranken wie eine blutreiche Milz am Herde 
(s. 0. S. 25), der Stätte der Herdgeister, eintrocknen und schrumpfen 
(Blau 82); ein Analogiezauber des Volksmediziners, der auf der Be- 
obachtung bei der Opferung der Milz an die Hausgeister beruhte. 
Man mauerte auch andere Organteile am Herde ein und ließ sie . 
trocknen (s. Kalbskopf S. 85). Das geschlechtlich reine Tier wurde 
als Sühnopfer gewählt. Die Ziegenmilz Verwendung hat ihr Ana- 
logon in der Rehmilz (s. u.). 



^) Diese Pharmäkosbedeutung hat die Ha mmelmilz auch bei den orien- 
talischen Talaktschi, welche bei Milzleiden eine solche auf das linke Hypochondrium 
legen und daselbst unter Gebeten verschneiden (Stern II, 235), so daß die Tier- 
milz den Krankheitsstoff (Dämon?) aufsaugen kann. 

2) S. o. S. 28, 25, 101, 257. 



266 



Milz. 



Auch Plinius (XXX, 17) empfahl gegen Milzschmerzen die 
Ziegen milz: ^^ifcm hacdoritiH Heu Imposit ns jtyoävst ad licnis 
dolores.^' 

Die griechisch -ägyptischen Propheten bezeichneten die Malve 
(Malva vulgaris) als Ziegen milz; diese Pflanze verwendete Dioskurides 
Jl, 144 bei Eiiigeweideleideu; jedenfalls ist diese ägyptische Herme- 
neutik ein Beweis dafür, daß die Magier oder Propheten die Ziegen- 
milz auch benützten. Plinius erwähnt darum auch die Ziegen- oder 
Bocksmilz (XXyill, 58) als Mittel gegen die Ruhr: .^ufHufnr et 
neue asso caprae liircive.'''' 

(1(329) .^Widcr die Vevstojyfmuf und (Geschwulst des 
3Iil^es. Schi (((je ein Mi/z ron einer Geis über die Gegend deines 
(/esclnvollenen Milzes etliche Stunden nnd hanfie es dann in den 
Schornstein, so ivird deis r/eschwoJIene JMil.z so riet (dniehmen cd s jenes 
dürr und trocl'en tvird^^ (Tenzel 257). 

(1685) ,^J)((s MiJtz von einer Geiß bindet nu(n nl/er d((S MlJtx 
eines Ki'cincken; den fol (/enden T(((/ ciher henget mern es zum Ofen 
oder in die Sonne; so sehr nun solches aUdorten yetröchnet ivird, so 
sehr soll auch das JMiltz des KrancJcen (dmehmen^ (Schröder 1263), 
nach einer Verordnung des Petrus Hispanus (um 1270), der selbst 
sehr wahrscheinlich alt jüdische Quellen benützt hatte. 

Die Ziegen milz vertritt wie der Ziegenkopf (s. o. S. 95) oder 
der Kalbskopf (s. o. S. 85) eben das ganze Tier, das als Sündenbock 
das Milzlaster auf sich nimmt und den Herdgeistern geopfert wird, 
durch welche Sülinung der Kranke von dem Leiden befreit wird. 

6. Schwein, (s. o. s. 07, 174, 211 u. 247.) 

Schweins- Die Schwcinsmilz verbrannten die Aegypter mit dem Schwänze, 

der Netzhaut und dem Fette des Tieres beim Opfer an die Mond- 
gottheit, während der Rest von den Opfernden communialiter verzehrt 
wurde (A. f. K.W. VI, 218; Herodot XL 47; Frazer, The golden 
Bough II, c. 8, § 10). In der deutschen Volksmedizin kommt sie 
nicht vor; in der antiken wird sie vertreten durch die Milz der 

7. Hyäne. (S o. s. 102, ne, 212 u. 247.) 

Hyänen- Plinius (XXVIII, 27) führt als Mittel gegen Milzleiden die 

H y ä n e n m i 1 z an : J i e n e m hijae n a e lienihus auxiliari. " 

8. Wolf. (S. o. S. 66, 160, 199 u. 239.) 

Wolfsmilz. Das Fleisch des Wolfes hielt Galenus zur Not für genießbar mit 

Ausnahme der Wolfsmilz, die er demnach als schädlich oder giftig 
annahm (Keller 161). (Wolfs 1 e b e r - Latwerge als Gegengift gegen 
Syphilisgift s. A. f. Gesch. d. Med. I, 209). 



9. Esel. (S. o. S. 105, 177, 213 u. 248. 



Eselsmilz Die Milz des phallischen Esels wird von Plinius (XXVIII, 77) 

auch als Mittel, um die weibliche Milch Sekretion zu steigern, emp- 



milz. 



Milz. 2G7 

fohlen (s. Foblenmilz) und um die Scheide zu verbessern: .,//'"// 
aslnl i)ir('t('r((f/is er aq/id in/iffis uidiintiis <ihn'it(l(iidKiin facit ^ viil- 
cds suffitn corrigit.''^ 

Sextus Platonicus (um 330 p. Chr.) folgt in der Empfehlung der 
E s e 1 s m i 1 z als Mittel, um die Milchproduktion der Frau zu steigern, 
mit den Worten: ^^Ad mamillis Jac prococandum. Asinl sj)/rn 
contr'dns et ex aqua inqoositus mamillis lac i)rorocxd^^ (p, 407). 

Ihnen schreibt Gesner (1563) nach in seinem Tierbuche: .,7)r^s• 
nt'iltz des Ksels, so etwas lam/ heliaJten tvordcn vnnd gederrt, 
hilfft auch de)i yheuigen, so das ntilt^e sficJit^ wo sy vier tag nach- 
riuander nüelderUng^) darnon essen; gepidffert iiind mit Wasser an- 
genUingt über die brüst gelegt, bringt es die WllcJi: vnnd geröucht 
heilt es die Gebärmutter. Es stilt vnnd vertreybt die härm- 
ivlnde^ so man deß selbigen ein nußsehalen voll in ein trüncldc 
starels gnts tveijns thut vnnd nenßts^' (Jühling 15). Vor 1786 empfahl 
auch Dr. J. Jenner (Schw. A. f. V.K. 1903 , p. 47) für den hin- 
fallenden Siechtag : „Esels m y 1 1 z y 4 Lot (und Maulwurfenherz 
1 Lot)." 

Wie der pballische Esel geschlechtliche Fruchtbarkeit erzielen Mauieseis- 
sollte, so der unfruchtbare Maulesel (s. o. S. 106) durch den 
Analogieschluß auch Unfruchtbarkeit, wofür schon Dioskurides III, 
141 die Verordnung gab. 

„/)ie Blätter des Milzfarn [''Aa;üXrjVov = die Milz minderndes Kraut, 
das die Propheten auch Marder- oder Wieselblut (s. o. S. 19, 79) 
nannten] sehelneii aber aiieh Unfritehtbarkeit zu bewirken, wenn sie 
für sieh allein sowie mit der Milz des Maulesels umgebunden 
werden. Man sagt, um Unfrnehtbarkeit zu bctvirken, müsse man den 
Milzfarn in einer mondfinsteren Nacht ^) ausreißen''^ (Berendes 351). 
Der Fseudo-Bioskurides (4. Jahrh. p. Chr.) läßt zur Verhinderung 
der Konzeption 3Iilzfarnhrmt, dem der Kern (Leben)^) vom Maidesel - 
hufe zugemiseht ist, trinken (Janus 1907, XII, S. 341). Milz und 
der lebensfrischere, Wachstum gebende Teil des Hufes vom unfrucht- 
baren Maulesel sind also in dieser Zeit bereits volksmedizinisch gleich- 
wertig (conf. oben S. 83 Hirschzunge). 

10. Pferd, Fohlen, (s. o. s. io6, i78, 213 u. 249.) 

Das was man als Fohlen milz bezeichnet, ist die Hippomanes FoWen 
oder Roßwut, Wonne, das Lätizel, Fohlenbrot, Fohlengift, Zeltlein, 
Netzlein, der Nutzen (s. Höfler, Krankheitsnamenbuch, unter diesen 
Namen p. 75, 194, 344, 444, 450, 838, 851); es heißt auch Pferde- 
milz; in der ehemals deutschen Franche Comte la misse, ndl. milter, 
melter (Volkskunde VIII, 173); es ist ein milzähnliches, embryonales 
Allantoisgebilde , das im Fruchtwasser schwimmt und von dem viel 
gefabelt wurde. (1547) „la quäle carne dici lo volgo essere molto 
sospettosa a li maleficii" (De Gubernatis 225). (1685) ^^Solmld das 



milz. 



1) S. o. S. 27. 

2) Ueber den Einfluß des Mondes s. o. S. 28, Die Mond finsternis verhindert 
die Fruchtbarkeit. 

^) S. Krankheitsnamenbuch 357. 



268 Milz. 

Füllen auf die Welt kommt , so wirft es dureh das Erhrcehen eine 
Materie von sieh, die, 2vo man es uieht bald tveeptimmt, die Mutter 
alshald frißt, tvann man ermeldetr Materie trochiet und zerpulrert, so 
befreit es rou der schweren JVoiJi • (Schröder 1284). (16. — 17. Jahrh.) 
j^Vor die sdurei' KifUtchheitt. Nim du pf er dt fiUln Vnud (j reife 
dem füllen alsbahlt Ins Maul, da hat es seiue Milt z auf der Zuuf/c 
die Soll man nehmeit niud auf ei)a'n ofen dörren rn)fd Idein stoßeu 
rnnd Niiu das Miltz cii/ lot gehrandte Korallen, Eiehcu, Mi spei 1, 
ein Lot Osterluciansivurtzel , ein Lot Hirsehhorn, welehes rnf/ebrandt 
ist. Diese Stueke Jdes 1 rjuentl, misehe alles zusammen. Dies Pulrer 
gieh dem Kr(()fken 1 (juentlei)f )nit Lindcnhlutwasser, alleru-ege, wans 
die krankheitt ankam ptt" (Jübling 128). Wie sein Name schon sagt, 
sollte dieses Milzkuchengebilde auch als Liebesgift, Roßwut, Wonne 
geschlechtlich erregt und liebestoll machen. 

Unter Hippomanes verstand Plinius (XXVIII, 49) aber auch 
den Brunstschleim der Stuten; Dioskurides (IV, 81) auch die Pflanze 
Apokynon (= Cynanchum erectum L.) (Berendes 415). 

Die Fohlenmilz soll auch die Milchseliretion steigern, wie die 
Eselsmilz s. o. S. 266 (Höfler, Krankheitsnamenbuch 450). 

11. Reh. (S. o. S. 107. 178. 214 u. lM1>.) 

Rehmiiz. Sextus Platouicus (um 3ri0 p. (.hr.) erwähnt die Rehmilz als 

Mittel gegen Bauchschmerz mit den Worten: ,^Äd torminosos. (^tpreac 
splenem potui dahis et cmouhd^ si absqne febrieula fuerit, cum rino 
bona; si febrieitat cum (apia ealida^'' (p. 401). In der deutschen 
Volksmedizin führt die Rehmilz 1685 Schröder p. 1270 kurz an 
ohne Bezeichnung der Krankheit, vermutlich aber zu gleicher Ver- 
wendung Avie die Ziegenmilz (s. o. S. 265) , die auch gegen Leib- 
schmerzen, Eingeweideleiden (sog. Milzleiden) helfen sollte. 

12. Igel. (S. o. S. 112, 180 u. 215.) 

Igelmilz. Nach Plinius gab man Milzleideildeii Igelmilz (XXX, 17): 

„ö?^^ dant ignorcmti ircnacei lienem.''^ Igelmilz und Igelleber ver- 
treten das ganze Tier- auch die Asche der Igelmilz wurde nach 
Bälde (Medizin. Satyren III, 56) verwendet. Xach Neubig (Bälde 
II, 18) pflegte man den ganzen Igel in einem Topfe (s. o. S. 15, 25, 
85, 88, 90, 101) zu Asche zu verbrennen und den Aethiops animalis 
gelbsüchtigen oder wassersüchtigen, kachektischen Personen zu geben 
und auch gegen Enuresis oder Blasenschwäche zu verwenden (vergl. 
Jühling 83, 84). 

13. Taube, (s. o. s. 128, i84, 219 u. 256.) 

Tauben- lieber die Milz der Taube berichtet nur Aristoteles (h. a. II, 

15, 4) daß sie so klein sei, daß dieselbe beinahe nicht bemerkt werden 
kann; immerhin ist es interessant, daß Aristoteles sich überhaupt um 
die Taubenmilz umsah. Die Vogelmilz fehlt sonst in der Volks- 
medizin ganz; auch in der babylonischen und assyrischen Eingeweide- 
schau spielte die Milz überhaupt eine sehr untergeordnete Rolle, während 



mllz 



Lungen. 209 

die Germanen ihr eine größere Aufmerksamkeit in der Anatomia sacralis 
und culinaris schenkten. 

14. Frosch, (s. o. s. 139, iso, 222 u. 259.) 

Froschmilz, ein ganz hesonderes anatomisches Objekt in der Froscii- 
Yolksmedizin, ein kleines, bräunliches, blasiges Gebilde, galt als Gift- "^^^^ 
sitz bei Plinius (XXXII, 18): .^ex isdem Jiis ranis lien contra renena, 
qiKte fiunf e.r f/)sis, (lu.r'tliatur jocnr aiitem efßcacüis.^' 

15. Schlange, (s. o. s. 142, iss, 223 u. 2(ii.) 

Ueber die göttliche Vipernverehrung- bei den Langobarden s. Grimm 
D.M. ' II, 569. 

Aristoteles (n. a. II, 12) erklärte die Schlangenmilz für sehr Schiangen- 
klein; er beschrieb, da er nach dem Giftsitze der Schlangen forschte, 
die Eingeweide derselben sichtlich nach eigenem Befunde, wie über- 
haupt sein Auftreten (384 — 323 a. Chr.) einen Wendepunkt in der 
Medizin bezeichnet (Baas 85). 

Die oftmalige Verwendung der Milz bei Milzleiden ist 
allerdings auffällig; doch ist das, was früher als .,Milzleiden" be- 
zeichnet wurde, auch als Pleuritis 1. s., Pneumonia 1. s., als Peri- 
tonitis etc. etc. zu deuten, überhaupt als Einge^veideschmerz der 
linken Seite; wenn sich ein Milzleiden katexochen auf das Milzorgan 
bezog, so war diese Diagnose nur durch den Arzt möglich, und damit 
ist überhaupt eine rein volksmedizinische Verwendung der „Milz bei 
Milzleiden" einer relativ jüngeren Zeitperiode angehörig. Plinius, der 
mit einer Art Ironie diese Indikationen angibt, vergißt dabei, daß die 
tierische Milz auch gegen viele andere Krankheiten Verwendung fand; 
daß aber das therapeutische Ritual sich dabei manchmal ganz an den 
Opferritus anlehnt, ahnte übrigens Plinius selbst; im übrigen ist zu 
verweisen auf das oben S. 262 ff. Angegebene, wonach unter „Milz- 
leiden" häufig die dämonische Melancholie und Hypochondrie zu ver- 
stehen ist, deren Ursache man oft durch einen Pharmakos (Sünden- 
bock, s. S. 26) beseitigen wollte. Ein solcher Pharmakos bei Milz- 
leiden war auch der Schollenfisch (Solea) beim Dichterling Marcellus 
Sidetes (im 2. Jahrb. p. Chr.), welchen Plattfisch er mit folgenden 
Versen besingt: 

.,At Solea insignis petulanti admota lieni 
Vinctaque fasciolis, morbi pondus grave toUit." 

Er nahm auf die Milz gebunden die schweren Sünden der Krankheit 
hinweg. 

VI. Die Luugeii. 

-vEDtJ-cuv, pulmo, dän. lunge, ahd. lungun. 

Die nicht mehr atmende Lunge ohne Pneuma ist seelenlos, also 
nicht mehr Seelensitz. 

Die leichten, blutarmen Lungen („les mous blancs") stehen 
im Gegensatz zu der schwereren blutreicheren Leber ..les mous 



270 



Lungen, 



rouges") ^); sie gelangen weit seltener zur volksmedizinischen Verwendung 
und dann meist in Verbindung (Geschling) mit anderen Eingeweiden, 
welche, weil blutreicher, als eigentliche Seelensitzorgane galten. Die 
Römer verbrannten die Lungen der Tiere als Gottheitsopfer, aber 
auch meist nur in Verbindung mit solchen blutreicheren Organen (A. f. 
R.W. VI, 216); daher auch die Lunge nasche von Tieren zu Heil- 
mitteln in deren Volksmedizin verwendet w^irde. Meist ist dabei die 
Lunge als Tiereingeweide die Stellvertretung der tierischen Leber; im 
Augurium der Babylonier und Assyrier wurde die Lunge wie die Milz 
nur bei ganz auffälligen Anomalien berücksichtigt. 

Die Lungenorganvotive aus Holz (Janus VI, 1901, S. 23), welche 
die Stellvertretung des Lungenopfers an christlichen Kultorten bezw. 



Fig. 41, 





<^^>^ 



a Schweinsliuige mit Gurgel und Zunge aus einem antiken Metzgerladen, 
b Organvotiv aus Holz, Menschenlunge, Luftröhre, Herz, Leber und Gedärme vorstellend. 

die geheilte Lungenkrankheit demonstrieren, sind nach dem Vorbilde 
der Metzgerlungen (s. Fig. 41 u. 28 auf S. 101) beiläufig wieder- 
gegeben. Solche Votive opferte man als Symbol der betreffenden 
Krankheit nach der Genesung; die Opferorgane zu Genesungszwecken 
aber wurden in natura vor der Heilung dargebracht. 

Die Germanen haben wahrscheinlich Lunge und Leber mit 
Geschlinge ^) oder im Bausch und Bogen durch den Gode aus dem 
Opfertierleibe ausgenommen, daher auch der Name .,Godeslunge'' 
(s. Höfler, Krankheitsnamenbuch 379) wie Godesleber. 

Die russischen Wotjaken, die noch 1892 wegen Seuchen und 
Menschen- Hungersnot Menschenopfer darbrachten, verbrannten dabei Herz und 
^""^' Lungen (A. f. R.W. VI, 214). 

Getrocknete Lungen (Asche) als reinigendes Streumittel gegen 
Afterwümier empfiehlt auch das altdänische Heilbuch des 13. Jahrh. 
(Fonahn 18, 30). Die Lungenasche ist phosphat- und eisenreich. 



^) Brissaud 64. 

2) S. Höfler, Krankheitsnamenbuch 582. 



Lungen. 271 



1. Hase. (s. o. s. 58, 157, 195 u. 237.) 

Zum Hasenjung, Hasenklein, Hasensauer, Hasenpfeffer (s. Hasengalle S. 105) 
wird nicht bloß Hasenleber, sondern auch Has en lunge verwendet ; dieses Gericht Haseu- 
entspricht dem griechischen ix^jxapv.'jc oder urgemanischen marhu, das als eine mit Imige. 
Eingeweiden geschlachteter Tiere zusammen mit Blut bereitete Speise bereits ein 
indogermanisches Gericht gewesen sein soll (Liden in Indog. Forschungen XVIII, 
499 nach Hirt mS). 

Plinius, das Vorbild für die mittelalterlichen Volksmediziner, gibt 
an mehreren Stellen die Verwendung der Hasenlunge als Heil- 
mittel an, und zwar gegen Epilepsie ^) (XXVHI, 63) : ^^comitiaU morho 
dantur et leporis sah cnstodiii pul man es cum iuris tertia 
parte in rino albo per dies XXX"; welche Verordnung 1685 Schröder 
p. 1311 ganz getreu übernahm: „D/e (Hasen-J Lung soll die 
sclucere JSoth heilen, ivann man sie mit Meersalts einmachet und 
dacon alle Tage ein ivenig mit Myrrhen^) issef"^ ; dann für weibliche 
Gesehlechtskraiikheiten (XXVIII, 77): y^vidvas adjurat pulmo 
1 ep r is aridus potns" ; weiterhin gegen Hautquetschung als kühlen- 
der Umschlag (XXVIII, 63): .^leporis pulmo contus/s dissecfus 
aut pidmonis cinis^^ (über Asche s. Register); gegen Augenkrank- 
heiten (XXVIII, 47): y^item pulmonem leporis et ad ccdigines}' 
Sextus Platonicus (330 p. Chr.) schreibt: ,^ad oculorum dolores. 
Leporis pulmo si super locum positus fuerit et hene alligatus dolo- 
rem oculorum sedat'^ (S. PI. p. 397). 

Schröder p. 1311 gibt noch 1685 an: „D/e Hasen Lung tauget 
rors Keuchen und den schweren Athem . . . heilet die er- 
frohrne Glieder , tcann man sie drauff legete' 

Jühling 59 teilt aus Marshall ein Pflaster aus Hasenlunge gegen 
erfrorene Glieder und Podagra mit, deren Verwendung der der 
Hasengalle (s. o. S. 195) ähnelt und schon beim Sextus Platonicus 
p. 397 erwähnt ist: .^Ad perniones et pedes calceamentis laesos. Ldem 
pulmo leporis illinitus affert remedium''^, also gegen Frostbeulen 
und Schuhdruck (Fußschmerz). Auch hierbei ist ersichtlich, daß die 
Hasenlunge wie andere Lungen als Teil des ganzen Tieres ver- 
wendet wurde. 

2. Fuchs. (S. o. S. 62, 158, 198, 238 u. 263.) 

Plinius erwähnt die Fuchslunge als Mittel gegen Atenibe- Fuciis- 
schwerden (XXVHI, 55): ,^aut pulmo rulpinus in rino nigro laxat ^"^^ 
meatus spirandi''^ ; auch sein Zeitgenosse Dioskurides (II, 41) schreibt: 
'iBie Lunge des Fuchses getrochiet und genossen hilft den. Asth- 
niatlKern'-^ (Berendes 165)-, Celsus (IV, 8) sagt: .^Fuchslungen 
so frisch als möglich, aher in einem nicht eisernen (also irdenen) Gefäße 
(fehraten (ohne Eisen, s. o. S. 33, 118) soll man heim Asthma essend' 
(Frieboes 179)- Marcellus Empiricus 17 (5. Jahrh. p. Chr.): .^Profuit 
multis ad suspirium vel dyspnoeam depellendam pulmo rulpis'^ (Frie- 
boes 177)-, Galenus (130—201 p. Chr.) empfahl die Fuchslunge eben- 



1) S. Hasenherz S. 237, 
-j S. o. S. 38. 



272 Luijgen. 

falls gegen Asthma (Neue Jahrb. f. Philol. 149, p. 139). Auch 
Bhdzcs (850 — 930 p. Chr.) rcrordurfr (/rjxilrcrtr FdclisluiKjc 0)üf 
Feif/en M als Gcfr(i)i'k (jcyen Atetnbeschtve rden (eJanus 1899, 
p. 178). Sextus Platonicus (um 330 p. Chr.) nimmt dazu schwarzen 
Wein: „J.^/ sfispirio.^os (Atembeschwerden). YnJpi>i jnihuo ex r/uo 
)N(/r<}. i(f sfijtni jiof/i/ tjejuno s. nüchtern S. 27) ddias. snsjjlr/oso^ 
cmcmhd'' (p. 399). 

(1685) -j^Dtc Fuclis-Lu)}<ic lic/Irf ahsto-f/hyf nvil fanifct ror die 
Lungen fehler itnil JEnf/U/kelt der Brust wdini nutm^ tröcluK't 
oder hrrinirf' (Schröder 1337). 

yarh dem T)isj)(ifs{(torfi(nt riennciisc 1744 wurde die Fnchs- 
I li iHjc ohne die LfiffroJirc'^) friscJi in tvclßcm Wein nüf Hi/so^)'"^) ftnd 
SJi(d)ios('^) (/rjiocltt iDtd he/ (/cl/ifdcr OfmiränHC f/cfrocliict ; an ch wurde 
die Fii eh^l H inje früher nur Bereit iinf/ des FneJish(iH/e)fSrfffes (feffcri 
Brustajfektionen Ixurdzt (Berendes 165). 

Bis auf die neuere Zeit wurde ein Pulver aus geräucherten Lungen 
von Fuchs (Wolf, Hirsch und Lamm) gegen Atembeschwerden an- 
gewendet (Jühling 46). 

Der (Trundsatz similia similibus hatte sich also hier sichtbar all- 
mählich entwickelt; war aber sicher nicht das primäre „Grundgesetz (?)". 

Plinius, den alle folgenden Yolksmediziner sonst nachahmten, ver- 
ordnete die Fuchslunge aber auch gegen Milzschmerzen (XX VIII, 
57): ,/^r/ dolores Jienis prodesf et pulmo vulpiuni cinere sicr(dus atque 
in <njf((( j)oti(s"\ auch hier finden wir also wie bei der Leberverwendung 
(s. S. 155) die Verbrennung des Eingeweides bezw. Eintrocknung des- 
selben auf Asche. Auch der um 330 p. Chr. lebende Sextus Platonicus 
Papyrensis erwähnt die Fuchs hinge als Mittel gegen Ohrenschmerzen 
(s. Fuchsgalle), sowie gegen Milzschmerzen. ^^Ad splenis dolorem: 
Viil pis pulmo de einere efilido ohj-ntns et dceodns (asscttns et tritus) 
et in jHjtione dntns jejnno (nüchtern s. S. 27) mox splenem sanaf^ 
(s. auch Fuchsleberj. Aus dem 16. Jahrh. führt Jühling 251 an: 
^^Wenn eine frdue oder Junfßfraue ihre rechte ^eit nicht 
lifdt. niiu tL'oJfslehern (s. o. S. 160) jjjj Jott, eine Fneltshinffe ete}^, 
also auch hier ist die Fuchslunge in Verbindung mit anderen Ein- 
geweiden gebraucht. 

Fuchslunge sichert die Stallhühner vor dem Fuchsanfalle, wie 
die Greierlunge vor dem Hühnerhabicht oder Geier (similia similibus) 
(Schw. A. f. V.K. 1902, S. 57). 

3. Wolf. (S. 0. S. 66, 160, 199, 239 u. 266.) 

Wolfs- Die Wolfslunge gepulvert in Verbindung mit anderen Tier- 

luiige. ][^^j^gej^ gegen Lungensucht finden wir öfters angegeben. 

Schröder gibt p. 1313 an: ^Wanu man durch die Lnfft- Röhren 
des Wolfes trinel'et, so soll es ror den verletzten Schlund tvegen 
der Kindsbicdtern tanpen^''^ eine Verordnung, die jedenfalls eine ganz 



') Ueber Feigen s. o. 8. 14, 42, 44. 

-) Welche zum „Geschling-" gehörte, wie die Zunge. 

3) Ueber Hysop s. o. S. 39, 132 etc. 

^) Scabiosa L. = Knautia arvensis, Apostemenkraut, Schwärkraut. 



Lungen. 273 

junge Ausartung der AVolfslungenvervvendung ist; die Luftröhre oder 
Kehle wurde meist mit der Lunge gleichzeitig lierausgenommen 
und dann als wölfisches Gegengift verwendet; man nimmt so auch 
Menschenknochen zum Schlürfen, die als Leichenteile gegen Zauber 
Kraft besitzen. 

4. Hirsch, (s. o. s. si, igs, 201 u. 241.) 

Auch die Hirschlunge findet sich schon in antiker Zeit vor Hirsch- 
und vertritt wohl die Ochsen- oder Stierlunge. lunge. 

PHnius (XXyill, 67): „sunt et qui cerri pulnionem maximc 
siihnJouis (= Spießer) ^'t(C((tum in fumo tritumqtte in rino profuissc 
scripsrriiff' als Mittel gegen Schwindsucht; ferner gegen Husten 
(XXVIII, 58): .^pa/nH) cerri nus cum f/uJff sua ur/factus in fumo, 
c/eiii tusus ex melh' cottifliano cligmciteJ' 

Hirschlunge mit Fuchsleber und Goldblume ^) (Chrysanthemum) 
als Mittel gegen Phthisis (s. o. S. 159) hat auch der Pseudo-Dios- 
kurides (4. Jahrh. p. Chr.) (Janus XH, 271). 

Das Pulver aus den geräucherten Lungen von Fuchs, Wolf. 
Hirsch und Lamm als Mittel gegen Lungensucht wird nach Jühling 46 
noch angewandt. 

Auch bei der Hirschlunge macht sich der Grundsatz similia 
similibus bemerkbar (s. u.). 

5. Kalb, Ochse. (S. o. s. 84, les, 201, 244 u. 264.) 

Kalbs- und Ochsenlunge fehlen bei Plinius; sie treten nur in Kaib.s- 
mittelalterlichen Verordnungen und in der Neuzeit auf; vermutlich ^""^'^• 
ward die Kalbs- und Rinderlunge von den breiten Volksschichten der 
alten Zeit schon durch die Hirschlunge (s. o.) ersetzt. 

(15. Jahrh.) Ein Rezept für das schwindenn (Phthisis): ^^Nim 
rin (j/nitz (p'ScliJinclic mit Gull luufi utnJ Jeher rem einem schwurtsen 
Kulhe-) rfr." (Jühling 143), ganz ähnlich wird auch die Kalbsleber 
verwendet. 

Gegen Lungensucht ist die Kalbs lunge als AVeinabsud emp- 
fohlen bei Flügel 103, 104; ebenso feingemahlen gegen Lungenkrank- 
heiten in Flandern bei De Cock 153. Gegen Abzehrung soll das beim 
Rösten der frischen Kalbslunge abfließende Wasser Abends und 
Morgens getrunken werden (Jühling 151) (vergl. auch Lebersaft). 

Die Lunge vertritt hierbei das ganze beim Brandopfer verbrannte 
Kalb, wie auch die Kalbsleber (s. o. S. 166). 

In Deutschland wird die Ochsenlunge gegen den (dämonischen) 
Vogelfraß in Ackerfelder (als Apotropäon) gesteckt (Jahn 101). 

6. Schaf. (S. 0. S. 88, 17Ö, 207, 246 u. 265.) 

Die Schafslunge verordnete hauptsächlich Plinius, und zwar gegen sohats- 
Podagra (XXX, 23): ..podcifiras Jenit . . . pulmones pecuduni'-'; ^""-^• 



') Goldblume S. 41. 

-) Ueber die schwarze Farbe s. o. S. ;30 — 32. 
Höfler, Die volksmeclizinisclie Organotherapie. 18 



274 Lungen. 

als einen erwärmenden Umschlag gegen ajeschwolleiie Stellen (XXX. 
10): „rtr/ Jh'Oitia et sniifi'dhitd /)(( I nto i/cs arirtHm pccndunuiii c in 
tenues consedi memhranas calid't hnj.ositi^' '^ in Wirklichkeit wirkten 
sie durch Verdunstung abkühlend ; darum wurden sie auch Hitzköpfen 
oder Delirierenden auf den Kopf gebunden (XXX, 29): Jus (phrr- 
netkis) qnoquc ptil nnmciK pcctidis ((dtdum rircfi eaj)uf ((d((lli(/((ri 
pidaut utile''': doch ist auch hier die Ableitung des Mittels aus der 
Empirie des Opfer Verfahrens naheliegend; letzteres Mittel kehrt auch 
1685 bei Schröder (p. 1320) wieder: .,Bie Sehafs- Lungen (wie uueh 
anderer TJtier fleisehiehte LehengJieder!) lindern, wo incois auf den Kopf 
leget, den Selinwrtzen und die Hitze und nülterif die wilden Geiste)* 
(= Fieberhitze; Geisteskrankheit); dahero gehrftueld nam xelhc in der 
Tohsueht sehr ofj't. wie aueli im waclien." Auch Piso (149 p. Chr.) 
schlug vor, den Melancholikern heiße Widderlungen auf die Stirne 
zu legen: ..eonfert et jiuhna arietis ealidus, agnus per dorsuin dirisus. 
exeideratus adniotus sineijnfi" (Robert Burton, The anatomy of Me- 
lancholv p. 455), man wollte auch die alkoholische Geisteskrankheit 
so vertreiben. PHnius (XXX, 51): .^ebrietfdeui areet i>eeuduiu assus 
pulmo j)raesun/jftus^' (s. auch Ziegenlunge). 

Gegen Geschwüre und Druckstellen auf der Haut verordnet 
Plinius nach plebejischer Empirie (XXX, 89): .^))ui(fna ris (eontra 
<(irnes ereseenfes in Hhei'ihus) et jni 1 iniHi i h u s pr((eei/nu' aj- i et u u/" : 
(XXX, 22j: ..rercndorun/ f(uiuieatio)iibus rerrucisf/uc medetur a riet in i 
jnilinonis inass(di saiiirs". also die Fleischbrühe aus der Widder- 
lunge gegen Genitalhautleiden, welche Verordnung auch Galenus 
als Mittel gegen Intertrigo ( Afterfratte) gibt (Neue Jahrb. f. Philolog. 
149, p. 139); ebenso wiederholt sich diese Verordnung als Mittel gegen 
Hautschwielen und Genitalsklerosen beim Sextus Platonicus (p. 409): 
.^^Ad elarieul((s et ad eallos, (jui in reretro naseuntur^). Liquor arietis 
(jui de jful/none codo destill at , illinitus daviculos, qui in manihus 
naseuntur aut in reretro, to/lit":, derselbe Autor verordnet die Widder- 
lunge auch gegen farbige Hautblutunterlaufungen : .^Äd lirores et 
suf/gillationes. Fulmo arietis eoneisus ntinutim et imp)0situs lirores 
et suggillationes tollit et idgras eieatrices eandid((s faeit et pedes a 
caiceamentis laesos curat" (p. 409). 

Auch gegen sonstige Hautfratte empfahlen dieser und der Pseudo- 
Dioskurides (4. Jahrb. p. Chr.) die Schafs hinge auf Hände oder 
Füße, wo die Haut gedrückt worden, zu legen (Janus XII, 154) als 
empirisches Kühlungsmittel, das abschreibend auch Gesner 1563 in 
seinem Tierbuche empfahl. ..Die Lungen ron dem Wider n-ar)u 
aufgelegt heilt das fäl, so die Schiih abgetruckt hahend^^ (Jühling 
155). (16. Jahrb.) ..Wann eine ivunde aufgellet rnnd nidit heilen 
will So nini Scliaafl unge, sende die mit luasser, schneide oder stoße 
sie Mein rnnd binde sie rber die tvunde, thue das äfft, so heilet sie" 
(Jühhng 156). 

Pulver aus geräucherter (Fuchs-, Wolfs-, Hirsch- und) Lamm- 
lunge wird auch noch gegen Schwindsucht, Asthma und Keuch- 
husten angewendet (Jühling 46). 



') Bartoletti verwendete als Mittel gegen Syphilis eine Wolfsleber 
Latwerge (A. f. Gesch. d. Med. 1, 217). 



Lungen. 275 

7. Ziege, (s. o. s. 91, n-j, 208, iM(i u. 265.) 

Z i e g e n 1 u n g e erwiilint nur Plinius (XXVIII , 80) als Mittel ziegen- 
gegen alkoholische Geisteskrankheit oder Trunksucht: ^^chrieUitcin ^""^^■ 
arcct pnl m o <(jiri (tsstts jcjiiiinx rz/jo si(fifj)fKS co die itcin liaedenn s" 
(s. auch Schafslunge) (Katzenjammergericht, sogen, saures Yoressen 
aus Lungenschnitten) ; s. auch Aalschleim S. 150. 

8. Gemse. (S. o. s. los, 179 u. 211.) 

Stellvertretung der Ziegenlunge durch Gemsenlunge kommt Gemsen- 
nur in den Alpenländern der Neuzeit vor. ^^^^^' 

(1740) .^iJas (janze Lnif/eräuscJi , Lungen und Leber, auch das 
Herz von einer Gemse, die im Frauendreißiger (s. o. S. 29) ge- 
schossen tcurde , soll ein Mittel für Lunf/ensiicJit sein^^ (Christi. 
Granatapfel 421); auch in Steiermark wird (nach Fossel 103) geriebene 
Gemsen hinge als ein Limgensuchtmittel verwendet. 

9. Schwein, (s. o. s. 97, 174, 211, 247 u. 266.) 

Seh w eins lunge als Mittel gegen Trunkenheit (alkoholische schweins- 
Geisteskrankheit) führt Plinius (XXVIII, 80) an: ,,ehrietateni arcet ^'^"^e. 
pulmo apri aut suis assus jejnni cilo sumptus eo die ..." 

Als kühlenden Umschlag auf Druckstellen der Haut nach dem 
Vorbilde der Schafslunge (s. o. S. 274) empfiehlt die Schweinslunge 
des Plinius Zeitgenosse Dioskurides (II, 40): „D/r Lunge des 
Sclitveins, soivohl des Bären (Eher) wie der Sau, heseitigt als Um- 
schlag die durch Druck der Schuhe hervorgerufenen Entzündungen 
fder Haut)^ -^ auch Galenus folgt ihm hierin und nennt den pulmo 
porcinus (Schweins lunge) als Mittel gegen Intertrigo (Haut- 
fratte) (Neue Jahrb. f. Philol. 149, p. 139), auch der Pseudo-Dios- 
kurides (4. Jahrh. p. Chr.) läßt Seh w eins lunge auf Druckstellen 
der Haut der Füße auflegen (Janus XII, 154); fast wörthch folgt 
Sextus Platonicus (330 p. Chr.), der ebenfalls die Eber lunge mit Honig 
gegen Schuhdruck empfiehlt: .^Ad pedes exulceratos a ccdceamentis. 
Äpri pulmo eu)n melle, emplastri vice impositus laesis a ccdceamentis. 
pedihus remedium est^^ (p. 401); ihnen schreiben die alten Schmöker 
nach: (1685) „Die Lunge (des Sclitveins) tauget vortrefflich, 
wann einen der Seitlich gedrücket'-^ (Schröder 1327). 

Plinius aber ließ sie auch auf Frostbeulen an den Füßen auf- 
legen (XXVIII, 62) : „7> u Uno s u i 1 1 u s impositus.^' 

Das Ganze ist also mit der Zeit ein rein empirisches Mittel ge- 
worden ; vermutlich w^ar die Lunge auch eine Art Pharmakos wie die 
Milz: die Verbindung der Lunge mit Honig ist sonst sehr selten. 

10. Hyäne, (s. o. s. 102, iie, 212 u. 266.) 

Ein natürhch nur bei Plinius angeführtes Mittel (XXVIII, 27) ^Jj^^e^- 
ist die Hyänenlunge gegen Kolik: .^pul m ones hyaenae in ciho 
sumptos, coeliacis ventriculis cinerem cum oleo inlitum^'; ein antidämo- 



276 



Luno^en. 



nisches Mittel, weil gleichsam durch einen schmerzenden AVurin , der 
Weh im Leibe macht, die Kolik veranlaßt angenommen wurde. 



11. Löwe. (S. 0. S. 104. 177, 



•213 u. 248.) 



Löwen- Irgend einem antiken Schriftsteller entnahm 1685 Schröder (p. 1310) 

die Verordnung: ..Die (ictrüclinctoi L n tni c ii (J c s Low c )f fangen znv 
LinificiHic^rhn'nrcii iiu'J also (iiich .inr LuflffeilHlicIlt.''' 



Esels- 
lungre. 



12. Esel. (S. 0. S. 105, 177, 213, 24S u. 266.) 

Verbrannte Eselslunge soll nach Plinius XXVIII, 42 alle Arten 
von Gift und Vergiftung vertreiben: „rcncnatdfjHc onnua accrnHo 
j)/iJ iitoin' asini f/tf/crr" : es scheint sich dabei um Seuchenvergiftungen 
zu handeln, welche das ßrandopfer vertreiben sollte. 



Mönchs- 
robben- 
luiifje. 



13. Mönchsrobbe. 

Pliuke'j, Scemchich, ein Säugetier aus der Ordnung der Robben Leptonix 
monachus, lebt iin Mittelmeer und gab die Veranlassun<i- zur Sage vom Meer- 
vveibcben (nixenartiges Lüsterweibchen), das auf Apothekenschildern wie der Engel 
tiofuriert. JMelusine. 

Hipp(dvrates (De natur. muliebri c. XXXIV und De morb. mul. II. 
c. 94) empfahl bei liysteriseher Suftocatio eine Räucherung mit 
Ziegenkot, „Mön chsrobbenlunge und Schabsein des kretischen 
Wacholders" -) (Fuchs III, 359, 581) (als Beruhigungsmittel). 

Nach Plinius IX, 13, 15 schläft kein Tier so fest als die Robbe; 
ihre rechte Flosse soll schlaferregende Kraft haben, wenn man sie unter 
den Kopf legt (Lenz 149). Diese Volkssagen nehmen also auch 
die Kraft eines elbischen Geistes in dem Tiere und in dessen Or- 
ganen an. (Vergl. IMaulwurfspfote und Hasenohr.) 



Vögel. 
14. Geier, (s. o. s. 120, i83, 217 u. 251.) 

Geieriimse. Seine Lungc führt Plinius (XXX, 49) als Mittel an, um die 

geschlechtliche Potenz der Männer zauberhaft zu beeinflussen: ;,7>/^/- 
/// o ii (' s v iili II r i n i de.xtrac partcH rcnerfw concitant riris adallifiatac 
ymis pelle" ; ferner als Mittel gegen Blnthusten (XXX, IG): ^^san- 
(jttinrni rcjictriitihiis jrnJ nto r nlf h rin iis rituffnels lignis'^) cont- 
hnstns.^' Geier lunge sicherte die Stallhühner vor dem Anfalle des 
Geiers (Schw. A. f. V.K. 1902, S. 57). 



Tauben- 
lunge. 



15. Taube, (s. o. s. 128, i84, 219, 200 u. 2G8.) 

Die Taubenlunge wurde vom Haruspex verwendet zum Liebes- 
augurium, wie Juvenal in seinen Satyren VI, 548 bezeugt: 



^) Phoca ist im Mittellatein, auch mit Seele oder Geist glossiert (D. I, 241; 

^) lieber Wacholder s. o. S. 15, 17. 

•') Ueber Weinrebe s. o. S. 24, 38 (Katharsis). 



duni 



Nieren. 277 

.^SjHjudct amatoreni tencrutn rrl (/ir/tis orh/ 
Tcstanientum higens, calldae pnlnionc. cohuuhac 
Tradato, Ärmenius vel Comagemis harusjjcx 
Fccford pnnonim rlmcdtir'^, 

also zum Liebeszauber. 

Amphibien, Lurche. 
16. Frosch, (s. o. s. 139, 186, 222, 259 u. 269.) 

3 Froschlungen mit 3 Froschlebern (s. o. S. 140, 186) gepulvert Frosch- 
gegen Fieber (Dämonen?) in einem Löffel Branntwein führt als Volks- i"n§e- 
mittel Bavaria III, 1 an. Frosch und Kröte sind im Yolksbrauche 
gleichwertig. 

Alle die volksmedizinischen Organotherapeuten von Hippokrates Tier- 
bis zum 19. Jahrb.: Celsus, Scribonius Largus (1. Jahrb. p. Chr.), verweu- 
Abulkasim (10.— 11. Jahrb.), Mesue (780—875), Bernard von Gordon 
(1285—1310), Fernel (1485—1558) benützten die Lunge verschie- 
dener Tiere gegen Atembeschwerden (Asthma, Husten, Phthisis 
pulmonum); trotzdem war die Lunge niemals offizinell gewesen; sie 
wurde auch nie omophagisch verzehrt, da sie für seelenlos galt; es 
ist wohl die Bäucherungsempirie und der Zusammenhang mit dem alten 
Opferritus, die dieses Mittel so lange im Volksglauben lebendig er- 
hielten. Auf den ersten Blick erscheint allerdings der Grundsatz für 
die Volkstherapie maßgebend gewesen zu sein, daß kranke Menschen- 
lungen mit gesunden Tier hingen zu heilen seien; doch ist dieses 
nur scheinbar und jedenfalls nicht der primäre Ausgangspunkt. Die 
Beobachtung, daß die Verwendung der Tierlungen in Bezug auf 
Krankheiten und Verwendungsart sehr oft an die analoge Verwendung 
von Leber, Milz, Hirn etc. sich anlehnt, ferner, daß die tierische 
Lunge sehr oft in Verbindung oder neben anderen tierischen blut- 
reicheren Organen zur Verwendung gelangt und erst in relativ später 
Zeit häufiger allein verordnet wird, daß die Lunge der schneller 
atmenden Vögel fast ganz fehlt, diese Umstände sprechen dafür, daß 
es sich nicht so sehr um eine Korrelation des tierischen Lungenorganes 
mit der kranken Menschenlunge handelt, als um die Verwendung 
eines opferbaren Eingeweides überhaupt (s. o. S. 262 Milzbegriff) ; die 
Verwendung der Eingeweide aber stammt in der Volksmedizin aus der 
Quelle des Opferritus; dies umso eher, als auch bei der Verwendung 
der Lunge als Heilmittel Opferkräuter, Honig, Wein, Salz, Opferholz, 
Kultfarbe des Tieres etc. mitspielen; immerhin bleibt auch dann noch 
eine Reihe von Lungenverwendungen übrig, die nicht vom Opferwesen 
abgeleitet werden können, die vielmehr als rein empirische Verwen- 
dungen (z. B. als kühlende Umschläge) zu erklären sind, oder die 
dem Analogieschlüsse entsprangen. 

VII. Die Nieren. 

Auf die Nieren (ve^pög, renes, testes, nefrones, nebrundines, 
ahd. nioro, germ. neghrön ; Vccppöc bedeutet Nieren und Hoden, 



278 Nieren. 

Kluge ^ 283) wollen wir nicht weiter eingeben; einesteils sind sie als 
blutarme Organe keine Seelensitzorgane , andernteils sind sie baupt- 
säcbbcb bei den Hebräern als Opferteile bevorzugt gewesen ; außerdem 
lassen sie sieb zu unserer Verwertung nicbt von den Hoden trennen. 

Der „Herr" als Opferempfänger prüfte .,Herz und Nieren'', 
ob sie rein seien. Jebova erhielt Nieren und Nierenfettgewebe als 
Brandopfer (A. f. R.W. VI. 219); auch die Aegypter opferten die 
Nieren, wofür sie eigene Schriftzeichen hatten (Wilkinson H, 458); 
aber doch meistens nur in Verbindung mit den blutreicheren Ein- 
geweiden. Bei den Arabern wird der Mond von (3—10 Tagen mit 
einer Niere (kalitu) verglichen (Nielsen 109). 

Bei Plinius und seinen Nachschreibern sind die Nieren meist 
als Pruchtbarkeitsmittel und für Krankheiten der Genitalsphäre (Blasen- 
leiden , Nierensteine etc.) verwendet, gleichsam als Demonstratio ad 
oculos (vergl. Sext. Piaton. 397) i). 

Auch im deutschen Sprachgebrauche ist es schwer, Nieren und 
Hoden genau zu trennen, denn diese beiden Organe werden heute noch 
vom Volke verwechselt (s. o. vs'fpoc). Gerade bei den zum Opferkulte 
oft verwendeten Vögeln, wo Nieren und Hoden unmittelbar neben- 
einander liegen, kann diese Verwechslung am leichtesten erfolgt sein. 
Die Tiere, welche ihre Nieren als Heilmittel (meist gegen Nieren- 
leiden, Blasenleiden etc.) bei den antiken Volksmedizinern lieferten, 



^) Nicht bloß die Hoden und Nieren der Opfertiere wurden als Mittel gegen 
Blasenleiden (volksmediziniscli : Genitalleiden) „similia similibus" verwendet, sondern 
auch als Stellvertretung dieser die Haare der Genitalien (Unterleib», wie 
auch die Stirnhaare den Kopf, das Vlies oder Fell das ganze Tier vertreten (vergl. 
das llaaropfer in Teigform im Archiv f. Anthropol. IV, 1906, S. 130). Eine Illu- 
stration dafür, wie in den altgriechischen Tempeln der lokalen Heilgötter das volle 
Opfer immer mehr in Rudimente zerfiel, liefert der Wunderbericht in dem Leben 
der beiden Aerzte Kosmas und Damian, den Substituten des Dioskurenpaares 
Kastor und Polydeukes (Deubner 104 ff.)- Ein an Dysuria Leidender erhält in der 
Inkubation des Tempelschlafes von den beiden Arztheiligen , die eigentlich nie 
existierten, die Weisung: „et \)'£Xs'.(; ÖY'.ävc/.'. Iv, xob IfYjßoD Koojia oXi-^ac, x^iyac^ Xaßo'jv, 
xaDTac v.ocu-otc y.''>-l ßaXoiv ev öoatt TJ,^ s'jv.paxov xal laO-TjC-zj." „Willst du gesund werden, 
so nimm von der Mannbarkeit des Kosmas einige Haare, verbrenne diese und 
wirf den Aschenrest ins Wasser, dieses trinke gut gemengt aus und du wirst ge- 
heilt werden," Die Deutung dieses Heilorakels ergab sich aus der Praxis der 
Opferhandlanger im christlichen Heiltempel, wo nach alter Tradition stets Scherer 
(v.oüp£:c) genug da waren neben den eigentlichen Priesterärzten und also mit dem 
hergebrachten Opferritus Bescheid wußten (Deubner 76, 106). Sie schnitten die 
Genitalhaare (tpiycs; ex toö l-f-fj^oo = crines pubis, Deubner 230) eines Tempel- 
lammes ab , das scherzweise von den Tempelleuten mit dem Rufnamen Kosmas 
belegt worden war, zu welchem Genitalopfersymbol das muntere Lamm sich nach 
dem Wunderberichte ganz freiwillig stellte. Sobald der Blasenkranke die abge- 
schnittenen und verbrannten Haare des durch den heiligen Namen gleichfalls ge- 
heiligten Lammes als Asche (S, 24), gleichsam als Katharsis von dem Leiden, auf 
Wasser zu sich genommen hatte (= Communio mit dem Heilgotte, dem das Lamm 
symbolisch als Opfer verbrannt worden war), wurde er geheilt. Das Verbrennen 
der Lammshaare ist hier das Ueberbleibsel des vollen Brandopfers , wobei die 
Genitalhaare den Wunsch des Opfernden demonstrieren sollten, gerade von dem 
Blasenleiden geheilt zu werden. Ueber die Verbindung der Schafwolle mit dem 
Opferhonig s. o. S. 194 und Pelagonius, Ars veterin. 199 (4. .Tahrh. p. Chr.), bei 
Buecheler, Rhein. Mus. LX, 1905, S. 319, wo Honig mit Charpie (cum detramine 
pannorum) als Wundverband angegeben ist. So erklärt sich auch, daß Hippokrates 
die Haare vom Unterleibe des Hasen als Tampon für die Scheide der unterleibs- 
kranken Frauen benutzte (Fuchs III, 359, 382, 371, 378). 



Schluß. 



279 



waren die sogen, geilen Tiere (Schwein, Hase, Esel), außerdem Hyäne, 
Fuchs, Scincus marinus (Dioskurides und Galenus). Geier nie ren 
bei Gesner (Jühling 200) dürften eine Verwechslung oder ein Abschreib- 
fehler für Geierhirn sein. 

Bei der abendHchen Beschwörung der unholden Seelengeister zu 
Zauber(Liebes?)zwecken verbrannte man in Deutschland im 14. Jahrh. 
(Schönbach 131) die Nieren von Farren, Rossen, Hühnern 
und Hasen (über das Brandopfer der Germanen s. o. S. 24). 

Bei den Angelsachsen übernahm die Kitzenniere frydev^orc 
cijäneora, hi.cttgl. l'idcnerc engl . Jddney) als häufigst verwendete Niere 
den Begriff der Niere überhauj^t durch Verallgemeinerung; das Böck- 
lein scheint eben am öftesten geopfert worden zu sein und die Kitz- 
niere alle übrigen Nieren ersetzt zu haben; junge Lämmer und Ziegen 
wurden als Leckerbissen besonders bevorzugt. 

yill. Das Kalbsbrösel (s. Höfler, Krankheitsnamenbuch 721), das beim 
Schlachten junger Saugkälber beobachtet wird , gehörte zum Kalbsgeräusch und 
wird erst im 15. Jahrh. erwähnt; in der Volksmedizin spielt es keine Rolle, auch 
nicht das sogen. Wampenbrösel, Bauchbries = Pankreas (Krankheitsnamenbuch 74). 

Zusammenstellung der mit Tierorganen behandelten Krankheiten. 






Leberleiden, Lebersucht, Leberschmerz, Leberent- 
zündung 

Milzleiden, Milzschmerz, Milzsucht, Milzbrand, Milz- 
verstopfung etc 

Herzleiden, Herzpochen, Herzritten etc 

Lungen- und Leberhitze 

Lungensucht , Lungenleiden , Brustleiden , Lungen- 
geschwär, Lungenschwindsucht, Zehrung, Darre, Eng- 
brüstigkeit, Atembeschwerden, Asthma, Keuchen etc. 

Abnehmen, Gliederschwinden 

Aderschwinden, Sehnenverkürzung, Nervenknoten 

Oliederkrankheit, Griiederschmerz, Gliedwasser, Raehe, 
Verrenkung 

Knochenbruch 

Gicht (exkl. Vergicht), Podagra, Chiragra, Hand- 
gesüchte 

Geschwulst, Schwellung, Schwiele, Beule, Frostbeulen, 
erfrorene Glieder, Knollen, Karbunkel, Geschwär, 
Krebs etc 

Geschwüre, Fisteln 

Verletzung, Wunden und Wundblutung 

Blutungen, Blutfluß (außer weiblichen), Nasenblutung, 
Hämorrhoiden 

Darmblutung, Blutfluß, Bauchfluß, Blutgang, Ruhr . 

Afterleiden, Schrunden, Gezwang, Feigwarzen . . . 

Blasenleiden, Blutseiche, Harnwinde, Sand und Grieß, 
Stein, Blasenschwäche, Bettpissen 



67 



11 



83 



4 1 

— i 1 

11 1 

3! 1 



9 
3 
1 

1 
1 

10 



44 



25 



15 



19 



16 

20 

12 

3 



50 

8 



8 
4 

12 



31 

6 
10 

16 
19 
22 



— 31 



36 274 



280 



Schluß. 



:ÄW 



Uebertrao- 



Wassersucht 

Hoden und Nierenleiden, männl. Genitalleiden. Ge- 
mächtleiden 

Hernien 

Frauenleiden, inkl. Wochenbett, Milchfluß, Mastitis, 
Blutfluß der Frauen. Mutterkrankheit etc. . . . 

Geburt, Totgeburt 

Fruchtbarkeit, Potenz, KonzeiJtion, Kindei segen, Liebe, 
Gegenliebe, Treue, Anhänglichkeit, Aphrodisiacum 

Haar- und Hautkrankheiten, Warzen, Pocken, Narben, 
Flecken, Räude, Fratte, Krätze, Haarausfall, Grütz- 
beutel, Hühneraugen, Lepra, Elefantiasis, Rose. 
Schöne, Erysipelas 

Fremdkörper in der Haut 

Biß und Stich (außer Hundebiß), Insektenstich, 
Skorpiouenstich, Schlangenbiß, Vij^ernbiß, Stich- 
schmerz, Seitenstich, Seitenweh 

Hundebiß, Tollwut, Wasserscheu, Lyssa 

Viehseuche, Stallseuche 

Fieber, fieberhafte Seuche, Pest, Ritten, Phrenitis 

Kachexie, schlechte Säfte, Humores 

Brand 

Gift 

Gelbsucht 

Bleichsucht 

Schweiß 

Erbrechen 

Verstopfung 

Darmleiden, Darmsucht, Diarrhöe, Durchfall, Darm- 
schmerz, Ileus, Kolik (ohne Ruhr) 

Schmerz überhaupt, Wehtag 

Würmer, Läuse - 

Dämonen, wilde Geister, Troll, Alp, Hexe, Mahr etc. 

Einschuß, Hexenschuß, Bilwitzschuß 

Geisteskrankheit, Besessenheit, Zauberei, Phantasie, 
Melancholie, Närrischsein, Vergalsterung, Raserei, 
Tobsucht, AVahnsinn, Unsinnigkeit, Böswilligkeit . 

Nervenkrankheit, Delirium, Schlaflosigkeit, Schlaf- 
sucht, Schwindel, Traum, Angst, Mutlosigkeit, 
Verstandesschwäche , Gedächtnisschwäche , Alters- 
schwäche etc 

Konvulsionen, Fraisen, Zahnfraisen, leichteres Zahnen, 
Gichter, Vergicht, Zittern, schweres Zahnen, 
Veitstanz 

Epilepsie , Fallsucht , schwere Not , hoher Siechtag, 
böses Leid, St. ValentinsKrankheit 

Apoplexie (Schlag) 

Hauptschwäche, Kopfweh, Hauptfluß, Hauptwehtag etc. 



67 



23 



14 



11 

27 
21 

7 
273 



83 44 

5| 1 

]' 5 
1 — 



11| 11 

7| 5 

7| 10 



13 54 
— 1 



25 



1 

4! 20 



3; 

7I — 

1 3 
8 
2 

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i 

2 2 



10 



20 



19 



11 



234224159 



1 16 

-i 7 

l| 16 

1 I 14 

-i 2 



- 34 



2 1 112 

-I 5 
10 



-I 



37 I 66 993 



Schluß. 



281 



Uebertrat 



Nasenleiden (ohne Nasenblutung) 

Mund- und Zahnkrankheiten (ohne Zahnfraisen), Zahn- 

vvurm, übler Geruch, Mundkrümme 

Halsdrüsen, Skrofeln, Struma, Kropf 

Halsbräune, Kehl- oder Schlundentzündung-, rauher 

Hals, Diphtherie 

Ohrenleiden, Ohrwurm, Ohrenfluß, Ohrensingen . . 
Augenleiden, Augenfluß, Augenflecken, Star, Leukom, 

Tag- und Nachtblindheit 

Zusammen 



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^ 


S 


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J 


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1 
273 


234 


224 


159 


37 


66 


993 


1 


— 


2 


1 


— 


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4 


7 


7 


6 


3 


1 




24 


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1 


4 


1 


— 




9 


5 


2 


9 







1 


17 


3 


3 


51 


— 


- 1 


58 


16 


20 


109 


1 


1 


2 


149 


308 


267 


405 


165 


39 


70 


1254 



Aus obiger Zusammenstellung ist zu entnehmen, daß unter 1254 
organotherapeutischen Verordnungen 



308 
267 
405 
165 
39 



auf das 
auf die 
auf die 
auf das 
auf die 



70 auf die 



Gehirn 

Leber 

Galle 

Herz 

Milz 

Lunge 



26 > 
21 > 
32 o/o 
13 V 

3«/o 



der Tiere sich bezogen. Milz und Lungen treten also als volksmedi- 
zinisch verwertete Tierorgane ganz zurück. Das starke Ueberwiegen 
der Galle haben wir schon oben S. 229 zu erklären versucht. Wäre 
ein „uraltes (?) pharmakodynamisches Grundgesetz", similia simihbus, 
d. h. kranke Organe durch korrelative gesunde Organe von Tieren 
zu ersetzen, das primäre oder ursprüngliche Leitmotiv gewesen, dann 
wäre dieses Zahlen Verhältnis unerklärlich. 

Auf die Tierarten verteilen sich diese 1254 Verordnungen wie folgt : 



1 

1 

1 


Hirn 
(Kopf) 


Leber 


Galle 


Herz 


Milz 


Lunge 


Summe 


Säugetiere 

Vögel , 

Amphibien, Lurche, Schlangen j 
Fische 


174 

96 
21 
17 


186 
32 
34 
15 


254 
70 
30 
51 


89 

54 

16 

6 


38 

1 


66 
3 
1 


807 

255 

103 

89 




308 


267 


405 


165 


39 


70 


1254 



Tierart 


Hirn 
(Kopf) 


Leber 


Galle 


Herz 


Milz 


Lunge 


Summe 


Hase 1 


27 
4 

1 


12 
12 


22 


12 


_ 
1 


12 
13 

— 


85 


Fuchs 


5 — 
25 1 


35 


Bär, Eisbär 1 


27 




32 


24 


52 


13 


1 


25 


147 



•^«9 



Schluß. 



Tierart 



Hirn 
(Kopf) 



Leber 



Uebertrag 

Wolf ; 

Hund 

Dachs 

Eichhorn 

Katze 

Wiesel 

Hirsch, Elch 

Kalb 

Ochse, Stier, Büffel, Rind, Kuh 
Schaf, AVidder,Lamm, Hammel, 

Schöps 

Ziege, Geiß, Kitz, Bock . . 

Steinbock 

Schwein, Eber, Sau, Ferkel, 

Wildsau 

Stachelschwein 

Hyäne 

Kamel 

Lux 

Löwe 

Esel, Maulesel 

Pferd, Roß, Fohlen .... 

Reh 

Gemse 

Murmeltier 

Maus 

Fledermaus 

Igel 

Maulwurf, Schermaus . . . 

Biber 

Einhorn 

Elefant 

Affe I 

Mönchsrobbe I 

Säugetiere 

Vögel 

Gans 

Huhn, Hahn, Auerhahn, Birk- 
huhn, Kapaun 

Geier, Falke, Sperber, Specht, 
Habicht, Weihe, Goldspecht 

Adler (Aar), Phönix .... 

Rabe, Krähe 

Eule, Hüle, Uhu, Auf, Kautz, 
Habergeiß 

Schwalbe 

Star 

Taube, Wildtaube, Turteltaube 

Rebhuhn, Perlhuhn .... 

Emmerling 

Regenpfeifer 

Wachtel 



32 

3 

89 

2 

5 

18 
2 
8 
5 
3 



24 

IG 

16 

2 



2 

5 

4 

16 

10 

7 
23 



12 



2 
1 
12 
3 
1 



Galle 



Herz 



Milz 



Lunge 



52 

2 

17 



13 

5 

7 



3 

72 

16 
34 



19 



2 

2 

3 

17 

3 



1 

25 

5 

3 

2 

2 



25 

2 



174 



186 



254 



38 



10 

18 

14 

7 

15 

12 

2 

1 
4 



15 



86 



25 



61 



7 


— 


6 


6 


9 


6 


7 


— 


2 


4 


2 


3 


3 


14 


— 


1 


- 


6 



41 



Scliluß. 



283 



Tierart 



Uebertrag- 

Sperling, Spatz 

Lerclie, Haubenlerche . . . 

Bachstelze 

Elster, Atzel 

Wiedehopf 

Zaunkönig 

Pfau . ' 

Pelekan 

Reiher 

Kranich 

Storch 

Schwan 

Eisvogel, Möwe 

Taucher 

Vögel 

Schildkröte 

Frosch, Kröte 

Eidechse 

Chamäleon 

Schlange, Natter, Viper, Drache 

Amphibien, Lurche, Schlangen 



Hirn 
(Kopf) 



86 



Leber 



25 



Galle 



Herz 



41 



Milz Lunge Siu 



2ir. 
4 

5 
1 

3 
4 
1 
2 
2 



96 



32 



70 



54 



255 



2 


12 


11 


5 


6 


2 


8 


1 


12 


10 



5 1 

1 — 

1 



19 
28 
17 
5 
89 



21 



34 



30 



16 



103 



11 
1 
2 

18 
3 
2 
6 
1 

19 



Fische 

Mäna 

Brasse 

Hecht 

Karpfen 

Delfin 

Thunfiscli, AValfisch . . . 

Tintenfisch 

Aal, Aalquappe, Meeraal . 
Seebarbe, Schwarzschwanz 

Wels 

Meerdrache, Petermännchen 

Flußbarsch 

Rochen 

Papageifisch 

Schellfisch, Stör .... 

Schleie 

Forelle 

Seeskorpion 

Meerfloh 

Aufseher, Sternseher . . 

Seepferd 

Karausche 

Cyprinus 

Hyaena 

Batia 

Bacchus 

Scarus 



Fische 



7 
3 

8 

1 

18 



17 



15 



1 

1 
2 
5 
1 
2 
1 
1 
1 
1 
1 
1 
J^ 

51 



1 

1 
2 
5 
1 
2 
1 
1 
1 
1 
1 
1 
1 

89 



284 Schluß. 

Aus dieser Uebersicht ergibt sich, daß vor allem die mit dem 
Menschen symbiotisch lebenden Säugetiere und Haustiere, die 
hauptsächlich den chthonischen Mächten geopfert wurden , auch am 
häutigsten volksmedizinisch verwendet wurden bezw. werden. 

Von den inneren Organen wird die S ä u g e t i e r g a 1 1 e am ab- 
solut häufigsten (254 = 31 ^o) verwendet, relativ häufiger noch die 
Fisch galle (68 ^;o aller Fischteilverordnungen). 

Das Herzorgan liefern am absolut häufigsten die Säugetiere, 
relativ am häufigsten die H a u s v ö g e 1. 

Das Gehirn (Kopf) liefern am häufigsten die Vögel (37 *^/o), 
das Köpfen ist auch viel häufiger bei den Vögeln als das (semitische?) 
x\bstechen. Säugetiere, Fische und die übrigen Tiere sind sich sonst 
annähernd gleich (19 — 21 ^/o). 

Die Leber wird am relativ häufigsten (38 ^o) bei den Amphibien, 
Lurchen und Schlangen verwendet, jedenfalls weil diese als deren 
zauberliafter Giftsitz galt. Die Säugetierleber, welche am absolut 
häufigsten zur Verwendung gelangt, ist jedenfalls als Seelensitz des 
geschlachteten Opfertieres aufzufassen (pars pro toto) ; auch die Milz 
wird überwiegend nur von den geschlachteten Haustieren und einigen 
chthonischen Säugetieren verwendet (nur einmal vom Frosch!). Die 
Lunge, die ebenfalls fast ausschließlich von Säugetieren verwendet 
wird, und die Milz treten aber im Zahlen Verhältnisse gegenüber Kopf, 
Leber, Galle und Herz so zurück, daß ihre Verwendung nur als 
späterer oder Notersatz dieser Organe (Leber vor allem) aufzufassen 
ist (vergl. o. S. 277). 

Wenn wir nach den oben angeführten Verwendungsformen des 
tierischen Herzens, namentlich des der Haustiere (Kalb z.B.) 
und des der Vögel (Hausvögel, Schwalbe etc.) schließen dürfen, daß 
der Genuß dieser sonst nur den chthonischen Wesen geopferten Tier- 
herzen nach uraltem Volksglauben zauberhafte übernatürliche Kräfte 
namentlich durch dessen Omophagie gibt, z. B. unsichtbar macht, die 
Zukunft erraten und hellsehen, weissagen läßt, die Vogelsprache ver- 
stehen macht, Liebe, Gegenliebe, Treue und Anhänglichkeit erweckt, 
die Geburt erleichtert, Epilepsie und andere Konvulsionen heilt, Dämonen 
vertreibt etc., und wenn wir anderseits nachweisen konnten, daß eben 
diese Eigenschaften gerade auch durch den Genuß des Menschen- 
herzens erworben werden, so spricht schon dieser Parallelismus dafür, 
daß das Menschenopfer durch das Tieropfer ersetzt wurde. 

„Gegen Ende des 3. Jahrh. a. Chr. in der Zeit nationalen Unglücks und 
höchster religiöser Erregung griff selbst der römische Senat auf Rat der Sibylle 
mehrmals (226 u. 216 a. Chr.) zum Menschenopfer als wirkungsvollstem Sühne- 
mittel. Auch etruskische Aschencysten des 3. Jahrh. stellen ein solennes öffent- 
liches Menschenopfer dar (Furtwängler III, 230). Ein grelles Schlaglicht auf die 
wirklichen Zustände im römischen Reiche wirft die Nachricht von Plinius, h. n. 
XXX, 12, daß 97 a. Chr. durch einen Staatsbeschluß die Menschenopfer zu magi- 
schen, also auch zu Heilzwecken verboten werden mußten; ja selbst in der Kaiser- 
zeit tauchte das Menschenopfer und besonders das Kinderopfer zu magischen 
Zwecken immer wieder auf (vergl. den bethlehemitischen Kindermord) ; allein es 
geschah natürlich nur mehr im geheimen und die öffentliche Stimme verurteilte 
es. Wir finden deshalb auf Siegelbildern (Gemmen) auch noch verhüllte An- 
deutungen von Menschenopfern, welchen Bildern der Träger dieser Gemmen- oder 
Siegelringe wie dem Opfer selbst eine besondere geisterbezwingende Kraft bei- 
zumessen pflegte (Furtwängler 1. c). Das volle blutige Opfer kann eben ohne 



Schluß. 285 

Hinterlassuncr von Rudimenten nicht verschwinden. Während die Griechen sclion 
zur Zeit vor Homer die Abh'Jsung und Stellvertretung des INIenschenopfers durch 
das Tieropfer eing'eführt hatten, blieb dieses bei anderen Völkern noch lange Zeit 
das wertvollste Mittel, um die Unterstützung und Huld der gefürchteten Seelen- 
geister zu erzwingen, das Menschenopfer, dessen Ueljerlebsel noch bis auf unsere 
Zeit sich erstrecken. Sichere Anhaltspunkte für den Kannibalismus der früheren 
germanischen Völker fand man in den steinzeitlichen Ablagerungen in der Grotte 

Fig. 42. 




Aus Dictionnaive des antiquites grecques et lomaines III, 2, 1515, 1520, Nr. 4784. 
Magische Szene, das Kindesopfer darstellend. Das Blut des Kindes soll sich in eine Opfer- 
schale ergießen (vergl. auch oben S. 10, Fig. 2). 

auf Stora Karlsö unweit Gotland und in der jüngsten Zeit auf steinzeitlichen 
Wohnplätzen in Upland. Aus der nordischen Bronzezeit fand man in einem 
Grabhügel des Königs Björns bei dem Dorfe Haga unweit Upsala unter den ge- 
opferten Haustieren auch ein gespaltenes Bruchstück eines menschlichen Schenkels 
(Beil. z. Allg. Ztg. 24. V. 1906, N. 120, S. 359). Fraas fand auf der altheidnischen 



Fig. 4: 



Fig. 44. 




Aus Fuvtwänglevs Antilie 
Gemmen Tat'. XX, Fig. 62. 
Sklaveuopfer; das Opfer kniet 
auf einem mit Opferzweigen 
geschmückten Gestell und hält 
selbst ein Opferreis in der Rech- 
ten. Zwei Priester stehen vor 
dem Opfer, 



Aus Furtwänglers Antike 

Gemmen Taf. XX IV, Fig. 7. 

Jungfrauenopfer, das vor dem 

Opfernden sitzt. 



Opferstätte auf dem schwäbischen Lochenstein unter zahllosen Skelettresten von 
Opfertieren „ein fürchterlich malträtiertes menschliches Schädeldach und ein durch 
tiefe Hiebe in den Knochen entzwei gegangenes Schenkelbein" (Korresp.-Bl. f. 
Anthropol. 1882, XIII, 19). Auch die Troglodyten Belgiens huldigten gegen Aus- 
gang der Madeieinezeit dem Kannibalismus namentlich beim Leichenmahle zu 
Ehren eines verstorbenen Häuptlings (Zentralbl. f. Anthropol. 1908, S. 41). Selbst- 
verständlich haben nicht alle späteren Menschenopfer diese Grundlage. Ueber An- 
thropophagie s. R. Andree, Anthropoph,; Hirt 664. Ueber Menschenopfer bei den 
Germanen s. Müllenhoff IV, 215, 216, 313; Grupp 258; Hirt 664, 517, 740. 

Mit zunehmender Erkenntnis, d. h. Kultur, traten auch die Stell- 
vertretungen der blutigen Tieropfer immer mehr zurück; je höher 



286 Schluß. 

der Wert des Haustieres stieg, umsomehr griff man zum stellver- 
tretenden Jagdtiere: das Surrogat wurde immer kleiner und ein Zaun- 
königs- oder Si^atzenliirn vertritt heute das Gehirn irgend eines größeren 
Tieres, das Fruchtbarkeit und Lebenskraft verschaffen sollte. Je mehr 
das ärztliche Wissen und Können sich steigerte, desto geringschätziger 
urteilte man über den durch Zauber und Mystik handelnden Magier. 
Exorzisten und Yolksmediziner; die ärztliche Therapie löste sich 
immer mehr von den aus alter Zeit mit übernommenen Banden des 
Kultverfahrens, das in der heutigen Volksmedizin noch seine Ueber- 
lebsel bewahrt hat. Wenn auch die deutsche Volksmedizin viele ihrer 
A^erordnungen aus dem alten Oriente übernommen hatte, so ist doch 
sicher, daß auch viel einheimisches Gut neben dem orientalischen Kult- 
materiale sich vorfindet. 

Der arabische Mumienglaube, dem nur Aerzte und Apotheker 
(Chemiker) des Mittelalters huldigten, blieb den breiten Schichten 
des deutschen Volkes etwas Fremdes; er fand nur bei jenen einen 
aufnahmefähigen Boden, weil sie die alte Heilkraft des Menschenopfers 
in der Substanz des Menschen verkörpern, eine besondere Potenz 
materieller Art im Menschenschädel, -knocken, -herz etc. finden 
wollten; der deutschen Volksmedizin als solcher ist die .,Mumie" fremd, 
während der Glaube an die Heilkraft von Leber- und Herzorgan 
der verschiedensten Tiere bei den verschiedensten Krankheiten menscli- 
licher und tierischer Organe ein allgemeiner geblieben ist. 

Wenn nun in obiger Zusammenstellung (S. 279), wie schon ein 
oberffächlicher Ueberblick lehrt, sichtbar gegen Herzkrankheiten Herz- 
organe, gegen Milzleiden das Milzorgan, gegen Leberkrankheiten die 
Leber empfohlen wurden, so darf man daraus nicht etwa auf ein „ur- 
altes (?) pharmakodynamisches Grundgesetz" schließen, daß mit ge- 
sunden Tierorganen die entsprechenden Organkrankheiten behandelt 
wurden; denn es weiß jeder Laie, daß die Diagnose auf Herz-, Leber-, 
Milzkrankheiten nur von Aerzten gestellt werden konnte, daß diese 
Verwendungsart also schon von den Schulärzten vorgeschrittener Zeit- 
perioden beeinflußt war. Diese rein ärztlich gemachten Krankheits- 
gruppen sind als Objekte der volksmedizinischen Behandlung durch 
Tierorgane gegenüber den übrigen Krankheitsgruppen so verschwindend 
in ihrer Zahl (Leberleiden z. B. 1,2 V;, Milzleiden 1,6 ^/o, Lungen- 
leiden 4 ^ o), daß der Grundsatz similia siraiHbus niemals der alleinige 
oder primäre Ausgangspunkt gewesen sein kann, abgesehen davon, 
daß solche Organleiden auch noch durch andere, nicht korrelative 
Organe von Tieren behandelt wurden, so z. B. die Lungenleiden fast 
ebenso oft durch die Leber und, abgesehen davon, daß sehr viele 
Krankheitsgruppen überhaupt keinem bestimmten Organe zugewiesen 
werden konnten (Epilepsie, Schmerz, Fieber, Geisteskrankheit etc.). 

Es wird ja wohl richtig sein, was Wiedemann (Z. d. V. f. westf. u. 
rhein. V.K. 1906, S. 6) mitteilt, daß der 1047 p. Chr. lebende arabische 
Arzt Ibn Rodhwän erklärte, man hätte früher, wenn ein bestimmter 
Körperteil erkrankt war, aus dem entsprechenden Teile eines Ge- 
sunden einen Saft (Mumie) ausgezogen und diesen zur Heilung be- 
nützt, ein Vorgang, der sich wohl aus der „schwarzen Kunst" (s. o. 
S. 16) ableitet. Wir haben oben (S. 57) auf eine ähnliche homöo- 
pathische Heilmethode bei den Babyloniern hingewiesen; aber diese 



Schluß. 287 

arabische Mumie darf man nicht auf die deutsche Volksmedizin, in 
der die Mumie so viel wie keine Rolle spielt, übertragen; auch die 
eben erwähnten Babylonier behandelten nicht mit dem Safte dieser 
Körperteile, sondern mit der Hingabe oder Opferung der gleichen 
äußeren Tierstücke an die Gottheit, der sie als ., Demonstratio ad oculos", 
aber nur als äußerliche Teile des ganzen Opfertieres Brust für Brust, 
Kopf für Kopf, nicht aber Leber für Leber etc. gegeben wurden. 

Es ist naheliegend, anzunehmen, daß sich aus dieser Demonstratio 
ad oculos beim Opferkultverfahren eine weitere Ausartung der 
Therapie ableiten läßt, damit auch die Gewinnung eines Mumien- 
saftes aus den Teilen gesunder Tiere zu Heilzwecken, immer aber 
muß dabei betont werden, daß die Erkenntnis eines inneren Organ- 
leidens (z. B. an Herz, Milz, Leber) eines Menschen im allgemeinen 
erst in einer relativ jüngeren Zeitepoche möglich war. Vor dem Ein- 
flüsse der Schulärzte war das Heilverfahren hauptsächlich von der 
dämonistischen Nosologie beeinflußt; diese erklärt uns am 
besten, warum Epilepsie, Konzeption, Fraisen, Schmerz, Seitenstechen, 
Drüsen, Frauenleiden, Hautkrankheit, Schwindsucht mit den gleichen 
Organen auch der verschiedensten Tiere behandelt werden konnten. 
Der xA-rzt ..vertreibt" noch heute die Krankheit, die irgendwo ..sitzt" 
und den Menschen „besessen" macht; ..Besessenheit" war früher durch- 
aus nicht bloß Geisteskrankheit oder Hysterie, sondern jede dämo- 
nistisch, d. h. nicht auf natürlichen Ursachen beruhende Krankheit 
galt als Tat eines im Inneren sitzenden vexierenden, quälenden, 
plagenden, peinigenden, stechenden, wurmenden Dämons. Der Aus- 
druck „besessen" blieb nur am längsten auf den erst ärztlich in ihren 
Ursachen erkannten Geisteskrankheiten haften ; diese Tatsache muß 
man sich stets vor Augen halten; dann erklärt es sich, daß man mit 
Seelensitzorganen (Blut, Herz, Leber, Hirn etc.) Dämonen ver- 
treiben, Epilepsie heilen, Fraisen verhüten wollte. Die Versöhnung 
der Seelengeister (Krankheitsdämonen) durch blutige Seelenorgane 
(weiterhin auch durch Heilbrote mit solchen Organen, Leber, Milz, 
Hirn etc.) erklärt uns die Vielseitigkeit der Verwendung der tierischen 
Organe in der Volksmedizin, welche das geopferte Tierorgan durch 
den Mitgenuß an der Gottheitsspeise (Communio), weiterhin aus Ehr- 
furcht vor der Autorität der Ueberlieferung als Heilmittel benützte, 
wobei wir auch auf die weitere Verwendungsart, die Theophagie, den 
Genuß der chthonischen Tiergötter verweisen (s. S. 8 und Register). 
Xach Ovids Fast. VI, 101 entnahm Carna, die Göttin für die römische 
Kinderstube, einem Ferkelchen die Eingeweide, legte dieselben auf 
ihre Hand und sprach zu den blutlüsternen Strigae ^), welche nach 
Hexenart Xachts kommen, um den Kindern im Schlafe das Herzblut 
auszutrinken: „Das zarte Tier gelte für das zarte Kindlein, Herz für 
Herz, Eingeweide für Eingeweide, Seele für Seele", d. h. das Leben 
des Kindes sollte durch die Hingabe der Seelensitzorgane, die als 
Demonstratio ad oculos auf die Hand gelegt und so den Hexen dar- 



') In einer unter dem Xameu Johannes von Damaskus (f 754 p. Chr.) über- 
lieferten Abhandlung wurden die z-pi^'^a'., strigae nach damaliger Auffassung ge- 
schildert als Nachts durch die Lüfte fahrende Frauen, welche die kleinen Kinder 
erwürgen oder „ihnen die Leber (= Seelensitz) ausfressen "(Andree, Anthropophagie 8). 



288 Schluß. 

gebracht wurden, verschont werden. Der Schutzgeist der Kinder 
gibt die blutigen Eingeweide des Ferkels den blutdürstigen Seelen- 
geistern als Ersatz für das Kinderblut, das Kinderherz, das hierbei 
Seelensitz, nicht Krankheitssitz ist; nicht der Schutzgeist der Kinder 
genießt die Seelenorgane, sondern der blutdürstige, nach neuem Leben 
lechzende Seelengeist oder Krankheitsdämon. Vergl. auch oben S. 44 
die bei den Neugriechen mit Milch und Honig abgefütterten Leib- 
schmerzendämonen, die als Ersatz für die Eingeweide des Kindes solche 
süße Speisen erhalten zur Versöhnung. 

Ueber die Verwendung der Galle haben wir uns schon S. 229 
zur Genüge ausgesprochen. 

Daß der Genuß von Tierherzen nicht in erster Linie durch 
ein .,uraltes (?) pharmakodynamisches Grundgesetz^': kranke Herzen 
durch gesunde l'ierherzen zu ersetzen (similia similibus), veranlaßt 
gewesen sein kann, ergibt sich allein schon aus der jedem Laien be- 
wußten Tatsache, daß die Erkennung einer „Herzkrankheit" erst in 
einer sehr späten Zeit möglich war (vergl. Milz), während der Genuß 
von Herzen (s. o. S. 232, 259) bis in die sagenhafte Vorzeit sich nach- 
weisen läßt. „Aristoteles (f 322 a. Chr.) (De partib. anim. 4) hat 
niemals ein krankes Herz gesehen und nach Plinius (h. n. XI, 69) 
ist das Herz das einzige Eingeweide, welches von keiner Krankheit 
heimgesucht wird und frei von Strafen des Lebens bleibt, und Aretäus 
(2. Jahrh. p. Chr.) lehrt (lib. H, c. 1), daß, wenn einmal das Herz 
erkrankt {'f^ {xsv ■'f^ xapoirj 7tai>"(|), der Tod schnell eintritt. „Mit Sicherheit 
weiß ich von Krankheiten (des Herzens) nur den 7raX{x6? t-^^; xapStac, 
das (subjektive) Herzklopfen anzugeben" (J. Preuß, Materialien z. 
Gesch. d. talmudischen Medizin in Allg. Med. Zentralz. 1899, Nr. 61). 
Die subjektiven Empfindungen, die anthropomorphisch gedeutet werden, 
sind auch in der Regel die ersten volksüblichen Bezeichnungen der 
(späteren) „Krankheiten", sie werden fast durchweg der Einwirkung 
eines an der betreffenden Stelle sitzenden, besessen machenden Dämons 
zugeschrieben und demgemäß auch antidämonisch behandelt, so auch 
mit dem Herzblute oder dem Herzen eines Opfer- oder chthonischen 
Tieres, um den blutdürstigen Dämon mit dem Blutgenusse aus dem 
Tierherzen zu versöhnen oder mit der im Herzen sitzenden Zauber- 
kraft eines noch mächtigeren Tiergottes zu überwältigen. Damit, 
d. h. mit der Communio oder mit der Theophagie, erklärt sich die 
Verwendung der inneren Tierorgane als Heilmittel am besten. 

Unter 165 Verwendungen von Tierherzen sind die 
„Herzleiden" nur 12mal (7 ^o) angegeben als Indikation und auch 
diese sichtbar aus einer relativ späten Zeit, die schon durch christ- 
liche Gelehrte beeinflußt war (s. o. Hirschherz S. 241), während 
anderseits die sicher stets als Dämonentat aufgefaßte Epilepsie allein 
mit 20^/0, die Nervenkrankheiten, Geisteskrankheiten, Konvulsionen, 
Apoplexie ebenfalls zusammen mit 29 ^/o vertreten sind unter den 
Herzverwendungen. Auch die häufige Verwendung der Herzorgane 
beim Fieber, bei fieberhaften Seuchen, Pest, Ritten etc. (12 ^,o) weist 
auf Dämonismus bei der nosologischen Auffassung der Fieberursachen 
hin, der dementsprechend mit antidämonischen Mitteln (Herzgenuß, 
meist omophagisch) bekämpft wird. 

Man darf nun nicht bei jedem volksmedizinischen Rezepte ver- 



Schluß. 289 

langen, daß sich bei demselben sogleich ganz klare oder vor Augen 
liegende Spuren des Opferkult Verfahrens, der Omophagie, der Theo- 
phagie oder Communio nachweisen lassen ^ nicht jede einzelne Ver- 
ordnungsformel kann diesen Nachweis erbringen, sondern der durch 
die gesamte Reihe der Verordnungen gehende systematische Zug oder 
der regelmäßig wiederkehrende Einschlag von Material, das sicher aus 
antikem Opferkulte stammt und das wir in der Einleitung zu unserer 
Arbeit vorausschickten. Wer die obigen 1254 organotherapeutischen 
Verordnungen — die Zahl ist groß genug, um Schlüsse zu erlauben — 
einigermaßen ausdauernd verfolgt hat, eine Arbeit, die allerdings ein 
besonderes Interesse voraussetzt, muß mit uns zu folgenden Schlußsätzen 
kommen. 

Unter den volksmedizinisch und organotherapeutisch verwendeten 
Tieren überwiegen die Haustiere, ebenso auch unter den Opfertieren. 

Mit zunehmender Kultur vertraten die kleineren Tiere (Vögel) 
die größeren Opfertiere; auch in der Volksmedizin übernahmen die 
kleineren Tiere immer mehr die Rolle von Organlieferanten zu Heil- 
zwecken, auch das Tieropfer sank zum bloßen Symbol herab. 

Auffallend häufig ist die Verwendung der sogen. Angangs- oder 
Lostiere als Heiltiere. Opfer und Augurium (Losbestimmung) aber 
waren ehemals sicher vereinigt. Gerade im Aeskulapkulte vereinigte 
sich Heilkunst, Wahrsagen und Opferkult, so auch im Apollokulte; 
der Heilgott Apollo war ja der Hauptorakelgott, der selbst Menschen- 
opfer erhielt. 

Das Augurium war an bestimmte Tage gebunden; diese Lostage 
vor dem Beginne eines neuen Jahres waren jene Tage, an denen man 
sich den Seelengeistern am nächsten wähnte. Der versöhnende Seelen- 
kult, die Communio mit der Gottheit, war die erste Quelle für die 
Verwendung der Heilmittel aus der Sphäre des Tierreiches, weiterhin 
auch die Sehnsucht, sich mit der Gottheit zu vereinigen durch die 
Theophagie, um so die Krankheitsgeister (Seelen) zu beherrschen. 

Aus dieser gleichen Quelle stammt auch die Verwendung der 
Seelenbrote als Heilmittel (Heilbrote), die sich namenthch in den Neu- 
jahrszyklen häufen und die gegen die gleichen Krankheiten helfen 
sollen wie die Opfertiere. 

Uebereinstimmend mit dem Verfahren im alten Opferritus findet 
man auch in der heutigen und älteren Volksmedizin, daß gewisse 
Organe als Heilmittel sich gegenseitig vertreten können; das Herz 
eines Tieres kann z. B. durch die Leber desselben oder gar eines 
ganz anderen Tieres ersetzt werden, weil eben beide die Seelensitz- 
organe darstellen, unter welchen man zumeist die inneren sogen, edleren 
blutreicheren Lebensglieder verstand. 

Die Vorliebe für einfarbige (schwarze, weiße), männliche. Erst- 
lingstiere etc. findet sich wie im Kultopfer, so auch in der Volks- 
medizin; weibliche zur Fortzucht nötige Tiere werden in beiden Ge- 
bieten viel seltener verwendet. 

Das Opfertier ist ebenso häufig (als Ganzes wie als Teil) ein 
Mittel gegen Seuchen (Fieber), Unfruchtbarkeit und Dämonenwerk 
wie die Verwendung der inneren Organe (Seelensitze). Der anti- 
dämonische Zweck des ganzen vollen Tieropfers hat sein Analogon in 
dieser überwiegenden volksmedizinischen Verwendung der Seelensitz - 

Höfler, Die volksmediziiiische Organotherapie. 19 



290 Schluß. 

Organe bei ehemals dämonistisch aufgefaßten Krankheitsgruppen i), die 
wir oben näher besprochen haben. 

Das Kultopfer war ebenso an eine bestimmte Kultzeit gebunden, 
wie die Verwendung der inneren Organe (Seelensitze) von Tieren als 
Heilmittel an bestimmte Tötungs- bezw. Einfangszeiten. 

Wie das geräucherte Schweinefleisch, das am 5. Sonntag nach Ostern in 
Luxemburg beim Gemeindebrunnen vor der Stadt von den Skrofulösen und Lungen- 
süchtigen verzehrt wird, das frühere Schweiuopfer der Frühlingszeit an die Wasser- 
geister vertritt (Weinhold, Quellenverehrung 57) und wie die geräucherte Blut- 
wurst am Fastnachtmorgen nüchtern gegessen das Surrogat für das Schwein- 
opfer der Frühlingszeit zur Erreichung der Gesundheit (bei dem Rotlauf z. B.) 
darstellt, und wie ferner ein von dem Vater über sein Haupt weg in den 
Fluß geworfener Kopf eines neugeborenen Kalbes sein durch die Schuld der 
„wilden AVeiber" (Wuttke § 439) totgeborenes Kind wieder lebendig machen 
soll, so ist auch der an dem Dachfirste aufgehangene Pferdeschädel, Widderkopf 
oder das das Kalbshirn umschließende Haupt eines Kalbes oder das in der Herd- 
mauer vergrabene Herz eines Kalbes oder die mit Gewürzen zubereitete Leber 
des Hasen ein abgeblaßtes Rudiment und Ersatz für das ehemalige Opfer des 
ganzen Tieres bei Volksseuchen (Ruhr, Leber-, Bauch- und Gallenfluß). So ist auch 
der Schweinskopf als Hirnschädel in der Julzeit ein Opfer an die um diese Zeit 
besonders tätigen Seelengeister. Als Schaltkuochen des Schläfenbeins (Os tri- 
quetrum) des Menschen hilft der Menschenschädel ebenso gegen die schwere 
Not (Ei:>ilepsie) (Schröder, 1306) wie das sogen. Saugehör oder Gehörbein des 
Schweines (bei Meyer, B. V.L. : Kehrbein) gegen Fraisen (Eklampsie, Epilepsie etc.) 
(Fossel 72), weshalb es aucli Krampf bein heißt. Hierbei ist das verkümmerte Ru- 
diment, das kleinste Schädelbeinchen, das Substitut für den ganzen Eberschädel. 
„Caput apri defero, reddens laudes Domino" sangen am Jiilabende, als des Ebers 
Haupt auf den .Tultisch gestellt wurde, die Mönche in Oxford, während die Kloster- 
brüder im Süden in der Frühlingsfastenzeit nach Divinationszeichen in Kreuzes- 
form im Kopfe des Fastenfisches fahndeten. Gerade diese Uebereinstimmung der 
Augurium. volksmedizinischen tierorganischen Mittel mit dem Augurium spricht deutlich für 
die beiden gemeinsame Quelle, das Kultopfer. Auch das Schwören vieler Völker 
(Germanen, Römer, Griechen) auf das Haupt gewisser Tiere (Eber z. B.) hängt 
sicher mit dem Opferkulte zusammen, der diesen Teil als der Gottheit geheiligt 
bezeugt: „Quod autem sacrum olim caput existimaverint , indicio est jurandi per 
ipsum consuetudo et sternutamenta , quae ex eo prodeunt adorandi veluti sacra" 
(Athenäus, Casaubon. 66). Wir wollen aber diesen Zusammenhang hier nicht 
weiter verfolgen; doch sei noch auf die höchst merkwürdige Stelle des Indicul. 
pag. Nr. 13, hingewiesen („De auguriis vel avium vel equorum vel boum stercora 
vel sternutationes") , wonach auch aus den Körpersekreten und Auswurfstoffen 
ebenso geweissagt wurde, wie diese auch volksmedizinisch verwendet wurden 
(s. Scheible, Schatzgräber HIj. 

Bei den von ägyptischer Kultur beeinflußten Griechen (und 
Römern) war das blutreiche und süße Leberorgan auch das beim Brand- 
opfer als der Götter Lieblingsspeise auf dem Brandaltare vermittelte 
Opfer ; bei den Germanen war das Hauptopfer das Haupt des betreffen- 
den Tieres, dies dürfte auch die ältere Form des Opferritus gewesen 
sein. Der Sud der Opferteile war auch im allgemeinen der häufigere 
Ritus bei der Communio der Germanen; die Verbrennung (Verkohlung, 
Veraschung) der Opferleber spricht mehr (aber durchaus nicht aus- 
schließlich) für römisch-griechisches bezw. ägyptisches Vorbild. 

Ein weiterer Beweis für den Ursprung der meisten Verwendungen 
innerer tierischer Organe als Heilmittel aus dem Kultopfer des Tieres 
liegt in der Mitbenützung der Totenkräuter, Kathartika, Opferharze, 
Kranzblumen etc. mit diesen inneren Tierorganen und mit den als 



^) Der Verweis auf des -Verf. Krankheitsnamenbuch und Archiv f. Relig.-W. 
II, 86 genügt bezüglich der Feststellung solcher Dämonen. 



Literatur. 291 

Heilmittel verwendeten Seelenbroten (Heilbroten). Die Versöhnung 
der '/d'övioi, der Unterirdischen oder der Seelengeister mit Nahrung, 
die Anteilnahme an diesen Seelenmahlspeisen sicherte den Heilerfolg. 
Derselbe Opferritus, der zum größten Teil auf griechischen Kult der 
'/d'ovioi zurückgeht, ist, wenn auch nur in Resten oder Spuren nach- 
weisbar, auch in der größtenteils von Aegyptern, Griechen und 
Römern beeinflußten deutschen Volksmedizin zu finden, sogar der 
Opfertisch , der Hausaltar an der schwarzen Herdstätte etc. läßt sich 
noch nachweisen; Phnius, die Hauptquelle der volksmedizinischen 
Organotherapie, bringt an mehreren Stellen seiner Historia naturalis 
direkte Beweise für den Zusammenhang der Organotherapie mit dem 
Kultopfer. Wie sich mit der Zeit die Opferriten, namentlich beim 
privaten Heilopfer, abschleifen und verändern mußten, so auch die 
davon sich ableitenden volksmedizinischen Handlungen und Heil- 
methoden, namentlich jener, die aus Scheu vor dem chthonischen 
Kulte mehr im geheimen tätig waren oder den Magiern sich über- 
ließen, während die die Landesseuchen abwehrenden öffentlichen 
Kultmittel noch den volleren Opferritus bewahrten. „Neben einer 
nüchtern und vorsichtig den Bedingungen menschlichen Leibeslebens 
in Gesundheit und Krankheit nachforschenden wissenschaftlichen 
Heilkunde bestand auch die altrömische und altgriechische Volks- 
medizin als ein von Gebildeten und geistig Freigewordenen verachteter 
anstößiger Zaubertrödel immer noch fort" (Rohde ^ H, 89); selbst die 
hippokratische Schule stak in Bezug auf die Therapie vieler Krank- 
heiten (namentlich der Frauen) noch bis über die Ohren in der Volks- 
medizin ihrer Zeit. 

Aus einer Quelle floß die Gabe oder Kunst des Hellersehens, 
der Weissagung, die Reinigung des Kranken von der Befleckung, die 
Heilung der Krankheiten: aus dem mit Opfern verbundenen Seelen - 
kulte, der uranfänglichen Wurzel aller Religionswesen. 

„Mortui placantur sacrificiis, ne noceant", Serv. Aen. HI, 63. 



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Aal 145. 146. loO. 191. 226: -fett 1-50; 

galle 226; -köpf 150: -leber 191: 

-quappe 190; -quappenleber 190; -raupe 

190; -schleim 150. 
Aaronswurzel 165. 
Abnehmekraut 17. 
Abschlagen 50, 118. 
Abschneiden 141. 
Abstechen 105. 233. 
Ader 230. 
Adler 122. 139, 183. 218; -galle 218: 

-haupt 122; -bim 123; -kind 42; 

-knochen 123: -köpf 122. 123: -leber 

1S3; -samen 42. 122. 
Aeffiditaor 82. 
Aeikulap^'e, 68, 99. 115. 117. 118. 134. 

144. 238, 289. 
Aethiopisches Kraut 142. 
Aethiops animalis 68 ; raineralis 34 ; 

vegetabilis 34. 
Affe 18, 236 is. auch HundskopfafFe) ; 

•äuge 236; -blut 18, 236: -fett 236; 

-fleisch 104. 236 ; -haare 237 ; -herz 236, 

-samen 237; -zabn 24. 
Ahnentier 65. 83. 149, 194, 239. 
Aithya 137. 
Album graecum 194. 
Alex 190. 
Alkohol 15. 
AUei-seelenta? 140. 
Aloe 30. 38." 
Alp 36. 140, 244, 249, 2-53. 
Altarblume 16. 19. 36; -kraut 19; -opfer 

s. Opfer. 
Ameise 143. 
Amnion 89. 94. 
Amulett 20, 30. 36, 51. -59. 78, 81, 95, 

97. 99, 100. 101. 10.3. 110, 111, 113, 

138. 140. 162. 181, 186, 231. 2-3.5. 237, 

241. 242. 243. 2.50, 252, 253, 257, 258, 

260. 
Anatomia culinaris 45; sacra 16, 193. 
Andorn (MaiTubium, Ballota) 17, 86, 184, 

217, 218. 
Ansangstier 58. 67, 78, 99. 113, 116, 122, 

123. 126. 237, 289. 
Apbva 140. 
Apollo 6. 33, 89, 66, 92, 98, 109, 115. 

123, 137, 191, 22.3, 289. 



Apostemkraut 272. 

Apotropäon 14. 16. 18. 82, 84, 88, 94. 

99, 113. 127, 136. 139, 168, 238, 242. 

244, 248, 253, 2-56, 273. 276. 
Artemisia 17. 19. 192, 252. 
Asche 13, 14,. 15. 24. 25, 26. 34, 86, 59. 

61, 67, 70. 79, 86. 110. 111. 113, 125. 

127, 133, 144, 145. 150. 155. 168, 246. 

2.57, 268, 270, 271, 272, 278; -lauge 24. 
Asphalt 16, 38: -gott 16. 
Astronomie 65. 

Atlantion 102. 

Atlasbein 102. 

Auerhahn 120. 124: -herz 251. 

Auf 125. 

Auferstehungsknochen 102. 

Auge 156 IS. einzelne Tiere): der Götter 

16; -blute 19. 
Augurium 2.3, 129. 141. 142. 147. 153, 

1.58, 170, 194, 230. 231, 235, 242. 251, 

2.59, 270. 2S9. 290 (s. auch Haruspizie). 
Aussaugen 259. 

Ausschneiden 234, 268. 

Austemleber 190. 

aojpo: ßia'.od-ava-oi 4, .35, 56, 67, 120. 167. 

Bacchanalien 12. 30, 41, 45. 58, 92, 107, 
144. 232. 247, 260, 261 (s. auch Fast- 
nacht). 

Bacchus (Fisch) 228: -galle 228. 

Bachstelze 133, 257; -herz 257. 

Bad, Wampen- s. Balneum animale. 

Badkraut o9. 

Bär 64, 74, 160. 198, 23S (s. auch Eisbär); 
-blut 233: -fett 61, 65, 2.38; -fleisch 65; 
-galle 193, 198; -geil 199; -herz 64. 
238; -him 65; -kehle 66; -leber 160: 
-opfer s. Opfer. 

Balg 63 (3. auch Fell. Haut etc.). 

Balneum animale 5, 90, 109, 169. 2:34, 
235. 

Balsam 220: -stände 15. 

Barbe 146, 151; -leber 190. 

Barsch 151; -knochen 152; -köpf 1-52. 

Bart s. Haare. 

Batia (Fisch) 228; -galle 228. 

Bauchader 230; -bries 279. 

Bauernnarde 41 (s. auch Speik). 

Baumhackl 120. 



296 



Register. 



Bauopfer s. Opfer. 

Bdellion 37, 45. 

Bein s. Knochen. 

Benedeitkraut 18. 

Bersingstein 152. 

Berufen 7. 

Berufskraut 17, 27, 34. 

Beschneidung 236, 263. 

Beschreien 7. 

Beschreikraut 17. 

Beschwörung 44, 57, 62. 97. 119. 260, 
265. 

Betonika 39. 

Bezoarziege 98- 

Biber 99, 114. 181: -blut 114; -fett 114; 
fleisch 114; -geil 114, 181, 193. 199; 
-hirn 114; -knochen 114; -leber 181; 
-Opfer s. Opfer. 

Bibernell 145. 

Bienenasche 26. 

Bilwitz 227. 

Birkhahn 120. 

Blindmaus 109. 

Blüte, Augen- 19. 

Blüten, Linden- S.Linde; Rosen- s. Rosen. 

Blumen. Altar- s. Altar; Frühlings- 56 
245, 252; Gold- 41, 159. 226, 273 
Kranz- s. Kranz ; März- s. März 
Maien- ?. Mai; Opfer- 88, 155; Oster 
s. Ostern; Schlüssel- 56, 239, 252 
Sonnenwend- 40; unsterbliche- 20. 

Blut 3, 5, 16 (s. einzelne Tiere); -ab- 
stechen 105, 233; des Ares 17; der 
Athene 17; vom Auge 19; von den 
Eingeweiden 20 : vom Fieber 20 ; vom 
Fuß 20; der Götter 19; der Gott- 
menschen 19; des Hephaistos 17; des 
Herakles 17. 185; des Hermes 18; der 
Hestia 17; des Hirns 5; von der Hüfte 
20; des Hundsaffen 18; des Isions 17; 
vom Kopfe 19; -kraut 18; des Kronos 
17; -kuchen 5; von der linken Seite 
33, 105 ; von der Lunge 20 ; des Mars 
17 ; der menstruierenden Frau 20, 41 ; 
von der Schulter 19; des Titanus 17; 
-dunst 235 ; -egel 22, 264 ; -genuß 52 ; 
-geruch 235; -igel s. Egel; -kraut 18; 
-kuchen 5; -opfer s. Opfer; -trinken 
50; -wurst 247. 

Bock 91. 

Bocksbart 95: -blut 94, 174, 246: -fett 
93; -fleisch 92, 93; -galle 209, 210; 
-haar 95 ; -herz 246 ; -hörn 94 ; -klauen 
94 ; -köpf 94 ; -opfer s. Opfer ; -talg 93. 

Bohnen 100. 

Botanica sacra 14, 16. 

Brachvogel 131. 

Brägen 55. 

Brandopfer s. Opfer. 

Brasse 147; -köpf 147; -fleisch 147. 

Brat 46. 

Briesl, Brösl 279. 

Brombeere 17, 18. 



Brot 4, 6. 7, 17, 22. 34, 40, 43. 100, 105, 
118, 122. 123, 124, 129, 139, 140, 143, 
144. 155. 158, 165. 172, 205, 249, 255, 
256, 261, 267, 287, 291. 

Brühe s. einzelne Tiere und Suppe. 

Brust 46 (s. auch einzelne Tiere). 

Büff'el 244. 

Ceder s. Zeder. 

Cerebrin 152. 

Chamäleon 142. 188, 220, 200 ; -galle 223 ; 
•herz 260: -leber 188; -milz 142. 

Chamille 17. 20. 

Charadrius 131. 

Charpie 278. 

Chemie 16. 

Chthonische Gottheiten 24, 28, 31, 86, 
115, 117, 123, 134, 212, 231, 288, 291; 
Tiere 23, 24, 83. 86 , 93 , 108, 109, 
113. 121, 124. 126, 134, 135, 136, 138, 
139. 140, 141, 142, 144, 149, 152, 170, 
184, 194, 250, 253, 254. 258, 259. 288. 

Communio 5, 8, 16, 22, 23, 25, 44, 57, 
64. 83, 86, 89, 92, 95, 98, 100. 120, 
121. 139, 143, 144, 152, 156, 162, 166, 
169, 171, 172, 173, 212.234,235,244, 
262. 278, 288. 289. 

Conger (Fisch) 150. 

Cyprinus Rohita 228; -galle 228. 

Dachs 72, 108, 164; -feil 73, 79: -fett 
73, 108; -hirn 72; -leber 164. 

Dämonen 290; -Versöhnung 3. 

Dammhirsch 80, 81. 

Darm 46, 189, 241, 262. 

Delphin 147, 149, 191; -asche 26; -leber 
191 ; -opfer s. Opfer. 

Destillierhelm 15. 

Dill 214, 237. 

Dionysien s. Bacchanalien. 

Diptam 39, 93, 97. 

Dorant 39. 

Dosten 39, 95, 138, 185. 

Drachen 142, 145, 188, 261; -blut 18, 
145; -fett 223; -galle 223; -herz 223, 
262; -leber 223. 

Dreißiger 29, 80, 82 (s. auch Frauen- 
dreißiger). 

Dreißigstkraut 29, 40. 

Diüsenarzt 109. 

Dünger 194; -opfer s. Opfer. 

Dünngedärm 46. 

Duft s. Opferduft. 

Dunst s. Opferdunst, Blutdunst. 

Eber s. Schwein. 
Edlere Lebensglieder 289. 
Egel s. Leber, Blut. 
Efeu 205. 

Ei 6, 7, 118, 119, 120. 
Eichel 175, 178. 

Eichhörnchen, Eichkätzchen 62, 63, 73; 
■fleisch 73; -hirn 73- 



Rejrister. 



207 



Eidechse 89. 141, 187, 222, 2(50; -blut 

18, 236; -galle 222; -herz 2G0 : -hiin 

142; -köpf 142; -leber 187. 
Eierstock 46, 248. 
Eingeweide des Menschen 4-3, 44 : der 

Tiere 175, 248. 262, 263, 277, 287. 
Einhorn 240; -herz 240. 
Eisbär {}6, IGO; -leber 160. 
Eisenkraut 36. 

Eisernes Opfergerät 33, 118, 259, 271. 
Eisvogel 136, 258; -herz 258; -nest 136. 
Ekstasis 12, 107. 
Elch 83. 

Elen 83; -klaue 64, 83. 
Elefant 177; -leber 177. 
Elfenopfer s. Opfer. 

Elster 133, 185; -hirn 1.33; -leber 185. 
Emraerling 130, 131. 
Engelapotheke 16, 276. 
Engelfisch 152. 
Ente 116, 216; -blut 116. 
Ernteopfer s. Opfer. 
Erstgeburt 33, 105. 
Ersticken 116, 254. 
Erstlingsopfer s. Opfer. 
Erwürgen 116. 
Esel 18, 105. 177, 213, 248, 266, 276; 

-blut 18, 105, 148, 248; -distel 19; 

-eingeweide 248; -feil 105, 106; -fett 

115; -fleisch 105, 248; -galle 213; 

-haut 105, 106; -herz 248; -hirn 105: 

-kot 105, 106; -leber 177; -lunge276; 

-milch 105 ; -milz 266; -opfer s. Opfer; 

schwarzer 248, 249. 
Eule 125, 184, 219, 253; -feder 126; 

-galle 219; -herz 253; -hirn 126; 

-knochen 127; -köpf 126; -leber 184. 
Euter 100. 
Exorzismus 44. 

Färch 231, 232 (s. auch Goldfärch). 
Falke 120, 251; -hirn 120; -köpf 120; 

•kralle 120; färbe s. rot, schwarz, 

weiß. 
Farrennieren 279. 
Fasan 120; -hirn 135, 193. 
Fasten 27, 246, 261 ; -fisch 147, 224, 225, 

261, 290. 
Fastnacht 30, 89, 247, 260 (s. auch Bac- 
chanalien). 
Federn 126, 237, 257. 
Feigen 14, 42, 44, 123, 136, 156, 180, 

181, 272; -asche 15, 24; -bohne 19; 

-holz 42; -mästung 19, 182. 
Feldkräuter 14, 251; -maus 109. 
Fell 73, 79, 89, 103, 105, 106, 145, 262, 

278 (s. auch Balg und Haut, Vlies); 

geherztes 230. 
Fenchel 40, 144, 184, 207, 213, 217, 

220. 
Ferkel s. Schwein. 

Fetisch 140, 142. I 

Fett 61, 65, 73, 74, 93, 100, 104, 108, 1 



114, 115, 116, 135, 1.50, 151, 152, 192. 
223, 229, 236, 266 (s. auch Talg); 
-leber 46. 

Feuer 34, 176. 

Finger 234. 

Fisch 145, 189, 224, 260; -fleisch 146; 
-galle 224, 284; -genuß 146, 160, 261: 
-herz 260; -hirn 147, 148; -leber 190; 
-opfer s. Opfer; schuppenloser 146, 
147. 

Fledermaus 112. 180, 249; -äuge 249; 
-blut 112, 249; -herz 249; -hirn 112; 
-leber 180. 

Fleisch 45, 54. 61, 62, 65, 67, 68, 70, 
73, 75, 82, 87, 89, 92, 93, 97, 98, 100, 
101, 102, 103, 104, 106, 108, 109, 113, 
114, 115, 118. 120, 129, 131, 134, 135, 
136, 139, 140, 143, 146, 147, 151, 1.58, 
184, 189, 196, 231, 232. 2.36, 244, 248, 
263, 266 (s. auch einzelne Tiere); und 
Blut 16, 98; -genuß 20; -gewürz 14, 
36, 39, 41, 172; fleischichte Lebens - 
glieder 274. 

Fliege 13; -asche 13, 24, 26: -opfer s. 
Opfer. 

Flohkraut 38. 

Flußfrosch 260; -geist 106; -barsch 151. 

Fohlen 267; -brot 267; -gift 267; -miiz 
267. 

foie, le 182. 

Fordizidienkälber 34. 167. 



Forelle 



-galle 227. 



Fractio panis 7. 

Frauenblut 20, 41; -dreißiger 29, 80, 82 
110, 140. 141, 171, 174, 175, 242 
-leber 155; -milch s. Milch; -wurzel 55 

Freischütz 55. 

Freudenkörnlein 46. 

Frosch 139, 186, 222, 259, 269, 277 
-asche 26: -brühe 141; -essen 141 
-galle 222; -herz 239. 259: -hirn 141 
-köpf 141; -köpfen 141; -leber 140 
186; -lunge 277; milz 269. 

Fruchtbarkeit in Sympathie zur Vege- 
tation 23. 

Frühlingsblumen s. Blumen: -opfer s. 
Opfer; -vögel 135, 170: -zeit 85. 290. 

Fuchs 62, 158. 198, 288, 263, 271; -balg 
63; -fleisch 62, 158; -galle 194, 198; 
-gans 18, 115; -gansblut 18, 116; 
-ganskot 115; -geile 194; -herz 238; 
-hirn 62, 63; -köpf 63; -leber 159, 160, 
174; -lunge 271; -mark 63; -milz 263: 
-opfer s. Opfer; -zahn 61; -zunge 159. 

Fünffingerkraut 39. 

Füße s. einzelne Tiere. 

Fut (matrix) 61, 99, 240. 

Oalgant 220. 

Galgenvogel 252. 

Galle 156, 193, 281 (s. einzelne Tiere); 
des Menschen 194: -blase 46, 154, 193, 
219, 229; -färbe 195; der Haustiere 



298 



Register. 



284; -röhrlein 46, 159; der Säugetiere 
284; -seife 229. 

Gamander 17, 39. 

Gans 115, 181, 21Ö; -brüst 115; -brust- 
bein 116; -fett 115, 116, 135; fleisch 
104, 115, 144; -galle 216; -hirn 116, 
117; -kot 115; -leber 156, 182; -opfer 
s. Opfer; -zunge 115. 

Gazelle 32; -fett 100; -haut 262. 

Gebein s. Bein und Knochen. 

Gebildbrote 4. 84, 89, 93, 94, 100, 105, 
118, 139, 261 (s. auch Kuchen. Brot). 

Gebütt 46. 

Geburtshelferkröte 186. 

Gedärme s. Darm. 

Gehirn s. Hirn. 

Gehörbein 290 (s. Saugehör). 

Geier 120, 183, 217, 251, 270; -äuge 120; 
-ei 120; -fleisch 120; -galle 217; -herz 
251; -hirn 121; -leber 182, 183; lunge 
276; -nieren 279; schwarzer 217. 

Geile 193. 194, 199. 

Geister 22. 176, 247, 257. 258, 265, 266, 
276. 

Geiß s. Ziege. 

Gekröse 45, 46. 

Gemse 108, 170, 211, 275; -galle 211; 
-gereb 179; hirn 108; -leber 174, 179; 
-lunge 275; -opfer s. Opfer. 

Georgtag 141. 

Geräusch 45, 279. 

Gerebe 46, 159, 160, 165, 167. 179, 245, 
263. 

Germanischer Opferkult 23, 101, 176. 

Gerres (Fisch) 148. 

Gerste 34, 43. 88, 136; -brot 43, 122; 
-körner (s. Körneroi)fer); -mehl 4, 43, 
168; -opfer s. Opfer. 

Geschlechtsteile der Götter 16; der Tiere 
31, 54, 81, 91, 97, 100, 139, 175, 176, 
193, 194, 199 (s. einzelne Tiere, außer- 
dem: Fut, Geile, Hoden, Penis, Rute, 
Zemm); -opfer s. Opfer. 

Geschlechtliche Reinheit 28, 84, 87, 90. 
265. 

Geschlinge 46, 167, 269, 270, 272, 273. 

Geschmeiß 46. 

Gewürz s. Fleisch; -asche 24; -opfer s. 
Opfer. 

Gift 7, 18, 39, 43, 53, 77, 82, 87, 95, 
139, 143, 144, 185, 188, 189, 192, 201, 
210, 214, 217, 218, 223, 224, 235, 237, 
258, 260, 262, 267, 268, 269, 276; 
-rochen 192. 

Gips 16; -gott 16. 

Glückskraut 36. 

Gnädige Würz 36. 

Godesleber 155; -lunge 270. 

Goldammer 130; -blume s. Blume; -färch 
101; -specht 130; spechthirn 130. 

Götter 16, 123; -äuge 16; -haar 16; -band 
16; -herz 16; -knochcn 16; -köpf 16; 
aus Teig 6; -speise 54. 290; -vogel 129. 



Gottmenschblut 19. 
Gottvergessen 217. 
Granatapfel 28, 139, 212. 
Großmuttervogel 135. 
Grünspecht 130. 
Grumus merdae 194. 
Grundel, Gründling 190. 
Gundelrebe 65. 
Gurgel 35, 167. 

Haarasche 278. 

Haar der Geschlechtsteile 278 ; der Götter 

16; der Mannbarkeit 278: der Tiere 

95, 196, 237, 278 (s. auch Wolle, Bart, 

Fell); opfer s. Opfer; • scherer 278. 
Habergeiß 125, 253; -fuß 253; -herz 253. 
Habicht 120. 217, 251; -herz 252; -kraut 

121. 
Hafen 15 (s. auch Herd). 
Hahn s. Huhn. 
Halcyon 136. 
Halsadern 257. 
Hammel 88, 170, 207, 24«, 265; -fuße 

89, 91; -herz 246; -milz 265. 
Hammer Tors 89. 
Hamster 215. 
Hand 16, 109. 
Harz s. Opfer. 

Haruspizie 115, 153, 162, 170, 193, 276. 
Hase 58, 157, 195, 237, 271; -blut 58, 

61; -fleisch 61, 196; -fut 61; -galle 

193, 195; -geil 193; -haar 196, 278; 

-herz 237; -hirn 58; -jung 271; -klein 

197, 271; -köpf 58, 59; -kopfasche 59, 

61; -leber 157, 197, 290; -lunge 271; 

-nieren 279; -ohr 62; -pfefter 197, 271; 

-sauer 271; -zahne 59. 
Haselhuhn 219; -würz 41. 
Haubenlerche 133, 257; -asche 133. 
Haupt 49 ff., 284 (s. Kopf der einzelnen 

Tiere). 
Hausaltar 291. 

Hausgeister 78, 257. 258, 265, 266. 
Hauskröte 140. 
Haustaube 129. 
Haut s. einzelne Tiere, sowie Balg, Fell, 

Feder, Vlies. 
Hecht 148, 191, 225, 260; -galle 225; 

-herz 260; -köpf 148; -kreuz 148; 

-leber 191. 
Heidelerche 133. 
Heil aller Welt 19; -brot 4, 22, 29, 144, 

158, 287, 291; -band 109. 
Heiliger Geist 129. 
Heilige Kräuter 36, 160. 
Heilkräuter 14, 16, 41,65, 160; -künde, 

germanische 2; -opfer s. Opfer; -Orakel 

278. 
Hekate 5, 27, 61, 67, 78, 87, 104, 231, 

236; -mahlzeiten 170, 175. 
Helleborus 41, 122, 204, 209, 239. 
Henne s. Huhn. 
Herd als Opferstätte 15, 25, 85, 88, 90, 



Register. 



299 



101, 176, 245, 257, 291; geister s. 
Hausgeister; -ruß s. Ruß. 

Hermeneutik 16. 

Hermes 18, 25, 27, 28. 45, 68, \)?,, 117, 
112, 131, 137, 245, 257. 

Hermetischer Verschluß 25, 28, 101, 265. 

Herrgottsbärtlein 155. 

Herz 17. 45, 46, 280, 284 (s. einzelne 
Tiere); -abstechen 33, 105, 233; -ader 
230; -ausschneiden 234; -bein 241 ; -beutel 
232; -bild 231, 259; -blut 230, 243; 
-darm 241; -gebäck 261; -genuß 232, 
259, 288; der Götter 16. 17; -knochen 
241, 242; lebendes 251, 253; u. Nieren 
278; -opfer s. Opfer; steinernes 233. 

Hexe 169, 234; -kraut 18, 39; -rauch 
116; -salbe 249. 

Hinrichtung 20. 

Hippomanes 268. 

Hirn 49, 54, 284 (s. einzelne Tiere); -fett 
152; -genuß 50, 54; -gerebe 46, 49; 
•gewicht 147; -kuchen 5; -schädel s. 
Schädel; -schale 56, 130; -schalemoos 
56; -Weissagung 55. 

Hirsch 80, 81, 165, 201, 241, 273; alter 
82; -blut 82; -fleisch 82; -galle 194, 
201; -genitalien 81; -geile 194; -ge- 
weih 81, 82; -herz 241; -herzbein 241; 
-herzstein 242; -hirn 83, 84; -hörn 81, 
82, 83, 191, 225, 242, 268; -knochen 
82; -köpf 82; -kreuzbein 243; -kuchen 
81, 105; -leber 82, 165, 174; -lunge 

165, 273; -mark 81, 82; -schaf 85; 
-zemm 81; -zunge 83, 165. 

Hochzeitskuchen 40. 

Hoden 99, 117, 175, 176, 277, 278 (s. 

einzelne Tiere). 
Holbrot 137. 
Holokausten s. Opfer. 
Holz 15, 40; -taube 129; -teer 16; -weibl 

125. 
Honig 43, 44, 99, 105, 115, 123, 127, 139, 

166, 173, 176, 180, 183, 186, 194, 195, 
198, 201. 206, 207, 208, 209, 210, 213, 
214, 215, 216, 217, 218, 219, 220, 221, 
223, 228, 229, 233, 247, 249, 251, 252, 
255, 260, 264, 275, 278; -brot 16; 
•kuchen 6, 43, 144 (s. Lebkuchen). 

Hörn s. einzelne Tiere. 

Hühnschkraut 17: -knochen 158. 

Hüle (Vogel) 125. 

Hufkern 267. 

Huhn 117, 182, 216; -bein 118; -blut 
119; -brühe 118; -fleisch 118; -galle 
216; -hirn 118, 120; -hodenll7; -kämm 
117, 118; -köpf 118; •leber 162, 182; 
-Opfer s. Opfer; schwarzes 30, 35, 44, 
117, 118, 119, 182,183,210,217,251; 
weißes 32, 117, 216. 

Hummer 190; -leber 190. 

Humores 53. 

Hund 67, 162, 101, 237; -aff-e 18; -affe- 
blut 18: -bild 6B; -blut 200; -fett 70; 



-fleisch 68, 70, 263; -galle 199; -gestirn 
68; -herz 239; -igel 112; -köpf 70, 72 ; 
-kopfasche 70; -kopfafle 236, 18; -kot 
194; -leber 162; -milz 263; opfer s. 
Opfer; roter 32, 69; schwarzer 31, 67, 
68, 200, 240; -tag 68, 194; toter 69; 
weißer 194; -zahn 163; -zunge 239, 
240. 

Hyäne (Fisch) 228; -galle 228. 

Hyäne 102, 176, 212, 266, 275; -galle 
212; -herz 247; -hirn 103; -knochen 
102; -köpf 103; -leber 175, 176; -lunge 
275; -milz 266; -nieren 279; -rächen 
102. 

Hysop 39, 132, 165, 168, 204, 272. 

Ibisblut 118. 

Ichthyophagie 146, 261. 

Igel 102, 112, 180, 215, 268 (s. auch 

Egel); -asche 268; -fleisch 113: -galle 

215; -hirn 113; -milz 268; -opfer 

s. Opfer. 
Indisches Mittel 111. 
Innader45, 176, 230, 262; -geräusch 45, 

275. 

Jagdtiere 12, 286. 

Jodschwefelseife 215. 

Johannistag 143. 

Judenknochen 102. 

Jul 290; -eher 101; -galt 101; -gris 101; 

-kuse 84. 
Jungfrauen, drei 26. 
Jungfer im Bade 102. 

Kaiserschnitt 35, 57, 234. 

Kalb 84, 165, 201, 244, 264, 273; -blut 
60; -briesl (-brösl) 279; -fuße 84; -galle 
201; -geräusch 279; -herz 245, 290; 
-hirn 85; -köpf 84, 85, 290; -kot 200: 
-lunge 273; -mark 84; -milz 264; rotes 
166; schwarzes 84, 86, 166, 167, 
245, 273; -vögel 170; weißes 32, 84; 
-zahne 98. 

Kamel 103, 177. 213, 248; -galle 213; 
-herz 248; -hirn 104; -knochen 104, 
107; -leber 177; schädel 104, 107. 

Kamin s. Herd. 

Kamm s. Huhn. 

Kannibalismus 285. 

Kapaun 217; -galle 217. 

Karausche 228; -galle 228. 

Karpfen 149, 225; -galle 225. 

Kassia 38. 

Kater, Katze 18, 74, 78, 103, 164, 201, 
240; -blut 18, 33, 75; -fett 74; -fleisch 75. 

Katharsis 12, 14, 26, 32, 34, 37, 41, 42, 
103, 173, 175, 225, 229, 261, 278, 290. 

Katzengalle 201; -gift 77; -herz 240; 
-hirn 75; kot 74; -leber 64; schwarze 
24, 31, 75, 241. 

Kaulquappe 190. 

Kauz 125, 219. 



300 



Register. 



Kehle 35, 66, 273 (s. einzelne Tiere). 

Kehrbein s. Gehörbein. 

Keuschheit s. geschlechtliche Reinheit. 

Keuschlammstrauch 18, 2(S. 

Kimolische Krde 202. 207. 

Kind s. auch Knabe; tles Adlers 42; der 

Sonne 42. 
Kindeseingeweide 288; -finger 234: -herz 

233, 234, 241; -hirn 56; -leber 154, 

155; -Opfer s. Opfer. 
Kitz 91; -nieren 279. 
Klagemuhme 125. 
Klaue 83, 94 (s. einzelne Tiere). 
Klosterpfeffer 18. 
Klotzel 190. 
Knabenherz 232, 256: -leber 154: -opfer 

s. Opfer. 
Knoblauch s. Lauch. 
Knochen s. einzelne Tiere ; -asche 25, 

125, 145, 246; der Götter 16; -mark 

49, 53, 156. 
König 102; -übel 109. 
Köpfung 50, 110, 118, 141. 
Kopf (Haupt, Schädel) 49 ff.; -lose Ge- 
spenster 50; -mark 53. 
Koriander 79. 
Kornwolf 66. 
Kosten 34, 114. 
Kostwurz 38. 
Kot 45, 73, 74, 86, 93, 106, 115, 135, 

142, 194, 201, 241, 257, 261 ; -augurium 

290; der Götter 194; -opfer s. Opfer. 
Krabe 123, 124; -asche 125; -hirn 125; 

-knochen 125. 
Kralle s. Klaue und einzelne Tiere. 
Krampf bein 290; distel 19; -fisch 192. 
Kranewitt 15, 17, 35, 36, 169, 174, 276; 

-asche 36. 
Kranich 135, 185, 221; -fleisch 135; 

-galle 221; -hirn 135; -leber 185: 

-luftröhre 135. 
Krankheiten, Zusammenstellung 279. 
Kranzblumen 12, 36, 39, 41, 106, 159; 

-nelken 20, 41; -kräuter 14, 17, 40. 

106. 
Krapperl 113. 
Krebsfleisch 54. 
Kreuz 243; -bein 148; -otter 188; -otter- 

leber 189. 
Kröte 116, 139, 141, 186, 222, 259; 

Alp- 140 ; -fleisch 140, gedoppelte Leber 

140; -knochen 140; -kraut 140; -laich 

140; -leber 140; -stein 140 (s. auch 

Frosch). 
Krokodil 141, 142, 260; -blut 18; -herz 

260; -kot 142. 
Kronfleisch 145, 231. 
Kuchen 5, 6, 8, 17, 29, 43, 81, 88, 93, 

202, 205. 
Kuckucksküster 133. 
Kümmel 206. 
Kürbis 205, 216. 
Kugel 55. 



Kuh 8«, 1G5. 202; -galle 202; -herz 245; 

-hörner 84; -leber 165; -milch 31, 182, 

241; rote 24, 25, 32; schwarze 31, 86, 

241 ; weiße 32. 
Kultascbe 24; -ort 13, 48 ; -opfer s. Opfer; 

-zeit 6. 13, 27, 28, 29, 35, 36, 85, 97, 

290. 
Kunst, schwarze 16, 286. 
Kuse s. Julkuse. 
Kynanthropie 3, 164. 

Lachnergras 41 ; -knoblauch 17 ; -kraut 41. 

Lätarekalbskopf 86. 

Lamm S8, 170, 207, 246 (s. auch Schaf, 

Widder) ; -galle 208; -haare 278; -köpf 

89; -opfer s. Opfer; schwarzes 235; 

-zunge 88. 
Lattich 17. 

Lauch 17, 203, 204. 210, 215, 217. 
Lavendel 56, 256. 
Lebenssitz s. Seelensitz. 
Lebkuchen s. Honigkuchen. 
Leber 45, 46, 153, 284 (s. einzelne Tiere) ; 

-asche 155; -egel 170; -genuß 287; 

-knödel 263; -köpf 154; -kraut 155, 

165; -kuchen 5; -netz 163; -opfer 

s. Opfer; -saft 274; -trän 156, 190, 

224; -verbiennung 155, 156, 290; 

weiße 156; -wurst 169. 
Leichentaube 129; -vogel 124. 
Lendenmilz 263. 
Lerche 132, 257; -asche 26, 133; -herz 

257; -hirn 133; -opfer s. Opfer. 
Levkoje (Leukojum) 38. 
Liebeszauber 6, 268. 
Lilie 17, 38, 41, 126, 184, 236, 244, 256. 
Lindenblüte 184, 256, 268. 
Literatur 291. 
Löwe 104, 177, 213, 248, 276; -blut 104; 

-fett 104, 135; -fleisch 104; -galle 213; 

-herz 231, 232, 248; -hirn 104; -leber 

177; -lunge 276; -samen 104. 
Lorbeer 14, 39, 123, 144, 185, 205, 210, 

216; -holz 40. 
Lotosblume 38. 
Luchs 103, 248; -fleisch 103; -haut 103; 

-herz 248; -hirn 103; -knochen 103; 

-krallen 103; -sporn 103. 
Lüsterweibchen 276. 
Luftröhre 35, 135, 272 (s. auch Kehle). 
Lungen 46, 269, 284 (s. einzelne Tiere); 

-asche 270; -blut 20; -brühe 274; 

-kraut 16, 166; -saft 274; -opfer s.Opfer. 
Luz 102. 

Lykanthropie 3, 66, 161. 
Lysimachia 39. 

Mäna 146, 147. 

März 29, 116, 159; -blumen 56; -hase 

58; -kalb 85, 167, 245. 
Magen 45, 46, 79. 

Mai 180, 181, 250; -blumen 38, 40, 56. 
Majoran 14, 38, 39, 41, 105, 168. 



Resristcr. 



301 



Malve 265. 

Mangold 239. 

Mankei 108; -fleisch 108; -hirn 109; 

-schmalz 108. 
Männliche Tiere 33, 47, 114, 172, 184, 

200, 201, 202, 211, 249, 256. 
Marderblut 267. 

Mark s. einzelne Tiere und Organe. 
Markgrafenpulver 258. 
Markolf 120, 133, 258; pulver 258. 
Martinsvogel 124, 136. 
|xaay^a)ao^6c 11, 305. 
Maulesel 106, 207; -herz 249; -kot 106; 

-milz 267. 
Maultier 106. 
Maulwurf 113, 180, 250; -asche 113; 

-blut 113; -herz 250; -hirn 113; -krap- 

perlll3; -leber 180; -pfote 113, 181; 

-zehe 113. 
Maus 10», 179, 215, 250; -asche 110, 

111; blinde 109; -galle 215; -herz 250; 

-hirn 111 ; -köpf 110; -leber 179; -opfer 

s. Opfer; welsche 109. 
Meeraal 150; -fett 151. 
Meerdrache 151, 192; -hirn 151; -leber 

192. 
Meerengel 152. 
Meerfloh 228; -galle 228. 
Meermöwe 136. 
Meerscheißer 147. 
Meerschwein 149. 
Meerskorpion 228; -galle 228. 
Meertaucher 137. 
Meerweibchen 276. 
Meerzwiebel 42, 264. 
Mehl s. Gerste. 
Melusine 276. 
Menschenbild 11 ; -blut 19, 20, 33, 239, 

252, 264; -galle 194; -herz 233, 235, 

284; -hirn 56; -leber 154, 155; -lunge 

270, 277; -opfer s. Opfer; -samen 

104. 
Milch 44, 143, 186, 204, 208, 215, 216, 

217, 254 (s. einzelne Tiere); und Honig 

60, 182; einer keuschen Frau 28, 208; 

einer schwarzen Kuh 31 ; -hexe 169. 
Milz 262, 284; farn 19,83, 267; -kraut 

19, 83; -kuchen 5, 263; -Verwendung 

269; -wurst 247. 
Mönchspfeffer 18; -robbe 276; -robben- 

lunge 276. 
Möwe 136, 185; -hirn 137. 
Mohn 43; -brötchen 6. 
Mola salsa 135. 168. 
Mond, Einfluß 19, 28, 54, 97, 109, 144, 

147, 164, 180, 190, 233, 238, 267; 

-Zeiten 28, 97. 
Mottenkraut 205. 
Mumie 155, 164, 286. 
Muräne 150. 
Murmeltier s. Mankei. 
Myrrhe 38, 204, 208, 214, 218, 271. 
Myrte 41, 131, 173. 



Nabelschnur 59 

Nachgeburt 86. 

Nachtrabe 125; -schwalbe 127. 

Nackenstich 246. 

Närrischkraut 18. 

Narzisse 38. 

Nase 53. 

Natter 142 (s. Schlange, Viper) : -köpf 

37, 145. 
Nest s. einzelne Tiere. 
Netz 46, 163. 266, 267. 
Neujahr 4, 28, 29, 31, 118, 127, 261. 
Niere 21, 52, 263, 277. 
Niesen 42. 

Nieswurz s. Helleborus. 
Nüchtern 6, 27, 117, 267, 272, 273. 
Nutzen 267. 

Ochse 86, 165, 202, 244, 264 ; -blut 86, 
244; -galle 202; -herz 244; -hirn 87; 
-köpf 88; -leber 165; -lunge 273; -milz 
265, 267; -schädel 88; schwarzer 86. 

Oel 35. 

Ofen s. Herd. 

Oktoberroß 34, 105, 106. 

Omophagie 12, 45, 84, 86, 92, 107, 111, 
128, 136, 144, 150, 151, 163, 164, 166, 
184, 186, 192, 235, 239, 241, 246, 250, 
261, 256, 2.57, 259, 261, 277, 289. 

Opfer 21; Altar- 15; Bären- 238; Bau- 

13, 52, 58, 70, 89, 99, 106, 122; Biber- 
114; Blumen- 88, 155; Blut- 6; Bock- 
91; Brand- 6, 15, 21, 22, 24, 34, 36. 
92, 93, 99, 106, 114, 115. 122, 123, 
124, 155, 169, 190, 193, 231, 257, 260, 
276. 278, 290; Brot- 43 (s. Kuchen- 
opfer); Delphinen- 149; Dünger- 194; 
Eingeweide- 175; Elfen- 249; Ernte- 
89, 94; Erstlings- 150, 169, 260; Erst- 
geburt- 33 ; Esel- 105, 145, 249 ; Fisch- 
62, 145, 189; Fliegen- 13; Fluß- 261; 
freiwilliges 12; Frühlings- 173, 247, 
290; Fuchs- 62; Gänse- 15, 19, 182; 
Gänseleber- 182; Gemsen- 108; Geni- 
talien- 39, 278; germanische 21, 23, 
84, 176; Gerste- 43; Gewürz- 35; 
Götter- 45, 52; Haar- 278; Harz- 17, 
35, 38; Hausgeister- 247, 257; Heil- 
12, 70. 117, 118, 212, 257, 291; Herz- 
45, 230, 231, 284; Hirsche- 47, 81, 82; 
Huhn- 117, 118, 144; Hunde- 12, 67, 
68, 69, 109, 164, 200; Igel- 113; Jüng- 
ling- 10, 11; Jungfrauen- 10, 11,285; 
Kinder- 10, 13, 89, 255, 284, 285; 
Körner- 43, 100, 176; Kot- 14, 15, 194; 
Kuchen- 17, 22, 29, 43, 81. 93, 202; 
Kuh- 86, 202; Lamm- 88; lebende 118, 
253; Leber- 45, 153, 155, 189; Lerchen- 
133; Lungen- 270; Mäuse- 109; Men- 
schen- 9, 10, 11. 17, 51, 284, 285; 
nächtliche 27, 118; Perlhuhn- 121; 
Pferde- 106; Rebhuhn- 129; Reinigungs- 

14, 43, 45, 67, 86, 88, 91, 93, 117, 121, 



302 



Register. 



128, 175; Rinder- 80, 87; Ruß- 24, 
176; Sciiafe- 88; Schildkröte- 137; 
Schwan- 136; Schweine- 22, 31, 36, 
98, 99, 109, 290; Seelen- 176; Sklaven- 
10, 285; Steinbock- 96; Stier- 14, 37, 
86, 87; Sühne- 67, 86, 265. 284; Taube- 
128, 257; Teig- 18; Tier- 11, 12, 13, 

20, 46, 47, 285; Toten- 6, 21, 29, 31, 
41, 47, 86, 87, 89, 108, 114, 118, 128, 
146, 156, 212, 291; Turteltaube- 129; 
unverzolltes 45; Urin- 14. 194; vege- 
tabilisches 43; Vogel- 13, 114; Voll- 

21, 27; Wachtel- 131; Widder- 43. 88: 
Wiesel- 62, 78; Wild- 47, 108; Wolfs- 
66; Wurst- 247; Ziegen- 92, 94, 208. 

Opferaltar 15, 157, 159 (s. Herd); -ana- 
tomie 16, 193; -asche 25, 34; -blumen 
19, 3() (s.Verbena) ; -brand 246 ; -braten- 
gewürz 14, 169; -brot s. Brot und 
Kuchen; -dunst 34, 173, 174; -gewürz 
35; -guß 53; -harz 35, 290; -holz 15 
35; -kerze 15; -kränz 17; -kraut 16 
35, 175; -kuchen 5, 6. 17, 22, 44, 110 
143, 155, 165; -kuh 74; -kult, germa 
nischer 23; -leber 189; -messer 180 
-preis 264; -räucherung 35; schmuck 
14; -schnitze! 46; -stück 5; -sud 290 
-tiere i), 46, 291; -wesen, germanisches 
9, 23, 84; -zeit 9, 27. 

Orakeltier 106, 120, 128. 

Organsaft 286; -therapie, ägyptische 10; 
-therapie, moderne 1, 152; -votive 270. 

Origanum 39, 95, 185. 

Osterblume 56, 40; -luzianskraut 268; 
-woche 41, 171. 

Otter 188; köpf 145; -leber 188. 

Palilienfeuer 84; -kalb 85. 

Pankreas 279. 

Panther 107. 

Papageifisch 193, 228; -galle 228. 

Parasiten 171, 174. 

Pelekan 135, 221; -galle 221. 

Penis 19. 

Perle 235. 

Perlhuhn 129; -blut 129; -opfer s. Opfer. 

Petermännchen 151, 192. 

Petersilie 177. 

Pfau 134, 22i; -fleisch 134; -galle 221; 

-hirn 135, 193; -kot 135. 
Pferd 106, 149, 178, 213, 267; -fleisch 

106; -galle 213; -Herz 249; -herz- 

knochen 249; -hirn 106; -knochen 107; 

-köpf 106, 290; -kot 241; -milz 267; 

-nieren 279; -orakel 106; -schädel s. 

Kopf; weißes 106; -zahne 98, 106, 

107. 
Pf ersieh 62. 

Pflanzen 17, 39; -asche 38. 
Pfote 181. 
Pharmakos 26, 66, 75, 88, 94, 119, 168, 

181, 192, 193, 196, 263, 264, 265, 

269, 275. 



Pharmakopoea sacra 16. 

Phönix 122. 

Pica 258. 

Pilgrim 251. 

Pirolf 130. 

Plantago s. Wegerich. 

Portulac 18. 

Pottwal 148. 

Propheten 16. 

Quendel 38, 41. 

Rabe 122, 123, 184, 218, 252; -galle 
218; -herz 252: -hirn 124; -köpf 124; 
-leber 184. 

Rachen 66, 102 (s. auch Kehle, Gurgel 
und einzelne Tiere). 

Rainfarn 15. 

Ratte 109, 215. 

Rauch, Räucherung 24, 34, 35, 36, 38; 
-fang s. Herd; -kräuter 39; -werk 
16, 38. 

Raute 140, 175, 184, 204. 

Reb s. Gerebe. 

Rebhuhn 129, 185, 219; -blut 256; 
■galle 219 ; -hirn 129 ; -leber 185 ; -opfer 
s. Opfer. 

Regenpfeifer 131. 

Regenwurm 167. 

Regimen sanitatis 28. 

Reh 107, 178, 214, 249, 268; -blut 108; 
-fleisch 108; -galle 194, 214; geile 
194; -hirn 59, 108; -herz 249; -leber 
178; -kitzchen 97; -knochen 108; 
-milz 268. 

Reiher 135; -schmalz 135. 

Reinigung s. Katharsis ; -kräuter 41 ; 
-mittel 14; -opfer s. Opfer. 

Reisigasche 24. 

Rind 86, 165, 202, 264; -asche 86; 
•fleisch 87; -hirn 54; -hörn 87; -köpf 
54, 85; -leber 165; -milz 264; -opfer 
s. Opfer; rotes 32; weißes 87. 

Ring 95, 108. 

Ringeltaube 185. 

Robbe 276; -flösse 276. 

Rochen 192. 

Rockenmuhme 66. 

Rollersches Geheimmittel 258. 

Rose 38, 42, 105, 225. 

Roß s. Pferd; -wut 267, 268. 

Rot 24, 25, 32, 69, 100, 166, 173. 

Rückenmark 144. 

Ruhelose Seelen s. aujpoi. 

Ruhrkraut 41, 195. 

Ruß 24, 36, 37, 176. 

Rute s. einzelne Tiere. 

Samen der Gottheit 16; des Menschen 

104; der Tiere 104, 122, 148, 237. 
Safran 24, 47, 64, 65. 
Salbei 15, 166, 167, 168. 
Salomonssiegel 95. 



Register. 



303 



Salz 41, 119, 104, 190, 210, 271; -see- 
krähe 137. 

Samische Erde 238. 

Sanikel 189, 262. 

Sardelle 14G. 

Satureja 15, 41. 

Sau s. Schwein; -gehör 290; igel 112; 
-Jungfer 102. 

Säuludi 102. 

Säugende Tiere 83, 84. 

Schädel s. Kopf und einzelne Tiere; 
-mark 49, 53. 

Schaf 16, 88, 170, 207, 246, 2G5, 273; 
-brühe 89; -fleisch 89; -fuße 89 ; -galle 
207; -haut 89; -herz 230; -hirn 89, 91; 
hirschenes 81; -köpf 19, 89; -leberl70, 
230; -lunge 273; :-milz 265; -schädel- 
knochen 91; schwarzes 30, 31, 89, 260; 
-wolle 31, 43, 88, 89, 194, 260, 278. 

Schaltknöchelchen 290. 

Schellfisch 227; -galle 227; -leber 190. 

Schelmrose 42. 

Schermaus 113. 

Schildkröte 137, 141, 146, 186, .221: 
-blut 189, 222; -fleisch 139; -galle 221, 
223; -herz 139; -hirn 139; -köpf 139; 
-leber 186; -opfer s. Opfer; -rute 139; 
-schale 188; -suppe 139; -votive 137. 

Schlagkraut 17. 

Schlachtung 20, 99. 

Schlafwurz 17. 

Schlange 15, 142, 188, 223, 261, 260 
(s. auch Drache, Natter, Otter, Viper) ; 
-asche 144, 145; -äuge 145; -blut 17. 
18, 145; -fleisch 143, 159; -galle 223; 
-gedärme 189; -geister 22; -gott 22, 
123, 144, 189, 269; -haut 143, 145: 
-herz 189, 262; -köpf 144, 145; -kopf- 
asche 145; -kot 261, 269; -leber 188; 
-milz 269; -zahne 145; -zunge 145. 

Schleie 227; -galle 227. 

Schlüsselblume s. Blume. 

Schmalz s. Fett. 

Schmetterling 112. 

Schneckenherz 235. 

Schnitzel 46. 

Schöps 88; -hirn 89; -leber 172. 

Schollenfisch 269. 

Schwärkraut 272. 

Schwalbe 127, 184, 219, 254; -asche 26, 
127; -blat 127, 129, 219, 255; -feder 
237; -galle 219; -herz 254; -hirn 127; 
-leber 184; -nest 127; -zunge 127. 

Schwan 136; -opfer s. Opfer. 

Schwanz s. einzelne Tiere. 

Schwarz 30, 31, 32, 35, 44, 75, 84, 86, 
89, 117, 118, 119, 128, 166, 167, 169, 
182, 183, 217, 235, 240, 241, 245, 247, 
248, 254, 260, 273. 

Schwarze Kunst 16, 286. 

Schwarzschwanz 151. 

Schwefel 38; -arsenl74; -quecksilber 31. 

Schwein 97, 174, 211, 247, 266, 275; 



-blut 57, 89, 99, 247; -eingeweide 287; 
•euter 100; -fett 100, 206; -fleisch 97, 

98, 100, 101, 109, 290; -fuße 99; -fut 
99; -galle 199, 211; -herz 247; -hirn 
54, 100; -hoden 99. 175, 176; -knochen 

99, 100; -köpf 99, 101, 290; -leber 174, 
175; -lunge 275; -milch (Ferkel) 17; 
-milz 266; -nieren 175; opfer s. Opfer; 
-schwänz 100; schwarzes 31, 247 ; -zahne 
98, 99. 

Scilla s. Meerzwiebel. 

Seebarbe 146, 151. 

Seeigelleber 190. 

Seele 35; -brot 6, 7, 140; -fleisch 45; 

-geister 291; -sitz 52, 156, 170, 230, 

235, 239. 262, 277, 278, 287; -vogel 

124; -stück 231. 
Seemönch 276; -pferdchen 228; -pferd- 

chengalle 228 ; skorpion 227 ; -skorpion- 

galle 227. 
Seidelbast 223. 
Seife 207, 229. 
September 97. 
Serpyllum s. Quendel. 
Sieben 7, 134, 188, 196, 213, 264. 
Sieden 176. 
Siegwurm 223. 
Silvester s. Neujahr. 
Sirenen 114. 
Sklavenopfer s. Op^er. 
Sonnenkind 42; -wendblume 40: -wend- 

zeit 4, 28, 35, 36, 125, 145, 150. 
Spatz s. Sperling. 
Specht 120; -stein 120. 
Speck 116. 

Speiseverbot 47 (s. auch Tabu). 
Sperber 120, 251. 
Sperling 132, 255; -hirn 132, 286. 
Spica nardi 38, 116. 
Spießer 273. 
Spitzmaus 80, 100, 109. 
Sporn s. einzelne Tiere. 
Stachelrochen 192; -schwein 102, 112: 

-schweinsblut 19, 102; -schweinsfleisch 

102; -schweinshirn 102. 
Star 253; -herz 253. 
Steckenkraut 204. 
Stein 120, 140, 152. 
Steinbock und Steingeiß 96, 97, 107, 108; 

-blut 97; -hörn 97; -leber 174; -rute 

97. 
Steinherz 283; -messer 33. 
Sternseher (Fisch) 225; -galle 225. 
Stier S.Ochs; -blut 87, 244; fleisch 244; 

-galle 202; -opfer s. Opfer. 
Stirnbein 107; -haar 33, 278. 
Storch 135, 185, 221, 258; -fleisch 136; 

-galle 221; -herz 258; -leber 185. 
Storax 88. 
Sud 176. 

Sühneopfer s. Opfer. 
Sündenbock s. Pharmakos. 
Sülze 165, 193. 



304 



Register. 



Tabu 3, 28, 83, 109, 127, 147, 214, 256. 
Talismann 89, 99, 110, 127, 130, 183, 

252, 259. 
Tanoana 49, 52, 56. 
Tanz 12, 30. 
Taube 128, 184, 219, 250, 268, 270; 

-blut 31, 129, 256, 257; -feder 257; 

-fleisch 129, 184; -galle 219; -herz 256; 

-hirn 129; -kot 257; -kraut 18; -leber 

184: -lunge 276; -milz 268; -opfer s. 

Opfer; schwarze 31, 128; weiße 128; 

wilde 128, 129. 
Taucher 137, 147, 180, 221, 259; -galle 

221; -herz 259; -leber 185. 
Tausendgüldenkraut 17, 184, 185, 187. 
Temperament 53. 
Teufel 112, 118, 169; -abbiß 56; -geburt 

141. 
Theophagie 8, 16, 22, 23, 30, 37. 47, 57, 

62. 64, 65, 68, 77, 78, 80, 81, 84, 86, 

87, 92, 94, 98, 99, 100, 107, 109, 110, 

111, 128, 137, 144, 146, 150, 151, 163, 

164, 188, 189, 223, 235, 236, 237, 239, 

241, 248, 250, 288, 289. 
Theriak 143, 175. 
Thunfisch 149, 191, 225; -asche 150; -galle 

225; -köpf 150; -leber 191. 
Thymian 15, 38, 39. 
Tierarten 281; -bilder 13; -blut 57; 

■gütter 143, 144; -haupt 290; -herz 

235; -hirn 54, 152; -leber 155, 156; 

-lunge 270, 277; -milz 156; -opfer s. 

Opfer; -Verwandlung 66; schwarze s. 

schwarz. 
Tigroanthropie 3, 77. 
Tintenfisch 150, 226; -galle 226. 
Totemismus 22, 64, 65, 66, 109, 188. 
Totengeister 56, 67, 263; -kräuter 290; 

■opfer s. Opfer; -knochen s. Knochen. 
Tran 156, 190, 224. 
Trinken aus Schädeln 50. 
Troll 251. 
Turteltaube 129, 184, 256; -blut 129; 

-hirn 129; -kraut 18, 41; -opfer s. 

Opfer. 

Uhu 125. 

Ungeborene Früchte 167. 
Ungeschnittene Tiere 245. 
Unholde Geister 134. 
Unsterbliche Blume 20. 
Unterleibshaare 278. 
Unverzollte Opfer 21, 45. 
Urinopfer s. Opfer. 
Uterus 45. 

Yegetabilische Nahrung 21. 
VegetatioQsgeist 94, 124. 
Veilchen 38, 218. 
Veitstag, St. Veit 35. 
Verbena 18, 19, 30, 41, 125, 207, 226. 
Verbrennung d. Körner 43 (s. u. Brand- 
opfer, Körneropfer). 



Verkümmerung der Opfer 13, 47, 255, 

259. 
Vernunftkraut 19. 
Verschnittene Tiere 33. 
Viper 142, 188: -köpf 145; -leber 188 
Vlies 271. 
Vögel 114, 170, 181, 210, 251, 268: 

-fleisch 114; -galle 216; -herz 235, 251 

-hirn 114, 135; -kehle 35; -leber 181; 

-lunge 276; -milz 268; -opfer s. Opfer. 
Vollopfer s. Opfer. 
Voressen, saures 275. 
Votivfiguren 99, 104, 137. 

Wacholder s. Kranewitt. 

Wachtel 131; -blut 131; -fleisch 131; 

-hirn 131; -königl31; -opfer s. Opfer. 
Wall 149. 
Wallachpflanze 17. 
Walrat 148. 
Wampenbad s. Balneum animale; -bries 

279. 
Wappentiere 149. 

Wasserschlange 188; -leber 188, 189. 
Wegerich 40, 173. 
Weihbrot 129; -rauch 34, 30, 38. 136, 

15^, 238. 
Weihe 120, 217. 
Wein 38; -rebe 88, 276; -rebenasche 24, 

174. 
Weiß 32, 84, 87, 106, 117, 128, 194, 216; 

-leber 156. 
Weite Gedärme 46. 
Wels 151; -fleisch 151; -köpf 151. 
Welsche Maus 109. 
Werwolf 66. 
Wermut 204. 
Wetterhahn 118. 
Wichtel 25; -stein 25. 
Widder 88, 170, 207, 240, 274; -blut 

89; -galle 208; -gott 88; -köpf 290; 

-lunge 274; aus Mehl 43; schwarze 31, 

88 
Wiedehopf 133, 258; -äuge 133, 134; 

-blut 258; -herz 258; -köpf 133; -zunge 

133. 
Wiesel 78, 104, 175, 201, 241; -asche 

26, 79; -blut 19, 79, 2ü7; -feil 79; 

-galle 201; -gift 210; -herz 241; -leber 

164; -magen79; -Opfers. Opfer; -samen 

80. 
Wildfräuleinkraut 116. 
Wildgeister 274. 
Wildmannli 263. 
Wildopfer s. Opfer. 
Wildschwein 101; -fleisch 101; -hirn 101; 

-leber 175. 
Wildtaube s. Taube. 
Wilde Weiber 290. 
Wildziege s. Ziege u. Gemse 98, 108, 

179. 211. 
Windgeist 73, 106. 
Windhahn 118. 



Recfister. 



::;05 



Winterkönig 134. 

Wolf CO, KiO, 11)1), 2:M), 26«, 272; -asolic 

67; -äuge 06; -fleisch 67, 120, 266; 

-glinger C6; -galle 19U; -herz 239; 

-hirn 67; -kehle 273; -köpf 67; -kopf- 

asche 67; -leber 160, 174, 2()0, 275; 

-luftröhre 272; -lunge272; -niilz 266; 

-opfer s. Opfer; -rächen 66; -zahn 66. 
Wolle 43, 72, 89, 194, 208, 260. 
Wonne 268. 
Wundenauerhahn 124. 
Wurmfarn 18, 205. 
Wurmkraut 145, 205. 
Wurst 247; -kraut 14, 19, 35, 39, 41, 

169; -opfer s. Opfer. 
Würz, Wurzel 17, 36, 38, 41, 65 (s. Ge 

würz). 



Ysop s. Hysop. 



Zahn 61, 66, 98, 
einzelne Tiere). 
Zauber 6; -pflanzen 17, 217. 
Zauberring 95, 108, 141, 265. 
Zauberstab 56. 
Zaunkönig 134; -hirn 134, 286. 



107, 145, 163 (s. 



Zeder 15, 17, 35, 38, 121, 132, 191,221. 

Zehe 113 (s. einzelne Tiere). 

Zeiten s. Kultzeiten. 

Zeuspenis 19. 

Ziege 1)1, 107, 172, 208, 24«, 2«5, 275; 
-blut 94; -fleisch 93; galle 208— 210; 
-herz 240; -hirn 95; -hörn 94; -köpf 
95; -kot 73, 93; -leber 154, 172; -lunge 
275; -milch 166, 206, 245; milz 265; 
-opfer s. Opfer. 

Ziegenmelker 127. 

Ziegelstein 15, 155, 157. 

Zimt 38, 223. 

Zinstier 13. 

Zitterling 192. 

Zitterrochen 192. 

Zoll 21, 45. 

Zuchttiere 33. 

Zuckfleisch 232. 

Zunge 25, 45, 52, 83, 88, 106, 115, 133, 
145, 165, 239, 243. 

Zungenknochen 89. 

Zwerchfell 45, 230, 231. 

Zwiebel 42 (s. Meerzwiebel und Lauch). 

Zwölften 140, 258. 

Zypresse 15, 16. 



Nachträge. 

S. 11: juaoxahojuög (Fig. 6), vergl. darüber Rohde 2 l, 322. 

S. 41: Zeile 7 von oben lies „Iceknis gras". 

S. 115: Zeile 26 von oben lies römische Kriegs- und. 

S. 131: Die Wachtelgehirnverwendung gegen Epilepsie ist schon bei Plinius (h. n. X, 23) 
und Galenus (Par. fac. III, 155) angegeben. Da die Wachtel ein Holokaustopfer für Herkules- 
Melkarth war, so ist der Morbus Herculeus (Epilepsie) = die schwere, mit Wachtelopfer an den 
gewaltigen Herkules zu behandelnde Krankheit. Die Wachtel wurde dabei lebendig und ganz 
verbrannt, wie es bei Heroen- und chthonischen Opfern, namentlich beim Vogelopfer Regel 
war. Die Köpfung vor dem Verbrennen des Vogels scheint dabei die Verwertung des Wachtel- 
gehirns als kommuniale Heroen- bezw. Götterspeise durch den Priesterarzt erleichtert zu 
haben. Die Rolle der Wachtel als Seelentier wird vielleicht auch begründet dadurch, daß die 
Mutter des Apollo, Leto oder Latona, als 'OQTuyojuijTQa (= Wachtelmutter oder Wachtelkönig) 
angerufen wurde, und daß die Wachtel die Nieswurz als Nahrung bevorzugt. Näheres über 
Wachtelopfer s. Stark, Mythologische Parallelen in Berichte über d. Verhdlg. d. K. sächs. 
Ges. d. W. VII, S. 39. 



Höfler, Die volksmedizinische Organotherapie. 



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